Im ersten Jahre bekam sie einen Knaben und noch einen im nächsten. So
oft sie allein war, teilte sie ihre Zeit zwischen ihnen und den
Unterrichtsstunden. Der Mann steuerte so gut wie nichts zum Haushalt
bei, mit Ausnahme der kurzen Zeiten, wenn er zu Hause war. Dann wurde
das Geld mit Kameraden in flottem Leben verschwendet. »Die Jungen«
wurden so lange zur Tante geschickt; »man konnte ja nicht vier Schritte
in dem Lumpenhause machen, ohne durch die Wand zu gehen.« Solange sagte
sie auch ihre Stunden ab; sie konnte nicht mehr leisten, als daß sie ihm
aufwartete.
Daß sie nicht glücklich sein könne, begriffen alle; aber daß sie ein
Leben in Angst lebte, davon hatte niemand eine Ahnung. In Angst vor dem
Telegramm, das sein Kommen meldete, wenn auch nur für einige Tage, in
Angst vor dem, was dann geschehen würde. Wenn er kam, wagte sie nicht
den leisesten Widerspruch und zeigte ihm und allen die unbefangenen
Augen, dieselbe rasche, ein wenig gedämpfte Art, die machte, daß sie
ging und kam, ohne daß man sie bemerkte. Wenn er dann abgereist war,
wurde sie mit einem Male so übermüde nach der Spannung der Tage und
Nächte, daß sie zu Bette mußte.
Jedesmal, wenn er zu Hause war, wurde er weniger achtsam auf sich
selbst, unverschämter gegen andere; wenn sie aber begriffen hätte, wie
Männer mit seiner Verausgabung von Kraft in der Regel um die vierziger
Jahre herum fertig sind (und deren sind gar viele in den Küstenstädten),
dann hätte sie auch schon begriffen, daß gerade dies die Zeichen des
Niederganges waren; er war weit vorgeschritten. Ihr erschien er nur
immer widerlicher.
Er war wenig zu Hause, das half ihr. Sie hatte sich vorgenommen, daß sie
und die Knaben ausgezeichnet miteinander leben würden; das half ihr
auch, meist aber ihre rastlose Arbeit und die Achtung aller. Nach
fünfjähriger Ehe schien sie ebenso niedlich, wie damals, schien auch
ebenso unbefangen und munter; sie war so daran gewöhnt, sich zu
verstellen.
Nun waren ihre Jungen der eine vier, der andere drei Jahre alt, und
selten fand man sie anderswo, als auf dem Marktplatz -- in den
Schneehaufen im Winter, in den Sandhaufen im Sommer. Oder auf dem Lande
bei der Tante, ihrer »Großmutter«.
Nächst der Beschäftigung mit den Knaben war die mit den Blumen ihr die
liebste. Sie hatte deren eine Menge, die das Haus kleiner machten, als
es eigentlich war. Mit den Knaben konnte sie spielen, aber mit den
Blumen konnte sie denken. Wenn sie den Blumen Wasser gab, empfand sie am
stärksten, wie gequält sie selbst war. Wenn sie ihre Blätter abwischte,
sehnte sie sich nach guten Worten, freundlichen Augen. Wenn sie trockne
Zweige entfernte, überflüssige Schüsse, wenn sie ihnen andere Erde gab,
weinte es oft in ihr vor Sehnen, wallte das in ihr auf, was nichts
bekam.
Fünf Jahre waren also vergangen, -- als eines Tages das Gerücht durch
die Stadt ging, daß Axel Aarö ein reicher Mann geworden sei; sein alter
Freund war gestorben und hatte ihm eine große Leibrente hinterlassen!
Gleich darauf wurde auch erzählt, daß Axel Aarö zum zweitenmal die Kur
gegen die Trunksucht durchgemacht habe; die erste sei nicht von Erfolg
gewesen; jetzt aber sei er geheilt. Man konnte sehen, wie beliebt Axel
Aarö war; denn es gab kaum einen, den es nicht freute.
Am Mittwoch den 16. März 1892, um vier Uhr nachmittags, saß sie mit
einer Arbeit zwischen ihren Blumen, als sie nach dem Hotel hinüber sehen
mußte. Im Eckfenster der zweiten Etage stand der, an den sie dachte; er
sah auf sie nieder.
Sie stand auf, und er grüßte zweimal. Sie stand noch da, als er über die
Straße kam, in dunkler Pelzmütze, schwarzer Seidenweste, auf die der
lange, blonde Bart herab fiel, das Gesicht ziemlich bleich, aber die
Augen klarer im Ausdruck. Er klopfte an; sie konnte kein Wort
hervorbringen, sich nicht rühren. Als er aber die Tür öffnete und im
Zimmer stand, sank sie auf einen Stuhl nieder und weinte.
Er kam langsam auf sie zu, nahm einen Stuhl und setzte sich ihr
gegenüber. »Sie dürfen nicht erschrecken, weil ich so geradezu komme. Es
freut mich zu sehr, Sie wiederzusehen.« Nein, wie das in diesem Hause
klang, diese wenigen gedämpften Worte, so rücksichtsvoll, vertraulich.
Der Tonfall war fremd geworden, aber die Stimme, die Stimme! Und daß er
ihre Schwäche nicht mißdeutete, sondern ihr darüber forthalf! Nach und
nach wurde sie wieder dieselbe, wie in alter Zeit, zuversichtlich,
fröhlich, verschämt. »Es war so seltsam unerwartet,« sagte sie.
Er fügte ehrerbietig hinzu: »Das, was inzwischen passiert ist, stürmt ja
auf einen ein.«
Viel mehr wurde nicht gesprochen; er hatte gerade bereit gestanden,
auszugehen, und nun kam der Schwager. Er betrachtete ihre Jungen draußen
im Schneehaufen, er sah ihre Blumen, ihr Klavier, ihre Noten an; dann
bat er, wiederkommen zu dürfen. Das Ganze dauerte fünf Minuten.
Aber etwas blieb in ihrer Vorstellung zurück -- etwas wie der zierliche
blonde Bart, der auf die Seidenweste herab fiel. Das Zimmer war
geheiligt, das Klavier, die Noten, der Stuhl, auf dem er gesessen hatte,
ja, der Teppich, über den er gegangen war; -- sogar in seinem Gang lag
Rücksicht für sie. Sie empfand alles, was er gesagt und getan hatte als
Mitgefühl für ihr Schicksal.
An diesem Tage konnte sie nichts mehr vornehmen; sie schlief kaum in der
Nacht. Aber was in ihr vorging, war auch nichts geringeres, als daß sie
etwas, das fünf Jahre -- eigentlich sechs -- zurücklag, in die Sonne
hinaustrug -- es hinaustrug, wie man Blumen aus dem Keller holt, wohin
sie zum Winterschlaf gestellt worden, und sie wieder hinauf zum Frühling
trägt. Dabei machte sie dieselbe Bewegung, gewiß mehr als zwanzigmal:
sie legte beide Hände auf die Brust, die eine Handfläche über die
andere, wie um die Brust niederzuhalten; es durfte nicht zu laut reden.
Tags darauf ging ihr Gespräch leichter. Die Knaben wurden herein
gerufen. Nachdem er sie eine Weile angesehen hatte, sagte er: »Da haben
Sie doch etwas Reelles!«
Binnen kurzem waren sie so gute Freunde, er und die Knaben, daß er sich
auf alle Viere legte, ihnen als Pferd diente und andere ganz neue
Kunststücke machte, die sie furchtbar amüsant fanden. Und dann lud er
sie zu einer Schlittenfahrt für den nächsten Tag ein! Nach scharfem
Tauwetter war gerade eine ungewöhnliche Menge Schnee gefallen; die Stadt
war weiß und die Schlittenbahn wieder vorzüglich. Bevor er ging, mußte
Ella bitten, ihn abbürsten zu dürfen; der Teppich sei nicht so sauber
gewesen, wie er sein müßte. Er nahm ihr die Bürste ab und tat es selbst;
aber leider hatte er auch auf dem Rücken gelegen, und so mußte er sie es
tun lassen. Sie bürstete dann sein feines Jackett ab, machte es so nett
und leicht, aber es wollte gar nicht gut werden. Auch vorn war es nicht,
wie es sein sollte, er mußte die Bürste noch einmal nehmen; sie stand
dabei und sah zu. Als er fertig war trug sie die Bürste in die Küche
hinaus. »Wie hübsch, daß Sie noch den Zopf haben,« sagte er hinter ihr.
Sie blieb ziemlich lange fort und kam von einer anderen Seite wieder
herein. Da war er fort; die Knaben sagten, jemand habe ihn geholt.
Am nächsten Vormittag Schlittenfahrt. Erst am Nachmittag kamen sie
zurück; sie waren in Baadshaug eingekehrt, ein Badeort mit Hotel und
vorzüglicher Restauration, wohin die Leute auch im Winter gern
wallfahrteten. Der jüngste Knabe seiner Schwester war mit, und während
alle drei das Pferd zu »Andresens an der Ecke« nach Hause brachten,
blieb Aarö im Gange stehen. Noch nie hatte Ella ihn so aufgeräumt
gesehen; die Augen hatten das Leuchtende wie damals beim Gesang, und
dann sprach er von dem Augenblick an, wo er kam, bis er wieder ging.
Sprach vom norwegischen Winter, den er nie zuvor gesehen; woher mochte
das kommen? Seit vielen Jahren hatte er ein Lied zum Preis des Winters
auf seinem Repertoire, das alte Winterlied, das auch sie kannte: »Der
Sommer schlief ein in des Winters Arm'« -- freilich sie kenne es, -- und
jetzt erst sollte er lernen, wie wahr das Lied war? Der Eindruck vom
Winter auf die Menschen mußte doch entscheidend sein. Der Winter war
beinahe ihr halbes Leben! Was für Gesundheit und Schönheit -- und
Phantasie er geben mußte! Er begann zu schildern, was er heute im Walde
gesehen habe; er brauchte nicht viele Worte, aber die Bilder waren klar.
Sprach, bis er bewegt wurde und sah sie währenddessen an wie ein
Verzückter.
Alles in einem einzigen Augenblick; er hatte ja seinen Reiseanzug an.
Aber als er gegangen war, schien es ihr, als hätte sie ihn nie zuvor zu
Gesicht bekommen. Ein Schwärmer also, -- ein Schwärmer bis in die
tiefste Tiefe, der sich für gewöhnlich nie verriet? Von dieser
Schwärmerei war das Lied der Bote? Deshalb nahm seine Stimme alle mit in
ein anderes Reich hinüber? Sein schwermütiger Vater -- wenn der trinken
wollte, schloß er sich mit seiner Violine ein, spielte und spielte, bis
er da lag. Hatte auch der Sohn diese Scheu vor den Menschen gehabt,
diese Verzückung in seiner eigenen Schwärmerei?
Gott sei Dank, Axel Aarö war gerettet! Gerade aus seiner Schwärmerei
heraus hatte er sie so angeblickt --! Jetzt erst drang es ein, sie war
zu sehr mit dem Neuen an ihm selbst beschäftigt gewesen. Jetzt erst
drang es ein, -- drang mit großer Wärme ein mit überwältigender Furcht
und Wonne, ein Freudenbote, der noch bebte vor Zweifel. Sollte die
Bestimmung ihres Lebens nahe sein --! Sie fühlte, daß sie rot wurde, sie
konnte nicht mehr ruhig bleiben, sie ging ans Fenster, um ihn dort
wieder zu suchen, dann umher, um zu suchen, was sie selbst glauben
solle. Jedes Wort von ihm zu ihr, jede Miene und Bewegung vom ersten Mal
an, da er hier gewesen, wurden gegenwärtig; aber sie schienen alle so
vorsichtig, fast spärlich. Gerade das war ihr Reiz. Seine Augen hatten
sie jetzt gedeutet, und diese Augen hüllten Ella ein, sie gab sich ihnen
ganz und gar hin.
Das Mädchen reichte einen Brief herein; es war eine Weihnachtskarte in
einem Kuvert ohne Aufschrift von Axel Aarö. Eine von den gebräuchlichen
Weihnachtskarten, die eine jugendliche Schar auf Schneeschuhen
darstellte; darunter stand gedruckt:
»Der weiße Winter
Hat rote Rosen.«
Auf der andern in zierlicher, runder Schrift: »Im Walde heute muß ich an
Sie denken. A. A.« Das war alles.
Aber so ist er. Er sagt nicht mehr. Wenn er an einem Fenster
vorbeikommt, in dem eine solche Karte liegt, so denkt er doch an mich.
Und er denkt nicht allein an mich, sondern er schickt mir einen
Gedanken. Oder irrte sie? Ella war bescheiden; dies ihr gegenüber konnte
doch nicht mißdeutet werden? Die Weihnachtskarte, .... war sie nicht ein
Vorbote? Die beiden jungen Paare darauf, und die Worte, .... er meinte
doch wohl etwas damit?
Sie sah seine entzückten Augen wieder; sie hüllten sie nicht allein ein,
sie liebkosten sie. Sie dachte nicht zurück, sie dachte nicht vorwärts,
sie atmete nur weit auf, lebte. Noch in der mondhellen Nacht lag sie auf
ihrem Bette -- nicht nur ganz wach, sondern durchstrahlt. Jetzt, jetzt,
jetzt, flüsterte es. Hätte sie am Traum ihres Lebens festgehalten, auch
als die Wirklichkeit so grausam schien, sie hätte bestanden; weil sie
unsicher darin geworden, war alles unsicher geworden. Aber je größer das
Leiden gewesen, je größer würde vielleicht die Seligkeit werden! Sie
schlief in etwas Kreideweißem ein, das sie mit hinein in ihre Träume
nahm; sie erwachte leichten, hellen Wolken entgegen, die sich
zerstreuten vor den zusammenströmenden Gedanken an das, was ihrer heute
harrte. In der Nacht war das Ganze fertig geworden; sie erwachte mit der
vollsten Sicherheit. Heute würde es geschehen. Er hatte nicht _ein_ Wort
gesagt; diese seine Schüchternheit liebte sie von allem am meisten an
ihm. Gerade das war das sichere Pfand. Heute geschah es.
V
Ihr Baden nahm viel Zeit in Anspruch, die Pflege ihres Haars fast sogar
noch mehr. Aus ihrer Kommode, dieselbe auf demselben Platz, die sie von
Kind auf benützt hatte, -- aus dem untersten Schubfach nahm sie das
allerfeinste Unterzeug hervor, das sie getragen hatte. Getragen nur ein
einziges Mal, nämlich an ihrem Hochzeitstage -- _vor_ der Entweihung.
Nachher nie wieder. Aber heute -- jetzt, jetzt, jetzt! Jedes Stück, daß
sie außerdem noch anzog, war etwas, das kein anderer berührt hatte. Sie
wollte sein wie die, die sie in ihren Träumen gewesen.
Sie ging zu den Knaben hinein, die wach, aber noch nicht angezogen
waren: »Wißt Ihr was, Kinder, heute soll Tea Euch zur Großmutter
bringen!« Große Zustimmung -- auch von Tea, denn das bedeutete einen
freien Tag. »Mama, Mama!« hörte sie hinter sich her rufen, als sie in
die Küche hinunter lief, um eine Tasse Kaffee zu trinken, und dann fort.
Zuerst wollte sie Blumen holen, dann wollte sie ihre Stunden absagen.
Denn jetzt, jetzt, jetzt --!
Auf der Straße fiel ihr ein, daß es zu früh sei, um jemand aufzusuchen.
Darum machte sie einen Spaziergang vor die Stadt, den frischesten,
fröhlichsten, den sie je gemacht. Sie kam gerade zurück, als Frau Holme
aufmachte. Als Ella eintrat, hielt die »Blumenfrau« ein kostbares
Bouquet in der Hand, das gerade fortgeschickt werden sollte. »Das will
ich haben!« rief Ella, sie schloß die Thür hinter sich. »Sie?«
entgegnete Frau Holme, etwas mißtrauisch; das Bouquet war sehr teuer.
»Ja, ich! Ich muß es durchaus haben!« Ella's kleine grüne Börse war
schon heraus. Das Bouquet war vom reichsten Hause der Stadt bestellt,
und Frau Holme sagte das. »Das macht nichts!« antwortete Ella. So viel
ehrliche Anbetung für ein Bouquet hatte die andere nie gesehen -- und
Ella bekam es.
Von da zu Andresens an der Ecke; einer von den Kommis nahm bei Ella
Unterricht in Handelsrechnung; sie wollte ihm absagen und ihn ersuchen,
dem ganzen großen Kreis Bescheid zu sagen. Sie bat ihn darum mit
zündenden Augen, und er versprach es mit Feuer. Das appetitlichste rote
Tuch hing gerade vor ihr. Das mußte sie heute um den Kopf binden, wenn
sie ausfuhr, denn daß sie heute ausfahren würde, daran war kein Zweifel!
Andresen selbst kam dazu, als sie gerade nach dem Preis des Tuches
fragte; er sah ein Paar Blumen aus der Papierhülle hervorkommen; »das
sind ja herrliche Rosen,« sagte er. Sofort brach sie eine ab und gab sie
ihm. Von der Rose sah er zu ihr hin; sie lachte und fragte, ob er ein
wenig von dem Tuche ablassen würde; sie habe nicht ganz soviel Geld bei
sich. »Wieviel haben Sie?« fragte er. »Genau eine halbe Krone zu wenig.«
Er selbst packte ihr das Tuch ein. -- Auf der Straße traf sie Cäcilie
Monrad; Ella gab einer ihrer Schwestern Klavierunterricht und sparte es
sich nun, bis ans andere Ende der Stadt zu traben. Heute glückt mir
alles. »Haben Sie von den beiden gelesen; die sich in Kopenhagen
zusammen umgebracht haben?« fragte Cäcilie. Ja, Ella hatte es gelesen;
Fräulein Monrad fand es grauenhaft. »Weshalb?« -- Der Mann war ja
verheiratet. -- »Allerdings,« erwiderte Ella, »aber nun liebten sie
sich!« Ihre Augen waren ein Glutmeer; Cäcilie schlug die ihren nieder
und wurde rot. Da nahm Ella ihre Hand und drückte sie. -- Da bin ich in
eine Liebesgeschichte hineingekommen, dachte sie und flog mehr als sie
ging durchs Villenviertel; der größte Teil ihrer Eleven wohnte dort
oben. Auf einem Dache sah sie zwei Staare, die ersten vom Jahr; das
Tauwetter vor einigen Tagen hatte sie wohl verlockt. Aber nicht, daß die
Staare etwa verzagt gewesen wären; keineswegs, sie liebten! »Mama,
Mama!« hörte sie im selben Augenblick. Das waren doch deutlich ihre
Jungen! Sie hatte wohl an sie gedacht, als sie die Staare sah. So sehr
hatte es sie in Anspruch genommen, daß sie zu weit an den Straßenrand
kam; dabei trat sie auf ein Brettende, das ins Schwanken kam; sie wäre
beinahe gefallen. Aber unter dem Brett war es Frühling! Von der
Tauwetterzeit übrig geblieben stand da -- ja freilich war es Löwenzahn!
