Der Gott

Seine Mutter verließ ihn, nachdem sie ihn ein halbes Jahr vorher geboren

hatte. Er schlug die festen Arme in die Luft und rief zweimal: »Ma«. --

Dann losch sie, die ein großes Segelboot von Honoruru entfernte, aus seinem

Gedächtnis. Seine französische Gouvernante nannte ihn Jean François und

lieh ihm wenig Zeit und Mühe. Seine drei ersten Jahre vollzogen sich am

Strand. Gespielen waren ihm Natives, Chinesen und Malaien. Er kroch auf dem

Bauch und schrie aus gebräunter Kehle langgedehnte Vokale und wurde ein

gesundes Kind.

Nach drei Jahren kehrte die Mutter zurück. Sie suchte ihn im ganzen Haus,

den Gebäuden der einzigen Faktorei auf der Insel, lief durch den Garten und

fand ihn im Sand am Meer zwischen Muscheln und Farbigen. Sie gab der

französischen Gouvernante eine Ohrfeige und nahm ihr Kind auf den Arm.

Sie fragte ihn in englischer Rede schluchzend, wie er sich befinde. Der

Junge aber schwieg, denn er verstand sie nicht. Er sprach nur polynesisch

und minderes Französisch. Die Mutter war eine feurige Frau. Sie weinte und

glaubte, das Kind sei vertauscht. Das Kind sah sie stumm mit großen Augen

an. Sie wies es zurück und schenkte ihm einen Monat lang keinen Blick. Kurz

darauf verfiel es einer Krankheit, und als sie nun besorgt und glücklich es

pflegte, sagte es an einem Morgen: »Ma«.

Nach geringer Zeit vermochten sie sich in der Rede zu verständigen. Da

zwang ein ausbrechendes Leiden die Mutter, die begonnen hatte, in Ruhe ihre

schweifende Seele an das Kind anzulehnen, ins Weite. Sie schifften sich auf

dem Segler Bounty ein, als die Sonne einen riesigen Kranz um die Insel

legte und in dunklem Blau verging. Ein Krater rauchte noch dünn in die

Dämmerung. Dann scholl das unendliche Meer in ihr Ohr.

Sie erlebten am dritten Tage einen Sturm, der das Schiff über die Wellen

schleuderte, daß die Kajütenwände sprangen. Jean François hielt verzückt

den Stößen stand. Der Kapitän ließ Stagsegel aufziehen. Sie rissen sofort.

An den Marquesasinseln warfen sie Anker. Der Meerboden war Muschelgrund und

Kalkgrieß, der Anker hielt nicht.

Da stieß, während sie lavierten, ein Kanoe mit rotem Holz und Perlmutter in

der Schnitzung aus einer Bucht. Zwei Wilde hielten kupferfarbene Binsen

hoch und winkten. Folgend bugsierten sie die Bounty in eine Bay.

Der eine Malaie stieg herauf, seine Glieder hatten wunderbaren Anstand. Sie

bedeuteten ihm, sie brauchten Wasser, da schrie er sofort, indem er die

Hand wie eine Schale unter den Mund legte, ins Meer hinaus. Der Strand

bevölkerte sich mit Booten, die in breiten Gefäßen Wasser und Geflügel

brachten, denn viele der Matrosen litten am Scharbock. Jean François, auf

dem Arm seiner Mutter an den Mast gelehnt, rief ihnen einige Sätze zu. Da

erstaunten sie und verbeugten sich vor ihm. Ihr Oberhaupt aber legte ein

Messer vor ihn hin und sagte: »Rono . . . Rono -- --«.

Bald hörten sie es donnern. Vogelschwärme rauschten über sie. In leichter

Brise liefen sie gegen eine Küste an. Es war Peru. Sie ankerten im Hafen

von Callao. Zwanzig Matrosen desertierten in der Nacht. Sie stellten

Spanier ein. Langsam trieben sie die Küste hinunter, bis sie Antufugasta

erreichten.

Dort stiegen sie aus. Sie blieben wenige Tage, aber das Klima

verschlechterte die Gesundheit der Frau. Sie zog in die Berge hinauf zu

einer Schwefelquelle, in der sie badete. Jean François jedoch vertrug die

Luft der Höhe nicht und wurde bleich. Deshalb gab ihn die Mutter mit

einiger Dienerschaft hinunter nach Valparaiso.

Als die Mutter zurückkam, war Jean François sechs Jahre alt, hatte blonde

Haare und braune Haut und sprach nun spanisch und polynesisch (den Dialekt

von Taheiti und der hawaiischen Eilands), aber kein Wort englisch. Da

beschloß die Frau, den Sohn, der ihr bis zur Hüfte reichte, und mit dem sie

kein Wort zu wechseln wußte außer dem Gefühl, das von Auge zu Auge strömend

redete, nie wieder zu verlassen in seiner Jugend, schiffte sich mit ihm

ein, und an einem Morgen kam ihnen wieder unter dem Himmel die große Küste

Oahus entgegen.

Sie fanden dort bei ihrem Eintritt in das Haus die Nachricht, daß Jean

François' Vater gestorben sei, der die Jahre in Rom und in einer Mission

des Papstes in Skandinavien verweilt hatte. Die Mutter ward still und

nachdenklich, obwohl ihre Seele getrennt von dem Schicksal dieses Mannes

lag. Jean François begriff dagegen keineswegs, um was es ging, und lehnte

ab, als sie es ihm deutlich machen wollte.

Sein Gefühl verbreiterte sich. Er lebte sein Dasein bis zum sechzehnten

Jahre rund herum aus im Kreis der Begriffe und Dinge, die ihn umgaben. Die

Gedanken waren schlicht. Die Dinge gestalteten sich einfach, nur im Verkehr

mit primitivem Dasein. Selten nur brachten anlegende Schiffe Europa in sein

Blickfeld. Aber seine Seele saugte sich fest an Küste, Meer und Land.

Dann sandte ihn die Mutter, die noch vier Jahre die Welt durchschweifen

wollte, von sich, damit er in den europäischen Dunstkreis eintrete. Sie

stellte ihm große Wechsel aus, und sie verplauderten den letzten halben

Abend.

Darauf ging er hinaus in den Garten. An der großen Hecke der weißen

Himbeeren stand Kalekua, die dem Geschlecht der Könige verwandt war, sang

vor sich hin und schaute über ihren Garten hinauf zu ihrem hellen schönen

Haus. Jean François, die Brust von Weite erfüllt, rief ihren Namen, mit der

er die anfänglichen Spiele erster Jugend geteilt hatte. Sie wandte sich um.

In diesem Augenblick hob sich das Gefühl abenteuerlicher Ferne, in die er

verlangte, zu einer großen Welle, und er, dessen Hände noch keine Frau

berührt hatten, überströmte den Körper des Mädchens mit Liebkosungen. Ihre

dünnen Gewänder schwanden unter seiner Hand, und er fühlte ihre weichen und

wunderbar gerundeten Glieder ihm entgegenfliegen. Da faßte er sie auf die

Arme und trug sie noch tiefer in den Garten in die Mulde einer Platane.

Ganz umhängt von ihrem Duft hob er sich in den Morgen, schiffte sich ein

und fuhr nach England.

Nach zwei Jahren schon zog seine Mutter ihm nach; Sie nahmen ein Haus in

der Nähe des Hydeparks. Sommers zogen sie auf ein Landgut in Schottland.

Sie empfingen viele Menschen, gaben große Gesellschaft und hatten

ausgewählte Freunde. Aus ihren Besitzungen flossen gewaltige Mittel immer

erhöht ihnen zu, später verkauften sie Anwartschaft und Faktoreien und

breiteten das Kapital in englischen Anlagen aus.

Vor der Wirklichkeit dieses fest gegründeten Daseins sank die Jugend der

Südsee, fast vergessen, in Traum zurück. Jean François studierte in

Cambridge, züchtete Hunde und hatte Anspruch auf die diplomatische

Laufbahn. Mit neunzehn Jahren hatte sich die Luftschicht weltmännischer

Beherrschung dicht um ihn gelegt.

An dem Tage, wo er den großen Preis im Ballspiel für das westliche England

errang, starb seine Mutter. Er erfuhr es, als er, den Kopf zurückgelegt,

sich von der Richtertribüne wendend, nach der Seite ging und den Diener

sah, der ihm den Brief überreichte.

Er war einundzwanzig Jahre, hatte einen glänzenden Körper und gute Zukunft,

wie viele sagten.

