VI.

Lulu Behn entsprach so ziemlich ihrem Ruf. Vom Vater verzogen, dessen

Liebling die ihm ähnliche Erstgeborene geblieben war, der schwachen,

etwas beschränkten Mutter an Verstand weit überlegen, genoß sie nach

Kräften die bequemen Tage, die die gute Lebensstellung der Eltern ihr

ermöglichte. Ihr Hang zur Bequemlichkeit artete in Trägheit aus, je

weniger die unter harter Arbeit groß gewordene Mutter vom

Selbstwirtschaften ablassen wollte, trotzdem der in den letzten Jahren

oft kränkelnden Frau von dem gutmütigen Mann in jeder Weise

Erleichterung zu Gebote gestellt wurde.

Mit Hilfe eines Dienstmädchens und der zweiten, vierzehnjährigen Tochter

Paula, die in allem der Mutter ähnelte, konnte sie recht gut den

Pflichten des schlicht bürgerlichen Hauswesens nachkommen, ohne auf die

Unterstützung der älteren Tochter angewiesen zu sein.

Lulu, die früh gute Anlagen zum Lernen zeigte, hatte eine für ihre

Verhältnisse sorgsame Ausbildung genossen. Sie war zwei Jahre in einer

auswärtigen Pension gewesen, wohin sie der Vater des Hausfriedens wegen

schickte, da Mutter und Tochter sich schlecht vertrugen.

Auch Musikunterricht hatte Lulu gehabt. Als Dame war sie ins Elternhaus

zurückgekehrt.

Die Schwester war in allem das Gegenteil. Sie zeigte unüberwindliche

Abneigung gegen jedes Lernen, aber alle Talente der Mutter zum

Hauswesen. Hoch aufgeschossen, kräftig, kerniger als die Mutter,

arbeitete sie, wenn es galt, mit dem Dienstmädchen um die Wette. Gab es

nichts zu scheuern, putzen, spülen oder schrapen in der Küche, so

spielte sie lieber auf der Straße mit ihren Altersgenossen, am liebsten

mit den Knaben, als hinter den Schulbüchern zu sitzen.

Der Vater, der sich vom einfachen Maurergesellen zum Hausbesitzer

hinaufgearbeitet hatte, war vernünftig genug, die Kleine, ihren

Neigungen und Fähigkeiten entsprechend in die Volksschule zu schicken.

"Die wird noch mal 'ne fixe Köksch," pflegte er zu sagen. "Jeder nach

seiner Art."

Trotzdem blickte er mit Stolz auf seine gebildete Tochter. Mit der

wollte er höher hinaus.

Schon zweimal hätte Lulu eine anständige Partie machen können, aber

beide Freier waren kleine Handwerker, Anfänger, und der alte Behn wollte

für seine Lulu einen "Herrn".

Glücklich war er, wenn ihm das Mädchen vorspielte. Das Blumenlied von

Gustav Lange, der Kußwalzer von Strauß und die Ouverture zum "Kalifen

von Bagdad" waren seine Lieblinge und Lulus Parforcestücke. Diese und

zwei oder drei andere hatte sie aus der Pension mit nach Hause gebracht

und seitdem nur noch Ludolf Waldmanns gerade populär gewordenes Lied

"Fischerin, Du kleine" hinzugelernt, Paulas Leiblied, zu dem sie

jedesmal zu Lulus Aerger den Text mit ihrer hellen, blechernen

Kinderstimme heruntersang, eine Liebhaberei, die sie mit Anna, dem

Dienstmädchen, teilte.

Lulu war trotz der Pensionserziehung im Grunde ordinär geblieben. Auf

dem Niveau ihres musikalischen Geschmacks stand ihr ganzes Seelenleben.

Sie kleidete sich mit einem Hang zum Auffälligen und sah infolge ihrer

Trägheit und Unordnung in jedem neuen Kostüm bald schlampig und

gewöhnlich aus. Gefallsüchtig, trug sie doch eine gewisse Nonchalance in

Betreff ihrer äußern Erscheinung zur Schau. Sie wußte, daß sie hübsch

war und auch ohne tadellose Toilette die Augen der Männer auf sich zog.

Ihre mittelgroße, wohlproportionierte Figur mit den schwellenden, etwas

zur Ueppigkeit neigenden Formen, der zarte, rosige Teint mit dem feinen

Sommersprossengesprenkel, die zierliche, gerade Nase, die blauen,

eigenartig verschleiert glänzenden Augen, das satte Blond ihrer Haare

und vor allem der sinnlich müde, lüsterne Ausdruck ihres Gesichtes

machten sie jedem Manne interessant.

Das in der Pension verwöhnte Mädchen hatte nach der Rückkehr ins

Elternhaus dem Herrenkreis, mit dem sie durch ihre Familie in Berührung

kam, wenig Beachtung geschenkt. Lulu ließ deutlich durchblicken, daß sie

höhere Ansprüche machte, und schreckte manchen ehrlichen Bewerber ab.

