Yakou fiel in die Knie: »Du hast Axalla gedemütigt. Nun demütigst du mich.«

Timur führte ihn hinaus. Sie öffneten die Tore, damit die Tataren

eindrängen und das persische Gesindel erschlügen, denn was lag ihm nun

daran. Timur saß zu Pferd. Als die ersten Scharen eintrabten, sagte er,

umschwenkend, zu Yakou: »Hättet ihr die Stadt genommen, glaubst du, ihr

hättet mich erreicht?«

Aber noch ehe Yakous Antwort erscholl, warf er, das Pferd steil aufschießen

lassend, es über die Mauer in den Fluß, durchschwamm ihn und kam an das

Ufer. Yakou eilte ihm nach über die obere Brücke und schrie nach den Seiten

das Geschrei, das sei der Chan.

Timur eilte durch Sumpf und Bäume, trabte, ereilte Geschwader, die

erstarrten, ritt durch sie, stinkend von Fett und Schweiß und zerrissen die

Kleider.

Vor den Zelten stand Miser Ulek aufgerichtet. Die Tataren warfen die runden

Säbel blitzend in die Luft. Mit einem Kamel trabte vom Fluß herauf eine

Frau, sie kam näher, es war die Chinesin, während Timur durch die Wellen

jubelnden Geheuls wogte.

Timur hielt sein Pferd.

Da sah er auf der Mauer der Stadt jemand einen Bogen spannen und richtete

sich groß auf.

Er stand hoch. Wie gegossen. Kein Haar bewegte sich.

Lang sah er im Schweigen auf den Zielenden, dessen Hand die Sehne immer

gewaltiger anzog.

_Es war der siebente Tag des Monats Ramadhan._

Die Zeit war um.

Der Pfeil kam, riß einen zischenden Ton durch die Luft und flog in Timurs

Stirn und fiel von ihr nieder.

Timur saß starr. Dann wölbten sich seine Augen zurück in die Höhlen.

Miser Ulek stürzte vor und warf sich gegen ihn, schreiend und seine

Schenkel umklammernd. Timur stand ruhig, schob mit einer träumerischen

Bewegung die Haare aus der Stirn, es war kein Mal darin, sein Gesicht wuchs

wie ein Fels.

Als das Kamel der Chinesin langsam an ihn herantrat, sagte er, auf den

Pfeil deutend, leis:

»Gebt ihn ihr.«

Sie hielt ihn wenige Sekunden in erstarrten Händen, warf plötzlich die

Hände, ihn anstierend, abschattend vor die Augen, öffnete den Mund und fiel

bleich um, ohne Ton.

. . . Timur trabte auf Samarkand.

Den feigen Offizier führte er in einer Kiste mit sich, zu gering, ihn zu

töten, ließ er ihm den Bart scheren, ihn mit Bleiweiß und Mennig

überstreichen und barfuß, eine Weiberhaube am Kopf, durch die Stadt gehen.

Am gleichen Tage, wo er die Chinesin zu seiner sechsten großen Frau mit der

bepfauten Tiara erhob, gab er Yakou eine Tochter und endete Zeinabdeddins

verbannende Mission.

Kein Maß hielt mehr, keine Prüfung, den schleudernden Herausbruch seiner

Pläne.

Filzzelte rauchten über den Ebenen. Tataren kämmten vom halbmondig

geschorenen Kopf die Haare lang nach dem Nacken und ölten die Brust Der

Himmel glühte in riesigen Bogen vor ihnen her. Der Donner der geschlagenen

Steppe rollte vor den Hufen der Geschwader. Dann jagten sie an.

Sie schossen Flitschpfeile, und die Dörfer qualmten auf. Sie rollten durch

die Reisfelder. Auf Nachbarbergen standen Lärchenbäume. In dunkle Ballen

geduckt, zogen sie in schwindelnden Höhen durch den blauen Himmel über eine

Brücke nach Almaligh. In der Stadt fließender Brunnen, um die Türken und

Chinesen wohnten, hielten sie Feste, fraßen rohes Pferdefleisch mit

blänkernden Zähnen, tranken mit Gekrisch Kumis die runden Nächte. Sie

raubten die türkischen Harems aus und beförderten einen Abkömmling des

Propheten durch Keulenschläge zum Martyrium.

Die Steppe flimmerte unter dem Reiten. Sie bekam metallene Ränder, die sich

erhitzten. Der Boden glühte gläsern. Ihnen schmerzten die Augen, doch sie

ritten.

Von einem Baum fiel nachmittags ein Affe und biß Timur in die Achsel. Er

gab nicht Acht auf das Geschwür, das eiternd anwuchs. Die Chinesin gab ihm

Salben darauf, aber es riß neues Fleisch in sich hinein. Timur ließ zwei

Menschen täglich schlachten, deren Hirn die Wunde fraß und, satt, nach

Monaten sich schloß.

Stumm, ohne Rede, sah ihn die Chinesin an, die sein Pfühl öfter bewohnte

als die anderen Frauen. Seine Stirn war blank.

Eine Gesandtschaft des Sultans Bajazeth brachte zwei weiße Papageien. Miser

Ulek teilte sein Zelt, als sie eintraten. Sie richtete sich auf, groß,

geschmückt und gemalt um die Augen, nahm den Kniefall der Gesandten und bat

Timur um die Tiere. Er sagte ihr, daß er sich freue, ihr zu Willen zu sein.

Sie wandte sich an die Turbanträger und sagte ihnen: daß, wenn sie sich

auch tagelang an den Tieren ergötze, sie diese dennoch nur lehren werde zu

sagen, daß das Staubkorn solchen Geschenks Timur keinen Augenaufschlag

durch aufhalten werde, ihren Sultan niederzuschlagen.

»Du bist stolz,« sagte einer der Turkmanen.

Timur sagte: »Es ist nicht nötig, stolz zu sein, um so kleine Dinge zu

sagen.«

Die Gesandten gingen, geschüttelt vor Zorn und Feigheit.

Die Tataren warfen Katapulte in ein Schloß, das das Meer umspülte, erritten

die Mauer, von den Sätteln aus hochspringend, und wurden heruntergestürzt.

Schielend vor Wut setzten sie sich in Klumpen um die Stadt. Ein

Unterhändler ritt aus den Mauern, aber beim Verhandeln mit vorgegangenen

Feldherren machten die Belagerten einen Ausfall und hieben ein Geschwader

Tataren zusammen. Die Tataren brausten in Bogen um die Stadt, fingen den

Einwohnern selbst die letzten Mäuse und Ratten, bis diese begannen, ihre

Toten zu speisen,

Ihr Feldherr kam morgens, abgezehrt, allein heraus, sich zu unterwerfen,

deutlich den Degen und das Schweißtuch in der Hand. Er stand vor Timur:

»Du hast gesiegt. Ich muß fliehen. Wohin? Zu dir.«

»Ich weiß es zu belohnen,« sagte Timur und überantwortete ihn dem Wind des

Untergangs. Gierig die Hände, zu rächen, lauerten die Tataren seines Winks,

dann schossen sie in die Stadt. Timurs Sohn Keser ergriff Hauptleute und

brach ihnen die Rücken wie Pfeile durch. Zeinabdeddin erhielt eine Lanze in

den Mund. Einen Pfeil noch in der Hüfte kam er zu Timur, deutete mit der

Hand, daß er nicht reden könne, legte den Kopf auf seine Füße und eilte

lächelnd aus seiner Jugend hinaus in die Gruft.

Die Tataren rissen die Türen aus, zwischen den Fenstern blitzten ihre

gesalbten Brüste. Spielend flogen die blanken Messer. Timur befahl

siebzigtausend Köpfe. Ihre Arme erlahmten, die Zungen fuhren erregt durch

den Mund. Sie kauften gierig, hundemüde, Köpfe voneinander.

Timur ließ sie vorbeitraben, sie hielten Köpfe in der Hand. Die Chinesin

stand neben ihm unter goldenem Zeltdach. Sie stieß die Hände in die Brust.

Keser führte des toten Zeinabdeddins Geschwader. Seine Brust war gewölbt

und sein Bauch eingezogen, daß, lag er, Hunde mit gerecktem Schweif durch

die Höhlung laufen konnten. Zwei geraubte Frauen lagen auf seinem Sattel.

Reitend kamen sie zum Paß Conghez, den drei Reiter verteidigten, einen Wall

Tataren vor sich niederlegend. Als Timur selbst vorsprengte, kam der größte

der drei auf ihn zu und schlug ihm zweimal feurig über den Helm, daß er

erstaunt stand wie eine Säule. Über die Felsen herunterkletternd schlug ihm

Keser den abgehauenen Kopf des Riesen vor die Füße.

Unter ihnen dehnte sich eine Landschaft, glatt und ohne Welle, mit

Fruchtbäumen, Quellen und vielen Lusthäusern geschmückt.

In diesen Gegenden rastend und den Genuß der strahlenden Sonne nehmend,

noch den Frost wirbelnden Schneesturms der Gebirge in den Knochen, kam

eines Mittags, wo Timur ein Lustzelt aufbauen ließ zwischen Tulpen in einer

Wiese, aus einem Hain eine Ziege, größer wie ein Pferd, ein Horn auf der

Stirn und voll langer grüner Haare, die die Erde überstreiften. Die

Chinesin, die neben ihm stand, duckte sich schreiend nieder.

Das Tier kam einen langsamen Gang auf sie zu, die Augen und das Horn gegen

Timurs Brust gewendet, aber gerade vor ihm verlor es die Richtung seines

Ganges. Es bewegte die Nase gegen die Höhe und zog einen Bogen weiter. Je

mehr es sich entfernte, um so stärker glänzte sein Fell, bis es, eine weiße

Wolke, in den Hain zurückschlug.

Die Chinesin hieb mit allen Gliedern um sich und klopfte die Stirn auf den

Boden vor Verzweiflung, die sich endlich sprengte. Sie schrie: ». . .

genug, genug . . .« und faßte sich nicht. Er fragte sie, warum sie es wolle

und sie sagte, weil sie ihn liebe, er aber lächelte mit einer Falte über

sie hin. Hinter ihnen standen Negerinnen und Miser Ulek. Steif das Gesicht

wie ein Segel flüsterte sie: »Preis für feige Offiziere, heulende Maus«.

Aber Timur schüttelte die filzigen Haare um den Kopf, daß sie schwieg.

Er ließ Guines holen in das Zelt und eine Windrose asiatischer Erde malen.

Zu zwei Dritteln füllte er sie mit roter Farbe. Auf den Rest deutete er,

seine Augen beherrschten opalig breit das Zelt, er sagte:

»Dies ist in meine Hand gegeben, soll ich das andere lassen?«

Ihre Lippen formten »zu viel«, aber ihr Atem gab dem kein Leben, denn seine

ungeheure Stirn erblickend, stürzte vor ihren Augen auch das letzte

Zeichen, und, erblassend, fiel sie vor ihn und versprach, ihre Liebe

zurückzuwerfen über ihre Angst und die Stimme zu töten, die aus ihr sprach.

Sie schwieg.

Schwieg Monate. Ihre feuchten porzellanenen Blicke leuchteten blau wie der

Mond.

In einer Nacht wieherten Pferde hell und wild. Es war eine weiße Nacht.

Ein Bote wurde in das Zelt geführt.

Der Feldherr des Sultans Bajazeth beugte sich ein wenig vor Timur und

kündete ihm die Schlacht. Seine Stimme war hart und edel. Timur schenkte

ihm ein Pferd.

Er bat, es am nächsten Tage gegen ihn reiten zu dürfen. Timur nickte.

»Ich werde das Geschenk in Ehren halten,« sagte der Feldherr.

Timur hielt eine Pause den Atem. Dann sagte er barsch:

»Ich lösche es morgen wieder aus.«

Am anderen Abend bestieg Timur sein Lager über den gebückten Rücken des

Sultan. Aus den erschlagenen Köpfen baute er Türme. Sie stiegen gieriger

als die Minarette Samarkands in den Himmel. Tataren wälzten sich fliegend

über Konstantinopel. Sie ließen die Glocken spielen und lagerten über den

Gärten am Meer.

Die Tataren waren behängt wie Weiber mit Turbanen voll Steinen. Ihre

Ausdünstungen überroch Ambra. Aus Moscheedecken schnitten sie Satteldecken.

Goldne Ketten flochten sie um ihr Haar und die Gebisse der Gäule.

Timur befahl den Zug nach Ägypten. Dem Heer voranreitend traf er auf dem

Marsch nachts in Tauriz ein, das ein Sohn von ihm residierte. Sie trabten

vor das Haus, das er bewohnte. Die Gärten waren erleuchtet, Gesindel und

Musikanten trieben sich in den Scheinen der Laternen durch die Gebüsche.

Sie ließen die Pferde fressen im Hof und stiegen hinauf. In dem großen Saal

lag er auf einem Haufen Teppiche. Die Fenster standen geöffnet gegen die

hinteren Gärten, die veilchenblau in der hellen Dämmerung sich hoben.

Zerbrochen waren die Weinkrüge, der Wein ausgegossen, die Schöne in seinem

Arm zerwühlt, die Halsschleife zerknüllt. Aus der Ecke tönte schwach die

Halbtrommel. Aus dem Mund der Flöte einen Augenblick aufgähnend, die Haare

verwirrt wie die Frauen, die das Gesicht nachts schmollend gegen die Wand

kehren, sah er auf nach der Seite, ohne Timur zu sehen. Auf den Teppichen

lagen Schlafende überall, auf einem Ast, sichtbar, vor dem Fenster, sang

eine Nachtigall ein Gasel, trotzdem erwachten sie nicht.

Timur ließ seinem Sohn, hinaustretend, Zeit bis zur Nüchternheit. In den

sternüberflogenen Garten schlug er ein Zelt. Er hatte keine Zeit zum

Verweilen, am Morgen, eh er ritt, ließ er ihn vor sich kommen.

»Ich habe eine halbe Stunde für dich,« sagte er. »Was hast du getan in der

Zeit, die ich dir die Provinz gab, welche Sherife hast du geschlagen,

welche Provinzen erobert? Hast du Vesten unter dich gelegt, Städte

gesprengt . . . Hast du Künstler gefangen und Bauten gemacht . . . Welche

Heere hast du geordnet, Aufstände gedämpft? Eile dich im Reden, meine Zeit

für dich ist knapp, sie soll gerecht sein.«

Der Sohn schlug die Augen nieder.

»Nichts,« sagte Timur. »Du hast geschwelgt, getrunken. Du bist weich

gelegen. Hast keine Feldherren. Die Provinz ist nicht bewacht, keine Grenze

erweitert. Du hast keine Jagden abgehalten. Kränze auf deinen Kopf gesetzt

wie ein Grieche.«

Der Jüngling hob den weichen Kopf und sagte trotzig:

»Hast du nicht Feste gefeiert wie keiner der Chane? Lag die Steppe nicht

tagelang voll wälzender Soldaten? Ist dein Frauenhaus nicht das größte?«

»Du wirfst mir vor. Gut. Rechnen wir ab.« Timur trat herabgebückt vor zu

dem in den Hüften Schaukelnden: »Gut. Aber . . .« er zog den Mund zusammen,

daß es eine Falte gab und durch den gedämpften Ton ein gepreßtes Keuchen

aus dem Innern stieg:

». . . ich habe sie verdient. Erworben. Glaubst du, sie haben mich nichts

gekostet wie dich? Glaubst du an die Abenteuer des Geistes, Kampf der

Seele? Weißt du um Prüfung? Und Überwindungen . . . Weißt du, über welche

Zacken der Qual erst eine Tat entsteht? Ich kann kein Blut sehen, aber ich

muß es vergießen, um daran zu steigen wie keiner.«

Erschrocken vor dieser heiseren und verächtlich geballten Stimme warf sich

der Jüngling hin und flehte, aufgelöst, daß er nicht verbannt werde in die

Wüste Cipribet, wo Timur die gefallenen Emire sammelte. Sein ängstliches

Kinderauge lauerte.

Timur kniff die Augen zusammen und sah Augenblicke lang auf den Sohn.

Dann öffnete er das Zelttuch und sagte:

»Das wäre die Strafe, weil du unnütz lebtest. Aber weißt du, daß du nicht

mehr leben darfst, nachdem du mich gereizt hast, daß ich dir dies sagte

. . .« Der Jüngling fiel bleich hinaus. Tataren brachten ihn in einen

Garten mit Galbudsamurblumen, die den Wind vergifteten, der ihn mit

zerpflückten Locken auf einem Rosenbeet überwand.

Die Mondköpfe Timurs grüner Paniere rollten über Flüsse und die toten Arme

des Meeres. Palästina füllte sich mit Reitern, kleinnasig, mit

aufgeworfenen Lippen und olivenfarbenen Wangen. Ihre spitzen Augen schoben

schräg nach der Stirn. Sie ritten gegen das brandende Meer, das sich weiß

vor ihnen aufsteilte. Sie konnten nicht weiter.

Sie legten die Gesichter in Fratzen, drehten scheu, bespritzt, und stoben,

sich schüttelnd, zurück in die heißen wogenden Wüsten. Sie überritten die

Städte der Küste, zerschlugen Jerusalem, rollten Pfeilschwärme über

Damaskus. Schlugen Mameluken, hingen Männer auf an den Füßen, Weiber an den

Brüsten.

Als Timur Alcair mit Katapulten in Brand schoß, betrat der ägyptische Fürst

weinend den Boden der Flucht. Die Mondköpfe stürmten die Stadt. Sie glühte

auf dreißig Parasangen, daß die Nacht hell wurde.

Ein dunkler Punkt in den roten Dämpfen stand gegen den Himmel der junge

Fürst und schaute auf seine Stadt, bis die Türme und Kuppeln krachend

zerstoben. Dann erst warf er sich von den Dämmen in den Nil.

In dieser Nacht reizte Miser Ulek einen kurdistanischen Stamm, dessen

letzter Abkömmling sie war, daß er die eigene Nachhut überfiel, abfiel von

Timur und, die Chinesin raubend, floh. Miser Ulek sah die Chinesin nicht

an, sie saß auf einem Eildromedar in einem schilfgeflochtenen Drahtkorb,

vergittert, unter dem Gepäck.

Yakou meldete es Timur noch die Nacht, schon zum Zeichen der Trauer in

blauer Filzkleidung das Zelt betretend.

»Die Chinesin,« keuchte Timur. Dann brüllte er auf. Aber sofort sich

packend, gab er dem alternden Yakou die Hand und ging über seine Rede

hinweg. Sich schüttelnd verfolgte er den ägyptischen Fürsten drei Tage, bis

er ihn, einfing wie einen Hasen. In einer Schlinge zappelnd wurde er

vorbeigeführt.

Doch Timur sah ihn nicht, schon wendete er. Mit dreitausend ausgewählten

Hauptleuten entflammte er die Erde mit schlagenden Hufen. Doggen stürzten

vor ihnen her auf der Spur.

In einem Steinbruch fingen sie den Stamm. Timur riß dem Schach selbst die

Augen heraus. Die anderen sotten sie in siebzig Kesseln. Es waren zwei

Prinzen aus Timurs Haus dabei. Sie sotten. Sein Kopf war unbeweglich. Blaß

mit roten Rändern um die Lider stand die Chinesin hinter ihm.

Den Abend brach mit der Hand am Dolch ein Neffe bei ihm ein. Timur riß ihm

mit dem Säbel den Unterarm ab. »O daß ich sterbe . . . o daß ich sterbe

. . .« stöhnte der Junge, der seine Brüder rächen wollte. Timur gab ihn zum

Sterben.

»Auch du hast deinen Oheim getötet,« sagte die Chinesin.

»Gott wollte das,« sagte Timur stolz. »Was will der Fant?«

Hochfahrend kam Miser Ulek vor das Gericht, das Timur ihr aus Fürsten

stellte. Sie hatte sich mit Schmuck belegt und bemalt wie eine große

Fürstin. Aus Versehen führten sie die Wachen zuerst in das Zelt des

wachthabenden Emirs. Timur ließ dem Emir Stockschläge auf die Sohlen geben,

denn sie war seines Geblüts und er ehrte sie im Zorn noch, daß sie nicht im

Haus eines Untergebenen weile.

Das Gericht sprach kein Wort vom Raub der Chinesin. Dies wurde nicht

erwähnt. Miser Ulek sprach keine Silbe. Das Gericht verhandelte wie nach

Vereinbarung über einen Seid, den Miser Ulek in ihrer chinesischen

Residenz, die sie, Timurs Zügen folgend, nie besuchte, auf der Straße

erstechen ließ, weil er vergaß, ihr zu ihrem Geburtstag eine Aufwartung zu

machen. Sie wurde zu tausend Balischen Gold verurteilt.

Kurz lag ihr Blick auf der Chinesin, stechend und kalt.

Sie erwiderte kein Wort, Timurs Gesicht blieb starr, als sie, die die

Flamme seiner Pläne war, hochaufgerichtet, klirrend von Steinen, die er ihr

geschenkt, den Raum verließ.

Sie fastete zehn Tage, aber das Leben der zähen Katze, das in ihr schlief,

verlief nur schwer. Als am elften Tage die Stimme der Gottheit an sie

erscholl, rief sie, schön noch mit bleichen Lippen: »Ich bin bereit.«

Kein anderes Weib als die Chinesin kam fürder auf Timurs Pfühl.

In einem Tale stiller Gräser und Tiere lebte er mit ihr ein halbes Jahr und

jagte Schwäne auf den Teichen.

Eine Mondfinsternis riß ihn auf, er kehrte nach Samarkand zurück und

rüstete den indischen Zug, leblos die Chinesin mit sich führend. Die

Feldherrn kamen in das dunkle kleine Haus, der Garten war überdacht mit

Leinen, die Fontäne knallte. Guines nahm den flimmernden Lauf der Sterne

auf, die aus entfernten Gebirgen aufstiegen. Timur füllte bis auf ein

Kleines das letzte Drittel seiner Windrose. Aus allen Provinzen Asiens

fielen Heere in die Ebene, erstiegen die Gebirge und strömten in die

Tiefländer.

In einem südlichen Gebirg gingen Menschen an ihnen vorbei, stolz wie

Götter, die, weißer Haut, von der Sonne angeglüht, auf dem hohen Schnee

nackt liefen. Waffenlos traten sie heran, stellten die Arme auf die Hüften

und ließen lächelnd die Tataren vorüberreiten. Sie hießen Siapusch. Timur

ließ ihren Anführer von einem Gletscher hinabstürzen, er flog, die Arme

gebreitet, ab.

Als erster warf Timur sein Pferd in den Indus, dann brachen die Heere

tagelang nach und zerwühlten den Strom. An der steinernen Kuh, aus deren

Euter der Ganges fällt in sieben Strahlen, warf er ein Heer der Inder um.

Er ließ die lebenden Gefangenen zusammenschichten zu Türmen, legte feuchten

Lehm und Gebälk dazwischen, mörtelte sie ein. Die Türme schwankten wie

Schlangen bis in die Nacht. Dann erstarrten sie.

Geknäult in sein Zelt, die Augen weit geöffnet, sagte er, wenn indische

Trophäen kamen, der Boten überdrüssig: »Was kommen sie, bin ich müde?«, und

sandte ihnen den Todesbefehl entgegen.

Auch hier teilte die Chinesin sein Zelt.

Am unteren Ganges fing die Vorhut einen Prinzen, schön wie ein Schläfer,

daß die Papageien der Chinesin zu singen anhuben wie die Lerchen, geblendet

von ihm. Er ließ ihn, um den viele als Sklaven inbrünstig baten, um seine

Schönheit in einem Ausgleich zu ehren, in seidenen Tapeten zu Tode rollen.

An den Seiten der Flüsse folgten seinem Fuß zuckende Türme, die sich in das

Rot schwerer Abende hineinkrümmten. Die Tataren gossen sich aus dem Gebirg

herunter, Pfeile schütteten die Wälder zu, Pferdegewieher rauschte in die

Ströme.

Timur warf die Geschwader um Dehli.

Zur Entsetzung der dreistaffligen Königsstadt kamen um den Bogen des Stroms

Hunderte von Schiffen rotgesegelt eines Morgens den Fluß herauf. Das

stahlblaue Band der Strömung zitterte. Mit Katapulten zerschmetterten die

Tataren knallend die Hölzer. Bogenschützen, die Ufer säumend, mit

Harnischen, schossen den Fluß rot, daß er über die Ufer trat.

Um Dehli lag ein fester Ring. Andere Geschwader lösten sich. Wie Bremsen

glitzernd warfen sie das Land unter ihre Pferdebäuche bis ans Meer. Als die

Wellen vor ihnen sich wütend in die Höhe bogen, ritten sie knirschend

zurück.

Aus Dehli fiel ein Heer aus. Das Tal stand überflutet von braunen Indern.

Elefanten wogten an mit giftigen Dolchen. Glocken, Pauken und Trommeln

knatterten. Aus den Tatarenreihen flogen Flitschpfeile. Ochsen sausten los,

brennendes Reisig zwischen den Hörnern, die Augen dunkelgebläht.

Tatarenhaufen stießen in die braunen Massen, rissen mit geschärften Ringen

die Rüssel der Elefanten aus den Körpern. Das Tal spie Blut in den

Gangesarm. Die Braunen schwanden. Tataren brachen bis an die Tore. Auf dem

Feld tanzten die Nacht in gekrümmten Sprüngen die ausgerissenen Rüssel.

Mit krummen Schenkeln, obeinig, ersprangen, die Tataren die Vorstädte, drei

Tage schwangen sie die Messer, die Gheberer warfen ihre Kinder und Frauen

ins Feuer, die Muslemin aus Angst vor den Tataren erdrosselten sie, und,

selbst die Leiber zerhackt, entfielen sie den Säbeln der Tataren.

Nach diesen drei Tagen schmiß Keser seinen Säbel auf einen Prellstein, spie

aus und ritt zu Guines. Den zwang er zu seinem Vater zu laufen mit den

Worten, die er ihn lehrte:

»Ich habe gekämpft wie wenige deiner Feldherrn. Du hast mich belohnt. Ich

danke dir. Doch ich bin diesen Auftrag müde. Bin ich ein Metzger oder ein

Hund? Ich fechte nicht weiter in der Stadt. Ich werfe mich in den Staub vor

deiner Kraft. Aber bedenke, hättest du die Verwüstungen Nebukadnezars, die

Macht der Amalekiter: das Grab eines Palastes ist das Ende. Ein Hemd und

ein Rock, reines Wasser und Brot ist alles, was ein durchgängiger

Wandersmann verlangen muß und schon zuviel für einen. Mein Kopf steht dir

frei. Aber ich höre auf, laß es genug sein.«

Ein Wolkenbruch spülte Wellen Wassers in die Zelte und der Wind war voll

Schwaden Blutdampfs. Guines erwartete seinen Tod, dem er bei Keser

entronnen war, nun bei Timur. Doch der sandte ihn Keser zu holen.

Timur hob die Braue, groß gefüllt, und sagte: »Knabe . . .« Weiter kam ihm

kein Wort, denn der Mann, der zehn Sherife gestürzt, fiel in die Knie.

Die Chinesin sah auf ihn, die Augen schimmernd und hob die Hand ins Haar.

Als der Regen drohender anlief, legten sie Filz in die Straßen, der das

Wasser einsog und hieben weiter. An den Gebetschnüren hingen die Radschas

aus den Fenstern der hochgegliederten Paläste. Naphthafeuerwerker setzten

den Fluß in Brand.

Als die Stadt leer war, füllte Timur den letzten Fleck von Weiße auf seiner

Windrose, die Welt lag in seinen Händen, schaukelnd nach dem Tempo seines

Atems, es gab kein Tier, das nicht unter seinen Pfeilen stand.

So wuchs er über alles.

Von den Gliedern der Chinesin fiel eine Starre, in einer glühenden Umarmung

wühlte sie sich die Nacht an seine Brust.

Allein es war noch nicht die Zeit.

Yakou kam als letzter aus der Stadt, den Kopf zitternd tragend, ordnete die

ungeheuren Massen der Gefangenen, küßte Timurs Sohle und, nicht mehr

sprechend, vom Joch der Monate überspannt, zog er sich in den Winkel seines

Zeltes zurück und wandte fürder das Gesicht der Nische der Gottesverehrung

zu.

Seine Tat war getan. Seine Hände glitten über kostbare Stoffe, die er

ordnend durch die Finger führte und im Hingleiten der Tage erhielten seine

Augen sicheren ruhigen Glanz.

Am Morgen kam als Bote des griechischen Kaisers der Prinz von Schiruan,

breitete vor dem Zelt neun Ladungen aus edler Geschirre, neun Kamele voll

Teppiche und acht gelehrte Sklaven, die Harfen, Zirkel und Papierrollen

trugen. Sie fragten ihn, wo der neunte sei, wie die Sitte es wolle. Er hob

die Hand, bog sie um und stellte den Finger gegen die eigene Brust.

Die Heere Axallas, die die Küsten durchstäupt hatten, kehrten donnernd

zurück. Axalla fehlte. Sein Schreiber brachte seinen Brief: »Vierzig Jahre

führe ich Krieg mit dir. Der Tod schlägt mich am Meer entzwei, ich sterbe

in Verdruß, daß ich nicht Dehli mit dir nehmen kann. Doch bin ich nicht

groß genug, um bis ans Ende mitzugehen.«

Es war ein heißer Morgen, ganz gelb voll spiegelndem Licht. Timurs Mund war

geschlossen, als er mit der Chinesin die Schätze musternd vorüberging, das

Letzte der Welt. Die Strahlen flogen in Fluten darüber. »Einsam,« sagte

Timur, »aber am Ziel.«

»Leben wir,« sagte die Chinesin: »Es ist überstanden.«

Den Abend ließ er die Gefangenen zusammenpferchen. Sie füllten den ganzen

auslaufenden Kessel des Gebirgs. Es waren hunderttausend Leiber, um die die

gelbkalkigen Abhänge hingen. Ihnen gegenüber stellte Timur die Halbbogen

zweier Heere an das andere Ende der Ebene. In der Nacht ging der Fluß

zurück und ließ silbrige Quallen. Heiße Fontänen spritzten um das Lager in

die Höhe, und zwei Kometen bohrten sich durch den hängenden Himmel.

Am Morgen ging Timur vor das Zelt.

Dann schritt er einen Hügel hinauf, der mit einem Kegel mitten in der Ebene

aufstieg.

Links wogte im Kessel die braune Flut, ungedämmt, sich an den Wänden

brechend, der Gefangenen. Rechts hielten die Tataren, bereit zum Sturm.

Zwischen ihnen am Fuße des Hügels war eine Tribüne, und ein Tatar hielt,

das Gesicht heraufgerichtet, einen halbgerafften Teppich in der Hand.

Die Tataren hielten unbeweglich, gegossen, die Zügel zwischen die Zähne

eingespannt. Die Pferde stemmten die Beine nach vorn, an den Mäulern

zurückgerissen. Die runden Säbel blitzten in der Sonne. Sie hingen

blutgierig wie zwei geschwollene Wolken am Ende des Gebirgs.

Da begriff die Chinesin.

Die Freude losch aus ihren Blicken. Und das Schweigen brechend wandte sie

ihre erschütterte Seele gegen ihn und beschwor ihn. Während die stille

Sicherheit, die sie aus den vergangenen Tagen gesogen, einstürzte vor neuer

Qual, rief sie die Schlichtheit seiner Gärten vor ihn hin, die Kanäle, die

Flüsse, die Paläste, Samarkand. »Leben wir. Laß das Unnötige.« Sie zog den

Mund in einem Bogen, daß die gedämmte Inbrunst der Sprache über ihr Gesicht

rann und sie verstummte.

Eine Flamme schoß aus den Augen der Chinesin, Timur schüttelte den Kopf:

»Ich gehe bis an das Ende.«

»Gott hemmt dich in mir.«

»Du warst der Stachel nur Gottes, daß ich nicht rastete.«

Sie riß mit einem Schrei das Kleid von ihrer Brust und jammerte: »O daß ich

dich tötete . . . o daß ich dich tötete.«

Mit einem Sprung kehrte sie sich um, legte die Hände vor den Mund, und, vor

ihn tretend, rief sie hinunter zur Tribüne:

»Vorhanghalter, laß den Vorhang fallen. Es ist keine Vorstellung mehr.«

Doch auf ihre kleine Stimme, die nicht hinunterreichte, geschah nichts. Sie

kehrte, die Hände senkend, sich um.

Sie sah auf Timurs Stirn mit einemmal die Stelle, die der Pfeil getroffen,

erhellt wie ein rotes Gestirn, von dem Riefen nach den Seiten liefen und

heller wurden. Hinter seinem Kopf stieg die Sonne aus dem Gebirg, und sein

Gesicht, aufgeklärt und wie mit einer Keule verdichtet, wuchs zu Granit

hinein in die roten Kreise, die sich darum nieteten und ihre Strahlen

aussandten, die schon den letzten Horizont entzündeten.

Da nahm sie die Hand an die Stirn und fiel, zurückgedonnert von diesem

Gesicht.

Aber er, vor die Frau tretend, die hinfiel abgeblendet, nahm, indem er sie

aufhob, die Sehne aus der Gabelung seines Bogens und zog und umschnürte

ihren Hals. Dann biß er ihn auf, nahm einen Mund voll ihres Blutes und gab

den Wink, daß der Vorhang sich hebe, hinunterschreitend zu den Zelten,

durchbraust von Gott, der ihn berief, auch in diesem Letzten, sein

unsterbliches Gesicht glänzend wie Gold.

Timur: Novellen · 第 22 / 22 题