Unser neuer Roman. Man kennt das Leben der vormärzlichen schlesischen
Leineweber, man kennt das Leben der modernen Textilarbeiter, wer aber
fragt nach denen, die dem Textilarbeiter das Rohmaterial liefern, nach
den Baumwollpflückern, nach den Arbeitern auf den Baumwollfarmen? Ein
erheblicher Teil der in Mexiko geernteten Baumwolle geht in deutsche
Spinnereien. Vom Leben und den Lebensbedingungen der in jenen tropischen
Gegenden tätigen Arbeiter erzählt uns der nicht umfang-, aber
inhaltsreiche Roman „_Die Baumwollpflücker_“, mit dessen
Veröffentlichung wir heute beginnen. Dieser Roman hat weder einen Helden
noch eine Heldin. Es kommt auch keine süße Liebesepisode in ihm vor. Wo
um das nackte Leben gekämpft wird, hat man für Liebe und
Sentimentalitäten keine Zeit. Die mitgeteilten Tatsachen sind brutale
Wahrheit. Der Verfasser _B. Traven_ spricht aus eigener bitterer
Erfahrung und die von ihm eingestreuten humoristischen Szenen vertiefen
nur den Eindruck der Tragödie. Der Held des Romans – denn es gibt doch
einen – ist die arbeitende Klasse, sind die mexikanischen Landarbeiter,
meist Indianer. Im Vergleich zu diesen führen die Landarbeiter in den
ostelbischen Gefilden das reinste Schlaraffenleben. Der Verfasser kennt
das Proletarierleben in Mexiko, in Nordamerika, in Zentralamerika. Als
Oelmann, als Farmarbeiter, Kakaoarbeiter, Fabrikarbeiter, Tomaten- und
Apfelsinenpflücker, Urwaldroder, Maultiertrieber, Jäger, Handelsmann
unter den wilden Indianerstämmen in der Sierra de Madre, wo die „Wilden“
noch mit Pfeil, Bogen und Keule jagen, ist er tätig gewesen. Noch heute
liegt sein mexikanischer Wohnplatz – wie er uns schreibt – 35 Meilen von
der nächsten Stadt entfernt, wo er „Tinte kaufen kann“. Ein Bild in der
heutigen Nummer von „Volk und Zeit“ gibt unseren Lesern einen Begriff
davon, wie es in diesen tropischen Einsiedeleien aussieht.
„Vorwärts“, Berlin, 21. Juni 1925
Die Baumwollpflücker.
Roman von B. Traven.
Copyright 1925 by B. Traven, Columbus, Tamaulipas, Mexico.
Revolutionsgesang der Baumwollpflücker in Mexiko.
Es trägt der König meine Gabe,
Der Millionär, der Präsident;
Doch ich, der arme Pflücker, habe
In meiner Tasche keinen Cent.
Trab, trab, auf’s Feld!
Gleich geht die Sonne auf.
Häng um den Sack!
Hörst Du die Wage rasseln?
Nur schwarze Bohnen sind mein Essen,
Statt Fleisch ist roter Pfeffer drin;
Mein Hemde hat der Busch gefressen,
Seitdem ich Baumwollpflücker bin.
Trab, trab, auf’s Feld!
Gleich geht die Sonne auf.
Häng um den Sack!
Hörst Du die Wage kreischen?
Die Baumwoll’ stehet hoch im Preise,
Ich hab’ nicht einen ganzen Schuh,
Die Hos’ ging längst schon auf die Reise,
Hat wohl verdient die sel’ge Ruh’.
Trab, trab, auf’s Feld!
Gleich geht die Sonne auf.
Häng um den Sack!
Hörst Du die Wage brüllen?
Und einen Hut hab’ ich, ’nen alten,
Kein Hälmchen Stroh ist heil daran;
Doch diesen Hut muß ich behalten,
Weil ich ja sonst nicht pflücken kann.
Trab, trab, auf’s Feld!
Gleich geht die Sonne auf.
Häng um den Sack!
Siehst Du die Wage zittern?
Ich bin verlaust, ein Vagabund,
Und das ist gut, das muß so sein;
Denn wär’ ich nicht so’n armer Hund,
Käm’ keine Baumwoll’ rein.
Im Schritt, im Schritt!
Es geht die Sonne auf.
Füll in den Sack die Ernte Dein!
Die Wage schlag in Scherben!
Erster Teil.
1.
Ich stand auf der Station und sah mich um, wen von den wenigen
Eingeborenen, die dort herumlungerten oder auf dem nackten Erdboden
saßen, ich hätte nach dem Wege fragen können.
Da kam ein Mann auf mich zu, den ich schon im Zuge gesehen hatte.
Schokoladenbraun im Gesicht und am Körper. Vierzehn Tage nicht rasiert.
Einen alten, breitrandigen Strohhut auf dem Kopfe; einen roten
Baumwollfetzen am Leibe, der offenbar einmal ein richtiges Hemd gewesen
war; eine, an fünfzig Stellen durchlöcherte gelbe Leinenhose an den
Beinen und an den Füßen die landesüblichen Sandalen, die vorn und hinten
offen sind.
Er stellte sich vor mich hin und sah mich an. Sicher wußte er nicht, in
welcher Form und Reihenfolge er die Worte bringen sollte für den Satz,
den er mir sagen wollte.
„Nun, was wünschen Sie?“ fragte ich endlich als es mir zu lange dauerte.
„Guten Tag,“ begann er. Dann gluckste er ein paarmal und kam endlich
heraus: „Ich möchte wissen, wo es nach Ixtilxochitchuatepec geht?“
„Was wollen Sie denn da?“ sagte ich.
