Die Inschrift

Auf zum fröhlichen Jagen!

Hochjagd auf Automobile

lockte mich an, ich öffnete die schmale Türe und trat ein.

Da riß es mich in eine laute und aufgeregte Welt. Auf den Straßen jagten

Automobile, zum Teil gepanzerte, und machten Jagd auf die Fußgänger,

überfuhren sie zu Brei, drückten sie an den Mauern der Häuser

zuschanden. Ich begriff sofort: es war der Kampf zwischen Menschen und

Maschinen, lang vorbereitet, lang erwartet, lang gefürchtet, nun endlich

zum Ausbruch gekommen. Überall lagen Tote und Zerfetzte herum, überall

auch zerschmissene, verbogene, halbverbrannte Automobile, über dem

wüsten Durcheinander kreisten Flugzeuge, und auch auf sie wurde von

vielen Dächern und Fenstern aus mit Büchsen und mit Maschinengewehren

geschossen. Wilde, prachtvoll aufreizende Plakate an allen Wänden

forderten in Riesenbuchstaben, die wie Fackeln brannten, die Nation auf,

endlich sich einzusetzen für die Menschen gegen die Maschinen, endlich

die fetten, schöngekleideten, duftenden Reichen, die mit Hilfe der

Maschinen das Fett aus den andern preßten, samt ihren großen, hustenden,

böse knurrenden, teuflisch schnurrenden Automobilen totzuschlagen,

endlich die Fabriken anzuzünden und die geschändete Erde ein wenig

auszuräumen und zu entvölkern, damit wieder Gras wachsen, wieder aus der

verstaubten Zementwelt etwas wie Wald, Wiese, Heide, Bach und Moor

werden könne. Andre Plakate hingegen, wunderbar gemalt, prachtvoll

stilisiert, in zarteren, weniger kindlichen Farben, außerordentlich klug

und geistvoll abgefaßt, warnten im Gegenteil alle Besitzenden und alle

Besonnenen beweglich vor dem drohenden Chaos der Anarchie, schilderten

wahrhaft ergreifend den Segen der Ordnung, der Arbeit, des Besitzes, der

Kultur, des Rechtes und priesen die Maschinen als höchste und letzte

Erfindung der Menschen, mit deren Hilfe sie zu Göttern werden würden.

Nachdenklich und bewundernd las ich die Plakate, die roten und die

grünen, fabelhaft wirkte auf mich ihre flammende Beredsamkeit, ihre

zwingende Logik, recht hatten sie, und tief überzeugt stand ich bald vor

dem einen, bald vor dem andern, immerhin merklich gestört durch die

ziemlich saftige Schießerei ringsum. Nun, die Hauptsache war klar: es

war Krieg, ein heftiger, rassiger und höchst sympathischer Krieg, worin

es sich nicht um Kaiser, Republik, Landesgrenzen, um Fahnen und Farben

und dergleichen mehr dekorative und theatralische Sachen handelte, um

Lumpereien im Grunde, sondern wo ein jeder, dem die Luft zu eng wurde

und dem das Leben nicht recht mehr mundete, seinem Verdruß schlagenden

Ausdruck verlieh und die allgemeine Zerstörung der blechernen

zivilisierten Welt anzubahnen strebte. Ich sah, wie allen die

Zerstörungs- und Mordlust so hell und aufrichtig aus den Augen lachte,

und in mir selbst blühten diese roten wilden Blumen hoch und feist und

lachten nicht minder. Freudig schloß ich mich dem Kampfe an.

Das Schönste von allem aber war, daß neben mir plötzlich mein

Schulkamerad Gustav auftauchte, der seit Jahrzehnten mir Verschollene,

einst der wildeste, kräftigste und lebensdurstigste von den Freunden

meiner frühen Kindheit. Mir lachte das Herz, als ich seine hellblauen

Augen mir wieder zuzwinkern sah. Er winkte mir, und ich folgte ihm

sofort mit Freuden.

„Herrgott, Gustav,“ rief ich glücklich, „daß man dich einmal

wiedersieht! Was ist denn aus dir geworden?“

Ärgerlich lachte er auf, ganz wie in der Knabenzeit.

