Bäume und Menschen

Erziehungs- und auch Heimatschutzgedanken von _Th. Leuschner_,

Dresden-Loschwitz

Ich liebe die Bäume. Ich habe sie schon immer geliebt. Ob sie

dichtgeschart einer neben dem andern im Wald große Landflächen bergauf

und bergab mit ihrem satten Dunkel bekleiden – ob ein großer, mit

seinen Ästen weitausgreifender Baum auf einem langen Bergesrücken

wie ein Wahrzeichen steht, auf Stadt und Land gleich einem Herrscher

herabschaut und die Wanderer zu weiter Rundschau herauflockt – ob

sie in langer Reihe links und rechts an der Landstraße stehen, ihr

weithin sichtbar das Geleite geben und sie von oben herab mit ihren

zusammenstoßenden Kronen beschatten – ob die beiden Pappeln wie zwei

Wächter hüben und drüben vor der Hofeinfahrt stehen und über den First

des Bauernhauses auf die Felder hinausschauen – ob sie in den langen

Reihen des Obstgartens regelmäßig ausgerichtet einer neben und hinter

dem andern stehen.

Ich liebe die Bäume: ob sie im Winter kahl und schwarz dastehen, daß

sie sich bis in ihre feinsten Zweige hinauf von dem grauen Himmel

wie ein vielgestaltiges Gewebe abheben – ob sie sich im Lenz mit

ihrem ersten helleuchtenden Grün leise schmücken, als wenn sie den

Winterschlaf abgeschüttelt hätten – mag dann im Sommer die Sonne in die

vielen tausend Spiegelchen des Blätterdaches scheinen – und mag dann

der Herbst sie aufleuchten lassen in Gelb und Braun und Rot wie ein

Scheidegruß, ehe Sturm und Reif den Kehraus machen.

Ich liebe den Baum: ob die Pappel wie ein Ausrufezeichen in der

Landschaft hoch und schlank hinaufwächst und dem leichten Winde

gehorchend hin- und herschwankt – ob nun die Eiche am Wegrand ihre

gewaltige Laubkrone unbeweglich starr aufbaut, getragen von den dicken

knorrigen Ästen, und andern Pflanzenwesen unter ihr Licht und Luft

nimmt.

Ich liebe die Bäume. Nur wegen der reichen Form ihrer Erscheinung? Ich

fragte mich, ich prüfte mich: es muß noch etwas mehr, etwas andres als

diese Äußerlichkeit sein, was mir den Baum so lieb und wert macht.

Nicht gleich fand ich eine Lösung. Da fügte es die Zeit. Von einer

andern Seite kam ich her und fand, was mir Befriedigung gab. Ich kam

vom Menschen her: die Gedanken über den jungen Menschen, über das

reifende Kind führten mich zum wachsenden und gewordenen Baum. Ich fand

zwischen beiden Wesensverwandtes und Ähnlichkeit.

Das Kind wächst nach einem inneren Gesetz heran und wird zu dem, wozu

es werden kann und muß. Die Natur hat dem jungen Menschen allerhand

Anlagen, stille Kräfte gegeben, mit der Fähigkeit und dem Streben,

sich zu entfalten und in Erscheinung sich auszureifen. Manchmal hat

die Natur in einen Menschen eine Anlage niedergelegt wie ein Geschenk,

das sie nur selten hier und da von sich loslöst: mitten aus Armut und

Niedrigkeit geht gleich einem Licht ein Künstler, ein Denker, ein

Erfinder, ein Führer der Menschheit auf: aus sich heraus geworden,

allen Widerständen und Hemmungen zum Trotz, als ein Eigner aus Eigenem

dastehend. Oft sind die Anlagen ein Niederschlag der Umgebung,

eine Mitgabe von Vater und Mutter, eine Selbstverständlichkeit von

Familienüberlieferung und -eigentümlichkeit. Das Kind atmet den Geist

des Vaterhauses ein, und mit ihm wächst es heran zu einem Menschen, der

in den Spuren der Eltern mehr oder weniger weiter geht.

Zu diesem Aussichherauswachsen tritt von außen heran die Erziehung,

die Einwirkung durch Persönlichkeiten, die in sittlicher und geistiger

Hinsicht dazu berufen sind. Die Erziehung kann darum kein Abrichten,

kein zwangmäßiges Einwirken nach einem vorgedachten Plane sein, kein

Gestalten und Bilden zu einem von außen her an das Kind herangebrachten

Zweck. Erziehung kann nur den Sinn einer Hilfe haben, indem sie

Hindernisse beiseite räumt, den Weg bereitet, indem der Erzieher mit

ihm geht und es schützt vor Irrtum und Umweg.

Mitten in diese Gedankengänge schaute mir zum Fenster herein von

weither die Babisnauer Pappel. Wie manchmal habe ich unter deinem

Schatten gelegen und in deine Zweige hinaufgesonnen! Du bist so ein

Eigner aus Eigenem, so groß und gewaltig, so breit und rund, so fest

und gesund, so frei und selbständig stehst du auf schöner Höhe! Und

du, meine liebe Pappel, du Stolz meines Gartens, kommst auch zu mir in

meine Gedanken. Als ich dich vor zwanzig Jahren pflanzte, reichte ich

mit der Hand an deine Spitze, jetzt ragst du hoch hinaus mit deinen

schlanken beweglichen Gerten über das Dach des Hauses. Aus dir ist

geworden, was du im Kleinen schon warst und versprachst.

Und nun habe ich es gefunden. Auch ihr Bäume seid Wesen für sich, von

Anfang bis zum Ende hin. Auch in euch ist ein Ziel gesetzt von Anfang

an. Auch ihr seid belebte, zielstrebige, wollende und müssende Natur.

Auch euch hat die Natur eine besondere Anlage mitgegeben und Kräfte,

die in dieser Richtung weiter sich entfalten, bis ihr das seid, was in

euch ist. Und das werdet ihr ohne viel Erziehung, ohne viel Zutun von

außen her. Der Naturfreund pflanzte euch ins Erdreich, dorthin, wo er

euch haben wollte. Er gab euch Licht und Luft, er trug euch Wasser an

die Wurzel. Und dann überließ er euch eurem Werden. So wie ihr wurdet

im Sonnenschein und im Regen, wie ihr Sturm und Ungewitter, Frost und

Trockenheit trotztet: er hatte seine Freude daran. So seid ihr mir

nun nicht bloß lieb und wert geworden durch euer vielgestaltiges und

wechselndes Äußeres – ihr sprecht zu mir aus tiefem verinnerlichtem

Sinn, als wenn auch ihr beseelt wäret, als wenn auch in euch ein

unsichtbarer Geist nach Verkörperung sich gestaltete.

Doch was soll das hier? Der Ring schließt sich für mich auch hier im

Heimatschutz. Ihr Menschen müßt auch diesen Sinn für den Baum erleben.

Dann werdet ihr nicht so herzlos einem schönen Baum vor seiner Zeit mit

Axt und Säge das Ende bereiten. Ihr werdet ihn schützen und zu erhalten

suchen, wie es der nachdenkliche Jukundus im »Verlorenen Lachen« jenem

alten stattlichen Eichbaum auf aussichtsreicher Höhe angetan hat.

Dann werdet ihr nicht mehr so gedankenlos einem Baum Äste, Zweige und

Blüten nehmen, dann werdet ihr ganz anders in seinem Schatten ruhen und

den Platz an seinem Stamm in schöner Ordnung zurücklassen. So gut wir

einem lieben oder großen Menschen zugetan sind, ihn ehren und uns mit

ihm freuen: so wollen wir auch den Baum als ein Stück im tiefern Sinn

belebter Natur achten und ehren.

So sind wir auch von dieser Seite her zum Heimatschutz gekommen.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIII, Heft 7-8 · 第 25 / 61 题