Noch einer von jenem Balle dampfte gleichzeitig über den Atlantischen
Ozean; das war Hjalmar Olsen. Das Schiff wurde von einem ewigen
Nordweststurm verfolgt, und wenn es allzu arg wurde, trank er Grog dazu.
Aber jedesmal wenn er es tat, wunderte er sich, daß er einer Erinnerung
vom Balle von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand; der kleinen
Rosenroten, »der mit dem Zopf«. Hjalmar Olsen meinte, er habe sich ihr
gegenüber ziemlich gentlemanlike benommen.
Anfangs dachte er nicht weiter darüber nach. Zweimal war er verlobt
gewesen, und beide Male war es auseinander gegangen; sollte er zum
dritten Male daran gehen, so mußte er auch gleich heiraten. Diese
Erwägungen stellte er wohl an, ja, hatte sie schon öfter angestellt,
aber er achtete nicht genauer auf seine eigenen Gedanken. Ein Dampfer
brauchte nicht viele Tage und Nächte zwischen den Häfen, und jedesmal
fand sich Unterhaltung genug. Er ging nach New-York, von dort nach
New-Orleans, er fuhr hinunter nach Brasilien und von da wieder herauf.
Dann wieder hinunter und endlich von dort direkt nach England und
Norwegen. Aber oft unterwegs, wenn er allein war, und meistens beim
Glase Grog, traf er »die mit dem Zopf«. Merkwürdig, wie sie ihn
angesehen hatte. Er wurde innerlich gut, wenn er daran dachte. Vom
Briefschreiben hielt er nicht viel, sonst hätte er es diesmal vielleicht
getan. Als er aber nach Christiania kam und von einem Manne aus der
Stadt dort unten hörte, daß ihre Mutter im Sterben liege, da dachte er
gleich: ich will mich wirklich nach ihr umsehen. Vielleicht findet sie
es hübsch von mir, wenn ich es gerade jetzt tue.
Zwei Tage später saß er vor ihr in dem kleinen Wohnzimmer, das auf den
Markt und nach dem Hotel hinaus ging. Seine starken Hände, dunkel von
der Sonne und von Haaren, strichen über die Knie, während er sich
lächelnd vorbeugte und fragte, ob sie ihn haben wolle.
Sie saß niedriger als er; ihr voller Busen und die festen Arme waren von
einem braunen Kleide umspannt, auf das er niederblickte, wenn er ihr
nicht ins Gesicht sah, das so bleich und zart war. Sie fühlte das
Wandern seiner Augen; sie kam aus dem Nebenzimmer und von Todesgedanken;
sie hörte oben eine kleine Uhr melden, daß es sieben Uhr sei; es melden
wie ein Kuckuck, und diese kleine Erinnerung an alles, was hier jetzt
vorüber war ... eins mit dem andern machte, daß sie sich mit Tränen in
den Augen von ihm abwandte: »Ich kann jetzt unmöglich an dergleichen
denken.« Sie stand auf und trat zu ihren Blumen im Fenster.
Da mußte auch er aufstehen. Vielleicht antwortet sie mir später, dachte
er, und diese Gedanken gaben ihm Worte, ein wenig unbeholfen wohl, aber
deutlich. Sie schüttelte den Kopf und blickte nicht auf.
Er ging. Draußen nahm er den verkehrten Weg, und als er umkehrte und das
Haus wiedersah, das kleine Puppenhaus, da verspürte er Lust, alles ins
Wasser zu werfen.
Die Nacht hindurch wartete er auf das Dampfschiff aus Christiania; Peter
Klausson und ein paar andere Kameraden halfen ihm dabei, und es dauerte
nicht lange, so hatten sie ausfindig gemacht, in welcher Angelegenheit
er gekommen, und wie es ihm ergangen war. Sie wußten auch, wie es ihm
früher schon zweimal gegangen war. Hjalmar Olsen trank entsetzlich zu
dem, was er litt. Tags darauf erwachte er in den größten Qualen auf dem
Dampfschiff.
Kurz darauf erhielt Ella einen gut geschriebenen Entschuldigungsbrief,
in dem er erklärte, daß er es gut gemeint habe, als er gerade jetzt kam;
aber erst als er vor ihr gesessen, habe er gefühlt, wie verkehrt es
gewesen. Sie möge ihm darum nicht zürnen.
Nach Verlauf eines Monats bekam sie wieder einen Brief; er hoffe, sie
habe ihm vergeben. Er seinerseits könne sie nicht vergessen. Mehr stand
nicht drin. Ella nahm beide Briefe gut auf, es war Form darin, auch
Beständigkeit. Aber nicht einen Augenblick fiel es ihr ein, seinen
indirekten Antrag jetzt anders aufzufassen als damals. Sie war nach
Christiania gegangen, um sich im Klavier auszubilden -- und in der
Handelsrechnung. Letzteres nahm sie mit, weil Rechnen ihr stets leicht
geworden, und weil sie unsicher geworden war. Ihre Mutter war gestorben;
sie besaß das Haus und ein kleines Vermögen; sie wollte versuchen, sich
selbständig zu machen. Sie verkehrte mit niemand in der fremden Stadt;
sie war es gewöhnt, ohne eine Vertraute zu träumen und Pläne zu machen.
Von Axel Aarö kam eine wunderliche Nachricht. Nachdem er in New-York vor
einer größeren Gesellschaft gesungen, hatte ein alter, reicher Mann ihn
zu sich eingeladen, und seitdem lebten die beiden wie Vater und Sohn
zusammen. So erzählte man sich in der Stadt lange, bevor ein Brief von
Axel selbst kam; dieser aber bestärkte das Gerücht in allen Teilen.
Darauf erhielt Ella einen dritten Brief von Hjalmar Olsen; er fragte in
ehrerbietiger Form an, ob sie es schlecht aufnehmen würde, wenn er ihr
bei einer Heimkunft einen Besuch abstattete. Er wußte, wo sie wohnte.
Bevor sie noch mit sich im reinen darüber war, ob sie überhaupt
antworten solle, las man in allen norwegischen Zeitungen, die es aus
amerikanischen abgedruckt hatten, Hjalmar Olsen, habe mit ungewöhnlicher
Tüchtigkeit und mit Gefahr für Schiff und Mannschaft in einem Orkan die
Passagiere und Besatzung eines Ozeandampfers gerettet, dem dicht vor der
amerikanischen Küste die Schraube gebrochen war. Zwei Dampfer waren
vorüber gekommen, ohne den Versuch zu wagen, so entsetzlich war das
Wetter. Er hatte sich einen ganzen Tag bei dem Dampfer aufgehalten.
Es war eine seltene Tat, die er da vollbracht hatte. In New-York und
später, als er nach Liverpool kam, wurde er in den Seemannsklubs
gefeiert, bekam Ehrenzeichen und Adressen.
Als er von dort nach Christiania kam, bekam er der Auszeichnungen
mannigfache. Groß und ansehnlich wie er war, wurde ihm die Huldigung des
Volkes gar leicht zu teil. Sie wurde ihm jetzt im großen Stil
dargebracht.
Mitten drin suchte er Ella auf. Sie hatte sich gut versteckt; sie dachte
seit ihrer Niederlage so gering von sich. Im voraus war sein Bild ein
wenig zu übernatürlicher Größe herangewachsen, und als er nun selbst kam
und sie heraus holte, war es, als ob sie aus der Stubenluft wieder in
Wind und Sonnenschein hinauskäme. Ja, sie empfand etwas von dem alten
Selbstvertrauen. Seine Gefühle für sie waren dieselben; das merkte sie
bald, als sie ihn studierte. Gesellschaftliche Formen hatte er, und voll
Würde nahm er Huldigungen und Aufmerksamkeiten entgegen; hielt keine
unzeitigen Reden. Sie hatte gehört, daß er gerne ein Glas zuviel trank,
aber sie sah davon nichts. Ein schöner Mann, ja, ein Mann wie wenige, --
vielleicht ein wenig abgearbeitet, aber das waren ja die meisten
Seeleute. Vor etwas Unbestimmtem in den Augen hatte sie Angst, ebenso
vor seiner Gier, wenn er bei Tische saß. Zuweilen erschrak sie auch vor
dem Gewaltsamen in seinen Ansichten. Wäre sie zu Hause gewesen und hätte
sich erkundigen können! Aber er wollte sofort wieder abreisen und hatte
im Scherz geäußert, wenn er jetzt freite, so wolle er sich zugleich
verloben und verheiraten. Diese Einfachheit und Hast gefielen ihr. Auch
die Kraft und auch die Eigenmächtigkeit, obgleich sie sie fürchtete.
Fürchtete und sich außerordentlich wohl dabei befand, daß soviel Kraft
und Eigenmächtigkeit sich gerade vor ihr beugten, und das jetzt, wo alle
um ihn warben.
Da kam sie auf etwas, was sie außerordentlich verständig dünkte; für den
Fall wollte sie zwei Bedingungen stellen: Verwaltung des eigenen
Vermögens und niemals mit ihm reisen. Wenn seine Kraft und
Eigenmächtigkeit etwa zügellos werden sollten, so wurde dadurch eine
Grenze gesetzt, und sie konnte ihm von Anfang an zu verstehen geben,
daß, wie klein sie auch sei, sie sich und das Ihre zu schützen gedächte.
Als der Antrag kam -- es war in einer Theaterloge -- fehlte es ihr
jedoch an Mut, es zu sagen. Sie bat um Bedenkzeit. Der Ausdruck, den
sein Gesicht annahm, flößte ihr Furcht ein -- zum erstenmal.
Später dachte sie oft daran. Anstatt diesem unmittelbaren Eindruck
nachzugeben, fing sie an zu sinnen, was wohl geschehen würde, wenn sie
jetzt wieder nein sagte! Sie hatte ja seine Freundlichkeit angenommen,
obgleich sie wußte, was kommen würde. Die Bedingungen, die Bedingungen
-- mögen sie entscheiden! Nahm er sie an, so sollte es sein, und dann
hatte es auch wohl keine besondere Gefahr. So schrieb sie und nannte die
Bedingungen.
Er kam am nächsten Tage und bat um die notwendigen Papiere, dann würde
er selbst alles ordnen, sowohl das mit dem Ausschluß der
Gütergemeinschaft wie mit dem Kontrakt; er faßte es also als Geschäft
auf und schien wohl zufrieden.
Drei Tage darauf wurden sie getraut. Große Feierlichkeit und großer
Zulauf; die Zeitungen hatten nämlich darauf aufmerksam gemacht.
Huldigung und Ehrenbezeugungen hinterher, Prunk und Reden untermischt
mit Witzen über seine Größe und ihre Kleinheit -- es dauerte von fünf
Uhr nachmittags bis zwölf, ein Uhr nachts in ziemlich gemischter
Gesellschaft. Als es spät wurde und der Champagner gar kein Ende nahm,
wurden viele lärmend und tüchtig zudringlich. Darunter auch der junge
Ehemann.
Am nächsten Morgen sieben Uhr saß Ella angekleidet und ganz allein in
einem Zimmer neben der Schlafstube, deren Tür offen stand; sie hörte
ihren Mann dort schnarchen.
Leichenblaß und still saß sie, gelähmt durch die Schrecken der Nacht,
ohne Tränen, ohne Empfindung. Sie teilte die Ereignisse der Nacht in
zwei Teile: in das, was geschehen war, und das was gesagt worden -- sie
wußte nicht, was am schlimmsten gewesen.
Die Begierde dieses Mannes war von tödlichem Haß entflammt! Als sie das
erste Mal nein gesagt, hatte er es zum Ziel seines Lebens gemacht, sie
dahin zu bringen, daß sie ja sagte; das erzählte er. Erzählte, daß _sie_
für den Verruf büßen solle, in den er gekommen, -- nahe daran, zum
drittenmal bloßgestellt zu werden. Sie solle für alle büßen, sie, die es
gewagt hatte, kränkende Bedingungen zu stellen! Wie ein Ding, wie eine
Dirne würde er sie behandeln!
Ihrer Berechnung werde er das Genick brechen, wie einer Garneele, -- sie
solle sich nur unterstehen, nicht mit an Bord gehen oder irgend etwas
selbst verwalten zu wollen!
Dann das, was geschehen war --! Die Schale einer Fliege in einem
Spinngewebe, zerfressen und leergeschlürft, das war's woran sie dachte.
Aber ungefähr Ähnliches hatte sie schon einmal empfunden! O Gott, die
Nacht nach dem Balle! Eine unbestimmte Empfindung, daß sie in jener
Nacht für diese letzte bestimmt wurde ..... aber sie konnte es sich
nicht klar machen. Hingegen fragte sie sich, ob das, was uns _nicht_
glückt, tiefer über uns bestimmt als das, was glückt?
Drei, vier Stunden später saß Hjalmar Olsen am Frühstückstisch,
schwerfällig und schweigend; aber er beobachtete höfliche Formen, als ob
nichts vorgefallen sei. Vielleicht war er zu betrunken gewesen, um ganz
verantwortlich gemacht werden zu können; oder vielleicht war die
Höflichkeit Berechnung, um sie für einen Besuch an Bord zu gewinnen. Er
bat nämlich darum, als er vom Tische aufstand.
Aber weder durch Drohungen noch durch Lockungen, weder zum Aufenthalt
noch zum Besuch bekam er sie mit an Bord. Die Furcht rettete sie.
Einige Monate später saß sie in ihrer Vaterstadt im eigenen kleinen
Hause. Die Zeitungen machten bekannt, daß sie Schülerinnen für
Klavierspiel und Handelsrechnung suche.
Sie war schwanger.
Ein Jugendfreund Axel Aarö's besuchte sie. Er solle sie vielmals von
Aarö grüßen und ihr Glück zu ihrer Heirat wünschen. Sie zwang die
aufquellende Bewegung nieder und fragte sanft, wie es Axel Aarö gehe. O,
ganz ausgezeichnet; er sei immer noch bei demselben alten Manne, der
nach und nach alles für ihn geworden sei. Dies sei so recht etwas für
Aarö; es paßte ihm daß einer alles für ihn geworden. Und dann habe er
eine Kur gegen sein ererbtes Übel durchgemacht; er selbst glaube, daß er
geheilt sei. Wie es Frau Holmbo gehe, fragte Ella. Sie erschrak, als sie
es ausgesprochen hatte; aber es war eine unwillkürliche Bitterkeit, die
hervorbrach. Sie hatte Frau Holmbo so mager und bleich gesehen; Frau
Holmbo vermißte ihn wohl, und das war zuviel.
Der Freund lächelte: »O, Sie haben das dumme Gerücht gehört? Nein, Axel
Aarö war nur der Vermittler zwischen ihr und dem, den sie heimlich
liebte. Die beiden Freunde hatten im Auslande zusammen gewohnt. Vor
einigen Monaten war der Betreffende auf einer Geschäftsreise in
Kopenhagen, und Frau Holmbo war auch hinunter gereist. Aber es war gewiß
schon lange irgend etwas zwischen ihnen nicht mehr in Ordnung.«
An diesem Abend weinte Ella noch lange, bevor sie einschlief. Sie lag
und streichelte ihren Zopf, den sie über die Brust gezogen hatte. Oft
hatte sie daran gedacht, ihn abzuschneiden; aber er war noch da.