Mit Aufnahmen des Verfassers

Not und Drangsal, Unsicherheit und Gewalttat verknüpft sich im

Volksmunde seit Jahrhunderten mit den alten Steinkreuzen.

Sorge und Entbehrung, Zuchtlosigkeit und blutiger Parteizwist lastet

heute wiederum auf dem vom Erbfeind geknechteten Vaterland und rückt

manchmal das Gedenken an mittelalterliche Zustände mit ihren düsteren

Sagen des Mordkreuzproblems vor unsere Augen.

Der frühere lebhafte Meinungsaustausch über Ursprung und Zweck der

Steinkreuze ist fast völlig verstummt. Solch friedliche Forscherarbeit,

wie sie der Dilettant vor dem Kriege nebenbei zur Erholung und Erbauung

treiben konnte, stockt heutzutage schon vor ihrem unerschwinglichen

Geldaufwand für Reisen, Photographien und Briefwechsel und erscheint

auch mit ihrem unproduktiven Müh- und Zeitopfer als unverantwortlicher

Luxus. Aber trotzalledem sollte man versuchen, die begonnenen Studien

fortzusetzen, denn nie sind unscheinbare Zeugnisse grauer Vorzeit mehr

gefährdet, als in jungstürmerischen Wirrnissen.

Als ich hier im Juniheft des Jahrgangs 1914 mit der Veröffentlichung

eines abgeschlossenen Beitrags zur Steinkreuzkunde begann, hatte ich

nach jahrelangen Studien und Wanderfahrten etwa zweihundertdreißig

vorhandene, sowie sechzig verschwundene alte Steinkreuze im Königreich

Sachsen verzeichnet und mindestens ebensoviele in den Nachbargebieten

gleichfalls persönlich besucht und festgestellt. Die Darstellung

beschränkte sich auf die Steine in wirklicher Kreuzform und ließ die

Steinplatten und Findlingsblöcke, die mit ähnlichen Einmeißelungen

versehen sind, außer Betracht[1].

Aus mancherlei Umständen konnte ich schon damals mit ziemlicher

Sicherheit annehmen, daß in jener Zahl zwar noch nicht alle vorhandenen

Steinkreuze Sachsens restlos inbegriffen waren, daß aber doch wohl

ein gewisses Maß von Vollständigkeit bei dieser sächsischen Sammlung

erzielt und keine überraschende Entdeckung mehr zu erwarten sei. Diese

Vermutung hat sich vollauf bestätigt.

In der Folgezeit der Kriegs- und Nachkriegsjahre wurde von ortskundigen

Helfern oder aufmerksamen Wanderern zwar hier und da noch ein

verstecktes oder halbversunkenes Steinkreuz ans Tageslicht gezogen,

insgesamt beschränkt sich die Zahl dieser neuen Funde aber nur auf 29

Stück. Selbst eine amtliche Umfrage, die im Jahre 1916 auf Anregung

des Heimatschutzes durch die Amtshauptmannschaften angestellt wurde,

förderte kaum noch ein halbes Dutzend unbekannter Stücke zu Tage.

Dagegen zeigte sich das allgemeine Interesse an der Sache in einer

reichen Folge von Zuschriften, die mir neben bereits bekannten

Steinkreuzen auch alle möglichen andern alten Steine als Kreuze

bezeichneten. Dies geschah z. B. mit dem ovalen Denkstein von 1817

beim Bahnhof Frankenberg und dem »Schäferkreuz« bei Limbach i. V. Seit

etwa zwei Jahren ist aber auch die Quelle privater Mitteilungen ganz

versiegt.

Ich gehe also wohl nicht fehl, wenn ich behaupte, daß sich heute auf

sächsischem Staatsgebiet kaum noch ein altes Steinkreuz an sichtbarer

Stelle in Dorf oder Stadt, Flur oder Wald befinden dürfte, das in

meinen früheren und heutigen Listen noch nicht verzeichnet steht.

Dagegen wird man nach den Vorgängen der letzten Jahrzehnte auch in

Zukunft bei Aufgrabungen oder Mauerabbruch noch manch verschwundenes

Stück wiederfinden können.

Die Frage ausgegrabener und vergrabener Steinkreuze verdient übrigens

einmal besonderer Prüfung. Vor zehn Jahren wurde das Fischheimer Kreuz

bei Rochlitz (Abb. 78) mitten im Acker in eine mühsam ausgeschachtete

Grube geworfen, weil sich die Bauern stets gar so sehr davor gefürchtet

hatten. Aus Schlesien berichtet Hellmich (Steinerne Zeugen, S. 6), daß

ein ausgegrabenes Kreuz auf Bitten des Besitzers wieder verschüttet

und ein anderes nicht am Zaune geduldet wurde; er folgert daraus,

daß früher des öfteren solche alte Mäler aus Aberglauben verscharrt

worden seien. Prüft man die Umstände nach, unter denen in Sachsen

ganz zufällig bei Tiefbauarbeiten das eine der beiden Löbauer

(Abb. 79) und das Röhrsdorfer Kreuz (Abb. 80) drei Meter unter der

Oberfläche herausgeholt wurden, so gewinnt jene Vermutung sicher an

Wahrscheinlichkeit, denn bis in solche Tiefen hat der Block trotz

seiner Schwere sicherlich nicht von selbst versinken können.

