Mit Bildern von _Walter Möbius_

Kennst du das Haus, mit Fleiß und Mühn

Erbaut im frischen Waldesgrün?

Inmitten unsrer Felsenwelt

Ist es gar lieblich hingestellt.

Wo Vogelsang und Blumenduft

Erfüllt die reine Bergesluft,

Da steht erhellt vom Sonnenschein

Die Hütte an dem Zirkelstein.

Die Verse sind nicht von Schiller oder von Mörike, sie sind überhaupt

nicht dichterisch wertvoll; die Reime sind nicht neu und die Stimmung

ist etwas sentimental, aber gut sind sie doch, denn sie spiegeln die

Liebe einfacher Menschen zu einem Werk, das sie in gemeinsamer Arbeit

geschaffen und dessen sie sich in gemeinsamer Freude freuen.

Als die Bewegung der Naturfreunde seit Beginn dieses Jahrhunderts

lebhaft aufblühte, mußte es natürlich ihre erste Sorge sein, für die

zumeist minderbemittelten Mitglieder Übernachtungsgelegenheit für

Wanderungen und Heime zu schaffen. So erklärt es sich, daß jetzt weit

über hundert Naturfreundehäuser in allen Teilen der Welt vorhanden

sind. Von diesen liegt die Mehrzahl in unsern deutschen Mittelgebirgen,

im Schwarzwald wie im Taunus, im fränkischen Jura wie im Teutoburger

Walde, im Erzgebirge wie in der Sächsischen Schweiz. Erst kürzlich

wurden hier dem Reichsfiskus am Königstein einige Pulverhäuser

abgemietet, die teils als Jugendherberge, teils als Naturfreundehaus

dienen. Sie bieten Unterkunftsmöglichkeit für fünfhundert Wanderer und

wenn sie auch, da nicht zu dem jetzigen Zweck erbaut, kleine Mängel

inbezug auf Einrichtung und Aussehen aufweisen, so helfen sie doch

gerade in dieser Gegend einem sehr brennend gewordenen Bedürfnis ab.

[Illustration: Abb. 1 =Naturfreundehaus am Zirkelstein= (Vorderansicht)]

Ganz andrer Art ist das »Haus am Zirkelstein«. Schon seine Lage

unterscheidet es vorteilhaft von den eben genannten Unterkunftshäusern.

Während sie nahe den Brennpunkten des Touristenverkehrs an nicht

gerade übermäßig landschaftlich bedeutsamer Stelle sich finden,

liegt das Zirkelsteinhaus in dem Teil der Sächsischen Schweiz, der

glücklicherweise noch nicht überlaufen ist, obwohl gerade hier eine

Fülle schöner Landschaften aneinanderstoßen. Im Osten begrenzen die

beiden Zschirnsteine, die wie zwei Adlerflügel auseinanderstreben,

die Ebenheit, auf der Wolfsberg, Kaiserkrone und Zirkelstein liegen.

Der nach Süden schweifende Blick fällt in den gewaltigen Elbkañon bei

Niedergrund, den man am besten von den etwa eine Viertelstunde von

der Hütte entfernten Sandsteinklötzen überblickt, die die Mündung des

romantischen Gelobtbachtals flankieren. Die Ostaussicht gehört zum

Schönsten, was man überhaupt in einem deutschen Mittelgebirge sehen

kann. Da steigt zur Linken des der Hütte gerade gegenüber mündenden

Kamnitztals das mächtige buchengeschmückte Basaltmassiv des Großen

Winterbergs auf, an den sich im Norden die hier mehr wuchtig als

grotesk wirkenden Schrammsteine, im Süden die Silber- und Flügelwände

am Gabrielensteig anschließen. Im Süden aber erheben sich die ganz

anders gearteten Gipfel der böhmischen Basalt- und Klingsteinvulkane,

deren heitere Formenwelt den italienkranken Ludwig Richter von seiner

Sehnsucht nach den Albaner Bergen zu heilen vermochte.

[Illustration: Abb. 2 =Naturfreundehaus am Zirkelstein= (Rückansicht)]

Infolge dieser glücklichen Lage kann die Hütte wochenlang als

Stützpunkt für die verschiedensten Wanderungen dienen. Aber sie

ermöglicht es auch, das Haus jedesmal auf einem anderen und

andersgearteten Wege zu erreichen. Selbst der Aufstieg von der nur

zwanzig Minuten entfernten Bahnstation Schöna bietet eine Fülle

von prächtigen Eindrücken. Nach wenigen Schritten von der zum Dorf

Schöna führenden Straße abbiegend steigen wir in einer Schlucht

aufwärts, von der immer neue Blicke sich öffnen auf die Klamm des

Kamnitzbaches, das in ihr liegende Herrnskretschen und den Elbspiegel.

Am Ende der Schlucht bringt uns ein scharfer Geländeknick an den

Hang eines diluvialen Elbtals, bis endlich bei einem neuen Wechsel

der Neigung der Blick auf den Zirkelstein und die Hütte mit ihrem

hellen Sandsteinunterbau, der warmen Holzverschalung und dem roten

Ziegeldach fällt. Aber nicht minder reizvoll ist der Weg von der

Station Schmilka über das Waldhufendorf Schöna an der Kaiserkrone

vorüber und durch die Schönaer Felder um den Zirkelstein herum,

dessen Besteigung sich trotz seiner geringen Höhe ebenso lohnt wie

der seiner dreizackigen Nachbarin. Noch schöner ist’s, wenn man die

Hütte als Ziel einer Tageswanderung auf den Tagesplan setzen kann.

Wer die belebten Gegenden nicht missen möchte, wandert von Königstein

über Gohrisch und die dahinter gelegene Felsenregion (Papststein,

Gohrisch, Kleinhennersdorfer Stein) nach dem hübschen Dörfchen, nach

dem der letztere genannt ist, besucht von hier aus die idyllische

Liethenmühle oder den aus der Mode gekommenen Kohlbornstein und

erreicht dann Schöna über den Wolfsberg oder das langhingezogene und

trotzdem durchaus nicht langweilige Reinhardsdorf. Ich bin im letzten

Winter diesen Weg auch einmal mit Schneeschuhen gefahren und dabei auf

meine Rechnung gekommen, zumal er eine Reihe für bescheidene Gemüter

sehr reizvoller Abfahrten einschließt. Wie schön ist ferner der Weg

durchs Krippental oder über die Lasensteine zur Rölligmühle und von

dort über den Kleinen nach dem Großen Zschirnstein, dem höchsten Berge

der eigentlichen Sächsischen Schweiz, dessen Aussicht schon Schiffner

1840 mit folgenden Worten rühmt: »Im Norden ist die Aussicht durch

den Berg selbst unterbrochen, übrigens aber ein Panorama vom höchsten

Reichtum und wahrer Großartigkeit, so daß es, abgesehen von der

hier mangelnden Elbe, jenem des Winterbergs mindestens gleichsteht.

Insbesondere stellt das Niederland sich hier deutlicher, der sichtbare

Teil Böhmens schöner dar, und das Riesengebirge zeigt hier mehr Höhen

als dort, unter welche jedoch nur der Irrtum auch die Schneekoppe

gebracht hat.« Recht niedlich und glücklicherweise auch für andere noch

nicht von den üblen Zeitgenossen entdeckte Aussichtspunkte passend

ist der Satz, den er seiner Panoramabeschreibung hinzufügt: »Obwohl

nun der Berg bequem zu besteigen ist, so geschieht dies seitens der

Schweizreisenden sehr selten, weil es diesem Panorama nicht nur

an Wasser, sondern auch an Bier und Schnaps fehlt.« Materialisten

seien trotzdem darauf aufmerksam gemacht, daß bei meiner letzten

Klassenwanderung nach dem Naturfreundehaus meine Wandergefährten (ich

selbst bin auf diesem Gebiet etwas unbegabt) so viele Maronenpilze auf

dem Zschirnsteinplateau fanden, daß wir uns abends in der Hütte ein

opulentes Mahl bereiten konnten, bei dem alle satt wurden, und wir

außerdem noch einen Rucksack voll mit nach Dresden brachten. – Selbst

auf die Gefahr hin, daß ich einen oder den andern Leser das nächste Mal

auf einem meiner Lieblingsspaziergänge treffe, will ich hier noch auf

zwei schöne Wege hinweisen, die in Verbindung mit den Anmarschwegen

zum Zirkelstein bequem mitzunehmen sind. Der eine ist der Rundgang um

den Kleinen Zirkelstein, der nicht nur wieder eine ganz entzückende

Aussicht besonders nach dem Erzgebirge zu bietet, sondern vor allem

die Verwitterungserscheinungen des Sandsteins in unübertrefflicher

Weise zeigt. Die Zerfressenheit der Wände durch Alaunausblühungen mag

mit dazu beitragen, daß man hier im Spätwinter Eisgebilde schauen

kann, wie man sie in solcher Schönheit nur an einzelnen Stellen im

Polenztalgebiet wiederfindet. Der andre schöne Zugangsweg ist der

Grenzweg von Rosenthal nach Schöna. Wer das Bedürfnis hat, einmal

stundenlang auf einsamen Waldwegen zu wandern, auf denen er höchstens

hier und da einen stillen Teich oder ein klares an bemooster Felswand

hinfließendes Wässerlein trifft, dem ist dieser Weg aufs wärmste

zu empfehlen. Allerdings kann die Einsamkeit auch ihre Nachteile

haben. Wenigstens hätten wir sonst etwas darum gegeben, wenn nach dem

Schneefall am Ende des alten Jahrs auch nur ein Skiläufer vor uns diese

Strecke schon gefahren wäre. Dann hätten wir nicht von zwei bis gegen

sieben Uhr Schneepflug spielen und die schönsten Abfahrten tränenden

Auges unsre Bretter hinabschieben müssen.

[Illustration: Abb. 3 =Naturfreundehaus am Zirkelstein= (Saal)]

Doch die Zugangswege zur Hütte haben uns recht weit von ihr weg

geführt. Wir kehren also zum Zirkelstein und dem an seinem Fuße sich

ausbreitenden auch den Naturfreunden gehörigen Wald zurück, der an

drei Seiten das Haus umgibt. Durch die Eingangspforte treten wir

zunächst in einen Vorraum ein, der zum Waschen und für die Kleider

dient. Von dort gelangen wir in den geräumigen Vorsaal, von dem aus es

links in die Küche geht, wo der Hüttenwart und seine bessere Hälfte

ihres Amtes warten, obwohl ihnen das, wenn gleichzeitig ein Dutzend

andre Parteien sich um den mit allerhand Töpfen besetzten Herd drängen,

nicht immer leicht gemacht wird. Trotzdem ist’s auf der Wandbank

hinter dem großen Tisch außerordentlich gemütlich. Das wissen andre

Leute leider auch, und so bleibt meist nichts weiter übrig, als uns

in das kleine Zimmer zurückzuziehen, das ihm gegenüberliegt und mit

schönen Steindrucken und einer ausgezeichneten Bücherei geschmückt

ist. Das Muster eines ländlichen Festsaals stellt der große Raum

dar, der das Haus nach Osten zu abschließt. Mit kräftigen Farben und

lustigen Sprüchen sind die Balken und Wandverkleidungen bedeckt, ohne

irgendwie in altdeutschen Stil zu verfallen. Der schönste Schmuck

des Saals ist aber zweifellos der Ofen, ein gemütvolles Ungetüm, zu

dem man schwer seinesgleichen finden dürfte. Aus diesem Saal treten

wir hinaus auf eine von Quadersteinen eingefaßte Plattform, wo sich

an Ferien- und Sonntagabenden ein fröhliches Leben bei Gesang und

Gitarrenklang abspielt. Wer aber die Jugend bei Tanz und Spiel sehen

will, der muß auf die große Wiese am Westrand des Wäldchens gehen, die

statt der üblichen Ballsaaldekoration die beiden Zschirnsteine und die

untergehende Sonne als nie veraltenden Bühnenschmuck besitzt. Im ersten

Stock liegen die Einzelzimmer und zwei Schlafsäle, in denen man vom

Bett aus den Sonnenaufgang zwischen Kaltenberg und Rosenberg bewundern

kann. Mehr ist von einer Sommerfrische wirklich nicht zu verlangen.

Da auch der gesamte Boden noch voll Betten steht, ist es möglich, bis

an zweihundert Menschen in diesem schönen Hause, das auch elektrisches

Licht und Wasserleitung besitzt, unterzubringen.

[Illustration: Abb. 4 =Blick vom Naturfreundehaus nach Nordosten=

(Winterberg)]

Wenn man bedenkt, daß der größte Teil des Geschaffenen durch den

Idealismus einiger weniger zum Teil in schwierigen Kriegszeiten

entstand, in denen man oft Material und Werkzeug von Schandau bis

hierher tragen und in dem notdürftig überdachten Keller übernachten

mußte, so wird man das Haus mit noch ganz anderen Augen ansehen.

Als Heimatschützler aber wollen wir uns freuen, daß trotz diesen

Schwierigkeiten hier ein Bau entstanden ist, der in die umgebende

Landschaft paßt wie selten einer. Auf vielen Fahrten in einem mehr

als zwanzigjährigen Wanderleben habe ich kaum ein Haus gefunden, das

den Ansprüchen, die man an ein Wander- und Erholungsheim stellen muß,

so entspricht wie das Dresdner Naturfreundehaus. Um so befremdender

wirkt es darum, wenn man immer wieder bekannte Wandrer und Wanderführer

findet, die sonst in der Sächsischen Schweiz und ihren Herbergen aufs

beste Bescheid wissen, die diese Musterhütte nicht kennen. Vielleicht

regen diese Zeilen manchen dazu an, diese Unterlassungssünde wieder gut

zu machen. Den Naturfreunden aber, die zu Ferien- und Feiertagszeiten

hier Freude und Erholung suchen, möge immer Verwirklichung des

verheißungsvollen Worts erblühen, mit dem das am Anfang zitierte

»Hüttenlied« schließt:

Du wirst stets froh und glücklich sein

In unserm Haus am Zirkelstein!

[Illustration: Abb. 5 =Blick vom Naturfreundehaus nach Südosten=

(Kaltenberg, Rosenberg)]

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIII, Heft 7-8 · 第 24 / 61 题