Kennst du das Haus, mit Fleiß und Mühn
Erbaut im frischen Waldesgrün?
Inmitten unsrer Felsenwelt
Ist es gar lieblich hingestellt.
Wo Vogelsang und Blumenduft
Erfüllt die reine Bergesluft,
Da steht erhellt vom Sonnenschein
Die Hütte an dem Zirkelstein.
Die Verse sind nicht von Schiller oder von Mörike, sie sind überhaupt
nicht dichterisch wertvoll; die Reime sind nicht neu und die Stimmung
ist etwas sentimental, aber gut sind sie doch, denn sie spiegeln die
Liebe einfacher Menschen zu einem Werk, das sie in gemeinsamer Arbeit
geschaffen und dessen sie sich in gemeinsamer Freude freuen.
Als die Bewegung der Naturfreunde seit Beginn dieses Jahrhunderts
lebhaft aufblühte, mußte es natürlich ihre erste Sorge sein, für die
zumeist minderbemittelten Mitglieder Übernachtungsgelegenheit für
Wanderungen und Heime zu schaffen. So erklärt es sich, daß jetzt weit
über hundert Naturfreundehäuser in allen Teilen der Welt vorhanden
sind. Von diesen liegt die Mehrzahl in unsern deutschen Mittelgebirgen,
im Schwarzwald wie im Taunus, im fränkischen Jura wie im Teutoburger
Walde, im Erzgebirge wie in der Sächsischen Schweiz. Erst kürzlich
wurden hier dem Reichsfiskus am Königstein einige Pulverhäuser
abgemietet, die teils als Jugendherberge, teils als Naturfreundehaus
dienen. Sie bieten Unterkunftsmöglichkeit für fünfhundert Wanderer und
wenn sie auch, da nicht zu dem jetzigen Zweck erbaut, kleine Mängel
inbezug auf Einrichtung und Aussehen aufweisen, so helfen sie doch
gerade in dieser Gegend einem sehr brennend gewordenen Bedürfnis ab.
[Illustration: Abb. 1 =Naturfreundehaus am Zirkelstein= (Vorderansicht)]
Ganz andrer Art ist das »Haus am Zirkelstein«. Schon seine Lage
unterscheidet es vorteilhaft von den eben genannten Unterkunftshäusern.
Während sie nahe den Brennpunkten des Touristenverkehrs an nicht
gerade übermäßig landschaftlich bedeutsamer Stelle sich finden,
liegt das Zirkelsteinhaus in dem Teil der Sächsischen Schweiz, der
glücklicherweise noch nicht überlaufen ist, obwohl gerade hier eine
Fülle schöner Landschaften aneinanderstoßen. Im Osten begrenzen die
beiden Zschirnsteine, die wie zwei Adlerflügel auseinanderstreben,
die Ebenheit, auf der Wolfsberg, Kaiserkrone und Zirkelstein liegen.
Der nach Süden schweifende Blick fällt in den gewaltigen Elbkañon bei
Niedergrund, den man am besten von den etwa eine Viertelstunde von
der Hütte entfernten Sandsteinklötzen überblickt, die die Mündung des
romantischen Gelobtbachtals flankieren. Die Ostaussicht gehört zum
Schönsten, was man überhaupt in einem deutschen Mittelgebirge sehen
kann. Da steigt zur Linken des der Hütte gerade gegenüber mündenden
Kamnitztals das mächtige buchengeschmückte Basaltmassiv des Großen
Winterbergs auf, an den sich im Norden die hier mehr wuchtig als
grotesk wirkenden Schrammsteine, im Süden die Silber- und Flügelwände
am Gabrielensteig anschließen. Im Süden aber erheben sich die ganz
anders gearteten Gipfel der böhmischen Basalt- und Klingsteinvulkane,
deren heitere Formenwelt den italienkranken Ludwig Richter von seiner
Sehnsucht nach den Albaner Bergen zu heilen vermochte.
[Illustration: Abb. 2 =Naturfreundehaus am Zirkelstein= (Rückansicht)]
Infolge dieser glücklichen Lage kann die Hütte wochenlang als
Stützpunkt für die verschiedensten Wanderungen dienen. Aber sie
ermöglicht es auch, das Haus jedesmal auf einem anderen und
andersgearteten Wege zu erreichen. Selbst der Aufstieg von der nur
zwanzig Minuten entfernten Bahnstation Schöna bietet eine Fülle
von prächtigen Eindrücken. Nach wenigen Schritten von der zum Dorf
Schöna führenden Straße abbiegend steigen wir in einer Schlucht
aufwärts, von der immer neue Blicke sich öffnen auf die Klamm des
Kamnitzbaches, das in ihr liegende Herrnskretschen und den Elbspiegel.
Am Ende der Schlucht bringt uns ein scharfer Geländeknick an den
Hang eines diluvialen Elbtals, bis endlich bei einem neuen Wechsel
der Neigung der Blick auf den Zirkelstein und die Hütte mit ihrem
hellen Sandsteinunterbau, der warmen Holzverschalung und dem roten
Ziegeldach fällt. Aber nicht minder reizvoll ist der Weg von der
Station Schmilka über das Waldhufendorf Schöna an der Kaiserkrone
vorüber und durch die Schönaer Felder um den Zirkelstein herum,
dessen Besteigung sich trotz seiner geringen Höhe ebenso lohnt wie
der seiner dreizackigen Nachbarin. Noch schöner ist’s, wenn man die
Hütte als Ziel einer Tageswanderung auf den Tagesplan setzen kann.
Wer die belebten Gegenden nicht missen möchte, wandert von Königstein
über Gohrisch und die dahinter gelegene Felsenregion (Papststein,
Gohrisch, Kleinhennersdorfer Stein) nach dem hübschen Dörfchen, nach
dem der letztere genannt ist, besucht von hier aus die idyllische
Liethenmühle oder den aus der Mode gekommenen Kohlbornstein und
erreicht dann Schöna über den Wolfsberg oder das langhingezogene und
trotzdem durchaus nicht langweilige Reinhardsdorf. Ich bin im letzten
Winter diesen Weg auch einmal mit Schneeschuhen gefahren und dabei auf
meine Rechnung gekommen, zumal er eine Reihe für bescheidene Gemüter
sehr reizvoller Abfahrten einschließt. Wie schön ist ferner der Weg
durchs Krippental oder über die Lasensteine zur Rölligmühle und von
dort über den Kleinen nach dem Großen Zschirnstein, dem höchsten Berge
der eigentlichen Sächsischen Schweiz, dessen Aussicht schon Schiffner
1840 mit folgenden Worten rühmt: »Im Norden ist die Aussicht durch
den Berg selbst unterbrochen, übrigens aber ein Panorama vom höchsten
Reichtum und wahrer Großartigkeit, so daß es, abgesehen von der
hier mangelnden Elbe, jenem des Winterbergs mindestens gleichsteht.
Insbesondere stellt das Niederland sich hier deutlicher, der sichtbare
Teil Böhmens schöner dar, und das Riesengebirge zeigt hier mehr Höhen
als dort, unter welche jedoch nur der Irrtum auch die Schneekoppe
gebracht hat.« Recht niedlich und glücklicherweise auch für andere noch
nicht von den üblen Zeitgenossen entdeckte Aussichtspunkte passend
ist der Satz, den er seiner Panoramabeschreibung hinzufügt: »Obwohl
nun der Berg bequem zu besteigen ist, so geschieht dies seitens der
Schweizreisenden sehr selten, weil es diesem Panorama nicht nur
an Wasser, sondern auch an Bier und Schnaps fehlt.« Materialisten
seien trotzdem darauf aufmerksam gemacht, daß bei meiner letzten
Klassenwanderung nach dem Naturfreundehaus meine Wandergefährten (ich
selbst bin auf diesem Gebiet etwas unbegabt) so viele Maronenpilze auf
dem Zschirnsteinplateau fanden, daß wir uns abends in der Hütte ein
opulentes Mahl bereiten konnten, bei dem alle satt wurden, und wir
außerdem noch einen Rucksack voll mit nach Dresden brachten. – Selbst
auf die Gefahr hin, daß ich einen oder den andern Leser das nächste Mal
auf einem meiner Lieblingsspaziergänge treffe, will ich hier noch auf
zwei schöne Wege hinweisen, die in Verbindung mit den Anmarschwegen
zum Zirkelstein bequem mitzunehmen sind. Der eine ist der Rundgang um
den Kleinen Zirkelstein, der nicht nur wieder eine ganz entzückende
Aussicht besonders nach dem Erzgebirge zu bietet, sondern vor allem
die Verwitterungserscheinungen des Sandsteins in unübertrefflicher
Weise zeigt. Die Zerfressenheit der Wände durch Alaunausblühungen mag
mit dazu beitragen, daß man hier im Spätwinter Eisgebilde schauen
kann, wie man sie in solcher Schönheit nur an einzelnen Stellen im
Polenztalgebiet wiederfindet. Der andre schöne Zugangsweg ist der
Grenzweg von Rosenthal nach Schöna. Wer das Bedürfnis hat, einmal
stundenlang auf einsamen Waldwegen zu wandern, auf denen er höchstens
hier und da einen stillen Teich oder ein klares an bemooster Felswand
hinfließendes Wässerlein trifft, dem ist dieser Weg aufs wärmste
zu empfehlen. Allerdings kann die Einsamkeit auch ihre Nachteile
haben. Wenigstens hätten wir sonst etwas darum gegeben, wenn nach dem
Schneefall am Ende des alten Jahrs auch nur ein Skiläufer vor uns diese
Strecke schon gefahren wäre. Dann hätten wir nicht von zwei bis gegen
sieben Uhr Schneepflug spielen und die schönsten Abfahrten tränenden
Auges unsre Bretter hinabschieben müssen.
[Illustration: Abb. 3 =Naturfreundehaus am Zirkelstein= (Saal)]
Doch die Zugangswege zur Hütte haben uns recht weit von ihr weg
geführt. Wir kehren also zum Zirkelstein und dem an seinem Fuße sich
ausbreitenden auch den Naturfreunden gehörigen Wald zurück, der an
drei Seiten das Haus umgibt. Durch die Eingangspforte treten wir
zunächst in einen Vorraum ein, der zum Waschen und für die Kleider
dient. Von dort gelangen wir in den geräumigen Vorsaal, von dem aus es
links in die Küche geht, wo der Hüttenwart und seine bessere Hälfte
ihres Amtes warten, obwohl ihnen das, wenn gleichzeitig ein Dutzend
andre Parteien sich um den mit allerhand Töpfen besetzten Herd drängen,
nicht immer leicht gemacht wird. Trotzdem ist’s auf der Wandbank
hinter dem großen Tisch außerordentlich gemütlich. Das wissen andre
Leute leider auch, und so bleibt meist nichts weiter übrig, als uns
in das kleine Zimmer zurückzuziehen, das ihm gegenüberliegt und mit
schönen Steindrucken und einer ausgezeichneten Bücherei geschmückt
ist. Das Muster eines ländlichen Festsaals stellt der große Raum
dar, der das Haus nach Osten zu abschließt. Mit kräftigen Farben und
lustigen Sprüchen sind die Balken und Wandverkleidungen bedeckt, ohne
irgendwie in altdeutschen Stil zu verfallen. Der schönste Schmuck
des Saals ist aber zweifellos der Ofen, ein gemütvolles Ungetüm, zu
dem man schwer seinesgleichen finden dürfte. Aus diesem Saal treten
wir hinaus auf eine von Quadersteinen eingefaßte Plattform, wo sich
an Ferien- und Sonntagabenden ein fröhliches Leben bei Gesang und
Gitarrenklang abspielt. Wer aber die Jugend bei Tanz und Spiel sehen
will, der muß auf die große Wiese am Westrand des Wäldchens gehen, die
statt der üblichen Ballsaaldekoration die beiden Zschirnsteine und die
untergehende Sonne als nie veraltenden Bühnenschmuck besitzt. Im ersten
Stock liegen die Einzelzimmer und zwei Schlafsäle, in denen man vom
Bett aus den Sonnenaufgang zwischen Kaltenberg und Rosenberg bewundern
kann. Mehr ist von einer Sommerfrische wirklich nicht zu verlangen.
Da auch der gesamte Boden noch voll Betten steht, ist es möglich, bis
an zweihundert Menschen in diesem schönen Hause, das auch elektrisches
Licht und Wasserleitung besitzt, unterzubringen.
[Illustration: Abb. 4 =Blick vom Naturfreundehaus nach Nordosten=
(Winterberg)]
Wenn man bedenkt, daß der größte Teil des Geschaffenen durch den
Idealismus einiger weniger zum Teil in schwierigen Kriegszeiten
entstand, in denen man oft Material und Werkzeug von Schandau bis
hierher tragen und in dem notdürftig überdachten Keller übernachten
mußte, so wird man das Haus mit noch ganz anderen Augen ansehen.
Als Heimatschützler aber wollen wir uns freuen, daß trotz diesen
Schwierigkeiten hier ein Bau entstanden ist, der in die umgebende
Landschaft paßt wie selten einer. Auf vielen Fahrten in einem mehr
als zwanzigjährigen Wanderleben habe ich kaum ein Haus gefunden, das
den Ansprüchen, die man an ein Wander- und Erholungsheim stellen muß,
so entspricht wie das Dresdner Naturfreundehaus. Um so befremdender
wirkt es darum, wenn man immer wieder bekannte Wandrer und Wanderführer
findet, die sonst in der Sächsischen Schweiz und ihren Herbergen aufs
beste Bescheid wissen, die diese Musterhütte nicht kennen. Vielleicht
regen diese Zeilen manchen dazu an, diese Unterlassungssünde wieder gut
zu machen. Den Naturfreunden aber, die zu Ferien- und Feiertagszeiten
hier Freude und Erholung suchen, möge immer Verwirklichung des
verheißungsvollen Worts erblühen, mit dem das am Anfang zitierte
»Hüttenlied« schließt:
Du wirst stets froh und glücklich sein
In unserm Haus am Zirkelstein!
[Illustration: Abb. 5 =Blick vom Naturfreundehaus nach Südosten=
(Kaltenberg, Rosenberg)]