Als aber auch bei ihr dann das Liebesbedürfnis sich einstellte und sie,

der vornehmen Maske müde, Annäherung suchte, war man in ihren Kreisen

ihrer überdrüssig geworden.

Die Mutter war besorgt, die Tochter könnte auf diese Weise ganz leer

ausgehen. Ihr Mann aber meinte, mit neunzehn Jahren hätte Lulu noch

keine so große Eile.

"Tid hätt se, Vadder, aber'n Baron krigt se doch nich", gab die Frau zu.

"Du mit Din Baron", schalt er, "för'n Discher is se mi to god".

"De Hugelmann wär'n flietigen Minschen", verteidigte sie sich. "De Deern

is man krütsch".

"Kann se ok", behauptete er. "För'n Discher is se nich in de Pangschohn

wesen."

"Du mit Din Discher", brummte Mutter Behn.

Während die Eltern über die Frage, ob "Discher" oder "Baron" noch

manchmal viel überflüssige Worte verloren, segelte Lulu bereits mit

vollen Segeln in dem Fahrwasser einer Leidenschaft, dessen Quelle weit

zurück lag, in ihren Kindertagen entsprungen war.

Der alte Behn hatte als Polier geheiratet und damals ein bescheidenes

Häuschen in Barmbeck bewohnt, in unmittelbarer Nachbarschaft des um zwei

Jahre früher verheirateten, älteren Schulfreundes Heinrich Beuthien, der

mit einer Droschke und zwei Pferden sein bescheidenes Fuhrgeschäft

eröffnet hatte.

Hier hatten die Kinder, der zehnjährige Wilhelm und die neunjährige Lulu

im täglichen Verkehr Freundschaft geschlossen, die die ersten

Trennungen, durch Wohnungsveränderungen bedingt, überstand, bis

allmählich der intelligentere, vom Glück begünstigte Behn einen zu

weiten Vorsprung vor seinem früheren Schulkameraden gewann und "das

Pensionsfräulein" dem "Droschkenkutscher" entfremdet wurde.

Als nun der Zufall beide Familien wieder in einer Straße vereinigte, war

die einstige Vertraulichkeit zwischen den Eltern längst erkaltet. Die

Väter begrüßten sich noch gewohnheitsmäßig mit Du, nannten sich aber

nicht mehr beim Vornamen, wie sonst.

Lulu war natürlich für den Spielkameraden aus der Barmbecker Zeit jetzt

das Fräulein Behn, wie er für sie Herr Beuthien.

So peinlich ihr diese Nachbarschaft war, die auch der alte Behn nur aus

zwingenden Geschäftsrücksichten auf sich genommen hatte, und so sehr sie

durch vornehme Zurückhaltung das frühere Verhältnis in Vergessenheit zu

bringen bemüht war, so wenig schien er von der Nähe der Jugendfreundin

und deren jetzigen Vornehmheit geniert. Ja, er that, als hätte er sie

garnicht mit auf der Rechnung. Der hübsche, von allen Weibern beachtete

junge Mann schien durchaus keinen großen Abstand zu empfinden zwischen

einem Droschkenkutscher und der in einer Pension erzogenen Tochter

eines fünffachen Hausbesitzers. Er grüßte sie, wie er ihre Anna,

das Dienstmädchen, grüßte und die Krämersfrau oder die Wittfoth und

andere Frauen und Mädchen aus den Geschäfts- und Wohnkellern der

Nachbarschaft, mit der gleichgiltigen überlegenen Herablassung eines

siegesüberdrüssigen Don Juans.

Er war ihr gegenüber entschieden im Vorteil. Das ärgerte sie.

Als es mit der Vornehmheit nicht glücken wollte, suchte sie den

Unterschied ihrer Stellungen durch ein Herabsteigen aus ihrer Höhe

auszugleichen.

Als auch hier der Erfolg ihren Erwartungen nicht entsprach, und ihm

Fräulein Lulu Behn noch immer mit Stiene und Mine rangierte, erwachte

die gekränkte Eitelkeit.

Aus diesem Kampf um seine Anerkennung erwuchs ihr Interesse für ihn zu

einer fast krankhaften Leidenschaft.

Fuhr er aus, er mußte immer an ihrem Hause vorbei, war sie gewiß am

Fenster. Sie lauerte ihm förmlich auf.

Der junge Beuthien war begehrliche Blicke gewohnt. Er wußte bald, wie

er mit Fräulein Lulu Behn daran war. Aber er hatte auch seinen Stolz.

Sie gefiehl ihm wohl. Er verstand sich auf Weiber. Aber sie war ihm

nicht mehr als hundert andere hübsche Mädchen auch.

Freilich, wenn er einmal mit ihr zu Tanz gehen könnte, wie mit der Anna,

er würde etwas darum geben. Es wäre ihm ein Gaudium. Und dann sie stehen

lassen, wie jede andere Lise.

Aus dem Durchschnitt · 第 10 / 35 题