II.

Frau Caroline Wittfoth war die Witwe eines kleinen Hafenbeamten, der ihr

außer einer geringfügigen Pension soviel hinterlassen hatte, daß sie die

Weiß- und holländische Warenhandlung von der erkrankten Besitzerin

kaufen konnte. Vier Jahre hatte sie seitdem das gut eingeführte Geschäft

mit Glück fortgesetzt und erweitert. Klug und unternehmend, hatte sie

sich bald in die neuen Verhältnisse hineingearbeitet. Sie wußte, was sie

wollte. Die Geschäftsreisenden merkten, daß sie der kleinen helläugigen

Frau nichts aufschwätzen konnten und respektierten ihre

Geschäftstüchtigkeit.

Mehr Mühe und Verdrießlichkeiten hatten ihr im Anfang die jungen Mädchen

gemacht, deren sie zwei benötigte, eine Verkäuferin und eine Schneiderin

für die Anfertigung der Dienstmädchenkostüme.

Sie hatte viel wechseln müssen. Die meistens ungebildeten,

anspruchsvollen Mädchen suchten der kleinen, in manchen Dingen selbst

noch unerfahrenen Frau durch freches Wesen zu imponieren. Aber Frau

Caroline Wittfoth ließ sich nicht in ihrem eigenen Hause "kujonieren".

Sie hatte immer kurzen Prozeß gemacht und, wenn nötig, alle acht Tage

gewechselt, bis sie schließlich die brauchbaren Persönlichkeiten

gefunden und sich in diesem täglichen Kampfe gegen Widersetzlichkeit,

Unordnung und Trägheit soweit geschult und gestählt hatte, daß sie sich

fortan in Respekt zu setzen wußte.

Seit einem halben Jahr hatte sie ihre Nichte Therese Saß, die Tochter

einer verarmt verstorbenen Schwester, zu sich genommen, ein

zweiundzwanzigjähriges, schwächliches, etwas verwachsenes Mädchen, das

erkenntlichen Charakters die Fürsorge der Tante durch hingebende

Pflichttreue vergalt. Therese war sehr geschickt im Schneidern und

erlebte die Genugthuung, daß neuerdings auch einzelne Damen der

Nachbarschaft ihre einfachere Garderobe, Haus- und Morgenröcke, von ihr

anfertigen ließen.

Die Wittfoth selbst verstand nichts von diesem Zweig ihres Geschäftes,

und besorgte lediglich den Laden und die Wirtschaft, wobei sie von einem

zweiten jungen Mädchen unterstützt wurde.

Die achtzehnjährige blühende Blondine mit den großen grauen, blitzenden

Augen wußte ihre Prinzipalin gut zu nehmen. Anstellig und gewandt, war

sie mit Erfolg bestrebt, sich der Wittfoth unentbehrlich zu machen und

sie durch kluges, einschmeichelndes Eingehen auf ihre Schwächen und

Eigenheiten zu gewinnen. Auch die Kunden fesselte das hübsche Mädchen

durch sein gefälliges, entgegenkommendes Wesen.

Mit der stillen, freundlichen Nichte ihrer Herrin hatte Mimi Kruse eine

wärmere Freundschaft geschlossen. Von Natur gutmütig, fühlte sie Mitleid

mit der kränklichen, in einer freudlosen Jugend Verkümmerten, und diese

empfand das frische, immer gleich heitere Wesen Mimis als belebenden

Sonnenstrahl in dem Einerlei ihres zum Verzicht auf jede lautere

Lebensfreude verurteilten Daseins.

So lebten die drei Frauenspersonen wie in Familienzusammengehörigkeit.

Oft kam ein Neffe der Witwe zum Besuch, Hermann Heinecke, ein

Volksschullehrer. Der junge Mann war der Sohn ihres Stiefbruders, der im

Mecklenburgischen eine kleine Landstelle besaß.

Hermann verkehrte gerne bei der Tante, der jungen Mädchen wegen. Der

verwandtschaftlichen Freundschaft für Therese gesellte sich eine

aufrichtige Wertschätzung ihres sanften, geduldigen Wesens und ihres

feineren, tieferen Seelenlebens. Doch die Ergebenheit, die er seiner

Cousine entgegenbrachte, hinderte ihn nicht, der hübschen Verkäuferin

seiner Tante gleichzeitig ein warmes Interesse zu schenken.