Die Unhöflichkeit, ihn nach seinen persönlichen Angelegenheiten zu
fragen in einem Lande, wo es taktlos, beinahe beleidigend ist, jemand
nach Namen, Beruf, woher und wohin auszuforschen, kam mir sofort zum
Bewußtsein. Deshalb fügte ich rasch hinzu:
„Dort will ich nämlich auch hin!“
„Dann sind Sie wohl Mr. Shine?“
„Nein,“ sagte ich, „der bin ich nicht, aber ich will zu Mr. Shine,
Baumwolle pflücken.“
„Ich will auch Baumwolle pflücken bei Mr. Shine,“ erklärte er nun und
heiterte ein wenig auf; zweifellos weil er einen Kameraden gefunden
hatte.
In diesem Augenblick kam ein langer und stark gebauter Neger auf uns zu
und platzte sofort heraus:
„Señors, wissen Sie den Weg, wie ich zu Mr. Shine komme?“
„Baumwolle pflücken?“ fragte ich.
„Jawohl, ich habe seine Adresse bekommen von einem anderen schwarzen
Kollegen in Queretaro.“
Soweit waren wir, als ein kleiner Chinese auf uns zu getrippelt kam.
Er lachte uns breit an und sagte: „Guten Tag, meine Herren, ich will
dort hin, wo ist der Weg?“
Umständlich brachte er ein Notizblättchen heraus, las und sagte dann:
„Mr. Shine in Ixtilxo – –.“
„Stop!“ sagte ich lachend, „wir wissen schon, wohin Sie wollen,
verrenken Sie sich nicht die Zunge. Wir wollen auch dort hin.“
„Auch Baumwolle pflücke?“ fragte der Chink.
„Ja,“ antwortete ich, „auch, sechs Centavos für ein Kilo.“
Durch diese meine Aeußerung war auch mit dem Chink das
kameradschaftliche Band hergestellt. Die proletarische Klasse bildete
sich, wir hätten gleich mit dem Organisieren anfangen können. Wir
fühlten uns alle vier so wohl wie vier Brüder, die nach langer Trennung
sich plötzlich unerwartet an irgendeinem fremden Ort der Erde getroffen
haben.
Ich könnte nun noch erzählen, in welcher Form ein zweiter Neger, nur
halb so lang wie sein Stammesvetter, aber ebenso pechschwarz wie jener,
auf uns zuschlenderte und mit welcher Sorglosigkeit ein zweiter
Mexikaner uns ansteuerte, beide mit dem gleichen Ziel der Reise: Mr.
Shine in Ixtilxochitchuatepec, Baumwolle pflücken.
Keiner von uns wußte, wo Ixtilxo – – lag. –
Die Station war inzwischen so leer geworden, lag so einsam und
verschlafen in der tropischen Hitze, wie eben nur eine Station in
Zentralamerika zehn Minuten nach Abfahrt des Zuges daliegen kann.
Den Postsack, fünfmal mehr Quadratzoll Leinen als Quadratzoll Inhalt,
selbst wenn man alle Briefe und Umschläge auseinanderfaltete, hatte
irgendein Jemand, den kein vernünftiger Mensch für einen Postbeamten
gehalten hätte, mitgenommen.
Das Frachtgut: eine Kiste Büchsenmilch – in einem Erdstrich, wo das
ganze Jahr hindurch das Gras grünt und ein ganzer Erdteil mit Milch
versorgt werden könnte – zwei Kannen Gasolin, fünf Rollen Stacheldraht
und zwei Kisten Bonbons lagen herrenlos auf dem glühenden Bahnsteig.
Die Bretterbude, wo die Fahrkarten verkauft und das Gepäck abgewogen
wurde, war mit einem Vorhängeschloß abgeschlossen. Der Mann, der alle
die Amtshandlungen vorzunehmen hatte, zu denen auf einer europäischen
Bahnstation wenigstens zwölf gutgedrillte Leute notwendig sind, hatte
die Station schon verlassen, als der letzte Wagen des Zuges noch auf dem
Bahnsteig war.
Selbst die alte kleine Indianerin, die zu jedem Zuge erschien mit zwei
Bierflaschen voll kaltem Kaffee und in Zeitungspapier eingewickelten
Maiskuchen, was sie alles in einem Schilfkorbe trug, schlich bereits
durch das mannshohe Gras in ziemlicher Entfernung heimwärts. Sie hielt
stets am längsten auf dem Bahnsteige aus. Obgleich sie nie etwas
verkaufte, kam sie doch jeden Tag zum Zuge. Wahrscheinlich war es vier
Wochen lang immer derselbe Kaffee, den sie zur Bahn brachte. Und das
wußten auch offenbar die Reisenden. Andernfalls hätten sie doch in der
Hitze wenigstens hin und wieder einmal der Alten etwas zu verdienen
gegeben. Aber das Eiswasser, das in den Zügen kostenlos gegeben wurde,
war ein zu starker Konkurrent, gegen den ein so kleines Kaffeegeschäft
nicht aufkommen konnte.
Meine fünf proletarischen Klassengenossen hatten sich gemütlich auf den
Erdboden an die Bretterbude gesetzt. In den Schatten.
Freilich, da jetzt die Sonne senkrecht über uns stand wie mit dem Lot
gerichtet, gehörte schon eine langausprobierte Uebung dazu,
herauszufinden, wo eigentlich der Schatten war.
Zeit war ihnen ein ganz und gar unbekannter Begriff; und weil sie
wußten, daß ich ja auch dort hin wollte, wo sie hin wollten, überließen
sie es mir, den Weg auszukundschaften. Sie würden gehen, wenn ich gehe,
nicht früher; und sie würden mir folgen und wenn ich sie bis nach Peru
führte, immer in der Gewißheit lebend, daß ich ja zum gleichen Ort müsse
wie sie.
2.
Wenn ich nur wüßte, wo Ixtil – – zu finden sei. In der Nähe der Station
war kein Haus zu sehen. Die Stadt, zu der die Station gehörte, mußte
irgendwo im Busch versteckt liegen. Ich machte nun den Vorschlag daß wir
erst einmal in diese Stadt gingen, wo sicher jemand zu finden sein wird,
der den Weg weiß.
