Die Kreolin bog sich in ihrer Matte und sagte: »Aber ich liebe das Spiel.«

Der Hund sprang über die Matte hin und zurück, und sie sah Vaudricourt so

lange an, bis er verzweifelt ans Heck ging und ins Weite stierte.

Abends legten sie eine Pharaobank aus und spielten.

Als sie um Kap Horn fuhren, griff ein Wind sie von der Seite und warf sie

gegen eine Bank. Da das Steuer aus Zufall quer stand, glitten sie scharf

vorbei.

Wieder flogen sie in den blauen Spiegel der Winde.

An einem Morgen lag Land vor ihnen. Sie hoben die Köpfe. Sie begriffen erst

langsam, daß es Land sei. Sie fuhren Wochen schon.

Steil erhob sich eine dunkle Küste, die ohne jede Einschnürung war. Sie

suchten zwei Tage lang eine Einfahrt an der westlichen Küste, sie trafen

nichts als einen Wall schwarzen Gesteins, aus dem Flüsse ins Meer spien. Da

gab das Admiralschiff das Zeichen, und sie fuhren nach der östlichen Seite.

Da hob sich der Nebel und schwebte in einer gleichen Lage wie ein

mystisches Tuch in die Höhe. Berge in tausend Gipfeln, die weiß waren wie

Schnee, stellten sich gegen den Himmel, der in unsäglichem Blau an ihren

Linien herabrann. Vor ihnen öffneten sich geschwungene Buchten, saftig und

grün heranschwellend ans Meer.

Sie warfen Anker.

Dann schifften sie aus. Da brach aus Gebüsch weiter hinten eine Masse

fetter eingeborener Weiber mit Geschrei. Doch liefen sie nicht nach vorn,

sondern bewegten sich in gleichbleibender Erregung am Platz.

In der Mitte zwischen der Küste und den Tobenden stand eine Zeder mit

Olivenblättern. Neben ihr, allein, war ein Eingeborener, braungelb, und hob

die Hand. Er näherte sich nicht und ließ sie herankommen. Die Offiziere

grüßten ihn höflich, so viel Würde war an ihm. Jean François sprach ihn an.

Da wuchsen, als er die eigene Sprache vernahm, seine Augen ins Ungemessene,

er berührte seine Nase und verneigte sich tief. Sie verabredeten zum

folgenden Tag eine Expedition. Durch Boden aus Bims und schwarzem Glas

brachen sie vor, bis sie in ein Tal kamen, das viele Brotbäume hatte. Jean

François befahl, sie auszupflanzen und auf das Schiff zu bringen.

Der Anführer verneigte sich, sprach kein Wort und ließ den Blick nicht von

ihm.

Rückwärts durchquerten sie einen Sumpf, in dem viel Pappeln standen. Am

letzten Rande des Moors, wo das Gelände sich nach dem Meer abbaute, saß

eine Frau, die eine Farrenwurzel kaute, die Fasern löste und einem Säugling

in den Mund schob. Es war hoher Mittag und die Sonne fiel steil auf die

Frau.

Sie hob den Blick, ließ ihn an Jean François hängen und hob das Kind hoch

in die Luft, drehte sich dreimal im Kreis und lief rufend, die Arme

kreisend, davon.

Das Land war Neu-Seeland.

In der Nacht ging Jean François auf Deck. Schlaf kam ihm nicht. Er sah die

weiche Küste sich gegenüberliegen. Er sann nach. Er war nie an dieser Insel

gewesen. Er schaute den Himmel ab. Der Mond rollte hoch über den Bergen des

Westens. Er fühlte sich sehr leicht und umgeben von einer unerhörten

Wallung. Er horchte lange, schnickte Wassertropfen von seinem Ärmel und

ging hinunter.

In der Nacht fiel Frost.

In den drei folgenden Tagen füllten sie die Hälfte der Schiffe mit Bäumen.

Am vierten fuhren sie.

Sie fuhren nördlich.

Die Schiffe glitten voll Musik zwischen wunderbaren Eilanden durch, an

Buchten vorüber, die voll Pinguinen saßen und von Bächen durchströmt waren.

Sie lagen den ganzen Tag auf dem Vorderdeck und rauchten. Das Meer war

leicht und kaum bewegt, und die Inseln formten sich mit glänzenden Farben

und Vogelruf aus ihm heraus wie Wasserblumen.

Als sie zwischen einem Gemisch süßer Buchten lavierten, suchte die Kreolin

Jean François zu verführen, indem sie abends nach dem Ankern ihr Bein aus

der Matte gleiten ließ und ihren Fuß langsam über seine Hand führte.