[Illustration: Abb. 78 =Fischheim= bei Wechselburg a. M.]

Das Gesamtergebnis der sächsischen Forschungen nötigt aber auch

immer wieder zu der Erkenntnis, daß das einzelne Stück mit seinen

sagenhaften oder urkundlichen Zusammenhängen keine entscheidende

Bedeutung für die Klärung des Steinkreuzrätsels besitzt, und daß sich

das Steinkreuzproblem unmöglich für ein engbegrenztes neuzeitliches

Staatsgebiet lösen läßt. Nur durch weitere Sammeltätigkeit, die

sich in räumlicher Beziehung über das ganze Verbreitungsgebiet der

Steinkreuze in- und außerhalb Europas, sowie über alle auffindbaren

urkundlichen Erwähnungen erstrecken muß, läßt sich einmal die

Grundlage für eine zweifelsfreie Deutung der ganzen Sitte schaffen.

Diese nahezu unbegrenzte Erweiterung der Aufgabe übersteigt aber den

Verfügungsbereich des einzelnen Dilettanten; da trotzdem eine gewisse

planmäßige Zusammenfassung aller der Kräfte nützlich erscheint, die

an verschiedenen Stellen für die Sache tätig sind, so habe ich

1919 in Anlehnung an das Denkmalarchiv des sächsischen Freistaates

eine _Zentrale für Steinkreuzforschung_ (Dresden-A., Breite Straße

7) ins Leben gerufen, die sich mit der Sammlung der gesamten

Forschungsergebnisse befaßt, Auskünfte erteilt, für die Sammlung oder

Erhaltung der alten Mäler zu wirken sucht und die Unterlagen für

wissenschaftliche Behandlung der Frage zusammenträgt. Trotz der überaus

ungünstigen Zeitverhältnisse ist es mir gelungen, diese Angelegenheit

in Fluß zu bringen und an vielen Stellen das Interesse für jene

seltsamen Erbstücke deutscher Vergangenheit zu wecken, um die sich

die Wissenschaft bisher fast nicht gekümmert hat. Einen ausführlichen

Bericht über den Stand der außersächsischen Forschung werde ich

gelegentlich an anderer Stelle veröffentlichen.

[Illustration: Abb. 79 =Löbau=]

Mit dieser weiteren Ausdehnung der Steinkreuzforschung, bei der

ich bisher nahezu 3000 Standorte in verschiedenen Teilen Europas

karteimäßig verzeichnen konnte und zahlreiches Nachrichtenmaterial

aller Art zusammenbrachte, befestigte sich aber die in der ersten

Schilderung angedeutete Überzeugung[2], daß zu den Steinen in

wirklicher Kreuzesform auch die zahlreichen Steinplatten, Säulen

oder Naturblöcke zu rechnen sind, die nicht nur ähnliche Zeichen

und Inschriften, sowie einen ähnlichen Verwitterungsgrad der alten

Steinmetzarbeit aufweisen, sondern häufig sogar mit den Kreuzen in

Gruppen beieinanderstehen (vgl. z. B. Abb. 1, 2, 5, 6, Bd. II, Heft 6).

[Illustration: Abb. 80 =Röhrsdorf= bei Meißen a. E.]

Wenn ich diese »Kreuzsteine«, die ich in meiner früheren Schilderung

absichtlich nicht aufgenommen, sondern nur mit einigen Bilderbeispielen

(vgl. Abb. 7 und 8) veranschaulicht und erwähnt hatte, auch heute

nochmals übergehe, so bestimmen mich dazu wiederum nur äußerliche

Gründe. Die Erfahrung hat nämlich gelehrt, daß die Erforschung und

Aufzählung solch schlichter uralter Denkmale nur dann auf die nötige

Genauigkeit Anspruch erheben kann, wenn sie ohne jede Ausnahme nach

gleichen Gesichtspunkten und womöglich von derselben Person untersucht,

vermessen und abgebildet werden. Weitaus mehr als die Hälfte aller

Mitteilungen, die ich im Laufe der Jahre über angebliche Standorte,

Formen und Inschriften von steinernen Kreuzen mündlich und schriftlich

erhielt, oder sogar in älteren gedruckten Veröffentlichungen vorfand,

stellten sich bei eigener Besichtigung als fehlerhaft, ungenau,

ja manchmal sogar als freie Erfindung oder Verwechselung heraus.

Infolgedessen nahm ich in mein früheres Verzeichnis nur selbstbesuchte

und selbstphotographierte Standorte auf und unterschied diese auch

außerhalb Sachsens auf der beigefügten Karte von 1914 schon durch die

Zeichnung.

Wenn diese Unzuverlässigkeit der fremden Beobachtung sich bereits

bei der ausgeprägten Kreuzgestalt geltend macht, so wäre sie um so

mehr bei Steinen zu befürchten, die ohne bestimmte allgemeine Form

und ohne genau erkennbare Merkmale draußen in der Natur stehen und

die Verwechselung mit alten und neueren Denkzeichen, Grenzmarken,

Rainsteinen usw. selbst für den Kenner oft recht nahelegen. Nicht

immer hat nämlich eine behauene und herbeigefahrene Platte aus

benachbarten Steinbrüchen als Werkstück für das Gedächtnismal gedient

und noch weniger hält sich das eingemeißelte Bild oder die Jahreszahl

und Inschrift immer in regelrechten handwerklichen Formen, wie sie

z. B. der schöne Kreuzstein mit dem Ordensritterkreuz am Kirchweg

Königsbrück–Gräfenhain vor dem Steinbruch Jenichen aufweist. (Abb.

81.) Oft vielmehr ist, wie bei Gränze (Abb. 7 von 1914) nur ein roher

Findlingsblock der Flur durch ein paar grobe eingehauene Striche

hergerichtet worden; gelegentlich sparten sich die alten Denkmalstifter

sogar das Herbeischaffen jedes Blockes, und versahen das anstehende

Gestein an einer senkrechten Wand oder sonst auf einem auffälligen

Felsgebilde mit irgendeinem Kennzeichen, das demselben Zwecke diente,

wie anderwärts die Steinkreuze. Urkundliche Nachweise über den Grund

der Einmeißelungen fehlen hier natürlich gleichfalls und somit

erscheint ein wirklicher Beweis für den Zusammenhang solcher Stücke

mit der Steinkreuzsymbolik im allgemeinen vollständig ausgeschlossen.

Höchstens im Einzelfall läßt sich aus der Form der Abbildung, aus ihrem

Alter und Verwitterungsgrad oder aus der räumlichen Vereinigung mit

eigentlichen Steinkreuzen auf gleichen Ursprung schließen. Da ich bei

früheren Kreuzfahrten auch schon auf diese Kreuzsteine mit geachtet und

zahlreiches Material zusammengebracht habe, so werde ich vielleicht

später für den sächsischen Bereich eine besondere Liste aufstellen

können. Anderwärts, wo sorgfältig bearbeitete Platten, Steinsäulen und

Radsteine fast ausschließlich an Stelle des Kreuzes vorkommen, wie in

manchen Teilen Norddeutschlands, in Böhmen, in Mähren usw., wurden sie

ohnehin schon zum einheitlichen Bestand gezählt und verzeichnet.

[Illustration: Abb. 81 =Gräfenhain= bei Königsbrück]

Dem heutigen ersten Nachtrag, den ich meiner Arbeit zur sächsischen

Steinkreuzforschung folgen lasse, füge ich Listen über Nachträge,

Veränderungen und Neuentdeckungen in gleicher Einteilung und Zählung

bei, wie sie 1914 begonnen wurden. Auf verschiedene Anregungen hin

habe ich auch ein alphabetisches Verzeichnis aller photographischen

Abbildungen des vorliegenden und der früheren drei Hefte bearbeitet,

um die Benutzung der Bildersammlung von hunderteins Nummern zu

erleichtern. Während ich früher ausschließlich eigene photographische

Aufnahmen der Größe 13 × 18 Zentimeter als Vorlagen liefern konnte,

habe ich neuerdings bei entlegenen Fundorten auch einige fremde

Bilder verwenden müssen. Den drei Urhebern sage ich auch hierdurch

verbindlichsten Dank.

[Illustration: Abb. 82 =Böhla= bei Großenhain]

