»Na ja, man kann ja auch so vergnügt sein. Deern, ich bin jetzt beinah
fröhlicher als vor drei Jahren. Ich glaube, der Mensch muß erst mal
tief in die Hölle hinab, um zu wissen, was rechte Freude ist.«
Er reckte und streckte die Arme von sich, und seine Augen glänzten,
nicht bloß vom Christbaum, so recht von innen her.
»Aber Deern,« sagte er dann, »~einen~ Gefallen mußt du mir tun:
mir mal meine Pfeife stopfen!«
Sie sprang auf und ging mit leichtem, schwebendem Schritt in die
Stubenecke, wo Pfeife und Tabaksbeutel hingen. Mit frohen, lächelnden
Augen sah er ihr zu, wie sie den Pfeifenkopf reinigte und füllte.
Als sie ihm den fertigen Brösel brachte und ein schwelendes
Zündholz dazu, sagte er: »Das pust' man wieder aus. Dies ist 'ne
Friedenspfeife, 'ne Freudenpfeife, die steck' ich mir an unserem
Weihnachtsbaum an.«
Bald mischte sich mit dem Tannen- und Kerzenduft der seines Knasters,
das Pfund zu fünf Groschen. Der Torf im Ofen glühte, die Lichter
strahlten Wärme, dem Munde des Schmökers entquollen braungelbe Wolken.
Das alles ergab eine Temperatur und Atmosphäre in dem niedrigen Raum,
die nicht ganz einwandfrei waren. Aber niemand dachte daran, Tür oder
Fenster zu öffnen. Grad' so war es sehr weihnachtlich und über die
Maßen gemütlich.
Sie hatten längere Zeit geschwiegen, als Leidchen mit schmerzlicher
Wehmut sagte: »Gerd, wieviel hast du doch mein ganzes Leben durch an
mir getan ... Und von mir hast du nichts gehabt als Sorge und Mühe und
Verdruß ...«
Er sog nachdenklich an seiner Pfeife. Seine Augen schauten zwar in den
Lichterglanz, schienen aber noch mehr nach innen geöffnet zu sein.
»Das kannst du doch wohl nicht sagen,« begann er nach einer Weile.
»Was Menschen einander geben und voneinander nehmen, das kann man doch
wohl nicht so glatt ausrechnen wie ein Rechenexempel ... Das Beste,
was einer von dem anderen hat, glaub' ich, kennt er am Ende selbst am
wenigsten ...«
Er stützte den Kopf über dem Tisch in die Hand und fuhr aus tiefem
Sinnen heraus fort: »Wenn ich so über mein Leben nachdenke ... es war
doch nicht bloß Torfbacken und Solospielen ... es war ein Zug in die
Höhe darin, glaub' ich ... Und ich möchte sagen: der Faden, der mich
führte und zog, der ging durch deine Hand ...«
Sie sah ihn verwundert und ungläubig an. Er nahm ihre Hand und zog sie
sanft auf seine Knie herüber.
Nach längerem Schweigen fuhr er mit seinem Lächeln fort: »Ja ja, ihr
Frauensleute! Was meine Sine ist, die hat mich sozusagen erst richtig
zu einem Menschen gemacht ... Aber als ich sie noch nicht kannte, da
hatte ich dich ... Wenn ich dich nicht gehabt hätte, ich glaube, dann
wäre nichts Rechtes aus mir geworden ... Für mich mußtest du wohl auch
gerade so sein, wie du warst und bist, und nicht anders ... Ich glaube
wirklich, ich habe viel mehr von dir gehabt als du von mir ...«
Sie schüttelte lächelnd den Kopf und wollte etwas erwidern. Aber er
sagte, ihr tief in die Augen sehend: »Leidchen, darüber wollen wir uns
nicht weiter streiten. So was läßt sich wirklich nicht auf der Wage
abwiegen. Und es bleibt ja auch in der Familie.«
Die Lichter brannten allmählich nieder, die größere Hälfte war schon
erloschen.
Als wieder einmal eins sterben wollte, sagte Leidchen wie im Traum:
»Übers Jahr ... wie es dann hier wohl aussieht?«
Gerd malte sich das Bild mit frohen, bunten Farben aus. Dann saß Sine
hier mit ihm unter dem Christbaum. Wenn die Lichter sich in ihren
grallen Augen spiegelten, das mußte eine Lust sein. Was er ihr wohl
schenken würde? Und sie ihm? ... Vielleicht um Weihnachten herum schon
so was ganz Liebes, das ein Jahr später dann mit süßen Äugelein in den
Lichterglanz blinzelte und mit runden Patschhändchen nach den Kringeln
langte, die Sine ihm in die Zweige gehängt hatte ...
Plötzlich dachte er an seine Schwester und erschrak.
Er sah zu ihr hinüber.
Sie saß, die Hände im Schoß gefaltet, und ihre großen braunen Augen
schauten in das zuckende Licht. Aber sie schienen weit, weit darüber
hinaus zu irren.
Er legte seine Hand zart und leicht auf die ihren. Sie schien es nicht
zu merken.
Da zog er ihre Linke auf sein Knie und drückte sie, erst sanft, dann
etwas stärker.
»Leidchen ...« sagte er mit großer Wärme und Innigkeit.
Da wandte sie sich ihm zu und sah ihn groß an.
»Lieber Bruder,« kam es wie ein Hauch von fernher über ihre Lippen.
»Wo warst du eben?«
»Ich? ... Ich weiß nicht ... Ich glaube, weit, weit weg ...«
22.
Die Wintermonate gingen ihren stillen Gang.
Das Wetter war, kürzere Frostperioden abgerechnet, Gerds Arbeiten
günstig, und er nützte die Zeit denn auch nach Kräften aus. Mit
leichtem, frohem Herzen stand er jetzt meistens bei seinem Tagewerk.
Denn wenn ihn auch manchmal eine tiefe, schmerzliche Trauer aus
Leidchens Augen anblickte, die dumpfe Starrheit war von ihrer Seele
gewichen, und Ausbrüche wilder Verzweiflung kehrten nicht wieder. Nie
kam ein Wort der Klage oder Bitterkeit über ihre Lippen. Still und
unverdrossen tat sie ihre Arbeit und wurde geradezu erfinderisch,
ihn durch kleine Überraschungen zu erfreuen. Seine Lieblingsgerichte
erschienen so oft auf dem Tisch, daß er, um nicht mit ihnen
überfüttert zu werden, bald andere Speisen dazu erklären mußte. Er
hatte es jetzt gänzlich aufgegeben, sie zu schulmeistern und zu
bevormunden. Die Art, wie sie ihr Schicksal trug, machte sie ihm
fast verehrungswürdig, und vor ihrer Mutterschaft empfand er etwas
wie heilige Scheu. Mit keinem Wort, ja kaum mit Gedanken, wagte er
daran zu rühren. Die Verantwortung, die er für die Schwester fühlte,
erstreckte sich auch schon auf das kleine Menschenwesen, das unter
ihrem Herzen wurde.
Des Abends lasen sie sich meist abwechselnd vor.
Auch das dicke Buch in gepreßtem Schweinsleder mit Messingbeschlag,
das die ersten Ansiedler von der Geest in die neue Heimat begleitet
hatte, nahmen sie nicht selten vom Wandbrett. »Erst wenn man etwas
durchgemacht hat,« sagte Gerd eines Abends, als er es schloß, »fängt
man an, dieses Buch zu verstehen und lieb zu haben.« Und Leidchen
nickte zustimmend.
* * * * *
Gerd brannte darauf, was er von der Wirkung künstlicher Düngemittel
in seinem Lehrbuch gelesen hatte, gleich im ersten Jahre als
selbständiger Landwirt zu erproben. So fuhr er denn Mitte Februar,
als die Wasserläufe eben wieder frei geworden waren, zur Stadt, um
sich eine Ladung zu holen, wie es für Moorland empfohlen wurde. Er
war stolz darauf, daß er, der jüngste Besitzer des Dorfs, hiermit
den Anfang machte. Im ganzen Kirchspiel war er der zweite; ein
vorwärtsstrebender Landwirt auf der Südseite hatte schon im letzten
Jahre mit Versuchen begonnen. Es hieß, daß die Moorversuchsstation in
Bremen demnächst in der Sache vorgehen und die Königliche Regierung
Beihilfen geben würde, um den vorsichtigen und mißtrauischen Bauern
Mut zu machen. Jenen zuvorzukommen, freute ihn noch ganz besonders.
