Die Verlobungsfeierlichkeit hatte Therese sehr angegriffen. Nach kurzem,
unruhigem Schlaf war sie mit heftigem Husten und leichtem Schüttelfrost
erwacht.
Frau Caroline war sehr besorgt.
Therese wollte durchaus aufstehen, da die Tante sonst den Tag über
allein im Geschäft sein würde, denn das neue Fräulein sollte erst am
andern Tage zugehen. Aber die Tante litt nicht, daß Therese das Bett
verließ. Wenigstens wollte sie vorher mit dem Arzt sprechen.
Ein Kind aus der Nachbarschaft übernahm gern, für zwanzig Pfennig
Botenlohn, diesen zu holen. Er kam und konstatierte eine
Lungenentzündung. Therese müsse unter allen Umständen im Bett bleiben.
Warum man nicht schon früher geschickt hätte. Auch dürfe die Kranke auf
keinen Fall in dem dunklen feuchten Hinterzimmer bleiben. Er nahm die
übrigen Räume in Augenschein und ordnete die Umbettung ins beste Zimmer
an.
Frau Caroline war untröstlich und quälte Therese mit lautem Lamentieren.
Die gutmütige Frau scheute kein Opfer, aber es war ihre Art, alle Dinge
zu vergrößern und über kleine Unbequemlichkeiten tagelang zu jammern.
"Was fang ich an. Wie sollen wir die Möbel umsetzen? Ich kann das nicht.
Ich kann den schweren Schrank nicht tragen."
Therese beruhigte sie, daß man Hilfe finden würde, niemand mute ihr zu,
den schweren Schrank eigenhändig ins andere Zimmer zu tragen.
"Und wenn die Frieda uns nun sitzen läßt", jammerte die Tante weiter.
"Was soll ich anfangen. Alle Hände voll zu thun, und keine Hilfe."
"Warum sollte Fräulein Frieda nicht kommen, liebe Tante?" tröstete die
Kranke. "Du machst Dir viel zu viel unnötige Sorgen."
"Du hast gut sprechen", eiferte die Wittfoth. "Du liegst ruhig im Bett.
Aber ich soll man alles allein fertig bringen. Die Küche sieht schon
aus, daß ich mir die Augen aus'n Kopf schäme. Kein Stück ist rein."
Therese schwieg. Sie wußte, daß in solchen Stunden mit der umständlichen
Frau nicht zu reden war.
Natürlich ging alles besser, als Frau Caroline gedacht hatte. Vater
Beuthien erwies sich beim Umsetzen der Möbel als treuer Bräutigam und
Helfer in der Not, und auch Fräulein Frieda traf rechtzeitig ein, eine
kleine schwarzäugige, bleichsüchtige Brünette, mit Anlagen zur
Korpulenz.
Hermann, der sich zu erkundigen kam, wie das Familienfest den beiden
Damen bekommen sei, erschrak, Therese bettlägerig zu finden. Er kam in
der Folge öfter, und sie ließ es zuletzt zu, daß er vor ihrem Bett saß.
Sie befand sich nie besser, war nie hoffnungsfreudiger, als wenn er bei
ihr war. Sie sprach mit Zuversicht von ihrer baldigen Genesung, und er
unterstützte sie in diesem Glauben, obgleich er sehr besorgt war. Er sah
sie abmagern, sah die kleinen roten Punkte auf den Wangen sich zu
Flecken vergrößern.
Er hatte heimlich mit dem Arzt gesprochen, und der hatte ihm wenig
Hoffnung gemacht. Die Schwindsucht, die bisher im Verborgenen
geschlichen, wäre heftig zum Ausbruch gekommen, und es würde wohl
schnell zu Ende gehen.
Hermann hatte der Tante nichts von seiner Unterredung mit dem Arzt
gesagt, da er sie genügend kannte, um zu wissen, daß sie sich
unverständigen, die Kranke schädigenden Gefühlsausbrüchen hingeben
würde.
Frau Caroline erzählte überhaupt gern Krankengeschichten. Hatte jemand
einen Schnupfen, so wußte sie unbedingt Fälle von tötlicher Ausartung
dieser an sich gefahrlosen Erkältung. Bei einem Sterbefall erinnerte
sie sich eines halben Dutzend anderer und wußte Ursache, Verlauf und
Ende jeder Krankheit bis ins kleinste zu vermelden. Auch
Lungenentzündungsfälle schwerer Art hatte sie genügend erlebt, um
Therese die angenehme Aussicht auf möglicherweise unglücklichen Ausgang
eines solchen Leidens naiv zu eröffnen.
Natürlich nahm sie Theresens Fall nicht für so ernst.
Durch ihr Geschäft, durch die Einführung und Anleitung des neuen
Fräuleins vollauf in Anspruch genommen, blieb sie in ihrer Täuschung.
"Der Husten muß austoben", sagte sie. "Wir wollen Dich schon wieder
rauskriegen. Sei man ruhig."
"Wenn ich nur vor dem Herbst wieder werde, damit ich das schöne Wetter
noch genießen kann", meinte Therese, und die Tante versprach ihr noch
die schönsten Tage.
Vorläufig schienen diese sich auf die Wanderschaft begeben und diesen
Bezirk griesgrämlicheren Vettern überlassen zu haben. Statt der Hitze
der Hundstage war eine Regenperiode angebrochen, wie sie so oft den
Sommer in Hamburg schmälert. Beständige Westwinde trieben immer neue
Regenmassen herbei. Kein Tag verging ohne Niederschläge. Es waren
unfreundliche, fast herbstliche Tage.
Traurig sah Therese von ihrem Lager aus den Regen herunterrauschen,
gegen die Fenster prasseln, von dem Trottoir aufspritzen in kleinen
glitzernden Bögen, Strahlen und Tropfen.
Wie freute sie sich, wenn ein Sonnenstrahl durch das trübselige Grau
drang, an der Wand des Behnschen Hauses herunterglitt, über die Straße
hüpfte, zu ihr ins Zimmer hinein.
Wie gern hätte sie ein Stück Himmel gesehen, aber sie mußte sich von
ihrem Bett aus mit der beschränkten Aussicht auf das Straßenpflaster und
das Parterre des Behnschen Hauses begnügen.
So kam es, daß sie sich häufiger mit dessen Bewohnern beschäftigte,
namentlich mit Lulu.
Wie lange hatte sie Lulu nicht gesehen. Ob sie wohl noch mit Wilhelm
Beuthien ein Verhältnis hatte, wie Mimi einmal behauptete. Therese
konnte es nicht glauben. Mimi übertrieb immer, wenn sie erzählte.
Warum denn Mimi sich wohl gar nicht wieder blicken ließ. Es war doch
unrecht. Ob sie doch stolz geworden war? Wie gerne hätte sie einmal
etwas von ihr gehört.
Hermann schien doch besser über den Schmerz, den Mimi ihm zugefügt,
hinweg zu kommen, als sie geglaubt hatte. Vielleicht war es auch keine
tiefe, echte Neigung von ihm gewesen.
Ob er einer solchen überhaupt fähig war? Keinen Augenblick zweifelte sie
daran.
Wie thöricht war es von Mimi, Hermann nicht festzuhalten. Aber es war
doch gut so. Er würde als Verlobter Mimis nicht so viel Zeit für sie
jetzt übrig gehabt haben.
Wie freute Therese sich auf sein nächstes Kommen, auf das sie sicher
rechnen durfte. Er vergaß sie nie, und sie fühlte wohl, es war echte
Teilnahme, was ihn zu ihr führte, nicht kaltes Pflichtgefühl. Das machte
sie glücklich. Sie hatte Teil an seinem Herzen.
Manchmal aber bangte ihr heimlich, wenn sie erst wieder gesundet sei,
seines Mitleids nicht mehr bedürfe, könnte das alles wieder anders
werden. Und manchmal auch, aber selten, sehr selten, kam ihr die Furcht:
wenn du nun stirbst?
Aber nur wie ein flüchtiger Schatten huschte das Bild des Todes durch
ihre Gedanken. Ihre Hoffnungsfreudigkeit war nicht zu beeinträchtigen,
und es war ein Glück, daß auch Frau Carolinens Sorglosigkeit keine trübe
Stimmung aufkommen ließ.
Die Tante war auch viel zu viel mit sich selbst beschäftigt.
Nie hatte sie so viel zu thun gehabt, als gerade jetzt, da Therese im
Bett liegen mußte. "Die Hausthür klingelt nur einmal am Tag", sagte sie,
um anzudeuten, daß die Ladenglocke überhaupt nicht zum Schweigen käme.
"Meine Beine, meine Beine! Noch einen Tag länger, und ich bin fertig."
"Na, an mir ist ja auch nicht viel gelegen", setzte sie oftmals hinzu.
Fräulein Frieda zeigte sich sehr unanstellig und unerfahren. Sie war
natürlich "die Schlechteste, die man hätte kriegen können, zu nichts zu
gebrauchen, nicht mal zum Kartoffelschälen."
"Hätten wir doch Mimi noch", klagte die Tante.
"Wärst Du nicht krank, sofort schickte ich die dumme Person weg. Jede
Minute muß man sich ärgern. Aber wie kann ich jetzt wechseln. Dann ginge
ja wohl alles zu Grunde."
"Warte nur Tantchen, bis ich wieder besser bin, lange kann's ja nicht
mehr dauern", tröstete Therese.
"Zeit wird's", seufzte Frau Caroline. "Alleine halte ich es nicht mehr
aus. Ich bin am ganzen Körper wie zerschlagen. Wenn es so weiter geht,
lege ich mich auch noch hin."
Das klang gerade nicht sehr aufheiternd für Therese. Aber wenn diese die
Bedauernswerte kurz nach solchen Klageliedern im Laden laut lachen, oder
in der Küche mit Tellern unsanft umherstoßen hörte, war sie über Nerven
und Glieder der Tante beruhigt.