Nach einer Stunde kamen wir in die Stadt. Zwei Häuser nur waren aus
Brettern. In dem einen wohnte der Stationsvorsteher. Ich ging hinein und
fragte ihn, wo Ixtil – – liegt. Er wußte es nicht und erklärte mir
höflich, daß er den Namen nie gehört habe.
Fünfhundert Meter von diesem Holzhause war das andere „moderne“
Brettergebäude. Es war der Kaufladen. Er war gleichzeitig Postamt,
Billardsalon, Bierwirtschaft, Schnapsausschank und Agentur für alle
möglichen Dinge und alle möglichen Unternehmungen. Ich fragte den
Inhaber, aber er kannte den Ort auch nicht und sagte mir, innerhalb
fünfzig Kilometer im Umkreis sei er sicher nicht, denn da kenne er jeden
Platz und jeden Farmer.
Da kam einer von den Billardspielern, die ebenso zerlumpt aussahen wie
wir, an den Ladentisch, setzte sich darauf, drehte sich eine Zigarette,
wobei er den Tabak in ein Maisblatt wickelte, und als er sie angezündet
hatte, sagte er:
„Den Ort kenne ich nicht. Aber die einzigen Baumwollfelder, die hier in
dem ganzen Staate überhaupt sind, liegen in jener Richtung.“
Dabei streckte er den Arm ziemlich unbestimmt nach jener Gegend hinaus,
die er meinte.
„Von dort her,“ fügte er hinzu, „ist vor drei Jahren einmal ziemlich
viel Baumwolle hier verladen worden. Die Farmer kamen mit Autos, also
wird wohl noch etwas Weg übrig geblieben sein. Ob einer von den Farmern
Mr. Shine hieß, weiß ich freilich nicht, ich habe nicht nach den Namen
gefragt, ich habe nur beim Verladen mitgearbeitet.“
„Wie weit kann es denn sein?“ fragte ich.
„Wenigstens achtzig Kilometer von hier, vielleicht neunzig. So genau
weiß ich es nicht. Die kamen mittags an und sind sicher früh morgens
abgefahren.“
„Dann müssen wir also in jene Richtung gehen, wenn in einer anderen
Richtung keine Baumwolle gebaut wird.“
„Ich glaube sicher,“ sagte er dann, „daß einer von den Farmern Mr. Shine
heißen kann, alle sind Gringos.“
„Gringo“ ist in Latein-Amerika der Spottname für Amerikaner. Er hat
ungefähr dieselbe mißachtende Bedeutung wie „Boche“ in Frankreich für
Deutsche. Aber die Amerikaner, die viel zu viel unzerstörbaren Humor
besitzen, um sich so leicht beleidigt zu fühlen und sich dadurch das
Leben schwer zu machen, haben diesem Spottnamen die ganze Schärfe
genommen dadurch, daß sie, wenn in Latein-Amerika gefragt, was für
Landsleute sie seien, sie sich selbst „Gringo“ nennen. Und sie sagen das
mit einem so heiteren Lächeln, als ob es der schönste Witz wäre.
Die übrigen Gebäude der Stadt, etwa zehn oder zwölf, waren die üblichen
Indianerhütten. Sechs rohe Stämme senkrecht auf den Erdboden gestellt
und ein Dach aus trockenem Gras darüber. Die besseren hatten Wände aus
dünnen Stämmchen, aber nicht dicht aneinander gefügt. Keine Türen, keine
Fenster, alles, was in der Hütte vor sich ging, konnte man von außen
sehen. Die einfacheren Hütten, wo ärmere oder bequemere Mexikaner
wohnten, hatten nicht einmal diese angedeuteten Wände, sondern oben um
das Dach herum hingen einige große Palmblätter, um die Strahlen der
Sonne, wenn sie in den frühen Vormittagsstunden und am späten Nachmittag
schräger einfielen, abzuschatten.
Das Vieh und das Hühnervolk hatten keine Ställe. Die Schweine mußten
sich draußen im Busch irgendwo und irgendwie das Futter zusammensuchen.
Die Hühner saßen nachts in dem Baum, der der Hütte am nächsten stand.
Eine alte Kiste oder ein durchlöcherter Schilfkorb hing an einem Ast, wo
die Hühner brav ihre Eier hineinlegten.
Rund um die Hütten standen Bananenstauden, die, ohne jemals gepflegt zu
werden, ihre Früchte in reichen Mengen spendeten. Die kleinen Felder, wo
nur gesät und geerntet, sonst nichts getan wurde, lieferten Mais und
Bohnen mehr als die Bewohner aufbrauchen konnten.
In einer dieser Hütten nach dem Wege zu fragen, war zwecklos. Wenn eine
Auskunft überhaupt zu erhalten war, so war sie sicher falsch. Nicht
falsch gegeben mit der Absicht, uns irre zu führen, aber aus purer
Höflichkeit, irgendeine beliebige Auskunft zu geben, um nicht „nein“
sagen zu müssen.
3.
So wanderten wir denn frischweg los in jener Richtung, die uns im
Postamt von dem Billardspieler genannt war und die ich für die einzige
glaubwürdige hielt.
„Achtzig Kilometer“ war uns gesagt worden. Also werden es wohl
hundertzwanzig oder hundertfünfzig Kilometer sein.
Wir waren unserer sechs.
Da war der Mexikaner Antonio, spanischer Herkunft, der mich zuerst
angesprochen hatte.
Dann kam der Mexikaner Gonzalo, indianischer Abstammung. Er war nicht
ganz so zerlumpt wie Antonio und hatte ein Bündelchen, eingewickelt in
eine alte Schilfmatte, und eine schöne, nach mexikanischer Art
farbenfreudig gemusterte Decke, die er über der Schulter trug.
Der Chinese Sam Woe war der eleganteste Bursche unter allen. Der
einzige, der ein heiles und frisch gewaschenes Hemd trug, heile Hosen
hatte, gute Straßenstiefel, seidene Strümpfe und einen runden
städtischen Strohhut. Er hatte zwei Bündel, ziemlich reichlich gepackt.
