_Im Himmel. Ein kostbar ausgestattetes Gemach in Rosa. Maria, vornehm
geschmückt auf ihrem Thron, umgeben von meist jüngeren Engeln in
lichter, farbiger Tracht, die an den Stufen des Thrones teils
sitzen, teils in malerischer Stellung liegen. Einer derselben hat
ein Buch in der Hand und liest aus Boccaccio in monotoner, breiter,
schulmädchenartiger Stimme vor._
ENGEL (_liest_). "... Agilulf, der König der Longobarden, befestigte,
gleich seinen Vorgängern in Pavia, der Hauptstadt der Lombardei,
seinen Thron durch Vermählung mit Teudolinga, der Witwe Auterichs, der
ebenfalls König der Longobarden gewesen war. Diese Gattin war sehr
schön, verständig und ehrbar, der aber dennoch ein Liebhaber einst
einen schlimmen Streich spielte. Als nämlich durch die Tapferkeit
und den Verstand des Königs Agilulf der lombardische Staat glücklich
und ruhig geworden war, geschah es, daß ein Reitknecht der genannten
Königin, ein Mensch, was die Abstammung anbetrifft, von höchst
ärmlichen Umständen, sonst aber über sein schmähliches Geschäft hoch
erhoben, und von Person schön und groß wie der König, sich über alle
Maßen in die Königin verliebte. Da jedoch sein niedriger Stand ihn
keineswegs verhinderte einzusehen, daß diese seine Liebe außer allen
Grenzen der Möglichkeit und Schicklichkeit liege, so offenbarte er
sich als ein verständiger Mann niemandem und wagte nicht einmal, sich
der Königin selbst nur durch einen Blick zu entdecken. Obgleich er nun
gänzlich hoffnungslos war, so tat er sich doch bei sich selbst etwas
darauf zugute, daß er seine Gedanken so hoch hatte steigen lassen und,
vom Liebesfeuer ganz entzündet, gab er sich Mühe, es allen seinen
Kameraden in allem, von dem er glaubte, daß es der Königin gefallen
könnte, zuvor zu tun. Dadurch geschah es, daß die Königin, wenn sie
ausritt, weit lieber das Pferd ritt, das dieser wartete als ein
anderes, und dies rechnete sich jener zur höchsten Gnade, ging alsdann
nicht vom Steigbügel weg, und schätzte sich glücklich, wenn er ihre
Kleider berühren dürfte.--Aber wie wir dies häufig sehen, daß die Liebe
um so stärker wird, je mehr sich die Hoffnung verringert...."