Der Verteidiger der Allvermögenheit der Natur (transzendentale
Physiokratie), im Widerspiel mit der Lehre von der Freiheit, würde
seinen Satz, gegen die vernünftelnden Schlüsse der letzteren, auf
folgende Art behaupten. Wenn ihr kein mathematisch Erstes der Zeit
nach in der Welt annehmt, so habt ihr auch nicht nötig, ein dynamisch
Erstes der Kausalität nach zu suchen. Wer hat euch geheißen, einen
schlechthin ersten Zustand der Welt, und mithin einen absoluten Anfang
der nach und nach ablaufenden Reihe der Erscheinungen, zu erdenken,
und, damit ihr eurer Einbildung einen Ruhepunkt verschaffen möget, der
unumschränkten Natur Grenzen zu setzen? Da die Substanzen in der Welt
jederzeit gewesen sind, wenigstens die Einheit der Erfahrung eine
solche Voraussetzung notwendig macht, so hat es keine Schwierigkeit,
auch anzunehmen, daß der Wechsel ihrer Zustände, d.i. eine Reihe ihrer
Veränderungen, jederzeit gewesen sei, und mithin kein erster Anfang,
weder mathematisch, noch dynamisch, gesucht werden dürfe. Die
Möglichkeit einer solchen unendlichen Abstammung, ohne ein erstes
Glied, in Ansehung dessen alles übrige bloß nachfolgend ist, läßt
sich, seiner Möglichkeit nach, nicht begreiflich machen. Aber wenn ihr
diese Naturrätsel darum wegwerfen wollt, so werdet ihr euch genötigt
sehen, viel synthetische Grundbeschaffenheiten zu verwerfen,
(Grundkräfte) die ihr ebensowenig begreifen könnt, und selbst die
Möglichkeit einer Veränderung überhaupt muß euch anstößig werden.
Denn, wenn ihr nicht durch Erfahrung fändet, daß sie wirklich ist,
so würdet ihr niemals a priori ersinnen können, wie eine solche
unaufhörliche Folge von Sein und Nichtsein möglich sei.
Wenn auch indessen allenfalls ein transzendentales Vermögen der
Freiheit nachgegeben wird, um die Weltveränderungen anzufangen, so
würde dieses Vermögen doch wenigstens nur außerhalb der Welt sein
müssen, (wiewohl es immer eine kühne Anmaßung bleibt, außerhalb
dem Inbegriffe aller möglichen Anschauungen, noch einen Gegenstand
anzunehmen, der in keiner möglichen Wahrnehmung gegeben werden kann).
Allein, in der Welt selbst, den Substanzen ein solches Vermögen
beizumessen, kann nimmermehr erlaubt sein, weil alsdann der
Zusammenhang nach allgemeinen Gesetzen sich einander notwendig
bestimmender Erscheinungen, den man Natur nennt, und mit ihm
das Merkmal empirischer Wahrheit, welches Erfahrung vom Traum
unterscheidet, größtenteils verschwinden würde. Denn es läßt sich
neben einem solchen gesetzlosen Vermögen der Freiheit, kaum mehr
Natur denken; weil die Gesetze der letzteren durch die Einflüsse der
ersteren unaufhörlich abgeändert, und das Spiel der Erscheinungen,
welches nach der bloßen Natur regelmäßig und gleichförmig sein würde,
dadurch verwirrt und unzusammenhängend gemacht wird.
Der Antinomie der reinen Vernunft
Vierter Widerstreit der transzendentalen Ideen