Abb. 99 =Kemnitzbachtal= bei Plauen i. V.]

Anderseits gibt er aber ebensowenig die erforderlichen Erklärungen

dafür, daß genau die gleichen Steinkreuze weit über den geschilderten

Wirkungskreis der Slawenapostel in ganz Europa von Spanien bis zum

Kaukasus, von Norditalien bis in den hohen Norden, ja vielleicht

sogar auf brasilianischem Boden in Südamerika zu finden sind; er gibt

auch keine Deutung für ihre Mannigfaltigkeit an Größe, Alter, Form,

Inschrift und Waffenschmuck, die einen gemeinsamen kirchlichen Ursprung

um 800 nach Christi völlig in Frage stellt. Das Vorhandensein von

mehreren hundert deutscher und slawischer Urkunden aus dem zwölften bis

siebzehnten Jahrhundert läßt dagegen mindestens für einen erheblichen

Teil dieser vermeintlichen »Cyrill- und Methodiussteine« einen weit

späteren und viel weltlicheren Ursprung vermuten.

[Illustration: Abb. 100 =Mügeln= bei Oschatz]

Der orthodoxe Prälat Dr. Přicryl verfällt bei seiner Behandlung

der Steinkreuzfrage also in denselben Fehler, wie der sächsische

evangelische Pfarrer Helbig, der 1906 auf Grund einer engbegrenzten

Kenntnis von etwa hundert sächsischen Steinkreuzen, die Theorie

verfocht, sie als Grenzzeichen kirchlicher Hoheitsgebiete hinzustellen.

Er schwieg sich bis heute über dieselben Fragen aus, an denen die

slawische Heiligenlegende scheitert. Nachdem die Zahl der bekannten

sächsischen Steinkreuze aber durch weitere Forschungen mehr als

verdreifacht ist und noch viele Tausend gleichartiger Denkmäler in

Europa verzeichnet worden sind, ist es mit der einst heißumstrittenen

Grenzzeichentheorie von selber zu Ende gegangen. In ähnlicher Weise

fällt also die Annahme Dr. Přicryls, daß seine fünfzig Kreuze in

Mähren, Böhmen und Sachsen samt und sonders auf Cyrill und Methodius

hinweisen sollen, auch in sich zusammen, falls sich der Verfasser nicht

mit den übrigen europäischen und überseeischen Funden und mit den

widersprechenden urkundlichen Belegen in wissenschaftlich einwandfreier

Weise auseinandersetzt.

[Illustration: Abb. 101 =Liebstadt=]

Daß die übrige Behandlung der Steinkreuzfunde bei so unsicherer

Grundlage keinen allzugroßen geschichtlichen Wert beanspruchen kann,

mag nach einigen Beispielen beurteilt werden, die ich aus bekannten

sächsischen Gegenden wähle, die aber natürlich auch anderwärts zu

ergänzen wären. So ist folgendes zu lesen, S. 118: »Nach den Denkmalen

zu urteilen, begab sich das heilige Bruderpaar um den Cernoboh über

Löbau nach Bautzen.« – S. 122: »Zwischen Flins bei Bautzen und dem

Heiligen See (Baselitzer Teich) bei Kamenz fand ich zehn Steinkreuze,

die von der liebevollen Aufnahme der heiligen Slawenapostel Zeugnis

ablegen.« – S. 126: »Mit dem Steinkreuz in Arnsdorf und dem Steinkreuz

vor Zittau ist die Rückreise der heiligen Slawenapostel nach Welejrad

angedeutet.« – S. 130: »Steinkreuze bezeichnen den apostolischen Weg

des heiligen Methodius von Lebus nach Dresden.« – Auf diese Weise

würden sich auf der sächsischen Steinkreuzkarte, die meinen ersten

Veröffentlichungen in Heft 6 von 1914 beilag, die verschiedensten

Missionsreisen im Zickzackkurs einzeichnen lassen.

Auch hinter viele Einzelschilderungen von Steinkreuzen muß man bei

näherer Prüfung ein großes Fragezeichen machen, denn neben erweislich

unrichtigen Angaben wird manche Sage als geschichtliche Wahrheit

aufgetischt, wenn sie sich dazu eignet, die »beiden Zierden der

Menschheit« als Heidenbekehrer zu verherrlichen oder den Ruhm des

Slawentums im allgemeinen zu mehren.

Nach alledem möchte ich mein Urteil über das Přicrylsche Buch, soweit

es die Steinkreuzforschung betrifft, dahin zusammenfassen, daß es

uns mit einigen Dutzend neuer mährischer Standorte – ohne nähere

Beschreibung der Kreuze – flüchtig bekannt macht, an der Lösung des

Steinkreuzproblems aber genau in dem Maße irreführend und verwirrend

beteiligt ist, wie seinerzeit die Helbigschen Aufsätze.

Wenn man diese literarischen Veröffentlichungen des letzten Jahrzehntes

also nochmals überblickt, so läßt sich zwar erfreulicherweise eine

wachsende Tätigkeit bei der örtlichen Aufsuchung der Steinkreuze

feststellen, von nennenswerten Fortschritten bei der wissenschaftlichen

Forschung und Deutung, ist mir aber nichts zur Kenntnis gekommen.

Für die allgemeinere volkstümliche Ausbreitung des Interesses an der

alten germanischen Sitte, erschien es mir schließlich schon früher

bemerkenswert, daß das Steinkreuz in der darstellenden Kunst und der

Literatur vielfach als charakteristisches Begleitstück deutscher

Landschaft in phantasievoller Weise erwähnt oder abgebildet wird. Zu

den damals erwähnten Proben (vgl. Bd. VI, Heft 11, Seite 299 und Abb.

77 aus Kaulbachs Reineke Fuchs) ließe sich eine lange Reihe weiterer

Beispiele bis herauf zu Liliencron und Löns anführen.

Wichtiger als die einzelne Aufzählung solch dichterischer oder

künstlerischer Verwertung aus neuer Zeit, erscheint mir aber die

dauernde Ergänzung der alten Urkundsverzeichnisse, soweit sie

sächsische Ortschaften betreffen. Neben den von Meiche wiedergegebenen,

aus Leipzig usw., seien deshalb zwei unbekannte aus dem westlichen

Erzgebirge genannt, die 1487 in _Zwickau_ und 1490 in _Schneeberg_

das Setzen eines Steinkreuzes als Totschlagsühne verlangen und in

Herzogs Chronik von Zwickau 1845, II. Teil, S. 149, sowie in Christian

Meltzers Stadt- und Bergchronik von Schneeberg, 1716, S. 1166,

abgedruckt sind. Im weiteren Verlauf der Forschung wird sich auch

für solche Sühneverträge oder Wahrsprüche, die von mir bereits 1914

aufgezählt wurden, eine Fortsetzung der listenmäßigen Zusammenstellung

nützlich erweisen, damit die urkundliche Seite der Sache zu den

Funden an Ort und Stelle in bestimmte Beziehung gebracht werden kann.

Wenn der Sühnegedanke wohl auch nicht der Ursprung und der alleinige

Zweck der gesamten Steinkreuzsitte gewesen ist, so dürfte er doch

fast ein halbes Jahrtausend lang und bis zum Ausgang der Sache am

Anfang des achtzehnten Jahrhunderts den Hauptgrund für die Errichtung

der überwiegenden Mehrzahl abgegeben haben. Ich bitte also bei

archivalischen Studien nebenbei auf solche Gerichtsurteile weltlicher

oder geistlicher Stühle, auf Wahrsprüche städtischer oder fürstlicher

Machthaber, Sühneverträge und Vergleichsurkunden aller Art zu achten

und mich durch Quellenangabe und Auszüge freundlichst auch auf diese

papiernen Fundstätten aufmerksam zu machen.

Damit schließe ich die textliche Darstellung meiner bisherigen

Forschungen zur sächsischen Steinkreuzkunde; neben weiteren Nachträgen

hoffe ich, meine nach Tausenden zählenden Steinkreuzfeststellungen

im übrigen Europa auch einmal in schriftstellerischer Weise

veröffentlichen zu können.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIII, Heft 7-8 · 第 17 / 61 题