Das Interesse an den alten Steinkreuzen, das ich seit Jahren mit meinen

Schilderungen zu wecken versuche, hat sich bis heutigen Tages nicht

allein in vielen hunderten von persönlichen Anfragen und Zuschriften,

sondern häufig auch durch die freiwillige Fürsorge für gefährdete

Stücke geltend gemacht. So haben mancherorts heimatliebende Männer

persönlich zu Hacke und Spaten gegriffen, um nach vorheriger Anfrage

versunkene Steine zu heben und sachgemäß wieder aufzustellen. Das

vielfach versetzte Steinkreuz mit der Armbrust am Bahnhof Weißig bei

Dresden hat einen malerischen Platz unter den alten Linden auf der

nördlichen Straßenseite erhalten. Das schwere Kreuz von Gorknitz bei

Pirna, Nr. 66 (Abb. 55 und Abb. 83), das bis an die Arme versunken war,

ist herausgeholt[3] und das Oberauer eiserne Kreuz Nr. 153 (Abb. 75

und 84) an gesicherterem Platz in höherer Gestalt wieder aufgestellt

worden. Das Gröbaer ist aus dem Gutshof nach der Friedhofsmauer

gewandert, in Liebstadt wurden die beiden Kreuze wieder ordentlich

befestigt (Abb. 101), in Mügeln auf dem Friedhof erhielt das Kreuz

einen neuen Platz (Abb. 100), in Auerbach i. V. ließ der Bürgermeister

die beiden vermauerten Stücke (Nr. 3) aus der Ufermauer des

Göltzschbachs herausnehmen und zu den beiden andern nach dem Stadtpark

bringen, das Crostwitzer Kreuz Nr. 34 erhielt einen anderen Platz

(Abb. 85) und schließlich hat man im Herbst vorigen Jahres auch das

Fischheimer Porphyrmal wieder zutage befördert, das 1911 in etwas

tragikomischer Weise auf dem Acker begraben worden war (Abb. 78).

[Illustration: Abb. 83 =Gorknitz= bei Pirna (Vgl. Abb. 55)]

Einen besonderen Einblick in die Bedeutung der allgemeinen

Volkserinnerung gewährt der Fund von Bockwen. Schon 1919 erhielt

ich die Mitteilung, daß am Nordrand der Straße Bockwen–Reichenbach

bei Meißen ein versunkenes Kreuz liege. Bei eigener Besichtigung

fand ich aber nur einen Stein, der wenige Fingerbreit aus dem Boden

herausragte; abgerundet und verwittert aussah, und nicht im geringsten

auf eine besondere Gestaltung unter der Erde schließen ließ. Ein

paar Jahre später wurde ich eingeladen, der Ausgrabung des »Kreuzes«

beizuwohnen und tatsächlich kam aus dem gewachsenen Lehmboden nach

mehrsonntäglicher harter Arbeit das stattliche alte Mal wieder zu Tage.

(Abb. 86.) Jahrhunderte mögen vergangen sein, ehe der schwere Block

auf der »Kreuzwiese« am Rande der alten Straße in den festen Grund

einsinken konnte und sicherlich ist der Querbalken, über dem bereits

wieder Erde und Rasendecke lagerte, auch schon vor vielen Jahrzehnten

von der Oberfläche verschwunden gewesen. Trotzdem war die Kunde von dem

Kreuz im Volksgedächtnis mit solcher Sicherheit erhalten geblieben, daß

eine Gruppe jugendlicher Helfer planmäßig mit Schanzzeug von Dresden

und Meißen auszog, um den versunkenen Stein zu heben.

Als Gegenstück hierzu und als Beispiel eines verächtlichen

Bubenstreichs schlimmster Sorte sei das schöne Steinkreuz im Großen

Garten zu Dresden erwähnt, das seit undenklichen Zeiten schräg

über eine steinerne Walze gelehnt am Wege lag (Nr. 45, Abb. 22);

im August 1920 ist es nächtlicherweile zerschlagen worden. Die

staatliche Gartenverwaltung hat zwar die Trümmer sorgfältig mit Zement

zusammengeflickt, das ganze Kreuz aber aus Besorgnis vor neuen Roheiten

flach auf den Boden gelegt, so daß es jetzt einen höchst kümmerlichen

Eindruck macht.

[Illustration: Abb. 84 =Oberau= bei Meißen a. E. (vgl. Abb. 75)]

Zu den neuen Funden sei im allgemeinen bemerkt, daß keines der

Stücke irgendwie aus dem Rahmen des früher festgestellten Bestandes

herausfällt. In Form und Größe, Alter und Zeichnung, Standort und

Gesteinsart begegnen uns auch hier die gewohnten Eigenschaften (vgl.

Nr. 77, Abb. 4), insbesondere ist weder ein zweiter Radkreuzstein noch

sonst ein künstlerisch verziertes (vgl. Nr. 131, Abb. 2) oder ein

ungewöhnlich großes Stück (vgl. Nr. 88 des Verzeichnisses von 1914)

dazugekommen.

[Illustration: Abb. 85 =Crostwitz= bei Kamenz]

Von Kreuzen, die mir früher entgangen waren, steht das eine am Friedhof

zu _Röhrsdorf_ bei Meißen im waldigen Talgehänge. (Abb. 80.) Es ist

1896 an der Kreuzung der Dorfstraße und des Neustadt-Klipphausener

Weges drei Meter tief im Boden gefunden worden, als der Fleischer

Lindner einen Abfluß für sein Schlachthaus anlegte. Ein anderes in

Form des Antoniuskreuzes steht vor dem Gute Nr. 28 in _Schrebitz_ bei

Mügeln, Bezirk Leipzig. (Abb. 87.)

