XII.

Inzwischen hatten Lulu Behn und Beuthien aus der Annäherung auf dem

Ottensener Tanzboden Veranlassung zu wachsender Vertraulichkeit

genommen.

Lulus Angst, ihr Abenteuer möchte durch irgend einen Zufall ihrer

Familie verraten werden, wurde bald eingeschläfert. Lange Nachgedanken

und ängstliche Sorgen lagen überhaupt nicht in ihrer Natur.

Und wie viel größere Heimlichkeiten hatte sie jetzt zu bewahren.

Beuthien bereitete es eine prickelnde Genugtuung, die Jugendfreundin,

das Pensionsfräulein, die vornehme Hausbesitzerstochter, zu sich herab

zu ziehen. Aber auch ihre Person ließ ihn nicht kalt. War er auch nicht

verliebt, so war sie ihm doch eine willkommene Abwechselung, einmal

etwas anderes und besseres als Stine und Mine.

Und im Hintergrund stand bei ihm auch die Überlegung; wer weiß, wie es

kommt. Zuletzt war sie doch immer keine schlechte Partie.

Freilich, es war höchst unwahrscheinlich, daß der alte Behn sie ihm

jemals geben würde.

Doch er dachte ja auch nicht eigentlich ans Heiraten, ging nicht darauf

aus.

Lulu aber war ganz Leidenschaft. Mit geschlossenen Augen folgte sie

ihrer Neigung für den ehemaligen Spielkameraden. Es war, als ob ihre

gewöhnliche Natur sich für die Verbildung, für die aufgedrungene

Überfeinerung rächen wollte.

Leichter, als die erste Wiederannäherung, war die Fortsetzung des

Verkehrs zwischen den beiden. Lulu, unbeschränkt in ihrem Thun und

Lassen, Herrin ihrer Zeit, konnte den Geliebten treffen, wann und wo er

bestimmte.

Traf sie ihn unterwegs, und seine Droschke war unbesetzt, so stieg sie

ein, und er fuhr sie auf Umwegen spazieren. Dehnte sich die Fahrt zu

lange aus, so daß er über die Zeit seinem Vater Rechenschaft ablegen und

den Fuhrlohn abliefern mußte, so konnte sie unbedenklich von ihrem nicht

kärglich bemessenen Taschengelde opfern. So ermöglichten sie, da auch er

in nötigen Fällen nicht mit dem Gelde zurückhielt, gelegentlich weitere

Ausfahrten, wo sie zwischen der aristokratischen Abgeschiedenheit

parkumgebener Villen, oder auf einsamen Landstraßen in schon ländlicher

Gegend sich sicher fühlten.

Lulus ruhige, träge Natur kam ihr zu Hilfe bei der Aufgabe, zu Hause

jeden Verdacht nieder zu halten.

Sie war nicht leicht aus ihrer täglichen Art und Weise zu bringen. Zu

statten kam ihr das Gebot des Arztes, der dem häufig an Kopfschmerzen

leidenden, verwöhnten Mädchen, das sich in den Jahren seiner größten

Entwickelung viel zu wenig Körperbewegung machte, tägliches, womöglich

mehrstündiges Spazierengehen empfohlen hatte.

So setzten denn die Eltern den lebhafteren Glanz der Augen, die

schnellere Beweglichkeit der immer von einer inneren Unruhe geplagten

Tochter als wohlthätige Wirkung auf Rechnung dieser Spaziergänge, ohne

zu ahnen, wie sehr sie, wenn auch im andern Sinne, recht hatten.

Schuldbewußt, jeden Anlaß zur Entzweiung vermeidend, ward Lulu auch in

ihrem Benehmen gegen die Mutter und Paula freundlicher, zuvorkommender,

nachgiebiger.

Anna, die seit jener thätlichen Zurechtweisung einen versteckten Krieg

gegen Lulu geführt hatte, war plötzlich entlassen worden.

"Wegen unmoralischen Lebenswandels," sagten die Damen der Nachbarschaft.

"Se is rinfull'n," hieß es bei den Kolleginnen der Gekündigten.

Die offizielle Behnsche Erklärung aber lautete. "Sie hat sich mit meiner

Tochter nicht vertragen können."

Minna, die Nachfolgerin, ein kleines unbedeutendes Mädchen vom Lande,

kam für Lulu nicht in Frage. Ihrer Autorität konnte von der Seite kein

Angriff drohen.

Die Hauptsache für sie war, sich die Schwester gut gesinnt zu erhalten.

Paulas Vertraulichkeit mit ihrem alten Tänzer hatte keine Abnahme

erfahren, zur Belustigung Beuthiens, der an dem Mädchen eine willkommene

Handhabe hatte, sich Lulu in allem gefügiger zu machen.

"Ich sag's Paula," drohte er, und ängstlich gab sie nach.

Paula, deren ganzes Trachten es war, nur ein einziges Mal wieder tanzen

zu können, hatte schließlich Mut gefaßt und sich an einem unbewachten

Sonntagabend davon gestohlen, ohne Hut und Jacke, um sich auf dem

Holsteinischen Baum unter die Zuschauer im Tanzsaal zu mischen, in der

Hoffnung, Beuthien dort zu treffen.

Diesen hatte sie nun nicht dort gefunden, wohl aber Bernhard Prüßnitz,

der mit einem älteren Bruder, einem Sattlerlehrling, anwesend war.

Der Erkennung war eine hastige Begrüßung gefolgt.

"Ach, tanz mal mit mir," bat Paula.

"Kostet das was?"

"Ich habe zwanzig Pfennige, hier."

Sie steckte ihm das Geld zu, und dann stürzten sie sich unter die

Tanzenden, mit klopfenden Herzen und heißen Wangen.

"Du kannst ja nicht," wollte sie ihn anfahren, denn er hüpfte wie ein

junger Hahn und stieß sie gegen die Knie. Aber sie besann sich. Wenn er

sie stehen ließ, wer tanzte dann mit ihr? Besser hopsen, als gar nicht

tanzen.

Gerade wollte sie zum zweiten Mal mit ihm antreten, als sie jemand

heftig am Ellbogen zerrte.

"Paula, Deern, dat segg ich Din Vadder."

Es war Minna, die auf der Suche nach der Vermißten von dem untrüglichen

Instinkt einer gleichgestimmten Seele den Flüchtling sofort hier

vermutet hatte.

Durch Minna, die auf Paulas Bitten und Drohen furchtsam log, was das

größere, ihr überlegene Mädchen ihr einschärfte, kam es nun zwar nicht

an den Tag, aber auf irgend eine für Paula unbegreifliche und nie

aufgeklärte Weise erfuhr Vater Behn von der heimlichen Belustigung

seiner Jüngsten, und zwei gewaltige Maulschellen waren die Anerkennung

ihres frühzeitigen Unternehmungsgeistes.

Paula, wütend auf den unbekannten Verräter, bezichtigte unter zwanzig

anderen auch Lulu der Schändlichkeit, sie "verklatscht" zu haben. Diese,

der Paulas Maulschellen einen Vorgeschmack gaben von dem, was ihrer im

Entdeckungsfalle warten würde, schwur Stein und Bein, unschuldig zu

sein, bemitleidete die Schwester und fand die ganze Geschichte überhaupt

nur halb so schlimm, "aber Papa is ja nu mal so heftig."

Mutter Behn wunderte sich, wie gut sich die Kinder jetzt vertrugen. "Se

ward ja ok ümmer öller und verstänniger", meinte sie.

Aus dem Durchschnitt · 第 18 / 35 题