Er nickte. »Gut,« sagte er, »ich will das bemerken.«

»Halt!« rief Sine, »dabei hab' ich doch auch wohl noch ein Wort

mitzureden. Ich bin gegen die Doppelhochzeit.«

»Warum?« fragte Gerd, von seinem Schreibwerk aufblickend.

»Oh ... bei 'ner Doppelhochzeit lohnt es nicht so mit den Gaben. Für

zwei auf einmal ordentlich was zu schenken, das wird den Leuten leicht

zu viel.«

»Sine, du bist 'ne lüttje famose Deern. Daran habe ich noch gar nicht

einmal gedacht. Du magst wohl recht haben ...«

»Da hört sich doch alles auf!« rief Becka empört, machte ihre

grallsten Augen und legte die Arme vor sich auf den Tisch, »nun

spielt ihr mir schon unter einer Decke. Aber das will ich euch man

sagen, wenn ihr nicht für die Doppelhochzeit stimmt, ist unsere

Freundschaft aus, ich stehe nicht bei euch Gevatter und besuche

euch auch nicht. Das waren Meta und Metta Rodenburg in unserm Dorf,

die auf einen Tag Hochzeit machten und nicht viel kriegten. Aber

warum? Die Leute mochten sie und die ganze Familie nicht leiden, und

schickten gar keinen, oder Knecht und Magd und Kinder, und da schaffte

es natürlich nicht mit den Gaben. Aber das hat bei uns nichts zu

bedeuten. Ich glaub', Sine, ich kann ruhig sagen, wir beide sind ganz

beliebt, und auch unsern Vater haben sie gern in allen Häusern, wo er

Hollschen macht. Denk' dir doch, Deern, wie schön das wird, wenn wir

beide so im Myrtenkranz und Schleier da auf unserer Diele beieinander

stehen, ich mit meinem Jan, du mit deinem Gerd; und unser guter alter

Pastor gibt uns alle vier zusammen in den heiligen Ehestand, aber

diesmal soll er's richtig machen, und nicht so Kuddelmuddel wie bei

der Konfirmation. Ich glaube, dann kann ich vor Weinen knapp ja sagen.

Denn du mußt wissen, Gerd, ich bin ein bißchen weich und hab' mich

nicht so in der Gewalt wie Sine.«

»Was meinst du, Gerd, wollen wir ihr den Gefallen tun?« fragte Sine.

»Ja, man zu,« antwortete er lächelnd, »wir sind ihr ja auch etwas Dank

schuldig, ohne sie hätten wir uns ja nie gekriegt.«

»Na gut,« wandte die ältere sich an die eine halbe Stunde jüngere,

»denn kannst du mit uns Hochzeit halten. Das heißt, wenn Jan

einverstanden ist.«

»Der?« rief Becka. »Der ist jetzt überstimmt: Drei gegen einen. Ob er

will oder nicht, er muß!« -- --

Als die drei den Heimweg angetreten hatten und aus dem Eichenschatten

des Dorfes ins Freie kamen, mußten sie auf der Höhe der Geestdüne

stehenbleiben. Denn der Himmel stand über ihrer Moorheimat in

flammenden Gluten, so stark und tief in den Farben, daß selbst der

Blick dieser Leutchen, die an die prächtigen Sonnenuntergänge über

ihrem wasserdunstgeschwängerten Lande von Kind an gewöhnt waren,

gebannt wurde. Ein leuchtendes Rot von Heideblüten und Abendglanz lag

über dem weiten wilden Moor, der Wasserzug neben dem Rodenburger Damm

lief wie eine Straße von funkelndem Gold zu den fernen Dörfern, deren

baumumhegte Reihen klar und scharf gegen den purpurnen Himmelsgrund

standen.

»Könnt ihr singen?« fragte Gerd, als sie eine Weile schweigend

hingeschaut hatten.

»Oh, ein bißchen wohl,« sagte Sine.

Er schob die Hände unter die Arme seiner beiden Begleiterinnen und

stimmte an: »Goldne Abendsonne, wie bist du schön.« Als die Mädchen

einfielen, ging er schnell in die zweite Stimme über. Sie konnten

nicht bloß den ersten Vers, sondern die anderen auch.

Als das Lied verklungen war, drückte er die beiden runden Mädchenarme

an sich und rief hocherfreut: »Deerns, das geht ja fein. Ihr könnt's

beinahe so schön, wie meine Schwester Leidchen. Schade, daß die heute

nicht hier ist.«

»Und mein Jan,« fügte Becka hinzu.

Sie setzten ihren Weg fort und schritten in das Moor hinunter, über

dem die Farbenpracht inzwischen stark verglüht war. Es währte nicht

lange, so begann er: »Die Liebe macht glücklich, macht selig,« und die

Mädchen jubelten mit: »Die Liebe macht arm und reich, die Liebe macht

Bettler zum König, die Liebe macht alles gleich.« »Juhuhuh!« juchzte

er, als das Liedchen aus war, packte zu und schwenkte sein zappelndes,

kreischendes Sinchen mit starken Armen hoch in die Luft.

»Becka meinte, du wärst einer von den Sinnigen,« sagte sie, sich die

Kleidung zurecht zupfend, »du bist ja ein ganz Wilder.«

»Du kannst alle Jungens in Brunsode fragen,« rief er lachend, »die

werden dir sagen, daß ich ein ducknackiger Drögepeter bin.«

»Na, die kennen dich aber schlecht.«

»Ist möglich.«

Und wieder klang ein Lied:

»Schön ist die Jugend bei frohen Zeiten,

Schön ist die Jugend, ja, sie kommt nicht mehr.

Sie kommt nicht mehr, nicht mehr,

Kehrt niemals wieder her,

Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.

Ich hatt' einen Weinstock, und der trug Reben,

Und aus den Reben floß süßer Wein.

Drum sag ich's noch einmal: Schön ist die Jugend, ja,

Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.

Ich hatt' einen Rosenstock, und der trug Rosen,

Und aus den Rosen floß süßer Duft.

Drum sag ich's noch einmal: Schön ist die Jugend, ja,

Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.

Man liebt die Mädchen bei frohen Zeiten,

Man liebt sie nur zum Zeitvertreib.

Drum sag ich's noch einmal: Schön ist die Jugend, ja,

Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.«

»Man liebt euch Mädchen bei frohen Zeiten, man liebt euch nur zum

Zeitvertreib!« rief Gerd. »Wißt ihr was, Deerns? Am liebsten heiratete

ich euch alle beide!«

»Pfui, so'n Türke!« sagte Becka und gab ihm einen Stoß in die Rippen.

Er aber hob die Arme, schlug den linken um Beckas, den rechten um

Sines Nacken, riß ihre Köpfe zusammen und küßte beide wahllos ab.

Kreischend und lachend suchten sie sich ihm zu entwinden, aber seine

stählernen Arme ließen nicht locker.

Als er sie endlich freiließ, sagte Becka, sich die zerzausten Haare

ordnend: »Du bist ja 'n ganz Schlimmer. Sine, so einen nähm' ich

nicht, um kein Geld!«

»Hast du noch nicht genug, lüttjer Satan?« rief er, auf sie

zuspringend.

»Ja, Ja!« schrie sie, ihm entschlüpfend.

»Du kriegst'n paar überher,« sagte er, Sine in die Arme schließend.

Es wurde aber noch ein halbes Dutzend draus.

»Wart' man,« drohte Becka mit der zur Faust geballten kleinen Hand,

»wenn ich das meinem Jan sage, kommt der dir aufs Fell.«

»Haha,« lachte Gerd, »in der Familie darf man das so genau nicht

nehmen. Er kann mein Sinchen dafür mal wieder küssen.«

»Ich wollt' ihm!« rief Becka. »Das hätt' ich bloß ahnen sollen, daß

du so'n böser Bruder bist! Sine, willst du ihm seinen Ring nicht

wiedergeben?«

»Werd' mich hüten!« kicherte sie und schmiegte sich zärtlich an ihn.

»Es ist mir so lieber, als wenn er ein alter Drögbäcker wär'.« --

Sine wollte für die Nacht bei der Schwester mit unterkriechen und

Gerd begleitete die beiden bis vor Beckas Haustür. Nach einer letzten

Umarmung, bei der Becka jetzt aber leer ausging, schritt er eilig

auf dem Fußpfad über die Gehöfte heimwärts, um zur Bremerfahrt zu

rüsten. Nur vor dem weitgeöffneten Tor von Heini Pepers Tanzdiele

blieb er einen Augenblick unter den halbwüchsigen Gaffern, die noch

nicht hinein durften, stehen. Der Ernteball war in vollem Gange, die

Musikanten strichen und bliesen für Gewalt, und die Mädchen des Dorfes

und der Nachbarkolonien flogen schön geputzt und mit glühenden Wangen

in den Armen ihrer Tänzer an ihm vorüber. Alles, was Lust zum Freien

hat, dachte Gerd bei sich, ist hier versammelt. Ob nicht vielleicht

eine drunter ist, die du am Ende doch lieber genommen hättest? Die

Hände in den Hosentaschen vergraben, fragte er sich bei jeder, die

vorüberwalzte, ob er sie gemocht hätte. Aber jedesmal hieß es in ihm

Nee, das eine Mal leiser, das andere Mal lauter, und ein paarmal

hätte er beinahe ausgespuckt. Seine Wahl bestand diese Probe auf

das glänzendste, und sehr befriedigt wandte er Heinis Ernteball den

Rücken. --

Drei Stunden später befand er sich auf der Hamme, die sich unter

bewölktem Himmel mattgrau durch die Nacht wand. Wenn man aber genauer

hinsah, zogen leichte Wellen über ihren Spiegel. So war es auch in der

Seele des jungen Schiffers wie ein leises Wellenatmen, aber zuweilen

gingen auch hohe Wogen, und dann faßte er die schwere Eichenstange

fester, und stieß und schob, daß sein Schiff rauschend dahinflog. Und

als endlich das schlafähnliche Dösen über ihn kam, blieb ganz in der

Tiefe etwas wach. Das war die Freude. Sie war jetzt still geworden,

ganz still, aber ganz einschlafen konnte sie nicht. --

* * * * *

Wie hätte Gerd es an diesem Montag aushalten können, der Schwester

so nahe zu sein und sie nicht zu besuchen! Wenn Mutter Marwede auch

brummte, da machte man eben ein dickes Fell.

Er hatte sich das so schön vorgestellt, Leidchen den gestrigen

Nachmittag zu schildern und dabei alles noch einmal wieder zu

durchleben. Als er aber in der Küche vor ihr saß, wollten ihm die

rechten Worte nicht auf die Lippen, und mit Stocken und Drucksen kam

nur ein ziemlich farbloser Bericht zustande.

Aber die Schwester kannte den Bruder.

»Lieber Junge, du bist wohl sehr glücklich ...« sagte sie bewegt.

Da blickte er auf, und all das, was in die Worte nicht hatte hinein

wollen, strahlte und jubelte ihm aus den grauen Augen. Und er sprang

auf die Füße, schloß sie in seine Arme und küßte sie.

»Nicht wahr, Leidchen, du freust dich mit mir?« rief er, indem er sie

losließ. »Aber Deern, was ist das? Du weinst? Was ist dabei denn zu

weinen? ... Gönnst du mir das nicht?«

»Oh, von Herzen,« schluchzte sie, das Gesicht in der Schürze bergend.

»Aber was heulst du denn? Aha, du denkst: wenn ich man auch erst so

weit wär'! Aber Deern, du bist ja noch so jung ... Nun laß das Weinen

aber und spar deine Tränen, bis du sie nötiger brauchst ... Ich denk',

lang' wird er dich auch nicht mehr zappeln lassen. Bei Gelegenheit

will ich ihm mal 'n kleinen Wink geben.«

Leidchen stampfte mit dem Fuße auf und rief leidenschaftlich: »Um

Gottes Willen, Gerd, komm mir nicht immer mit der alten Geschichte!

Ich werd' dir sonst wirklich böse.«

Er lachte über das ganze Gesicht.

»Ihr Frauensleute seid ein wunderlich Volk. Ihr stellt euch immer, als

ob ihr uns Mannskerls nicht ausstehen könntet. Und doch tut ihr nichts

als auskucken, ob wir noch nicht kommen. Laß ihn nur erst ernsthaft

kommen! Ich seh' schon, wie meine lüttje widerhaarige Schwester sich

ihm an den Hals wirft und ruft: ›O wie gern! O wie gern!‹«

»Gerd!« stieß sie gequält heraus.

»Du weißt, Leidchen,« fuhr er fort, »ich bin ein ruhiger Mensch, ein

Drögepeter, wie du früher manchmal sagtest. Ich hätte niemals gedacht,

daß es mich so packen und unterkriegen könnte. Ich weiß wirklich

nicht: ist die Welt auf den Kopf gestellt, oder bin ich's, oder sind

wir beide umgekrempelt? Wie es eigentlich ist, kann ich dir überhaupt

nicht beschreiben. Na, du lernst das ja auch wohl noch mal kennen.

Wenn's erst über dich kommt, Leidchen -- da mag ich überhaupt nicht an

denken. Du hast viel mehr Lebenslust als ich und viel hitzigeres Blut.

Wie es dir gleich in die Backen schießt! Aber wir wollen den Teufel

lieber nicht an die Wand malen.«

Er hatte sich wieder gesetzt und erzählte, vor sich hinsehend,

wie er sein künftiges Heim gefunden, was es kosten sollte, welche

Aufwendungen er machen müßte, um es leidlich instand zu setzen, und

was für Arbeiten die dringendsten wären. Nach Ostern sollte es dann

eine Doppelhochzeit geben, nicht allzu groß, aber sehr gemütlich.

Ein gewisser Jemand, der flott tanzen könne, würde natürlich auch

eingeladen, fügte er, mit den Augen plinkernd, noch hinzu.

Als er sich darauf erhoben hatte, um zu gehen, hielt Leidchen ihn an

der Jacke fest und bat, er möchte noch einen Augenblick bleiben.

»Wozu?« fragte er, sie verwundert ansehend.

Sie wich seinem Blick aus.

»Deern, du machst ein Gesicht, als ob du mir noch was sagen wolltest.

Denn man heraus damit! Ich komm fürs erste doch wohl nicht wieder.«

»Och geh man. Es ist nichts Besonderes.«

»Na denn adjüs, Leidchen!« Er hatte ihre Hand genommen, die er kräftig

drückte, und sagte, unter behaglich breitem, herzfrohem Lachen:

»Leidchen, sonst warst du von uns beiden immer die vergnügteste. Es

scheint, nun bin ich erst mal an der Reihe, und das ist ja auch nicht

mehr als recht und billig. Aber darüber brauchst du dir keine graue

Haare wachsen lassen. Das kommt auch noch mal wieder herum. Bleib

hübsch munter.«

Als er, nach einem langen zärtlichen Blick, zur Tür hinaus war, lief

ein Zittern über ihre Gestalt. Sie sank auf einen Stuhl und starrte

ein paar Sekunden vor sich hin. Dann raffte sie sich auf, fuhr mit der

Hand über das Gesicht und ging an ihre Arbeit.

* * * * *

Am nächsten Tage nach Feierabend ging Gerd in das Schulhaus, wo er

die Geschwister in der Wohnstube fand und sich zu ihnen an den Tisch

setzte.

Er begann mit dem Wetter, sprach dann vom Wasserstand der Hamme und

von dem Unglück in einem Nachbardorf, wo ein Knecht die Hand in die

Häckselmaschine gekriegt hatte, und sagte endlich auch so beiwegelang,

er hätte sich vor zwei Tagen verlobt. Da wurden von beiden seine Hände

gepackt und tüchtig gedrückt, und als er Sine Wischhusen nannte,

ging's noch mal wieder los; denn Mariechen Timmermann kannte ihre

Schwester Becka und schätzte sie sehr.

Als er endlich sein Teil empfangen hatte, sagte Herr Timmermann

lächelnd: »Du kannst uns auch gratulieren.«

Geschwister Rosenbrock · 第 17 / 34 题