Gerd brummte: »Mensch, heute ist doch noch Ostern.«

Jan zuckte die Achseln: »Deine Dienstzeit bei mir geht erst Donnerstag

zu Ende. Ich bin dir doch auch oft zu Willen gewesen.«

Der andere sagte zögernd: »Eigentlich geh' ich heute überhaupt nicht

gern aus dem Hause. Leidchen fühlt sich nicht ganz wohl.«

»Meinetwegen kannst du gern fahren,« mischte sich die Schwester ein.

»Es ist bloß ein bißchen Kopfweh. Das hab' ich schon öfters gehabt.«

»Du hast auch einen heißen Kopf.«

Sie griff sich an die Backe: »Das kommt wohl davon, weil ich ein

bißchen stark eingeheizt habe.«

»Deern,« sagte Jan, »Du kriegst doch nicht die Infallenzia? Die spukt

jetzt wieder im Dorf herum.«

»Das wollen wir nicht hoffen,« rief Gerd erschrocken, die Schwester

besorgt ansehend.

»Ach was,« sagte sie leichthin, den Kopf schüttelnd. »Heut abend vorm

Zubettgehen koch' ich mir eine Tasse Fliedertee, und morgen bin ich

fein wieder auf dem Damm.«

»Na,« meinte Jan, »wir wollen das Schiff wohl laden; denn kommst du

also nachher.«

Sie aßen noch zusammen Abendbrot. Gerd mußte die Schwester immer

wieder ansehen. Ihre zarten Wangen waren ein wenig gerötet, die großen

braunen Augen glänzten, und er dachte: Was hat sie doch einmal für ein

liebliches Gesicht!

Sie stand vom Tisch auf und holte zwei dicke Äpfel. »Es sind die

letzten,« sagte sie, »ich habe sie für dich gespart, du kannst sie

unterwegs aufessen.«

Er steckte den einen in die Tasche und nahm ihre Hand. Es war ihm auf

einmal so weich ums Herz, und er sagte zärtlich, sie warm anblickend:

»Leidchen ... es war eigentlich doch eine schöne Zeit, die wir beiden

hier allein miteinander gewirtschaftet haben. Es tut mir beinahe leid,

daß sie zu Ende geht.«

»Na, na?« sagte sie lächelnd. »Wenn das man wahr ist ...«

»Aber du sollst sehen, zu dreien wird es auch ganz gemütlich ... Weißt

du noch? Früher war das zwischen uns beiden immer wie zwischen Hund

und Katze.«

»Ach ja.«

»Das ist nun ganz anders ...«

»Ja, wenn die Katze so zahm gemacht wird ...«

»Ach nein, Leidchen, davon kommt das nicht allein. Wir haben beide

etwas zugelernt. Wir haben uns jetzt erst recht miteinander eingelebt

und verstehen einer den andern nun besser. Lieb gehabt haben wir uns

im Grunde ja immer, auch früher, als es manchmal nicht so wollte.

Nicht wahr?«

»Ja natürlich.«

»So können wir sagen: das Böse hat doch auch ein klein bißchen Gutes

im Gefolge gehabt ... Und das ist wohl meist so ... Diesen anderen

Apfel mußt du essen. Ich hab' an dem einen genug.«

Als er aufbrechen wollte, sagte er: »Soll ich nicht lieber Trina

bitten, daß sie morgen früh mal nach dir sieht?«

Sie schüttelte lebhaft den Kopf: »Ach nein, die möchte ich hier nicht

gern haben.«

»Oder Tante Rotermund?«

»Nein, nein, Gerd. Die ist so nicht die stärkste, und sie soll für

nichts und wieder nichts zweimal den weiten Weg laufen? Sei nicht

so albern, mir fehlt ja gar nichts. Mein Kopfweh ist schon weg, ich

brauch' mir gar keinen Fliedertee mehr zu kochen.«

»Kind, noch immer der alte Leichtsinn? Das mußt du mir wenigstens

versprechen, daß du dir tüchtig Fliedertee machen willst. Mutter selig

half sich auch immer damit.«

»Na denn man zu, ich koch' mir einen großen Topf voll, bloß dir zu

Gefallen.«

Er hatte die Türklinke schon in der Hand. Aber noch einmal begann er:

»Nun geh auch gleich zu Bett und decke dich ordentlich zu. Du kannst

morgen alles liegen lassen und tüchtig ausschlafen. Ja, meinetwegen

kannst du den ganzen Tag im Bett bleiben, wenn du nur zwischendurch

eben die Tiere versorgen willst. Schlaf schön, und gute Besserung! Auf

fröhliches Wiedersehen übermorgen früh. Ein bißchen zu essen kannst du

mir hinstellen, es wird wohl Mitternacht werden, bis ich heimkomme.«

Er nahm ihre Hand.

»Du, deine Hand ist ja ganz heiß.«

»Aber Gerd, du machst es ja genau so wie die alten Weiber, die auch

immer und immer noch wieder stehenbleiben.«

»Na, denn gute Nacht! Aber vergiß mir den Fliedertee nicht! Du mußt

ihn so heiß trinken, wie du ihn nur eben herunter bringen kannst.«

»Kuck an! Du bist doch noch immer der gute alte Schulmeister und

strenge Vormund. Was einmal im Menschen drin steckt, das kommt auch

nicht heraus.«

Er drohte ihr lächelnd mit dem Finger und ging nun wirklich.

* * * * *

Um sich die langen Stunden der nächtlichen Fahrt zu kürzen, stellte

Gerd allerhand Betrachtungen an. Er rechnete aus, daß er in seinen

Dienstjahren an die dreihundert Bremerfahrten für Jan gemacht hatte.

Die zurückgelegten Strecken reichten aneinandergefügt gewiß bis nach

Amerika.

Wenn er nun wieder die Hamme hinabfuhr, ging es auf eigene Rechnung,

mit dem Torf, den er und Sine in den Honigwochen herausgemacht hatten

... Alle Wetter, das sollte ein lustiges Torfbacken werden!

Leidchen paßte auf das Haus und bestellte das Gemüseland. Dann konnten

sie beide die Tage ordentlich ausnützen und es wohl auf fünfzehn bis

zwanzig Hunt bringen. Das brachte ein schönes Stück Geld, das dann

wieder in die Verbesserung der Ländereien hineingesteckt werden konnte.

Später mußte die Huntzahl natürlich kleiner werden. Nur sich nicht von

dem alten Schlendrian des Raubbaus auf Torf unterkriegen lassen! Nur

ja keinen Betrieb wie der, auf den Barrenbrocks Opa stolz war! Aber

erst galt es einmal, in Gang zu kommen. Aller Anfang ist schwer.

Im Bremer Torfhafen angelangt, wickelte er sein Geschäft so schnell

ab, als es möglich war. Nachdem er sich darauf eine Stunde Ruhe beim

Kaffee gegönnt hatte, trat er die Rückfahrt an.

Sie war recht mühsam, denn Wind und Strom arbeiteten entgegen. Als

er den Giebel seines Häuschens gegen den blauen Himmel ragen sah, war

Mitternacht längst vorüber.

Mit frohem Aufatmen trat er über die Schwelle.

Da kam Lustig angelaufen und sprang winselnd an ihm empor. Und alsbald

meckerte die Ziege im Stall, und die Ferkel, die er vor kurzem gekauft

hatte, stießen grunzend und quieksend gegen ihre Tröge.

Herr du mein Gott, die Tiere haben Hunger!

Mit zitternden Knien wankt er über die Diele und öffnet die Tür zu

Leidchens Stube. Stehenbleibend horcht er mit angehaltenem Atem in die

Finsternis hinein.

Von der Schlafbutze her kommt Stöhnen und wirres Reden.

Er greift sich an die Taschen und sucht Schwefelhölzer, findet aber

keine.

Er greift sich an den Kopf, um sich zu besinnen, wo er welche finden

kann. Mit bebenden Händen tastet er die Herdwand ab.

Endlich kann er eine Lampe anzünden.

Wie er sich der Butze nähert, gellt es ihm entgegen: »Weg, weg mit

dir, du schlechter Mensch!«

Von Grausen gepackt, tritt er noch zwei Schritte vor.

Ein Anblick bietet sich ihm, der ihn zurückprallen und das Blut in

seinen Adern erstarren läßt. Er muß mit beiden Händen zugreifen, um

die Lampe nicht fallen zu lassen. Zwei Sekunden steht er regungslos

starr.

Dann wendet er sich, läuft über die Diele, reißt das Rad aus dem

Kuhstall, zündet die Laterne an.

Eine halbe Minute später saust er schon den Kirchdamm entlang durch

die Nacht.

Vor der Häuslingskate von Nr. 10 springt er ab und pocht stürmisch

an das Fenster. Gleich darauf wird dieses von einer jungen Frau in

Nachtkleidung geöffnet.

»Ich bin ... nach der Stadt gewesen ... Leidchen hat ... ihre schwere

Stunde gehabt ... Komm so schnell ... du kannst.«

»Ich komme auf der Stelle,« sagt die Frau und verschwindet.

Zehn Minuten später hämmert er gegen Beta Rotermunds Kammerfenster.

Die Frau kreischt hell durch die Nacht. Auch sie will sich sofort auf

den Weg machen.

»Soll ich den Doktor holen?«

»Wart' damit noch. Wir wollen erst sehen, ob es nötig ist.«

»Aber Leidchen redet irre. Ich glaube, sie ist schwer krank.«

»Dann ist es doch wohl besser ...«

Die Birkenstämme des Dammes blitzen im Lichtschein der Laterne, die an

ihnen entlang rast. Der Fahrer liegt keuchend auf der Lenkstange.

Der Arzt ist über Land geholt.

Eine ganze Stunde muß Gerd warten. Erst sitzt er in dem Vorzimmer,

in das ein Dienstmädchen ihn gewiesen. Dann geht er hinaus und

schreitet die Straße vor dem Hause auf und ab. Im kühlen Hauch der

Vorfrühlingsnacht ist es erträglicher.

Endlich Wagengerassel in der nächtlichen Stille.

Das Gefährt hält. Gerd tritt an den Schlag und spricht mit dem Arzt.

Der murmelt einen Fluch und befiehlt dem Kutscher, die Pferde zu

wechseln.

Gerd schwang sich wieder auf sein Rad. Er war jetzt ruhiger geworden

und fuhr ein mäßigeres Tempo.

Als er zu Hause ankam, graute der Morgen.

Auf dem Flett traf er Beta Rotermund.

»Wie steht's?« fragte er mit Herzklopfen.

»Oh ... ziemlich gut. Leidchen ist aber sehr schwach. Geh nur hinein

und sag' ihr Guten Morgen. Aber viel sprechen darfst du nicht.«

»Redet sie auch nicht mehr irre?«

»Nein, sie ist jetzt ganz vernünftig.«

Er trat auf Zehenspitzen in die Stube. In einem Steckkissen zwischen

zwei Stühlen lag das Kind, das er mit einem schnellen Blick streifte.

Sie lag mit geschlossenen Augen, das schmale, bleiche, schöne Gesicht

tief in den Kissen.

»Liebe, liebe Schwester ...«

Sie öffnete die Augen, sah zu ihm auf und hauchte: »Gerd ... Bruder

...«

Wie er ihr die Hand reichte, hielt sie diese einige Augenblicke mit

leisem, warmem Druck fest.

Dann trat er von ihrem Lager zurück und verließ die Stube, um das Vieh

zu versorgen. Den ersten Heißhunger der Tiere hatte Beta Rotermund

schon gestillt.

Bald erschien auch der Arzt. Als er aus dem Zimmer der Kranken kam,

fing Gerd ihn auf der Diele ab. Er war ein Mann von wenig Worten

und murmelte, wie für sich, etwas von hochgradiger Herzschwäche,

Influenza, wobei er die Schultern anzog und fallen ließ. Das Kind

wäre gut einen Monat zu früh geboren, würde bei sorgfältiger Pflege

aber wohl durchkommen.

Gerd wunderte sich über sich selbst, wie ruhig er die schlimme

Nachricht aufnahm. Nach der furchtbaren Erschütterung der letzten

Nacht konnte er einiges vertragen.

Er stieg noch einmal auf sein Rad, um die Arznei von der Apotheke zu

holen.

* * * * *

Gegen Mittag war ganz Brunsode und Umgegend auf den Beinen. Eine

solche Riesenhochzeit, wie Müllers Hermann sie heute mit der reichen

Bauerntochter aus dem Hammetal feiern wollte, hatte Brunsode noch

nicht gesehen. Ein brautväterlicher Ochse und drei fette Schweine

bester Mühlenmast hatten ihr Leben lassen müssen. An die fünfzig

Butterkuchen waren gebacken, sechs Hektoliter Bier angefahren. Drei

Hochzeitsbitter hatten zu Rad die Gegend abgestreift und das ganze

Dorf und in den benachbarten Kolonien alles, was zur Kundschaft der

Mühle gehörte, zum Feste gebeten. Die beiderseitige Verwandtschaft

bis ins dritte und vierte Glied, die Müller des Moores, die Kaufleute

und Lieferanten, der Getreidehändler in Bremen, Pastor und Küster

waren durch gedruckte Karten mit Goldrand geladen. Man erwartete an

vierhundert Gäste. Über die Hofbrücke spannte sich eine Tannengirlande

mit einer Papptafel, die mit weißen Buchstaben auf rotem Grunde

»Willkommen zum frohen Feste« bot. Tür und Fenster der Mühle waren

frisch und hell gestrichen, die würdige Matrone sah munter drein, als

wollte sie den Festgästen zurufen: »Nun halte ich's erst mal wieder

eine gute Weile aus.«

Um zwei Uhr fand auf der Großen Diele die Trauung statt. Die Leute,

die dicht gedrängt bis über das Einfahrtstor hinaus standen, sangen

tapfer zu den schmetternden Klängen einer zwölfköpfigen Musikkapelle:

»Wer nur den lieben Gott läßt walten.« Der alte Pastor machte seine

Sache ziemlich kurz und so wenig rührend, daß die etwas angejahrten

Brautjungfern nicht einmal mit Schick die bereitgehaltenen Tränen los

wurden. Der beleibte Brautvater meinte nachher, etwas mehr könnte man

von einem studierten Mann für sein gutes Geld wohl verlangen.

»Sing, bet und geh auf Gottes Wegen« sang die Hochzeitsgesellschaft,

und die Feier war beendet. Während das junge Paar die Glückwünsche

entgegennahm, trat der alte Müller mit unterwürfiger Miene auf den

Pastor zu und sagte: »Nicht wahr, Herr Pastor, Sie tun uns doch die

Ehre an und essen einen Teller Suppe mit uns?«

»Ich danke,« sagte der Geistliche kurz, »es paßt mir heute nicht.«

»Aber Sie können uns doch nicht die Unehre antun, daß Sie gleich

wieder wegfahren!«

»Ehre und Schande, Herr Vogt, tut ein jeder sich selbst an, mein'

ich,« sagte der alte Mann ernst.

Damit packte er seinen Chorrock in die Tasche und schritt durch die

sich bildende Gasse auf die Große Tür zu, vor der sein Wagen wartete.

Als er am Achterdamm vorüberfuhr, stand Gerd Rosenbrock in schwarzer

Kleidung und mit traurig-ernstem Gesicht am Wege und bat ihn, in sein

Haus zu kommen und der Schwester Kind zu taufen.

Während sie dem Hause zuschritten, fragte er: »Herr Pastor, Sie haben

wohl nicht zufällig Ihre Abendmahlssachen bei sich?«

Der alte Herr nickte: »Die führe ich auf solchen Fahrten immer mit

mir, für alle Fälle.«

»Das ist gut,« sagte Gerd erfreut, »meine Schwester wollte nämlich

auch gern das Heilige Abendmahl feiern. Aber sie ist sehr schwach ...«

»Dann werden wir es ganz kurz machen,« versetzte der Pastor.

»Darum wollte ich eben gebeten haben,« sagte Gerd.

In dem sauber gekehrten und mit weißem Sand gestreuten Krankenzimmer

hielt Gerd das Kindchen über das weiße Schälchen mit braunem

Moorwasser. Außer ihm walteten als Paten Beta Rotermund und die junge

Hebamme. Der Täufling erhielt den Namen »Gerd«.

Darauf wandte der Pastor sich der Mutter des Kindes zu. Mit leiser

Stimme richtete er an sie ein paar herzliche Worte, stellte eine

Frage, auf die sie ein Ja hauchte, sprach ein Vaterunser und die

Einsetzungsworte, reichte ihr Brot und Wein und hob die Hände über sie

zum Segen.

Bald nachdem er das Zimmer verlassen hatte, fiel die Kranke in einen

Schlaf, der bis gegen Abend anhielt.

Als sie erwachte, verlangte sie nach dem Kinde.

»Wir dürfen es dir nicht geben, der Arzt hat es verboten.«

»Aber sehen darf ich es doch ...«

Da holten sie es aus der andern Stube, zeigten es ihr, und die Hebamme

erklärte mit Kennermiene, es wäre ein fixer und kerngesunder Junge.

Als die Frauen ihn wieder wegbrachten, sagte die Kranke: »Bitte,

lieber Bruder, laßt das arme Kind nicht für seine Mutter büßen.«

»Aber Leidchen, wie kannst du so was bloß denken ... Dein Kind ist

mein Kind ...«

»O Gerd, was bist du gut, was bist du gut ... Ich habe aber noch etwas

auf dem Herzen.«

»Was denn, Kind?«

»Daß du kein Geld nimmst ...«

»Och Leidchen ... ich weiß nicht recht ...«

»Wenn du ~einen~ Groschen nimmst, muß ich mich im Grabe umdrehen.«

»Aber Kind, doch nicht so hitzig!«

»Sein Geld ist verflucht! Ich hab' ja noch dreihundert Taler, dafür

kriegst du das Kind wohl beinahe schon groß ... Gerd, du hast so viel

Gutes an mir getan. Nun erweise mir noch die eine große Liebe: gib mir

die Hand darauf, daß du keinen Pfennig annimmst.«

Ein paar Sekunden zögerte er noch und sah ihr in die brennenden Augen.

Endlich reichte er ihr stumm die Hand.

Die junge Frau ging nach Hause, Beta Rotermund wollte die Nacht über

wachen helfen.

In den späten Abendstunden stellte sich Fieber ein.

»Es ist hier so heiß wie in der Hölle,« stöhnte die Kranke. »Macht

doch mal ein Fenster auf.«

»Es wird wohl nicht ziehen,« sagte Beta Rotermund. Da stand Gerd auf,

ihren Wunsch zu erfüllen.

»Mir ist immer, ich höre Musik,« sagte Leidchen nach einer Weile,

»Gerd, spielst du da auf deiner Harmonika?«

»Ach, Leidchen, wie kannst du so was denken ...«

»Aber es ist ganz gewiß wahr, ich höre Musik.«

»Deern, Deern, das bildest du dir wohl bloß ein,« sagte Beta Rotermund

beschwichtigend. »Das kommt einem manchmal so vor, und ist bloß ein

Sausen in den Ohren.«

»Wenn ich es nicht ganz deutlich hörte! Seid ihr denn alle beide taub?

Da ist irgendwo Musik, ganz lustige Musik ... tralala hopsasa ... Man

könnte fein danach tanzen ... Gerd, tanz' doch mal ein bißchen, mit

Sine. Ich hab' heut' keine Lust. Und mit mir will auch keiner tanzen

... kein einziger ...«

Die Kranke streckte die nackten Arme in die Höhe und warf sich dann

zur Wand herum.

»'s ist alles dunkel, ist alles trübe,

Dieweil mein Schatz eine andre liebt.

Ich hab' gedacht, er liebet mich.

Aber nein, aber nein,

Aber nein, aber nein,

Er liebt mich nicht ...«

»Das machen die Fieber,« flüsterte Beta Rotermund, Gerd starrte

entsetzt ins Leere.

Die Kranke wälzte sich auf die andere Seite und ihre Augen suchten den

Bruder: »Ach, da bist du ja, Gerd. Das ist man gut ... Ich weiß jetzt

wohl, was das für Musik ist ... schweigt man stille ... jaja, ja, ja

... 's ist 'ne wunderliche Welt.«

Nach einiger Zeit begann sie wieder: »Gerd, du hast mir immer so schön

was vorgespielt. Bitte, nimm deine Harmonika und spiel mir noch ein

einziges Mal ein bißchen vor, so schön wie du kannst ...«

»Ach Leidchen ...«

»Ich bitt' dich darum, den kleinen Gefallen kannst du mir wohl tun.

Setz' dich man draußen an den Herd, dann klingt es nicht so laut ...

Wie Christabend, als du mich zum Weihnachtsbaum holtest ...«

»Ach Leidchen ...«

»Ich möcht' gern ein bißchen Ruhe haben, und ich glaub', dabei kann

ich schön einschlafen.«

Beta Rotermund bedeutete ihm mit den Augen, ihr zu Willen zu sein. Da

stand er auf und ging.

Das Flett lag im Dunkel, und er zündete auch kein Licht an. Auf dem

Herd glühten noch ein paar Kohlen, in deren Schein die Metallteile

seines Instruments schimmerten.

Und er spielte mit langgezogenen, weichen Akkorden: Stille Nacht,

heilige Nacht ... Nun sich der Tag geendet ... Wenn ich einmal soll

scheiden ... Und legte, wie nie zuvor, seine ganze Seele in das

einfache Spiel.

* * * * *

Die Stubentür ging auf, Beta Rotermund trat, mit der Lampe in der

Hand, auf die Diele. Sie sah so tiefernst aus, daß er jäh im Spielen

innehielt. Die Frage, die er über die Lippen zu bringen sich scheute,

legte er in seine Augen. Und sie nickte stumm.

Er sprang in die Höhe. Aber sie sagte leise: »Laß uns lieber noch

etwas warten und ihr die Ruhe gönnen.«

Da setzte er sich wieder hin, und die Frau zog sich einen Stuhl an den

Herd. So saßen sie und schauten regungslos in die verglühenden Kohlen,

wohl eine Viertelstunde lang.

Endlich rührte sich Beta Rotermund, und Gerd fragte: »Was meint Ihr,

Mutter, soll ich hin und Euch jemand zur Hilfe holen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Laß nur, Gerd. Wen wolltest du holen? Sie

sind alle auf der Hochzeit. Und dann gibt es hier so'n Gekakel und

Geschnacke, das kann ich diese Nacht nicht gut haben. Ich bin allein

wohl Manns genug, mein Patenkind anzukleiden.«

Die gute Frau machte sich an die Vorbereitungen, Gerd ging, nach einem

kurzen Besuch im Sterbezimmer, in die Wohnstube.

Eine Weile starrte er mit den trockenen, rotumränderten Augen, die

tief in ihren Höhlen lagen, vor sich hin ... bis es sich in ihnen

löste und ein heißer Strom von Tränen sich über seine Wangen ergoß.

Aus der Ferne klang das Gejohle und Gekreische angezechter

Hochzeitsgäste.

Als der kleine Gerd in seinem Steckkissen anfing zu wimmern, stand der

große Gerd auf, machte ihm die Milchflasche zurecht, probierte und

steckte sie ihm ins Mündchen. --

Lehrer Timmermann, der gleich bei seinem Amtsantritt mit der

Gepflogenheit seines Vorgängers, bei den Begräbnisfeierlichkeiten

rührselige Reden zu halten, gebrochen hatte, ließ einen Choral singen

und las den neunzigsten Psalm. Warum seine Stimme heute so bedeckt und

rauh klang, das wußte in der großen Trauergemeinde nur ein einziger.

Ein guter Teil von denen, die vor vier Tagen auf der Nachbarschaft die

seit Menschengedenken großartigste und lustigste Hochzeit gefeiert

hatten, weinten jetzt reichliche Tränen in die Sacktücher hinein.

Unter dem herrlichsten Frühjahrshimmel wurde Leidchen Rosenbrock

zu Füßen des dunkelgrünen Wacholders, an der Seite des schon

eingesunkenen Grabhügels ihrer Mutter, zur Ruhe gebettet. Den

Gesang der Kinder und die Worte des Geistlichen übertönten fast die

Jubellieder der Lerchen hoch oben in der lichten Bläue.

Gerd, Sine, Becka und ihr Bräutigam verließen zusammen den Friedhof.

Vor dem Tore blieben sie stehen, und Gerd sagte: »Wollen wir die

Hochzeit nicht lieber um ein paar Wochen hinausschieben?«

»Das wird wohl nicht gehen, es ist schon zu viel vorgerichtet,« sagte

Becka.

Und ihr Ebenbild, zu Gerd gewendet: »Wir beide können ja gleich nach

der Mahlzeit aufbrechen.«

Da nickte er langsam und sagte nichts weiter dagegen.

Es war nur eine Kaffeehochzeit mit knapp sechzig Gästen. Vor die

lange, aus Wagenbrettern gebildete, mit Hausmacherlinnen gedeckte

Festtafel hatte man quer einen Tisch gestellt, an dem die beiden

jungen Ehepaare nebeneinander saßen. Vor jedem brannte ein Paar

Lichter und stand ein Teller mit einem Zweipfundstück Butter, die aber

nicht angeschnitten wurde; denn es gab ja kein Butterbrot, sondern

Butterkuchen, ganze Berge.

Sine hatte den würdigen Pfarrherrn zum Tischnachbarn. Der war heute

sehr aufgeräumt, trank erst drei Tassen Kaffee, dann ein Glas St.

Julien Fasson und brachte mit diesem sogar ein Hoch aus. Auch seine

Traurede hatte allgemein befriedigt. Es waren Tränen mehr als genug

vergossen, und die glücklichen Bräute hatten tüchtig geholfen. Alle

Frauen von Herz und Gemüt fanden es auch gar zu rührend, daß die guten

Kinder, die jedermann gern hatte, an einem Tag die Myrtenkrone trugen.

Als die Tafel aufgehoben wurde, rüstete das eine Paar zum Aufbruch.

»Bleibt noch eine Stunde,« bat der Brautvater.

Aber Sine, mit einem Blick nach den Augen ihres Eheherrn, sagte: »Laßt

uns man reisen. Es ist meinem Mann so lieber.«

Von der ganzen Hochzeitsgesellschaft begleitet, gingen sie zum

Nachbarhof hinüber, wo ein Einspännerwägelchen bereit stand. Als sie

aufgestiegen waren, drängte sich alles heran, ihnen noch die Hände

zu drücken. Indem das Jungvolk ein halbgedämpftes Juhuhu hören ließ,

ermunterte der Fuhrmann seinen Gaul zu einem Zuckeltrab, der sich

jedoch schnell zu einem sehr gemächlichen Schlenderschritt beruhigte.

Als der Wagen nach zweistündiger Fahrt hielt, saß hoch oben in der

höchsten der beiden das Haus schirmenden Tannen eine Amsel und

begrüßte das Einzug haltende Pärchen mit dem süßesten Willkommenssang.

Ihr Besitztum, das sie sich durch Fleiß und Sparsamkeit erworben

hatten, lag im Glanz des schönsten Frühlingsabends vor ihnen. Ehe

sie durch die Große Tür eintraten, legte Gerd den Arm um sein Weib

und las, wie bei dem ersten Einzug, aber mit einem anderen Klang der

Stimme: »Unsern Eingang segne Gott.«

* * * * *

Damit die jungen Eheleute mit der Arbeit erst mal tüchtig in Gang

kämen, hatte Beta Rotermund den kleinen Gerd für den Sommer zu sich

genommen. Sie sagte, es machte ihr Freude, nach so langer Pause sich

mal wieder mit solch lüttjem Wurm abzuplagen. So 'ne alte Frau würde

dabei wieder ein bißchen jung mit.

Auf keiner Stelle in Brunsode wurde diesen Frühling und Sommer

über so tüchtig, ernst und froh gearbeitet, wie auf der kleinen am

Achterdamm. Als die Jahreszeit fortschritt, erschienen viele Leute,

um Gerds Kulturerfolge zu bewundern. Auch Barrenbrocks Opa kam eines

Tages angetöffelt. Wie Gerd ihm das üppige, blaugrüne Kleefeld auf

seinem Hochmoor zeigte, brüllte er: »Du willst mir vorschnacken, der

Klewer kommt von dem Dreckzeug, das du um Lichtmessen in deinem Schiff

hattest? Dazu mußt du dir 'n Dümmeren suchen, hä hä.« Gerd lachte und

gab sich weiter keine Mühe, den alten Bock herumzukriegen.

Nach der ersten Heuernte kamen zwei wackere Kühe in den Stall. Im

Laufe der Jahre ist der Viehbestand stetig gewachsen, zurzeit bis auf

sechs Kopf.

Eine große Freude bereitete es Gerd, als er, kaum siebenundzwanzig

Jahre alt, zum Gemeindevorsteher von Brunsode gewählt wurde. Heini

Peper hatte stark gegen ihn agitiert, der junge Müller aber, worüber

viele sich wunderten, für ihn gestimmt. Seine Wahl war um so

bemerkenswerter, als er nicht in der Hauptreihe saß.

Er hat es in seiner neuen Würde nicht nötig, sich wie sein Vorgänger

die Schriftstücke und Steuerberechnungen im Schulhause anfertigen

zu lassen. Aber mit dem Lehrer Timmermann, der eine Küstertochter

aus einem benachbarten Kirchspiel geheiratet hat und nicht daran

denkt, sich versetzen zu lassen, verbindet ihn nach wie vor treue

Freundschaft. Die Leute sagen: »Der Schulmeister und Vorsteher

regieren zusammen das Dorf.« Aber sie wissen auch, daß sie sich

dabei nicht schlecht stehen. Es wird auf Zucht und Ordnung gehalten,

Dämme und Wasserstraßen sind in bestem Stand, und wenn eine hohe

Staatsregierung mal etwas für die armen Moorgemeinden tun will und

Gelder flüssig macht, wissen die beiden so darum zu schreiben, daß für

Brunsode jedesmal ein erklecklicher »Bischuß« zu den Lasten abfällt.

Vor dem Hause am Achterdamm, das längst durch Anbau vergrößert ist und

ein neues Strohdach, statt des von Ratten zernagten und geflickten,

bekommen hat, und hellblauen Fachwerkanstrich dazu, spielen sorglos

heiter ein stämmiger kleiner Gerd, ein süßes braunäugiges Leidchen,

ein dicker pummeliger Jan, ohne den eine Moorfamilie ja nicht

vollständig wäre, und noch ein paar blau- und braunäugige Flachsköpfe

... Bis das Leben auch sie an die Arbeit ruft und in den Kampf reißt.

Möchten sie dann sich wacker tummeln und glücklich zurechtkommen!

Geschwister Rosenbrock · 第 34 / 34 题