Einige Tage nach diesem "himmlischen" Ausgehsonntag Mimis war Herr Emil
Pohlenz, von der Firma Müller und Lenze, ohne Probenkoffer, im
Gesellschaftsanzug, mit hellen Glacés und modernstem Cylinder in einer
Droschke vorgefahren und hatte um die Hand der Frau Caroline Wittfoth
angehalten.
Unter gegenseitiger Verlegenheit, die hinter Räuspern und Fußscharren
einen Versteck suchte, hatte man sich den schmalen Korridor entlang bis
ins gute Hinterzimmer komplimentiert. Der große, altväterische
Kleiderschrank, der diesen Gang noch beengte, hatte es auf dem Gewissen,
daß der etwas kurzsichtige Herr Pohlenz im Eifer der Höflichkeit die
Wand streifte und mit einem weißen Aermel die "gute" Stube erreichte.
Das hatte willkommenen Anlaß gegeben, im Verlauf der
Reinigungsbemühungen die beiderseitige Verlegenheit zu überwinden.
Auf der Kante des verblichenen gelbbraunen Rips-Sessels balancierend,
mit schmachtendem Blick über das goldene Pincenez hinweg, hatte dann
Herr Pohlenz der Witwe sein Herz zu Füßen gelegt, "nach reiflicher
Ueberlegung und mit der festen Ueberzeugung, daß sie zusammen glücklich
werden würden".
Frau Caroline hatte ihrerseits kein Hehl daraus gemacht, daß sie in
ihrem fünfjährigen Witwenstand noch keineswegs die Vorzüge der Ehe zu
schätzen verlernt hatte, und ließ durchblicken, daß die gebotene
Gelegenheit zur Rückkehr in den verlassenen Hafen ihr einer Beachtung
nicht unwert erschien.
Herrn Pohlenzens kaufmännische Tüchtigkeit würde unbedingt das Geschäft
ungeahntem Glanz entgegenführen, das Kapital von sechstausend Mark, das
er mitbrächte, wäre nicht zu verachten, und was "das Uebrige"
anbelangte, so fühle sie sich ungemein geschmeichelt und wäre überzeugt,
daß gegenseitige Achtung und Rücksichtnahme das erhoffte Glück verbürgen
würden.
Herr Pohlenz stellte seine Achtung, seine ganz besondere Hochachtung
über allen Zweifel, und "Rücksichtnahme, mein Gott, Rücksichten müßten
wir ja alle nehmen. Wie sollte sonst die Welt bestehen".
Nachdem man noch eine Viertelstunde über das Glück der Ehe im
allgemeinen und die Vorteile einer Verbindung Wittfoth und Pohlenz im
besondern mehr oder weniger sentimentale Betrachtungen angestellt hatte,
mußte Frau Caroline doch bitten, sie nicht schon heute zu diesem
inhaltsschweren Schritt zu drängen. Acht Wochen Bedenkzeit möge er ihr
gestatten, dann wolle sie sich endgiltig entscheiden, und, wie gesagt,
sie wisse die Ehre zu schätzen.
Herr Pohlenz wollte durchaus nicht drängen. Acht Wochen wäre zwar eine
lange Zeit, "wenn es sich um das Glück eines Lebens handelt". Hierbei
unterzog er seinen Cylinder von allen Seiten einer so genauen
Besichtigung, als überlegte er, ob derselbe auch diese Prüfungszeit
überstehen würde.
Aber es sei auch sein Grundsatz, betonte er, nichts ohne reifliche
Ueberlegung zu thun. Kopf und Herz seien ihm immer, so zu sagen, wie
Mann und Frau vorgekommen, und der Mann wäre denn doch immer "derjenige,
welcher".
Diese Bemerkung, so geistreich sie in seinen Augen auch war, war doch
immerhin für einen Freier etwas ungeschickt, und er suchte den Eindruck
durch einen kurzen Verlegenheitshusten zu verwischen.
Frau Caroline bestellte noch, es fiel ihr gerade ein, "an alles muß man
selbst denken", ein Gros Perlmutterknöpfe, kleinste Nummer. Dann trennte
man sich, nachdem Herr Pohlenz noch einige andere Muster ohne Erfolg
angestellt hatte, mit verbindlichem Händedruck.
Der vertröstete Freier hatte noch nicht den Schlag seiner Droschke
geöffnet, als auch schon Frau Caroline hinter seinem Rücken ihre Rechte
heftig an den Falten ihres Wollkleides scheuerte.
In diese kalte, feuchte Hand sollte sie die ihre legen, für immer?
Jedenfalls würde sie sich das in den acht Wochen noch gründlich
überlegen.
Die beiden Mädchen, die schon lange über Herrn Pohlenzens spekulatives
Herz so gut im Klaren waren wie die teilnahmsvolle Nachbarschaft, hatten
keinen Augenblick Zweifel darüber gehegt, welche geschäftlichen
Angelegenheiten die Tante und Prinzipalin mit dem Stadtreisenden von
Müller und Lenze in der Staatsstube zu verhandeln hatte.
Mimi wollte sich "tot" lachen, als die Wittfoth auf die fragenden Blicke
der Mädchen mit einem nicht mißzuverstehenden Lächeln deren Vermutungen
betätigte.
"Frau Pohlenz, gratuliere", rief sie, sich schüttelnd vor Heiterkeit.
Sie durfte sich diese Keckheit schon herausnehmen, da sie wußte, wie die
Wittfoth über ihren Verehrer dachte. Sie fand es zu "gediegen": Dieser
Knirps, dieser Pomadenhengst.
"Wenn ich ihn nur nicht haben sollte", meinte sie.
"Na, na!" neckte Therese.
"Den? nicht vergoldet", beteuerte Mimi.
Therese zweifelte im Ernst nicht an Mimis Abneigung gegen Pohlenz, wußte
sie nun doch zur Genüge, daß zwischen Hermann und Mimi ein ernsteres
Verhältnis bestand, als sie sich bisher eingestehen wollte. Der Verkehr
der beiden hatte nach jenem, für Hermann so "teueren" Sonntag die
bisherige Unbefangenheit verloren. Es bedurfte nicht der Augen einer
Eifersüchtigen, um das zu bemerken. Auch die Tante war hellsichtig genug
und hatte nicht nur Therese gegenüber Andeutungen gemacht, sondern auch
ihren Neffen einmal selbst vorgenommen.
Hermann, der in der Seligkeit, in die ihn der freiwillig gewährte
Gutenachtkuß versetzte, seinen Geldverlust schnell verschmerzt hatte,
war mit sich und seiner Liebe im Klaren. Mimi oder keine.
So hielt er denn auch der Tante gegenüber nicht hinter dem Berg. Es sei
seine feste Absicht, sich mit Mimi zu verloben. Ihres Jawortes glaubte
er sicher zu sein. Von Michaelis an erführe sein Gehalt die planmäßige
Aufbesserung um dreihundert Mark. Dann wolle er bei den Eltern des
Mädchens werben, bis dahin aber auch Mimi noch nicht vor die
Entscheidung stellen.
Frau Caroline hatte keine Gründe dagegen, hielt es aber doch für ihre
Tantenpflicht, vor Uebereilung zu warnen.
Eigentlich berührte diese Frage sie nicht tiefer, als irgend eine
andere. Ihr kam sogar der Gedanke an das Aufsehen, das eine
Doppelverlobung verursachen würde. Tante und Neffe, Prinzipalin und
Gehilfin, vielleicht an einem Tage. Das würde etwas für die Nachbarn
sein.
Ja, seit Hermann die feste Absicht ausgesprochen, zu heiraten, hing auch
sie ihren Heiratsgedanken noch eifriger nach.
Mimi hatte sich nach jenem Tag in Ottensen über die Küsserei geärgert.
Sie war höchst unzufrieden mit sich. Wie sollte sie sich nun Hermann
gegenüber benehmen?
An und für sich war ihr die "dumme Geschichte" sonst nicht so
unangenehm. Sie dachte nicht ohne Genugthuung an den Eindruck, den sie
auf Hermann gemacht.
War Hermann jetzt im Zimmer, in ihrer Nähe, war es ihr immer, als müßte
er sie jeden Augenblick umfassen und küssen. Gewöhnlich suchte sie sich
den Rücken zu decken. Manchmal aber stand sie zitternd, wie unter einem
Bann, wenn sie ihn hinter sich wußte, allein mit ihm, und wie ein Wunsch
nach verbotenen Früchten stieg es heiß in ihr auf.
Das war nicht ohne Reiz. Aber es war doch auch sehr "genant", Therese
und der Prinzipalin gegenüber. Sie wäre auch noch eher darüber weg
gekommen, wenn er nur die Unbefangenheit besser zu bewahren verstanden
hätte. Aber das war jetzt alles so peinlich.
Oft war er befangen, wie ein Schuljunge, und dann wieder von einer
Liebenswürdigkeit, die sie den andern gegenüber in Verlegenheit setzen
mußte.
Daß er jetzt ihr gehörte, ganz, daß sie nur die Hand nach ihm
auszustrecken brauchte, war ihr über jedem Zweifel. Ueber kurz oder lang
mußte er sich erklären. Was dann?
Sie war wirklich in einer schwierigen Lage. Das Gefühl, das sie für ihn
empfand, unterschied sich in nichts von dem Interesse, das ihr jeder
gesunde Mann einflößte, der heiratsfähig und im Besitz seiner graden
Glieder war. Liebe war das nicht.
Ueber die Liebe hatte sie überhaupt ihre eigenen Gedanken.
Wie hatte sie im vorigen Jahr für den braunen, schwarzbärtigen
Postsekretär in der Neustraße geschwärmt. Und jetzt? Neulich sah sie ihn
noch am Arm einer andern, seiner Braut vermutlich. Das Herz war ihr
nicht gebrochen.
Und der hübsche Oberkellner im "Hirsch" in ihrer Vaterstadt Bergedorf,
und der dunkeläugige, finsterblickende Bahnhofsinspektor, der ihr immer
so interessant erschienen war, und zwei oder drei andere. Für jeden
hatte ihr Herz schneller geschlagen, als für Hermann.
Ob das Liebe war?
Dann war es nichts Beständiges, die Liebe, und jedenfalls nichts
Unentbehrliches zum Heiraten.
Freilich, sie möchte mal so recht verliebt sein, so ordentlich verliebt,
wie es in den Büchern steht, und wie es sich Therese immer ausmalt.
"Du meine Wonne, Du mein Schmerz."
Therese hatte es ihr vorgelesen. Therese las sehr schön vor, so wie sie
auf dem Theater sprechen, mit "schtehn" und "schpielen," und so mit
Gefühl, daß man manchmal wirklich glaubte, sie meinte das alles so, und
lese es nicht nur.
Aber die Dichter und Romanschreiber übertreiben immer.
Nein, Mimi hielt nicht viel von diesen hohen Gefühlen.
Und das mochte sie auch an Hermann nicht, daß er manchmal so sentimental
sprechen konnte, so salbungsvoll, wie ein Pastor auf der Kanzel, was
Therese gerade so "reizend" an ihm fand.
Aber er war ja Lehrer, und die haben immer so etwas Apartes. Gewohnheit
thäte ja viel. Wenn sie erst immer zusammen wären, fiele ihr das
vielleicht nicht mehr so auf.
Frau Hauptlehrer Heinecke. Mimi prüfte oft in Gedanken, wie sich das
ausnähme; es schien ihr nicht übel zu klingen.