Deine Schwester Leidchen.«

Beim Schreiben wurde ihr leicht und froh ums Herz, und als sie den

Brief noch einmal durchflog, gefiel er ihr sehr gut. Wehmütig lächelnd

dachte sie daran, wie einst in der Schule Lehrer Timmermann, wenn er

allerlei erdachte Fälle in Briefen behandeln ließ, unter die ihren

fast immer eine schöne rote 1 setzen mußte.

Sie beschloß, den Brief, nachdem sie ihn mit Umschlag und Adresse

versehen hatte, noch in den nächsten Postkasten zu stecken, und machte

sich auf den Weg.

Aber auf der Straße kamen ihr Bedenken. Gerd hatte ja seine

besonderen Pläne mit ihr, und sein Widerwille gegen Hermann war tief

eingewurzelt. Wenn er sich zwischen sie und ihn steckte, konnte er das

größte Unheil anrichten.

Ach was, sagte sie sich dann wieder, er weiß jetzt ja selbst, wie's

verliebten Leuten ums Herz ist, und muß endlich wissen, wie die Dinge

liegen, und schob den Brief in den Schlitz des blauen Kastens.

Aber auf einmal zog sie ihn wieder heraus. Es war am Ende doch besser,

mit dem Absenden bis morgen zu warten.

Der Brief wurde aber am nächsten Tage nicht abgeschickt und auch die

folgenden nicht. Es erschien ihr nun auf einmal wieder leichter und

vorteilhafter, die Angelegenheit mündlich mit dem Bruder abzumachen.

Er konnte ja jeden Tag mal wieder bei ihr vorsprechen, und so wartete

sie fortan auch auf ihn.

* * * * *

Der schöne, warme Herbstsonntag hatte Scharen von Menschen ins Freie

gelockt. Wie eine Völkerwanderung wogte es die breite Allee dahin,

Schüler, Liebespärchen, junge Eheleute, ihren Erstling zwischen sich

oder im Wägelchen schiebend, behäbige Bürgerfamilien mit allerlei

Anhang, alles in behaglichster Sonntagnachmittagstimmung.

Da, wo die Allee den Bürgerpark erreicht, stand ein junges Mädchen

mit suchenden Augen und ließ den Strom an sich vorüberziehen.

Hinter einer breit watschelnden Madam blitzten Uniformknöpfe auf.

Die Wartende trat hastig ein paar Schritte vor, blieb dann aber

enttäuscht stehen. Es war ein Fremder, der mit seinem glücklich zu ihm

aufschauenden Mädchen daherkam.

Die Uhren in der Stadt schlugen halb. Es war töricht, jetzt schon so

angestrengt zu warten. Sie hatten vor dem Manöver ja verabredet, sich

um vier am Holler See zu treffen. Vor der ausgemachten Zeit war er nie

gekommen, aber stets militärisch pünktlich auf die Minute.

Leidchen setzte sich auf eine Bank, die eben frei wurde, von der aus

sie den Menschenstrom im Auge behielt. So oft eine Uniform auftauchte,

klopfte ihr das Herz.

Ein bejahrtes Ehepaar kam angewandelt und ließ sich freundlich nickend

zu ihr auf der Bank nieder.

»Sie warten wohl auf jemand, liebes Fräulein?« fragte der alte Herr

nach einer Weile.

Leidchen sah in ein vertrauenerweckendes, gütiges Großvatergesicht,

das ein kurzgeschnittener silberner Backenbart umrahmte. »Ja,« sagte

sie erleichtert aufatmend, »mein Bräutigam muß jeden Augenblick

kommen.«

Der alte Mann lächelte fein, wie aus glücklicher Erinnerung heraus,

legte seiner greisen Lebensgefährtin die Hand aufs Knie und trällerte

leise: »Im Rosengarten will ich deiner warten, im grünen Klee, im

weißen Schnee.« Und in den umschleierten, tief in Falten eingebetteten

Augen der würdigen Matrone erschien das gleiche erinnerungsselige,

stille Lächeln. Es war Leidchen, als müßte sie die beiden Leutchen

sehr lieb haben.

Vier Uhr schlug's von den Türmen, und sie sandte einen langen Blick

die Allee hinunter.

»Ihr Schatz scheint nicht recht pünktlich zu sein,« sagte der alte

Herr, seine Uhr ziehend. »Als ich noch jung und schön war, hab' ich

mein Lieb nicht so lange warten lassen. Nicht wahr, Oma?«

»Er ist Bursche bei einem Hauptmann,« sagte Leidchen, den Säumigen

entschuldigend, »der hat ihn wohl nicht früh genug laufen lassen.«

»Ach so ... ja, ja ... und überhaupt die Herren Soldaten ...«

Sie unterbrach ihn schnell: »Wir beide sind aus einem Dorf und haben

uns schon von der Schulbank her gern. Mein Bräutigam ist der Sohn von

unserm Müller und erbt mal die Mühle, eine große, starke Windmühle,

und eine Stelle von sechzig Morgen dazu.«

»Das ist was anderes,« sagte der Alte achtungsvoll.

»Und die Hochzeit,« fuhr Leidchen fort, »soll noch vor Weihnachten

sein. Ich freu' mich mächtig, daß ich wieder in unser Moor komme, hier

in der Stadt mag ich gar nicht sein.«

»Aber ich bitt' Sie, liebes Kind, unser Bremen! ...«

»Nee, nee, bei uns im Moor ist's viel schöner, zehnmal so schön!« Und

sie berichtete vom Torfbacken daheim und vom Heuen an der Hamme und

von der Spinnstube winternachmittags. Als sie mit klagender Stimme

erzählte, daß beide Eltern ihr früh gestorben wären, sah die alte Dame

sie mitleidig an, und da begann sie, ihrem Bruder Gerd ein Loblied zu

singen. Er wäre so ganz anders als die anderen jungen Leute im Dorf,

läse viel in Büchern, auch in sehr schweren; was er an ihr getan

hätte, in kindlichen Jahren und auch später, das könnte sie niemals

wieder gut machen. Jetzt wäre er auch verlobt und hätte sich vom

Ersparten eine kleine Stelle von achtzehn Morgen gekauft. So plauderte

sie drauflos, wie das Rieselwasser am Klappstau; denn wenn sie

aufhörte, fürchtete sie, würden die beiden aufstehen und weitergehen,

und ihr war doch lange nicht so wohl gewesen wie unter dem stillen

Blick der gütigen alten Augen, und sie empfand es überaus wohltuend,

daß sie sich nach den einsamen drei Wochen endlich einmal aussprechen

konnte. Und die lieben alten Menschen lächelten, nickten, stellten

Fragen, machten kleine Scherze und hatten viel Geduld, ihr zuzuhören.

Zuletzt war diese aber doch wohl zu Ende, sie erhoben sich, drückten

ihr herzlich die Hand, wünschten vergnügte Hochzeit und glücklichen

Ehestand und gingen. Leidchen sandte ihnen warme Blicke nach, bis sie

um eine Rhododendrongruppe verschwanden, und dachte: wenn sie statt zu

Marwedes zu solchen Leuten ins Haus gekommen wäre!

Da schlug's schon halb fünf! Warum in aller Welt mochte Hermann so

lange auf sich warten lassen?

Sollte sie sich in Ort und Zeit geirrt haben? Unmöglich! Sie hatte

sich beide ja fast stündlich wiederholt.

Und er konnte die Verabredung doch auch nicht falsch verstanden oder

vergessen haben. Dann verdiente er ja ...

Vielleicht konnte er nicht abkommen, weil sein Hauptmann wieder

mal Gesellschaft gab, wodurch früher einmal eine Verabredung

hinfällig geworden war. Aber am Tag nach dem Manöver? Das war sehr

unwahrscheinlich.

Oder? ...