[Illustration: Abb. 86 =Bockwen= bei Meißen a. E.]

Zu den neugemeldeten Funden zählt ferner ein kleines Steinkreuz im

_Pfarrgarten zu Wehlen a. E._, das vor etwa zwanzig Jahren an der alten

abgebrochenen Kirche beim Umpflastern des Hofes aufgefunden worden ist

und unbeachtet dort lehnte. (Abb. 88.) Gleichfalls persönlich konnte

ich mich vom Vorhandensein eines Steines in Gestalt des eisernen

Kreuzes am obersten Ende von _Porschdorf bei Bad Schandau_ überzeugen

(Abb. 89) und ebenso das im Acker ausgegrabene große Kreuz an der

alten Dresdner Landstraße beim Elbtalwerk _Pirna_ photographieren.

Das letztere ist von sachverständiger Hand mit einem neuen Unterbau

ausgestattet worden, da er abgebrochen und nicht mit zu finden

war. (Abb. 90.) In _Löbau_ fand sich bei Aufgrabungen an der alten

Kittlitzer Landstraße in drei Meter Tiefe ein wohlerhaltenes Steinkreuz

und erhielt vom Stadtrat einen Platz am Schnittpunkt der Ziegel- und

Mücklichstraße. (Abb. 79.)

[Illustration: Abb. 87 =Schrebitz= bei Mügeln]

Ausführliche Meldungen erhielt ich vom »Beatenkreuz« im _Thümmlitzwald

bei Leisnig_ und konnte mich später selbst von seinem guten

Erhaltungszustand überzeugen. (Abb. 91.)

[Illustration: Abb. 88 Stadt Wehlen]

Ein weiteres Waldkreuz, dessen Inschrift nur zum Teil lesbar erhalten

ist, hatte sich bisher auf Forstabteilung 48 des _Grillenburger

Forstes_ unweit der großen Waldwiese der Entdeckung entzogen und wurde

mir 1920 von der Forstverwaltung gemeldet. (Abb. 95 und 96.)

[Illustration: Abb. 89 =Porschdorf= bei Bad Schandau a. E.]

Auf eigentümliche Weise habe ich den Anstoß zur Entdeckung eines

Kreuzes in _Markranstädt_ gegeben. Beim planmäßigen Durchsuchen alter

Karten und Bildersammlungen fand ich auf der Dresdner Stadtbibliothek

in Wilhelm Dilichs »Federzeichnungen Kurfürstlicher und Meißnischer

Ortschaften aus den Jahren 1626 bis 1629« Bd. III, Bl. 28 auf einer

Ansicht von »Ranstädt« im Vordergrund außerhalb der Stadt ein

unverkennbares Steinkreuz mit der Bemerkung: »Steinkreuz von Georg

dem Bärtigen errichtet«. Nach der Lage von Kirche und Rathausgiebel

ließ sich der Standort noch heute ziemlich genau bestimmen und so

bat ich den Stadtrat um Nachforschungen. Während die Stadtakten und

Kirchenbücher keine Auskunft bieten, fand sich das Steinkreuz selbst

überraschenderweise noch wohlerhalten vor; es war lediglich bei

einer Wegverbreiterung vom Feldweg nach Schkeitbar weggenommen und

in den Vorgarten eines Anliegers gesetzt worden. Da die städtischen

Bausachverständigen hierdurch auf solche Altertümer aufmerksam geworden

waren, entdeckten sie bald darauf an anderer Stelle der Stadt noch ein

zweites Kreuz.

[Illustration: Abb. 90 =Pirna a. E.= (Unterteil ergänzt)]

Mit weniger Glück folgte ich einer ähnlichen literarischen Spur in

Krimmitschau, wo eine ältere Generalstabskarte von 1880 östlich der

Stadt am Weg nach Lauenhain die Einzeichnung »Das Wetterkreuz« trägt.

Die Kirchenchronik enthält nichts darüber und auch die Suche am Ort

1919 war vergeblich.

[Illustration: Abb. 91 =Thümmlitzwald= bei Leisnig »=Beatenkreuz=«]

In einer Provinzzeitung fand ich 1921 die Meldung, daß der unermüdliche

Heimatforscher Professor Pfau im _Rochlitzer Schloßmuseum_ zwei weitere

Porphyrkreuze geborgen habe, die am eigenen Ort nicht mehr aufzustellen

waren; auch im Hof des alten Franziskanerklosters zu _Meißen_ a. E.

wurde mir ein eingelagertes Kreuz von überraschender Größe und völlig

unversehrter Erhaltung nachgewiesen. (Abb. 92.)