Als er seine Last den Schiffgraben hinaufschob, gesellte sich ein
alter Torfbauer zu ihm, Jan Barrenbrock mit Namen, den Gerd aber nur
als Barrenbrocks Opa kannte. Dieser pflegte sich zu rühmen, in seinem
Leben mehr Torf gemacht zu haben, als die Brunsoder alle. Wenn man ihn
ansah, konnte man das auch wohl glauben. Seine mittelgroße Gestalt
schien stark der Torfkuhle zugekrümmt, und an der linken Hand saßen
ihm taubeneigroße Gichtknoten. Daß er der weißen Rasse angehörte,
konnte fast zweifelhaft erscheinen, da die Farbe seines Gesichts
stark in die des wichtigsten Landesprodukts hinüberspielte. Spötter
meinten, der Torfstaub säße ihm in der Haut wie dem Neger die schwarze
Farbe; andere wollten wissen, der alte Wühler wüsche sich nur an den
großen Festtagen, und auch dann mit viel Schonung, weil er dafür
halte, die Schicht Torf um das Fell herum erspare ihn im Ofen. Ein
Worpsweder Maler, der einmal einen rechten, echten Jan vom Moor aus
der guten alten Zeit malen wollte, war glücklich, als er Barrenbrocks
Opa entdeckte, und der Alte pflegte mit seinem pfiffigsten Lächeln zu
erzählen, so leicht wie bei dem dummen Kerl hätte er in seinem Leben
kein Geld verdient: drei Groschen die Stunde, und Tabak, soviel als er
nur hatte schmöken können.
Da Torfstaub die Menge, Wasser aber wohl nie den Weg in seine Ohren
gefunden hatte, war er recht schwerhörig und brüllte Gerd an, als ob
er einen Stocktauben vor sich hätte:
»Was hast du da im Schiff?«
»Künstlichen Dünger!« brüllte Gerd zurück. »Kainit und Thomasschlacke!«
»Kainit? Kenn' ich nicht. Was noch?«
»Thomasschlacke!«
»Und damit willst du düngen?«
»Ja, Opa!«
»Ha! Da bin ich aber ein ungläubiger Thomas.«
»Kann sein, daß Ihr noch mal ein gläubiger werdet!«
»Ich? Na, da lauer' auf, mein Junge! Als du die ersten Windeln naß
machtest, hatt' ich bald meine tausend Hunt Torf herausgemacht.«
»Das kann stimmen!«
»Als ich so'n Bursch war, wie du nun bist, mußten wir ihn noch mit
bloßen Füßen pedden. Euch jungen Gästen heutzutage wird's schon in den
warmen Hollschen zu viel.«
»Ja, Opa, die Welt ändert sich. Und hier bei uns im Moor wird sich
noch vieles ändern. Wir wollen nicht ewig Torfbauern bleiben, können's
auch gar nicht, denn der Torf wird bei kleinem alle. Wir wollen
rejalige Landwirte werden und das Hochmoor kultivieren und zusehen,
daß wir genug Grünland bei Hause kriegen und nicht die Tage und Nächte
auf der Hamme zu liegen brauchen. Das läßt sich jetzt alles machen,
denn mit dem künstlichen Dünger können wir größere Flächen in Kultur
nehmen als mit dem bißchen Kuh- und Schweinemist. Ihr sollt sehen,
Opa, wenn Ihr noch ein halb Stieg' Jahre kregel bleibt, es bricht eine
ganz neue Zeit für unsere Gegend an!«
»Wo hast du die Weisheit her?«
»Aus Büchern.«
»Aus Büchern!« wiederholte der Alte in ehrlichster Verachtung und
spuckte in schönstem Bogen, wie ihn nur die ältere Generation noch
fertig bringt, in den Schiffgraben.
»Besucht mich mal im Julimond, dann sollt Ihr was zu sehen kriegen!«
»Hä, dazu tu' ich keinen Schritt aus dem Hause. Mit so 'nem
neumodischen Kram will ich nix nich zu tun haben, hähä.«
Der Torfbauer alten Schlages ging höhnisch lachend und überlegen
kopfschüttelnd seiner Wege, indes der junge Moorbauer arbeits- und
hoffnungsfroh seinen Schatz, von dem er sich so große Dinge versprach,
seinem Besitztum zuschob.
