und es schien mir, alles in allem, doch eigentlich nichts anderes so
begehrenswert wie dieses. Froh darüber, der verfluchten Wolfswelt wieder
entrinnen zu können, ging ich hinein.
Wunderlich – so sagenhaft und zugleich so tief vertraut, daß ich
aufschauerte – kam mir hier der Duft meiner Jugend entgegengeweht, die
Atmosphäre meiner Knaben- und Jünglingszeit, und in meinem Herzen floß
das Blut von damals. Was ich eben noch getan und gedacht hatte und
gewesen war, sank hinter mir hinab, und ich war wieder jung. Noch vor
einer Stunde, noch vor Augenblicken hatte ich recht wohl zu wissen
geglaubt, was Liebe, was Begehren, was Sehnsucht sei, aber das war die
Liebe und Sehnsucht eines alten Mannes gewesen. Jetzt war ich wieder
jung, und was ich in mir fühlte, dieses glühend fließende Feuer, diese
gewaltig ziehende Sehnsucht, diese wie Tauwind im März auflösende
Leidenschaft, war jung, neu und echt. Oh, wie brannten die vergessenen
Feuer wieder auf, wie schwellend und dunkel klangen die Töne des
Ehemals, wie blühte es flackernd im Blut, wie schrie es und sang in der
Seele! Ich war ein Knabe, fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, mein Kopf
war voll von Latein und Griechisch und schönen Dichterversen, meine
Gedanken voll von Streben und Ehrgeiz, meine Phantasien voll von
Künstlertraum, aber viel tiefer, stärker und furchtbarer als all diese
lodernden Feuer brannte und zuckte in mir das Feuer der Liebe, der
Hunger des Geschlechts, die zehrende Vorahnung der Wollust.
Ich stand auf einem der Felshügel über meiner kleinen Heimatstadt, es
roch nach Tauwind und ersten Veilchen, aus dem Städtchen blitzte der
Fluß herauf und die Fenster meines Vaterhauses, und das alles blickte,
klang und roch so rauschend voll, so neu und schöpfungstrunken, strahlte
so farbentief und wehte im Frühlingswinde so überwirklich und verklärt,
wie ich einst in den vollsten, dichterischen Stunden meiner ersten
Jugend die Welt gesehen hatte. Ich stand auf dem Hügel, der Wind strich
mir durchs lange Haar; mit irrender Hand, in träumerische
Liebessehnsucht verloren, riß ich vom eben ergrünenden Gebüsch eine
junge halboffne Blattknospe, hielt sie vors Auge, roch an ihr (und schon
bei diesem Geruch fiel alles von damals mir wieder glühend ein), dann
faßte ich das kleine grüne Ding spielend mit den Lippen, die noch immer
kein Mädchen geküßt hatten, und begann es zu kauen. Und bei diesem
herben, aromatisch bitteren Geschmack wußte ich plötzlich genau, was ich
erlebe, alles war wieder da. Ich erlebte eine Stunde aus meinem letzten
Knabenjahre wieder, einen Sonntagnachmittag im ersten Frühling, jenen
Tag, an dem ich auf meinem einsamen Spaziergang die Rosa Kreisler
angetroffen, und sie so schüchtern gegrüßt, und mich so betäubend in sie
verliebt hatte.