Doch er stellte das Windlicht schräger, daß die Matte ganz in Vaudricourts

Blickfeld blieb.

Sie ankerten noch einmal in Guam, um Wasser zu nehmen und den Rest der

Ladung. Sie blieben zwei Wochen in dem Hafen, der vor vier Winden schützte.

Die Bucht war morgens rot von Seegras, Meerwölfen und Seenesseln. Große

Schildkröten schwammen langsam vorüber.

Den Mittag gingen sie in die Stadt, die auf Pfählen stand. Der spanische

Gouverneur Dom Simon de Auda ließ die Wache antreten und ging ihnen jeden

Tag in großer Uniform entgegen. Auf seiner Veranda nahmen sie Schokolade

und lange Zigaretten, die er ohne Pause selber drehte. Dann ritten sie ins

Innere, das voll Savannen lag, die tief in den Urwald hineinreichten, auf

denen weiße Ochsen mit dunklen Ohren gingen. Am letzten Abend gab er ihnen

ein Fest.

Die Eingeborenen, deren Reste die Spanier auf diese Insel gepfercht hatten,

da sie revoltierten und aus Verzweiflung ihre Frauen zwangen, die Kinder

nicht mehr auszutragen, bewegten sich mit Lichtern und Stieren auf einer

weichen Rasenebene, um die der Wald aufwuchs. Im Gezuck der Bodenfeuer und

dem Kreischen der Männer kämpften zwei Hähne. Der Spanier saß unbeweglich

und stolz davor. Sie nahmen großen Abschied. Aber im letzten Augenblick,

noch am Strand, kam eine Schar aus dem Inneren, die Weiber mit roten

Hummerscheeren in den Ohren und legten, die Offiziere umringend, Gaben hin

und in die Nähe von Jean François. Jean François verzog nicht den Mund.

Letztmals legten sie bei den Philippinen an. Der Gouverneur sandte eine

Einladung durch seinen Minister, einen Native in Hosen aus roter Seide und

weißem, chinesischem Hemd. Er bat, ungezählt lang zu bleiben. Seine

Langeweile wiege seine Orden nicht auf. Er versprach gestirnte Hirsche und

Eingeborene mit Schwänzen.

Jules Labé sagte lächelnd, ein Wunder sei eines Wunders wert und sah auf

Vaudricourt. Die Kreolin trug eine ironische Falte und bat, ihr den weißen

Stoff zu besorgen, den der Minister trage. Jules Labé zog ihn in eine Ecke

und kaufte das Hemd um eine Pistole. Nur seine Hosen glühten, als er

halbnackt vom Ufer zurückwinkte. Die ganze Nacht schwammen die Inseln unter

weichen Mandolinentönen.

Morgens flaggte das Signal zur Abfahrt.

Mittags hob sich ein Strudel aus dem Meer, wuchs an den Himmel und sprengte

wie ein Geschoß die Schiffe auseinander.

Sie fuhren auf seiner Fregatte Wochen irr und im Sturm.

Als sie glaubten, daß sie sterben wollten und alles gleich schien, senkte

sich ein linder Abend herab. Die Wellen schoben sich ineinander, der Wind

lief gering und zart. Wie ein Schaumnest quoll der Horizont auseinander. Im

letzten Licht streckte sich eine schmale Bai vor ihnen aus. Sie wußten

nicht, wo sie waren. Der Sturm hatte die Kompasse zerhauen. Sie fanden nur

aus dem Sonnenstand, daß sie westlich fahren müßten und beluden, die

Gesichter aufgehellt, das Schiff mit Leinwand, daß es gut davonstrich. Sie

warfen keine Anker in der Dämmerung, da die Lotung günstig war.

Sie ließen die Fregatte gleiten. Dämmerung schob sich raubend zwischen das

Schiff und das Land. Sie glitten in leichter Brise seltsam geschwellt in

das warme Meer.

Da ließ Jean François, während die anderen aßen, die Hände vom Reeling.

Sein Herz hob sich. Er taumelte fast. Von einem Gestiegensein getragen,

ging er ans Heck. Sein Herz sprang. Er überstrich das Schiff mit dem Auge.

Er wußte nicht, was er tat. Aber er ließ, stolz und strahlend, das kleinste

Boot herunter, sprang hinein und stieß ab von der Fregatte in die

Dunkelheit, die ihn anzog, daß seine Pulse brannten.