[Illustration: Abb. 92 =Meißen a. E.=]

Im Vogtland, wo schon vor Jahrzehnten der verstorbene Steuerrat Trauer

besonders eifrige Nachforschungen gehalten und der Vogtländische

Anzeiger in Plauen wiederholt längere Beiträge zur Steinkreuzkunde

veröffentlicht hatte, wurden seit 1914 noch verschiedene Steinkreuze

an offener Straße, darunter in _Gospersgrün_, _Kemnitzbachtal_ und

_Kürbitz_ neu festgestellt. (Abb. 98 und 99.) Das letztere, das an der

Außenseite der Friedhofsmauer eingesetzt war (Abb. 97), ist übrigens

im Jahre 1923 bedauerlicherweise bei Bauarbeiten völlig verschüttet

worden. Ältere literarische Nachrichten sind dazu nirgends vorhanden

und nur bei den zwei Gospersgrünern geht die Sage vom gegenseitigen

Umbringen zweier Fleischerburschen. Bemerken möchte ich übrigens, daß

das sogenannte Schäferkreuz bei Limbach i. V. und das Denkmal an der

»Schwarzen Tafel« bei Reichenbach i. V. keine Kreuzesform besitzen und

von mir deshalb nicht aufgenommen wurden.

Soweit es mir meine beengten persönlichen Verhältnisse erlaubten,

habe ich auch diese neuen Funde – ähnlich wie alle zweihundertsechzig

älteren Standorte – selbst besucht und photographiert. Nur bei einigen

Stücken im Vogtland und bei Annaberg, von denen ich glaubhafte Kenntnis

erhielt, bitte ich andere wanderfreudige Helfer um Nachprüfung und

Ergänzung der heutigen Listen nach Gesteinart, Größe, Inschrift und

genauem Standort. Anderseits habe ich andere Stücke, die mir ohne jede

nähere Bezeichnung nur flüchtig genannt wurden, wie ein Kreuz »beim

Harrachsfelsen« bei Braunsdorf und ein Kreuz »in Reuth« bei Plauen

i. V., im Interesse der Genauigkeit noch gar nicht ins Verzeichnis

aufgenommen, sondern bemühe mich erst, sicheres über ihr Vorhandensein

und Aussehen zu erfahren. Die Heimatfreunde jener Gegenden ersuche ich

also freundlichst um Unterstützung und Benachrichtigung durch Schrift

und Bild.

An _literarischen Funden_ ist für den sächsischen Bereich eine

Reihe von Sühne-Urkunden nachzutragen, die Professor Dr. Meiche bei

Besprechung meiner Arbeit von 1914 im Neuen Archiv für Sächsische

Geschichte und Altertumskunde, Bd. XL, Heft 1/2, S. 189 ff. abgedruckt

hat. Darin wird unter anderem ein Totschlag auf dem Tharandter Walde

erwähnt, bei dem Jocuff Fritzsch den Greger Gunter von Naundorf im

Jahre 1492 erschlagen hat. Da Meiche die Urkunde und das verordnete

Sühnekreuz am Tatort mit einem der vorhandenen Steinmäler in Verbindung

zu bringen sucht, so sei bemerkt, daß »Angermanns Kreuz« auf Forstort

35 des Naundorfer Reviers überhaupt keine Inschriftspur, sondern einen

doppelten Kreis und darüber die Zeichnung eines Spitzhammers trägt,

dagegen hängt vielleicht das neuentdeckte verstümmelte Stück an der

großen Grillenburger Waldlichtung auf Forstabteilung 48, das Meiche

noch nicht kannte (Abb. 95 u. 96), mit jener Tat zusammen. Es ist auf

der Südseite ganz mit leidlich lesbarer Schrift bedeckt, nur fehlen

davon an den abgestoßenen Kanten des Querbalkens rechts und links

stets mehrere Buchstaben. Bei verschiedenem Sonnenstand konnte ich am

Standorte selbst und später vor allen Dingen durch genaue Betrachtung

meines Negatives 13 × 18 Zentimeter, das erfahrungsgemäß eine bessere

Entzifferung gewährt, als jede positive Papierkopie, folgendes

Schriftbild zusammenstellen:

