»Leidchen, kannst du nicht vergeben? Hast du mich gar nicht mehr lieb?«
Da warf sie sich ihm stürmisch an die Brust und küßte ihn
leidenschaftlich. Dann sahen sie sich noch einmal mit langem Blick in
die Augen, ihre ineinander verschlungenen Hände lösten sich, und jeder
ging seinen Weg. Er in der Richtung, aus der sie gekommen waren, sie
über die Große Weserbrücke und den glitzernden Strom der Neustadt zu.
16.
Frau Marwede vermied bei ihrem respektabeln Doppelzentnergewicht das
Treppensteigen nach Möglichkeit. Als das Fräulein aber gar nicht
erscheinen wollte und das Dienstmädchen auf ihr Rufen nicht kam,
arbeitete sie sich doch einmal, mit der rechten Hand am Geländer sich
emporziehend und mit der linken abwechselnd die Knie verstärkend,
in das Dachgeschoß hinauf. Sie wäre wohl mit lautem Morgensegen und
großem Hallo in Leidchens Kammer gebrochen, wenn der Atemmangel sie
nicht gezwungen hätte, erst mal erschöpft und hachpachend auf den
Stuhl vor ihrem Bett zu sacken. Inzwischen verrauchte ihr Zorn, nicht
ohne Wohlgefallen betrachtete sie das schöne Kind und besorgte das
Wecken durch zärtliches Kneifen in den auf der Decke liegenden Arm.
Leidchen fuhr in die Höhe und fragte erschrocken: »Wieviel ist die
Uhr?«
»Gleich acht, du Langschläferin,« gab Frau Marwede zur Antwort. Dann
hob sie warnend die dicke Hand mit dem kurzen Zeigefinger: »Mädchen,
Mädchen, du bist diese Nacht wieder so spät nach Hause gekommen.
Ich hab nach der Uhr gesehen, es war bald eins. Ich gönne dir dein
Vergnügen ja von Herzen, aber nimm dich in acht. Du bist jung und
unerfahren, und wenn eine denn auch noch so hübsch ist ...«
Leidchen war rot geworden. »Frau Marwede, Sie brauchen nichts
Schlechtes von mir zu denken. Ich war mit einem aus meinem Dorf
zusammen, wir beiden haben uns schon lange gern.«
»Und wollt euch heiraten?«
»Versteht sich.«
»Mädchen, du hättest man noch warten sollen. Eine wie du hätte mit der
Zeit auch wohl einen in der Stadt gefunden.«
Leidchen versetzte eifrig: »Oh, Sie müssen nicht denken, daß mein
Bräutigam ein gewöhnlicher ›Jan vom Moor‹ ist, wie man hier in Bremen
sagt. Er bekommt mal die große Windmühle in unserm Dorf, er ist dem
Müller sein einziger Sohn, und seine Mutter hat viel Geld gehabt.«
Frau Marwede zog die Augenbrauen hoch: »Ach so, das ist was anderes.
Dann kannst du wohl lachen, und ich gratuliere dir vielmals. Aber nun
rappel dich auf und mach', daß du an deine Arbeit kommst.«
Als die Frau gegangen war, blieb Leidchen noch einige Minuten, die
Hände unter dem Kopf, liegen.
Da trafen Pfeifen- und Trommelklänge ihr Ohr. »Muß i denn, muß i denn
zum Städtele hinaus,« kam es von den nicht weit entfernten Kasernen
herüber. Also jetzt wurden die Reservisten zum Bahnhof geführt. Und
Hermann stieg wohl bald auf sein Rad. In zwei bis drei Stunden konnte
er zu Hause sein. Und heut' abend wollte er mit seinen Eltern sprechen
... In bangem Atmen hob und senkte sich ihre Brust über dem klopfenden
Herzen.
Den Tag über wollten öfters bittere Gedanken gegen Hermann in ihr
aufsteigen, die sie jedoch mit Gewalt niederzuhalten suchte. Die
Hauptschuld hatten gewiß seine Kameraden. Ein bißchen leichtsinnig
mochte freilich er auch wohl sein, das lag am Ende schon vom Vater her
in ihm. Um so mehr brauchte er eine Frau, die ihn zu nehmen wußte.
Frau Marwede begegnete heute ihrem Fräulein, als künftiger
Mühlenbesitzersfrau, mit einer gewissen Achtung. Auch
gab sie Ratschläge für einen jungen Hausstand und nannte
Ausstattungsgeschäfte, in denen man nicht nur billig, sondern auch gut
kaufe.
Als Leidchen am Nachmittag in der Stadt einiges zu besorgen hatte,
beeilte sie sich möglichst, um eine Viertelstunde zu erübrigen, und
trat in eins der ihr empfohlenen Geschäfte, wo das Ladenfräulein ihr
vieles zeigen mußte. Den Stein ihres Ringes verbarg sie so in der
Hand, daß man ihn für einen Verlobungsreif halten konnte, und beim
Fortgehen versprach sie, nächstens mit ihrem Verlobten wiederzukommen.
Nach dem Abendbrot lud Frau Marwede sie ein, sich mit ihrer Handarbeit
zu ihr zu setzen. Aber sie schützte Kopfweh vor und suchte ihre Kammer
auf.
Jetzt eben sprach gewiß Hermann mit seinen Eltern. Der Gedanke
verursachte ihr starkes Herzklopfen, und Angstwellen liefen ihr
durch den ganzen Körper. Als die Unruhe immer größer wurde, dachte
sie auf einmal an den lieben Gott. Sie war ihm bislang mit ihren
Liebesangelegenheiten noch nicht gekommen. Zum letztenmal hatte sie
am Bett der kleinen Olga ernsthaft seiner gedacht. Aber jetzt bat sie
ihn mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen, er möchte ihr doch
nicht böse sein und alles zum Besten wenden. Da sie merkte, daß sie
dabei ruhiger wurde, nahm sie nach einer Weile ihr Gesangbuch aus der
Kommode. Das in Leder gebundene und mit Goldschnitt versehene Buch
war ein Geschenk ihres Bruders zur Konfirmation, und vorn hatte er
hineingeschrieben: Dein Lebelang habe Gott vor Augen und im Herzen,
und hüte dich, daß du in keine Sünde willigest, noch tust wider Gottes
Gebot. Wie jetzt ihr Blick auf diese Worte fiel, warf sie das Buch
ärgerlich hin und schalt den Bruder einen alten Schulmeister.
Aber die innere Unruhe schwoll aufs neue an, und sie nahm es wieder
zur Hand, um die »Kreuz- und Trostlieder« aufzuschlagen. Sie las deren
einige, die sich ihr durch die Anfangsworte empfahlen: Sei stille,
müd' gequältes Herz ... Gib dich zufrieden und sei stille ... Wer nur
den lieben Gott läßt walten ... Hei, diesen Gesang spielten daheim die
Musikanten immer, wenn im Dämmer der Großen Diele die Brautleute vor
dem blumengeschmückten, lichterbeglänzten Trautisch standen! ...
* * * * *
Am nächsten Morgen fing sie an, auf den Briefträger zu warten,
obgleich sie sich sagte, daß unmöglich schon Nachricht kommen
konnte. Und sie wartete den ganzen Tag. Und so den Mittwoch, und den
Donnerstag, mit wachsender Ungeduld und Spannung.
Ob er wegen des Zuspätkommens am Sonntag doch vielleicht noch drei
Tage eingesperrt war?
Oder hatte der Höker, der zu Hause die Posthilfsstelle verwaltete, den
Brief liegen lassen? Rechter Verlaß war auf den Mann nicht.
Oder sollten die Müllersleute wirklich noch Schwierigkeiten machen?
Wenn die Briefbestellungszeit vorüber war, horchte sie, so oft die
Ladentür klingelte, ob unten nicht jemand nach ihr fragte. Er hatte ja
gesagt, vielleicht käme er auch selbst herüber.
Am Freitag, als sie gerade vor der Haustür fegte, ging der Postbote
nicht wie gewöhnlich vorüber, sondern rief verheißungsvoll: »Fräulein
Leidchen Rosenbrock.« Sie riß ihm den Brief aus der Hand und flog
klopfenden Herzens damit die Treppe hinauf.
Auf ihrer Dachkammer angekommen, zerriß sie mit zitternden Fingern den
Umschlag und las:
Liebe Schwester!
Sie stutzte und sah nach der Unterschrift. Ach so--o, der Brief war
nur von ihrem Bruder. Bitter enttäuscht ließ sie sich auf den Stuhl
sinken.
Was mochte der ihr denn zu schreiben haben ...
»Eigentlich wollte ich heute nach Bremen und Dich auch besuchen, aber
es ist was dazwischen gekommen. Nun muß ich Dir schreiben, was ich
Dir bestellen soll. Sei nächsten Sonntag um vier Uhr am Holler See,
vornan im Bürgerpark, die Stelle wirst Du wohl wissen, aber pünktlich!
Hoffentlich geht alles gut.