Mimi hatte keinen glühenderen Verehrer, als Hermann Heinecke. Sie wußte

das und verwandte alle kleinen Künste der Koketterie, um ihn an sich zu

fesseln.

Das gutmütige, etwas fade, von einem dünnen blonden Bart umrahmte

Gesicht des jungen Mannes war eigentlich nicht "ihre Nummer", wie sie zu

sagen pflegte. Ihre Schwärmerei waren die Schwarzen, Kraushaarigen.

Die goldene Brille, die Hermann trug, söhnte sie jedoch wieder etwas mit

seinem Gesicht aus. Sie hatte, wie die meisten jungen Mädchen, eine

Vorliebe für Augengläser, unter diesen wieder das Pincenez bevorzugend.

Die Brille verlieh dem ziemlich ausdruckslosen Gesicht des Lehrers ein

bedeutenderes Ansehen. Die freundlichen blauen Augen sahen ohne diesen

Schutz etwas blöde in die Welt, gewannen dahinter versteckt jedoch an

Glanz und Leben.

Auch der Umstand, daß die Einfassung der Brille von Gold war, fiel bei

Mimi Kruse durchaus ins Gewicht. Schenkte sie ihre Beachtung einmal

einem Herrn, der eigentlich gegen ihren Geschmack war, so mußte sie

hierzu triftige Gründe haben, zum Beispiel die Aussicht auf nahe und

auskömmliche Versorgung. Und die bot ein junger Lehrer immerhin. Der

Neffe ihrer Prinzipalin war seit Michaelis fest angestellt, hatte ein

gesichertes Einkommen und war pensionsberechtigt. Dafür durfte er schon

blond sein und einen schlichten Scheitel tragen.

Hermann hatte den beiden Mädchen versprochen, sie am ersten Ostertage

spazieren zu führen, und kam nun am Freitag vor dem Feste, noch abends

um 9 Uhr, um seine Einladung zu wiederholen und das Nähere zu bereden.

Man wollte bei günstigem Wetter einen Nachmittagsspaziergang machen und

am Abend ein Theater oder Konzerthaus besuchen. Bei schlechter Witterung

sollte auf dem Dammthorbahnhof oder in der Alsterlust der Kaffee

getrunken werden.

Die Mädchen waren mit Freuden bereit. Namentlich Therese, der so selten

ein Vergnügen wurde, freute sich wie ein Kind.

Mimi brachte sofort die Frage auf. Was ziehe ich an?

Hermann sah sie am liebsten in heller Kleidung, und sie ging sogleich

auf seinen Wunsch ein, ihr hellblaues Wollkleid anzulegen. Von Theresens

Anzug war nicht die Rede. Ihre Garderobe war nicht sehr reichhaltig.

Auch trug sie nur schwarz.

Anstandshalber hatte man auch die Tante eingeladen, in der

Voraussetzung, daß sie ablehnen würde. Man wußte, daß sie um keinen

Preis an irgend einem Tage ihr Geschäft schloß und etwas darin suchte,

zu Hause zu bleiben, wenn andere ausgingen. Sie hatte überhaupt einen

Hang, die Märtyrerin zu spielen, die von allen Kindern Gottes das

geplagteste war.

Trotzdem atmete Hermann auf, als sie ganz entrüstet die Zumutung

zurückwies, am Nachmittag des ersten Ostertages ihren Laden zu

schließen. Sie hatte tausend Gründe dagegen. Gerade an diesem Tage hätte

sie noch in jedem Jahre die glänzendsten Geschäfte gemacht. Für sie gäbe

es keine Feiertage. Wie das wohl werden sollte, wenn sie spazieren

laufen wollte. Und damit burrte sie zum Zimmer hinaus, da die

Ladenglocke schellte.

"Therese, komm mal nach hinten", rief sie gleich darauf wieder durch die

hastig aufgerissene Thür. "Fräulein Behn will Maß genommen haben."

Mit Metermaß und ihrem Notizbüchlein folgte Therese.

Mimi saß am runden Sophatisch. Sie hatte die niedrige Lampe aus

bläulichem Milchglas dicht vor sich gerückt und war beschäftigt, die

dünnen, schmiegsamen Stahlstäbchen in der Taille eines hellen

Mädchenkleides zu befestigen. Der Schein des Lichtes fiel voll auf ihre

etwas großen, aber weichen, schöngeformten Hände, die gut gepflegt

waren, wenn auch nicht jede Spur häuslicher Thätigkeit sich hatte

entfernen lassen.

Mit etwas gezierter Haltung des kleinen Fingers führte sie die Nadel.

Die gleichmäßige Bewegung der vollen, rosigen Mädchenhand, an deren

Mittelfinger ein schmächtiger Ring mit einem falschen grünen Stein matt

glänzte, fesselte Hermanns Blick.

"Wie mögen Sie nur diesen falschen Stein tragen, Fräulein Mimi", sagte

er.

"Schenken Sie mir einen echten, Herr Heinecke", entgegnete sie, ohne

aufzusehen.

"Wenn Sie ganz artig sind", scherzte er.

"Bin ich das nicht immer?"

Sie sah ihn jetzt an, mit einem versteckten Spott in den grauen Augen,

der ihm entging.

In der Vorfreude auf den lange ersehnten Ausgang mit ihr erschien sie

ihm heute doppelt verführerisch. Mit ihr allein jetzt, und so schnell in

diese verfängliche Unterhaltung geraten, fühlte er sich ganz in der

Gewalt ihrer Reize.

Ohne auf ihre Frage zu antworten, stand er auf und stellte sich

schweigend neben ihren Stuhl, der Weiterarbeitenden zusehend.

Ein schwacher Veilchenduft, ihr Lieblingsparfüm, das sie jedoch diskret

gebrauchte, stieg zu ihm auf.

Er zog den Duft ein.

"Ah, Veilchen."

"Das letzte Tröpfchen", lachte sie. "Wenn's verflogen ist, ist es aus

mit der Veilchenherrlichkeit."

"Dann bleiben die Rosen."

"Wie so?"

Er berührte mit dem Rücken der rechten Hand sanft ihre linke Wange.

"Wie Feuer."

Sie schlug nach ihm.

Sie hatte ihn kräftig getroffen. Der Fingerhut entflog ihr bei dem

Schlag und rollte durchs Zimmer unter den altmodischen Sekretär aus

Eichenholz, dessen Messingringe und Schlüssellochumkleidungen der

Verdruß der jungen Mädchen waren, denn nie konnte dieser Zierat der

Wittfoth glänzend genug leuchten.

Hermann, auf der Verfolgung des Ausreißers, lag bäuchlings auf dem

Fußboden und angelte und fegte pustend und ächzend mit einem langen

hölzernen Stricksticken der Tante unter dem ziemlich tiefen Möbel umher,

als das Zimmer von außen geöffnet und die helle Stimme der Tante laut

wurde:

"Unser Wohn- und Arbeitszimmer, Fräulein."

Gleichzeitig erschien Fräulein Behn in dem Rahmen der Thür, noch ehe die

Wittfoth die ungewöhnliche Lage ihres Neffen recht gewahrte.

In größter Verwirrung schnellte Hermann empor, mit bestaubten Aermeln

und Rockschößen, an welchen sich auch die unvermeidlichen Fäden der

Nähstube festgesetzt hatten.

Schallendes Gelächter begrüßte ihn, in das er notgedrungen einstimmte.

"Fräulein Behn, mein Neffe, Herr Heinicke", stellte seine Tante vor.

Die junge Dame maß den Neffen mit etwas spöttischem Blick, der jenem

entging, da er bei seinem demütigen Ritterdienst die Brille vorsichtig

abgenommen hatte und noch immer zwischen Daumen und Zeigefinger der

linken Hand ängstlich von sich abhielt.

Therese beendete die komische Szene, indem sie sich mit der

Kleiderbürste an die Reinigung ihres Vetters machte.

Aus dem Durchschnitt · 第 6 / 35 题