Der Lehrer nickte: »Ja, meine Schwester hat sich Sonntag mit dem
Kollegen Brinkmeyer in Asendorf verlobt.«
»Ach so ... denn gratulier' ich auch viel-, vielmals,« sagte Gerd, die
kleine Hand der glücklichen Braut zwischen beide Pranken nehmend.
Der andere hatte sich erhoben. »Solche Doppelverlobung muß würdig
gefeiert werden,« rief er, »wir wollen unseren Weinkeller austrinken.«
»Weinkeller ... wie das großartig klingt!« lachte hinter dem
Hinausgehenden die Schwester. »Der gute Junge hat mal als Seminarist
in Bederkesa dem unbegabten Sohn eines Kaufmanns Rechenstunden
gegeben, fünf Groschen die Stunde, und zum Abschied hat der dankbare
Vater ihm drei Flaschen Mosel geschenkt. Davon ist noch eine übrig
geblieben.«
Sie stand auf und holte drei dicke Wassergläser, die sie mit den
Worten auf den Tisch stellte: »Richtige Weingläser muß die Aussteuer
erst bringen.«
Bald klappten dieselben auf das Wohl der beiden Brautpaare hart
und klanglos gegeneinander. Und alle drei schmeckten andächtig zu,
machten Gesichter, als ob sie alte Weinkenner wären und nickten sich
wohlgefällig an. »Ein guter Tropfen,« lobte der Spender.
Der Wein war stark sprithaltig, und es dauerte nicht lange, so hatten
sie alle drei rote Köpfe.
Da bekam Gerd auf einmal Courage und fragte, zu Fräulein Mariechen
gewandt: »Will Ihr Bruder denn nicht auch bald Anstalt machen?«
Sie lachte: »Nun, wo ich mich verlobt habe, soll er wohl müssen.
Wissen Sie keine für ihn?«
Er wurde noch roter und stamerte: »Das ist nicht so leicht. Für 'ne
Lehrerfrau paßt sich längst nicht jedes Mädchen.«
»Ich wüßte wohl eine,« sagte sie, und der Schelm lachte ihr aus den
Augen.
»Daß du mir reinen Mund hältst!« rief ihr Bruder, mit aufgehobenem
Finger drohend.
»Ach Otto, warum sollen wir Gerd nicht ins Vertrauen ziehen? Die Sache
muß ja doch endlich mal in Fluß kommen.«
Da er sich drein zu ergeben schien, wandte sie sich wieder zu Gerd und
sagte flüsternd, die Hand schräg gegen den Mund haltend: »Mein Bruder
hat Ihre kleine Schwester gern, und ich kann mir auch keine nettere
Frau für ihn denken. Was meinen Sie, könnte daraus wohl etwas werden?«
Gerd strahlte über das ganze Gesicht.
»Von Herzen gern.«
»Und Leidchen?«
»Oh, so ganz von gestern bin ich auch nicht. Ich hab' schon länger
Mäuse gemerkt und sie sogar mit ihm aufgezogen.«
»Und sie?«
»Och, sie ist noch'n bißchen jung und hat für die Liebe noch keinen
rechten Sinn. Aber wenn er Ernst macht, sagt sie gewiß nicht nein.
Dazu ist sie viel zu vernünftig ... Soll ich sie mal 'n bißchen
vorbereiten?«
»Um alles nicht!« rief Herr Timmermann entsetzt.
»Na ja, es ist am Ende auch am besten, ihr macht die Sache unter euch
ab. Leidchen ist 'ne ganz komische Deern, wie ich noch keine getroffen
habe. Wenn ich etwas von ihr will, tut sie meist just das Gegenteil.
Sie wär' imstande und sagte nein, bloß um mir'n Tort anzutun.«
»Ja, ja, das kommt davon. Du hast sie zu lange unter der Fuchtel
gehalten ... Kommt sie wohl bald mal nach Hause?«
»Was ich weiß, nein.«
»Nun, dann reise ich im Lauf der nächsten Wochen vielleicht mal hin.«
Gerd rieb sich vor Freude die Hände. »Wenn's kommt, kommt's auf den
Haufen, und diesmal ist's das Glück. Ich glaube, jetzt stoßen wir auch
noch auf das dritte Brautpaar an.«
»Halt, so weit sind wir noch nicht.«
»Vivat hoch!« rief Gerd, und die Gläser klappten zusammen. »Daß die
Sache wird,« meinte er großartig, »dafür kann ich garantieren.« »...
Glaub' ich wenigstens,« fügte er dann etwas bescheidener doch hinzu.
»Die Deern müßte ja doll und dumm sein, wenn sie nicht mit beiden
Händen zugriffe.«
15.
Die Fünfundsiebziger waren ins Holsteinische gefahren, zu den großen
Herbstübungen.
Leidchen entführte abends die Zeitungen auf ihre Dachkammer und las
die spaltenlangen Manöverberichte nebst strategischen Betrachtungen
mit Sorgfalt und Gründlichkeit. Dann nahm sie auch wohl eine
Photographie aus der Kommode, auf der ein schmuckes Pärchen zu sehen
war. Sie hatten das Bild einmal von einem ländlichen Schützenfest
mitgebracht. Auch zwei Postkarten betrachtete und las sie oft genug;
denn sie sandten ihr »1000 Gr. u. K.« Die eine zeigte eine hübsche
ostholsteinische See- und Waldlandschaft. Die andere gefiel ihr
weniger gut. Da drückte ein Mädchen mit der linken Hand die Schürze
vor die weinenden Augen, während sie mit der rechten einen Soldaten
zu halten suchte, der sich mit lachenden Augen und, wie es schien,
leichten Herzens losmachte, um den Kameraden nachzueilen, die schon
die Straßen hinabzogen. Bei diesem Bilde fühlte sie bald etwas
wie Eifersucht, bald auch wunderliches Mißbehagen, über das sich
Rechenschaft zu geben sie vermied.
Hermann hatte ihr vor dem Ausrücken ins Manöver versprochen,
wenigstens jeden zweiten Tag zu schreiben, so daß sie eigentlich vom
Morgen bis zum Abend in Erwartung des Briefboten lebte, der dreimal
des Tags die Runde machte. Aber nur zwei Karten waren in vierzehn
Tagen eingetroffen. Wenn die Hoffnung auf ein Lebenszeichen sie wieder
einmal getäuscht hatte, war sie auf den Wortbrüchigen beinah etwas
böse. Aber sie entschuldigte ihn jedesmal schnell. Er hatte ihr ja
erzählt, wie's in so einem Manöver herging, und die Zeitung berichtete
von langen Märschen bei Tag und bei Nacht und von großer Ermüdung der
Truppen.
Eines Abends nahm sie ihr Myrtenbäumchen vom Fenster und stellte es
vor sich auf die Kommode. Als sie die Blätter genauer betrachtete,
machte sie auf einmal große erschrockene Augen. Die glänzend grünen
Blättchen waren zusammengeschrumpft und gekräuselt, das Bäumchen
schien dem Tode verfallen. Mit schmerzlichem Gesicht begoß sie es
reichlich, um es dann schnell wieder an seinen Platz zu stellen und
sich von dem vorwurfsvollen Anblick ihres vernachlässigten Pfleglings
zu befreien.
Dann setzte sie sich auf den Bettrand und blickte starr vor sich hin.
Auf einmal kam eine angstvolle Unruhe über sie. Sie faltete und rang
die Hände, streckte sie von sich und preßte sie gegen die Brust, fuhr
steil in die Höhe und wanderte das Zimmer auf und ab, öffnete das
Dachfenster und stieg auf ihren Stuhl, um die hereindringende frische
Herbstluft an der Quelle zu schöpfen.
Wenn sie doch nur seine Adresse wüßte! Dann hätte sie sich hinsetzen
und in einem Brief ihm ihr Herz ausschütten können ...
Plötzlich trat ein Ausdruck von Entschlossenheit in ihre Züge, sie
wollte an seine Eltern schreiben, und in blitzschneller Folge drängten
sich ihr die Gedanken und Sätze auf. Sie nahm einen Briefbogen,
den sie sorgfältig mit Ort, Straße, Hausnummer und Datum versah.
Aber schon die Anrede ließ sie scheitern. Wie sollte sie schreiben?
»Geehrter Herr Vogt und Frau«? Das klang so kalt. »Liebe Eltern«? das
ging doch auch nicht gut, solange Hermann nicht mit ihnen gesprochen
hatte. Nächsten Montag wurde er ja zur Reserve entlassen, und dann
mußte er das sofort tun.
Sie stützte den Kopf in die Hände, Sorgen und quälende Gedanken
umdüsterten ihre weiße Stirn. Auf einmal heiterte ihr Gesicht sich
auf, sie griff schnell zur Feder und schrieb:
»Lieber Bruder!
Als Du das letztemal hier warst, habe ich mich sehr gewundert. Du
warst knapp wiederzuerkennen, so hattest Du Dich verändert. Ja, mit
der Liebe ist das ein wunderlich Ding.
Du denkst nun natürlich: Was weiß die dumme Deern davon? Lieber
Bruder, ich weiß mehr davon als Du denkst. Denn auch meine Stunde
hat geschlagen.
Du wirst dich sehr wundern, aber ich bitte Dich, behalte ruhig Blut
und sei mir nicht böse. Vergiß nicht, was Du mir versprochen hast:
in diesem Stück wollten wir uns beide ganz und gar zufrieden lassen.
Ich freue mich mit Dir, freu Du Dich mit mir!
Du wirst nun gerne wissen wollen, wer es ist. Als ich im Sommer mal
im Bürgerpark spazieren ging, traf ich unseren alten Schulkameraden
Hermann wieder, und wir beide sind eins geworden, daß wir ein Paar
werden wollen. Die Hochzeit soll noch vor Weihnachten sein, denn
wir sind ja beide alt genug, er über dreiundzwanzig und ich bald
neunzehn, und jung gefreit hat noch niemand gereut.
Du hast von Kindesbeinen an einen Pik auf Hermann gehabt, und das
ist beinah das einzige, was ich nie an Dir leiden mochte. Du kannst
doch nicht verlangen, daß alle Menschen genau so sind wie Du. Glaub
mir, Gerd, ich kenne ihn besser als Du und weiß auch, daß er seine
Fehler hat, gerade so wie ich und Du und alle Menschen. Aber im
Grunde ist er nicht unrecht, und die Hauptsache ist, er hat mich
schrecklich lieb, und ich ihn desgleichen. Wir beide haben uns
gerade so lieb, wie Du und Sine euch habt, und darum darfst Du nun
auch keine Widerworte machen. Lieber Bruder, Du hast mir viel Gutes
getan und sozusagen Vater- und Mutterstelle an mir vertreten. Nun
tu mir auch die Liebe an, daß Du mir hierzu Deinen Segen gibst. Ich
kann nicht eher wieder ruhig werden, als bis Du mir geschrieben hast.
Ich freue mich so, daß Du Dir die Stelle am Achterdamm gekauft hast.
Sie ist ja von unserer abgeteilt und hat vor vierzig Jahren noch
dazu gehört, wie Hermann mir erzählt hat. Wie schön ist das, daß wir
beide, die wir immer so treu zusammengehalten haben, wie man es bei
Geschwistern nicht häufig findet, nun für das ganze Leben Nachbarn
werden sollen! Und ich denke, wir wollen die beste Nachbarschaft
halten. Dein Sinchen will ich tüchtig lieb haben, und wenn die beiden
Alten mich mal ärgern, wutsche ich schnell zu Euch hinüber, und Ihr
tröstet mich. Aber das wird wohl gar nicht nötig sein, ich gehöre
nicht zu denen, die immer gleich den Kopf hängen lassen, ich will die
alten Brummbären wohl zahm kriegen.
Hermann spricht immer sehr nett und lieb von Dir und trägt Dir gar
nichts nach. Ihr müßt noch die besten Freunde werden, eher laß ich
Euch keine Ruhe. Jetzt ist er im Manöver und hat mir schon zweimal
geschrieben.
Schreibe bald wieder, oder noch besser ist's, Du kuckst mal vor,
wo Du jetzt gewiß doch oft mit Torf in die Stadt kommst. Vor Frau
Marwede brauchst Du keine Bange zu haben, die hat mich die längste
Zeit geärgert. Die wird schöne Augen machen, wenn sie erst Bescheid
weiß!