„Rindvieh, muß denn gleich wieder gefragt und geschwatzt werden?

Professor der Theologie bin ich geworden, so, nun weißt du es, aber

jetzt findet zum Glück keine Theologie mehr statt, Junge, sondern Krieg.

Na komm!“

Von einem kleinen Kraftwagen, der uns eben schnaubend entgegenkam, schoß

er den Führer herunter, sprang flink wie ein Affe auf den Wagen, brachte

ihn zum Stehen und ließ mich aufsteigen, dann fuhren wir schnell wie der

Teufel zwischen Flintenkugeln und gestürzten Wagen hindurch, davon, zur

Stadt und Vorstadt hinaus.

„Stehst du auf seiten der Fabrikanten?“ fragte ich meinen Freund.

„Ach was, das ist Geschmacksache, wir werden uns das dann draußen

überlegen. Aber nein, warte mal, ich bin mehr dafür, daß wir die andere

Partei wählen, wenn es auch im Grunde natürlich ganz egal ist. Ich bin

Theolog, und mein Vorfahr Luther hat seinerzeit den Fürsten und Reichen

gegen die Bauern geholfen, das wollen wir jetzt ein bißchen korrigieren.

Schlechter Wagen, hoffentlich hält er’s noch ein paar Kilometer aus!“

Schnell wie der Wind, das himmlische Kind, knatterten wir davon, in eine

grüne ruhige Landschaft hinein, viele Meilen weit, durch eine große

Ebene und dann langsam steigend in ein gewaltiges Gebirg hinein. Hier

machten wir halt auf einer glatten, gleißenden Straße, die führte

zwischen steiler Felswand und niedriger Schutzmauer in kühnen Kurven

hoch, hoch über einem blauen leuchtenden See dahin.

„Schöne Gegend“, sagte ich.

„Sehr hübsch. Wir können sie Achsenstraße heißen, es sollen hier diverse

Achsen zum Krachen kommen, Harrychen, paß mal auf!“

Eine große Pinie stand am Weg, und oben in der Pinie sahen wir aus

Brettern etwas wie eine Hütte gebaut, einen Auslug und Hochstand. Hell

lachte Gustav mich an, aus den blauen Augen listig zwinkernd, und eilig

stiegen wir beide aus unsrem Wagen und kletterten am Stamm empor,

verbargen uns tief atmend im Auslug, der uns sehr gefiel. Wir fanden

dort Flinten, Pistolen, Kisten mit Patronen. Und kaum hatten wir uns ein

wenig gekühlt und im Jagdstand eingerichtet, da klang schon von der

nächsten Kurve her heiser und herrschgierig die Hupe eines großen

Luxuswagens, der fuhr schnurrend mit hoher Geschwindigkeit auf der

blanken Bergstraße daher. Wir hatten schon die Flinten in der Hand. Es

war wunderbar spannend.

„Auf den Chauffeur zielen!“ befahl Gustav schnell, eben rannte der

schwere Wagen unter uns vorbei. Und schon zielte ich und drückte los,

dem Lenker in die blaue Mütze. Der Mann sank zusammen, der Wagen sauste

weiter, stieß gegen die Wand, prallte zurück, stieß schwer und wütend

wie eine große dicke Hummel gegen die niedere Mauer, überschlug sich und

krachte mit einem kurzen leisen Knall über die Mauer in die Tiefe

hinunter.

„Erledigt!“ lachte Gustav. „Den nächsten nehme ich.“

Schon kam wieder ein Wagen gerannt, klein saßen die drei oder vier

Insassen in den Polstern, vom Kopf einer Frau wehte ein Stück Schleier

starr und wagrecht hinterher, ein hellblauer Schleier, es tat mir

eigentlich leid um ihn, wer weiß, ob nicht das schönste Frauengesicht

unter ihm lachte. Herrgott, wenn wir schon Räuber spielten, so wäre es

vielleicht richtiger und hübscher gewesen, dem Beispiel großer Vorbilder

folgend unsre brave Mordlust nicht auf hübsche Damen mit auszudehnen.

Gustav hatte aber schon geschossen. Der Chauffeur zuckte, sank in sich

zusammen, der Wagen sprang am senkrechten Fels in die Höhe, fiel zurück

und klatschte, die Räder nach oben, auf die Straße zurück. Wir warteten,

nichts regte sich, lautlos lagen, wie in einer Falle gefangen, die

Menschen unter ihrem Wagen. Der schnurrte und rasselte noch und drehte

die Räder drollig in der Luft, aber plötzlich tat er einen schrecklichen

Knall und stand in hellen Flammen.

„Ein Fordwagen“, sagte Gustav. „Wir müssen hinunter und die Straße

wieder frei machen.“

Wir stiegen hinab und sahen uns den brennenden Haufen an. Er war sehr

rasch ausgebrannt, wir hatten inzwischen aus jungem Holz Hebebäume

gemacht und lüpften ihn beiseite und über den Straßenrand in den

Abgrund, daß es lang in den Gebüschen knackste. Zwei von den Toten waren

beim Drehen des Wagens herausgefallen und lagen da, die Kleider zum Teil

verbrannt. Einer hatte den Rock noch ziemlich wohlerhalten, ich

untersuchte seine Taschen, ob wir fänden, wer er gewesen sei. Eine

Ledermappe kam zum Vorschein, darin waren Visitkarten. Ich nahm eine und

las darauf die Worte: „_Tat twam asi._“

„Sehr witzig“, sagte Gustav. „Es ist aber in der Tat gleichgültig, wie

die Leute heißen, die wir da umbringen. Sie sind arme Teufel wie wir,

auf die Namen kommt es nicht an. Diese Welt muß kaputt gehen und wir

mit. Sie zehn Minuten unter Wasser zu setzen, wäre die schmerzloseste

Lösung. Na, an die Arbeit!“

Wir warfen die Toten dem Wagen nach. Schon tutete ein neues Auto heran.

Das schossen wir gleich von der Straße aus zusammen. Es kreiselte toll

betrunken eine Strecke weiter, stürzte dann und blieb keuchend liegen,

ein Insasse blieb still im Innern sitzen, ein hübsches junges Mädchen

aber stieg unverletzt, wenn auch bleich und heftig zitternd, heraus.

Freundlich begrüßten wir sie und boten unsre Dienste an. Sie war allzu

sehr erschrocken, konnte nicht sprechen und starrte uns eine Weile wie

irrsinnig an.

„Na, sehen wir erst mal nach dem alten Herrn“, sagte Gustav und wandte

sich dem Passagier zu, der noch immer hinter dem toten Chauffeur im

Sitze hing. Es war ein Herr mit kurzen grauen Haaren, er hatte die

klugen hellgrauen Augen offen, schien aber tüchtig verletzt zu sein,

wenigstens floß ihm Blut aus dem Munde, und den Hals hielt er unheimlich

schief und steif.

„Erlauben Sie, alter Herr, mein Name ist Gustav. Wir haben uns

gestattet, Ihren Chauffeur zu erschießen. Dürfen wir fragen, mit wem wir

die Ehre haben?“

Der Alte blickte kühl und traurig aus den kleinen Grauaugen.

„Ich bin der Oberstaatsanwalt Loering“, sagte er langsam. „Sie haben

nicht bloß meinen armen Chauffeur umgebracht, sondern auch mich, ich

spüre, es geht zu Ende. Warum haben Sie denn auf uns geschossen?“

„Wegen zu schnellen Fahrens.“

„Wir sind mit normaler Geschwindigkeit gefahren.“

„Was gestern normal war, ist es heute nicht mehr, Herr Oberstaatsanwalt.

Wir sind heute der Meinung, es sei jegliche Geschwindigkeit, mit welcher

ein Auto fahren möge, zu groß. Wir machen die Autos jetzt kaputt, alle,

und die andern Maschinen auch.“

„Auch Ihre Flinten?“

„Auch sie sollen an die Reihe kommen, falls wir noch Zeit dazu finden.

Vermutlich werden wir morgen oder übermorgen alle erledigt sein. Sie

wissen ja, unser Erdteil war scheußlich übervölkert. Na, jetzt soll es

Luft geben.“

„Schießen Sie denn auf jedermann, ohne Wahl?“

„Gewiß. Für manche mag es ja ohne Zweifel schade sein. Zum Beispiel um

die junge hübsche Dame hätte es mir leid getan – sie ist wohl Ihre

Tochter?“

„Nein, es ist meine Stenographin.“

„Desto besser. Und nun steigen Sie bitte aus, oder lassen Sie sich von

uns aus dem Wagen ziehen, denn der Wagen wird vernichtet.“

„Ich ziehe es vor, mit vernichtet zu werden.“

„Wie Sie wünschen. Erlauben Sie noch eine Frage! Sie sind Staatsanwalt.

Es war mir immer unbegreiflich, wie ein Mensch Staatsanwalt sein kann.

Sie leben davon, daß Sie andere Leute, zumeist arme Teufel, anklagen und

zu Strafen verurteilen. Nicht?“

„Es ist so. Ich tat meine Pflicht. Es war mein Amt. Ebenso wie es das

Amt des Henkers ist, die von mir Verurteilten zu töten. Sie selbst haben

ja das gleiche Amt übernommen, Sie töten ja auch.“

„Richtig. Nur töten wir nicht aus Pflicht, sondern zum Vergnügen, oder

vielmehr: aus Mißvergnügen, aus Verzweiflung an der Welt. Darum macht

das Töten uns einen gewissen Spaß. Hat Ihnen das Töten nie Spaß

gemacht?“

„Sie langweilen mich. Haben Sie die Güte, Ihre Arbeit zu Ende zu führen.

Wenn der Begriff der Pflicht Ihnen unbekannt ist ...“

Er schwieg und verzog die Lippen, als wolle er ausspucken. Es kam aber

nur ein wenig Blut, das an seinem Kinn kleben blieb.

„Warten Sie!“ sagte Gustav höflich. „Den Begriff der Pflicht allerdings

kenne ich nicht, nicht mehr. Früher hatte ich amtlich viel mit ihm zu

tun, ich war Professor der Theologie. Außerdem war ich Soldat und habe

den Krieg mitgemacht. Das, was mir Pflicht schien und was mir von

Autoritäten und Vorgesetzten jeweils befohlen worden ist, war alles gar

nicht gut, ich hätte stets lieber das Gegenteil getan. Aber wenn ich

auch den Begriff der Pflicht nicht mehr kenne, so kenne ich doch den der

Schuld – vielleicht sind sie beide dasselbe. Indem eine Mutter mich

geboren hat, bin ich schuldig, bin ich verurteilt zu leben, bin

verpflichtet, einem Staat anzugehören, Soldat zu sein, zu töten, Steuern

für Rüstungen zu bezahlen. Und jetzt, in diesem Augenblick, hat die

Lebensschuld mich wieder, wie einst im Kriege, dazu geführt, töten zu

müssen. Und diesmal töte ich nicht mit Widerwillen, ich habe mich in die

Schuld ergeben, ich habe nichts dagegen, daß diese dumme, verstopfte

Welt in Scherben geht, ich helfe gerne mit und gehe selber gerne mit

zugrunde.“

Der Staatsanwalt strengte sich sehr an, um mit seinen blutverklebten

Lippen ein wenig zu lächeln. Es gelang ihm nicht glänzend, doch war die

gute Absicht erkennbar.

„Es ist gut“, sagte er. „Wir sind also Kollegen. Tun Sie nun bitte Ihre

Pflicht, Herr Kollege.“

Das hübsche Mädchen hatte sich inzwischen am Straßenrande niedergelassen

und war ohnmächtig.

In diesem Augenblick tutete wieder ein Wagen und kam in voller Fahrt

dahergerannt. Wir zogen das Mädchen ein wenig beiseite, drückten uns an

die Felsen und ließen den ankommenden Wagen in die Trümmer des andern

hineinfahren. Er bremste heftig und bäumte sich in die Höhe, blieb aber

unbeschädigt stehen. Schnell nahmen wir unsre Büchsen zur Hand und

legten auf die Neuen an.

„Aussteigen!“ kommandierte Gustav. „Hände hoch!“

Es waren drei Männer, die aus dem Wagen stiegen und gehorsam die Hände

hochhielten.

„Ist einer von Ihnen Arzt?“ fragte Gustav.

Sie verneinten.

„Dann haben Sie die Güte, den Herrn hier vorsichtig aus seinem Sitz zu

befreien, er ist schwer verletzt. Und dann nehmen Sie ihn in Ihrem Wagen

bis zur nächsten Stadt mit. Vorwärts, angefaßt!“

Bald war der alte Herr im andern Wagen gebettet, Gustav kommandierte,

und alle fuhren los.

Inzwischen war unsre Stenographin wieder zu sich gekommen und hatte den

Vorgängen zugesehen. Es gefiel mir, daß wir diese hübsche Beute gemacht

hatten.

„Fräulein,“ sagte Gustav, „Sie haben Ihren Arbeitgeber verloren.

Hoffentlich stand der alte Herr Ihnen sonst nicht nahe. Sie sind von mir

engagiert, seien Sie uns ein guter Kamerad! So, und nun pressiert es ein

wenig. In Bälde wird es hier ungemütlich werden. Können Sie klettern,

Fräulein? Ja? Also los, wir nehmen Sie zwischen uns und helfen Ihnen.“

Nun kletterten wir alle drei, so rasch es gehen wollte, in unsre

Baumhütte hinauf. Dem Fräulein wurde oben schlecht, aber sie bekam einen

Kognak, und bald war sie so weit erholt, daß sie die prachtvolle

Aussicht auf See und Gebirge anerkennen und uns mitteilen konnte, daß

sie Dora heiße.

Gleich darauf war unten schon wieder ein Wagen angekommen, der in

vorsichtiger Fahrt an dem gestürzten Auto vorübersteuerte, ohne zu

halten, und dann sein Tempo sofort beschleunigte.

„Drückeberger!“ lachte Gustav und schoß den Lenker ab. Der Wagen tanzte

ein wenig, machte einen Satz gegen die Mauer, drückte sie ein und blieb

schräg überm Abgrund hängen.

„Dora,“ sagte ich, „können Sie mit Flinten umgehen?“

Sie konnte es nicht, aber sie lernte von uns, wie man ein Gewehr lädt.

Zuerst war sie ungeschickt und riß sich einen Finger blutig, heulte und

verlangte englisches Pflaster. Aber Gustav erklärte ihr, es sei Krieg

und sie möge zeigen, daß sie ein braves, tapferes Mädel sei. Da ging es.

„Aber was soll aus uns werden?“ fragte sie dann.

„Ich weiß nicht“, sagte Gustav. „Mein Freund Harry hat hübsche Frauen

gern, er wird Ihr Freund sein.“

„Aber sie werden mit Polizei und Soldaten kommen und uns totmachen.“

„Polizei und dergleichen gibt es nicht mehr. Wir haben die Wahl, Dora.

Entweder bleiben wir ruhig hier oben und schießen alle Wagen zusammen,

die vorbeiwollen. Oder wir nehmen selber einen Wagen, fahren davon und

lassen andre auf uns schießen. Es ist einerlei, welche Partei wir

ergreifen. Ich bin fürs Hierbleiben.“

Unten war wieder ein Wagen, hell tönte seine Hupe herauf. Er war bald

erledigt und blieb, die Räder zu oberst, liegen.

„Komisch,“ sagte ich, „daß das Schießen so viel Spaß machen kann! Dabei

war ich früher Kriegsgegner!“

Gustav lächelte. „Ja, es sind eben gar zu viele Menschen auf der Welt.

Früher merkte man es nicht so. Aber jetzt, wo jeder nicht bloß Luft

atmen, sondern auch ein Auto haben will, jetzt merkt man es eben.

Natürlich ist das, was wir da tun, nicht vernünftig, es ist eine

Kinderei, wie auch der Krieg eine riesige Kinderei war. Später einmal

wird die Menschheit lernen müssen, ihre Vermehrung durch vernünftige

Mittel im Zaum zu halten. Vorderhand reagieren wir auf die

unerträglichen Zustände ziemlich unvernünftig, tun aber im Grunde doch

das Richtige: wir reduzieren.“

„Ja,“ sagte ich, „was wir tun, ist wahrscheinlich verrückt, und

wahrscheinlich ist es dennoch gut und notwendig. Es ist nicht gut, wenn

die Menschheit den Verstand überanstrengt und Dinge mit Hilfe der

Vernunft zu ordnen sucht, die der Vernunft noch gar nicht zugänglich

sind. Dann entstehen solche Ideale wie das des Amerikaners oder das der

Bolschewiken, die beide außerordentlich vernünftig sind und die doch das

Leben, weil sie es gar so naiv vereinfachen, furchtbar vergewaltigen und

berauben. Das Bild des Menschen, einst ein hohes Ideal, ist im Begriff,

zu einem Klischee zu werden. Wir Verrückten werden es vielleicht wieder

adeln.“

Lachend gab Gustav Antwort: „Junge, du redest wunderbar klug, es ist

eine Freude und bringt Gewinn, diesem Weisheitsborn zu lauschen. Und

vielleicht hast du sogar ein bißchen recht. Aber sei so gut und lade

jetzt deine Flinte wieder, du bist mir ein wenig zu träumerisch. Jeden

Augenblick können wieder ein paar Rehböckchen gelaufen kommen, die

können wir nicht mit Philosophie totschießen, es müssen immerhin Kugeln

im Rohr sein.“

Ein Auto kam und fiel sogleich, die Straße war gesperrt. Ein

Überlebender, ein feister rotköpfiger Mann, gestikulierte wild neben den

Trümmern, glotzte hinab und hinauf, entdeckte unser Versteck, kam

brüllend gelaufen und schoß aus einem Revolver viele Male gegen uns

herauf.

„Gehen Sie jetzt oder ich schieße“, schrie Gustav hinunter. Der Mann

zielte auf ihn und schoß nochmals. Da schossen wir ihn ab, mit zwei

Schüssen.

Noch zwei Wagen kamen, die wir zur Strecke brachten. Dann blieb die

Straße still und leer, die Nachricht von ihrer Gefährlichkeit schien

sich verbreitet zu haben. Wir hatten Zeit, die schöne Aussicht zu

betrachten. Jenseits des Sees lag eine kleine Stadt in der Tiefe, dort

stieg Rauch auf, und bald sahen wir, wie das Feuer von Dach zu Dach

lief. Man hörte auch schießen. Dora weinte ein wenig, ich streichelte

ihr die nassen Wangen.

„Müssen wir denn alle sterben?“ fragte sie. Niemand gab Antwort.

Inzwischen kam unten ein Fußgänger daher, sah die kaputten Automobile

liegen, schnüffelte an ihnen herum, beugte sich in eines hinein, zog

einen bunten Sonnenschirm, eine lederne Damentasche, eine Weinflasche

heraus, setzte sich friedevoll auf die Mauer, trank aus der Flasche, aß

etwas in Stanniol Gewickeltes aus der Tasche, trank die Flasche vollends

leer, ging vergnügt weiter, den Sonnenschirm unter den Arm geklemmt.

Friedlich zog er dahin, und ich sagte zu Gustav: „Wäre es dir nun

möglich, auf diesen netten Kerl zu schießen und ihm ein Loch in den Kopf

zu machen? Weiß Gott, ich könnte es nicht.“

„Wird auch nicht verlangt“, brummte mein Freund. Aber es war auch ihm

unbehaglich ums Herz geworden. Kaum hatten wir einen Menschen zu Gesicht

bekommen, der noch harmlos, friedlich und kindlich sich benahm, der noch

im Stand der Unschuld lebte, da schien uns unser ganzes so löbliches und

notwendiges Tun auf einmal dumm und widerlich. Pfui Teufel, all das

Blut! Wir schämten uns. Aber es sollen im Kriege sogar Generäle zuweilen

so empfunden haben.

„Wir wollen nicht länger hier bleiben,“ klagte Dora, „wir wollen

hinuntergehen, gewiß finden wir in den Wagen etwas zum Essen. Habt ihr

denn keinen Hunger, ihr Bolschewiken?“

Drunten in der brennenden Stadt fingen die Glocken an zu läuten,

aufgeregt und angstvoll. Wir machten uns an den Abstieg. Als ich Dora

über die Brüstung klettern half, küßte ich ihre Knie. Sie lachte hell.

Aber da gab das Gestänge nach, und wir stürzten beide ins Leere ...

* * * * *

Wieder befand ich mich im runden Korridor, angeregt von dem

Jagdabenteuer. Und überall, an allen unzähligen Türen, lockten die

Inschriften:

Mutabor

Verwandlung in beliebige Tiere und Pflanzen

Kamasutram

Unterricht in der indischen Liebeskunst

Kurs für Anfänger: 42 verschiedene Methoden

der Liebesübung

Genußreicher Selbstmord!

Du lachst dich kaputt

Wollen Sie sich vergeistigen?

Weisheit des Ostens

O daß ich tausend Zungen hätte!

Nur für Herren

Untergang des Abendlandes

Ermäßigte Preise. Noch immer unübertroffen

Inbegriff der Kunst

Die Verwandlung von Zeit in Raum

durch die Musik

Die lachende Träne

Kabinett für Humor

Einsiedlerspiele

Vollwertiger Ersatz für jede Geselligkeit

Endlos lief die Reihe der Inschriften. Eine hieß:

Anleitung zum Aufbau der Persönlichkeit

Erfolg garantiert

Das schien mir beachtenswert, und ich trat in diese Tür.

Es empfing mich ein dämmriger, stiller Raum, darin saß, ohne Stuhl nach

morgenländischer Art, ein Mann auf dem Boden, der hatte vor sich etwas

wie ein großes Schachbrett stehen. Im ersten Augenblick schien es mir

Freund Pablo zu sein, wenigstens trug der Mann eine ähnliche buntseidene

Jacke und hatte dieselben dunkel strahlenden Augen.

„Sind Sie Pablo?“ fragte ich.

„Ich bin niemand“, erklärte er freundlich. „Wir tragen hier keine Namen,

wir sind hier keine Personen. Ich bin ein Schachspieler. Wünschen Sie

Unterricht über den Aufbau der Persönlichkeit?“

„Ja, bitte.“

„Dann stellen Sie mir freundlichst ein paar Dutzend Ihrer Figuren zur

Verfügung.“

„Meiner Figuren ...?“

„Der Figuren, in welche Sie Ihre sogenannte Persönlichkeit haben

zerfallen sehen. Ohne Figuren kann ich ja nicht spielen.“

Er hielt mir einen Spiegel vor, wieder sah ich darin die Einheit meiner

Person in viele Ichs zerfallen, ihre Zahl schien noch gewachsen zu sein.

Die Figuren waren aber jetzt sehr klein, so groß etwa wie handliche

Schachfiguren, und der Spieler nahm mit stillen, sichern Fingergriffen

einige Dutzend davon und stellte sie neben dem Schachbrett an den Boden.

Eintönig sprach er dazu, wie ein Mann, der eine oft gehaltene Rede oder

Lektion wiederholt:

„Die fehlerhafte und Unglück bringende Auffassung, als sei ein Mensch

eine dauernde Einheit, ist Ihnen bekannt. Es ist Ihnen auch bekannt, daß

der Mensch aus einer Menge von Seelen, aus sehr vielen Ichs besteht.

Die scheinbare Einheit der Person in diese vielen Figuren

auseinanderzuspalten gilt für verrückt, die Wissenschaft hat dafür den

Namen Schizophrenie erfunden. Die Wissenschaft hat damit insofern recht,

als natürlich keine Vielheit ohne Führung, ohne eine gewisse Ordnung und

Gruppierung zu bändigen ist. Unrecht dagegen hat sie darin, daß sie

glaubt, es sei nur eine einmalige, bindende, lebenslängliche Ordnung der

vielen Unter-Ichs möglich. Dieser Irrtum der Wissenschaft hat manche

unangenehme Folgen, sein Wert liegt lediglich darin, daß die staatlich

angestellten Lehrer und Erzieher sich ihre Arbeit vereinfacht und das

Denken und Experimentieren erspart sehen. Infolge jenes Irrtums gelten

viele Menschen für ‚normal‘, ja für sozial hochwertig, welche unheilbar

verrückt sind, und umgekehrt werden manche für verrückt angesehen,

welche Genies sind. Wir ergänzen daher die lückenhafte Seelenlehre der

Wissenschaft durch den Begriff, den wir Aufbaukunst nennen. Wir zeigen

demjenigen, der das Auseinanderfallen seines Ichs erlebt hat, daß er die

Stücke jederzeit in beliebiger Ordnung neu zusammenstellen und daß er

damit eine unendliche Mannigfaltigkeit des Lebensspieles erzielen kann.

Wie der Dichter aus einer Handvoll Figuren ein Drama schafft, so bauen

wir aus den Figuren unsres zerlegten Ichs immerzu neue Gruppen, mit

neuen Spielen und Spannungen, mit ewig neuen Situationen. Sehen Sie!“

Mit den stillen, klugen Fingern griff er meine Figuren, alle die Greise,

Jünglinge, Kinder, Frauen, alle die heitern und traurigen, starken und

zarten, flinken und unbeholfenen Figuren, ordnete sie rasch auf seinem

Brett zu einem Spiel, in welchem sie alsbald zu Gruppen, Familien, zu

Spielen und Kämpfen, zu Freundschaften und Gegnerschaften sich

aufbauten, eine Welt im kleinen bildend. Vor meinen entzückten Augen

ließ er die belebte und doch wohlgeordnete kleine Welt eine Weile sich

bewegen, spielen und kämpfen, Bündnisse schließen und Schlachten

schlagen, untereinander werben, heiraten, sich vermehren; es war in der

Tat ein vielfiguriges, bewegtes und spannendes Drama.

Dann strich er mit heiterer Gebärde über das Brett, warf alle die

Figuren sachte um, schob sie auf einen Haufen und baute nachdenklich,

ein wählerischer Künstler, aus denselben Figuren ein ganz neues Spiel

auf, mit ganz anderen Gruppierungen, Beziehungen und Verflechtungen. Das

zweite Spiel war dem ersten verwandt: es war dieselbe Welt, dasselbe

Material, aus dem er es aufbaute, aber die Tonart war verändert, das

Tempo gewechselt, die Motive anders betont, die Situationen anders

gestellt.

Und so baute der kluge Aufbauer aus den Gestalten, deren jede ein Stück

meiner selbst war, ein Spiel ums andre auf, alle einander von ferne

ähnlich, alle erkennbar als derselben Welt angehörig, derselben Herkunft

verpflichtet, dennoch jedes völlig neu.

„Dies ist Lebenskunst“, sprach er dozierend. „Sie selbst mögen künftig

das Spiel Ihres Lebens beliebig weiter gestalten und beleben, verwickeln

und bereichern, es liegt in Ihrer Hand. So wie die Verrücktheit, in

einem höhern Sinn, der Anfang aller Weisheit ist, so ist Schizophrenie

der Anfang aller Kunst, aller Phantasie. Sogar Gelehrte haben dies schon

halb erkannt, wie man zum Beispiel in des Prinzen Wunderhorn nachlesen

mag, jenem entzückenden Buch, in welchem die mühevolle und fleißige

Arbeit eines Gelehrten durch die geniale Mitarbeit einer Anzahl von

verrückten und in Anstalten eingesperrten Künstlern geadelt wird. –

Hier, stecken Sie Ihre Figürchen nur zu sich, das Spiel wird Ihnen noch

oft Freude machen. Sie werden die Figur, die heute sich zum

unerträglichen Popanz ausgewachsen hat und Ihnen das Spiel verdirbt,

morgen zur harmlosen Nebenfigur degradieren. Sie werden das arme liebe

Figürchen, das eine Weile zu lauter Pech und Unstern verurteilt schien,

im nächsten Spiel zur Prinzessin machen. Ich wünsche viel Vergnügen,

mein Herr.“

Ich verbeugte mich tief und dankbar vor diesem begabten Schachspieler,

steckte die Figürchen in meine Tasche und zog mich durch die schmale

Türe zurück.

Eigentlich hatte ich mir gedacht, ich würde nun alsbald im Korridor mich

an den Boden setzen und stundenlang, eine Ewigkeit lang, mit den Figuren

spielen, aber kaum stand ich wieder in dem hellen runden Theatergang, so

zogen neue Strömungen, stärker als ich, mich davon. Ein Plakat flammte

grell vor meinen Augen auf:

Der Steppenwolf · 第 13 / 19 题