Sie erschrak vor diesem Oder und taumelte davor zurück wie vor einem

Abgrund.

Nein, und abermals nein, und tausendmal nein!

Lieber glauben, daß in einer Viertelstunde die Welt untergeht, als

dies!

Warum hatte er aber sein Versprechen, jeden zweiten Tag einen Gruß zu

schicken, so schlecht gehalten?

Und war er die letzten Wochen vorm Manöver nicht manchmal so ganz

anders gegen sie gewesen wie im Anfang, gleichgültiger, kälter?

Ach nein, das schien ihr jetzt gewiß nur so, und er hatte ja damals

auch alle Hände voll zu tun gehabt. Beim Abschied, wie hatte er sie da

wieder geküßt und an sich gedrückt ...

Aber warum ließ er sie denn jetzt so warten, warum kam er nicht?

Die Turmuhren verkündeten eine Viertelstunde nach der anderen. Die

wilden Tauben flogen zu ihren Schlafplätzen, auf dem Teich, der im

Widerschein rosiger Abendwolken glänzte, zogen Schwäne ruhevoll ihre

schimmernde Bahn. Die Mehrzahl der Spaziergänger war jetzt stadtwärts

gewendet.

Ein junger Mann blieb fade lächelnd vor ihr stehen, drehte seinen

Schnurrbart, lobte das hübsche Wetter und die weißen Schwäne und

wollte sich vertraulich zu ihr setzen.

Da stand sie auf und befand sich bald in dem bunten Strom, der sich

der Stadt zu bewegte.

Vor ihr pilgerten zwei tagenbarne Bürgerfamilien, die sich eben erst

getroffen haben mochten und ihre Unterhaltung recht laut führten, wie

Leute, die ihrer Gesinnungstüchtigkeit, Steuerkraft und sonstigen

Bedeutung für das Gemeinwesen sich voll bewußt sind. Leidchen hörte

zuerst nicht hin, bis der dickere der Väter, ein Mann mit rotem

Gesicht und gutmütigen Kulpsaugen, bedauernd sagte: »Das arme Ding, es

kann einem herzlich leid tun,« und eine blecherne Stimme, die unter

einer spitzen weiblichen Nase hervorkreischte, entgegnete: »Sie ist

selber schuld daran, sie hat's nicht besser haben wollen.«

Diese Worte brannten sich ihr wie glühendes Eisen in die Seele, es

war, als wollten die Füße ihren Dienst versagen.

Hinter der Bahnunterführung teilte sich die Menge hierhin und dorthin.

Jetzt nach Hause? Mit der qualvollen Ungewißheit auf die enge

Dachkammer, der langen Nacht entgegen?

Um alles nicht! Sich zusammenraffend schlug sie mit entschlossenen

Schritten die Richtung nach dem südöstlichen Stadtviertel ein, wo

in einer der Straßen, die rechtwinklig auf den Weserdeich stoßen,

Hermanns Hauptmann seine Wohnung hatte. Er selbst hatte sie ihr einmal

gezeigt.

Als sie nach längerem Suchen das Haus gefunden hatte, flog ihr Blick

zu dem Fenster seines Mansardenstübchens hinauf, das geöffnet war.

Dort oben war er heute nachmittag sicher nicht.

Im Kellergeschoß lag die schon erleuchtete Küche, durch einen

dünnen Gazevorhang konnte man hineinsehen. Die Köchin stand am Herd

und summte eine fremde Weise. Der Späherin schaffte es eine leise

Genugtuung, daß die Person dick und häßlich war. Von dieser Seite

drohte gewiß keine Gefahr.

Leidchen zweifelte nicht daran, daß Hermann in die Stadt gegangen

war, und beschloß zu warten, bis er nach Hause käme. Morgen wurden

die alten Mannschaften entlassen, und vorher wollte und mußte sie ihn

sprechen, wenn sie auch die ganze Nacht hier warten sollte.

Sie schritt die vornehm ruhige Straße auf und ab, Bedacht nehmend,

daß sie sich nicht weiter als drei oder vier Häuser von dem, dessen

Tür sie bewachte, entfernte. Wenn einmal ein Schritt durch die Stille

klang, blieb sie stehen und spähte in die Richtung, woher er kam. Eine

Weile horchte sie, an ein Eisengitter gelehnt, auf das Klavier, das in

einem der Nachbarhäuser mit großer Fertigkeit gespielt wurde und ihr

leichter über eine halbe Stunde Wartens hinweghalf. Einmal stieg sie

den nahen Osterdeich hinan, und der kühle Hauch, der von drüben wehte,

der Blick auf den in der Tiefe ziehenden Strom und zum jenseitigen

Ufer hinüber, wo auf den Weiden Kühe im Nebel ruhten, taten wohl und

belebten ein wenig ihr Hoffen.

Die Uhr der nicht weit entfernten Friedenskirche rief die Stunden aus.

Eine Haustür nach der anderen wurde abgeschlossen. Fenster um Fenster

verdunkelte sich. Ein Schutzmann ging vorüber und sah der Wartenden

prüfend scharf ins Gesicht. Die Straße wurde immer einsamer und

stiller.

Vom Stehen und Gehen, von Hunger und Durst, von der stets neu

aufflackernden Hoffnung, wenn ein Schritt erschallte, und den darauf

folgenden Enttäuschungen wurde sie zuletzt so müde, daß sie sich kaum

noch auf den Füßen halten konnte. Durch das fiebernde Hirn jagten sich

Erinnerungen und Bilder: Die Bootfahrt durch die lichtgrünen Hallen

... das Hünengrab ... die schwüle Gewitternacht im Bürgerpark ...

die gütigen alten Augen vom Holler See ... die blecherne Stimme: sie

hat's nicht anders gewollt ... bis endlich eine große Öde und bleierne

Müdigkeit über sie kam und sie nach nichts mehr verlangte als nach

körperlicher Ruhe. Langsam, auf wehen, schwankenden Füßen, verließ sie

ihren Posten.

Aber die nächste Straßenecke hatte sie noch nicht erreicht, als

sie zusammenzuckte, stehenblieb und vornübergeneigt horchte.

Schwere Schritte klangen laut durch die mitternächtliche Stille. Im

Schein einer Laterne blitzen Uniformknöpfe und der Beschlag eines

Seitengewehrs.

Sie vertrat dem Ankommenden den Weg.

»Hermann!«

»L..l... leidchen, du hier?«

»Darüber wunderst du dich? Von halb vier an hab' ich auf dich

gewartet.«

»Pst, schrei doch nicht so, hier wohnen überall L... leute.«

»Gleich sagst du mir, wo du gewesen bist!«

»Pst, Deern, man sinnig, immer ruhig Blut. Du weißt doch, es ist heut'

der letzte Tag, daß ich Soldat bin. Morgen reisen meine Kameraden

in alle Welt auseinander. Da haben wir natürlich ein bißchen A...

abschied gefeiert.«

»Und du hast so viel getrunken, daß du kaum sprechen kannst.«

»Was? So'n kleines Vergnügen gönnst du einem nicht mal und lauerst mir

hier die halbe Nacht auf, um mich auszuschimpfen?«

»Oh, Hermann, wenn du wüßtest, wie ich mich nach dir gesehnt habe!«

»Das ist alles ganz gut und schön, aber jetzt mußt du mich

vorbeilassen. Es ist schon über die Zeit, ich fliege sonst zu guter

Letzt noch drei Tage in den Kasten.«

Sie gab ihm aber den Weg nicht frei. »Hermann ... ich muß dir ... noch

was sagen,« kam es abgerissen und stoßweise über ihre bebenden Lippen.

»Denn raus damit, aber fix!«

Sie näherte ihren Mund seinem Ohr und flüsterte hastig ein paar Worte.

Er lachte heiser auf: »Deern, du glaubst wohl, daß altes Militär sich

noch ins Bockshorn jagen läßt?«

Ihre Augen wurden groß und starr: »Es ist so gewiß wahr, als ich hier

vor dir stehe.«

Sein nägelbeschlagener Stiefelabsatz schlug auf die Steinfliesen, daß

der Schall die Straße hinabsprang und von einer Ecke zurückgeworfen

den gleichen Weg noch einmal machte. »Verdammte Bescherung!« knirschte

er zwischen den Zähnen und stieß sie unsanft von sich. Sie taumelte,

tastete nach dem Eisengitter und brach vor seinen Füßen zusammen.

Entsetzt und plötzlich ernüchtert beugte er sich zu der am Boden

Liegenden: »Aber Leidchen ... was machst du für Geschichten ... steh'

doch auf ... wenn jemand käme!«

Da sie kein Lebenszeichen von sich gab, ließ er sich zu ihr auf die

Steine nieder, hob ihren Kopf auf sein Knie, streichelte ihr Stirn und

Schläfen und rief sie beim Namen.

Nach einer Minute erwachte sie aus der Ohnmacht und schlug die Augen

auf.

»Aber Leidchen, mein liebes, süßes Leidchen, was hast du mich verjagt!

Vergib mir tausendmal, du mußt bedenken, das viele Bier ... die

Verführung ist zu groß in der Welt. Aber nun steh' auf ... wenn uns

einer hier sähe ... ich helf' dir. So--o ... siehste, es geht schon

wieder, stütz dich man fest auf mich, ich steh' jetzt schon wieder

ganz fest auf den Füßen und bringe dich nach Hause. Wir gehen über den

Osterdeich, da weht immer ein frischer Wind, der wird dir gut tun ...

Und was du mir da erst gesagt hast, bleib' ruhig, Kind, das ist ja

gar nichts Schlimmes, und ich bin darüber nur so erschrocken, weil es

so unverhofft kam, und weil ich ein bißchen zuviel getrunken habe.

Dann weiß der Mensch nicht, was er sagt und tut ... Ah! die frische

Luft von der Weser her ... nicht wahr, Kind, die tut dir wohl? ... Mir

auch, woll'n mal den Brustkasten ordentlich voll nehmen ... Kuck mal,

da fährt noch ein kleiner Dampfer, hat zwei Schleppkähne hinter sich,

kommen wohl von Minden, oder auch schon von Hameln ... Morgen früh

geht's ja nach Hause, das heißt, wenn ich nicht erst noch drei Tage zu

Vater Philipp muß, aber werd' man nicht bange, es hat ja noch immer,

immer gut gegangen. Was blinkt so freundlich in der Ferne? Es ist

das liebe Elternhaus. Sie werden sich erst wohl ein bißchen sperren,

aber das kann ihnen nun alles nichts mehr helfen. Weißt du, was so 'n

richtiger alter preußischer Militärsoldat ist, der steht auf seinem

Stück: Vorwärts mit Gott für König und Vaterland! Anders gibt's da

nichts, und wird nicht mit der Wimper gezuckt.«

»Hermann, Hermann, du machst so schrecklich viele Worte.«

»So? Ja, aber du hast mich auch zu schlimm verjagt. Ich hatte dich

doch man eben angetippt und pardauz lagst du da. Wenn das einer

gesehen hätte!«

»Und wann willst du mit deinen Eltern sprechen?«

»Natürlich gleich morgen abend.«

»Dann mußt du mir aber gleich schreiben.«

»Versteht sich. Oder ich komm' per Rad. Wie's gerade paßt.«

»Oder soll ich lieber übermorgen nachgereist kommen?«

»Nee, Leidchen, lieber nicht, mach' bloß keine Geschichten! Du bist

viel zu hitzig, und die Sache mit meinen Alten, weißte, die muß fein

eingefädelt werden, das muß einer kennen.«

»Und dann könntest du auch wohl gleich zu meinem Bruder gehen.«

»Ja, ja, wird gemacht.«

»Aber du sagst ihm bloß, daß wir uns verlobt haben und bald Hochzeit

halten wollen ... Alles braucht er nicht zu wissen.«

»Das mein' ich auch. Was er nicht weiß, das macht ihn nicht heiß.«

»Und wann soll die Hochzeit sein?«

»Wenn Vater und Mutter nur erst ja gesagt haben, kann die Sache gleich

vorwärts gehen. Ich denk', im November, oder sonst im Dezember. Das

ist ja wohl noch früh genug. Dann kannst du bei der Trauung auch noch

dreist 'n Kranz aufsetzen ...«

»... Was meinst du zu der Aussteuer? Bei uns im Moor sind in diesen

Monaten so viel Hochzeiten, und die Handwerksleute kommen nicht

dagegen an. Ich glaube, wir kaufen sie am besten fertig, im Kloster

oder auf dem Weiher Berg.«

»Wie du schon an alles gedacht hast!«

»Woran hat unsereins denn sonst zu denken? ... Beinahe dreihundert

Taler hab' ich von Mutter selig geerbt. Dafür ist schon allerhand zu

haben. Und einen Schrank voll Leinen hab' ich auch, von Mutterseite

her, und was ich mir selbst dazu gewebt habe.«

»Ja, das ist 'ne ganze Masse.«

»Viel ist's ja nicht für Leute, wie ihr seid, aber du hast ja immer

gesagt, ich brächte sonst allerlei mit, was für kein Geld zu kaufen

wäre. Sag' deinen Eltern, ich würde ihnen jeden Wunsch an den Augen

ablesen. Und du mußt auch immer nett gegen sie sein, Hermann, mußt

auch mal nachgeben und nicht immer mit dem Kopf durch die Wand wollen.

Es gibt nichts Schrecklicheres, als wenn in einem Hause die Alten

und Jungen nicht miteinander auskommen können, und dies Trauerspiel

wollen wir nicht aufführen ... Wenn du heut' nachmittag gekommen

wärst, hätten wir das alles viel ruhiger und gründlicher durchsprechen

können. Jetzt sind wir beide zu aufgeregt, ich von dem schrecklichen

Warten, und du? ... ach, es ist ja einerlei ...«

Sie war stehengeblieben und fuhr fort: »So, nun kann ich allein nach

Hause gehen.«

»Soll ich dich doch nicht lieber ganz hinbringen?« fragte er unsicher.

»Nein, du kannst gleich umkehren, meinetwegen sollst du nicht in

Arrest. Aber komm hier noch eben mit unter diese Laterne ... ich

möchte dir gern mal in die Augen sehen ... So ... Ach wenn ich dir

doch bloß ins Herz kucken könnte! ... Hermann, wenn du in deinem

Herzen beschlossen hast, mich in meiner Not zu verlassen, dann bitt

ich dich nur um eins: mach' gleich ganze Arbeit. Hier bei der Großen

Weserbrücke haben sie vorige Woche ein armes Mädchen aus dem Wasser

gezogen, das hatte auch ein schlechter treuloser Mensch in den Tod

getrieben. Hermann, wenn du deine Eidschwüre nicht halten willst ...

hier steh' ich und wehr' mich nicht, nimm das Messer, das du da an der

Seite hängen hast, und stich mich durchs Herz und wirf mich da hinein!«

»Leidchen, Leidchen,« rief er in fast weinerlichem Tone, »was

schnackst du da von Totstechen! Wie kannst du bloß so was von mir

denken? So bist du doch sonst nicht gewesen.«

»Nein, ~du~ bist sonst nicht so gewesen ...« sagte sie traurig.

»Wir haben uns drei Wochen nicht gesehen, und du hast mich noch nicht

mal geküßt.«

»Och Leidchen, das hab' ich ganz vergessen.«

»Ja, das hast du ganz vergessen ...«

»Aber wir können das ja nun zum Abschied nachholen.«

Geschwister Rosenbrock · 第 20 / 34 题