Er kehrte nach London zurück, verschloß die Fenster und nahm am brennenden

Kamin das Bild seiner Mutter vor und beschaute es. Sein Herz öffnete sich

nicht, sie heftig zu beweinen. Kaum ward ihm die eingetretene Leere bewußt.

Eine Unbegreiflichkeit waltete über seinen Gefühlen, daß sie ihn, dem

Schwung erhöhter Seelenlagen fernhaltend, alle Empfindungen nur von der

Oberfläche diktiert und durch etwas von seinem inneren Dasein getrennt

erleben ließen. Er zog in der Folge roten Dreß an und jagte Füchse und

legte die Sachen der Mutter beiseite. Beim Jagen und raschen Leben kam ihm

geringer das Gefühl, in leichter Betäubung sich zu befinden.

Bei einem ausgesuchten Diner saß ihm eine Sängerin gegenüber, deren zarte

Haut und große Augen seinen Blick anzogen. Um sie besser zu sehen, nahm er

eine breite Blumenattrappe und setzte sie auf den Boden hinter seinen

Stuhl. Ihr Blick begann, entgegenkommend, gleichfalls auf ihm zu ruhen. Ihr

Reden war schnell und heiß. Unmerklich hob sie ein spitzes Glas, als sie

mit einem Nachbar anstieß, herüber zu ihm. Als nach Tisch alles in den

Musiksaal strömte, stellte er sich hinter ihren Fauteuil und redete zu ihr.

Sie, ohne sich umzudrehen, sagte: »Ich kenne Sie nicht«.

»Sie sollen es lernen,« sagte er. Verbeugte sich kurz und berührte knapp

ihr Knie im Gehn mit dem seinen.

Sie trug an diesem Abend eine gelbe Robe, und ihre schönen Brüste standen

voll und fest in dem schmalen Ausschnitt. Leichter Puder machte die Locken

grau, die tief in ihren Kopf hineinhingen.

Sie ließ ihn zweimal durch ihren Diener abweisen, bis er eindrang und sie

ihm Geliebte wurde.

In einer Nacht fragte sie ihn, als sie ihn übermäßig ihrer sicher glaubte,

wie alle Frauen fragen: nach denen, die vorausgingen.

Es seien einige, doch nicht allzuviel, denn dies sei billig, sagte er. Sie

fragte, wie lange es her sei, daß er die letzte gehabt habe, und er zuckte

die Achseln.

»Was waren sie, Lieber?«

»Was soll die Frage, die nicht schön ist?« sagte er langsam.

»Mein Herz stürmt, daß ich es weiß. Um Sie mehr zu lieben.«

Da drückte er die Ampel aus und sagte: »Eine Blumenverkäuferin von den

Docks, eine Dame, ein Mädchen, eine Tänzerin, eine liebe Frau . . .«

Sie schloß die Augen und öffnete sie verwirrend vor den seinen: »Keine

hielt Sie in dieser Reihe?«

Sie sah an seinem starken Körper hinunter, und im Gefühl, daß in solchen

Erlebnissen sich das Weibliche in seiner ganzen Art erschöpft habe, legte

sie sanft ihre Brüste an seine Wange und fragte das Gleiche ein weiteres

Mal.

Da warf er sich hoch, und indem es schien, daß er sie ganz in sich

schlinge, sagte er ihr, daß er auch sie verlasse, wenn der Nebel vor den

Fenstern heller werde. Er blieb noch einige Stunden bei ihr, indem er sie

streichelte und ihr Wesen ein letztes Mal einsog, denn sie war schön und

edel und weinte, die Hände vor die Augen geschlagen. Dann verließ er sie.

Er ging den Morgen in die Themse und badete.

Dann ging er nach Hause, ließ packen und fuhr nach den schottischen Gütern.

Aber am ersten Tage der dritten Woche glitt er, jagend an einem Bergrücken,

aus und brach das linke Bein. Sein Hochländer trug ihn ins Tal.

Sie tauchten immer tiefer hinunter, wo die Dunkelheit ihnen entgegenkam,

und je mehr sie in die verdichtete Landschaft hineinschritten, überfiel ihn

Beklemmung, deren Sinn er nicht begriff. Sie erreichten ein Licht, ein

geöltes Haus. Sie schrieen nach dem Besitzer und befahlen ihm, mit dem

Pferd in die Finsternis hineinzureiten, damit er Hilfe bringe. Erst am

Morgen kam er mit einem weißbärtigen Mann, der das Bein einrenkte. Als die

Knochen wieder aneinanderstießen, schrie Jean François vor Schmerz, so sehr

lähmte der Alp seine Brust.

Der Hochländer schaute abgewandt durchs Fenster, und Jean François, der

fühlte, wie jener sich für ihn schäme, schrie ihn an, und wurde ungerecht.

Am nächsten Tage aber schenkte er ihm das Elengeweih seiner Sammlung, damit

dieser beides vergäße, die Scham und den Schrei.

Da er lange lag, haderte er mit dem Geschick. Denn er fühlte, daß der Druck

über ihm blieb. Er wollte ihn vertreiben. Er fuhr mit dem Auge die Berge

hinauf und ließ den Blick herabfallen in die Wiesen, über denen Kuhgebrüll

erdwarm donnerte. Er trieb Studien, er las. Er färbte Stoffe. Er focht zwei

Stunden des Morgens angeschnallt ans Bett mit einem großen Fechter des

Clans, damit seine Muskeln hart blieben. Aber es half nichts.

Nach sechs Wochen zog er wieder in London ein.

Sein seitheriges Leben kam ihm in gleicher Form entgegen.

Er griff es, nahm es und lebte weiter.

Eines Abends reizte ein Mädchen sein Gefühl, das mit einer herrischen

Kopfbewegung aus dem Nebel ihm entgegenkommend in den Laternenschein

hineintrat. Sie war untersetzt mit geschmeidigen Lenden und trug einen

ausländischen Pelzhut. Er drehte um und folgte ihr. Sie gingen durch

Straßen und Gassen, es war eine ganze Stunde, daß er sie verfolgte, da

kamen sie in die Gegend des Hafens. Die Gassen verwirrten sich immer

verzogener ineinander. Da bog sie zur Seite und verschwand. Das Haus, in

das sie getreten war, hatte einen wüsten Eingang voll Winkel. Ein grünes

Licht flammte davor. Die Fenster waren aus Ölpapier und erleuchtet.

Jean François trat ein. Im Flur schon hörte er, wie Musik begann. Er trat

in einen Saal. Links saßen die Musikanten. Sie spielten Flöten und irische

Dudelsäcke. Ein einzelner Hagerer hieb wild auf eine Pauke.

Im Hintergrund hob sich der Saal im Rauch und Qualm zu Terrassen von

Stühlen und Bänken in die Höhe und vergrößerte sich ungewiß. Vorne

schwankten Paare durch die dichte Luft. Schreien und Gestampf durchbrach

die Musik.

Auf einem der Tische stand eine der Vorstadtköniginnen, wunderbar wild im

Bau, hatte eine rote Mütze über den Haaren, die Bluse voll herabgestreift

und schwang die Arme singend, den Kopf im Rausch gerötet, durch den Raum.

Der Rauch umwallte sie manchmal ganz, dann riß er sie wieder in die Blicke.

Ihre Augen glänzten wie feuchte Steine, der Mund stand offen, derb und

glühend.

Ein Matrose schwankte mit großen Sprüngen über die Diele und suchte im

Vorbeisprung Jean François zu umarmen. Doch der schob ihn weit zur Seite

und arbeitete sich durch die Tanzenden quer hindurch zu den Stuhlkolonnen

und setzte sich an einen leeren Tisch. Das Gesicht eines Graubärtigen

bewegte sich neben ihm auftauchend und brachte ihm Punsch, der scharf nach

Essig roch.

Plötzlich ging die Saaltür weit auf und schloß sich rasch, frische Luft

strömte herein und warf den Rauch auseinander, die Ölfenster knallten unter

der Luft, die wie helle Nester eines über dem anderen hockend die ganze

Straßenfront gliederten . . . da sah er in der Lücke, daß am anderen Ende

des Tisches ein Mann saß, dessen Blick ihn kühl abmaß. Er hatte grüne

Augen, Brauen, die sich romanisch über die Stirn spannten und ein bleiches

Gesicht. Er trug die Kleidung eines vornehmen Mannes, eine flandrische

Krause als Einsatz, aber hohe Stiefel.

Der Mann erhob sich und setzte sich ihm näher gegenüber.

Die Musik brach jäh ab. Vom Nebentisch sprang die Tanzende herunter und

warf ihre Arme von hinten her dem Fremden über die Schulter und drängte

ihre schweren Brüste um seinen Nacken. Sie hatte den Kopf an sein Ohr

geschmiegt und lachte, über ihn weg kokettierend, zu Jean François hinüber.

Im gleichen Augenblick aber steckte ein Matrose seine Hand in des

Gegenübers Tasche und zog mit zwei spitzen Fingern ein funkelndes seltsames

Stück Börse wie einen Wurm heraus.

Jean François erheiterte dieser Fall sehr, allein er nagelte trotzdem den

Kerl sofort mit gezogener Handpistole auf den Platz fest. Der Bursche ward

bleich, von einigen Tischen scholl Geschrei.

Der Fremde lächelte, nahm die Börse zurück, um sie dem Matrosen mit einem

Kompliment wieder zu überreichen. Dann dankte er, indem er den

ausbrechenden Tumult des Lokals mit einer Handbewegung dämpfte, durch eine

leichte Verbeugung Jean François für seine Güte.

Das Mädchen hatte sich auf seine Knie gesetzt.

Seine Hand spielte nebensächlich mit ihr, indem er Jean François bat, als

einen Ausgleich und um -- zumal als Ausländer -- höflicher Handlung mit

edelmännischer Genugtuung zu begegnen, eine Bitte an ihn zu richten.

Allein Jean François lächelte nur, denn ihm schien nichts wünschenswert,

was er nicht selbst hätte erreichen können.

Doch auch der Fremde lächelte.

Und wiederholte eindringlich, daß er bäte, ihn nicht zu verkennen, sondern

ins uferlos Blinde über ihn zu verfügen, denn es sei morgen bereits schon

zu spät, und das würde ihn schmerzen, wo ihn eine Flotte nach Indien fahre.

Dann lächelte er wieder, Jean François' Erstaunen erwartend.

Der aber durchdrang mit dem Blick den Rauch des Zimmers, schweifte einige

Sekunden in Entferntem, das ihn betäubte mit der Unendlichkeit der Bilder,

und sagte, dem Traum der Jugend nahe gebracht, dunkel aufgewühlt und

Unbekanntem willig folgend (obwohl er erstaunte über Sinn und Klang der

eigenen Stimme), er bäte um ein Patent, wenn dies in der Macht liege

. . . »Würden Sie. . .«

Der Fremde jedoch zog ein Papier, bemalte es mit wenigen Zeichen und

überreichte es ihm. Es war ein Diplom als erster Leutnant und zweiter

Supracargo auf einem Schiff, das »Santa Cruz« hieß.

Jean François sah ihn scharf an. Dann verbeugte er sich.

Der Fremde hielt ihm die damenhaft schmale Hand hin, in die das Mädchen auf

seinem Knie einige Tropfen Wein schnickte. Aber eh Jean François einschlug,

sagte er, daß er wohl wisse, wie eng dies ihn binde, daß er aber innerlich

keine Verpflichtungen auf sich nehme, denn er sei gewohnt, die Stunden zu

treiben, wie er wolle, zu weilen, wie ihm passe und der zu sein, der er

beliebe. Doch der mit den grünen Augen ihm gegenüber saß, gab hierauf keine

Antwort, empfing den Handschlag und wies hinaus, wo Pferde stampften.

Sie erhoben sich und verließen den Raum. Das Mädchen zerrte an ihren

Rockschößen. Sie achteten nicht darauf.

Ein Wagen mit weißen Pferden hielt in der Gasse. »Sie werden alles finden,«

sagte der Fremde, »aber Sie dürfen nicht zögern.« Er verabschiedete sich,

da er noch einiges zu verhandeln habe und sagte, sie würden sich bald

wiedersehen. Der Wagen fuhr bis zum Hafen. Eine Ruderbarkasse brachte ihn

ans Schiff.

Sie zogen die Nacht noch den Fluß hinunter. Am Morgen floß England hinter

ihnen zusammen wie grauer Schaum.

Als die Weite des Meeres vor ihnen lag, füllte sich Jean François' Herz mit

tosenden Takten. Er nahm seine Equipierung auf dem Schiff. Als er sich

umzog, trat ein Offizier in seine Kabine, -- er wechselte gerade die Hosen,

-- und bat um die Aushändigung des Patents. Jean François reichte es ihm:

»Sie werden erstaunt sein, mich aus einer schwärmerischen Nacht in diese

Fahrt und Stellung stürzen zu sehen, im Abendanzug, Leutnant Vaudricourt.

Allein es trieb mich so.«

Der Leutnant grüßte höflich und erwiderte, dies wolle nichts sagen, denn er

habe die Fregatte lediglich mit einer Nachtkleidung und einem

Damenstrumpfband aus weißer Seide erreicht. Er legte die Papiere zusammen

und sagte: »Ich sehe, wer Sie sind.«

Er war höflich. Er war Franzose, wie viele auf diesem Schiff

Übergetretener, und von guter Erziehung.

Am Abend, als er die Offiziere zu einem großen Diner einlud, erfuhr Jean

François, daß sie sich mit fünf anderen Schiffen vereinigen würden,

bestimmt, Brotbäume in der Südsee aufzunehmen und sie zur Verpflanzung nach

Westindien zu schaffen. Die Verdecke waren schräg aus Blei aufgelegt mit

Rinnen zur Bewässerung. Zwischen den oberen Verdecks waren hohe Räume, und

in einem falschen Boden standen hunderte Kübel.

Nach vier Tagen trafen sie auf eine Flotte. Signale riefen die Offiziere

auf das Admiralschiff. Sie stellten sich im Halbkreis auf dem Hinterdeck

auf.

Dann erschien, begleitet von großem Stab, ein Mann, edel und vornehm. Er

hatte grüne Augen, Brauen, die sich romanisch über die Stirn spannten und

ein bleiches Gesicht. Die Augen funkelten. Die Offiziere verbeugten sich

tief.

Er senkte langsam den Kopf. Über seiner Brust schwebte noch das

Ludwigskreuz. Sein Degen war von wundervoller Arbeit. Es war der Admiral.

Er ging auf Jean François zu, nachdem er die Befehle ausgegeben hatte,

nannte leise seinen Namen: »D'Aché,« und bat ihn, mit ihm zu kommen. Sie

stiegen über einige Treppen tief hinunter. Dann traten sie in einen breiten

Raum.

Der Vicomte hob einen Leuchter und deutete auf einen Käfig, in dem ein Mann

geduckt saß: Der Käfig hing an Seilen hoch von der Decke herunter. Er ließ

mit einem Griff ihn sich senken. Jean François sah, daß es der Matrose war,

dem er vor sechs Abenden seinen Pistolenmund auf die Magengrube gerichtet

hatte, und der Graf sagte lächelnd:

»Junger Mann, ich schätze Ihre Liebe für andere Atmosphären, in denen das

Leben derber und inbrünstiger geht, als in den uns angemessenen. Ich liebe

dies auch. Sie werden darüber schweigen, hören Sie. Ich habe Sie

verpflichtet, weil ich aus dieser Anlage Großes und Wildes von Ihnen

erwarte.

Doch das mit der Pistole war töricht. Sie mißverstehen den Stil. Man hätte

uns in Fetzen geschlagen. Man muß das anders machen. Den hier habe ich mir

später selbst und allein noch geholt. Fragen Sie ihn.«

Der Matrose wimmerte, aber schwieg . . .

Jean François fuhr mit seinen Offizieren zu seinem Schiff.

Während der Fahrt betrat er das Admiralschiff nicht mehr.

Sie waren drei Leutnants auf der Fregatte, er, Vaudricourt und Jules Labé.

In den Nächten seufzte Vaudricourt nach dem Mond und erlebte die Verse

großer Dichter, wenn das Meer in ziellosen Spiegelungen erglühte. Labé

hatte eine Kreolin mit, die in einer Matte unter dem großen Segel lag und

rauchte.

Oft spielte Vaudricourt auf einer langen silbernen Flöte ihr vor und sang

mit warmem Tenor. Sie schloß die Augen wieder, öffnete sie zu Jean François

und bat ihn, ihren Windhund zu holen, damit sie mit diesem spiele. Sie

hetzte ihn über das Verdeck, und seine wilden Laute schoben sich zwischen

die Schwingungen der Flöte. Vaudricourt biß sich die Lippen und sagte:

»Madame, wenn Sie das Spiel nicht lieben, will ich die Flöte ins Meer

werfen, obwohl sie Richelieu meinem Vatersbruder gab.«

Timur: Novellen · 第 4 / 22 题