So langweilig wie er weiter in den Sommer hinein wird -- als erster Mann
ist er willkommen! Sie beugte sich nieder und nahm die Blumen. Sie
steckte sie zwischen die Rosen; der Löwenzahn nahm sich dort dürftig
aus; aber der erste im Jahr, und heute gefunden!
Hiernach war sie ganz ausgelassen. Hüpfte die Anhöhen hinunter, als sie
fertig war; grüßte gleichmäßig Bekannte und Halbbekannte, und als sie
dann Cäcilie wiedersah, legte sie die Blumen aus der Hand, machte einen
Schneeball und warf ihr den in den Rücken.
Zu Hause angekommen, ließ sie die Knaben zusammen mit Tea in den
Schlitten packen. »Mama, Mama!« riefen sie und zeigten nach dem Hotel
hinauf; Axel Aarö stand dort und grüßte.
Gleich darauf kam er herüber. »Sie sind wohl ganz allein?« er trat zu
ihr. -- »Ja;« -- sie machte sich mit den Blumen zu schaffen und blickte
nicht auf, denn sie zitterte. »Ist heute Geburtstag im Hause?« -- »Sie
meinen wegen der Blumen --?« -- »Ja. Das sind ja herrliche Rosen! Und
die da im Glase? Löwenzahn!« -- -- »Die ersten im Jahr.« Er sah sie
nicht an. Er stand so unentschlossen da, als überlege er etwas. »Darf
ich Ihnen etwas vorsingen?« sagte er endlich. -- »Ja, bester --!« sie
ließ die Blumen, um das Klavier zu öffnen und den Stuhl herunter zu
schrauben -- und zog sich dann bescheiden zurück. Nach einem längeren,
gedämpften Vorspiel, begann er Ole Olsen's »Sonnenuntergang« ganz ruhig,
ja, so wie er gesprochen und gewesen war, seit er bei ihr eingetreten.
Nie hatte er schöner gesungen; seine Gesangskunst war so viel größer
geworden. Aber in der Stimme lag derselbe, nein, ein noch trostloserer
Schmerz als der, den sie das erste Mal vernommen. »Trauer, Trauer, --
ach, ich bin verloren!« -- sie hörte es wieder so deutlich. Als er den
ersten Vers zu Ende gesungen hatte, saß sie vorübergebeugt und weinte;
sie hatte nicht einmal versucht, sich Zwang aufzulegen. Er hörte es und
drehte sich um; gleich darauf fühlte sie daß er ihren Zopf berührte, ja,
ihr war, als küsse er ihn; jedenfalls hatte er sich ganz über sie
niedergebeugt, denn sie fühlte seinen Atemzug. Aber sie hob den Kopf
nicht, sie hatte nicht den Mut.
Er ging durchs Zimmer. Kam zurück, ging wieder. Da wurde es still in
ihr, sie saß unbeweglich und wartete.
»Darf ich Sie heute spazieren fahren?« vernahm sie. Den ganzen Tag wußte
sie schon, daß sie zusammen ausfahren würden, sie wunderte sich daher
nicht. Gleichwie _dies_ nun in Erfüllung gegangen war, würde das andere
kommen. Alles. Sie blickte durch Tränen auf und lächelte. Er lächelte
ebenfalls! »Ich gehe und bestelle das Pferd.« Und als sie nicht
antwortete, tat er's.
Wieder zu den Blumen. Sie hatte sie ihm also nicht geben dürfen. Die
paar Blüten Löwenzahn wollte sie fortwerfen.
Als sie sie aus dem Glase nahm, fielen ihr die Worte ein: »Da haben Sie
doch etwas Reelles.« Die Worte waren allerdings nicht vom Löwenzahn
gesagt: aber sie waren ihr oft wieder eingefallen; es war nicht
wunderlich, daß sie ihr jetzt einfielen. Sie ließ den Löwenzahn stehen.
Aarö blieb lange fort, länger als eine Stunde. Als er aber kam, war er
außerordentlich munter. Er saß hinten auf einem flotten Damenschlitten
in dem eleganten Pelz von gestern, dem kostbarsten, den sie je gesehen;
grüßte mit der Peitsche hinein und sprach und lachte mit den Kindern
sowohl wie mit den Erwachsenen, die sich um ihn sammelten, während sie
sich ankleidete. Das war bald geschehen; sie hatte nicht viel
anzuziehen, brauchte es auch nicht.
Er stand sofort auf, grüßte, packte sie ein, und fort ging es im Trabe.
Unterwegs beugte er sich zu ihr und flüsterte: »Wie gütig von Ihnen, daß
Sie mitkommen!« Seine Stimme war so warm, aber sein Atemhauch war anders
als vorhin. Sobald der prächtige Hengst im Laufe nachließ, beugte er
sich wieder vor: »Ich habe per Telephon ein Lunch in Baadshaug bestellt.
Es ist bereit, wenn wir kommen. Sie haben doch wohl nichts dagegen?« Sie
drehte sich um damit sie ihm den Kopf zuwenden konnte; sie stießen
beinahe zusammen: »Ich habe vergessen, Ihnen für die Karte von gestern
zu danken.« -- Er wurde rot: »Ich habe es nachher bereut,« sagte er;
»aber in dem Augenblick, wo ich die Karte sah, mußte ich an Sie denken.
Wie Sie hier heraus passen!« Jetzt wurde _sie_ rot und zog sich zurück.
Da hörte sie dicht neben sich: »Sie dürfen nicht böse werden. Es pflegt
so zu gehen; wenn man eine Dummheit wieder gutmachen will, so macht man
eine zweite.« Gern hätte sie seine Augen gesehen während er das sagte;
aber sie wagte es nicht. Jedenfalls war es mehr, als was er bis jetzt
gesagt hatte. Die Worte fielen weich wie Flaum! Bis heute hatte sie
seine Zurückhaltung beinahe mißdeutet, -- aber wie schön sie doch alles
machte; sie betete sie an. »In einer Weile sind wir im Walde; dort
werden wir anhalten und uns umsehen,« sagte er. _Dort_ dachte sie! Er
fuhr im raschen Trabe dahin; sie freute sich, freute sich. Die Sonne
funkelte auf dem Schnee, die Luft war warm, sie mußte das Kopftuch
lösen, und dabei half er ihr. Wieder fühlte sie seinen Atem; es war
etwas -- nicht wie Tabak, feiner, angenehmer, aber was war es? Es
entsprach ihm selbst gleichsam. Ihr war so wohl, mit solchem Überfluß
von Glück in der Landschaft, durch die sie nun fuhren, und die beständig
schöner wurde. Auf der einen Seite des Weges die Berge, die weißen
Berge, denen die Sonne einen rötlichen Glanz gab! vor den Bergen
Anhöhen, zum Teil mit Wald bewachsen, und zwischen den Anhöhen lagen
Höfe. Auf der anderen Seite des Weges hatten sie die ganze Zeit das
Meer; aber zwischen ihnen und dem Meer flache Strecken, vielleicht
Moore. Das Meer selbst grauschwarz gegen die Schneegrenze; das sprach
herein von anderen Seiten des Lebens. Von ewiger Unruhe, salzigem Ernst,
nur Protest auf Protest gegen das Schnee-Idyll.
Während des Tauwetters waren Zweige, Stämme, Zäune feucht gewesen; der
erste Schnee der dann kam, war ebenfalls feucht an sich und klebte gut
fest. Als dies dann zusammenfror, und das Schneegestöber immer
gleichmäßig überwältigend blieb, da bildeten sich Figuren über den
ersten erstarrten Formen, wie man selten etwas Ähnliches sieht. Die
Schwere des ersten feuchten Schnees machte, daß er hinabsickerte, an
irgend einer Unebenheit haften blieb und sich dort sammelte; oder unter
die Zweige hinabglitt oder zu beiden Seiten der Zaunpfähle. Als dies
sich nun in Ruhe fügte und vermehrte, kamen die schnurrigsten Tiere zum
Vorschein, -- weiße Katzen, weiße Hasen, die mit krummem Rücken und
gestrecktem Vorderleib an den Baumstämmen in die Höhe kletterten, oder
unter den Zweigen manövrierten, oder oben auf den Hürdenstangen einen
Buckel machten. Zottige, weiße Tiere, oft so groß wie der Marder, aber
sogar auch groß wie der Luchs, ja, wie der Tiger. Demnächst allerhand
kleines Getier, weiße Mäuse, Hermeline, oben und unten und drüben. Und
alle möglichen Raritäten, Kobolde, die an den Beinen hingen, Pierrots,
Gnomen auf den äußersten Spitzen der Hürdenpfähle, Heinzelmännchen mit
Rucksäcken; oder eine hingeworfene Kappe, eine Nachtmütze, ein Tier ohne
Kopf, ein anderes mit einem Schweif von ungeheurer Länge, ein großer
Fausthandschuh, eine umgestülpte Wasserkanne. An einigen Stellen bloßes,
schwarzes Laubwerk als Verzierung an der weißen Wand, an andern große
Schneelasten in den Nadelbäumen mit Grün drüber und drunter, mächtige
Farbenmengen gegeneinander.
Aarö hielt an; sie stiegen beide ab.
Da stürmte eine Reihe ganz anderer Eindrücke hervor. Dicht neben ihnen
lag ein alter Bursche von einem Stamm, halb umgestürzt im Spiel des
Lebens. Aber träumte er nicht jetzt im Winter den schönsten Traum,
nämlich daß er jung sei? Beim ausgelassenen Aufbauen schneeweißer
Herrlichkeit hatte er alle Schmerzen und Hinfälligkeit vergessen;
versteckt war das Moos auf seiner Haut, die Fäulnis der Wurzel war
zugedeckt, die Narben von den verlorenen Zweigen unsichtbar. Eine
gebrechliche Pforte war ausgehängt und an den Zaun gelehnt, sie war
zerbrochen und unbrauchbar. Auch sie hatte des Winters Künstlerhand
aufgesucht und erneuert; jetzt war sie ein architektonisches
Meisterwerk. Die schiefstehenden, dunklen Zaunpfähle waren junge Stutzer
mit schiefem Hut und munteren Mienen. Die alten, schmutziggrauen,
moosbewachsenen Hürdenstangen -- man kann sich das Paradies hinter
keiner schöneren Einfriedung träumen! Ihre Schwäche war bei der
Auferstehung ihre Stärke geworden, Sprünge und Äste im Holz der
vorzüglichste Baugrund für den Schnee, jedes Loch mit einem Wisch
himmlischer Krystalle zugestopft; entstellende Unebenheiten schon seit
der Zeit, wo sie gespalten worden, waren nun zugedeckt und geküßt,
beruhigt und geschmückt, alle Fehler mit aufgenommen in die weiße
Gemeinschaft.
Eine verfallene Tenne unterhalb des Weges, ein wohlausgedienter
Mutterarm für Laub und Torf, -- ebenfalls aufgesucht und
verschwenderischer übergossen, als die reichste Braut der Welt. Aus des
Himmels reichstem Schoß mit solchem Überfluß beschüttet, daß der Schnee
in weißen Fahnen einen halben Meter weit über das Dach hing, an einigen
Stellen mit hoher Kunst wieder aufgefaltet. Die grauschwarze Wand unter
den Fahnen sah dadurch aus wie ein altes persisches Gewebe; die ganze
Tenne hätte fertig in einem Shakespeareschen Drama auf die Bühne
gestellt werden können. Hinten die Berge, vorn die Höhen, alles glänzte
in der Sonne wie einst im Hosianna der Juden.
Ella vernahm aus der Ferne fortwährend zwei zarte Stimmen »Mama, Mama!«
die in dies alles hineinklangen. Als sie sich nach ihrem Begleiter
umsehen wollte, saß er tiefergriffen auf dem Schlitten, während die
Tränen ihm über die Backen liefen.
Bald fuhren sie weiter, aber langsam. »Ich erinnere mich dieses
schmutzigen Weges,« sagte er; die Stimme klang so wehmütig, »die Bäume
gaben so viel Schatten, so daß er selten trocken wurde; aber jetzt ist
er doch sehr fein!« Da drehte sie sich um und hob den Kopf empor: »Ach,
singen Sie etwas!« -- Er antwortete nicht gleich; sie bereute, daß sie
darum gebeten hatte; dann aber sagte er: »Ich wollte schon, aber da kam
eine solche Erregung über mich. -- Sprechen Sie jetzt eine Weile nichts,
dann kann ich's vielleicht. Das alte Winterlied nämlich.« -- Sie sah
ein, daß er nicht eher singen konnte, als bis es für ihn selbst so recht
zur Wahrheit wurde. Solche stillen Schwärmer dachte sie, sind
wählerischer in Bezug auf das, was echt ist. Das meiste ist ihnen nicht
echt genug. Deshalb berauschten sie sich auch so gern, sie wollten
hinaus, mußten eine Welt für sich allein schaffen. Ja, nun sang er:
Müde schlummert der Sommer ein,
Winter decket ihn sorglich zu.
»Bächlein,« sagt er, »geht nun zur Ruh,
Wogen, lasset das Plätschern sein!«
Weste schweigen die kosenden,
Stürme heulen, die tosenden.
Somren sovned i Vintrens Favn,
Vintren rejste sig, daekked til,
»rolig« sa han til Elvens Spil,
»rolig« sa han til Gaard og Havn.
Tause blev de saa, Skogerne.
Hjemme hörtes kun Slogerne.
All den Duft, den der Sommer gab,
Fein verwahrt er fürs nächste Blüh'n,
Ruhen durft er für all sein Müh'n.
Bäume senken das Laub herab,
All, die Blumen, die prächtigen,
Bergen sich vor dem Mächtigen.
Al den Ting, som var Somren kjaer,
fint forvartes til naeste Gang;
Hvile fick det for al sin Trang,
Markens Spirer og Vand og Traer.
Gjemtes som Kjaernen i Nödderne,
Mulden smuldred am Rödderne.
Was der Sommer an Krankheit bracht,
Pestkeim, den seine Glut erzeugt,
Winterkälte hat ihn verscheucht,
Hoch auf Bergeshöh er erwacht,
Atmet die Lüfte, die tauenden,
Grüßet die Gipfel die blauenden.
Alt, hvad Somren af Sygdom led,
Pestfrö over dens Liv og Frugt,
Vintren draebte i Frost og Flugt --
vaagne skal hun i fjaeldblaa Freed,
toet af Sneen og Vindene,
hilset af Sundhed i Sindene.
Über des schlafenden Sommers Stirn
Streut der Winter gar holden Traum,
Sternenhoch trug er im Weltenraum
Ihn zu der Nordlicht umstrahlten Firn,
Durch die Zeit, die nie säumende
Fort -- bis erwacht der Träumende.
Over den sovendes höstgraa Bryn
Vintren strödde saa fager Dröm,
stjaernehöj, hvid-hvid i Nordlys-Ström
bar den hende fra Syn til Syn
gjennem de lange Dögnene
frem, til hun opslog Öjnene.
Er, den grausam und bös' sie schmähn,
Schaffet, was er doch nie darf seh'n;
Er, der Räuber und Mörder genannt,
Schirmet und wachet all Jahr im Land, --
Weiter eilt dann der Flüchtige,
Harrt auf die Zeit, die richtige.
Han, som skjaeldtes for vond og vred,
lever for det, han ej faar se;
han, som skjaeldtes for Morder, han
skjaermer og tor hvert Aar vort Land, --
gjemmer sig saa i Fjaeldene,
til det blir kaldt am Kvaeldene.
Die vielen kleinen Schellen begleiteten den Gesang wie
Sperlingszwitschern; seine Stimme läutete zwischen den Bäumen den
Gottesdienst des Menschengeistes in den weißen Hallen ein.
_Ein_ Tag, das fühlte Ella, bezahlte für tausend. _Ein_ Tag tut das, was
das Winterlied erzählt, er wiegt einen müden Sommer zur Ruhe, dämpft
seine Krankheitskeime, zerbröckelt die Erde für den neuen, macht die
Nerven stark und die dunkelste Zeit hell. In ihm sammeln sich all unsere
langen Träume. Was hätte nicht auch aus ihr werden können, wie klein sie
auch war, wenn sie _viele_ solche Tage gehabt hätte? Was hätte sie dann
nicht für ihre Knaben werden können?
Sie kamen an ein langes, weißes Gebäude zwischen zwei Flügeln, alle von
Holz. Auf dem Hofplatz standen viele Schlitten mit aufgestellten
Gabeldeichseln; es waren also schon mehrere Gesellschaften hier. Ein
Stallknecht führte ihr Pferd fort; der Diener, der sie bedienen sollte,
war gleich zur Hand, um ihnen zu helfen, und ein Mann im bloßen Kopf mit
jovialem Gesicht kam dazu; es war Peter Klausson! Er schien sie erwartet
zu haben und wollte Ella durchaus beim Ablegen behilflich sein. Aber er
roch nach Cognac oder was es war; um ihn los zu werden, fragte sie nach
dem Zimmer, in dem sie speisen sollten. Sie wurden in ein warmes,
gemütliches Zimmer mit gedecktem Tische geführt; dort half Aarö ihr mit
den Sachen. »Ich konnte Peter Klaussons Atem nicht ertragen,« sagte sie.
Da lächelte Aarö.
»In Amerika hat man Mittel gegen dergleichen.« -- »Was meinen Sie?« --
»Man nimmt etwas, das den Atem anders macht.« -- Gleich darauf bat er,
ihn zu entschuldigen, er habe noch dies und jenes anzuordnen. Sie war
also allein, bis angeklopft wurde; es war wiederum Peter Klausson! Er
sah ihr Erstaunen und lächelte: »Wir werden ja zusammen speisen,« sagte
er. -- »So?« -- Sie sah nach dem Tisch; er war für fünf gedeckt! --
»Haben Sie kürzlich von Ihrem Manne gehört?« -- »Nein.« -- Lange Pause.
Ist Peter Klausson eine Gesellschaft für Axel Aarö? Der beste Kumpan
ihres Mannes? Aarö, der nur haben wollte, was echt war? Aber im selben
Augenblick, da sie dies gedacht hatte, mußte sie auch zugeben, daß Peter
Klaussons unmittelbare Natur vollkommen ehrlich sei, was er sonst auch
immer sein mochte.
Der Diener brachte einen Korb mit Wein ins Zimmer, schloß die Tür aber
nicht eher hinter sich, als bis er von draußen noch mehr hereingeholt
hatte, nämlich Champagner in Eis. »Ist all der Wein für uns?« fragte
Ella. -- »Wie ich sehe,« erwiderte Peter Klausson; er war sichtlich
erfreut. -- »Aarö trinkt doch keinen Wein?« -- »Aarö? Er hat mich
aufgefordert, heute herauszukommen -- ich kam zufällig zu ihm hinauf, --
und da haben wir beide den allerfeinsten Cognac getrunken.« -- Ella
kehrte sich nach dem Fenster um, denn sie fühlte, wie sie erbleichte.
Gleich darauf trat Aarö ein, so höflich und vornehm, daß Peter Klausson
die Hände aus den Hosentaschen ziehen mußte; er wagte beinahe nicht zu
sprechen. Aarö teilte mit, daß er Holmbos eingeladen habe; gerade eben
hätten sie abgesagt; sie mußten sich jetzt alle drei an ihrer
gegenseitigen Gesellschaft genügen lassen. Er führte Ella zu Tisch. Aarö
zeigte sich als der liebenswürdigste und der erfahrenste Wirt. Mit dem
deutschen Diener sprach er englisch und gab fortwährend kleine Winke in
Bezug auf das Anrichten; er verdeckte die Sünden des Dieners, brachte
Kleinigkeiten zur Geltung -- alles so, daß man es kaum merkte.
Gleichzeitig nährte er eine einfache Unterhaltung durch kleine Anekdoten
aus seinem gesellschaftlichen Leben. Er schenkte niemals selbst ein;
wenn er trank, zitterte ihm die Hand. Auch früher glaubte sie dies schon
bei ihm gesehen zu haben; jetzt quälte es sie.
Der erste Gang waren Austern, und davon aß sie tüchtig; sie war sehr
hungrig. Aber später konnte sie weniger und immer weniger mitkommen, ja,
zuletzt war es, als würde ihr die Kehle zusammengeschnürt. Sie hätte
ebenso gut weinen wie essen und trinken können.
Anfangs war es ihr nicht recht klar, weshalb. Wohl, daß es so ganz
anders war, als sie geträumt hatte: der herrliche Tag war im Begriff
eine Enttäuschung zu werden. Im Beginn dachte sie: dies wird wohl einmal
ein Ende nehmen, und dann haben wir es auf dem Heimwege wieder angenehm.
Aber nach und nach, als seine Laune immer ausgelassener wurde, erwies er
ihr alle erdenkliche Aufmerksamkeit, ja, sie wurde von beiden Kavalieren
zugleich gefeiert -- bis sie hätte schreien mögen. Nach der Mahlzeit
wurde sie elegant an Aarös Arm in ein anderes Zimmer geführt, das
ebenfalls in Bereitschaft gehalten war -- gemütlich, prächtig mit einem
Klavier.
Der Kaffee wurde sofort serviert (mit einem »^Avec^«) und unmittelbar
darauf baten die Herren um Erlaubnis, einen Augenblick rauchen zu
dürfen, es solle nur ganz kurz sein. Sie gingen -- und ließen sie
allein. Dies war nicht einmal mehr höflich -- und nun erst begriff sie,
daß nicht nur der Tag, sondern Aarö ein anderer geworden, als sie
gedacht hatte! Das große Dunkel der Ballnacht kam über sie hergezogen;
sie kämpfte dagegen, sie erhob sich und ging, wollte hinaus, als könne
sie ihn dort so wiederfinden, wie sie ihn in ihrer Vorstellung hatte.
Sie suchte den Weg nach dem ersten Zimmer, nahm dort ihr rotes Tuch um
und war gerade auf den breiten Platz vor dem Gebäude gekommen, als der
Diener vom Mittag hinter ihr her kam und etwas auf englisch sagte, was
sie anfangs nicht verstand; sie war nämlich zu sehr mit den eigenen
Gedanken beschäftigt, um sofort die Sprache wechseln zu können. Der
Diener erzählte, daß einer von ihren Begleitern krank geworden sei; der
andere sei nicht zu finden. Als sie die Worte bereits verstand, begriff
sie nicht, was es sei, sondern folgte ihm mechanisch. Unterwegs fiel ihr
ein, daß Aarös Zunge ihm nicht ganz gehorcht habe, als er nach dem
»^Avec^« um Erlaubnis gebeten, hinausgehen und ein wenig rauchen zu
dürfen; ihn hatte doch wohl nicht der Schlag getroffen --!
Sie kamen am Rauchzimmer vorbei, das ihr im Vorübergehen voll erschien
-- jedenfalls voll Rauch und Gelächter. Die Tür zu einem kleinen Zimmer
daneben wurde geöffnet; dort lag Axel Aarö auf dem Bette; er mußte sich
dort hinein geschlichen haben -- vielleicht um noch mehr zu trinken. Er
hatte nämlich eine kleine, dicke Flasche mit hineingenommen, die auf
einem Tische neben dem Bette stand. Auf diesem lag er selbst,
vollständig angezogen mit erloschenen Augen, ohne Kraft oder Empfindung;
er sagte zu ihr: »Tip, tip, Peté!« Er wiederholte es mit ausgestrecktem
Finger: »Tip, tip, Peté!« Beidemal in der Fistel. Sollte das Peter
heißen? Glaubte er, sie sei ein Mann? Hinter ihm auf dem Kopfkissen lag
etwas Haariges; es war ein Toupet; jetzt sah sie's, er hatte eine
Glatze. »Tip, tip, Peté!« hörte sie hinter sich, als sie hinausstürzte.
Armseliger als jetzt Ella in ihren Pelzschuhen und Winterkleidern so
schnell, wie ihre kurzen Beine sie tragen konnten, nach der Stadt
zurücktrabte, ist wohl selten jemand über einen Landweg gelaufen. Der
schwere Mantel, den sie auf der Fahrt gehabt, war aufgeknöpft, das
Kopftuch trug sie in der Hand, und doch schwitzte sie, daß es herab
tropfte; die Vorstellung beherrschte sie, daß es die Träume seien, die
von ihr abfielen!
Anfangs dachte sie nur an Axel Aarö, den unglückselig Verlorenen! Morgen
oder übermorgen hatte er das Land verlassen, sie wußte es bereits, und
diesmal für alle Zeiten!
Aber wenn sie es sich so recht entsetzlich ausmalen wollte, wie es war,
dann lag das Toupet auf dem Kopfkissen und sagte: »Es war doch wohl
nicht alles so echt mit Axel Aarö?« Doch, doch, -- was konnte er dafür,
daß er so früh kahl geworden war? Hm, erwiderte das Toupet, er hätte es
eingestehen können.
Ella arbeitete sich vorwärts. Glücklicherweise begegnete sie niemand,
auch kam niemand von all denen, die jetzt auf Baadshaug waren, hinter
ihr her; sie mußte ja komisch aussehen, schwitzend und weinend mit
aufgeknöpftem Mantel, in Pelzschuhen mit dem Tuch in der Hand. Sie
versuchte ein paarmal, langsamer zu gehen, aber der Aufruhr in ihr war
zu stark, und dann lag es in ihrer Natur, sich vorwärts zu arbeiten.
Aber in ihrem gejagten Blut meldete sich die kräftige Frage: Möchtest
du, Ella, nun all deine Träume entbehren, da es jedesmal so jämmerlich
damit gegangen ist? Da flennte Ella laut auf und erwiderte: nicht, wenn
es mein Leben gälte! Nein, denn die Träume sind das Beste, was ich
gehabt habe; sie haben mich gelehrt auszuhalten, sie haben mir gegeben,
womit ich all das andere messen kann, so daß ich niemals etwas für hoch
halte, was niedrig ist. Nein, meine Träume, die habe ich auch um meine
Kinder gewebt, so daß ich jetzt tausendmal mehr Vergnügen an ihnen habe.
Die, und dann die Blumen, das ist alles, was ich habe. Und sie flennte
und arbeitete sich vorwärts.
Aber nun sind dir ja keine Träume mehr geblieben, Ella!
Anfangs wußte sie nicht, was sie darauf antworten sollte; es schien ja
allzu wahr, allzu entsetzlich wahr, -- und das Toupet zeigte sich
wieder.
Gerade hier hatte Aarö das Winterlied gesungen. Wie das Zwitschern der
Schellen die Weise begleitet hatte, so begleitete jetzt das »Mama,
Mama!« der zarten Stimmen ihre Tränen. Es war nicht wunderlich, denn sie
lief ja zu ihren Knaben, aber jetzt meldeten sie sich, als wären sie's,
von denen sie träumen sollte. Nein, nein, »da haben Sie doch etwas
Reelles,« antwortete es mit Aarös Stimme; sie erinnerte sich, wie er es
gesagt, sie erinnerte sich seiner Wehmut dabei. Hatte er wirklich an sie
und sich gedacht und an die Knaben und sie? Hatte er seine eigene
Schwäche mit ihrer Gesundheit und Zukunft gemessen? Sie kam wieder weit
von den Knaben ab; sie war wieder bei all seinen Worten und Blicken, um
das Rätsel zu deuten; aber darunter brach das Sehnen und der Schmerz
wieder auf, wie nie zuvor; das ganze Leben war vorbei, der Traum zu alt
in ihr, zu stark, zu lieb, die Wurzeln konnten nicht ausgerissen werden,
unmöglich! Sie waren ja ungefähr alles, was sie den nächsten Tag sehen
würde, berühren, vornehmen würde! -- -- Zu aller Verzweiflung kam noch,
daß die Knaben nicht zu Hause waren; sie kam an ein leeres Haus.
Aber Kräfte waren in ihr. Denn als sie nach Hause kam und gebadet und
sich schlafen gelegt hatte, und der Mondschein von gestern abend ins
Zimmer sah und erwähnte, was sie mit einander gehabt hatten, da warf sie
sich im Bett umher und weinte laut wie ein Kind; hier konnte niemand sie
hören, niemand hereinkommen. Ihr Herz war jung, wie damals, als sie
siebzehn Jahre alt war; es konnte und wollte nicht aufgeben!
Was war es denn eigentlich, was sie heute gewollt hatte? Ja, das wußte
sie nicht; -- nein, sie wußte es nicht! Sie wußte nur, daß _dort_ ihr
Glück sei, und nun hatte sie es darauf ankommen lassen. Jetzt lag sie
hier enttäuscht und betrogen in einer Weise, wie gewiß wenige vor ihr es
gewesen.
Sie vermochte aber auch nicht, ihn zu entheiligen. Deshalb zog die
Winterweise mit seiner Stimme vorüber, gut, voll, traurig; die wollte
gleichsam alles für sie ordnen. Und gehorsam wie ein Kind legte sie sich
zurecht und lauschte. Was sagte sie? Freilich, die sagte, daß die Träume
zwei Sommer zusammenbänden, den, der war, und den, der sich langsam aufs
neue emporarbeitete, dank den Träumen, die gewacht hatten. Sie sagte
auch, daß die Träume etwas für sie seien, oft höhere Wirklichkeit, als
die der Verhältnisse. Sie hatte das ja oft so empfunden, wenn sie mit
ihren Blumen beschäftigt war.
Bei all ihrer Ruhelosigkeit im Bette war der Zopf an ihre Seite geraten.
Wehmütig zog sie ihn herauf; noch heute hatte er ihn geküßt.
Und dann legte sie sich auf die Seite und nahm ihn zwischen die Hände
und weinte.
»Mama, Mama,« flüsterte es. Und so schlief sie ein.