Nicht allzuviel jünger als der Pegauer Stein sind die ältesten
christlichen Steindenkmäler unseres Landes. Das jetzt im Museum des
Sächsischen Altertumsvereins in Dresden aufgehobene Bogenfeld von
der Kirche zu _Elstertrebnitz_ bei Pegau (s. Abbildung 3) zeigt in
der Mitte die bartlose, aus einem Sockel hervorwachsende Büste des
Heilands. Mit der zum Schwur erhobenen Rechten verspricht er dem
seitwärts stehenden Priester das Himmelreich. Dieser steht zwischen
einer kreisrunden, narzissenartigen Blüte und einer Lilie und hält zum
Zeichen seiner Reinheit eine Lilie in der Hand. Mit der Linken hebt
Christus die Heilige Schrift empor (ΑΩ), zu ihr erhebt ein neben
einem Kruzifix stehender neubekehrter Slawe betend die Hände. Er ist
durch die begleitende Gans als slawischer Bauer gekennzeichnet. So
bewahrt uns dieser Stein eine wertvolle Erinnerung an die Bekehrung der
Elsterslawen zum Christentum, und damit ist die Zeit seiner Entstehung
gegeben: er gehört in das Zeitalter des Wiprecht von Groitzsch und
seiner Gemahlin Judith, also ums Jahr 1100.
[Illustration: Abb. 2 =Das slawische Götzenbild im Kirchturm zu Zadel=
(aus Kursächsische Streifzüge, Band III, Verlag der Wilhelm und Bertha
von Baensch-Stiftung)]
Soeben erfährt die kleine Zahl der ältesten künstlerisch behauenen
Steine Sachsens dadurch eine ungeahnte Vermehrung, daß ein auf
sächsischem Boden gefundener Stein zu ihnen tritt, der vielleicht
noch älter ist als die genannten: _der Stein aus dem Torfmoor von
Kühnhaide_. Er ist nicht eben jetzt neu gefunden worden, sondern schon
vor sechsundvierzig Jahren, aber er ist doch wie ein neuer Fund, weil
er inzwischen wieder fast ein halbes Jahrhundert lang verschollen
war. Er ist nämlich – doch ich will lieber, um allen bei der
Neuauffindung Beteiligten gerecht zu werden, den Sachverhalt der Reihe
nach erzählen, wie er sich zugetragen hat. Im Frühjahr 1924 schrieb
der als Waffenforscher bekannte Besitzer des Schlosses Pfaffroda,
Dr. Diener von Schönberg, erst an den Landesverein Sächsischer
Heimatschutz, später (4. August 1924) auch an den Direktor des Museums
für Völkerkunde, Prof. Dr. Jacobi, ein Herr Weigelt in Olbernhau
habe ihm mitgeteilt, im Jahre 1880 sei in der Nähe von Kühnhaide, wo
Weigelt damals wohnte, in einem Torfmoor, wo sonst überhaupt keinerlei
Steine vorkommen, ein Stein ausgegraben worden, der der Annahme nach
von den vorchristlichen Bewohnern der dortigen Gegend stamme. Der
Stein sei etwa fünfzig Zentimeter hoch, vierzig Zentimeter breit und
fünfundzwanzig Zentimeter stark gewesen, nach oben hin ungefähr eine
Dreiecksform zeigend. Auf der Vorderseite sei, ziemlich plump und mit
primitiven Werkzeugen ausgeführt, aber nicht ohne Geschicklichkeit
dargestellt, ein Kopf eingemeißelt gewesen mit einem Teil der Brust,
und unter dieser Darstellung eine Reihe von Schriftzeichen, die man
damals nicht zu deuten verstand. In der unteren Fläche hätte sich ein
Loch befunden, als ob der Stein auf einem andern aufgesessen habe. Der
Stein sei damals eine Zeitlang im Gasthof von Karl Martin in Kühnhaide
ausgestellt gewesen. Dort habe ihn Lehrer Thaermann aus Lauta bei
Marienberg entdeckt, gekauft und, wie damals auch in den Dresdner
Nachrichten gestanden haben soll, in ein Wiener Altertums-Museum
verkauft. Es möchten Nachforschungen in Wien angestellt werden und
womöglich eine Photographie des Steines beschafft werden.
[Illustration: Abb. 3 =Das Bogenfeld von Elstertrebnitz= (Sächs.
Inventarisationswerk)]
Der Landesverein schickte den Brief Dr. Dieners von Schönberg an mich
mit dem Ersuchen, Nachforschungen über den Stein anzustellen. Meine
Erkundigungen waren zunächst erfolglos, bis ich im August in die
staatliche Sammlung für Vorgeschichte kam und von Dr. Bierbaum, den
ich über den Stein befragte, erfuhr, er befinde sich im Obergeschoß
des Zwingerpavillons, der die vorgeschichtliche Sammlung beherberge,
in der Ecke zwischen der Wand und einem Schrank, er sei auch schon
Herrn Dr. Diener von Schönberg beschrieben und von dessen Gewährsmann
Weigelt als eben der Kühnhaider Stein erkannt worden, den er vor mehr
als vierzig Jahren gesehen habe. So war denn der Verkauf des Steines
nach Wien glücklicherweise eine bloße Legende ohne jeden tatsächlichen
Hintergrund. Der Stein hatte die ganze Zeit unbeachtet in seinem
Versteck gestanden; nur einmal, sehr bald nach der Auffindung, hatte
ihn Hofrat Dr. Geinitz in der Dresdner »Isis« gezeigt und darüber in
den Sitzungsberichten der Isis zu Dresden, 1878 S. 146, folgendes
mitgeteilt: »Von dem Vorsitzenden (Hofrat Dr. Geinitz) wird hierauf
ein Steinbild vorgelegt, das sich als wahres Vollmondgesicht eines
Mannes mit eigentümlichen Runen oder Schriftzeichen zusammen auf einem
Gneißblocke befindet, welcher vor kurzem etwa sechs Fuß tief unter
der Erdoberfläche in einem Torfstich bei Kühnhaide unweit Marienberg
im Erzgebirge entdeckt worden ist. Da dieser sechzig Zentimeter hohe
und vierzig Zentimeter breite, etwa zehn Zentimeter dicke Gneißblock
in den Besitz des K. Mineralogisch-Geologischen Museums übergegangen
ist, so behält sich der Vortragende vor, später weitere Mitteilungen
darüber zu geben. Zunächst hat sich nur die Echtheit des Fundes
feststellen lassen, von welchem die erste Nachricht durch Herrn
Student Hans Schaarschmidt hierher gelangt ist und von welchem auch
Herr Hugo Thaermann in Lauta bei Marienberg später Kenntnis erhielt.
Der Letztere hat darüber bereits im »Erzgebirgischen Nachrichts-
und Anzeigeblatt«, 1878, Nr. 83, unter dem Namen »das Kühnhaidaer
Götzenbild« eine eigentümliche Kritik veröffentlicht, außerdem aber den
Transport nach Dresden vermittelt.« Hofrat Geinitz ist offenbar nicht
dazu gekommen, sich erneut mit dem Kühnhaider Stein zu beschäftigen,
und so blieb er verschollen, nicht einmal eine Abbildung ist davon in
die Öffentlichkeit gelangt. Deshalb erbat ich mir von der Direktion
der vorgeschichtlichen Sammlung die Erlaubnis, den Stein genauer zu
untersuchen, photographieren zu lassen und das Ergebnis publizieren
zu dürfen. Die hier wiedergegebenen Aufnahmen (Abbildung 4 und 5)
sind auf Veranlassung des Heimatschutzes von Herrn Georg Schäfer
hergestellt worden. Das vorläufige Ergebnis meiner Untersuchung, bei
der ich von den Herren Professor Dr. Jacobi, Dr. Bierbaum, Dr. Pinther,
Dr. Wünsche und von Herrn Direktorialassistenten an der staatlichen
Skulpturensammlung Dr. Müller freundlichst unterstützt wurde, ist
folgendes:
[Illustration: