[_Die Vorigen; ein gefittichter, auch an den Füßen geflügelter Bote von
reiferem Charakter kommt in Begleitung zweier Engel in großer Erregung
herein._]
BOTE (_sinkt in den Staub und küßt den Boden; richtet sich dann kniend
auf_). Herr, ich komme aus Italien; aus Neapel; Gräßliches muß ich
Dir berichten; der Pfuhl der Sünde stinkt bis da herauf; alle Bande
der Sittlichkeit sind gelöst; man hohnlacht Deiner heiligen, am Berge
Sinai von Dir selbst gegebenen Gebote; die Stadt, vom Franzosenkönig
belagert, ergibt sich den entsetzlichsten Greueln; Weiber laufen mit
entblößtem Busen frech-lüstern durch die Straßen; die Männer funkeln
wie Böcke; ein Laster folgt dem andern; das Meer brandet bis in ihre
Gassen; die Sonne hat sich schon verdunkelt; aber sie achten weder
irdischer noch himmlischer Zeichen; die Unterschiede der Stände sind
aufgehoben; der König bricht ins Lupanar; und der Facchino dringt zu
den feilen königlichen Metzen in den Palast; Hunde und Spielhähne
haben ihre Brunstzeit, aber die Neapolitaner sind das ganze Jahr
Tiere; die ganze Stadt ein kochender Kessel der Leidenschaft; Italien
ist das liebes-wahnwitzigste unter den Völkern Europas; aber Neapel
ist in Italien, was Italien unter den Völkern; die Belagerung hat den
Rausch der Geschlechter bis zum Wahnsinn gesteigert; kein Alter wird
geschont, keiner Jugend sich erbarmt; Zeugungs-Glieder in unermeßlicher
Größe werden als Gottheiten in festlichem Aufzug durch die Straßen
geführt, von Reigen junger Mädchen begleitet, und wie allmächtige Idole
angebetet. Und in Deiner Kirche sah ich den Priester vor dem Altar mit
einer feilen Dirne....
GOTT VATER (_der den Gang der Erzählung mit wachsendem Erstaunen
zugehört, erhebt sich, seines Zornes nicht mehr mächtig, mit äußerster
Kraft-Anstrengung vom Thron, und reckt die geballte Faust_). Ich will
sie zerschmettern!--(_Alles stürzt zu Boden und verbirgt das Antlitz_).
CHERUBIM (_mit flehender Geberde_). Thu' das nicht, lieber heiliger
Vater;-- -- -- Du hast ja sonst keine Menschen mehr!--
GOTT VATER (_der den Cherubim lange mit offenem Munde angestarrt, sich
besinnend, zusammenknickend_). Ja, so,--richtig,--ich hab' vergessen;
(_vollends auf den Thron zurücksinkend_). das Erschaffen ist ja
vorbei;--ich bin zu alt;--und meine Kinder können es nicht.--
CHERUBIM (_naiv_). Beruhige Dich, göttlicher Greis!--Du wirst Dein
drohendes Gesicht aus den Wolken zeigen und den Neapolitanern eine
Zornes-Rede halten; sie werden dann schaudern.
GOTT VATER. Sie werden nicht schaudern!--Sie verlachen mich ja!--Sie
wissen, daß ich nur reden kann. Sie wissen, daß sie da unten unter
sich sind; freien, lieben und hassen können, und mich nicht mehr
brauchen.--(_Auffahrend_). Aber Du (_zum Boten_) rufe mir meine Tochter, die
allerseligste Jungfrau,--und auch meinen Sohn magst Du rufen,--und
die Cherubim und Würgengel mögen sich für meinen göttlichen Befehl
bereit halten;--und auch dem Teufel laß ich vermelden, er möge sich zu
mir bemühen: wir wollen ein Konzil halten, und beraten, was in dieser
gräßlichen Sache zu tun ist.
BOTE _und alle_ ÜBRIGEN ENGEL _bis auf den_ CHERUBIM _unter großem
Geräusch ab._--Der CHERUBIM _bemüht sich um den erschöpften Alten,
bettet ihn aufs neue auf den Thron, rückt Fußschemel und Wärmeflasche
zurecht, knüpft ihm das Foulard, wischt ihm Gesicht und Bart ab, und
schmiegt sich zuletzt zu seinen Füßen, während der Alte dessen Hand
ergreift und in der seinen ruhen läßt._--STUMME SZENE.