XXII.

Die Verlobungsfeierlichkeit hatte Therese sehr angegriffen. Nach kurzem,

unruhigem Schlaf war sie mit heftigem Husten und leichtem Schüttelfrost

erwacht.

Frau Caroline war sehr besorgt.

Therese wollte durchaus aufstehen, da die Tante sonst den Tag über

allein im Geschäft sein würde, denn das neue Fräulein sollte erst am

andern Tage zugehen. Aber die Tante litt nicht, daß Therese das Bett

verließ. Wenigstens wollte sie vorher mit dem Arzt sprechen.

Ein Kind aus der Nachbarschaft übernahm gern, für zwanzig Pfennig

Botenlohn, diesen zu holen. Er kam und konstatierte eine

Lungenentzündung. Therese müsse unter allen Umständen im Bett bleiben.

Warum man nicht schon früher geschickt hätte. Auch dürfe die Kranke auf

keinen Fall in dem dunklen feuchten Hinterzimmer bleiben. Er nahm die

übrigen Räume in Augenschein und ordnete die Umbettung ins beste Zimmer

an.

Frau Caroline war untröstlich und quälte Therese mit lautem Lamentieren.

Die gutmütige Frau scheute kein Opfer, aber es war ihre Art, alle Dinge

zu vergrößern und über kleine Unbequemlichkeiten tagelang zu jammern.

"Was fang ich an. Wie sollen wir die Möbel umsetzen? Ich kann das nicht.

Ich kann den schweren Schrank nicht tragen."

Therese beruhigte sie, daß man Hilfe finden würde, niemand mute ihr zu,

den schweren Schrank eigenhändig ins andere Zimmer zu tragen.

"Und wenn die Frieda uns nun sitzen läßt", jammerte die Tante weiter.

"Was soll ich anfangen. Alle Hände voll zu thun, und keine Hilfe."

"Warum sollte Fräulein Frieda nicht kommen, liebe Tante?" tröstete die

Kranke. "Du machst Dir viel zu viel unnötige Sorgen."

"Du hast gut sprechen", eiferte die Wittfoth. "Du liegst ruhig im Bett.

Aber ich soll man alles allein fertig bringen. Die Küche sieht schon

aus, daß ich mir die Augen aus'n Kopf schäme. Kein Stück ist rein."

Therese schwieg. Sie wußte, daß in solchen Stunden mit der umständlichen

Frau nicht zu reden war.

Natürlich ging alles besser, als Frau Caroline gedacht hatte. Vater

Beuthien erwies sich beim Umsetzen der Möbel als treuer Bräutigam und

Helfer in der Not, und auch Fräulein Frieda traf rechtzeitig ein, eine

kleine schwarzäugige, bleichsüchtige Brünette, mit Anlagen zur

Korpulenz.

Hermann, der sich zu erkundigen kam, wie das Familienfest den beiden

Damen bekommen sei, erschrak, Therese bettlägerig zu finden. Er kam in

der Folge öfter, und sie ließ es zuletzt zu, daß er vor ihrem Bett saß.

Sie befand sich nie besser, war nie hoffnungsfreudiger, als wenn er bei

ihr war. Sie sprach mit Zuversicht von ihrer baldigen Genesung, und er

unterstützte sie in diesem Glauben, obgleich er sehr besorgt war. Er sah

sie abmagern, sah die kleinen roten Punkte auf den Wangen sich zu

Flecken vergrößern.

Er hatte heimlich mit dem Arzt gesprochen, und der hatte ihm wenig

Hoffnung gemacht. Die Schwindsucht, die bisher im Verborgenen

geschlichen, wäre heftig zum Ausbruch gekommen, und es würde wohl

schnell zu Ende gehen.

Hermann hatte der Tante nichts von seiner Unterredung mit dem Arzt

gesagt, da er sie genügend kannte, um zu wissen, daß sie sich

unverständigen, die Kranke schädigenden Gefühlsausbrüchen hingeben

würde.

Frau Caroline erzählte überhaupt gern Krankengeschichten. Hatte jemand

einen Schnupfen, so wußte sie unbedingt Fälle von tötlicher Ausartung

dieser an sich gefahrlosen Erkältung. Bei einem Sterbefall erinnerte

sie sich eines halben Dutzend anderer und wußte Ursache, Verlauf und

Ende jeder Krankheit bis ins kleinste zu vermelden. Auch

Lungenentzündungsfälle schwerer Art hatte sie genügend erlebt, um

Therese die angenehme Aussicht auf möglicherweise unglücklichen Ausgang

eines solchen Leidens naiv zu eröffnen.

Natürlich nahm sie Theresens Fall nicht für so ernst.

Durch ihr Geschäft, durch die Einführung und Anleitung des neuen

Fräuleins vollauf in Anspruch genommen, blieb sie in ihrer Täuschung.

"Der Husten muß austoben", sagte sie. "Wir wollen Dich schon wieder

rauskriegen. Sei man ruhig."

"Wenn ich nur vor dem Herbst wieder werde, damit ich das schöne Wetter

noch genießen kann", meinte Therese, und die Tante versprach ihr noch

die schönsten Tage.

Vorläufig schienen diese sich auf die Wanderschaft begeben und diesen

Bezirk griesgrämlicheren Vettern überlassen zu haben. Statt der Hitze

der Hundstage war eine Regenperiode angebrochen, wie sie so oft den

Sommer in Hamburg schmälert. Beständige Westwinde trieben immer neue

Regenmassen herbei. Kein Tag verging ohne Niederschläge. Es waren

unfreundliche, fast herbstliche Tage.

Traurig sah Therese von ihrem Lager aus den Regen herunterrauschen,

gegen die Fenster prasseln, von dem Trottoir aufspritzen in kleinen

glitzernden Bögen, Strahlen und Tropfen.

Wie freute sie sich, wenn ein Sonnenstrahl durch das trübselige Grau

drang, an der Wand des Behnschen Hauses herunterglitt, über die Straße

hüpfte, zu ihr ins Zimmer hinein.

Wie gern hätte sie ein Stück Himmel gesehen, aber sie mußte sich von

ihrem Bett aus mit der beschränkten Aussicht auf das Straßenpflaster und

das Parterre des Behnschen Hauses begnügen.

So kam es, daß sie sich häufiger mit dessen Bewohnern beschäftigte,

namentlich mit Lulu.

Wie lange hatte sie Lulu nicht gesehen. Ob sie wohl noch mit Wilhelm

Beuthien ein Verhältnis hatte, wie Mimi einmal behauptete. Therese

konnte es nicht glauben. Mimi übertrieb immer, wenn sie erzählte.

Warum denn Mimi sich wohl gar nicht wieder blicken ließ. Es war doch

unrecht. Ob sie doch stolz geworden war? Wie gerne hätte sie einmal

etwas von ihr gehört.

Hermann schien doch besser über den Schmerz, den Mimi ihm zugefügt,

hinweg zu kommen, als sie geglaubt hatte. Vielleicht war es auch keine

tiefe, echte Neigung von ihm gewesen.

Ob er einer solchen überhaupt fähig war? Keinen Augenblick zweifelte sie

daran.

Wie thöricht war es von Mimi, Hermann nicht festzuhalten. Aber es war

doch gut so. Er würde als Verlobter Mimis nicht so viel Zeit für sie

jetzt übrig gehabt haben.

Wie freute Therese sich auf sein nächstes Kommen, auf das sie sicher

rechnen durfte. Er vergaß sie nie, und sie fühlte wohl, es war echte

Teilnahme, was ihn zu ihr führte, nicht kaltes Pflichtgefühl. Das machte

sie glücklich. Sie hatte Teil an seinem Herzen.

Manchmal aber bangte ihr heimlich, wenn sie erst wieder gesundet sei,

seines Mitleids nicht mehr bedürfe, könnte das alles wieder anders

werden. Und manchmal auch, aber selten, sehr selten, kam ihr die Furcht:

wenn du nun stirbst?

Aber nur wie ein flüchtiger Schatten huschte das Bild des Todes durch

ihre Gedanken. Ihre Hoffnungsfreudigkeit war nicht zu beeinträchtigen,

und es war ein Glück, daß auch Frau Carolinens Sorglosigkeit keine trübe

Stimmung aufkommen ließ.

Die Tante war auch viel zu viel mit sich selbst beschäftigt.

Nie hatte sie so viel zu thun gehabt, als gerade jetzt, da Therese im

Bett liegen mußte. "Die Hausthür klingelt nur einmal am Tag", sagte sie,

um anzudeuten, daß die Ladenglocke überhaupt nicht zum Schweigen käme.

"Meine Beine, meine Beine! Noch einen Tag länger, und ich bin fertig."

"Na, an mir ist ja auch nicht viel gelegen", setzte sie oftmals hinzu.

Fräulein Frieda zeigte sich sehr unanstellig und unerfahren. Sie war

natürlich "die Schlechteste, die man hätte kriegen können, zu nichts zu

gebrauchen, nicht mal zum Kartoffelschälen."

"Hätten wir doch Mimi noch", klagte die Tante.

"Wärst Du nicht krank, sofort schickte ich die dumme Person weg. Jede

Minute muß man sich ärgern. Aber wie kann ich jetzt wechseln. Dann ginge

ja wohl alles zu Grunde."

"Warte nur Tantchen, bis ich wieder besser bin, lange kann's ja nicht

mehr dauern", tröstete Therese.

"Zeit wird's", seufzte Frau Caroline. "Alleine halte ich es nicht mehr

aus. Ich bin am ganzen Körper wie zerschlagen. Wenn es so weiter geht,

lege ich mich auch noch hin."

Das klang gerade nicht sehr aufheiternd für Therese. Aber wenn diese die

Bedauernswerte kurz nach solchen Klageliedern im Laden laut lachen, oder

in der Küche mit Tellern unsanft umherstoßen hörte, war sie über Nerven

und Glieder der Tante beruhigt.

Aus dem Durchschnitt · 第 30 / 35 题