Er lächelte. „Harry? Hast du mich gefunden?“

Es war Hermine, nur wenig umfrisiert und leicht geschminkt, apart und

bleich blickte ihr kluges Gesicht aus dem modischen Stehkragen,

wunderlich klein kamen ihre Hände aus den weiten schwarzen Frackärmeln

und weißen Manschetten hervor, wunderlich zierlich, in schwarz-weißen

seidenen Herrensocken, ihre Füße aus den langen schwarzen Hosen.

„Ist dies das Kostüm, Hermine, in dem du mich in dich verliebt machen

willst?“

„Bisher“, nickte sie, „habe ich erst einige Damen verliebt gemacht. Aber

jetzt kommst du an die Reihe. Laß uns erst ein Glas Champagner trinken.“

Dies taten wir, auf unsern hohen Barstühlen hockend, während nebenan der

Tanz weiterging und die heiße heftige Streichmusik schwoll. Und ohne daß

Hermine sich darum irgendwelche Mühe zu geben schien, wurde ich sehr

bald in sie verliebt. Da sie Herrenkleider trug, konnte ich nicht mit

ihr tanzen, konnte mir keine Zärtlichkeit, keinen Angriff erlauben, und

während sie fern und neutral erschien in ihrer Männermaske, umgab sie

mich in Blicken, in Worten, in Gebärden mit allen Reizen ihrer

Weiblichkeit. Ohne sie nur berührt zu haben, unterlag ich ihrem

Zauber, und dieser Zauber selbst blieb in ihrer Rolle, war ein

hermaphrodisischer. Denn sie unterhielt sich mit mir über Hermann und

über die Kindheit, über meine und ihre, über jene Jahre vor der

Geschlechtsreife, in denen das jugendliche Liebesvermögen nicht nur

beide Geschlechter, sondern alles und jedes umfaßt, Sinnliches und

Geistiges, und alles mit dem Liebeszauber und der märchenhaften

Verwandlungsfähigkeit begabt, die nur Auserwählten und Dichtern auch

noch in späteren Lebensaltern zu Zeiten wiederkehrt. Sie spielte

durchaus den Jüngling, rauchte Zigaretten und plauderte leicht und

geistvoll, oft ein wenig spottlustig, aber alles war von Eros

durchschienen, alles verwandelte sich auf dem Wege zu meinen Sinnen in

holde Verführung.

Wie gut und genau hatte ich Hermine zu kennen gemeint, und wie

vollkommen neu offenbarte sie sich mir in dieser Nacht! Wie sanft und

unmerklich zog sie das ersehnte Netz um mich, wie spielend und nixenhaft

gab sie mir das süße Gift zu trinken!

Wir saßen und plauderten und tranken Champagner. Wir schlenderten

beobachtend durch die Säle, abenteuernde Entdecker, suchten uns Paare

aus, deren Liebesspiel wir belauschten. Sie zeigte mir Frauen, mit denen

zu tanzen sie mich aufforderte, und gab mir Ratschläge über die

Verführungskünste, welche bei dieser und bei jener anzuwenden seien. Wir

traten als Nebenbuhler auf, strichen beide eine Weile derselben Frau

nach, tanzten abwechselnd beide mit ihr, suchten beide sie zu gewinnen.

