stand da geschrieben. Schnell aufzuckend leuchtete ein Erinnerungsbild
in mir, eine Sekunde lang: Hermine, am Tisch eines Restaurants,
plötzlich von Wein und Speisen weg in ein abgründiges Gespräch verloren,
furchtbaren Ernst im Blick, wie sie mir sagte, daß sie mich nur darum in
sich verliebt machen werde, um von meiner Hand getötet zu werden. Eine
schwere Woge von Angst und Dunkelheit flutete über mein Herz, plötzlich
stand wieder alles vor mir, plötzlich spürte ich im Innersten wieder Not
und Schicksal. Verzweifelnd griff ich in meine Tasche, um die Figuren
hervorzulangen, um ein wenig Magie zu treiben und die Ordnung meines
Schachbretts umzustellen. Es waren keine Figuren mehr da. Statt der
Figuren zog ich ein Messer aus der Tasche. Zu Tode erschrocken lief ich
durch den Korridor, an den Türen vorbei, stand plötzlich dem riesigen
Spiegel gegenüber, blickte hinein. Im Spiegel stand, hoch wie ich, ein
riesiger schöner Wolf, stand still, blitzte scheu aus unruhigen Augen.
Flackernd blinzelte er mich an, lachte ein wenig, daß die Lefzen sich
einen Augenblick trennten und die rote Zunge zu sehen war.
Wo war Pablo? Wo war Hermine? Wo war der kluge Kerl, der so hübsch vom
Aufbau der Persönlichkeit geschwatzt hatte?
Nochmals blickte ich in den Spiegel. Ich war toll gewesen. Kein Wolf
stand hinter dem hohen Glas und rollte die Zunge im Maul. Im Spiegel
stand Ich, stand Harry, mit grauem Gesicht, von allen Spielen verlassen,
von allen Lastern ermüdet, scheußlich bleich, aber immerhin ein Mensch,
immerhin jemand, mit dem man reden konnte.
„Harry,“ sagte ich, „was tust du da?“
„Nichts,“ sagte der im Spiegel, „ich warte nur. Ich warte auf den Tod.“
„Wo ist denn der Tod?“ fragte ich.
„Er kommt“, sagte der andre. Und ich hörte, aus den leeren Räumen im
Innern des Theaters her, eine Musik tönen, eine schöne und schreckliche
Musik, jene Musik aus dem „Don Juan“, die das Auftreten des steinernen
Gastes begleitet. Schauerlich hallten die eisigen Klänge durch das
gespenstische Haus, aus dem Jenseits, von den Unsterblichen kommend.
„Mozart!“ dachte ich und beschwor damit die geliebtesten und höchsten
Bilder meines inneren Lebens.
Da klang hinter mir ein Gelächter, ein helles und eiskaltes Gelächter,
aus einem den Menschen unerhörten Jenseits von Gelittenhaben, von
Götterhumor geboren. Ich wandte mich um, durchfroren und beseligt von
diesem Lachen, und da kam Mozart gegangen, lachend ging er an mir
vorüber, schlenderte gelassen auf eine der Logentüren zu, öffnete sie
und trat ein, und ich folgte ihm begierig, dem Gott meiner Jugend, dem
lebenslangen Ziel meiner Liebe und Verehrung. Die Musik erklang weiter.
Mozart stand an der Logenbrüstung, vom Theater war nichts zu sehen, den
grenzenlosen Raum füllte Finsternis.
„Sie sehen,“ sagte Mozart, „es geht auch ohne Saxophon. Obwohl ich
diesem famosen Instrument gewiß nicht zu nahe treten möchte.“
„Wo sind wir?“ fragte ich.
„Wir sind im letzten Akt des Don Giovanni, Leporello liegt schon auf den
Knien. Eine vortreffliche Szene, und auch die Musik kann sich hören
lassen, nun ja. Wenn sie auch noch allerlei sehr Menschliches in sich
hat, man spürt doch schon das Jenseits heraus, das Lachen – nicht?“
„Es ist die letzte große Musik, die geschrieben worden ist“, sagte ich
feierlich wie ein Schullehrer. „Gewiß, es kam noch Schubert, es kam noch
Hugo Wolf, und auch den armen herrlichen Chopin darf ich nicht
vergessen. Sie runzeln die Stirn, Maestro – o ja, auch Beethoven ist ja
da, auch er ist wunderbar. Aber das alles, so schön es sei, hat schon
etwas von Bruchstück, von Auflösung in sich, ein Werk von so
vollkommenem Guß ist seit dem Don Giovanni nicht mehr von Menschen
gemacht worden.“
„Strengen Sie sich nicht an“, lachte Mozart, furchtbar spöttisch. „Sie
sind ja wohl selber Musikant? Nun, ich habe das Metier aufgegeben, ich
habe mich zur Ruhe gesetzt. Nur Spaßes halber sehe ich zuweilen dem
Betrieb noch zu.“
Er hob die Hände, als dirigierte er, und ein Mond oder sonst ein
bleiches Gestirn ging irgendwo auf, über die Brüstung blickte ich in
unmeßbare Raumtiefen, Nebel und Wolken zogen darin, Gebirge dämmerten
und Meergestade, unter uns dehnte sich weltenweit eine wüstenähnliche
Ebene. In dieser Ebene sahen wir einen ehrwürdig aussehenden alten Herrn
mit langem Barte, der mit wehmütigem Gesicht einen gewaltigen Zug von
einigen zehntausend schwarzgekleideten Männern anführte. Es sah betrübt
und hoffnungslos aus, und Mozart sagte:
„Sehen Sie, das ist Brahms. Er strebt nach der Erlösung, aber damit hat
es noch gute Weile.“
Ich erfuhr, daß die schwarzen Tausende alle die Spieler jener Stimmen
und Noten waren, welche nach göttlichem Urteil in seinen Partituren
überflüssig gewesen wären.
„Zu dick instrumentiert, zuviel Material vergeudet“, nickte Mozart.
Und gleich darauf sahen wir an der Spitze eines ebenso großen Heeres
Richard Wagner marschieren und fühlten, wie die schweren Tausende an ihm
zogen und sogen; müde mit Dulderschritten sahen wir auch ihn sich
schleppen.
„In meiner Jugendzeit“, bemerkte ich traurig, „galten diese beiden
Musikanten für die denkbar größten Gegensätze.“
Mozart lachte.
„Ja, das ist immer so. Aus einiger Entfernung gesehen, pflegen solche
Gegensätze einander immer ähnlicher zu werden. Das dicke Instrumentieren
war übrigens weder Wagners noch Brahms’ persönlicher Fehler, es war ein
Irrtum ihrer Zeit.“
„Wie? Und für den müssen sie nun so schwer büßen?“ rief ich anklagend.
„Selbstverständlich. Es ist der Instanzenweg. Erst wenn sie die Schuld
ihrer Zeit abgetragen haben, wird sich zeigen, ob noch so viel
Persönliches übrig ist, daß sich eine Abrechnung darüber lohnt.“
„Aber sie können doch beide nichts dafür!“
„Natürlich nicht. Sie können auch nichts dafür, daß Adam den Apfel
gefressen hat, und müssen es doch büßen.“
„Das ist aber furchtbar.“
„Gewiß, das Leben ist immer furchtbar. Wir können nichts dafür und sind
doch verantwortlich. Man wird geboren, und schon ist man schuldig. Sie
müssen einen merkwürdigen Religionsunterricht genossen haben, wenn Sie
das nicht wußten.“
Mir war recht elend geworden. Ich sah mich selbst, einen todmüden
Pilger, durch die Wüste des Jenseits ziehen, beladen mit den vielen
entbehrlichen Büchern, die ich geschrieben, mit all den Aufsätzen, mit
allen den Feuilletons, gefolgt vom Heer der Setzer, die daran hatten
arbeiten, vom Heer der Leser, die das alles hatten schlucken müssen.
Mein Gott! Und Adam und der Apfel und die ganze übrige Erbsünde war
außerdem noch da. Alles dieses also war abzubüßen, endloses Fegefeuer,
und erst dann würde die Frage entstehen, ob hinter alle dem auch noch
etwas Persönliches, etwas Eigenes vorhanden, oder ob all mein Tun und
seine Folgen bloß leerer Schaum auf dem Meere, bloß sinnloses Spiel im
Fluß des Geschehens war!
Mozart begann laut zu lachen, als er mein langes Gesicht sah. Vor Lachen
überschlug er sich in der Luft und schlug Triller mit den Beinen. Dazu
schrie er mich an: „He, mein Junge, beißt dich die Zunge, zwickt dich
die Lunge? Denkst an deine Leser, die Äser, die armen Gefräßer, und an
deine Setzer, die Ketzer, die verfluchten Hetzer, die Säbelwetzer? Das
ist ja zum Lachen, du Drachen, zum lauten Lachen, zum Verkrachen, zum
In-die-Hosen-machen! O du gläubiges Herze, mit deiner Druckerschwärze,
mit deinem Seelenschmerze, ich stifte dir eine Kerze, nur so zum
Scherze. Geschnickelt, geschnackelt, spektakelt, schabernackelt, mit dem
Schwanz gewackelt, nicht lang gefackelt. Gott befohlen, der Teufel wird
dich holen, verhauen und versohlen für dein Schreiben und Kohlen, hast
ja alles zusammengestohlen.“
Dies hingegen war mir zu stark, der Zorn ließ mir keine Zeit mehr, der
Wehmut nachzuhängen. Ich packte Mozart am Zopf, er flog davon, der Zopf
wurde länger und länger, wie ein Kometenschweif, an dessen Ende ich hing
und durch die Welt gewirbelt wurde. Teufel, war es kalt in dieser Welt!
Diese Unsterblichen vertrugen eine scheußlich dünne Eisluft. Aber sie
machte vergnügt, diese eisige Luft, das spürte ich noch in dem kurzen
Augenblick, eh mir die Sinne vergingen. Es durchdrang mich eine
bitterscharfe, stahlblanke, eisige Heiterkeit, eine Lust, ebenso hell,
wild und außerirdisch zu lachen, wie Mozart es getan hatte. Aber da war
Atem und Bewußtsein zu Ende.
* * * * *
Verwirrt und zerschlagen fand ich mich wieder, das weiße Licht des
Korridors spiegelte im blanken Boden. Ich war nicht bei den
Unsterblichen, noch nicht. Ich war noch immer im Diesseits der Rätsel,
der Leiden, der Steppenwölfe, der qualvollen Verwicklungen. Kein guter
Ort, kein erträglicher Aufenthalt. Dem mußte ein Ende gemacht werden.
Im großen Wandspiegel stand Harry mir gegenüber. Er sah nicht gut aus,
er sah nicht viel anders aus, als er in jener Nacht nach dem
Professorenbesuch und dem Ball im Schwarzen Adler ausgesehen hatte. Aber
das lag weit zurück, Jahre, Jahrhunderte; Harry war älter geworden, er
hatte tanzen gelernt, hatte magische Theater besucht, er hatte Mozart
lachen gehört, er hatte vor Tänzen, vor Frauen, vor Messern keine Angst
mehr. Auch der mäßig Begabte, wenn er ein paar Jahrhunderte durchrannt
hat, wird reif. Lange sah ich Harry im Spiegel an: noch kannte ich ihn
wohl, noch immer glich er ein ganz klein wenig dem Harry von fünfzehn
Jahren, der an einem Märzsonntag in den Felsen der Rosa begegnet war und
seinen Konfirmandenhut vor ihr gezogen hatte. Und doch war er seither
einige hundert Jährchen älter geworden, hatte Musik und Philosophie
getrieben und satt gekriegt, hatte im „Stahlhelm“ Elsässer gesoffen und
mit biederen Gelehrten über Krischna disputiert, hatte Erika und Maria
geliebt, war Herminens Freund geworden, hatte Automobile abgeschossen
und mit der glatten Chinesin geschlafen, hatte Goethe und Mozart
angetroffen und verschiedene Löcher in das Netz der Zeit und der
Scheinwirklichkeit gerissen, in dem er noch gefangen war. Hatte er auch
seine hübschen Schachfiguren wieder verloren, so hatte er doch ein
braves Messer in der Tasche. Vorwärts, alter Harry, alter müder Kerl!
Pfui Teufel, wie schmeckte das Leben bitter! Ich spuckte den Harry im
Spiegel an, ich trat mit dem Fuß gegen ihn und trat ihn in Scherben.
Langsam ging ich durch den hallenden Gang, aufmerksam betrachtete ich
die Türen, die soviel Hübsches versprochen hatten: an keiner mehr stand
eine Inschrift. Langsam schritt ich alle die hundert Türen des magischen
Theaters ab. War ich nicht heute an einem Maskenball gewesen? Hundert
Jahre waren seither vergangen. Bald wird es keine Jahre mehr geben.
Etwas war noch zu tun, Hermine wartete noch. Eine sonderbare Hochzeit
würde das sein. In einer trüben Welle schwamm ich dahin, trüb gezogen,
Sklave, Steppenwolf. Pfui Teufel!
An der letzten Tür blieb ich stehen. Dorthin hatte die trübe Welle mich
gezogen. O Rosa, o ferne Jugend, o Goethe und Mozart!
Ich öffnete. Was ich hinter der Türe fand, war ein einfaches und schönes
Bild. Auf Teppichen am Boden fand ich zwei nackte Menschen liegen, die
schöne Hermine und den schönen Pablo, Seite an Seite, tief schlafend,
tief erschöpft vom Liebesspiel, das so unersättlich scheint und doch so
schnell satt macht. Schöne, schöne Menschen, herrliche Bilder,
wundervolle Körper. Unter Herminens linker Brust war ein frisches rundes
Mal, dunkel unterlaufen, ein Liebesbiß von Pablos schönen schimmernden
Zähnen. Dort, wo das Mal war, stieß ich mein Messer hinein, so lang die
Klinge war. Blut lief über Herminens weiße zarte Haut. Dies Blut hätte
ich weggeküßt, wenn alles etwas anders gewesen, etwas anders gegangen
wäre. Nun tat ich es nicht; ich sah nur zu, wie das Blut lief, und sah
ihre Augen sich eine kleine Weile öffnen, schmerzvoll, tief verwundert.
„Warum ist sie verwundert?“ dachte ich. Dann dachte ich daran, daß ich
ihr die Augen zudrücken müsse. Aber sie schlossen sich von selbst
wieder. Es war getan. Sie drehte sich nur ein wenig auf die Seite, von
der Achselhöhle zur Brust sah ich einen feinen zarten Schatten spielen,
der wollte mich an irgend etwas erinnern. Vergessen! Dann lag sie still.
Lange sah ich sie an. Endlich schauerte ich wie erwachend auf und wollte
gehen. Da sah ich Pablo sich dehnen, sah ihn die Augen öffnen und die
Glieder recken, sah ihn sich über die schöne Tote beugen und lächeln.
Nie wird dieser Kerl ernsthaft werden, dachte ich, alles bringt ihn zum
Lächeln. Behutsam schlug Pablo eine Ecke des Teppichs um und deckte
Hermine zu bis zur Brust, daß die Wunde nicht mehr zu sehen war, und
ging dann unhörbar aus der Loge. Wo ging er hin? Ließen alle mich
allein? Ich blieb, allein mit der halbverhüllten Toten, die ich liebte
und beneidete. Über ihre bleiche Stirn hing die Knabenlocke herab, der
Mund strahlte rot aus dem ganz erblaßten Gesicht und war ein wenig
geöffnet, ihr Haar duftete zart und ließ das kleine, reichgeformte Ohr
halb durchschimmern.
Nun war ihr Wunsch erfüllt. Noch eh sie ganz mein geworden war, hatte
ich meine Geliebte getötet. Ich hatte das Unausdenkliche getan, und nun
kniete ich und starrte und wußte nicht, was diese Tat bedeute, wußte
nicht einmal, ob sie gut und richtig gewesen sei oder das Gegenteil. Was
würde der kluge Schachspieler, was würde Pablo zu ihr sagen? Ich wußte
nichts, ich konnte nicht denken. Immer röter glühte der gemalte Mund aus
dem erlöschenden Gesicht. So war mein ganzes Leben gewesen, so war mein
bißchen Glück und Liebe gewesen wie dieser starre Mund: ein wenig Rot,
auf ein Totengesicht gemalt.
Und von dem toten Gesicht, den toten weißen Schultern, den toten weißen
Armen hauchte, langsam schleichend, ein Schauder aus, eine winterliche
Öde und Einsamkeit, eine langsam, langsam wachsende Kälte, in der mir
Hände und Lippen zu erstarren begannen. Hatte ich die Sonne ausgelöscht?
Hatte ich das Herz alles Lebens getötet? Brach die Todeskälte des
Weltraums herein?
Schaudernd starrte ich auf die steingewordene Stirn, auf die starre
Locke, auf den bleichkühlen Schimmer der Ohrmuschel. Die Kälte, die von
ihnen ausströmte, war tödlich und war dennoch schön: sie klang, sie
schwang wunderbar, sie war Musik!
Hatte ich nicht einst, in einer frühern Zeit, schon einmal diesen
Schauder gefühlt, der zugleich etwas wie Glück war? Hatte ich nicht
schon einmal diese Musik vernommen? Ja, bei Mozart, bei den
Unsterblichen.
Verse kamen mir in den Sinn, die ich einst, in einer frühern Zeit,
irgendwo gefunden hatte:
Wir dagegen haben uns gefunden
In des Äthers sterndurchglänztem Eis,
Kennen keine Tage, keine Stunden,
Sind nicht Mann noch Weib, nicht jung noch Greis ...
Kühl und wandellos ist unser ewiges Sein,
Kühl und sternhell unser ewiges Lachen ...
Da ging die Logentür auf, und herein kam, erst beim zweiten Blick von
mir erkannt, Mozart, ohne Zopf, ohne Kniehosen und Schnallenschuhe,
modern gekleidet. Dicht neben mir setzte er sich hin, beinah hätte ich
ihn berührt und zurückgehalten, daß er sich nicht an dem Blut
beschmutze, das aus Herminens Brust an den Boden geronnen war. Er setzte
sich und beschäftigte sich eingehend mit einigen kleinen Apparaten und
Instrumenten, welche da herumstanden, er hatte es damit sehr wichtig,
rückte und schraubte an dem Zeug herum, und ich blickte mit Bewunderung
auf seine geschickten, flinken Finger, die ich so gern einmal hätte
Klavier spielen sehen. Gedankenvoll sah ich ihm zu, oder eigentlich
nicht gedankenvoll, sondern träumerisch und in den Anblick seiner
schönen, klugen Hände verloren, vom Gefühl seiner Nähe erwärmt und auch
etwas beängstigt. Was er da eigentlich treibe, was er da zu schrauben
und zu hantieren habe, darauf achtete ich gar nicht.
Es war aber ein Radioapparat, den er da aufgestellt hatte und in Gang
brachte, und jetzt schaltete er den Lautsprecher ein und sagte: „Man
hört München, das _Concerto grosso_ in F-Dur von Händel.“
In der Tat spuckte, zu meinem unbeschreiblichen Erstaunen und Entsetzen,
der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von
Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von
Grammophonen und Abonnenten des Radios übereingekommen sind, Musik zu
nennen, – und hinter dem trüben Geschleime und Gekrächze war wahrhaftig,
wie hinter dicker Schmutzkruste ein altes köstliches Bild, die edle
Struktur dieser göttlichen Musik zu erkennen, der königliche Aufbau, der
kühle weite Atem, der satte breite Streicherklang.
„Mein Gott,“ rief ich entsetzt, „was tun Sie, Mozart? Ist es Ihr Ernst,
daß Sie sich und mir diese Schweinerei antun? Daß Sie diesen
scheußlichen Apparat auf uns loslassen, den Triumph unsrer Zeit, ihre
letzte siegreiche Waffe im Vernichtungskampf gegen die Kunst? Muß das
sein, Mozart?“
O wie lachte da der unheimliche Mann, wie lachte er kalt und
geisterhaft, lautlos und doch alles durch sein Lachen zertrümmernd! Mit
innigem Vergnügen sah er meinen Qualen zu, drehte an den verfluchten
Schrauben, rückte am Blechtrichter. Lachend ließ er die entstellte,
entseelte und vergiftete Musik weiter in den Raum sickern, lachend gab
er mir Antwort.
„Bitte kein Pathos, Herr Nachbar! Haben Sie übrigens das Ritardando da
beachtet? Ein Einfall, hm? Ja, und nun lassen Sie einmal, Sie
ungeduldiger Mensch, den Gedanken dieses Ritardando in sich hinein –
hören Sie die Bässe? sie schreiten wie Götter – und lassen Sie diesen
Einfall des alten Händel Ihr unruhiges Herz durchdringen und beruhigen!
Hören Sie einmal, Sie Männlein, ohne Pathos und ohne Spott, hinter dem
in der Tat hoffnungslos idiotischen Schleier dieses lächerlichen
Apparates die ferne Gestalt dieser Göttermusik vorüberwandeln! Merken
Sie auf, es läßt sich etwas dabei lernen. Achten Sie darauf, wie diese
irrsinnige Schallröhre scheinbar das Dümmste, Unnützeste und Verbotenste
von der Welt tut und eine irgendwo gespielte Musik wahllos, dumm und
roh, dazu jämmerlich entstellt, in einen fremden, nicht zu ihr gehörigen
Raum hinein schmeißt – und wie sie dennoch den Urgeist dieser Musik
nicht zerstören kann, sondern an ihr nur ihre eigene ratlose Technik und
geistlose Betriebmacherei erweisen muß! Hören Sie gut zu, Männlein, es
tut Ihnen not! Also, Ohren auf! So. Und nun hören Sie ja nicht bloß
einen durch das Radio vergewaltigten Händel, der dennoch auch in dieser
scheußlichsten Erscheinungsform noch göttlich ist, – Sie hören und
sehen, Wertester, zugleich ein vortreffliches Gleichnis alles Lebens.
Wenn Sie dem Radio zuhören, so hören und sehen Sie den Urkampf zwischen
Idee und Erscheinung, zwischen Ewigkeit und Zeit, zwischen Göttlichem
und Menschlichem. Gerade so, mein Lieber, wie das Radio die herrlichste
Musik der Welt zehn Minuten lang wahllos in die unmöglichsten Räume
wirft, in bürgerliche Salons und in Dachkammern, zwischen schwatzende,
fressende, gähnende, schlafende Abonnenten hinein, so, wie er diese
Musik ihrer sinnlichen Schönheit beraubt, sie verdirbt, verkratzt und
verschleimt und dennoch ihren Geist nicht ganz umbringen kann – gerade
so schmeißt das Leben, die sogenannte Wirklichkeit, mit dem herrlichen
Bilderspiel der Welt um sich, läßt auf Händel einen Vortrag über die
Technik der Bilanzverschleierung in mittleren industriellen Betrieben
folgen, macht aus zauberhaften Orchesterklängen einen unappetitlichen
Töneschleim, schiebt seine Technik, seine Betriebsamkeit, seine wüste
Notdurft und Eitelkeit überall zwischen Idee und Wirklichkeit, zwischen
Orchester und Ohr. Das ganze Leben ist so, mein Kleiner, und wir müssen
es so sein lassen, und wenn wir keine Esel sind, lachen wir dazu. Leuten
von Ihrer Art steht es durchaus nicht zu, am Radio oder am Leben Kritik
zu üben. Lernen Sie lieber erst zuhören! Lernen Sie ernstnehmen, was des
Ernstnehmens wert ist, und lachen über das andre! Oder haben Sie selber
es denn etwa besser gemacht, edler, klüger, geschmackvoller? O nein,
Monsieur Harry, das haben Sie nicht. Sie haben aus Ihrem Leben eine
scheußliche Krankengeschichte gemacht, aus Ihrer Begabung ein Unglück.
Und Sie haben, wie ich sehe, da ein so hübsches, ein so entzückendes
junges Mädchen zu nichts andrem zu brauchen gewußt, als daß Sie ihm ein
Messer in den Leib gestochen und es kaputt gemacht haben! Halten Sie
denn das für richtig?“
„Richtig? O nein!“ rief ich verzweifelt. „Mein Gott, alles ist ja so
falsch, so höllisch dumm und schlecht! Ich bin ein Vieh, Mozart, ein
dummes böses Vieh, krank und verdorben, da haben Sie tausendmal recht. –
Aber was dieses Mädchen betrifft: sie hat es selbst so gewollt, ich habe
nur ihren eigenen Wunsch erfüllt.“
Mozart lachte lautlos, hatte nun aber doch die große Güte, das Radio
abzustellen.
Meine Verteidigung klang mir selbst, der ich eben noch treuherzig an sie
geglaubt hatte, unversehens recht töricht. Als einst Hermine – so
erinnerte ich mich plötzlich – über Zeit und Ewigkeit gesprochen hatte,
da war ich sofort bereit gewesen, ihre Gedanken für ein Spiegelbild
meiner eigenen Gedanken anzusehen. Daß aber der Gedanke, sich von mir
töten zu lassen, Herminens eigenster Einfall und Wunsch und von mir
nicht im mindesten beeinflußt sei, hatte ich als selbstverständlich
angenommen. Aber warum hatte ich damals diesen so schrecklichen und so
befremdlichen Gedanken nicht bloß angenommen und geglaubt, sondern sogar
im voraus erraten? Vielleicht doch, weil es mein eigener war? Und warum
hatte ich Hermine gerade in dem Augenblick umgebracht, wo ich sie nackt
in den Armen eines andern fand? Allwissend und voll Spott klang Mozarts
lautloses Lachen.
„Harry,“ sagte er, „Sie sind ein Spaßvogel. Sollte wirklich dieses
schöne Mädchen von Ihnen nichts andres zu wünschen gehabt haben als
einen Messerstich? Machen Sie das einem andern weis! Na, wenigstens
haben Sie brav zugestochen, das arme Kind ist mausetot. Es wäre nun
vielleicht an der Zeit, daß Sie sich die Folgen Ihrer Galanterie gegen
diese Dame klarmachten. Oder sollten Sie sich um die Folgen drücken
wollen?“
„Nein,“ schrie ich, „verstehen Sie denn gar nicht? Ich mich um die
Folgen drücken! Ich begehre ja nichts anderes als zu büßen, zu büßen, zu
büßen, den Kopf unters Beil zu legen und mich strafen und vernichten zu
lassen.“
Unerträglich spöttisch sah Mozart mich an.
„Wie pathetisch Sie immer sind! Aber Sie werden schon noch Humor lernen,
Harry. Humor ist immer Galgenhumor, und nötigenfalls lernen Sie ihn eben
am Galgen. Sind Sie dazu bereit? Ja? Gut, dann gehen Sie zum
Staatsanwalt, und lassen Sie den ganzen humorlosen Apparat der
Gerichtsmenschen über sich ergehen, bis zum kühlen Kopfabhacken in
früher Morgenstunde im Gefängnishof. Sie sind also bereit dazu?“
Eine Inschrift blitzte plötzlich vor mir auf: