I.

Dem undurchdringlichen Nebel des Märzabends war eine Frostnacht gefolgt.

An der Ecke der Gärtnerstraße und des Durchschnitts, in einem östlichen

Vororte Hamburgs, hatte am Morgen darauf die Glätte des übereisten,

abgenutzten Straßendammes ein Opfer gefordert. Ein Droschkenpferd war so

unglücklich gestürzt, daß an eine Rettung des gutgepflegten, wertvollen

Tieres nicht zu denken war. Beide Vorderbeine waren dem Dunkelbraunen

gebrochen. Schweißbedeckt, mit heftig arbeitenden Lungen, lag er in dem

Kreis der schnell zusammengelaufenen Gaffer.

Der Kutscher, ein älterer Mann, stand in dumpfer Resignation dabei.

"Dat verdammte Jis, dat verdammte Jis", wiederholte er nur immer. Ein

Schlachter drängte sich durch die Menge:

"Na, Beuthien, is he henn?"

"To'n Dübel is he", brach der verhaltene Grimm des Angeredeten los. Er

warf die Peitsche mit einem Fluch auf die Erde und machte sich daran,

den keuchenden Gaul von allem Geschirr zu befreien.

Der Frager und ein junger kräftiger Mann, dessen frisches,

wettergebräuntes Gesicht unverkennbare Aehnlichkeit mit dem Kutscher

aufwies, waren dem hart Betroffenen behilflich.

"Harst doch man Liesch nohmen, Vadder", meinte der junge Mann.

"Schnack morgen klok", war die verbissene Antwort.

In dem Knaul der sich noch immer vermehrenden Zuschauer hielten sich

Mitleid, Neugier und Lust am Unglück die Wage. Auch fehlte es nicht an

schlechten Witzen. Vergeblich bemühte sich ein Schutzmann, die Menge zu

zerstreuen. Er ließ seinen Aerger dafür an den Kindern aus, aber die auf

der einen Seite mit barschem Wort verjagten, schlossen sich auf der

anderen beharrlich wieder an.

Hatte das Publikum nur spöttische Mienen, halblaute Scherze für die

heilige Hermandad, so war die Besitzerin des Eckladens, eines

Geschäftskellers, in dem sich eine Weiß- und holländische Warenhandlung

befand, um so energischer bemüht, den Mann der Ordnung wenigstens durch

ihren Beifall aufzumuntern. Sie war um ihre Spiegelscheiben besorgt.

Die kleine, rundliche Frau war in beständiger Bewegung. Unter Mittelmaß,

kostete es ihr verzweifelte Anstrengungen, dann und wann einen Blick auf

den Gegenstand der allgemeinen Neugier zu ermöglichen.

Einmal versuchte sie sogar, sich von ihrem niedrigen Standpunkt aus

dennoch einen Anteil an der Aktion zu sichern.

"Na, Herr Beuthien, is er tot?" fragte sie mit heller, durchdringender

Stimme in das Gewühl hinein.

"Ne, man so'n bischen", rief ein vorlauter Junge zurück, unter dem

Gelächter der Umstehenden.

Ein Dienstmädchen suchte, mit unwilligem Ellbogenstoß die Zärtlichkeit

eines Gesellen abwehrend, die Nähe der Geärgerten zu gewinnen.

"Morgen, Frau Wittfoth! ich wollt' nur für'n Groschen Haarnadeln haben,

von die langen, wissen Sie woll. Ich komm gleich retour, will man bloß

mal eben Kartoffel holen."

"Recht, Fräulein, holen Sie man bloß mal eben Kartoffel", lachte die

Wittfoth.

Gewandt schlüpfte das Mädchen durch das Gedränge.

Allmählich verlor sich die Menge. Das gestürzte Tier ward bis zur

Ankunft des Frohnes durch übergeworfene Decken dem Anblick der

Vorübergehenden entzogen. Vereinzelt sich anfindende Neugierige wies der

Schutzmann sogleich weiter. Eine halbe Stunde später zeugte nichts mehr

von dem Vorfall.

Frau Caroline Wittfoth war noch beim Sortieren der Haarnadelpäckchen

beschäftigt, ihr nervöser Ordnungssinn hatte immer irgend etwas zu

richten, zu verändern und zu verbessern, als auch schon jenes

Dienstmädchen, mit der gefüllten Kartoffelkiepe am Arm, laut und fahrig

in den Laden trat.

"Nu?" fragte sie mit strahlendem Lachen. "Haben Sie mich die Nadeln

rausgesucht?"

"Sie feiern wohl Geburtstag heute?" meinte die Wittfoth, die verlangten

Haarnadeln einwickelnd.

"Ich? Ne, wie meinem Sie das?"

"Na, ich meine man, weil Sie so vergnügt sind."

"Das sagen Sie man. Mal will unsereins auch lachen. Aergern thut man

sich so schon genug."

"Haben Sie wieder was mit ihr gehabt?"

"Mit ihr nich. Mit ihr werd ich schon fertig. Aber die andere, die meint

wunder, was sie ist, und muß sich doch auch man selbst kratzen, wenn ihr

was beißt."

"Nu aber raus", rief Frau Caroline lachend, beleidigtes Feingefühl

erheuchelnd. Die andere ließ sich jedoch gemütlich auf dem einzigen

Rohrstuhl an der Tonbank nieder.

"Die? das glauben Sie gar nich", fuhr sie fort auszukramen. "Nächstens

ißt sie auch nicht mehr vor Faulheit. Meinen Sie, sie stippt einen

Finger in Wasser? I bewahre, könnt ja naß sein".

"Wie man nur so sein mag", ging Frau Caroline auf die Unterhaltung ein.

"Wenn ich die Mutter wäre".

"Die? die stellt nichts nich mit ihr auf".

"Der Herr sollte sie man mal ordentlich vornehmen". Die Wittfoth machte

eine bezeichnende Handbewegung.

"Dreimal auf'n Tag und düchtig", eiferte das Mädchen. "Aber Herrjeses!

ich vergeß mir ja ganz. Na, das wird'n schönen Segen geben. Sie hat so

keinen Guten heute".

Sie riß ihre Kartoffelkiepe an sich und stürzte mit einem vertraulichen

"Schüüß Frau Wittfoth" fort, mit klirrendem Schlag die Thür hinter sich

schließend.

"Deernsvolk!" schalt die zusammenschreckende Frau hinterher.

Aus dem Durchschnitt · 第 5 / 35 题