Anderseits gibt er aber ebensowenig die erforderlichen Erklärungen
dafür, daß genau die gleichen Steinkreuze weit über den geschilderten
Wirkungskreis der Slawenapostel in ganz Europa von Spanien bis zum
Kaukasus, von Norditalien bis in den hohen Norden, ja vielleicht
sogar auf brasilianischem Boden in Südamerika zu finden sind; er gibt
auch keine Deutung für ihre Mannigfaltigkeit an Größe, Alter, Form,
Inschrift und Waffenschmuck, die einen gemeinsamen kirchlichen Ursprung
um 800 nach Christi völlig in Frage stellt. Das Vorhandensein von
mehreren hundert deutscher und slawischer Urkunden aus dem zwölften bis
siebzehnten Jahrhundert läßt dagegen mindestens für einen erheblichen
Teil dieser vermeintlichen »Cyrill- und Methodiussteine« einen weit
späteren und viel weltlicheren Ursprung vermuten.
[Illustration: Abb. 100 =Mügeln= bei Oschatz]
Der orthodoxe Prälat Dr. Přicryl verfällt bei seiner Behandlung
der Steinkreuzfrage also in denselben Fehler, wie der sächsische
evangelische Pfarrer Helbig, der 1906 auf Grund einer engbegrenzten
Kenntnis von etwa hundert sächsischen Steinkreuzen, die Theorie
verfocht, sie als Grenzzeichen kirchlicher Hoheitsgebiete hinzustellen.
Er schwieg sich bis heute über dieselben Fragen aus, an denen die
slawische Heiligenlegende scheitert. Nachdem die Zahl der bekannten
sächsischen Steinkreuze aber durch weitere Forschungen mehr als
verdreifacht ist und noch viele Tausend gleichartiger Denkmäler in
Europa verzeichnet worden sind, ist es mit der einst heißumstrittenen
Grenzzeichentheorie von selber zu Ende gegangen. In ähnlicher Weise
fällt also die Annahme Dr. Přicryls, daß seine fünfzig Kreuze in
Mähren, Böhmen und Sachsen samt und sonders auf Cyrill und Methodius
hinweisen sollen, auch in sich zusammen, falls sich der Verfasser nicht
mit den übrigen europäischen und überseeischen Funden und mit den
widersprechenden urkundlichen Belegen in wissenschaftlich einwandfreier
Weise auseinandersetzt.
[Illustration: Abb. 101 =Liebstadt=]
Daß die übrige Behandlung der Steinkreuzfunde bei so unsicherer
Grundlage keinen allzugroßen geschichtlichen Wert beanspruchen kann,
mag nach einigen Beispielen beurteilt werden, die ich aus bekannten
sächsischen Gegenden wähle, die aber natürlich auch anderwärts zu
ergänzen wären. So ist folgendes zu lesen, S. 118: »Nach den Denkmalen
zu urteilen, begab sich das heilige Bruderpaar um den Cernoboh über
Löbau nach Bautzen.« – S. 122: »Zwischen Flins bei Bautzen und dem
Heiligen See (Baselitzer Teich) bei Kamenz fand ich zehn Steinkreuze,
die von der liebevollen Aufnahme der heiligen Slawenapostel Zeugnis
ablegen.« – S. 126: »Mit dem Steinkreuz in Arnsdorf und dem Steinkreuz
vor Zittau ist die Rückreise der heiligen Slawenapostel nach Welejrad
angedeutet.« – S. 130: »Steinkreuze bezeichnen den apostolischen Weg
des heiligen Methodius von Lebus nach Dresden.« – Auf diese Weise
würden sich auf der sächsischen Steinkreuzkarte, die meinen ersten
Veröffentlichungen in Heft 6 von 1914 beilag, die verschiedensten
Missionsreisen im Zickzackkurs einzeichnen lassen.
Auch hinter viele Einzelschilderungen von Steinkreuzen muß man bei
näherer Prüfung ein großes Fragezeichen machen, denn neben erweislich
unrichtigen Angaben wird manche Sage als geschichtliche Wahrheit
aufgetischt, wenn sie sich dazu eignet, die »beiden Zierden der
Menschheit« als Heidenbekehrer zu verherrlichen oder den Ruhm des
Slawentums im allgemeinen zu mehren.
Nach alledem möchte ich mein Urteil über das Přicrylsche Buch, soweit
es die Steinkreuzforschung betrifft, dahin zusammenfassen, daß es
uns mit einigen Dutzend neuer mährischer Standorte – ohne nähere
Beschreibung der Kreuze – flüchtig bekannt macht, an der Lösung des
Steinkreuzproblems aber genau in dem Maße irreführend und verwirrend
beteiligt ist, wie seinerzeit die Helbigschen Aufsätze.
Wenn man diese literarischen Veröffentlichungen des letzten Jahrzehntes
also nochmals überblickt, so läßt sich zwar erfreulicherweise eine
wachsende Tätigkeit bei der örtlichen Aufsuchung der Steinkreuze
feststellen, von nennenswerten Fortschritten bei der wissenschaftlichen
Forschung und Deutung, ist mir aber nichts zur Kenntnis gekommen.
Für die allgemeinere volkstümliche Ausbreitung des Interesses an der
alten germanischen Sitte, erschien es mir schließlich schon früher
bemerkenswert, daß das Steinkreuz in der darstellenden Kunst und der
Literatur vielfach als charakteristisches Begleitstück deutscher
Landschaft in phantasievoller Weise erwähnt oder abgebildet wird. Zu
den damals erwähnten Proben (vgl. Bd. VI, Heft 11, Seite 299 und Abb.
77 aus Kaulbachs Reineke Fuchs) ließe sich eine lange Reihe weiterer
Beispiele bis herauf zu Liliencron und Löns anführen.
Wichtiger als die einzelne Aufzählung solch dichterischer oder
künstlerischer Verwertung aus neuer Zeit, erscheint mir aber die
dauernde Ergänzung der alten Urkundsverzeichnisse, soweit sie
sächsische Ortschaften betreffen. Neben den von Meiche wiedergegebenen,
aus Leipzig usw., seien deshalb zwei unbekannte aus dem westlichen
Erzgebirge genannt, die 1487 in _Zwickau_ und 1490 in _Schneeberg_
das Setzen eines Steinkreuzes als Totschlagsühne verlangen und in
Herzogs Chronik von Zwickau 1845, II. Teil, S. 149, sowie in Christian
Meltzers Stadt- und Bergchronik von Schneeberg, 1716, S. 1166,
abgedruckt sind. Im weiteren Verlauf der Forschung wird sich auch
für solche Sühneverträge oder Wahrsprüche, die von mir bereits 1914
aufgezählt wurden, eine Fortsetzung der listenmäßigen Zusammenstellung
nützlich erweisen, damit die urkundliche Seite der Sache zu den
Funden an Ort und Stelle in bestimmte Beziehung gebracht werden kann.
Wenn der Sühnegedanke wohl auch nicht der Ursprung und der alleinige
Zweck der gesamten Steinkreuzsitte gewesen ist, so dürfte er doch
fast ein halbes Jahrtausend lang und bis zum Ausgang der Sache am
Anfang des achtzehnten Jahrhunderts den Hauptgrund für die Errichtung
der überwiegenden Mehrzahl abgegeben haben. Ich bitte also bei
archivalischen Studien nebenbei auf solche Gerichtsurteile weltlicher
oder geistlicher Stühle, auf Wahrsprüche städtischer oder fürstlicher
Machthaber, Sühneverträge und Vergleichsurkunden aller Art zu achten
und mich durch Quellenangabe und Auszüge freundlichst auch auf diese
papiernen Fundstätten aufmerksam zu machen.
Damit schließe ich die textliche Darstellung meiner bisherigen
Forschungen zur sächsischen Steinkreuzkunde; neben weiteren Nachträgen
hoffe ich, meine nach Tausenden zählenden Steinkreuzfeststellungen
im übrigen Europa auch einmal in schriftstellerischer Weise
veröffentlichen zu können.