Er ging ohne Abschied, die Hände leer, das Ohr ungeheuer gefüllt vom

schwachen Geräusch ferner Brandung.

Allein die Ebbe war ihm entgegen. Er ruderte mit allen Muskeln. Doch er kam

nicht vorwärts und das erzürnte ihn, daß er das Ruder drohend in die Nacht

hinein hob.

Er arbeitete weiter. Er ruderte mit allen Muskeln, allein die Ebbe war

entgegen und warf ihn zurück. Es war eine lange Nacht. Sturzseen überfielen

ihn. Riffe türmten sich auf. Sein Kiel streifte oft an Madreporen. Allein

er barst nicht.

Sein Gesicht strahlte, daß die Dunkelheit um ihn wich. Seine Augen hefteten

sich an das Land und zogen sich hin an dieser Kette. Gegen Morgen umfuhr er

eine Bucht Korallen und schob sich in helles Wasser. -- Als sein Boot Sand

unter sich erknirschen machte, wich die Dämmerung. Die Küste lag frei. Er

sprang mit einem riesigen Satz hinüber.

Es wurde Morgen, und Helligkeit stürzte über ihn.

Vor ihm standen Eingeborene, die Muscheln suchten. Als er aber unter ihnen

erschien, erstarrten sie. Einer allein sprang in die Luft, drehte sich im

Wirbel und schrie wie in hitzigem Gelächter.

Die anderen aber fielen zur Erde. Sie lagen wie gefällt. Die Frauen sahen

hoch und zogen die Haare über den Mund. Dann riefen sie: »Rono . . . .

Rono« -- und weiter kein Wort.

Er befahl ihnen aufzustehen. Sie wichen zurück.

»Welche Insel?« rief er mit der Sprache von O-Taheiti.

Allein sie antworteten mit dem rechten Dialekt:

»Oahu«, sagten sie und starben schier.

Er aber hatte diese Sprache lange nicht gehört. »Oahu«, sagte er und sah

sich um. Seine Augen schlossen sich. Das Blut zog hinauf in den Kopf. Dann

fiel es zurück. Die Blicke faßten alles.

Zugleich vergaß er alles Vorherige. Es hatte keinen Wert mehr, es fiel wie

eine Kulisse. England strömte aus seinem Bewußtsein. Vaudricourt, die

Kreolin flogen schemenhaft von ihm. Alles Seitherige erschien ihm nur

geheimnisvoll (auch im Unbegreiflichen) nach dieser Küste gerichteter

Wille.

So begriff er alles im Fallenlassen und Heben der Lider. Nahm den Fall des

Strandes in sich auf, das Erbrausen der Brandung, die Demut der Natives und

einen zarten Maiabaum, der ganz allein auf der Küste stand.

Wie alles hinter ihm zurücksank, kein Gedanke das Schiff mehr suchte, das

zwischen fernen Wellen segelte und nichts mehr aus ihm her daran rührte,

stieg eine Zärtlichkeit in ihm, der folgend er niederkniete. Legte das

Gesicht in den weißen Sand, erhob sich, den Kopf drehend, und schrie wie

ein Tier in das Land.

Da stoben die Eingeborenen in den Wald.

Nachdem er die alte Welt aus seiner Seele getilgt hatte und gierig den

Einzug der neuen spürend, folgte er ihnen.

Es war still. Die Bäume schlossen sich dicht über ihm. Er ging. Eine

Fledermaus spannte sich vor ihm auf und flog. Wurzeln krallten sich über

den Weg. Der Tag stieg. Ein Trogu kletterte in den Palmen. Er segnete ihn.

Zwischen Schachtelhalmen rauschte ein Wiedehopf. Es wurde stiller. Sein

Herz klopfte bis in die Kokoskronen und breitete sich über sie. Sein Herz

schwoll über den Wald und verschlang sich mit ihm, daß jedes Geräusch der

Blätter in seinen Kammern mitschwoll. Er empfand Zärtlichkeit für alles. Am

Mittag sah er einen langen, spitzen Kopf mit steilem, hohem Ohr. Es war ein

wildes Schwein. Es sah ihn an. Er streichelte es.

Er ging.

Dann kam er in ein kleines Tal. Bergwände warfen sich herunter, es war eng

und dicht. Plötzlich verließ er das Dickicht und brach ins Freie. Die Enge

war paradiesisch. Palmen schwankten in der Sonne über einer Hütte.

Vor der Hütte stand ein Mädchen.

Timur: Novellen · 第 5 / 22 题