Sie schienen gar nicht so leicht zu sein.
Er hatte immer die praktischsten Ideen und Ratschläge, lächelte immer,
konnte das „R“ nicht aussprechen und war scheinbar immer guten Mutes. Es
wurde mit der Zeit unser größter Kummer, daß wir ihn mit nichts, was
immer wir auch taten, wütend machen konnten. Er hatte in einem Oelfeld
als Koch gearbeitet und gut verdient. Sein Geld hatte er vorsichtig auf
einer chinesischen Bank in Guanajuato hinterlegt, was er uns gleich
erzählte, nur damit wir nicht etwa denken sollten, er trüge es bei sich
und könnte dafür geopfert werden.
Baumwolle pflücken war ja nicht gerade seine große Leidenschaft – meine
noch viel weniger – aber weil es nicht so sehr außerhalb seines Weges
lag, wollte er die sechs bis sieben Wochen Verdienst noch mitnehmen. Er
hoffte dann zum Herbst ein kleines Restaurant – „^comida corrida^ 50“ –
eröffnen. Er war der einzige unter uns, der wohldurchdachte Pläne für
die Zukunft hatte.
Sobald wir an den Busch gekommen waren, schnitt er sich ein dünnes
Stämmchen, hing über jedes der beiden Enden eines seiner Bündel und
legte sich das Stämmchen über die Schulter. Während er bisher mit uns im
gleichen Schritt gegangen war, begann er nun mit kurzen, raschen
Schrittchen zu trippeln. In diesem Trippelschritt hielt er den ganzen
Marsch durch, ohne je langsamer oder schneller zu gehen und ohne jemals
zu ermüden. Wenn wir uns zur Rast niedersetzten oder niederlegten, tat
er es auch, war aber jedesmal erstaunt, daß wir „schon wieder“ ausruhen
mußten. Wir schimpften ihn dann aus, daß wir richtige Christenmenschen
seien, während er als verdammter Chink von einem gelben, fratzenhaften
Drachenungeheuer erzeugt worden wäre, und daß darin die übermenschliche
Ausdauer seiner stinkigen und uns widerlichen Rasse zu suchen sei. Er
erklärte darauf heiter lächelnd, daß er nichts dafür könne und daß wir
alle von demselben Gott geschaffen seien, aber daß dieser Gott gelb sei
und nicht weiß. Da wir keine Missionare waren und auf dem Gebiete der
Bekehrung auch keine Lorbeeren ernten wollten, ließen wir ihn in seinem
Unglauben.
Der hünenhafte Neger, Charly, paßte mit seinen Lumpen und seinem in
fettigem und zerrissenem Papier verschnürten Bündel, das unzählige Male
auf dem Marsche aufging, viel besser in unsere Gesellschaft als der
elegante Chink. Charly behauptete, aus Florida zu sein. Aber da er weder
englisch geläufig sprechen noch verstehen konnte, auch nicht den
amerikanischen Niggerdialekt sprach, konnte er mich von seiner Herkunft
nicht überzeugen. Vielleicht war er von Honduras oder Guatemala, oder
von St. Domingo. Aber er sprach auch nur sehr unbeholfen ein
notdürftiges Spanisch. Ich habe nie erfahren können, wo er eigentlich
hingehörte. Nach meiner Meinung war er entweder aus Brasilien
heraufgekommen oder er hatte sich von Afrika herübergeschmuggelt. Er
wollte sicher nach den Vereinigten Staaten, und für ihn als Nigger mit
etwas Englisch war es leichter, sich über die Grenze nach den States zu
schmuggeln als für einen Weißen, der gut Englisch sprechen konnte. Er
war der einzige, der offen erklärte, daß er Baumwolle pflücken als die
schönste und einträglichste Arbeit betrachte.
Dann war noch der kleine Nigger da, Abraham aus New-Orleans. Er hatte
ein schwarzes Hemd an. Weil nun seine Hautfarbe ebenso schwarz war wie
das Hemd, konnte man nicht so recht erkennen, wo die letzten Ueberreste
des Hemdes waren und wo die Haut war, die bedeckt werden sollte. Er
als einziger hatte eine Mütze, wie sie von den Heizern und
Maschinenschmierern auf den amerikanischen Schiffen getragen wird. Dann
trug er eine weiß- und rotgestreifte Leinenhose, Lackhalbschuhe und
weiße Baumwollstrümpfe.
Er hatte kein Bündel, sondern trug einen Kaffeekessel und eine
Bratpfanne an einem Bindfaden über der Schulter und in einem kleinen
Säckchen seinen Bedarf an Lebensmitteln.
Abraham war der echte, dummschlaue, gerissene, freche und immer lustige
amerikanische Nigger der Südstaaten. Er hatte eine Mundharmonika, mit
der er uns das blöde „^Yes, we have no bananas^“ so lange vorspielte,
bis wir ihn am zweiten Tage weidlich verprügeln mußten, um damit
vorläufig nur zu erreichen, daß er es wenigstens nur sang oder pfiff und
dazu, während des Marsches, tanzte. Er stahl wie ein Rabe und log – der
Vergleich war von Gonzalo, ich weiß nicht, ob der Vergleich richtig ist
– und log wie ein Dominikanermönch.
Am dritten Abend des Marsches erwischten wir ihn, wie er einen dicken
Streifen getrocknetes Rindfleisch, das Antonio gehörte, stahl. Wir
nahmen ihm den Raub wieder ab, bevor er ihn in der Pfanne hatte, und wir
erklärten ihm ganz ernsthaft, daß, wenn wir ihn noch einmal beim Stehlen
ertappten, wir Buschrecht an ihm ausüben würden. Wir würden eine
Gerichtssitzung abhalten und ihn dann nach gefälltem Urteil mit der
Schnur, die sein Couleurbruder Charly um sein Bündel geschnürt habe, am
nächstbesten Mahagonibaum aufhängen mit einem Zettel auf der Brust,
wofür er gehängt sei.
Da sagte er ganz frech, wir sollten ja nicht versuchen, ihn auch nur
anzutasten, er sei amerikanischer Bürger, „^native born^“, und wenn wir
ihm nur das allergeringste Leid täten, so würde er das an die Regierung
nach Washington berichten, und die würde dann mit einem Kanonenboot und
dem Sternenbanner kommen und ihn blutig rächen; er sei ein freier Bürger
„^of the States^“ und das könne er durch „^c’tificts^“ beweisen, und als
solcher habe er das Recht, vor ein ordentliches Gericht gestellt zu
werden. Als wir ihm nun erklärten, daß wir ihm keine Zeit lassen und
keine Gelegenheit geben würden, nach Washington einen Bericht zu
schicken, und daß wir auch nicht glaubten, daß ein amerikanisches
Kanonenboot mit dem Sternenbanner in den Busch fahren würde, sagte er:
„^Well, gentlemen sirs^, berühren Sie mich nur mit der Fingerspitze,
dann werden Sie sofort erleben, was geschieht.“
Wir erwischten ihn auch richtig einige Tage später, wie er dem Chink
eine Büchse Milch stahl und frech erklärte, es sei seine eigene, er habe
sie in Guadalajara im American Store gekauft. Er wurde daraufhin so
windelweich gedroschen, daß er keinen Finger krumm machen konnte, um
nach Washington zu schreiben. Bei uns hat er denn nicht mehr gestohlen,
und was er bei umliegenden Farmern zusammenstahl, ging uns nichts an.
Dann war ich noch, Gerard Gale, über den ich weniger zu berichten weiß,
da ich mich in der Kleidung von den übrigen nicht unterschied, und zum
Baumwollepflücken, welche zeitraubende und schlecht bezahlte Arbeit ich
kannte, auch nur ging, weil eben keine andere Beschäftigung zu haben war
und ich bitter notwendig ein Hemd, ein paar Schuhe und eine Hose
brauchte. Vom Althändler! Denn vom Neuhändler sie zu kaufen, dazu hätte
selbst die Arbeit von vierzehn Wochen auf einer Baumwollfarm nicht
gelangt. Ich war der einzige, der keine Strümpfe trug, weil ich keine
hatte.
Eine Jacke besaßen nur der Chink und Antonio. Warum Antonio den Fetzen
eigentlich „seine Jacke“ nannte, ist mir nie klar geworden. Sie mag
vielleicht einmal in weit zurückliegenden Zeiten, lange vor der
Entdeckung Amerikas, die Aehnlichkeit mit einer Jacke gehabt haben. Das
will ich nicht bestreiten. Aber heute sie Jacke zu nennen, war nicht
Uebertreibung, sondern sündiger Hochmut, für den Antonio dereinst wird
büßen müssen.
4.
Wir wanderten lustig darauf los.
Ueber uns die glühende Tropensonne, zu beiden Seiten neben uns der
undurchdringliche und undurchsichtbare Busch. Der ewig jungfräuliche
tropische Busch mit seiner unbeschreiblichen Mystik, mit seinen
Geheimnissen an Tieren der phantastischsten Art, mit seinen traumhaften
Formen und Farben der Pflanzen, mit seinen unerforschten Schätzen an
wertvollen Steinen und kostbaren Metallen.
Aber wir waren keine Forscher und wir waren auch keine Gold- oder
Diamantengräber. Wir waren Arbeiter und hatten mehr Wert auf den
sicheren Arbeitslohn zu legen als auf den unsicheren Millionengewinn,
der vielleicht links oder rechts von uns im Busch verborgen lag und auf
den Entdecker wartete. –
Die Sonne stand schon sehr tief, und es mußte ungefähr fünf Uhr sein.
Wir sahen uns deshalb nach einem Lagerplatz um.
Bald fanden wir eine Stelle, wo seitlich in dem Busch hinein hohes Gras
stand. Wir rissen soviel von dem Gras aus, wie wir Platz zum Lagern
brauchten. Dann zündeten wir ein Feuer an und brannten den Rest des
Grases nieder, wodurch wir uns Ruhe vor Insekten und kriechendem Getier
für die Nacht verschafften. Eine frisch gebrannte Grasfläche ist der
beste Schutz, den man haben kann, wenn man nicht mit den
Ausrüstungsstücken eines Tropenreisenden wandert.
Ein Kampfeuer hatten wir, aber es gab nichts zum Kochen, denn wir hatten
kein Wasser.
Da kam der Chink mit einer Literflasche voll kaltem Kaffee hervor. Wir
wußten nichts davon, daß er einen so wertvollen Stoff mit sich führte.
Er machte den Kaffee heiß, und bereitwillig bot er uns allen zu trinken
an. Aber was ist ein Liter Kaffee für sechs Mann, die ohne einen Schluck
Wasser zu haben einen halben Tag in der Tropensonne gewandert sind, vor
morgen früh um sieben oder acht Uhr ganz bestimmt auch nichts Trinkbares
haben werden und vielleicht die nächsten 36 Stunden genau so wenig
Wasser finden werden, wie sie heute nachmittag gefunden haben! Der Busch
ist das ganze Jahr hindurch grün, aber Wasser findet man dort nur in der
Regenzeit an günstigen Stellen, wo sich Tümpel bilden können.
Nur wer selbst im tropischen Busch gewandert ist, weiß, was für ein
Opfer es war, das der Chink uns bot. Aber keiner sagte „Danke!“; jeder
betrachtete es als selbstverständlich, daß der Kaffee in Teile ging.
Wahrscheinlich hätten wir es genau so selbstverständlich gefunden, wenn
der Chink den Kaffee allein getrunken hätte. Nach einem halben Tag
Wanderung in wasserlosem Landstrich raubt man noch nicht für einen
Becher Kaffee; aber am dritten Tage beginnt man ernsthaft Mord zu sinnen
im Busch für eine kleine rostige Konservenbüchse voll stinkender
Flüssigkeit, die man Wasser nennt, obgleich sie keine andere
Aehnlichkeit mit Wasser hat, als daß sie eben Flüssigkeit ist.
Antonio und ich hatten etwas hartes Brot zu knabbern.
Gonzalo hatte vier Mangos und der große Nigger einige Bananen. Der
kleine Nigger aß irgendwas ganz verstohlen. Was es war, weiß ich nicht.
Der Chink hatte ein Stück Zelttuch, daß er über seinen Schlafplatz
spannte. Dann wickelte er sich in ein großes Handtuch ein, auch den
Kopf, und begann zu schlafen.
Gonzalo hatte seine schöne Decke, in die er sich einrollte, so daß er
wie ein Baumstamm aussah.
Ich wickelte mir den Kopf in einen zerlumpten Lappen ein, den ich stolz
„mein Handtuch“ nannte, und schlief los.
Wie sich die übrigen einrichteten, weiß ich nicht, weil die noch lange
um das Feuer herumsaßen und rauchten und schwatzten. –
Vor Sonnenaufgang waren wir schon wieder auf dem Marsche. Abzukochen gab
es nichts, und waschen brauchte man sich auch nicht. Denn womit hätte
man es tun sollen?
Der Weg durch den Busch war weite Strecken hindurch schon wieder
zugewachsen. Der Nachwuchs der jungen Bäume reichte uns oft bis über die
Schultern, und der Grund war mit Kaktusstauden so dicht bewachsen, daß
diese stachligen Pflanzen zuweilen beinahe die ganze Breite des Weges
einnahmen. Meine nackten Unterschenkel waren bald so zerschnitten, als
wenn sie durch eine Hackmaschine gezogen worden wären.
Gegen mittag kamen wir an eine Stelle, wo sich rechts des Weges ein
Stacheldrahtzaun hinzog, der uns die Gewißheit gab, daß hier eine Farm
liegen müsse.
Als wir etwa zwei Stunden lang, immer den Stacheldrahtzaun zur rechten
Hand, gewandert waren, kamen wir an eine weite offene Stelle im Busch,
die mit hohem Gras bewachsen war. Als wir den Platz absuchten, fanden
wir auch eine Zisterne. Aber sie war leer. Einige morsche Pfähle, alte
Konservenbüchsen, verrostetes Blech und ähnliche Ueberbleibsel einer
menschlichen Behausung zeigten uns eine verlassene Farm.
Ueber eine solche Enttäuschung muß man rasch hinwegkommen. Farmen werden
hier gegründet, zehn, auch zwanzig Jahre lang bewirtschaftet und dann
aus irgendeinem Grunde plötzlich aufgegeben. Fünf Jahre später, oft
schon früher, ist kein Zeichen mehr davon vorhanden, daß hier jemals
Menschen gelebt und gearbeitet haben. Es erweckt den Anschein, als seien
es hundert Jahre her, seit jemand hier gelebt hat. Der tropische Busch
begräbt rascher, als Menschen können; er kennt keine Erinnerung, er
kennt nur Gegenwart und Leben.
Aber um vier Uhr kamen wir doch an eine lebende Farm. Hier wohnte eine
amerikanische Familie.
Ich wurde im Hause gut bewirtet und fand auch ein Lager innerhalb des
Hauses. Die übrigen als Nichtweiße, wurden auf der Veranda beköstigt und
durften in einem Schuppen übernachten. Sie bekamen alle reichlich zu
essen, aber ich war der eigentliche Gast. Mir wurde aufgetischt, wie
eben nur in einem so menschenarmen Lande einem Weißen von weißen
Gastgebern aufgetischt werden kann. Drei verschiedene Fleischgänge, fünf
verschiedene Beigerichte, Kaffee, Schokolade und abends heißen Kuchen.
Am nächsten Morgen bekamen wir alle ein reichliches Frühstück; ich am
Tische des Farmers.
Der Farmer hatte genügend leere Flaschen, und so bekamen wir jeder
einzelne eine Literflasche kalten Tee mit auf den Weg.
Er kannte Mr. Shine und sagte uns, daß wir noch etwa sechzig Kilometer
zu marschieren hätten. Kein Wasser am ganzen Weg; die Straße an
verschiedenen Stellen kaum noch erkennbar, weil sie seit drei Jahren
nicht mehr benutzt worden sei.
Um 9 Uhr hatte der kleine Nigger Abraham seinen Tee schon ausgetrunken
und die Flasche fortgeworfen. Es war ihm zu lästig, sie zu tragen. Wir
erklärten ihm, daß er unter diesen Umständen von uns nichts zu erwarten
habe, und wenn er versuchen sollte, auch nur einen Schluck zu stehlen,
würden wir ihn braun und blau schlagen.
An diesem Abend im Lager war es, wo Abraham zwar keinen Tee stahl, aber
jenen Streifen getrocknetes Rindfleisch, das Antonio gehörte. Da sich
unsere Drohung nur auf Tee bezog, ließen wir ihn laufen mit der Warnung,
daß von nun an jeder Raub in unsere Drohung einbegriffen sei.
Den folgenden Tag gegen Mittag kamen wir bei Mr. Shine an.
5.
Mr. Shine empfing uns mit einer gewissen Freude, weil er nicht genügend
Leute zum Baumwolle pflücken hatte.
Mich nahm er persönlich ins Gebet. Er rief mich ins Haus und sagte mir:
„Was! Sie wollen auch Baumwolle pflücken?“
„Ja,“ sagte ich, „ich muß, ich bin vollständig „^broke^“, das sehen Sie
ja, ich habe nur Fetzen am Leibe. Arbeit ist in den Städten keine zu
haben. Alles ist überschwemmt mit Arbeitslosen aus den States, wo die
Verhältnisse augenblicklich auch nicht rosig zu sein scheinen. Und wo
man wirklich Arbeiter braucht, nimmt man lieber Eingeborene, weil man
denen Löhne zahlt, die man einem Weißen nicht anzubieten wagt.“
„Haben Sie denn schon mal gepflückt?“ fragte er.
„Ja,“ antwortete ich, „in den States.“
„Ha!“ lachte er, „das ist ein ander Ding. Da können Sie etwas dabei
werden.“
„Ich habe auch ganz gut dabei verdient.“
„Das glaube ich Ihnen. Die zahlen viel besser. Die können’s auch. Die
kriegen ganz andere Preise als wir. Könnten wir unsere Baumwolle nach
den States verkaufen, dann würden wir noch bessere Löhne zahlen; aber
die States lassen ja keine Baumwolle hinein, um die Preise hochzuhalten.
Wir sind auf unsern eigenen Markt angewiesen, und der ist immer gleich
gepackt voll. Aber nun Sie! Ich kann Sie weder beköstigen, noch in
meinem Hause unterbringen. Aber ich brauche jede Hand, die kommt. Ich
will Ihnen etwas sagen; ich zahle sechs Centavos für das Kilo. Ihnen
will ich acht zahlen, sonst kommen Sie auf keinen Fall auf das, was die
Nigger machen. Selbstverständlich brauchen Sie das den andern nicht
erzählen. Schlafen könnt Ihr da drüben in dem alten Hause. Das habe ich
gebaut und mit meiner Familie zuerst darin gewohnt, bis ich mir das neue
hier leisten konnte. Well, das ist dann abgemacht.“
Das Haus, von dem der Farmer gesprochen hatte, lag etwa fünf Minuten
entfernt. Wir machten uns dort häuslich, so gut wir konnten. Das Haus,
aus Brettern leicht gebaut, hatte nur einen Raum. Jede der vier Wände
hatte je eine Tür, die gleichzeitig als Fenster diente. Der Raum war
vollständig leer. Wir schliefen auf dem bloßen Fußboden. Ein paar alte
Kisten, die vor dem Hause herumlagen, im ganzen vier, benutzten wir als
Stühle.
Dicht bei dem Hause war eine Zisterne, die Regenwasser enthielt, das
ungefähr sieben Monate alt war und von Kaulquappen wimmelte. Ich
berechnete, daß etwa 120 Liter Wasser in der Zisterne seien, mit denen
wir sechs Mann sechs bis acht Wochen auskommen mußten. Der Farmer hatte
uns schon gesagt, daß wir von ihm kein Wasser bekommen könnten, er wäre
selbst sehr kurz mit Wasser dran und habe noch sechs Pferde und vier
Maultiere zu tränken. Waschen konnten wir uns einmal in der Woche, und
hatten dann noch zu je drei Mann dasselbe Waschwasser zu gebrauchen. Es
sei aber immerhin möglich, fügte er hinzu, daß es in dieser Jahreszeit
alle vierzehn Tage wenigstens einmal zwei bis vier Stunden regnen könne,
und wenn wir die Auffangrinnen reparierten, könnten wir tüchtig Wasser
ansammeln. Außerdem sei ein Fluß nur etwa drei Stunden entfernt, wo wir
baden gehen könnten, falls wir Lust dazu hätten.
Vor dem Hause richteten wir ein Lagerfeuer ein, zu dem uns der nahe
Busch das Holz in reicher Menge hergab.
Auf die recht nebelhafte Möglichkeit bin, daß es vielleicht innerhalb
der nächsten drei Wochen regnen könnte, wuschen wir uns zunächst einmal
in einer alten Gasolinbüchse. Seit drei Tagen hatten wir uns nicht
gewaschen.
Ich rasierte mich. Es mag mir noch so dreckig gehen, ein Rasiermesser,
einen Kamm und eine Zahnbürste habe ich immer bei mir.
Auch der Chink rasierte sich.
Da kam Antonio auf mich zu und bat mich um mein Rasiermesser. Er hatte
sich seit beinahe drei Wochen nicht rasiert und sah aus wie ein
fürchterlicher Seeräuber.
„Nein,“ sagte ich, „lieber Antonio, Rasierzeug, Kamm und Zahnbürste
verpumpe ich nicht.“
Und der Chink, mutig gemacht durch meine Weigerung, sagte lächelnd, daß
sein schwaches Messer bei diesem starken Bart sofort stumpf würde und er
hier keine Gelegenheit habe, es schleifen zu lassen.
Antonio gab sich mit diesen beiden Weigerungen zufrieden.
Wir kochten unser Abendessen, ich Reis mit spanischem Pfeffer, der
andere schwarze Bohnen mit Pfeffer, der nächste Bohnen mit getrocknetem
Rindfleisch, ein vierter briet einige Kartoffeln mit etwas Speck. Da wir
am nächsten Morgen schon um vier Uhr zur Arbeit gingen, bereiteten wir
auch noch unser Brot für den nächsten Tag, das wir in Pfannen buken.
Als wir gegessen hatten, hängten wir unsere armseligen Lebensmittel an
Bindfaden an den Querbalken im Hause auf, weil uns die Ameisen über
Nacht sonst alles fortgeholt hätten, wenn wir diese Vorsorge nicht
getroffen hätten.
Etwas nach 6 Uhr ging die Sonne unter. Eine halbe Stunde später war
rabenschwarze Nacht.
Glühwürmchen, mit Lichtern so groß wie Haselnüsse, flogen um uns her.
Wir krochen in unser Haus, um zu schlafen.
Der Chink war der einzige, der ein Moskitonetz hatte. Wir andern wurden
von dem Viehzeug gräßlich geplagt und schimpften und wüteten, als ob
sich die Gesandten einer Hölle etwas daraus machen würden.
Die beiden Nigger, die Seite an Seite schliefen, sich vor dem
Einschlafen entsetzlich zankten und sich Backpfeifen anboten, schienen
von den Biestern nicht gestört zu werden.
Ich entschloß mich, diese Qual für die eine Nacht zu erdulden, aber
morgen für irgendeine Abhilfe zu sorgen.
Noch vor Sonnenaufgang waren wir auf den Beinen. Jeder kochte sich etwas
Kaffee, aß ein kleines Stückchen Brot dazu, und fort ging es im halben
Trab.
Das Baumwollfeld war drei Viertelstunden entfernt.
Der Farmer und seine zwei Söhne waren schon dort. Wir bekamen jeder
einen alten Sack, den wir uns umhängten, und dann ging es an die Arbeit.
Jeder nahm eine Reihe.
Wenn die Baumwolle schön reif ist und man den Griff erst weg hat,
bekommt man jede Frucht mit einem einzigen Griff. Aber da die Knollen,
die ähnlich aussehen wie die Hüllen der Kastanien, nicht alle die
gleiche Reife haben, muß man doch bei der Hälfte einige Male zupfen, ehe
man den Inhalt in den Sack tun kann. Dazu muß man sich auch noch
unaufhörlich bücken, weil die Früchte nicht alle in bequemer Höhe am
Strauch hängen, sondern oft bis dicht über dem Boden wachsen. Je weiter
es gegen Mittag geht, je höher steht die Sonne und je mühseliger wird
die Arbeit. Man trägt nichts weiter am Leibe als Hut, Hemd, Hose und
Schuhe, aber der Schweiß rinnt in Strömen an einem herab; und sehr
kleine lästige Fliegen, die einem unausgesetzt in die Ohren kriechen,
machen einem das Leben recht schwer. Kommt ein leichter Wind auf, geht
es noch; aber bei völliger Windstille wird die Qual mit jeder Stunde
größer. Gegen 11 Uhr, nach beinahe siebenstündiger ununterbrochener
Arbeit, kann man nicht mehr.
Wir suchten den Schatten einiger Bäume auf, die mehr als 20 Minuten
entfernt waren. Wir aßen unser trockenes Pfannenbrot, das, bei mir
wenigstens, ganz verbrannt war, und legten uns dann hin, um zwei Stunden
zu schlafen, bis die Sonne anfängt, wieder abwärts zu wandern.
Wir bekamen furchtbaren Durst, und ich ging zum Farmer, um ihn um Wasser
zu ersuchen.
„Es tut mir leid, ich habe keins. Ich sagte Ihnen doch schon gestern,
daß ich selber sehr kurz mit Wasser bin. Gut, heute will ich Ihnen noch
etwas geben, von morgen ab müßt Ihr Euch Euer Wasser selbst mitbringen.“
Er schickte einen seiner Söhne mit dem Pferde nach Hause, der dann bald
mit einer Kanne Regenwasser zurückkam.
Baumwolle ist teuer. Das lernt jeder bald, wenn er sich einen Anzug, ein
Hemd, ein Handtuch, ein Paar Strümpfe oder nur ein Taschentuch kauft.
Aber der Baumwollpflücker, der wohl die härteste und qualvollste Arbeit
für die Kleidung leistet, die ein König, ein Milliardär oder ein
einfacher Landmann trägt, hat an dem hohen Preis des Anzuges den
allergeringsten Anteil.
Für ein Kilogramm Baumwollepflücken bekamen wir sechs Centavos, ich
ausnahmsweise acht. Und ein Kilogramm Baumwolle ist beinahe ein kleiner
Berg, den zu schaffen man unter ständigem Bücken in der mitleidlosen
Tropensonne 200 bis 500 Knollen auszupfen muß. Dazu eine Nahrung, die
als die allerbescheidenste angesehen werden darf, von der Menschen
irgendwo auf Erden leben. Den einen Tag schwarze Bohnen mit Pfeffer, den
nächsten Tag Reis mit Pfeffer, den übernächsten wieder Bohnen, dann
wieder Reis; dazu Brot, selbst gebacken aus Weizen- oder Maismehl,
entweder kleistrig oder zu Kohle verbrannt, Monate altes, abgestandenes
Regenwasser, Kaffee gekocht aus selbstgebrannten Kaffeebohnen auf einem
Stein zerrieben und den Kaffee gesüßt mit einem billigen,
übelriechenden, schwarzbraunen Rohzucker in kleinen Kegeln. Das Salz,
das man verwendet, ist Seesalz, das man sich selbst vor dem Gebrauch
erst reinigen muß. Ein paar Kilogramm Zwiebeln in der Woche hinzugekauft
ist bereits Delikatesse, und ab und zu ein Streifen getrocknetes Fleisch
ein Luxus, der, wenn man ihn sich zu oft leistet, vom Lohn nicht einmal
das Reisegeld bis zur nächsten Stadt, wo man neue Arbeit finden könnte,
übrig läßt. Bei sehr fleißiger Arbeit verdient man in einer Woche gerade
so viel, daß man sich, wenn man keinen Centavos für Essen ausgibt, das
billigste Paar Schuhe kaufen kann, das man im Laden vorfindet.
Der Baumwollfarmer verursacht auch nicht immer die hohen Preise der
Fertigware. Er ist oft tief verschuldet und kann in den meisten Fällen
die Pflückerlöhne nur auszahlen, wenn er auf die Ernte einen Vorschuß
nimmt.
6.
Um 4 Uhr nachmittags machten wir Schluß, um noch bei Tageslicht „nach
Hause“ zu kommen und unser Essen zu kochen.
Ich quartierte aus.
In der Nähe des Hauses, nur etwa 200 Meter entfernt, hatte ich eine Art
Unterstand entdeckt. Welchen Zwecken er diente oder gedient haben
mochte, wußte ich nicht. Er hatte ein Dach aus Wellblech, aber keine
Wände, es wäre denn, daß man einige Baumstämme, die an der einen Seite
gegen das Dach gelehnt waren, als Wand bezeichnen will.
In diesem Unterstand war eine Art Tisch. Es waren vier Pfähle in die
Erde gerammt und auf den Pfählen lagen ein paar Platten Wellblech.
Diesen Unterstand wählte ich als Behausung und den Tisch als Bett.
Der große Nigger wollte den Unterstand mit mir teilen. Er kam hin, sah
sich die Sache an und es gefiel ihm.