1|5|9|2|

–––––––-

~GE EGIDII IST G

ITZSCH VON N

EIG⅁EM ALLHIER E

SSEN WORDEN

VASS VIGOTA~

–––––––-

~PAETZERPIE

IZSCH VND

HANS GVT

KEES HABEN

DIS CREVTZ

MAAL AVF~

–––

Die vier großen Zeilen, die durch Horizontallinien von den übrigen

getrennt sind, haben sich beiderseits noch auf die stark verstümmelten

Kreuzesarme hinauserstreckt, sind aber bis auf den dritten Buchstaben

der dritten Zeile, der ein ~D~ oder ein verkehrtes ~G~ oder ~C~

darstellen soll, ganz tadellos erhalten. Dagegen erscheint die

Inschrift am Kreuzfuß unter dem zweiten Horizontalstrich stärker

verwittert. Wahrscheinlich ist das Kreuz jahrhundertelang, wie manches

andere, bis zum Querbalken im Waldboden versunken und dem zerstörenden

Einfluß der Feuchtigkeit dadurch am Unterteil stärker ausgesetzt

gewesen. Seltsamerweise erscheinen aber innerhalb der zwei Querlinien

unter und zwischen den deutlich dastehenden vier Zeilen noch Spuren

einer nahezu verwischten Schrift von halber Buchstabengröße, so daß

man vielleicht annehmen muß, eine ältere wortreichere Inschrift sei

später durch eine größere überdeckt worden. Da die Jahreszahl 1592

zweifelsfrei lesbar ist, so kann also dieses Kreuz oder wenigstens

seine jüngere Inschrift mit der Untat von 1492 nicht in Zusammenhang

stehen, wiewohl der Name Fritsch, wenn auch mit verwechselter Rolle,

hier wiederum vorkommt.

Gleichfalls Dr. Meiches Forschungen im Dresdner Hauptstaatsarchiv

verdanke ich die Bemerkung, daß das Kreuz von Boritz (Nr. 16) schon

1540 urkundlich erwähnt wird. Bei der Kirche wurden nämlich »Zinsen vom

Feld unter dem steinernen Kreutz« vereinnahmt[4].

Auch über einige _verschwundene Kreuze_ ließen sich noch nachträgliche

Feststellungen gewinnen. Wie mir der Bürgermeister Hackebeil von

_Gottleuba_ mitteilte, hat er zufällig in alten Akten vom Jahre 1500

gelesen, daß ein Steinkreuz am Hellendorfer Weg einem Bauer als

Schleifstein verkauft worden sei. Das fünfte der _Königsbrücker_

Kreuze, das bereits zu Beginn der Steinkreuzforschung um 1890 mit

verzeichnet wurde, soll mündlicher Auskunft zufolge im Jahre 1908 beim

Bau eines Schuppens am Krankenhaus mit vermauert worden sein.

[Illustration: Abb. 93 =Dippoldiswalder Heide=]

Das verschwundene _Riesaer Kreuz_ Nr. 54 endlich findet sich auf einer

im Heimatmuseum Riesa aufbewahrten Zeichnung des Rektors Bamann von

1866 abgebildet; es stand an der Ecke der Poppitzer Straße auf dem

Platze des heutigen Restaurants »Stadt Freiberg« und ist seit längerer

Zeit verlorengegangen[5].

Mit diesen Bemerkungen sei die Reihe der tatsächlichen Aufzeichnungen

geschlossen und im übrigen auf die anhängenden Verzeichnisse I ~a~, ~b~

und II verwiesen, in denen ich die Ergänzungen zu meinen Listen von

1914 sowie neue Funde zusammengestellt habe.

An _literarischen Arbeiten_ ist mir in letzten Jahren nur wenig Neues

über den sächsischen Steinkreuzbestand oder über allgemeine Fragen

des Steinkreuzproblems zu Gesicht gekommen. Zahlreicher dagegen waren

Einzelforschungen aus anderen deutschen Gauen, so daß ich einige davon

als vorbildlich mit im Literaturverzeichnis III erwähnen möchte,

zumal sie natürlich auch über Zweck und Ursprung stets eine Reihe von

allgemeinen Betrachtungen enthalten.

Einen Beitrag zur badischen Steinkreuzforschung aus der Feder von Max

Walter, Ernsttal, brachten im vorigen Jahre die Heimatblätter »Vom

Bodensee zum Main[6]«. Der Verfasser geht, ebenso wie ich, von der

Ansicht aus, daß eine Klärung des Steinkreuzproblems erst möglich

ist, wenn durch örtliche Vorarbeiten möglichst alle Fundstellen nach

Zahl, Standort, Form, Gestein, Sage und Literatur festgestellt sein

werden. Demgemäß behandelt er das Gebiet des hinteren Odenwalds, jener

Dreiländerecke, die seit etwa hundert Jahren politisch zu Baden, Hessen

und Bayern gehörte und vorher kurmainzisch war. Nicht weniger als

dreiundsechzig vorhandene und fünfzehn verschwundene Steinkreuze lassen

sich hier auf verhältnismäßig kleinem Raum feststellen. Auffällig

erscheinen die Versuche zu künstlerischer Formgebung und die häufige

Ausstattung dieser Steine mit figürlichen Zeichnungen und Inschriften,

die zum Teil auf späte Entstehung bis ins achtzehnte Jahrhundert

verweisen.

[Illustration: Abb. 94 =Rathendorf= bei Penig]

Bei den ausführlichen Deutungsversuchen lehnt Walter, genau wie ich

es für Sachsen getan habe, die Annahme von Grenz- und Hoheitszeichen

auch auf Grund der dortigen Befunde rundweg ab; ebenso erscheint

die Frage von Gerichts-, Markt- und Wegweiserkreuzen unhaltbar. Das

Schwergewicht wird auch hier auf den Zusammenhang mit blutiger Tat, mit

dem Sühnegedanken, mit religiösem Ursprung und dem Zwecke des späteren

Bildstocks oder Martels gelegt.

Über Mord- und Sühnekreuze in den _Muldenkreisen Bitterfeld_,

_Delitzsch_ usw. schreibt Emil Obst (Bitterfeld 1921) in einer

selbstverlegten Broschüre. Neben fünfzig zahlreichen alten und

neuen Denkmälern beschreibt er eigentlich nur fünf wirkliche alte

Steinkreuze und druckt zur Einleitung drei interessante Bekenntnisse

aus der Delitzscher Gerichtspflege von 1474 bis 1503, leider ohne

Quellenangabe, ab. Die kleine Schrift bringt damit einige dankenswerte

tatsächliche Ergänzungen zur Bestandsübersicht der preußischen Provinz

Sachsen und sei deshalb unter Hinweis auf meine Karte von 1914 als

Grenzgebiet erwähnt.

[Illustration: Abb. 95 =Grillenburger Wald=]

Etwas größeren Umfang besitzt eine gleichfalls im Selbstverlag

1923 erschienene Schrift des Liegnitzer Landmessers _Max Hellmich_

über _Steinerne Zeugen mittelalterlichen Rechts in Schlesien_

(Steinkreuze, Bildstöcke, Staupsäulen, Galgen, Gerichtstische). Er

gibt an verschiedenen Stellen der Überzeugung Ausdruck, daß die alten

Steinkreuze, die den Hauptraum der Broschüre einnehmen, zweifellos

in Übereinstimmung mit den vielen bekannt gewordenen Urkunden als

Sühnedenkmale zu betrachten seien. Der örtliche Sagenkranz oder die

Einzelbezeichnungen, die dem gelegentlich widersprechen, erscheinen

ihm genau so wenig beweiskräftig, wie verschiedene Inschriften neueren

Ursprungs, aus denen der Charakter des Martels oder Unfalldenkmals

hervorgeht.

[Illustration: Abb. 96 =Schriftbild vom Grillenburger Wald-Kreuz=]

In besonderen Abschnitten bespricht er die Standorte, die Größe und

Gesteinsart, die Ausstattung, die Sagen und Überlieferungen, sowie

die Urkunden, deren sechs neue Beispiele abgedruckt sind. Zwei

Zusammenstellungen nach Landkreisen und alphabetischer Folge weisen

den stattlichen Bestand von fünfhunderteinundvierzig schlesischen

Steinkreuzen an vierhundertacht verschiedenen Orten, sowie

dreiundvierzig verschwundene Stücke nach. Ortsbeschreibung, Größenmaße

und Gesteinsart vervollständigen die Listen, und dreizehn Tafeln mit

einfachen Strichzeichnungen veranschaulichen das Aussehen und die

Einkerbungen von vierhundertvierunddreißig dieser Steine.

Alles in allem verkörpert gerade diese Arbeit trotz ihres relativ

geringen Umfanges eine Unsumme von Mühe und Sammeltätigkeit und bildet

einen wertvollen abgeschlossenen Beitrag zu den deutschen provinzialen

Forschungen.

[Illustration: Abb. 97 =Kürbitz= bei Plauen i. V.]

Nur nebensächlich ist von Steinkreuzen und von einzelnen sächsischen

Stücken in einem Werke des Prälaten Dr. Franz Přicryl »Denkmale der

Heiligen Konstantin (Cyrill) und Methodius in Europa« die Rede[7]. Das

deutsch geschriebene Buch ist nach verschiedener Richtung bemerkenswert

und gründet sich auf dreißigjährige Reisen und Studien, die der

geistliche Herr aus persönlichem Interesse unternommen hat. Es ist

eigentlich ein echtes Heimatschutzwerk slawischen Inhalts mit allen

Vorzügen und allen Schwächen einer fleißigen Dilettantenarbeit. Dagegen

muß die Darstellung hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Geltung

mit Vorbehalt behandelt werden und erfordert eine besonders kritische

Betrachtung, weil ihr Verfasser, als Diener der orthodoxen Kirche durch

das Dogma des Glaubens von vornherein in seinem freien Urteil über

die Geschehnisse stark beengt erscheint und mit seinen Schilderungen

offensichtlich eine Verherrlichung slawischer Kulturanfänge verfolgt.

[Illustration:

Phot. K. Sippel, Plauen i. V.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIII, Heft 7-8 · 第 15 / 61 题