Die nächsten Tage fiel bei der Windstille ein weicher, warmer Regen.
Da schritt er, einen Sack vor sich, die zubereitete Hochmoorfläche auf
und ab, säte aus einem alten Fausthandschuh Kainit und Thomasschlacke
gemischt und sah im Geist die Zeit kommen, wo seine achtzehn Morgen,
von denen jetzt kaum der dritte Teil kultiviert war, in frischem Grün
prangten und reichen Ertrag brachten. Er selbst würde diesen Tag wohl
nicht mehr erleben, aber ihm für Kinder und Kindeskinder ein gut Stück
entgegenzuarbeiten, dafür wollte er alle Kraft einsetzen.
* * * * *
So rückte die Osterzeit heran.
Am Sonnabend vor der stillen Woche trafen Gerd und Sine sich mit Becka
und ihrem Bräutigam in Grünmoor, um zusammen in das Pfarrhaus zu gehen
und das Aufgebot zu bestellen. Am Freitag der vollen Woche nach dem
Fest sollte die Doppelhochzeit gefeiert werden.
Als der Pastor sich die nötigen Aufzeichnungen gemacht hatte, sagte er
lächelnd: »Hoffentlich mache ich bei der Trauung nicht wieder solchen
Kohl wie bei eurer Konfirmation.«
»Das Unglück wäre so groß nicht,« meinte Gerd. »Wo die eine mit
gewaschen ist, da ist die andere mit abgetrocknet.«
Sine gab ihm einen Stoß in die Rippen, weil er so was in der
Studierstube vom Herrn Pastor zu sagen wagte. Denn ihr hatte beim
Eintreten das Herz stark gepuckert.
Der würdige Herr meinte gutgelaunt: »Na, wir wollen sehen, daß jeder
zu dem Seinen kommt. Es ist am Ende doch besser.«
Als die vier gehen wollten, bat er Gerd, noch einen Augenblick zu
bleiben.
»Wie geht es Ihrer Schwester?« fragte er, als sie allein waren.
»Danke, Herr Pastor ... jetzt geht es ... Ich habe allerhand mit ihr
durchgemacht, aber jetzt hat sie mit Gottes Hilfe wohl das Schwerste
überstanden.«
Der alte Mann sah ihm aufmerksam in die Augen. Er schien sich über den
jungen Menschen, den er lange nicht mehr aus der Nähe gesehen hatte,
zu wundern.
Mit leisem Aufseufzen fuhr er fort: »In einer so großen Gemeinde von
fast fünftausend Seelen erlebt man ja allerlei. Aber selten ist mir
etwas so nahegegangen ... Das liebe, schöne, hochbegabte Mädchen ...«
Gerd blickte stumm zu Boden.
»Was meinen Sie, wenn ich mal bei Ihnen vorspräche ...«
»Nichts für ungut, Herr Pastor, aber wenn's Ihnen einerlei ist,
möcht' ich lieber, Sie besuchten mich mal, wenn ich erst verheiratet
bin.«
»Hm ... ich meinte nur wegen Leidchen ...«
»Ich glaube, die hat ein anderer in Pflege genommen, und wir tun am
besten, wenn wir den still gewähren lassen.«
Der alte Herr sah den jungen Bauern mit seinen großen dunklen Augen
aufs höchste verwundert an. Und seine weißen, weichen Hände hielten
die braune harte Arbeitshand ein Weilchen mit warmem Druck fest, indem
er sagte: »Grüßen Sie Ihre Schwester herzlich von mir.«
»Danke, Herr Pastor,« antwortete Gerd froh überrascht, »das will ich
gern tun, und Leidchen wird sich sehr darüber freuen.«
* * * * *
Am Nachmittag des zweiten Ostertages sprach Bruder Jan am Achterdamm
vor.
»Gerd,« sagte er, »Bäcker Michaelis, unser bester Kunde, schreibt mir
eine Karte, daß er morgen notwendig einen halben Hunt Torf haben muß.
Ich hab' nicht mehr ganz so viel, aber Nachbar Rotermund will mir
zuleihen. Du bringst das Schiff diese Nacht wohl eben hin ...«