Und doch war dies alles nur Maskenspiel, war nur ein Spiel zwischen uns

beiden, flocht uns beide enger zusammen, entzündete uns beide

füreinander. Alles war Märchen, alles war um eine Dimension reicher, um

eine Bedeutung tiefer, war Spiel und Symbol. Wir sahen eine sehr schöne

junge Frau, die etwas leidend und unzufrieden aussah, Hermann tanzte mit

ihr, brachte sie zum Blühen, verschwand mit ihr in eine Sektlaube und

erzählte mir nachher, sie habe diese Frau nicht als Mann erobert,

sondern als Frau, mit dem Zauber von Lesbos. Mir aber ward allmählich

dies ganze tönende Haus voll tanzbrausender Säle, dieses berauschte Volk

von Masken zu einem tollen Traumparadies, Blüte um Blüte warb mit ihrem

Duft, Frucht um Frucht umspielte ich suchend mit probenden Fingern,

Schlangen blickten mich aus grünem Laubschatten verführend an,

Lotosblüte geisterte über schwarzem Sumpf, Zaubervögel lockten im

Gezweige, und alles führte mich doch zu einem ersehnten Ziel, alles lud

mich neu mit Sehnsucht nach der Einzigen. Einmal tanzte ich mit einem

unbekannten Mädchen, glühend, werbend, riß sie mit in Taumel und Rausch,

und während wir im Unwirklichen schwebten, sagte sie, plötzlich

auflachend: „Man kennt dich nicht wieder. Heut abend warst du so dumm

und fad.“ Und ich erkannte die, die vor Stunden „alter Brummbär“ zu mir

gesagt hatte. Nun glaubte sie mich zu haben, aber im nächsten Tanz war

es schon eine andere, an der ich glühte. Ich tanzte zwei Stunden oder

länger immerzu, jeden Tanz, auch Tänze, die ich nie gelernt hatte. Immer

wieder tauchte in meiner Nähe Hermann auf, der lächelnde Jüngling,

nickte mir zu, verschwand im Gewühl.

Ein Erlebnis, das mir in fünfzig Jahren unbekannt geblieben war, obwohl

jeder Backfisch und Student es kennt, wurde mir in dieser Ballnacht

zuteil: das Erlebnis des Festes, der Rausch der Festgemeinschaft, das

Geheimnis vom Untergang der Person in der Menge, von der Unio mystica

der Freude. Oft hatte ich davon sprechen hören, jeder Dienstmagd war es

bekannt, und oft hatte ich das Leuchten im Auge der Erzählenden gesehen

und hatte immer halb überlegen, halb neidisch dazu gelächelt. Jenes

Strahlen in den trunkenen Augen eines Entrückten, eines von sich selbst

Erlösten, jenes Lächeln und halb irre Versunkensein dessen, der im

Rausch der Gemeinschaft aufgeht, hatte ich hundertmal im Leben an edlen

und an gemeinen Beispielen gesehen, an besoffenen Rekruten und Matrosen

ebenso wie an großen Künstlern, etwa im Enthusiasmus festlicher

Aufführungen, und nicht minder an jungen Soldaten, die in den Krieg

zogen, und noch in jüngster Zeit hatte ich dies Strahlen und Lächeln des

glücklich Entrückten bewundert, geliebt, bespöttelt und beneidet an

meinem Freunde Pablo, wenn er selig im Rausch des Musizierens im

Orchester über seinem Saxophon hing oder dem Dirigenten, dem Trommler,

dem Mann mit dem Banjo zuschaute, entzückt, ekstatisch. Solch ein

Lächeln, solch ein kindhaftes Strahlen, hatte ich zuweilen gedacht, sei

nur ganz jungen Menschen möglich oder solchen Völkern, die sich keine

starke Individuation und Differenzierung der einzelnen gestatteten. Aber

heute, in dieser gesegneten Nacht, strahlte ich selbst, der Steppenwolf

Harry, dies Lächeln, schwamm ich selbst in diesem tiefen, kindhaften,

märchenhaften Glück, atmete ich selbst diesen süßen Traum und Rausch aus

Gemeinschaft, Musik, Rhythmus, Wein und Geschlechtslust, dessen Lobpreis

im Ballbericht irgendeines Studenten ich einst so oft mit Spott und

armer Überlegenheit mit angehört hatte. Ich war nicht mehr ich, meine

Persönlichkeit war aufgelöst im Festrausch wie Salz im Wasser. Ich

tanzte mit dieser oder jener Frau, aber nicht nur sie war es, die ich im

Arm hatte, deren Haar mich streifte, deren Duft ich einsog, sondern

alle, alle die andern Frauen mit, die im selben Saal, im selben Tanz, in

derselben Musik wie ich schwammen und deren strahlende Gesichter wie

große phantastische Blumen mir vorüberschwebten, alle gehörten mir,

allen gehörte ich, alle hatten wir aneinander teil. Und auch die Männer

gehörten dazu, auch in ihnen war ich, auch sie waren mir nicht fremd,

ihr Lächeln das meine, ihr Werben das meine, meines das ihre.

Ein neuer Tanz, ein Foxtrott, eroberte sich in jenem Winter die Welt,

mit dem Titel „Yearning“. Dieser Yearning wurde einmal ums andre

gespielt und immer neu begehrt, alle waren wir von ihm durchtränkt und

berauscht, alle summten wir seine Melodie mit. Ich tanzte

ununterbrochen, mit jeder Frau, die mir eben in den Weg lief, mit ganz

jungen Mädchen, mit blühenden jungen Frauen, mit sommerlich vollreifen,

mit wehmütig verblühenden: von allen entzückt, lachend, glücklich,

strahlend. Und als Pablo mich so strahlen sah, mich, den er immer als

einen sehr beklagenswerten armen Teufel angesehen hatte, da blitzten

seine Augen mich glückselig an, er stand begeistert von seinem

Orchesterstuhl auf, stieß heftig in sein Horn, stieg auf den Stuhl,

stand oben und blies mit vollen Backen und wiegte sich und sein

Instrument dazu wild und selig im Takt des Yearning, und ich und meine

Tänzerin warfen ihm Kußhände zu und sangen laut mit. Ach, dachte ich

zwischenein, mag mit mir geschehen, was da wolle, einmal bin doch auch

ich glücklich gewesen, strahlend, meiner selbst entbunden, ein Bruder

Pablos, ein Kind.

Das Zeitgefühl war mir verlorengegangen, ich weiß nicht, wieviel Stunden

oder Augenblicke dies Rauschglück dauerte. Auch bemerkte ich es nicht,

daß das Fest, je glühender es wurde, sich auf desto engeren Raum

zusammenzog. Die meisten waren schon fortgegangen, in den Korridoren war

es still geworden, und viele der Lichter waren erloschen, das

Treppenhaus lag ausgestorben, in den oberen Sälen war eine Musikkapelle

um die andere verstummt und weggegangen; nur im Hauptsaal und in der

Hölle unten tobte noch, beständig an Glut sich steigernd, der bunte

Festrausch. Da ich mit Hermine, dem Jüngling, nicht tanzen durfte,

hatten wir uns immer nur in Tanzpausen flüchtig wieder getroffen und

begrüßt, und zuletzt war sie mir ganz und gar entschwunden, nicht dem

Auge nur, sogar den Gedanken. Es gab keine Gedanken mehr. Aufgelöst

schwamm ich im trunkenen Tanzgewühl, von Düften, Tönen, Seufzern, Worten

berührt, von fremden Augen begrüßt, befeuert, von fremden Gesichtern,

Lippen, Wangen, Armen, Brüsten, Knien umgeben, von der Musik wie eine

Welle im Takt hin und wider geworfen.

Nun sah ich plötzlich, einen Augenblick halb erwachend, unter den

letzten, noch gebliebenen Gästen, die jetzt einen der kleinen Säle

überfüllten, den letzten, in dem noch Musik erklang – nun sah ich

plötzlich eine schwarze Pierrette mit weißgemaltem Gesicht, ein schönes

frisches Mädchen, als einzige mit einer Gesichtsmaske bedeckt, eine

entzückende Figur, die ich in dieser ganzen Nacht noch nie gesehen

hatte. Während allen andern die späte Stunde anzusehen war, den roten

erhitzten Gesichtern, den zerdrückten Kostümen, den verwelkten Kragen

und Krausen, stand die schwarze Pierrette frisch und neu mit dem weißen

Gesicht hinter der Maske, in faltenlosem Kostüm, mit unberührter Krause,

blanken Spitzenmanschetten und frischer Frisur. Es zog mich zu ihr, ich

umfaßte sie, zog sie in den Tanz, duftend kitzelte ihre Krause mein

Kinn, streifte ihr Haar meine Wange, zarter und inniger als jede andre

Tänzerin dieser Nacht kam ihr straffer junger Leib meinen Bewegungen

entgegen, wich ihnen aus, zwang und lockte sie spielend zu immer neuen

Berührungen. Und plötzlich, während ich mich im Tanzen niederbeugte und

ihren Mund mit meinem suchte, lächelte dieser Mund überlegen und

altvertraut, ich erkannte das feste Kinn, erkannte glücklich die

Schultern, die Ellbogen, die Hände. Es war Hermine, nicht mehr Hermann,

umgekleidet, frisch, leicht parfümiert und gepudert. Glühend trafen

unsre Lippen zusammen, einen Augenblick schmiegte ihr ganzer Leib, bis

hinab zu den Knien, sich verlangend und hingegeben an mich an, dann

entzog sie mir ihren Mund und tanzte zurückhaltend und fliehend. Als die

Musik abbrach, blieben wir umschlungen stehen, alle die entzündeten

Paare rings um uns klatschten, stampften, schrien, peitschten die

erschöpfte Kapelle zur Wiederholung des Yearning auf. Und nun fühlten

wir alle plötzlich den Morgen, sahen das fahle Licht hinter den

Vorhängen, spürten das nahe Ende der Lust, ahnten die kommende Müdigkeit

und stürzten uns blind, auflachend und verzweifelt nochmals in den Tanz,

in die Musik, in die Lichtflut, schritten tobend im Takt, Paar an Paar

gepreßt, fühlten noch einmal selig die große Woge über uns

zusammenschlagen. In diesem Tanz ließ Hermine ihre Überlegenheit, ihren

Spott, ihre Kühle fahren – sie wußte, daß sie nichts mehr zu tun

brauche, um mich verliebt zu machen. Ich gehörte ihr. Und sie gab sich

hin, im Tanz, im Blick, im Kuß, im Lächeln. Alle Frauen dieser

fiebernden Nacht, alle, mit denen ich getanzt, alle, die ich entzündet,

alle, die mich entzündet hatten, alle, um die ich geworben, alle, an die

ich mich verlangend geschmiegt, alle, denen ich mit Liebessehnsucht

nachgeblickt hatte, waren zusammengeschmolzen und eine einzige geworden,

die in meinen Armen blühte.

Lange dauerte dieser Hochzeitstanz. Zweimal, dreimal erlahmte die Musik,

ließen die Bläser ihre Instrumente sinken, stand der Klavierspieler vom

Flügel auf, schüttelte der Primgeiger versagend den Kopf, und jedesmal

wurden sie vom flehenden Taumel der letzten Tänzer nochmals entflammt,

spielten nochmals, spielten schneller, spielten wilder. Dann – wir

standen noch verschlungen und schwer atmend vom letzten gierigen Tanz –

schlug mit einem Knall der Klavierdeckel zu, fielen unsre Arme müde

herab wie die der Bläser und Geiger, und der Flötist packte blinzelnd

seine Flöte ins Futteral, Türen gingen auf, kalte Luft strömte herein,

Diener erschienen mit Mänteln, und der Barkellner drehte das Licht ab.

Gespenstisch und schauerlich floh alles auseinander, fröstelnd drängten

sich die Tänzer, die eben noch hellauf geglüht, in ihre Mäntel und

schlugen die Kragen hoch. Hermine stand bleich, aber lächelnd. Langsam

hob sie die Arme und strich sich das Haar zurück, ihre Achselhöhle

glänzte im Lichte auf, ein dünner unendlich zarter Schatten lief von da

zur verdeckten Brust, und die kleine schwebende Schattenlinie schien mir

all ihren Reiz, alle Spiele und Möglichkeiten ihres schönen Leibes

zusammenzufassen, wie ein Lächeln.

Wir standen und blickten einander an, die letzten im Saal, die letzten

im Haus. Irgendwo unten hörte ich eine Tür schlagen, ein Glas

zerschellen, ein Gekicher sich verlieren, vermischt mit dem bösen,

eiligen Lärm ankurbelnder Automobile. Irgendwo, in einer unbestimmbaren

Ferne und Höhe, hörte ich ein Gelächter klingen, ein ungemein helles und

frohes, dennoch schauerliches und fremdes Gelächter, ein Lachen wie aus

Kristall und Eis, hell und strahlend, aber kalt und unerbittlich. Woher

doch klang dies wunderliche Lachen mir bekannt? Ich fand es nicht.

Wir beide standen und blickten einander an. Einen Augenblick lang wurde

ich wach und nüchtern, fühlte ungeheure Müdigkeit mich von hinten

überfallen, fühlte die durchschwitzten Kleider widerlich feucht und lau

um mich hangen, sah meine Hände rot und dickgeädert aus zerdrückten und

verschwitzten Manschetten hervorkommen. Aber sofort war das wieder

vorbei, ein Blick Herminens löschte es aus. Vor ihrem Blick, aus dem

meine eigene Seele mich anzuschauen schien, sank alle Wirklichkeit

zusammen, auch die Wirklichkeit meines sinnlichen Verlangens nach ihr.

Verzaubert blickten wir einander an, blickte meine arme kleine Seele

mich an.

„Du bist bereit?“ fragte Hermine, und ihr Lächeln verflog, wie der

Schatten über ihrer Brust verflogen war. Fern und hoch verklang jenes

fremde Lachen in unbekannten Räumen.

Ich nickte. O ja, ich war bereit.

Jetzt erschien in der Tür Pablo, der Musikant, und leuchtete uns aus den

frohen Augen an, welche eigentlich Tieraugen waren, aber Tieraugen sind

immer ernst, und seine lachten immer, und ihr Lachen machte sie zu

Menschenaugen. Mit all seiner herzlichen Freundlichkeit winkte er uns

zu. Er hatte eine buntseidene Hausjacke angetan, über deren roten

Aufschlägen sein durchweichter Hemdkragen und sein übermüdetes bleiches

Gesicht merkwürdig welk und fahl erschien, aber die strahlenden

schwarzen Augen löschten das aus. Auch sie löschten die Wirklichkeit

aus, auch sie zauberten.

Wir folgten seinem Wink, und unter der Tür sagte er leise zu mir:

„Bruder Harry, ich lade Sie zu einer kleinen Unterhaltung ein. Eintritt

nur für Verrückte, kostet den Verstand. Sind Sie bereit?“ Wieder nickte

ich.

Lieber Kerl! Zart und sorglich nahm er uns am Arm, Hermine rechts, mich

links, und führte uns über eine Treppe hinan in ein kleines rundes

Zimmer, das war von oben bläulich erleuchtet und beinahe ganz leer, es

war nichts darin als ein kleiner runder Tisch und drei Sessel, in die

wir uns setzten.

Wo waren wir? Schlief ich? War ich zu Hause? Saß ich in einem Auto und

fuhr? Nein, ich saß im blau erleuchteten runden Raum, in einer

verdünnten Luft, in einer Schicht von sehr undicht gewordener

Wirklichkeit. Warum war denn Hermine so bleich? Warum sprach Pablo so

viel? War nicht vielleicht ich es, der ihn sprechen machte, der aus ihm

sprach? Blickte nicht auch aus seinen schwarzen Augen nur meine eigene

Seele mich an, der verlorne bange Vogel, ebenso wie aus den grauen Augen

Herminens?

Mit all seiner guten und etwas zeremoniösen Freundlichkeit blickte

Freund Pablo uns an und sprach, sprach viel und lang. Er, den ich nie

zusammenhängend hatte reden hören, den kein Disput, keine Formulierung

interessierte, dem ich kaum ein Denken zugetraut hatte, er sprach nun,

er redete mit seiner guten, warmen Stimme fließend und fehlerlos.

„Freunde, ich habe euch zu einer Unterhaltung eingeladen, die Harry sich

schon lange wünscht, von der er schon lang geträumt hat. Es ist ein

wenig spät, und wahrscheinlich sind wir alle ein bißchen müde. Wir

wollen darum hier erst ein wenig ausruhen und uns stärken.“

Aus einer Wandnische nahm er drei Gläschen und eine kleine drollige

Flasche, nahm eine kleine exotische Schachtel aus farbigen Hölzern,

schenkte aus der Flasche die drei Gläschen voll, nahm aus der Schachtel

drei dünne, lange, gelbe Zigaretten, zog aus der seidenen Jacke ein

Feuerzeug und bot uns Feuer. Jeder von uns rauchte nun, in seinem Sessel

zurückgelehnt, langsam seine Zigarette, deren Rauch dick wie Weihrauch

war, und trank in kleinen langsamen Schlucken die herbsüße, wunderlich

unbekannt und fremd schmeckende Flüssigkeit, die in der Tat unendlich

belebend und beglückend wirkte, als werde man mit Gas gefüllt und

verliere seine Schwere. So saßen wir, rauchten in kleinen Zügen, ruhten,

nippten an den Gläsern, fühlten uns leicht und froh werden. Dazu sprach

Pablo gedämpft mit seiner warmen Stimme:

„Es ist mir eine Freude, lieber Harry, Sie heut ein wenig bewirten zu

dürfen. Sie sind oft Ihres Lebens sehr überdrüssig gewesen, Sie strebten

fort von hier, nicht wahr? Sie sehnen sich danach, diese Zeit, diese

Welt, diese Wirklichkeit zu verlassen und in eine andre, Ihnen gemäßere

Wirklichkeit einzugehen, in eine Welt ohne Zeit. Tun Sie das, lieber

Freund, ich lade Sie dazu ein. Sie wissen ja, wo diese andre Welt

verborgen liegt, daß es die Welt Ihrer eigenen Seele ist, die Sie

suchen. Nur in Ihrem eigenen Innern lebt jene andre Wirklichkeit, nach

der Sie sich sehnen. Ich kann Ihnen nichts geben, was nicht in Ihnen

selbst schon existiert, ich kann Ihnen keinen andern Bildersaal öffnen

als den Ihrer Seele. Ich kann Ihnen nichts geben, nur die Gelegenheit,

den Anstoß, den Schlüssel. Ich helfe Ihnen Ihre eigene Welt sichtbar

machen, das ist alles.“

Er griff wieder in die Tasche seiner bunten Jacke und brachte einen

runden Taschenspiegel heraus.

„Sehen Sie: so haben Sie bisher sich selbst gesehen!“

Er hielt mir das Spiegelein vor die Augen (ein Kindervers fiel mir ein:

„Spiegelein, Spiegelein in der Hand“), und ich sah, etwas zerflossen und

wolkig, ein unheimliches, in sich selbst bewegtes, in sich selbst heftig

arbeitendes und gärendes Bild: mich selber, Harry Haller, und innen in

diesem Harry den Steppenwolf, einen scheuen, schönen, aber verirrt und

geängstigt blickenden Wolf, die Augen bald böse, bald traurig glimmend,

und diese Wolfgestalt floß in unablässiger Bewegung durch Harry, so wie

in einem Strome ein Nebenfluß von andrer Farbe wölkt und wühlt,

kämpfend, leidvoll, einer im andern fressend, voll unerlöster Sehnsucht

nach Gestaltung. Traurig, traurig blickte der fließende, halbgestaltete

Wolf mich aus den schönen scheuen Augen an.

„So haben Sie sich selbst gesehen“, wiederholte Pablo sanft und steckte

den Spiegel wieder in die Tasche. Dankbar schloß ich die Augen und

nippte am Elixier.

„Wir haben nun ausgeruht,“ sagte Pablo, „wir haben uns gestärkt und

haben ein wenig geplaudert. Wenn ihr euch nicht mehr müde fühlt, dann

will ich euch jetzt in meinen Guckkasten führen und euch mein kleines

Theater zeigen. Seid ihr einverstanden?“

Wir erhoben uns, lächelnd ging Pablo voran, öffnete eine Tür, zog einen

Vorhang beiseite, und da standen wir im runden, hufeisenförmigen

Korridor eines Theaters, genau in der Mitte, und nach beiden Seiten hin

führte der gebogene Gang an sehr vielen, an unglaublich vielen schmalen

Logentüren vorüber.

„Das ist unser Theater,“ erklärte Pablo, „ein vergnügtes Theater,

hoffentlich werdet ihr allerlei zu lachen finden.“ Dabei lachte er laut

auf, nur ein paar Töne, aber sie durchfuhren mich heftig, es war wieder

das helle, fremdartige Lachen, das ich schon vorher von oben gehört

hatte.

„Mein Theaterchen hat so viele Logentüren, als ihr wollt, zehn oder

hundert oder tausend, und hinter jeder Tür erwartet euch das, was ihr

gerade sucht. Es ist ein hübsches Bilderkabinett, lieber Freund, aber es

würde Ihnen nichts nützen, es so zu durchlaufen, wie Sie sind. Sie

würden durch das gehemmt und geblendet werden, was Sie gewohnt sind,

Ihre Persönlichkeit zu nennen. Ohne Zweifel haben Sie ja längst erraten,

daß die Überwindung der Zeit, die Erlösung von der Wirklichkeit, und was

immer für Namen Sie Ihrer Sehnsucht geben mögen, nichts andres bedeuten

als den Wunsch, Ihrer sogenannten Persönlichkeit ledig zu werden. Sie

ist das Gefängnis, in dem Sie sitzen. Und wenn Sie so, wie Sie sind, in

das Theater träten, so sähen Sie alles mit den Augen Harrys, alles durch

die alte Brille des Steppenwolfes. Sie werden darum eingeladen, sich

dieser Brille zu entledigen und diese sehr geehrte Persönlichkeit

freundlichst hier in der Garderobe abzulegen, wo sie auf Wunsch

jederzeit wieder zu Ihrer Verfügung steht. Der hübsche Tanzabend, den

Sie hinter sich haben, der Traktat vom Steppenwolf, schließlich noch das

kleine Anregungsmittel, das wir eben zu uns genommen haben, dürfte Sie

genügend vorbereitet haben. Sie, Harry, werden nach Ablegung Ihrer

werten Persönlichkeit die linke Seite des Theaters zu Ihrer Verfügung

haben, Hermine die rechte, im Innern können Sie sich beliebig wieder

treffen. Bitte, Hermine, geh einstweilen hinter den Vorhang, ich möchte

erst Harry einführen.“

Hermine verschwand nach rechts, an einem riesengroßen Spiegel vorbei,

der die Rückwand vom Boden bis zur Wölbung bedeckte.

„So, Harry, nun kommen Sie und seien Sie recht guter Laune. Sie in gute

Laune zu bringen, Sie lachen zu lehren, ist der Zweck dieser ganzen

Veranstaltung – ich hoffe, Sie machen es mir leicht. Sie fühlen sich

doch wohl? Ja? Haben nicht etwa Angst? Also gut, sehr gut. Sie werden

jetzt, ohne Angst und mit herzlichem Vergnügen, in unsre Scheinwelt

eintreten, indem Sie sich durch einen kleinen Scheinselbstmord

einführen, wie das so Sitte ist.“

Er zog wieder den kleinen Taschenspiegel hervor und hielt ihn mir vors

Gesicht. Wieder blickte mir der wirre, wolkige, von der ringenden

Wolfsgestalt durchflossene Harry entgegen, ein mir wohlbekanntes und

wahrlich nicht sympathisches Bild, dessen Vernichtung mir keine Sorgen

bereiten konnte.

„Dieses entbehrlich gewordene Spiegelbild werden Sie jetzt auslöschen,

lieber Freund, mehr ist nicht vonnöten. Es genügt, daß Sie, wenn Ihre

Laune es zuläßt, dieses Bild mit einem aufrichtigen Lachen betrachten.

Sie sind hier in einer Schule des Humors, Sie sollen lachen lernen. Nun,

aller höhere Humor fängt damit an, daß man die eigene Person nicht mehr

ernst nimmt.“

Fest blickte ich in das Spiegelein, Spiegelein in der Hand, in dem der

Harrywolf seine Zuckungen vollführte. Einen Augenblick zuckte es in mir,

tief innen, leise, aber schmerzlich, wie Erinnerung, wie Heimweh, wie

Reue. Dann wich die leichte Beklemmung einem neuen Gefühl, jenem

ähnlich, das man empfindet, wenn aus dem mit Kokain betäubten Kiefer ein

kranker Zahn gezogen worden ist, ein Gefühl von Erleichterung und tiefem

Aufatmen und zugleich von Verwunderung, daß es so gar nicht weh getan

hat. Und zu diesem Gefühl gesellte sich eine frische Aufgeräumtheit und

Lachlust, der ich nicht widerstehen konnte, so daß ich in ein erlösendes

Gelächter ausbrach.

Das trübe Spiegelbildchen zuckte auf und erlosch, die kleine runde

Spiegelfläche war plötzlich wie verbrannt, war grau und rauh und

undurchsichtig geworden. Lachend warf Pablo die Scherbe weg, rollend

verlor sie sich am Boden des unendlichen Korridors.

„Gut gelacht, Harry,“ rief Pablo, „du wirst noch lachen lernen wie die

Unsterblichen. Nun hast du endlich den Steppenwolf umgebracht. Mit

Rasiermessern geht das nicht. Paß auf, daß er tot bleibt! Gleich wirst

du die dumme Wirklichkeit verlassen können. Wir werden beim nächsten

Anlaß Brüderschaft trinken, Lieber, nie hast du mir so gut gefallen wie

heut. Und wenn du dann noch Wert darauf legst, dann können wir auch

miteinander philosophieren und disputieren und über Musik und über

Mozart und Gluck und Plato und Goethe sprechen, soviel du willst. Du

wirst jetzt begreifen, warum es früher nicht ging. – Hoffentlich glückt

es dir, und du wirst den Steppenwolf für heute los. Denn natürlich ist

dein Selbstmord kein endgültiger; wir sind hier in einem magischen

Theater, es gibt hier nur Bilder, keine Wirklichkeit. Suche dir schöne

und heitere Bilder aus und zeige, daß du wirklich nicht mehr in deine

fragwürdige Persönlichkeit verliebt bist! Solltest du sie aber dennoch

zurückbegehren, so brauchst du nur wieder in den Spiegel zu schauen, den

ich dir jetzt zeigen werde. Du kennst ja aber das alte weise Wort: Ein

Spiegelein in der Hand ist besser als zwei an der Wand. Haha! (Wieder

lachte er so schön und schrecklich.) – So, und jetzt ist bloß noch eine

ganz kleine, lustige Zeremonie zu vollziehen. Du hast jetzt deine

Persönlichkeitsbrille weggeworfen, nun komm einmal und schaue in einen

richtigen Spiegel! Es wird dir Spaß machen.“

Unter Lachen und kleinen drolligen Liebkosungen drehte er mich um, daß

ich dem riesengroßen Wandspiegel gegenüberstand. In dem sah ich mich.

Ich sah, einen winzigen Moment lang, den mir bekannten Harry, nur mit

einem ungewöhnlich gutgelaunten, hellen, lachenden Gesicht. Aber kaum,

daß ich ihn erkannt hatte, fiel er auseinander, löste sich eine zweite

Figur von ihm ab, eine dritte, eine zehnte, eine zwanzigste, und der

ganze Riesenspiegel war voll von lauter Harrys oder Harry-Stücken,

zahllosen Harrys, deren jeden ich nur einen blitzhaften Moment erblickte

und erkannte. Einige von diesen vielen Harrys waren so alt wie ich,

einige älter, einige uralt, andere ganz jung, Jünglinge, Knaben,

Schulknaben, Lausbuben, Kinder. Fünfzigjährige und zwanzigjährige Harrys

liefen und sprangen durcheinander, dreißigjährige und fünfjährige,

ernste und lustige, würdige und komische, gutgekleidete und zerlumpte

und auch ganz nackte, haarlose und langlockige, und alle waren ich, und

jeder wurde blitzschnell von mir gesehen und erkannt und war

verschwunden, nach allen Seiten liefen sie auseinander, nach links, nach

rechts, in die Spiegeltiefe hinein, aus dem Spiegel heraus. Einer, ein

junger eleganter Kerl, sprang dem Pablo lachend an die Brust, umarmte

ihn und lief mit ihm davon. Und einer, der mir ganz besonders gefiel,

ein hübscher, reizender Junge von sechzehn oder siebzehn Jahren, lief

wie der Blitz in den Korridor hinein, las gierig die Inschriften an all

den Türen, ich lief hinterher, vor einer Türe blieb er stehen, ich las

an ihr die Aufschrift:

Alle Mädchen sind dein!

Einwurf eine Mark

Der liebe Junge schnellte sich mit einem Sprung empor, Kopf voran,

stürzte sich selbst in den Einwurf und war hinter der Tür verschwunden.

Auch Pablo war verschwunden, auch der Spiegel schien verschwunden und

mit ihm alle die zahllosen Harryfiguren. Ich spürte, daß ich jetzt mir

selber und dem Theater überlassen sei und trat neugierig von Tür zu Tür,

und an jeder las ich eine Inschrift, eine Lockung, ein Versprechen.

* * * * *

Der Steppenwolf · 第 12 / 19 题