Damals hatte ich dem schönen Mädchen, das allein und träumerisch
bergaufwärts gegangen kam und mich noch nicht sah, voll banger Erwartung
entgegengesehen, hatte ihr Haar gesehen, das in dicken Zöpfen
aufgebunden war und doch noch zu beiden Seiten der Wangen offne Strähnen
hatte, die im Winde spielten und flossen. Ich hatte gesehen, zum
erstenmal in meinem Leben, wie schön dies Mädchen war, wie schön und
traumhaft dies Spiel des Windes in ihrem zarten Haar, wie schön und
sehnsuchtweckend der Fall ihres dünnen blauen Kleides über die jungen
Glieder hinab, und ebenso, wie mich mit dem bitter-würzigen Geschmack
der zerkauten Knospe die ganze bange süße Lust und Angst des Frühlings
durchtränkte, so erfüllte mich beim Anblick des Mädchens die ganze
tödliche Ahnung der Liebe, die Ahnung vom Weibe, das erschütternde
Vorgefühl ungeheurer Möglichkeiten und Versprechungen, namenloser
Wonnen, unausdenklicher Verwirrungen, Ängste und Leiden,
innigster Erlösung und tiefster Schuld. O wie brannte der bittre
Frühlingsgeschmack auf meiner Zunge! O wie strömte der spielende Wind
durch das lose Haar neben ihren roten Wangen! Dann war sie mir nahe
gekommen, hatte aufgeblickt und mich erkannt, war einen Augenblick
schwach errötet und hatte beiseite geblickt; dann grüßte ich sie, mit
gezogenem Konfirmandenhut, und Rosa, alsbald gefaßt, grüßte lächelnd und
ein wenig damenhaft zurück, erhobenen Gesichts, und ging langsam, sicher
und überlegen weiter, umsponnen von tausend Liebeswünschen, Forderungen
und Huldigungen, die ich ihr nachsandte.
So war es einst gewesen, an einem Sonntag vor fünfunddreißig Jahren, und
alles Damalige war in diesem Augenblick wiedergekehrt: Hügel und Stadt,
Märzwind und Knospengeruch, Rosa und ihr braunes Haar, aufschwellende
Sehnsucht und süße würgende Angst. Alles war wie damals, und mir schien,
ich habe niemals mehr in meinem Leben so geliebt, wie ich damals Rosa
liebte. Aber diesmal war es mir gegeben, sie anders zu empfangen als
jenesmal. Ich sah ihr Erröten, als sie mich erkannte, sah ihr Bemühen,
das Erröten zu verbergen, und wußte sofort, daß sie mich gern habe, daß
ihr diese Begegnung dasselbe bedeute wie mir. Und statt wieder den Hut
zu ziehen und feierlich mit gezogenem Hut zu stehen, bis sie vorüber
wäre, tat ich diesmal trotz Angst und Beklemmung, was mein Blut mich tun
hieß, und rief: „Rosa! Gott sei Dank, daß du gekommen bist, du schönes
schönes Mädchen. Ich habe dich so lieb.“ Das war vielleicht nicht das
Geistreichste, was sich in diesem Augenblick sagen ließ, allein es
bedurfte hier keines Geistes, es genügte vollkommen. Rosa machte kein
Damengesicht und ging nicht weiter, Rosa blieb stehen, sah mich an und
wurde noch röter als vorher und sagte: „Grüß’ Gott, Harry, hast du mich
denn wirklich gern?“ Dazu strahlten ihre braunen Augen aus dem kräftigen
Gesicht, und ich spürte: mein ganzes vergangenes Leben und Lieben war
falsch und verworren und voll dummen Unglücks gewesen von dem Augenblick
an, wo ich Rosa an jenem Sonntag hatte davonlaufen lassen. Jetzt aber
war der Fehler gutgemacht, und es wurde alles anders, wurde alles gut.
Wir gaben einander die Hände, und Hand in Hand gingen wir langsam
weiter, unsäglich glücklich, sehr verlegen, wußten nicht, was sagen und
was tun, begannen aus Verlegenheit schneller zu laufen und trabten, bis
wir den Atem verloren und stehenbleiben mußten, ohne aber unsre Hände
loszulassen. Wir waren beide noch in der Kindheit und wußten nicht recht
was miteinander anzufangen, wir kamen an jenem Sonntag nicht einmal bis
zu einem ersten Kuß, aber wir waren ungeheuer glücklich. Wir standen und
atmeten, wir setzten uns ins Gras, und ich streichelte ihre Hand, und
sie fuhr mir mit der andern Hand schüchtern übers Haar, und dann standen
wir wieder auf und probierten zu messen, wer von uns größer sei, und
eigentlich war ich um einen Fingerbreit größer, aber ich gab es nicht
zu, sondern stellte fest, daß wir ganz genau gleich groß seien und daß
der liebe Gott uns füreinander bestimmt habe und daß wir uns später
heiraten würden. Da sagte Rosa, sie rieche Veilchen, und wir knieten im
kurzen Frühlingsgras und suchten und fanden ein paar Veilchen mit kurzen
Stielchen, und jedes schenkte die seinen dem andern, und als es kühler
wurde und das Licht schon schräg über die Felsen fiel, sagte Rosa, sie
müsse heim, und da wurden wir beide sehr traurig, denn begleiten durfte
ich sie nicht, aber nun hatten wir ein Geheimnis miteinander, und das
war das Holdeste, was wir besaßen. Ich blieb oben in den Felsen, roch an
Rosas Veilchen, legte mich über einem Absturz an den Boden, das Gesicht
über der Tiefe, und schaute hinab auf die Stadt und lauerte, bis ihre
süße kleine Gestalt tief unten erschien und am Brunnen vorbei und über
die Brücke lief. Und jetzt wußte ich sie in ihres Vaters Haus
angekommen, und dort ging sie durch die Stuben, und ich lag hier oben
weit von ihr, aber von mir zu ihr lief ein Band, lief ein Strom, wehte
ein Geheimnis.
Wir sahen uns wieder, hier und dort, auf den Felsen, bei den
Gartenzäunen, diesen ganzen Frühling lang, und gaben uns, als der
Flieder anfing zu blühen, den ersten ängstlichen Kuß. Wenig war es, was
wir Kinder einander geben konnten, und unser Kuß war noch ohne Glut und
ohne Fülle, und das lose Haargekräusel um ihre Ohren wagte ich nur leise
zu streicheln, aber alles war unser, wessen wir an Liebe und Freude
fähig waren, und mit jeder schüchternen Berührung, mit jedem unreifen
Liebeswort, mit jedem bangen Aufeinanderwarten lernten wir ein neues
Glück, stiegen wir eine kleine Stufe an der Liebesleiter empor.
So lebte ich, mit Rosa und den Veilchen beginnend, mein ganzes
Liebesleben noch einmal durch, unter glücklicheren Sternen. Rosa verlor
sich, und Irmgard erschien, und die Sonne wurde heißer, die Sterne
trunkener, aber nicht Rosa noch Irmgard wurde mein, Stufe um Stufe mußte
ich steigen, viel erleben, viel lernen, mußte auch Irmgard, auch Anna
wieder verlieren. Jedes Mädchen, das ich einst in meiner Jugend geliebt,
liebte ich wieder, aber jedem vermochte ich Liebe einzuflößen, jeder
etwas zu geben, von jeder beschenkt zu werden. Wünsche, Träume und
Möglichkeiten, die einst einzig in meiner Phantasie gelebt hatten, waren
jetzt Wirklichkeit und wurden gelebt. O ihr schönen Blumen alle, Ida und
Lore, ihr alle, die ich einst einen Sommer lang, einen Monat lang, einen
Tag lang geliebt habe!
Ich begriff, daß ich jetzt der hübsche glühende kleine Jüngling war, den
ich zuvor so eifrig nach der Liebespforte hatte laufen sehen, daß ich
jetzt dies Stück von mir, dies nur zu einem Zehntel, einem Tausendstel
erfüllte Stück meines Wesens und Lebens auslebte und wachsen ließ,
unbeschwert von allen den andern Figuren meines Ichs, ungestört vom
Denker, ungequält vom Steppenwolf, ungeschmälert vom Dichter, vom
Phantasten, vom Moralisten. Nein, jetzt war ich nichts andres als
Liebender, atmete kein andres Glück und kein andres Leid als das der
Liebe. Schon Irmgard hatte mich tanzen, Ida mich küssen gelehrt, und die
Schönste, Emma, war die erste, die mir, am Herbstabend unterm wehenden
Ulmenlaub, ihre bräunlichen Brüste zu küssen und den Becher der Lust zu
trinken gab.
Vieles erlebte ich in Pablos kleinem Theater, und kein Tausendstel davon
ist mit Worten zu sagen. Alle Mädchen, die ich je geliebt, waren nun
mein, jede gab mir, was nur sie allein zu geben hatte, jeder gab ich,
was nur sie von mir zu nehmen wußte. Viel Liebe, viel Glück, viel
Wollust, viel Verwirrung auch und Leid bekam ich zu kosten, alle
versäumte Liebe meines Lebens blühte in dieser Traumstunde zauberhaft in
meinem Garten, keusche zarte Blumen, grelle lodernde Blumen, dunkle
schnellwelkende Blumen, flackernde Wollust, innige Träumerei, glühende
Schwermut, angstvolles Sterben, strahlende Neugeburt. Ich fand Frauen,
die nur eilig und im Sturm zu gewinnen waren, und andre, um welche lang
und sorgfältig zu werben ein Glück war; jeder dämmernde Winkel meines
Lebens tauchte wieder auf, in welchem einst, sei es nur eine Minute
lang, die Stimme des Geschlechts mir gerufen, ein Frauenblick mich
entzündet, ein Schimmer weißer Mädchenhaut mich gelockt hatte, und alles
Versäumte ward eingeholt. Jede wurde mein, jede auf ihre Art. Die Frau
mit den merkwürdigen tiefbraunen Augen unter flachshellem Haar war da,
neben der ich einst eine Viertelstunde am Fenster im Gang eines
Schnellzugs gestanden und die später mehrmals in meinen Träumen
erschienen war, – sie sprach kein Wort, aber sie lehrte mich ungeahnte,
erschreckende, tödliche Liebeskünste. Und die glatte, stille, glasig
lächelnde Chinesin vom Hafen in Marseille, mit dem glatten tiefschwarzen
Haar und den schwimmenden Augen, auch sie wußte Unerhörtes. Jede hatte
ihr Geheimnis, duftete nach ihrem Erdreich, küßte, lachte auf ihre
Weise, war auf ihre besondere Art schamhaft, auf ihre besondere Art
schamlos. Sie kamen und gingen, der Strom führte sie mir zu, spülte mich
zu ihnen hin, von ihnen weg, es war ein spielendes, kindliches Schwimmen
im Strom des Geschlechts, voll Reiz, voll Gefahr, voll Überraschung. Und
ich staunte darüber, wie reich mein Leben, mein scheinbar so armes und
liebloses Steppenwolfleben, an Verliebtheiten, an Gelegenheiten, an
Lockungen gewesen war. Ich hatte sie fast alle versäumt und geflohen,
war über sie hinweggestolpert, hatte sie schleunigst vergessen – aber
hier waren sie alle aufbewahrt, lückenlos, Hunderte. Und jetzt sah ich
sie, gab mich ihnen hin, stand ihnen offen, sank in ihre rosig dämmernde
Unterwelt hinab. Auch jene Verführung kehrte wieder, die mir Pablo einst
angeboten hatte, und andre, frühere, die ich zu ihrer Zeit nicht einmal
ganz begriffen hatte, phantastische Spiele zu dreien und vieren,
lächelnd nahmen sie mich in ihren Reigen mit. Viele Dinge geschahen,
viele Spiele wurden gespielt, nicht mit Worten zu sagen.
Aus dem unendlichen Strom der Lockungen, der Laster, der Verstrickungen
tauchte ich wieder empor, still, schweigend, gerüstet, mit Wissen
gesättigt, weise, tief erfahren, reif für Hermine. Als letzte Figur in
meiner tausendgestaltigen Mythologie, als letzter Name in der
unendlichen Reihe tauchte sie auf, Hermine, und zugleich kehrte mir das
Bewußtsein wieder und machte dem Liebesmärchen ein Ende, denn ihr wollte
ich nicht hier in der Dämmerung eines Zauberspiegels begegnen, ihr
gehörte nicht nur jene eine Figur meines Schachspiels, ihr gehörte der
ganze Harry. Oh, ich würde nun mein Figurenspiel so umbauen, daß alles
sich auf sie bezog und zur Erfüllung führte.
Der Strom hatte mich an Land gespült, wieder stand ich im schweigenden
Logengang des Theaters. Was nun? Ich griff nach den Figürchen in meiner
Tasche, aber schon war dieser Antrieb wieder verblaßt. Unerschöpflich
umgab mich diese Welt der Türen, der Inschriften, der magischen Spiegel.
Willenlos las ich die nächste Aufschrift und schauderte: