Was sich der numerischen Identität seiner Selbst in verschiedenen
Zeiten bewußt ist, ist sofern eine Person:
Nun ist die Seele usw.
Also sie ist eine Person.
Kritik des dritten Paralogisms der transzendentalen
Psychologie
Wenn ich die numerische Identität eines äußeren Gegenstandes durch
Erfahrung erkennen will, so werde ich auf das Beharrliche derjenigen
Erscheinung, worauf, als Subjekt, sich alles übrige als Bestimmung
bezieht, achthaben und die Identität von jenem in der Zeit, da dieses
wechselt, bemerken. Nun aber bin ich ein Gegenstand des inneren
Sinnes und alle Zeit ist bloß die Form des inneren Sinnes. Folglich
beziehe ich alle und jede meiner sukzessiven Bestimmungen auf
das numerisch-identische Selbst, in aller Zeit, d.i. in der Form
der inneren Anschauung meiner selbst. Auf diesen Fuß müßte die
Persönlichkeit der Seele nicht einmal als geschlossen, sondern als ein
völlig identischer Satz des Selbstbewußtseins in der Zeit angesehen
werden, und das ist auch die Ursache, weswegen er a priori gilt. Denn
er sagt wirklich nichts mehr, als in der ganzen Zeit, darin ich mir
meiner bewußt bin, bin ich mir dieser Zeit, als zur Einheit meines
Selbst gehörig, bewußt, und es ist einerlei, ob ich sage: diese
ganze Zeit ist in Mir, als individueller Einheit, oder ich bin, mit
numerischer Identität, in aller dieser Zeit befindlich.
Die Identität der Person ist also in meinem eigenen Bewußtsein
unausbleiblich anzutreffen. Wenn ich mich aber aus dem Gesichtspunkte
eines andern (als Gegenstand seiner äußeren Anschauung) betrachte, so
erwägt dieser äußere Beobachter mich allererst in der Zeit, denn in
der Apperzeption ist die Zeit eigentlich nur in mir vorgestellt. Er
wird also aus dem Ich, welches alle Vorstellungen zu aller Zeit in
meinem Bewußtsein, und zwar mit völliger Identität, begleitet, ob er
es gleich einräumt, doch noch nicht auf die objektive Beharrlichkeit
meiner selbst schließen. Denn da alsdann die Zeit, in welche der
Beobachter mich setzt, nicht diejenige ist, die in meiner eigenen,
sondern die in seiner Sinnlichkeit angetroffen wird, so ist die
Identität, die mit meinem Bewußtsein notwendig verbunden ist, nicht
darum mit dem seinigen, d.i. mit der äußeren Anschauung meines
Subjekts verbunden.
Es ist also die Identität des Bewußtseins Meiner selbst in
verschiedenen Zeiten nur eine normale Bedingung meiner Gedanken und
ihres Zusammenhanges, beweist aber gar nicht die numerische Identität
meines Subjekts, in welchem, ohnerachtet der logischen Identität des
Ich, doch ein solcher Wechsel vorgegangen sein kann, der es nicht
erlaubt, die Identität desselben beizubehalten; obzwar ihm immer noch
das gleichlautende Ich zuzuteilen, welches in jedem andern Zustande,
selbst der Umwandlung des Subjekts, doch immer den Gedanken des
vorhergehenden Subjekts aufbehalten und so auch dem folgenden
überliefern könnte*.
* Eine elastische Kugel, die auf eine gleiche in gerader Richtung
stößt, teilt dieser ihre ganze Bewegung, mithin ihren ganzen Zustand
(wenn man bloß auf die Stellen im Raume sieht) mit. Nehmt nun, nach
der Analogie mit dergleichen Körpern, Substanzen an, deren die eine
der andere Vorstellungen, samt deren Bewußtsein einflößte, so wird
sich eine ganze Reihe derselben denken lassen, deren die erste ihren
Zustand, samt dessen Bewußtsein, der zweiten, diese ihren eigenen
Zustand, samt dem der vorigen Substanz, der dritten und diese ebenso
die Zustände aller vorigen, samt ihrem eigenen und deren Bewußtsein,
mitteilte. Die letzte Substanz würde also aller Zustände der vor ihr
veränderten Substanzen sich als ihrer eigenen bewußt sein, weil jene
zusamt dem Bewußtsein in sie übertragen worden, und demunerachtet,
würde sie doch nicht ebendieselbe Person in allen diesen Zuständen
gewesen sein.
Wenngleich der Satz einiger alten Schulen: daß alles fließend und
nichts in der Welt beharrlich und bleibend sei, nicht stattfinden
kann, sobald man Substanzen annimmt, so ist er doch nicht durch die
Einheit des Selbstbewußtseins widerlegt. Denn wir selbst können aus
unserem Bewußtsein darüber nicht urteilen, ob wir als Seele beharrlich
sind, oder nicht, weil wir zu unserem identischen Selbst nur dasjenige
zählen, dessen wir uns bewußt sind, und so allerdings notwendig
urteilen müssen: daß wir in der ganzen Zeit, deren wir uns bewußt
sind, ebendieselbe sind. In dem Standpunkte eines Fremden aber können
wir dieses darum noch nicht für gültig erklären, weil, da wir an der
Seele keine beharrliche Erscheinung antreffen, als nur die Vorstellung
Ich, welche sie alle begleitet und verknüpft, so können wir niemals
ausmachen, ob dieses Ich (ein bloßer Gedanke) nicht ebensowohl fließe,
als die übrigen Gedanken, die dadurch aneinander gekettet werden.
Es ist aber merkwürdig, daß die Persönlichkeit und deren
Voraussetzung, die Beharrlichkeit, mithin die Substanzialität der
Seele jetzt allererst bewiesen werden muß. Denn könnten wir diese
voraussetzen, so würde zwar daraus noch nicht die Fortdauer des
Bewußtseins, aber doch die Möglichkeit eines fortwährenden Bewußtseins
in einem bleibenden Subjekt folgen, welches zu der Persönlichkeit
schon hinreichend ist, die dadurch, daß ihre Wirkung etwa eine Zeit
hindurch unterbrochen wird, selbst nicht sofort aufhört. Aber diese
Beharrlichkeit ist uns vor der numerischen Identität unserer Selbst,
die wir aus der identischen Apperzeption folgern, durch nichts
gegeben, sondern wird daraus allererst gefolgert, (und auf diese
müßte, wenn es recht zuginge, allererst der Begriff der Substanz
folgen, der allein empirisch brauchbar ist.) Da nun diese Identität
der Person aus der Identität des Ich, in dem Bewußtsein aller Zeit,
darin ich mich erkenne, keineswegs folgt: so hat auch oben die
Substanzialität der Seele darauf nicht gegründet werden können.
Indessen kann, so wie der Begriff der Substanz und des Einfachen,
ebenso auch der Begriff der Persönlichkeit (sofern er bloß
transzendental ist, d.i. Einheit des Subjekts, das uns übrigens
unbekannt ist, in dessen Bestimmungen aber eine durchgängige
Verknüpfung durch Apperzeption ist) bleiben, und sofern ist dieser
Begriff auch zum praktischen Gebrauche nötig und hinreichend, aber auf
ihn, als Erweiterung unserer Selbsterkenntnis durch reine Vernunft,
welche uns eine ununterbrochene Fortdauer des Subjekts aus dem bloßen
Begriffe des identischen Selbst vorspiegelt, können wir nimmermehr
Staat machen, da dieser Begriff sich immer um sich selbst herumdreht,
und uns in Ansehung keiner einzigen Frage, welche auf synthetische
Erkenntnis angelegt ist, weiterbringt. Was Materie für ein Ding an
sich selbst (transzendentales Objekt) sei, ist uns zwar gänzlich
unbekannt; gleichwohl kann doch die Beharrlichkeit derselben als
Erscheinung, dieweil sie als etwas Äußerliches vorgestellt wird,
beobachtet werden. Da ich aber, wenn ich das bloße Ich bei dem Wechsel
aller Vorstellungen beobachten will, kein ander Korrelatum meiner
Vergleichungen habe, als wiederum Mich selbst, mit den allgemeinen
Bedingungen meines Bewußtseins, so kann ich keine andere, als
tautologische Beantwortungen auf alle Fragen geben, indem ich nämlich
meinen Begriff und dessen Einheit den Eigenschaften, die mir selbst
als Objekt zukommen, unterschiebe, und das voraussetze, was man zu
wissen verlangte.
Der vierte Paralogism der Idealität
(des äußeren Verhältnisses)
Dasjenige, auf dessen Dasein, nur als einer Ursache zu gegebenen
Wahrnehmungen, geschlossen werden kann, hat eine nur zweifelhafte
Existenz:
Nun sind alle äußeren Erscheinungen von der Art: daß ihr Dasein nicht
unmittelbar wahrgenommen, sondern auf sie, als die Ursache gegebener
Wahrnehmungen, allein geschlossen werden kann:
Also ist das Dasein aller Gegenstände äußerer Sinne zweifelhaft. Diese
Ungewißheit nenne ich die Idealität äußerer Erscheinungen und die
Lehre dieser Idealität heißt der Idealism, in Vergleichung mit welchem
die Behauptung einer möglichen Gewißheit von Gegenständen äußerer
Sinne, der Dualism genannt wird.
Kritik des vierten Paralogisms der transzendentalen
Psychologie
Zuerst wollen wir die Prämissen der Prüfung unterwerfen. Wir kennen
mit Recht behaupten, daß nur dasjenige, was in uns selbst ist,
unmittelbar wahrgenommen werden könne, und daß meine eigene Existenz
allein der Gegenstand einer bloßen Wahrnehmung sein könne. Also ist
das Dasein eines wirklichen Gegenstandes außer mir (wenn dieses Wort
in intellektueller Bedeutung genommen wird) niemals geradezu in
der Wahrnehmung gegeben, sondern kann nur zu dieser, welche eine
Modifikation des inneren Sinnes ist, als äußere Ursache derselben
hinzugedacht und mithin geschlossen werden. Daher auch Cartesius
mit Recht alle Wahrnehmung in der engsten Bedeutung auf den Satz
einschränkte: Ich (als ein denkend Wesen) bin. Es ist nämlich
klar: daß, da das Äußere nicht in mir ist, ich es nicht in meiner
Apperzeption, mithin auch in keiner Wahrnehmung, welche eigentlich nur
die Bestimmung der Apperzeption ist, antreffen könne.
Ich kann also äußere Dinge eigentlich nicht wahrnehmen, sondern nur
aus meiner inneren Wahrnehmung auf ihr Dasein schließen, indem ich
diese als die Wirkung ansehe, wozu etwas Äußeres die nächste Ursache
ist. Nun ist aber der Schluß von einer gegebenen Wirkung auf eine
bestimmte Ursache jederzeit unsicher; weil die Wirkung aus mehr
all einer Ursache entsprungen sein kann. Demnach bleibt es in der
Beziehung der Wahrnehmung auf ihre Ursache jederzeit zweifelhaft: ob
diese innerlich, oder äußerlich sei, ob also alle sogenannten äußeren
Wahrnehmungen nicht ein bloßes Spiel unseres inneren Sinnes sind,
oder ob sie sich auf äußere wirkliche Gegenstände, als ihre Ursache
beziehen. Wenigstens ist das Dasein der letzteren nur geschlossen, und
läuft die Gefahr aller Schlüsse, dahingegen der Gegenstand des inneren
Sinnes (Ich selbst mit allen meinen Vorstellungen) unmittelbar
wahrgenommen wird, und die Existenz desselben gar keinen Zweifel
leidet.
Unter einem Idealisten muß man also nicht denjenigen verstehen, der
das Dasein äußerer Gegenstände der Sinne leugnet, sondern der nur
nicht einräumt: daß es durch unmittelbare Wahrnehmung erkannt werde,
daraus aber schließt, daß wir ihrer Wirklichkeit durch alle mögliche
Erfahrung niemals völlig gewiß werden können.
Ehe ich nun unseren Paralogismus seinem trüglichen Scheine nach
darstelle, muß ich zuvor bemerken, daß man notwendig einen zweifachen
Idealism unterscheiden müsse, den transzendentalen und den
empirischen. Ich verstehe aber unter dem transzendentalen Idealism
aller Erscheinungen den Lehrbegriff, nach welchem wir sie insgesamt
als bloße Vorstellungen, und nicht als Dinge an sich selbst, ansehen,
und demgemäß Zeit und Raum nur sinnliche Formen unserer Anschauung,
nicht aber für sich gegebene Bestimmungen, oder Bedingungen der
Objekte, als Dinge an sich selbst sind. Diesem Idealism ist ein
transzendentaler Realism entgegengesetzt, der Zeit und Raum als etwas
an sich (unabhängig von unserer Sinnlichkeit) Gegebenes ansieht. Der
transzendentale Realist stellt sich also äußere Erscheinungen (wenn
man ihre Wirklichkeit einräumt) als Dinge an sich selbst vor, die
unabhängig von uns und unserer Sinnlichkeit existieren, also auch nach
reinen Verstandesbegriffen außer uns wären. Dieser transzendentale
Realist ist es eigentlich, welcher nachher den empirischen Idealisten
spielt, und nachdem er fälschlich von Gegenständen der Sinne
vorausgesetzt hat, daß, wenn sie äußere sein sollen, sie an sich
selbst auch ohne Sinne ihre Existenz haben müßten, in diesem
Gesichtspunkte alle unsere Vorstellungen der Sinne unzureichend
findet, die Wirklichkeit derselben gewiß zu machen.
Der transzendentale Idealist kann hingegen ein empirischer Realist,
mithin, wie man ihn nennt, ein Dualist sein, d.i. die Existenz der
Materie einräumen, ohne aus dem bloßen Selbstbewußtsein hinauszugehen,
und etwas mehr, als die Gewißheit der Vorstellungen in mir, mithin das
cogito, ergo sum, anzunehmen. Denn weil er diese Materie und sogar
deren innere Möglichkeit bloß für Erscheinung gelten läßt, die, von
unserer Sinnlichkeit abgetrennt, nichts ist: so ist sie bei ihm nur
eine Art Vorstellungen (Anschauung), welche äußerlich heißen, nicht,
als ob sie sich auf an sich selbst äußere Gegenstände bezögen, sondern
weil sie Wahrnehmungen auf den Raum beziehen, in welchem alles
außereinander, er selbst der Raum aber in uns ist.
Für diesen transzendentalen Idealism haben wir uns nun schon
im Anfange erklärt. Also fällt bei unserem Lehrbegriff alle
Bedenklichkeit weg, das Dasein der Materie ebenso auf das Zeugnis
unseres bloßen Selbstbewußtseins anzunehmen und dadurch für bewiesen
zu erklären, wie das Dasein meiner selbst als eines denkenden Wesens.
Denn ich bin mir doch meiner Vorstellungen bewußt; also existieren
diese und ich selbst, der ich diese Vorstellungen habe. Nun sind aber
äußere Gegenstände (die Körper) bloß Erscheinungen, mithin auch nichts
anderes, als eine Art meiner Vorstellungen, deren Gegenstände nur
durch diese Vorstellungen etwas sind, von ihnen abgesondert aber
nichts sind. Also existieren ebensowohl äußere Dinge, als ich Selbst
existiere, und zwar beide auf das unmittelbare Zeugnis meines
Selbstbewußtseins, nur mit dem Unterschiede: daß die Vorstellung
meiner Selbst, als des denkenden Subjekts, bloß auf den innern, die
Vorstellungen aber, welche ausgedehnte Wesen bezeichnen, auch auf den
äußeren Sinn bezogen werden. Ich habe in Absicht auf die Wirklichkeit
äußerer Gegenstände ebensowenig nötig zu schließen, als in Ansehung
der Wirklichkeit des Gegenstandes meines inneren Sinnes, (meiner
Gedanken), denn sie sind beiderseitig nichts als Vorstellungen, deren
unmittelbare Wahrnehmung (Bewußtsein) zugleich ein genügsamer Beweis
ihrer Wirklichkeit ist.
Also ist der transzendentale Idealist ein empirischer Realist und
gesteht der Materie, als Erscheinung, eine Wirklichkeit zu, die nicht
geschlossen werden darf, sondern unmittelbar wahrgenommen wird.
Dagegen kommt der transzendentale Realismus notwendig in Verlegenheit,
und sieht sich genötigt, dem empirischen Idealismus Platz einzuräumen,
weil er die Gegenstände äußerer Sinne für etwas von den Sinnen selbst
Unterschiedenes und bloße Erscheinungen für selbständige Wesen
ansieht, die sich außer uns befinden; da denn freilich, bei unserem
besten Bewußtsein unserer Vorstellung von diesen Dingen, noch lange
nicht gewiß ist, daß, wenn die Vorstellung existiert, auch der ihr
korrespondierende Gegenstand existiere; dahingegen in unserem System
diese äußeren Dinge, die Materie nämlich, in allen ihren Gestalten und
Veränderungen, nichts als bloße Erscheinungen, d.i. Vorstellungen in
uns sind, deren Wirklichkeit wir uns unmittelbar bewußt werden.
Da nun, soviel ich weiß, alle dem empirischen Idealismus anhängenden
Psychologen transzendentale Realisten sind, so haben sie freilich
ganz konsequent verfahren, dem empirischen Idealism große Wichtigkeit
zuzugestehen, als einem von den Problemen, daraus die menschliche
Vernunft sich schwerlich zu helfen wisse. Denn in der Tat, wenn
man äußere Erscheinungen als Vorstellungen ansieht, die von ihren
Gegenständen, als an sich außer uns befindlichen Dingen, in uns
gewirkt werden, so ist nicht abzusehen, wie man dieser ihr Dasein
anders, als durch den Schluß von der Wirkung auf die Ursache, erkennen
könne, bei welchem es immer zweifelhaft bleiben muß, ob die letztere
in uns, oder außer uns sei. Nun kann man zwar einräumen: daß von
unseren äußeren Anschauungen etwas, was im transzendentalen Verstande
außer uns sein mag, die Ursache sei, aber dieses ist nicht der
Gegenstand, den wir unter den Vorstellungen der Materie und
körperlicher Dinge verstehen; denn diese sind lediglich Erscheinungen,
d.i. bloße Vorstellungsarten, die sich jederzeit nur in uns befinden,
und deren Wirklichkeit auf dem unmittelbaren Bewußtsein ebenso, wie
das Bewußtsein meiner eigenen Gedanken beruht. Der transzendentale
Gegenstand ist, sowohl in Ansehung der inneren als äußeren Anschauung,
gleich unbekannt. Von ihm aber ist auch nicht die Rede, sondern von
dem empirischen, welcher alsdann ein äußerer heißt, wenn er im Raume,
und ein innerer Gegenstand, wenn er lediglich im Zeitverhältnisse
vorgestellt wird, Raum aber und Zeit sind beide nur in uns
anzutreffen.
Weil indessen der Ausdruck: außer uns, eine nicht zu vermeidende
Zweideutigkeit bei sich führt, indem er bald etwas bedeutet, was als
Ding an sich selbst von uns unterschieden existiert, bald was bloß zur
äußeren Erscheinung gehört, so wollen wir, um diesen Begriff in der
letzteren Bedeutung, als in welcher eigentlich die psychologische
Frage, wegen der Realität unserer äußeren Anschauung, genommen wird,
außer Unsicherheit zu setzen, empirisch äußerliche Gegenstände
dadurch von denen, die so im transzendentalen Sinne heißen möchten,
unterscheiden, daß wir sie geradezu Dinge nennen, die im Raume
anzutreffen sind.
Raum und Zeit sind zwar Vorstellungen a priori, welche uns als Formen
unserer sinnlichen Anschauung beiwohnen, ehe noch ein wirklicher
Gegenstand unseren Sinn durch Empfindung bestimmt hat, um ihn unter
jenen sinnlichen Verhältnissen vorzustellen. Allein dieses Materielle
oder Reale, dieses Etwas, was im Raume angeschaut werden soll,
setzt notwendig Wahrnehmung voraus, und kann unabhängig von dieser,
welche die Wirklichkeit von etwas im Raume anzeigt, durch keine
Einbildungskraft gedichtet und hervorgebracht werden. Empfindung
ist also dasjenige, was eine Wirklichkeit im Raume und der Zeit
bezeichnet, nachdem sie auf die eine, oder die andere Art der
sinnlichen Anschauung bezogen wird. Ist Empfindung einmal gegeben,
(welche, wenn sie auf einen Gegenstand überhaupt, ohne diesen zu
bestimmen, angewandt wird, Wahrnehmung heißt,) so kann durch die
Mannigfaltigkeit derselben mancher Gegenstand in der Einbildung
gedichtet werden, der außer der Einbildung im Raume oder der Zeit
keine empirische Stelle hat. Dieses ist ungezweifelt gewiß, man mag
nun die Empfindungen, Lust und Schmerz, oder auch der äußeren, als
Farben, Wärme usw. nehmen, so ist Wahrnehmung dasjenige, wodurch der
Stoff, um Gegenstände der sinnlichen Anschauung zu denken, zuerst
gegeben werden muß. Diese Wahrnehmung stellt also, (damit wir diesmal
nur bei äußeren Anschauungen bleiben) etwas Wirkliches im Raume vor.
Denn erstlich ist Wahrnehmung die Vorstellung einer Wirklichkeit, so
wie Raum die Vorstellung einer bloßen Möglichkeit des Beisammenseins.
Zweitens wird diese Wirklichkeit vor dem äußeren Sinn, d.i. im Raume
vorgestellt. Drittens ist der Raum selbst nichts anderes, als bloße
Vorstellung, mithin kann in ihm nur das als wirklich gelten, was in
ihm vorgestellt* wird, und umgekehrt, was in ihm gegeben, d.i. durch
Wahrnehmung vorgestellt wird, ist in ihm auch wirklich; denn wäre es
in ihm nicht wirklich, d.i. unmittelbar durch empirische Anschauung
gegeben, so könnte es auch nicht erdichtet werden, weil man das Reale
der Anschauungen gar nicht a priori erdenken kann.
* Man muß diesen paradoxen, aber richtigen Satz wohl merken: daß im
Raume nichts sei, als was in ihm vorgestellt wird. Denn der Raum ist
selbst nichts anderes, als Vorstellung, folglich was in ihm ist,
muß in der Vorstellung enthalten sein, und im Raume ist gar nichts,
außer, sofern es in ihm wirklich vorgestellt wird. Ein Satz, der
allerdings befremdlich klingen muß: daß eine Sache nur in der
Vorstellung von ihr existieren könne, der aber hier das Anstößige
verliert, weil die Sachen, mit denen wir es zu tun haben, nicht
Dinge an sich, sondern nur Erscheinungen, d.i. Vorstellungen sind.
Alle äußere Wahrnehmung also beweist unmittelbar etwas Wirkliches im
Raume, oder ist vielmehr das Wirkliche selbst, und insofern ist also
der empirische Realismus außer Zweifel, d.i. es korrespondiert unseren
äußeren Anschauungen etwas Wirkliches im Raume. Freilich ist der Raum
selbst, mit allen seinen Erscheinungen, als Vorstellungen, nur in mir,
aber in diesem Raume ist doch gleichwohl das Reale, oder der Stoff
aller Gegenstände äußerer Anschauung, wirklich und unabhängig von
aller Erdichtung gegeben, und es ist auch unmöglich: daß in diesem
Raume irgend etwas außer uns (im transzendentalen Sinne) gegeben
werden sollte, weil der Raum selbst außer unserer Sinnlichkeit nichts
ist. Also kann der strengste Idealist nicht verlangen, man solle
beweisen: daß unserer Wahrnehmung der Gegenstand außer uns (in
strikter Bedeutung) entspreche. Denn wenn es dergleichen gäbe, so
würde es doch nicht als außer uns vorgestellt und angeschaut werden
können, weil dieses den Raum voraussetzt, und die Wirklichkeit
im Raume, als einer bloßen Vorstellung, nichts anderes als die
Wahrnehmung selbst ist. Das Reale äußerer Erscheinungen ist also
wirklich nur in der Wahrnehmung und kann auf keine andere Weise
wirklich sein.
Aus Wahrnehmungen kann nun, durch ein bloßes Spiel der Einbildung,
oder auch vermittels der Erfahrung, Erkenntnis der Gegenstände erzeugt
werden. Und da können allerdings trügliche Vorstellungen entspringen,
denen die Gegenstände nicht entsprechen und wobei die Täuschung bald
einem Blendwerke der Einbildung, (im Traume), bald einem Fehltritte
der Urteilskraft (beim sogenannten Betruge der Sinne) beizumessen ist.
Um nun hierin dem falschen Scheine zu entgehen, verfährt man nach
der Regel: Was mit einer Wahrnehmung nach empirischen Gesetzen
zusammenhängt, ist wirklich. Allein diese Täuschung sowohl, als die
Verwahrung wider dieselbe, trifft ebensowohl den Idealismus als den
Dualism, indem es dabei nur um die Form der Erfahrung zu tun ist. Den
empirischen Idealismus, als eine falsche Bedenklichkeit wegen der
objektiven Realität unserer äußeren Wahrnehmungen, zu widerlegen, ist
schon hinreichend: daß äußere Wahrnehmung eine Wirklichkeit im Raume
unmittelbar beweise, welcher Raum, ob er zwar an sich nur bloße Form
der Vorstellungen ist, dennoch in Ansehung aller äußeren Erscheinungen
(die auch nichts anderes als bloße Vorstellungen sind) objektive
Realität hat; imgleichen: daß ohne Wahrnehmung selbst die Erdichtung
und der Traum nicht möglich sind, unsere äußeren Sinne also, den
datis nach, woraus Erfahrung entspringen kann, ihre wirklichen
korrespondierenden Gegenstände im Raume haben.
Der dogmatische Idealist würde derjenige sein, der das Dasein der
Materie leugnet, der skeptische, der sie bezweifelt, weil er sie für
unerweislich hält. Der erstere kann es nur darum sein, weil er in der
Möglichkeit einer Materie überhaupt Widersprüche zu finden glaubt,
und mit diesem haben wir es jetzt noch nicht zu tun. Der folgende
Abschnitt von dialektischen Schlüssen, der die Vernunft in ihrem
inneren Streite in Ansehung der Begriffe, die sich von der Möglichkeit
dessen, was in den Zusammenhang der Erfahrung gehört, vorstellt, wird
auch dieser Schwierigkeit abhelfen. Der skeptische Idealist aber, der
bloß den Grund unserer Behauptung anficht und unsere Überredung von
dem Dasein der Materie, die wir auf unmittelbare Wahrnehmung zu
gründen glauben, für unzureichend erklärt, ist sofern ein Wohltäter
der menschlichen Vernunft, als er uns nötigt, selbst bei dem kleinsten
Schritte der gemeinen Erfahrung, die Augen wohl aufzutun, und, was
wir vielleicht nur erschleichen, nicht sogleich als wohlerworben in
unseren Besitz aufzunehmen. Der Nutzen, den diese idealistischen
Entwürfe hier schaffen, fällt jetzt klar in die Augen. Sie treiben
uns mit Gewalt dahin, wenn wir uns nicht in unseren gemeinsten
Behauptungen verwickeln wollen, alle Wahrnehmungen, sie mögen nun
innere, oder äußere heißen, bloß als ein Bewußtsein dessen, was
unserer Sinnlichkeit anhängt und die äußeren Gegenstände derselben
nicht für Dinge an sich selbst, sondern nur für Vorstellungen
anzusehen, deren wir uns, wie jeder anderen Vorstellung, unmittelbar
bewußt werden können, die aber darum äußere heißen, weil sie
demjenigen Sinne anhängen, den wir den äußeren Sinn nennen, dessen
Anschauung der Raum ist, der aber doch selbst nichts anders, als eine
innere Vorstellungsart ist, in welcher sich gewisse Wahrnehmungen
miteinander verknüpfen.
Wenn wir äußere Gegenstände für Dinge an sich gelten lassen, so ist
schlechthin unmöglich zu begreifen, wie wir zur Erkenntnis ihrer
Wirklichkeit außer uns kommen sollten, indem wir um bloß auf die
Vorstellung stützen, die in uns ist. Denn man kann doch außer
sich nicht empfinden, sondern nur in sich selbst, und das ganze
Selbstbewußtsein liefert daher nichts, als lediglich unsere eigenen
Bestimmungen. Also nötigt uns der skeptische Idealism, die einzige
Zuflucht, die uns übrig bleibt, nämlich zu der Idealität aller
Erscheinungen zu ergreifen, welche wir in der transzendentalen
Ästhetik unabhängig von diesen Folgen, die wir damals nicht
voraussehen konnten, dargetan haben. Fragt man nun: ob denn diesem
zufolge der Dualism allein in der Seelenlehre stattfinde, so ist die
Antwort: Allerdings! aber nur im empirischen Verstande, d.i. in dem
Zusammenhange der Erfahrung ist wirklich Materie, als Substanz in der
Erscheinung, dem äußeren Sinne, so wie das denkende Ich, gleichfalls
als Substanz in der Erscheinung, vor dem inneren Sinne gegeben und
nach den Regeln, welche diese Kategorie in den Zusammenhang unserer
äußerer sowohl als innerer Wahrnehmungen zu einer Erfahrung
hineinbringt, müssen auch beiderseits Erscheinungen unter sich
verknüpft werden. Wollte man aber den Begriff des Dualismus, wie es
gewöhnlich geschieht, erweitern und ihn im transzendentalen Verstande
nehmen, so hätten weder er, noch der ihm entgegengesetzte Pneumatismus
einerseits, oder der Materialismus andererseits, nicht den mindesten
Grund, indem man alsbald die Bestimmung seiner Begriffe verfehlte, und
die Verschiedenheit der Vorstellungsart von Gegenständen, die uns nach
dem, was sie an sich sind, unbekannt bleiben, für eine Verschiedenheit
dieser Dinge selbst hält. Ich, durch den inneren Sinn in der Zeit
vorgestellt, und Gegenstände im Raume, außer mir, sind zwar skeptisch
ganz unterschiedene Erscheinungen, aber dadurch werden sie nicht als
verschiedene Dinge gedacht. Das transzendentale Objekt, welches den
äußeren Erscheinungen, imgleichen das, was der inneren Anschauung
zum Grunde liegt, ist weder Materie, noch ein denkend Wesen an sich
selbst, sondern ein uns unbekannter Grund der Erscheinungen, die den
empirischen Begriff von der ersten sowohl als zweiten Art an die Hand
geben.
Wenn wir also, wie uns denn die gegenwärtige Kritik augenscheinlich
dazu nötigt, der oben festgesetzten Regel treu bleiben, unsere Fragen
nicht weiterzutreiben, als nur soweit mögliche Erfahrung uns das
Objekt derselben an die Hand geben kann: so werden wir es uns nicht
einmal einfallen lassen, über die Gegenstände unserer Sinne nach
demjenigen, was sie an sich selbst, d.i. ohne alle Beziehung auf die
Sinne sein mögen, Erkundigung anzustellen Wenn aber der Psycholog
Erscheinungen für Dinge an sich selbst nimmt, so mag er als
Materialist einzig und allein Materie, oder als Spiritualist bloß
denkende Wesen (nämlich nach der Form unseres inneren Sinnes) oder als
Dualist beide, als für sich existierende Dinge, in seinen Lehrbegriff
aufnehmen, so ist er doch immer durch Mißverstand hingehalten über
die Art zu vernünfteln, wie dasjenige an sich selbst existieren möge,
was doch kein Ding an sich, sondern nur die Erscheinung eines Dinges
überhaupt ist.
Betrachtung über die Summe der reinen Seelenlehre, zufolge diesen
Paralogismen
Wenn wir die Seelenlehre, als die Physiologie der inneren Sinnes mit
der Körperlehre, als einer Physiologie der Gegenstände äußerer Sinne
vergleichen: so finden wir, außer dem, daß in beiden vieles empirisch
erkannt werden kann, doch diesen merkwürdigen Unterschied, daß in der
letzteren Wissenschaft doch vieles a priori, aus dem bloßen Begriffe
eines ausgedehnten undurchdringlichen Wesens, in der ersteren
aber, aus dem Begriffe eines denkenden Wesens, gar nichts a priori
synthetisch erkannt werden kann. Die Ursache ist diese. Obgleich
beides Erscheinungen sind, so hat doch die Erscheinung vor dem äußeren
Sinne etwas Stehendes, oder Bleibendes, welches ein, den wandelbaren
Bestimmungen zum Grunde liegendes Substratum und mithin einen
synthetischen Begriff, nämlich den vom Raume und einer Erscheinung in
demselben, an die Hand gibt, anstatt daß die Zeit, welche die einzige
Form unserer inneren Anschauung ist, nichts Bleibendes hat, mithin nur
den Wechsel der Bestimmungen, nicht aber den bestimmbaren Gegenstand
zu erkennen gibt. Denn, in dem was wir Seele nennen, ist alles im
kontinuierlichen Flusse und nichts Bleibendes, außer etwa (wenn man
es durchaus will) das darum so einfache Ich, weil diese Vorstellung
keinen Inhalt, mithin kein Mannigfaltiges hat, weswegen sie auch
scheint ein einfaches Objekt vorzustellen, oder besser gesagt, zu
bezeichnen. Dieses Ich müßte eine Anschauung sein, welche, da sie
beim Denken überhaupt (vor aller Erfahrung) vorausgesetzt würde, als
Anschauung a priori synthetische Sätze lieferte, wenn es möglich sein
sollte, eine reine Vernunfterkenntnis von der Natur eines denkenden
Wesens überhaupt zustande zu bringen. Allein dieses Ich ist sowenig
Anschauung, als Begriff von irgendeinem Gegenstande, sondern die bloße
Form des Bewußtseins, welches beiderlei Vorstellungen begleiten, und
sie dadurch zu Erkenntnissen erheben kann, sofern nämlich dazu noch
irgend etwas anderes in der Anschauung gegeben wird, welches zu einer
Vorstellung von einem Gegenstande Stoff darreicht. Also fällt die
ganze rationale Psychologie, als eine, alle Kräfte der menschlichen
Vernunft übersteigende Wissenschaft, und es bleibt uns nichts übrig,
als unsere Seele an dem Leitfaden der Erfahrung zu studieren und uns
in den Schranken der Fragen zu halten, die nicht weiter gehen, als
mögliche innere Erfahrung ihren Inhalt darlegen kann.
Ob sie nun aber gleich als erweiternde Erkenntnis keinen Nutzen hat,
sondern als solche aus lauter Paralogismen zusammengesetzt ist,
so kann man ihr doch, wenn es für nichts mehr, als eine kritische
Behandlung unserer dialektischer Schlüsse, und zwar der gemeinen und
natürlichen Vernunft gelten soll, einen wichtigen negativen Nutzen
nicht absprechen.
Wozu haben wir wohl eine bloß auf reine Vernunftprinzipien gegründete
Seelenlehre nötig? Ohne Zweifel vorzüglich in der Absicht, um unser
denkendes Selbst wider die Gefahr des Materialismus zu sichern. Dieses
leistet aber der Vernunftbegriff von unserem denkenden Selbst, den wir
gegeben haben. Denn weit gefehlt, daß nach demselben einige Furcht
übrig bliebe, daß, wenn man die Materie wegnähme, dadurch alles Denken
und selbst die Existenz denkender Wesen aufgehoben werden würde,
so wird vielmehr klar gezeigt: daß, wenn ich das denkende Subjekt
wegnähme, die ganze Körperwelt wegfallen muß, als die nichts ist, als
die Erscheinung in der Sinnlichkeit unseres Subjekts und eine Art
Vorstellungen desselben.
Dadurch erkenne ich zwar freilich dieses denkende Selbst seinen
Eigenschaften nach nicht besser, noch kann ich seine Beharrlichkeit,
ja selbst nicht einmal die Unabhängigkeit seiner Existenz, von dem
etwaigen transzendentalen Substratum äußerer Erscheinungen einsehen,
denn dieses ist mir, ebensowohl als jenes, unbekannt. Weil es aber
gleichwohl möglich ist, daß ich anderswoher, als aus bloß spekulativen
Gründen Ursache hernähme, eine selbständige und bei allem möglichen
Wechsel meines Zustandes beharrliche Existenz meiner denkenden
Natur zu hoffen, so ist dadurch schon viel gewonnen, bei dem freien
Geständnis meiner eigenen Unwissenheit, dennoch die dogmatischen
Angriffe eines spekulativen Gegners abtreiben zu können, und ihm zu
zeigen: daß er niemals mehr von der Natur meines Subjekts wissen
könne, um meinen Erwartungen die Möglichkeit abzusprechen, als ich, um
mich an ihnen zu halten.
Auf diesen transzendentalen Schein unserer psychologischen Begriffe
gründen sich dann noch drei dialektische Fragen, welche das
eigentliche Ziel der rationalen Psychologie ausmachen, und nirgends
anders, als durch obige Untersuchungen entschieden werden können:
nämlich 1) von der Möglichkeit der Gemeinschaft der Seele mit einem
organischen Körper, d.i. der Animalität und dem Zustande der Seele im
Leben des Menschen, 2) vom Anfange dieser Gemeinschaft, d.i. der Seele
in und vor der Geburt des Menschen, 3) dem Ende dieser Gemeinschaft,
d.i. der Seele im und nach dem Tode des Menschen (Frage wegen der
Unsterblichkeit).
Ich behaupte nun: daß alle Schwierigkeiten, die man bei diesen Fragen
vorzufinden glaubt, und mit denen, als dogmatischen Einwürfen, man
sich das Ansehen einer tieferen Einsicht in die Natur der Dinge,
als der gemeine Verstand wohl haben kann, zu geben sucht, auf einem
bloßen Blendwerke beruhe, nach welchem man das, was bloß in Gedanken
existiert, hypostasiert, und in ebenderselben Qualität, als einen
wirklichen Gegenstand außerhalb dem denkenden Subjekte annimmt,
nämlich Ausdehnung, die nichts als Erscheinung ist, für eine, auch
ohne unsere Sinnlichkeit, subsistierende Eigenschaft äußerer Dinge,
und Bewegung für deren Wirkung, welche auch außer unseren Sinnen an
sich wirklich vorgeht, zu halten. Denn die Materie, deren Gemeinschaft
mit der Seele so großes Bedenken erregt, ist nichts anderes als eine
bloße Form, oder eine gewisse Vorstellungsart eines unbekannten
Gegenstandes, durch diejenige Anschauung, welche man den äußeren Sinn
nennt. Es mag also wohl etwas außer uns sein, dem diese Erscheinung,
welche wir Materie nennen, korrespondiert; aber, in derselben Qualität
als Erscheinung ist es nicht außer uns, sondern lediglich als ein
Gedanke in uns, wiewohl dieser Gedanke durch genannten Sinn, es als
außer uns befindlich vorstellt. Materie bedeutet also nicht eine von
dem Gegenstande des inneren Sinnes (Seele) so ganz unterschiedene und
heterogene Art von Substanzen, sondern nur die Ungleichartigkeit der
Erscheinungen von Gegenständen (die uns an sich selbst unbekannt
sind), deren Vorstellungen wir äußere nennen, in Vergleichung mit
denen, die wir zum inneren Sinne zählen, ob sie gleich ebensowohl bloß
zum denkenden Subjekte, ab alle übrigen Gedanken, gehören, nur daß
sie dieses Täuschende an sich haben: daß, da sie Gegenstände im Raume
vorstellen, sich gleichsam von der Seele ablösen und außer ihr zu
schweben scheinen, da doch selbst der Raum, darin sie angeschaut
werden, nichts als eine Vorstellung ist, deren Gegenbild in derselben
Qualität außer der Seele gar nicht angetroffen werden kann. Nun ist
die Frage nicht mehr: von der Gemeinschaft der Seele mit anderen
bekannten und fremdartigen Substanzen außer um, sondern bloß von
der Verknüpfung der Vorstellungen des inneren Sinnes mit den
Modifikationen unserer äußeren Sinnlichkeit, und wie diese
untereinander nach beständigen Gesetzen verknüpft sein mögen, so daß
sie in einer Erfahrung zusammenhängen.
Solange wir innere und äußere Erscheinungen, als bloße Vorstellungen
in der Erfahrung, miteinander zusammenhalten, so finden wir nichts
Widersinnisches und welches die Gemeinschaft beider Art Sinne
befremdlich machte. Sobald wir aber die äußeren Erscheinungen
hypostasieren, sie nicht mehr als Vorstellungen, sondern in derselben
Qualität, wie sie in uns sind, auch als außer uns für sich bestehende
Dinge, ihre Handlungen aber, die sie als Erscheinungen gegeneinander
im Verhältnis zeigen, auf unser denkendes Subjekts beziehen, so haben
wir einen Charakter der wirkenden Ursachen außer uns, der sich mit
ihren Wirkungen in uns nicht zusammenreimen will, weil jener sich bloß
auf äußere Sinne, diese aber auf den inneren Sinn beziehen, welche,
ob sie zwar in einem Subjekte vereinigt, dennoch höchst ungleichartig
sind. Da haben wir denn keine anderen äußere Wirkungen, als
Veränderungen des Ortes, und keine Kräfte, als bloß Bestrebungen,
welche auf Verhältnisse im Raume, als ihre Wirkungen, auslaufen. In
uns aber sind die Wirkungen Gedanken, unter denen kein Verhältnis des
Ortes, Bewegung, Gestalt, oder Raumesbestimmung überhaupt stattfindet,
und wir verlieren den Leitfaden der Ursachen gänzlich an den
Wirkungen, die sich davon in dem inneren Sinne zeigen sollten. Aber
wir sollten bedenken: daß nicht die Körper Gegenstände an sich sind,
die uns gegenwärtig sind, sondern eine bloße Erscheinung, wer weiß,
welches unbekannten Gegenstandes, daß die Bewegung nicht die Wirkung
dieser unbekannten Ursache, sondern bloß die Erscheinung ihres
Einflusses auf unsere Sinne sei, daß folglich beide nicht etwas außer
uns, sondern bloß Vorstellungen in uns sind, mithin daß nicht die
Bewegung der Materie in uns Vorstellungen wirke, sondern daß sie
selbst (mithin auch die Materie, die sich dadurch kennbar macht) bloße
Vorstellung sei und endlich die ganze selbstgemachte Schwierigkeit
darauf hinauslaufe: wie und durch welche Ursache die Vorstellungen
unserer Sinnlichkeit so untereinander in Verbindung stehen, daß
diejenige, welche wir äußere Anschauungen nennen, nach empirischen
Gesetzen, als Gegenstände außer uns, vorgestellt werden können, welche
Frage nun ganz und gar nicht die vermeinte Schwierigkeit enthält,
den Ursprung der Vorstellungen von außer uns befindlichen ganz
fremdartigen wirkenden Ursachen zu erklären, indem wir die
Erscheinungen einer unbekannten Ursache für die Ursache außer uns
nehmen, welches nichts als Verwirrung veranlassen kann. In Urteilen,
in denen eine durch lange Gewohnheit eingewurzelte Mißdeutung
vorkommt, ist es unmöglich, die Berichtigung sofort zu derjenigen
Faßlichkeit zu bringen, welche in anderen Fällen gefordert werden
kann, wo keine dergleichen unvermeidliche Illusion den Begriff
verwirrt. Daher wird diese unsere Befreiung der Vernunft von
sophistischen Theorien schwerlich schon die Deutlichkeit haben, die
ihr zur völligen Befriedigung nötig ist.
Ich glaube, diese auf folgende Weise befördern zu können.
Alle Einwürfe können in dogmatische, kritische und skeptische
eingeteilt werden. Der dogmatische Einwurf ist, der wider einen Satz,
der kritische, der wider den Beweis eines Satzes gerichtet ist. Der
erstere bedarf einer Einsicht in die Beschaffenheit der Natur des
Gegenstandes, um das Gegenteil von demjenigen behaupten zu können,
was der Satz von diesem Gegenstande vorgibt, er ist daher selbst
dogmatisch und gibt vor, die Beschaffenheit, von der die Rede, ist,
besser zu kennen, als der Gegenteil. Der kritische Einwurf, weil er
den Satz in seinem Werte oder Unwerte unangetastet läßt, und nur den
Beweis anficht, bedarf gar nicht den Gegenstand besser zu kennen, oder
sich einer besseren Kenntnis desselben anzumaßen; er zeigt nur, daß
die Behauptung grundlos, nicht, daß sie unrichtig sei. Der skeptische
stellt Satz und Gegensatz wechselseitig gegeneinander, als Einwürfe
von gleicher Erheblichkeit, einen jeden derselben wechselweise
als Dogma und den anderen als dessen Einwurf, ist also auf zwei
entgegengesetzten Seiten dem Scheine nach dogmatisch, um alles Urteil
über den Gegenstand gänzlich zu vernichten. Der dogmatische also
sowohl, als skeptische Einwurf, müssen beide so viel Einsicht ihres
Gegenstandes vorgeben, als nötig ist, etwas von ihm bejahend oder
verneinend zu behaupten. Der kritische ist allein von der Art, daß,
indem er bloß zeigt, man nehme zum Behuf seiner Behauptung etwas an,
was nichtig und bloß eingebildet ist, die Theorie stürzt, dadurch, daß
sie ihr die angemaßte Grundlage entzieht, ohne sonst etwas über die
Beschaffenheit des Gegenstandes ausmachen zu wollen.
Nun sind wir nach den gemeinen Begriffen unserer Vernunft in Ansehung
der Gemeinschaft, darin unser denkendes Subjekt mit den Dingen außer
uns steht, dogmatisch und sehen diese als wahrhafte unabhängig von
uns bestehende Gegenstände an, nach einem gewissen transzendentalen
Dualism, der jene äußeren Erscheinungen nicht als Vorstellungen zum
Subjekte zählt, sondern sie, so wie sinnliche Anschauung sie uns
liefert, außer uns als Objekte versetzt und sie von dem denkenden
Subjekte gänzlich abtrennt. Diese Subreption ist nun die Grundlage
aller Theorien über die Gemeinschaft zwischen Seele und Körper,
und es wird niemals gefragt: ob denn diese objektive Realität der
Erscheinungen so ganz richtig sei, sondern diese wird als zugestanden
vorausgesetzt und nur über die Art vernünftelt, wie sie erklärt und
begriffen werden müsse. Die gewöhnlichen drei hierüber erdachten und
wirklich einzig möglichen Systeme sind die, des physischen Einflusses,
der vorher bestimmten Harmonie und der übernatürlichen Assistenz.
Die zwei letzteren Erklärungsarten der Gemeinschaft der Seele mit der
Materie sind auf Einwürfe gegen die erstere, welche die Vorstellung
des gemeinen Verstandes ist, gegründet, daß nämlich dasjenige, was
als Materie erscheint, durch seinen unmittelbaren Einfluß nicht
die Ursache von Vorstellungen, als einer ganz heterogenen Art von
Wirkungen, sein könne. Sie können aber alsdann mit dem, was sie unter
dem Gegenstande äußerer Sinne verstehen, nicht den Begriff einer
Materie verbinden, welche nichts als Erscheinung, mithin schon an sich
selbst bloße Vorstellung, die durch irgendwelche äußeren Gegenstände
gewirkt worden, denn sonst würden sie sagen; daß die Vorstellungen
äußerer Gegenstände (die Erscheinungen) nicht äußere Ursachen der
Vorstellungen in unserem Gemüte sein können, welches ein ganz
sinnleerer Einwurf sein würde, weil es niemanden einfallen wird, das,
was er einmal als bloße Vorstellung anerkannt hat, für eine äußere
Ursache zu halten. Sie müssen also nach unseren Grundsätzen ihre
Theorie darauf richten: daß dasjenige, was der wahre (transzendentale)
Gegenstand unsrer äußeren Sinne ist, nicht die Ursache derjenigen
Vorstellungen (Erscheinungen) sein könne, die wir unter dem Namen
Materie verstehen. Da nun niemand mit Grund vorgeben kann, etwas von
der transzendentalen Ursache unserer Vorstellungen äußerer Sinne
zu kennen, so ist ihre Behauptung ganz grundlos. Wollten aber die
vermeinten Verbesserer der Lehre vom physischen Einflusse, nach der
gemeinen Vorstellungsart eines transzendentalen Dualism, die Materie,
als solche, für ein Ding an sich selbst (und nicht als bloße
Erscheinung eines unbekannten Dinges) ansehen und ihren Einwurf dahin
richten, zu zeigen: daß ein solcher äußerer Gegenstand, welcher keine
andere Kausalität als die der Bewegungen an sich zeigt, nimmermehr
die wirkende Ursache von Vorstellungen sein könne, sondern daß sich
ein drittes Wesen deshalb ins Mittel schlagen müsse, um, wo nicht
Wechselwirkung, doch wenigstens Korrespondenz und Harmonie zwischen
beiden zu stiften: so würden sie ihre Widerlegung davon anfangen, das
proton pheydos des physischen Einflusses in ihrem Dualismus anzunehmen,
und also durch ihren Einwurf nicht sowohl den natürlichen Einfluß,
sondern ihre eigene dualistische Voraussetzung widerlegen. Denn alle
Schwierigkeiten, welche die Verbindung der denkenden Natur mit der
Materie treffen, entspringen ohne Ausnahme lediglich aus jener
erschlichenen dualistischen Vorstellung: daß Materie, als solche,
nicht Erscheinung, d.i. bloße Vorstellung des Gemüts, der ein
unbekannter Gegenstand entspricht, sondern der Gegenstand an sich
selbst sei, so wie er außer uns und unabhängig von aller Sinnlichkeit
existiert.
Es kann also wider den gemein angenommenen physischen Einfluß kein
dogmatischer Einwurf gemacht werden. Denn nimmt der Gegner an: daß
Materie und ihre Bewegung bloße Erscheinungen und also selbst nur
Vorstellungen seien, so kann er nur darin die Schwierigkeit setzen:
daß der unbekannte Gegenstand unserer Sinnlichkeit nicht die Ursache
der Vorstellungen in uns sein könne, welches aber vorzugeben ihn
nicht das mindeste berechtigt, weil niemand von einem unbekannten
Gegenstande ausmachen kann, was er tun oder nicht tun könne. Er muß
aber, nach unseren obigen Beweisen, diesen transzendentalen Idealism
notwendig einräumen, wofern er nicht offenbar Vorstellungen
hypostasieren und sie, als wahre Dinge, außer sich versetzen will.
Gleichwohl kann wider die gemeine Lehrmeinung des physischen
Einflusses ein gegründeter kritischer Einwurf gemacht werden. Eine
solche vorgegebene Gemeinschaft zwischen zwei Arten von Substanzen,
der denkenden und der ausgedehnten, legt einen groben Dualism zum
Grunde und macht die letztere, die doch nichts als bloße Vorstellungen
des denkenden Subjekts sind, zu Dingen, die für sich bestehen. Also
kann der mißverstandene physische Einfluß dadurch völlig vereitelt
werden, daß man den Beweisgrund desselben als nichtig und erschlichen
aufdeckt.
Die berüchtigte Frage, wegen der Gemeinschaft des Denkenden und
Ausgedehnten, würde also, wenn man alles Eingebildete absondert,
lediglich darauf hinauslaufen: wie in einem denkenden Subjekt
überhaupt, äußere Anschauung, nämlich die des Raumes (einer Erfüllung
desselben Gestalt und Bewegung) möglich sei. Auf diese Frage aber
ist es keinem Menschen möglich, eine Antwort zu finden, und man kann
diese Lücke unseres Wissens niemals ausfüllen, sondern nur dadurch
bezeichnen, daß man die äußeren Erscheinungen einem transzendentalen
Gegenstande zuschreibt, welcher die Ursache dieser Art Vorstellungen
ist, den wir aber gar nicht kennen, noch jemals einigen Begriff von
ihm bekommen werden. In allen Aufgaben, die im Felde der Erfahrung
vorkommen mögen, behandeln wir jene Erscheinungen als Gegenstände
an sich selbst, ohne uns um den ersten Grund ihrer Möglichkeit (als
Erscheinungen) zu bekümmern. Gehen wir aber über deren Grenze hinaus,
so wird der Begriff eines transzendentalen Gegenstandes notwendig.
Von diesen Erinnerungen, über die Gemeinschaft zwischen dem denkenden
und den ausgedehnten Wesen, ist die Entscheidung aller Streitigkeiten
oder Einwürfe, welche den Zustand der denkenden Natur vor dieser
Gemeinschaft (dem Leben), oder nach aufgehobener solchen Gemeinschaft
(im Tode) betreffen, eine unmittelbare Folge. Die Meinung, daß das
denkende Subjekt vor aller Gemeinschaft mit Körpern habe denken
können, würde sich so ausdrücken: daß vor dem Anfange dieser Art
der Sinnlichkeit, wodurch uns etwas im Raume erscheint, dieselben
transzendentalen Gegenstände, welche im gegenwärtigen Zustande als
Körper erscheinen, auf ganz andere Art haben angeschaut werden können.
Die Meinung aber, daß die Seele, nach Aufhebung aller Gemeinschaft mit
der körperlichen Welt, noch fortfahren könne zu denken, würde sich in
dieser Form ankündigen: daß, wenn die Art der Sinnlichkeit, wodurch
uns transzendentale und für jetzt ganz unbekannte Gegenstände als
materielle Welt erscheinen, aufhören sollte: so sei darum noch nicht
alle Anschauung derselben aufgehoben und es sei ganz wohl möglich,
daß ebendieselben unbekannten Gegenstände fortführen, obzwar freilich
nicht mehr in der Qualität der Körper, von dem denkenden Subjekt
erkannt zu werden.
Nun kann zwar niemand den mindesten Grund zu einer solchen Behauptung
aus spekulativen Prinzipien anführen, ja nicht einmal die Möglichkeit
davon dartun, sondern nur voraussetzen; aber ebensowenig kann auch
jemand irgendeinen gültigen dogmatischen Einwurf dagegen machen. Denn,
wer er auch sei, so weiß er ebensowenig von der absoluten und inneren
Ursache äußerer und körperlicher Erscheinungen, wie ich, oder jemand
anders. Er kann also auch nicht mit Grund vorgeben, zu wissen, worauf
die Wirklichkeit der äußeren Erscheinungen im jetzigen Zustande (im
Leben) beruhe, mithin auch nicht: daß die Bedingung aller äußeren
Anschauung, oder auch das denkende Subjekt selbst, nach demselben (im
Tode) aufhören werde.
So ist denn also aller Streit über die Natur unseres denkenden Wesens
und der Verknüpfung desselben mit der Körperwelt lediglich eine Folge
davon, daß man in Ansehung dessen, wovon man nichts weiß, die Lücke
durch Paralogismen der Vernunft ausfüllt, da man seine Gedanken zu
Sachen macht und sie hypostasiert, woraus eingebildete Wissenschaft,
sowohl in Ansehung dessen, der bejahend, als dessen, der verneinend
behauptet, entspringt, indem ein jeder entweder von Gegenständen etwas
zu wissen vermeint, davon kein Mensch einigen Begriff hat, oder seine
eigenen Vorstellungen zu Gegenständen macht, und sich so in einem
ewigen Zirkel von Zweideutigkeiten und Widersprüchen herumdreht.
Nichts, als die Nüchternheit einer strengen, aber gerechten Kritik,
kann von diesem dogmatischen Blendwerke, der so viele durch
eingebildete Glückseligkeit, unter Theorien und Systemen hinhält,
befreien, und alle unsere spekulativen Ansprüche bloß auf das Feld
möglicher Erfahrung einschränken, nicht etwa durch schalen Spott
über so oft fehlgeschlagene Versuche, oder fromme Seufzer über die
Schranken unserer Vernunft, sondern vermittels einer nach sicheren
Grundsätzen vollzogenen Grenzbestimmung derselben, welche ihr nihil
ulterius mit größter Zuverlässigkeit an die herkulischen Säulen
heftet, die die Natur selbst aufgestellt hat, um die Fahrt unserer
Vernunft nur so weit, als die stetig fortlaufenden Küsten der
Erfahrung reichen, fortzusetzen, die wir nicht verlassen können, ohne
uns auf einen uferlosen Ozean zu wagen, der uns unter immer trüglichen
Aussichten, am Ende nötigt, alle beschwerliche und langwierige
Bemühung, als hoffnungslos aufzugeben.
* *
*
Wir sind noch eine deutliche und allgemeine Erörterung des
transzendentalen und doch natürlichen Scheins in den Paralogismen der
reinen Vernunft, imgleichen die Rechtfertigung der systematischen und
der Tafel der Kategorien parallel laufenden Anordnungen derselben,
bisher schuldig geblieben. Wir hätten sie im Anfange dieses
Abschnittes nicht übernehmen können, ohne in Gefahr der Dunkelheit
zu geraten, oder uns unschicklicherweise selbst vorzugreifen. Jetzt
wollen wir diese Obliegenheit zu erfüllen suchen.
Man kann allen Schein darin setzen. daß die subjektive Bedingung des
Denkens für die Erkenntnis des Objekts gehalten wird. Ferner haben
wir in der Einleitung in die transzendentale Dialektik gezeigt: daß
reine Vernunft sich lediglich mit der Totalität der Synthesis der
Bedingungen, zu einem gegebenen Bedingten, beschäftige. Da nun der
dialektische Schein der reinen Vernunft kein empirischer Schein sein
kann, der sich beim bestimmten empirischen Erkenntnisse vorfindet: so
wird er das Allgemeine der Bedingungen des Denkens betreffen, und es
wird nur drei Fälle des dialektischen Gebrauches der reinen Vernunft
geben:
1. Die Synthesis der Bedingungen eines Gedankens überhaupt.
2. Die Synthesis der Bedingungen des empirischen Denkens.
3. Die Synthesis der Bedingungen des reinen Denkens.
In allen diesen dreien Fällen beschäftigt sich die reine Vernunft bloß
mit der absoluten Totalität dieser Synthesis, d.i. mit derjenigen
Bedingung, die selbst unbedingt ist. Auf diese Einteilung gründet sich
auch der dreifache transzendentale Schein, der zu drei Abschnitten der
Dialektik Anlaß gibt, und zu ebensoviel scheinbaren Wissenschaften
aus reiner Vernunft, der transzendentalen Psychologie, Kosmologie und
Theologie, die Idee an die Hand gibt. Wir haben es hier nur mit der
ersteren zu tun.
Weil wir beim Denken überhaupt von aller Beziehung des Gedankens
auf irgendein Objekt (es sei der Sinne oder des reinen Verstandes)
abstrahieren: so ist die Synthesis der Bedingungen eines Gedankens
überhaupt (no. 1) gar nicht objektiv, sondern bloß eine Synthesis des
Gedankens mit dem Subjekt, die aber fälschlich für eine synthetische
Vorstellung eines Objekts gehalten wird.
Es folgt aber auch hieraus: daß der dialektische Schluß auf die
Bedingungen alles Denkens überhaupt, die selbst unbedingt ist, nicht
einen Fehler im Inhalte begehe, (denn er abstrahiert von allem Inhalte
oder Objekte) sondern, daß er allein in der Form fehle und Paralogism
genannt werden müsse.
Weil ferner die einzige Bedingung, die alles Denken begleitet, das
Ich, in dem allgemeinen Satze Ich denke, ist, so hat die Vernunft es
mit dieser Bedingung, sofern sie selbst unbedingt ist, zu tun. Sie ist
aber nur die formale Bedingung, nämlich die logische Einheit eines
jeden Gedankens, bei dem ich von allem Gegenstande abstrahiere, und
wird gleichwohl als ein Gegenstand, den ich denke, nämlich: Ich selbst
und die unbedingte Einheit desselben vorgestellt.
Wenn mir jemand überhaupt die Frage aufwürfe: von welcher
Beschaffenheit ist ein Ding, welches denkt? so weiß ich darauf a
priori nicht das mindeste zu antworten, weil die Antwort synthetisch
sein soll (denn eine analytische erklärt vielleicht wohl das Denken,
aber gibt keine erweiterte Erkenntnis von demjenigen, worauf dieses
Denken seiner Möglichkeit nach beruht). Zu jeder synthetischen
Auflösung aber wird Anschauung erfordert, die in der so allgemeinen
Aufgabe gänzlich weggelassen worden. Ebenso kann niemand die Frage in
ihrer Allgemeinheit beantworten: was wohl das für ein Ding sein müsse,
welches beweglich ist? Denn die undurchdringliche Ausdehnung (Materie)
ist alsdann nicht gegeben. Ob ich nun zwar allgemein auf jene Frage
keine Antwort weiß: so scheint es mir doch, daß ich sie im einzelnen
Falle, in dem Satze, der das Selbstbewußtsein ausdrückt: Ich denke,
geben könne. Denn dieses Ich ist das erste Subjekt, d.i. Substanz, es
ist einfach usw. Dieses müßten aber alsdann lauter Erfahrungssätze
sein, die gleichwohl ohne eine allgemeine Regel, welche die
Bedingungen der Möglichkeit zu denken überhaupt und a priori aussagte,
keine dergleichen Prädikate (welche nicht empirisch sind) enthalten
könnte. Auf solche Weise wird mir meine anfänglich so scheinbare
Einsicht, über der Natur eines denkenden Wesens, und zwar aus lauter
Begriffen zu urteilen, verdächtig, ob ich gleich den Fehler derselben
noch nicht entdeckt habe.
Allein, das weitere Nachforschen hinter den Ursprung dieser Attribute,
die ich Mir, als einem denkenden Wesen überhaupt, beilege, kann diesen
Fehler aufdecken. Sie sind nichts mehr als reine Kategorien, wodurch
ich niemals einen bestimmten Gegenstand, sondern nur die Einheit der
Vorstellungen, um einen Gegenstand derselben zu bestimmen, denke. Ohne
eine zum Grunde liegende Anschauung kann die Kategorie allein mir
keinen Begriff von einem Gegenstande verschaffen, denn nur durch
Anschauung wird der Gegenstand gegeben, der hernach der Kategorie
gemäß gedacht wird. Wenn ich ein Ding für eine Substanz in der
Erscheinung erkläre, so müssen mir vorher Prädikate seiner Anschauung
gegeben sein, an denen ich das Beharrliche vom Wandelbaren und das
Substratum (Ding selbst) von demjenigen, was ihm bloß anhängt,
unterscheide. Wenn ich ein Ding einfach in der Erscheinung nenne, so
verstehe ich darunter, daß die Anschauung desselben zwar ein Teil
der Erscheinung sei, selbst aber nicht geteilt werden könne usw. Ist
aber etwas nur für einfach im Begriffe und nicht in der Erscheinung
erkannt, so habe ich dadurch wirklich gar keine Erkenntnis von dem
Gegenstande, sondern nur von meinem Begriffe, den ich mir von etwas
überhaupt mache, daß keiner eigentlichen Anschauung fähig ist. Ich
sage nur, daß ich etwas ganz einfach denke, weil ich wirklich nichts
weiter, als bloß, daß es etwas sei, zu sagen weiß.
Nun ist die bloße Apperzeption (Ich) Substanz im Begriffe, einfach im
Begriffe usw. und so haben alle jene psychologischen Lehrsätze ihre
unstreitige Richtigkeit. Gleichwohl wird dadurch doch dasjenige
keineswegs von der Seele erkannt, was man eigentlich wissen will, denn
alle diese Prädikate gelten gar nicht von der Anschauung, und können
daher auch keine Folgen haben, die auf Gegenstände der Erfahrung
angewandt würden, mithin sind sie völlig leer. Denn jener Begriff der
Substanz lehrt mich nicht: daß die Seele für sich selbst fortdaure,
nicht, daß sie von den äußeren Anschauungen ein Teil sei, der
selbst nicht mehr geteilt werden könne, und der also durch keine
Veränderungen der Natur entstehen, oder vergehen könne; lauter
Eigenschaften, die mir die Seele im Zusammenhange der Erfahrung
kennbar machen, und, in Ansehung ihres Ursprungs und künftigen
Zustandes, Eröffnung geben könnten. Wenn ich nun aber durch bloße
Kategorie sage: die Seele ist eine einfache Substanz, so ist klar,
daß, da der nackte Verstandesbegriff von Substanz nichts weiter
enthält, als daß ein Ding, als Subjekt an sich, ohne wiederum Prädikat
von einem andern zu sein, vorgestellt werden solle, daraus nichts
von Beharrlichkeit folge, und das Attribut des Einfachen diese
Beharrlichkeit gewiß nicht hinzusetzen könne, mithin man dadurch über
das, was die Seele bei den Weltveränderungen treffen könne, nicht im
mindesten unterrichtet werde. Würde man uns sagen können, sie ist
ein einfacher Teil der Materie, würden wir von dieser, aus dem, was
Erfahrung von ihr lehrt, die Beharrlichkeit und, mit der einfachen
Natur zusammen, die Unzerstörlichkeit derselben ableiten können. Davon
sagt uns aber der Begriff des Ich, in dem psychologischen Grundsatze
(Ich denke), nicht ein Wort.
Daß aber das Wesen, welches in uns denkt, durch reine Kategorien,
und zwar diejenigen, welche die absolute Einheit unter jedem Titel
derselben ausdrücken, sich selbst zu erkennen vermeine, rührt daher.
Die Apperzeption ist selbst der Grund der Möglichkeit der Kategorien,
welche ihrerseits nichts anderes vorstellen, als die Synthesis des
Mannigfaltigen der Anschauung, sofern dasselbe in der Apperzeption
Einheit hat. Daher ist das Selbstbewußtsein überhaupt die Vorstellung
desjenigen, was die Bedingung aller Einheit, und doch selbst unbedingt
ist. Man kann daher von dem denkenden Ich (Seele), das sich als
Substanz, einfach, numerisch identisch in aller Zeit, und das
Korrelatum alles Daseins, aus welchem alles andere Dasein geschlossen
werden muß, sagen: daß es nicht sowohl sich selbst durch die
Kategorien, sondern die Kategorien, und durch sie alle Gegenstände,
in der absoluten Einheit der Apperzeption, mithin durch sich selbst
erkennt. Nun ist zwar sehr einleuchtend: daß ich dasjenige, was ich
voraussetzen muß, um überhaupt ein Objekt zu erkennen, nicht selbst
als Objekt erkennen könne, und daß das bestimmende Selbst, (das
Denken) von dem bestimmbaren Selbst (dem denkenden Subjekt), wie
Erkenntnis vom Gegenstande unterschieden sei. Gleichwohl ist nichts
natürlicher und verführerischer, als der Schein, die Einheit in der
Synthesis der Gedanken für eine wahrgenommene Einheit im Subjekte
dieser Gedanken zu halten. Man könnte ihn die Subreption des
hypostasierten Bewußtseins (apperceptiones substantiatae) nennen.
Wenn man den Paralogism in den dialektischen Vernunftschlüssen der
rationalen Seelenlehre, sofern sie gleichwohl richtige Prämissen
haben, logisch betiteln will: so kann er für ein sophisma figurae
dictionis gelten, in welchem der Obersatz von der Kategorie, in
Ansehung ihrer Bedingung, einen bloß transzendentalen Gebrauch, der
Untersatz aber und der Schlußsatz in Ansehung der Seele, die unter
diese Bedingung subsumiert worden, von ebender Kategorie einen
empirischen Gebrauch macht. So ist z.B. der Begriff der Substanz in
dem Paralogismus der Simplizität ein rein intellektueller Begriff, der
ohne Bedingungen der sinnlichen Anschauung bloß von transzendentalen,
d.i. von gar keinem Gebrauch ist. Im Untersatze aber ist ebenderselbe
Begriff auf den Gegenstand aller inneren Erfahrung angewandt,
ohne doch die Bedingung seiner Anwendung in concreto, nämlich die
Beharrlichkeit desselben, voraus festzusetzen und zum Grunde zu legen,
und daher ein empirischer, obzwar hier unzulässiger Gebrauch davon
gemacht worden.
Um endlich den systematischen Zusammenhang aller dieser dialektischen
Behauptungen, in einer vernünftelnden Seelenlehre, in einem
Zusammenhange der reinen Vernunft, mithin die Vollständigkeit
derselben, zu zeigen, so merke man: daß die Apperzeption durch alle
Klassen der Kategorien, aber nur auf diejenigen Verstandesbegriffe
durchgeführt werde, welche in jeder derselben den übrigen zum
Grunde der Einheit in einer möglichen Wahrnehmung liegen, folglich:
Subsistenz, Realität, Einheit (nicht Vielheit) und Existenz, nur daß
die Vernunft sie hier alle als Bedingungen der Möglichkeit eines
denkenden Wesens, die selbst unbedingt sind, vorstellt. Also erkennt
die Seele an sich selbst
1. Die unbedingte Einheit des Verhältnisses
d.i.
sich selbst, nicht als inhärierend,
sondern subsistierend
2. Die unbedingte Einheit 3. Die unbedingte Einheit
der Qualität bei der Vielheit in der Zeit,
d.i. d.i.
nicht als reales Ganze, nicht in verschiedenen Zeiten
sondern einfach* numerisch verschieden, sondern
als Eines und eben dasselbe
Subjekt
4. Die unbedingte Einheit dem Daseins im Raume,
d.i.
nicht als das Bewußtsein mehrerer Dinge außer ihr,
sondern nur des Daseins ihrer selbst,
anderer Dinge aber, bloß
als ihrer Vorstellungen.
* Wie das Einfache hier wiederum der Kategorie der Realität
entspreche, kann ich jetzt noch nicht zeigen, sondern wird
im folgenden Hauptstücke, bei Gelegenheit eines andern
Vernunftgebrauchs ebendesselben Begriffs, gewiesen werden.
Vernunft ist das Vermögen der Prinzipien. Die Behauptungen der reinen
Psychologie enthalten nicht empirische Prädikte von der Seele, sondern
solche, die, wenn sie stattfinden, den Gegenstand an sich selbst
unabhängig von der Erfahrung, mithin durch bloße Vernunft bestimmen
sollen. Sie müßten also billig auf Prinzipien und allgemeine Begriffe
von denkenden Naturen überhaupt gegründet sein. An dessen Statt findet
sich: daß die einzelne Vorstellung, Ich bin, sie insgesamt regiert,
welche eben darum, weil sie die reine Formel aller meiner Erfahrung
(unbestimmt) ausdrückt, sich wie ein allgemeiner Satz, der für alle
denkenden Wesen gelte, ankündigt, und, da er gleichwohl in aller
Absicht einzeln ist, den Schein einer absoluten Einheit der
Bedingungen des Denkens überhaupt bei sich führt, und dadurch sich
weiter ausbreitet, als mögliche Erfahrung reichen könnte.
Der transzendentalen Dialektik
Zweites Buch
Zweites Hauptstück
Die Antinomie der reinen Vernunft
Wir haben in der Einleitung zu diesem Teile unseres Werks gezeigt, daß
aller transzendentale Schein der reinen Vernunft auf dialektischen
Schlüssen beruhe, deren Schema die Logik in den drei formalen Arten
der Vernunftschlüsse überhaupt an die Hand gibt, so wie etwa die
Kategorien ihr logisches Schema in den vier Funktionen aller Urteile
antreffen. Die erste Art dieser vernünftelnden Schlüsse ging auf die
unbedingte Einheit der subjektiven Bedingungen aller Vorstellungen
überhaupt (des Subjekts oder der Seele), in Korrespondenz mit den
kategorischen Vernunftschlüssen, deren Obersatz, als Prinzip, die
Beziehung eines Prädikats auf ein Subjekt aussagt. Die zweite
Art des dialektischen Arguments wird also, nach der Analogie mit
hypothetischen Vernunftschlüssen, die unbedingte Einheit der
objektiven Bedingungen in der Erscheinung zu ihrem Inhalte machen, so
wie die dritte Art, die im folgenden Hauptstücke vorkommen wird, die
unbedingte Einheit der objektiven Bedingungen der Möglichkeit der
Gegenstände überhaupt zum Thema hat.
Es ist aber merkwürdig, daß der transzendentale Paralogismus einen
bloß einseitigen Schein, in Ansehung der Idee von dem Subjekte unseres
Denkens, bewirkte, und zur Behauptung des Gegenteils sich nicht der
mindeste Schein aus Vernunftbegriffen vorfinden will. Der Vorteil ist
gänzlich auf der Seite des Pneumatismus, obgleich dieser den Erbfehler
nicht verleugnen kann, bei allem ihm günstigen Schein in der
Feuerprobe der Kritik sich in lauter Dunst aufzulösen.
Ganz anders fällt es aus, wenn wir die Vernunft auf die objektive
Synthesis der Erscheinungen anwenden, wo sie ihr Prinzipium der
unbedingten Einheit zwar mit vielem Scheine geltend zu machen denkt,
sich aber bald in solche Widersprüche verwickelt, daß sie genötigt
wird, in kosmologischer Absicht, von ihrer Forderung abzustehen.
Hier zeigt sich nämlich ein neues Phänomen der menschlichen Vernunft,
nämlich: eine ganz natürliche Antithetik, auf die keiner zu grübeln
und künstlich Schlingen zu legen braucht, sondern in welche die
Vernunft von selbst und zwar unvermeidlich gerät, und dadurch zwar
vor den Schlummer einer eingebildeten Überzeugung, den ein bloß
einseitiger Schein hervorbringt, verwahrt, aber zugleich in Versuchung
gebracht wird, sich entweder einer skeptischen Hoffnungslosigkeit zu
überlassen, oder einen dogmatischen Trotz anzunehmen und den Kopf
steif auf gewisse Behauptungen zu setzen, ohne den Gründen des
Gegenteils Gehör und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Beides ist
der Tod einer gesunden Philosophie, wiewohl jener allenfalls noch die
Euthanasie der reinen Vernunft genannt werden könnte.
Ehe wir die Auftritte des Zwiespalts und der Zerrüttungen sehen
lassen, welche dieser Widerstreit der Gesetze (Antinomie) der reinen
Vernunft veranlaßt, wollen wir gewisse Erörterungen geben, welche
die Methode erläutern und rechtfertigen können, deren wir uns
in Behandlung unseres Gegenstandes bedienen. Ich nenne alle
transzendentalen Ideen, sofern sie die absolute Totalität in der
Synthesis der Erscheinungen betreffen, Weltbegriffe, teils wegen eben
dieser unbedingten Totalität, worauf auch der Begriff des Weltganzen
beruht, der selbst nur eine Idee ist, teils weil sie lediglich auf die
Synthesis der Erscheinungen, mithin die empirische, gehen, da hingegen
die absolute Totalität, in der Synthesis der Bedingungen aller
möglichen Dinge überhaupt, ein Ideal der reinen Vernunft veranlassen
wird, welches von dem Weltbegriffe gänzlich unterschieden ist, ob es
gleich darauf in Beziehung steht. Daher, so wie die Paralogismen der
reinen Vernunft den Grund zu einer dialektischen Psychologie legten,
so wird die Antinomie der reinen Vernunft die transzendentalen
Grundsätze einer vermeinten reinen (rationalen) Kosmologie vor Augen
stellen, nicht, um sie gültig zu finden und sich zuzueignen, sondern,
wie es auch schon die Benennung von einem Widerstreit der Vernunft
anzeigt, um sie als eine Idee, die sich mit Erscheinungen nicht
vereinbaren läßt, in ihrem blendenden aber falschen Scheine
darzustellen.
Der Antinomie der reinen Vernunft
Erster Abschnitt
System der kosmologischen Ideen
Um nun diese Ideen nach einem Prinzip mit systematischer Präzision
aufzählen zu können, müssen wir erstlich bemerken, daß nur der
Verstand es sei, aus welchem reine und transzendentale Begriffe
entspringen können, daß die Vernunft eigentlich gar keinen Begriff
erzeuge, sondern allenfalls nur den Verstandesbegriff, von den
unvermeidlichen Einschränkungen einer möglichen Erfahrung, frei
mache, und ihn also über die Grenzen des Empirischen, doch aber
in Verknüpfung mit demselben zu erweitern suche. Dieses geschieht
dadurch, daß sie zu einem gegebenen Bedingten auf der Seite der
Bedingungen (unter denen der Verstand alle Erscheinungen der
synthetischen Einheit unterwirft) absolute Totalität fordert, und
dadurch die Kategorie zur transzendentalen Idee macht, um der
empirischen Synthesis, durch die Fortsetzung derselben bis zum
Unbedingten, (welches niemals in der Erfahrung, sondern nur in der
Idee angetroffen wird,) absolute Vollständigkeit zu geben. Die
Vernunft fordert dieses nach dem Grundsatze: wenn das Bedingte
gegeben ist, so ist auch die ganze Summe der Bedingungen, mithin das
schlechthin Unbedingte gegeben, wodurch jenes allein möglich war. Also
werden erstlich die transzendentalen Ideen eigentlich nichts, als
bis zum Unbedingten erweiterte Kategorien sein, und jene werden sich
in eine Tafel bringen lassen, die nach den Titeln der letzteren
angeordnet ist. Zweitens aber werden doch auch nicht alle Kategorien
dazu taugen, sondern nur diejenige, in welchen die Synthesis eine
Reihe ausmacht, und zwar der einander untergeordneten (nicht
beigeordneten) Bedingungen zu einem Bedingten. Die absolute Totalität
wird von der Vernunft nur sofern gefordert, als sie die aufsteigende
Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten angeht, mithin
nicht, wenn von der absteigenden Linie der Folgen, noch auch von dem
Aggregat koordinierter Bedingungen zu diesen Folgen, die Rede ist.
Denn Bedingungen sind in Ansehung des gegebenen Bedingten schon
vorausgesetzt und mit diesem auch als gegeben anzusehen, anstatt daß,
da die Folgen ihre Bedingungen nicht möglich machen, sondern vielmehr
voraussetzen, man im Fortgange zu den Folgen (oder im Absteigen von
der gegebenen Bedingung zu dem Bedingten) unbekümmert sein kann, ob
die Reihe aufhöre oder nicht, und überhaupt die Frage, wegen ihrer
Totalität, gar keine Voraussetzung der Vernunft ist.
So denkt man sich notwendig eine bis auf den gegebenen Augenblick
völlig abgelaufene Zeit, auch als gegeben, (wenngleich nicht durch
uns bestimmbar). Was aber die künftige betrifft, da sie die Bedingung
nicht ist, zu der Gegenwart zu gelangen, so ist es, um diese zu
begreifen, ganz gleichgültig, wie wir es mit der künftigen Zeit halten
wollen, ob man sie irgendwo aufhören, oder ins Unendliche laufen
lassen will. Es sei die Reihe m, n, o, worin n als bedingt in Ansehung
m, aber zugleich als Bedingung von o gegeben ist, die Reihe gehe
aufwärts von dem bedingten n zu m (l, k, i, etc.), imgleichen abwärts
von der Bedingung n zum bedingten o (p, q, r, etc.), so muß ich die
erstere Reihe voraussetzen, um n als gegeben anzusehen, und n ist nach
der Vernunft (der Totalität der Bedingungen) nur vermittelst jener
Reihe möglich, seine Möglichkeit beruht aber nicht auf der folgenden
Reihe o, p, q, r, die daher auch nicht als gegeben, sondern nur als
dabilis angesehen werden könne.
Ich will die Synthesis einer Reihe auf der Seite der Bedingungen, also
von derjenigen an, welche die nächste zur gegebenen Erscheinung ist,
und so zu den entfernteren Bedingungen, die regressive, diejenige
aber, die auf der Seite des Bedingten, von der nächsten Folge zu den
entfernteren fortgeht, die progressive Synthesis nennen. Die erstere
geht in antecedentia, die zweite in consequentia. Die kosmologischen
Ideen also beschäftigen sich mit der Totalität der regressiven
Synthesis, und gehen in antecedentia, nicht in consequentia. Wenn
dieses letztere geschieht, so ist es ein willkürliches und nicht
notwendiges Problem der reinen Vernunft, weil wir zur vollständigen
Begreiflichkeit dessen, was in der Erscheinung gegeben ist, wohl der
Gründe, nicht aber der Folgen bedürfen.
Um nun nach der Tafel der Kategorien die Tafel der Ideen einzurichten,
so nehmen wir zuerst die zwei ursprünglichen quanta aller unserer
Anschauung, Zeit und Raum. Die Zeit ist an sich selbst eine Reihe
(und die formale Bedingung aller Reihen), und daher sind in ihr, in
Ansehung einer gegebenen Gegenwart, die antecedentia als Bedingungen
(das Vergangene) von den consequentibus (dem Künftigen) a priori zu
unterscheiden. Folglich geht die transzendentale Idee, der absoluten
Totalität der Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten, nur
auf alle vergangene Zeit. Es wird nach der Idee der Vernunft die ganze
verlaufene Zeit als Bedingung des gegebenen Augenblicks notwendig als
gegeben gedacht. Was aber den Raum betrifft, so ist in ihm an sich
selbst kein Unterschied des Progressus vom Regressus, weil er ein
Aggregat, aber keine Reihe ausmacht, indem seine Teile insgesamt
zugleich sind. Den gegenwärtigen Zeitpunkt konnte ich in Ansehung
der vergangenen Zeit nur als bedingt, niemals aber als Bedingung
derselben, ansehen, weil dieser Augenblick nur durch die verflossene
Zeit (oder vielmehr durch das Verfliessen der vorhergehenden Zeit)
allererst entspringt. Aber da die Teile des Raumes einander nicht
untergeordnet, sondern beigeordnet sind, so ist ein Teil nicht die
Bedingung der Möglichkeit des anderen, und er macht nicht, so wie
die Zeit, an sich selbst eine Reihe aus. Allein die Synthesis der
mannigfaltigen Teile des Raumes, wodurch wir ihn apprehendieren, ist
doch successiv, geschieht also in der Zeit und enthält eine Reihe.
Und da in dieser Reihe der aggregierten Räume (z.B. der Füße in einer
Rute) von einem gegebenen an, die weiter hinzugedachten immer die
Bedingung von der Grenze der vorigen sind, so ist das Messen eines
Raumes auch als eine Synthesis einer Reihe der Bedingungen zu einem
gegebenen Bedingten anzusehen, nur daß die Seite der Bedingungen, von
der Seite, nach welcher das Bedingte hin liegt, an sich selbst nicht
unterschieden ist, folglich regressus und progressus im Raume einerlei
zu sein scheint. Weil indessen ein Teil des Raumes nicht durch den
anderen gegeben, sondern nur begrenzt wird, so müssen wir jeden
begrenzten Raum insofern auch als bedingt ansehen, der einen anderen
Raum als die Bedingung seiner Grenze voraussetzt, und so fortan.
In Ansehung der Begrenzung ist also der Fortgang im Raume auch ein
Regressus, und die transzendentale Idee der absoluten Totalität der
Synthesis in der Reihe der Bedingungen trifft auch den Raum, und ich
kann ebensowohl nach der absoluten Totalität der Erscheinung im Raume,
als der in der verflossenen Zeit, fragen. Ob aber überall darauf auch
eine Antwort möglich sei, wird sich künftig bestimmen lassen.
Zweitens, so ist die Realität im Raume, d.i. die Materie, ein
Bedingtes, dessen innere Bedingungen seine Teile, und die Teile der
Teile die entfernten Bedingungen sind, so daß hier eine regressive
Synthesis stattfindet, deren absolute Totalität die Vernunft fordert,
welche nicht anders als durch eine vollendete Teilung, dadurch die
Realität der Materie entweder in Nichts oder doch in das, was nicht
mehr Materie ist, nämlich das Einfache, verschwindet, stattfinden
kann. Folglich ist hier auch eine Reihe von Bedingungen und ein
Fortschritt zum Unbedingten.
Drittens, was die Kategorien des realen Verhältnisses unter den
Erscheinungen anlangt, so schickt sich die Kategorie der Substanz
mit ihren Akzidenzen nicht zu einer transzendentalen Idee; d.i.
die Vernunft hat keinen Grund, in Ansehung ihrer, regressiv auf
Bedingungen zu gehen. Denn Akzidenzen sind (sofern sie einer einigen
Substanz inhärieren) einander koordiniert, und machen keine Reihe aus.
In Ansehung der Substanz aber sind sie derselben eigentlich nicht
subordiniert, sondern die Art zu existieren der Substanz selber. Was
hierbei noch scheinen könnte eine Idee der transzendentalen Vernunft
zu sein, wäre der Begriff von Substantiale. Allein, da dieses nichts
anderes bedeutet, als den Begriff vom Gegenstande überhaupt, welcher
subsistiert, sofern man an ihm bloß das transzendentale Subjekt ohne
alle Prädikate denkt, hier aber nur die Rede vom Unbedingten in der
Reihe der Erscheinungen ist, so ist klar, daß das Substantiale kein
Glied in derselben ausmachen könne. Eben dasselbe gilt auch von
Substanzen in Gemeinschaft, welche bloße Aggregate sind, und keinen
Exponenten einer Reihe haben, indem sie nicht einander als Bedingungen
ihrer Möglichkeit subordiniert sind, welches man wohl von den Räumen
sagen konnte, deren Grenze niemals an sich, sondern immer durch einen
anderen Raum bestimmt war. Es bleibt also nur die Kategorie der
Kausalität übrig, welche eine Reihe der Ursachen zu einer gegebenen
Wirkung darbietet, in welcher man von der letzteren, als dem
Bedingten, zu jenen, als Bedingungen, aufsteigen und der Vernunftfrage
antworten kann.
Viertens, die Begriffe des Möglichen, Wirklichen und Notwendigen
führen auf keine Reihe, außer nur, sofern das Zufällige im Dasein
jederzeit als bedingt angesehen werden muß, und nach der Regel des
Verstandes auf eine Bedingung weist, darunter es notwendig ist, diese
auf eine höhere Bedingung zu weisen bis die Vernunft nur in der
Totalität diese Reihe die unbedingte Notwendigkeit antrifft.
Es sind demnach nicht mehr, als vier kosmologische Ideen, nach den
vier Titeln der Kategorien, wenn man diejenigen aushebt, welche eine
Reihe in der Synthesis des Mannigfaltigen notwendig bei sich führen.
1. Die absolute Vollständigkeit
der Zusammensetzung
des gegebenen Ganzen aller Erscheinungen
2. Die absolute Vollständigkeit 3. Die absolute Vollständigkeit
der Teilung der Entstehung
eines gegebenen Ganzen einer Erscheinung
in der Erscheinung
4. Die absolute Vollständigkeit
der Abhängigkeit des Daseins
des Veränderlichen in der Erscheinung
Zuerst ist hierbei anzumerken, daß die Idee der absoluten Totalität
nichts anderes, als die Exposition der Erscheinungen, betreffe,
mithin nicht den reinen Verstandesbegriff von einen Ganzen der Dinge
überhaupt. Es werden hier also Erscheinungen als gegeben betrachtet,
und die Vernunft fordert die absolute Vollständigkeit der Bedingungen
ihrer Möglichkeit, sofern diese eine Reihe ausmachen, mithin eine
schlechthin (d.i. in aller Absicht) vollständige Synthesis, wodurch
die Erscheinung nach Verstandesgesetzen exponiert werden könne.
Zweitens ist es eigentlich nur das Unbedingte, was die Vernunft, in
dieser, reihenweise, und zwar reggressiv, fortgesetzten Synthesis der
Bedingungen, sucht, gleichsam die Vollständigkeit in der Reihe der
Prämissen, die zusammen weiter keine andere voraussetzen. Dieses
Unbedingte ist nun jederzeit in der absoluten Totalität der Reihe,
wenn man sie sich in der Einbildung vorstellt, enthalten. Allein diese
schlechthin vollendete Synthesis ist wiederum nur eine Idee; denn
man kann, wenigstens zum voraus, nicht wissen, ob eine solche bei
Erscheinungen auch möglich sei. Wenn man sich alles durch bloße reine
Verstandesbegriffe, ohne Bedingungen der sinnlichen Anschauung,
vorstellt, so kann man geradezu sagen: daß zu einem gegebenen
Bedingten auch die ganze Reihe einander subordinierter Bedingungen
gegeben sei; denn jenes ist allein durch diese gegeben. Allein
bei Erscheinungen ist eine besondere Einschränkung der Art, wie
Bedingungen gegeben werden, anzutreffen, nämlich durch die sukzessive
Synthesis des Mannigfaltigen der Anschauung, die im Regressus
vollständig sein soll. Ob diese Vollständigkeit nun sinnlich möglich
sei, ist noch ein Problem. Allein die Idee dieser Vollständigkeit
liegt doch in der Vernunft, unangesehen der Möglichkeit, oder
Unmöglichkeit, ihr adäquat empirische Begriffe zu verknüpfen.
Also, da in der absoluten Totalität der regressiven Synthesis des
Mannigfaltigen in der Erscheinung (nach Anleitung der Kategorien,
die sie als eine Reihe von Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten
vorstellen,) das Unbedingte notwendig enthalten ist, man mag auch
unausgemacht lassen, ob und wie diese Totalität zustande zu bringen
sei: so nimmt die Vernunft hier den Weg, von der Idee der Totalität
auszugehen, ob sie gleich eigentlich das Unbedingte, es sei der ganzen
Reihe, oder eines Teils derselben, zur Endabsicht hat.
Dieses Unbedingte kann man sich nun gedenken, entweder als bloß in der
ganzen Reihe bestehend, in der also alle Glieder ohne Ausnahme bedingt
und nur das Ganze derselben schlechthin unbedingt wäre, und dann heißt
der Regressus unendlich; oder das absolut Unbedingte ist nur ein Teil
der Reihe, dem die übrigen Glieder derselben untergeordnet sind, er
selbst aber unter keiner anderen Bedingung steht.* In dem ersteren
Falle ist die Reihe a parte priori ohne Grenzen (ohne Anfang), d.i.
unendlich, und gleichwohl ganz gegeben, der Regressus in ihr aber
ist niemals vollendet, und kann nur potentialiter unendlich genannt
werden. Im zweiten Falle gibt es ein Erstes der Reihe, welches in
Ansehung der verflossenen Zeit der Weltanfang, in Ansehung des Raums
die Weltgrenze, in Ansehung der Teile, eines in seinen Grenzen
gegebenen Ganzen, das Einfache, in Ansehung der Ursachen die absolute
Selbsttätigkeit (Freiheit), in Ansehung des Daseins veränderlicher
Dinge die absolute Naturnotwendigkeit heißt.
* Das absolute Ganze der Reihe von Bedingungen zu einem gegebenen
Bedingten ist jederzeit unbedingt; weil außer ihr keine Bedingungen
mehr sind, in Ansehung deren es bedingt sein könnte. Allein dieses
absolute Ganze einer solchen Reihe ist nur eine Idee, oder vielmehr
ein problematischer Begriff, dessen Möglichkeit untersucht werden
muß, und zwar in Beziehung auf die Art, wie das Unbedingte, als die
eigentliche transzendentale Idee, worauf es ankommt, darin enthalten
sein mag.
Wir haben zwei Ausdrücke: Welt und Natur, welche bisweilen ineinander
laufen. Das erste bedeutet das mathematische Ganze aller Erscheinungen
und die Totalität ihrer Synthesis, im Großen sowohl als im Kleinen,
d.i. sowohl in dem Fortschritt derselben durch Zusammensetzung, als
durch Teilung. Eben dieselbe Welt wird aber Natur* genannt, sofern sie
als ein dynamisches Ganze betrachtet wird, und man nicht auf die
Aggregation im Raume oder der Zeit, um sie als eine Größe zustande zu
bringen, sondern auf die Einheit im Dasein der Erscheinungen sieht. Da
heißt nun die Bedingung von dem, was geschieht, die Ursache, und die
unbedingte Kausalität der Ursache in der Erscheinung die Freiheit, die
bedingte dagegen heißt im engeren Verstande Naturursache. Das Bedingte
im Dasein überhaupt heißt zufällig, und das Unbedingte notwendig. Die
unbedingte Notwendigkeit der Erscheinungen kann Naturnotwendigkeit
heißen.
* Natur, adjektive (formaliter) genommen, bedeutet den Zusammenhang
der Bestimmungen eines Dinges nach einem inneren Prinzip der
Kausalität. Dagegen versteht man unter Natur, substantive
(materialiter), den Inbegriff der Erscheinungen, sofern diese
vermöge eines inneren Prinzips der Kausalität durchgängig
zusammenhängen. Im ersteren Verstande spricht man von der Natur der
flüssigen Materie, des Feuers etc., und bedient sich dieses Worts
adjective; dagegen wenn man von den Dingen der Natur redet, so hat
man ein bestehendes Ganzes in Gedanken.
Die Ideen, mit denen wir uns jetzt beschäftigen, habe ich oben
kosmologische Ideen genannt, teils darum, weil unter Welt der
Inbegriff aller Erscheinungen verstanden wird, und unsere Ideen auch
nur auf das Unbedingte unter den Erscheinungen gerichtet sind, teils
auch, weil das Wort Welt, im transzendentalen Verstande, die absolute
Totalität des Inbegriffs existierender Dinge bedeutet, und wir auf die
Vollständigkeit der Synthesis (wiewohl nur eigentlich im Regressus zu
den Bedingungen) allein unser Augenmerk richten. In Betracht dessen,
daß überdem diese Ideen insgesamt transzendent sind, und, ob sie zwar
das Objekt, nämlich Erscheinungen, der Art nach nicht überschreiten,
sondern es lediglich mit der Sinnenwelt (nicht mit Noumenis) zu tun
haben, dennoch die Synthesis bis auf einen Grad, der alle mögliche
Erfahrung übersteigt, treiben, so kann man sie insgesamt meiner
Meinung nach ganz schicklich Weltbegriffe nennen. In Ansehung des
Unterschiedes des Mathematisch- und des Dynamischunbedingten, worauf
der Regressus abzielt, würde ich doch die zwei Erstere in engerer
Bedeutung Weltbegriffe (der Welt im Großen und Kleinen), die zwei
übrigen aber transzendente Naturbegriffe nennen. Diese Unterscheidung
ist vorjetzt noch nicht von sonderlicher Erheblichkeit, sie kann aber
im Fortgange wichtiger werden.
Der Antinomie der reinen Vernunft
Zweiter Abschnitt
Antithetik der reinen Vernunft
Wenn Thetik ein jeder Inbegriff dogmatischer Lehren ist, so verstehe
ich unter Antithetik nicht dogmatische Behauptungen des Gegenteils,
sondern den Widerstreit der dem Scheine nach dogmatischen
Erkenntnisse, (thesin cum antithesi), ohne daß man einer vor der
anderen einen vorzüglichen Anspruch auf Beifall beilegt. Die
Antithetik beschäftigt sich also gar nicht mit einseitigen
Behauptungen, sondern betrachtet allgemeine Erkenntnisse der Vernunft
nur nach dem Widerstreite derselben untereinander und den Ursachen
desselben. Die transzendentale Antithetik ist eine Untersuchung über
die Antinomie der reinen Vernunft, die Ursachen und das Resultat
derselben. Wenn wir unsere Vernunft nicht bloß, zum Gebrauch der
Verstandesgrundsätze, auf Gegenstände der Erfahrung verwenden, sondern
jene über die Grenze der letzteren hinaus auszudehnen wagen, so
entspringen vernünftelnde Lehrsätze, die in der Erfahrung weder
Bestätigung hoffen, noch Widerlegung fürchten dürfen, und deren jeder
nicht allein an sich selbst ohne Widerspruch ist, sondern sogar in der
Natur der Vernunft Bedingungen seiner Notwendigkeit antrifft, nur daß
unglücklicherweise der Gegensatz ebenso gültige und notwendige Gründe
der Behauptung auf seiner Seite hat.
Die Fragen, welche bei einer solchen Dialektik der reinen Vernunft
sich natürlich darbieten, sind also: 1. Bei welchen Sätzen denn
eigentlich die reine Vernunft einer Antinomie unausbleiblich
unterworfen sei. 2. Auf welchen Ursachen diese Antinomie beruhe. 3. Ob
und auf welche Art dennoch der Vernunft unter diesem Widerspruch ein
Weg zur Gewißheit offen bleibe.
Ein dialektischer Lehrsatz der reinen Vernunft muß demnach dieses, ihn
von allen sophistischen Sätzen unterscheidendes, an sich haben, daß
er nicht eine willkürliche Frage betrifft, die man nur in gewisser
beliebiger Absicht aufwirft, sondern eine solche, auf die jede
menschliche Vernunft in ihrem Fortgange notwendig stoßen muß; und
zweitens, daß er, mit seinem Gegensatze, nicht bloß einen gekünstelten
Schein, der, wenn man ihn einsieht, sogleich verschwindet, sondern
einen natürlichen und unvermeidlichen Schein bei sich führe, der
selbst, wenn man nicht mehr durch ihn hintergangen wird, noch immer
täuscht, obschon nicht betrügt, und also zwar unschädlich gemacht,
aber niemals vertilgt werden kann.
Eine solche dialektische Lehre wird sich nicht auf die
Verstandeseinheit in Erfahrungsbegriffen, sondern auf die
Vernunfteinheit in bloßen Ideen beziehen, deren Bedingungen, da sie
erstlich, als Synthesis nach Regeln. dem Verstande, und doch zugleich,
als absolute Einheit derselben, der Vernunft kongruieren soll, wenn
sie der Vernunfteinheit adäquat ist, für den Verstand zu groß, und,
wenn sie dem Verstande angemessen, für die Vernunft zu klein sein
wird; woraus denn ein Widerstreit entspringen muß, der nicht vermieden
werden kann, man mag es anfangen, wie man will.
Diese vernünftelnden Behauptungen eröffnen also einen dialektischen
Kampfplatz, wo jeder Teil die Oberhand behält, der die Erlaubnis
hat, den Angriff zu tun, und derjenige gewiß unterliegt, der bloß
verteidigungsweise zu führen genötigt ist. Daher auch rüstige Ritter,
sie mögen sich für die gute oder schlimme Sache verbürgen, sicher
sind, den Siegeskranz davon zu tragen, wenn sie nur dafür sorgen, daß
sie den letzten Angriff zu tun das Vorrecht haben, und nicht verbunden
sind, einen neuen Anfall des Gegners auszuhalten. Man kann sich leicht
vorstellen, daß dieser Tummelplatz von jeher oft genug betreten
worden, daß viele Siege von beiden Seiten erfochten, für den letzteren
aber, der die Sache entschied, jederzeit so gesorgt worden sei, daß
der Verfechter der guten Sache den Platz allein behielte, dadurch, daß
seinem Gegner verboten wurde, fernerhin Waffen in die Hände zu nehmen.
Als unparteiische Kampfrichter müssen wir es ganz beiseite setzen, ob
es die gute oder die schlimme Sache sei, um welche die Streitenden
fechten, und sie ihre Sache erst unter sich ausmachen lassen.
Vielleicht daß, nachdem sie einander mehr ermüdet als geschadet haben,
sie die Nichtigkeit ihres Streithandels von selbst einsehen und als
gute Freunde auseinander gehen.
Diese Methode, einem Streite der Behauptungen zuzusehen, oder vielmehr
ihn selbst zu veranlassen, nicht, um endlich zum Vorteile des einen
oder des anderen Teils zu entscheiden, sondern, um zu untersuchen, ob
der Gegenstand desselben nicht vielleicht ein bloßes Blendwerk sei,
wonach jeder vergeblich hascht, und bei welchem er nichts gewinnen
kann, wenn ihm gleich gar nicht widerstanden würde, dieses Verfahren,
sage ich, kann man die skeptische Methode nennen. Sie ist vom
Skeptizismus gänzlich unterschieden, einem Grundsatze einer
kunstmäßigen und szientifischen Unwissenheit, welcher die Grundlagen
aller Erkenntnis untergräbt, um, wo möglich, überall keine
Zuverlässigkeit und Sicherheit derselben übrigzulassen. Denn die
skeptische Methode geht auf Gewißheit, dadurch, daß sie in einem
solchen, auf beiden Seiten redlich gemeinten und mit Verstande
geführten Streite, den Punkt des Mißverständnisses zu entdecken sucht,
um, wie weise Gesetzgeber tun, aus der Verlegenheit der Richter bei
Rechtshändeln für sich selbst Belehrung, von dem Mangelhaften und
nicht genau Bestimmten in ihren Gesetzen, zu ziehen. Die Antinomie,
die sich in der Anwendung der Gesetze offenbart, ist bei unserer
eingeschränkten Weisheit der beste Prüfungsversuch der Nomothetik,
um der Vernunft, die in abstrakter Spekulation ihre Fehltritte nicht
leicht gewahr wird, dadurch auf die Momente in Bestimmung ihrer
Grundsätze aufmerksam zu machen.
Diese skeptische Methode ist aber nur der Transzendentalphilosophie
allein wesentlich eigen, und kann allenfalls in jedem anderen Felde
der Untersuchungen, nur in diesem nicht, entbehrt werden. In der
Mathematik würde ihr Gebrauch ungereimt sein; weil sich in ihr keine
falschen Behauptungen verbergen und unsichtbar machen können, indem
die Beweise jederzeit an dem Faden der reinen Anschauung, und
zwar durch jederzeit evidente Synthesis fortgehen müssen. In der
Experimentalphilosophie kann wohl ein Zweifel des Aufschubs nützlich
sein, allein es ist doch wenigstens kein Mißverstand möglich, der
nicht leicht gehoben werden könnte, und in der Erfahrung müssen doch
endlich die letzten Mittel der Entscheidung des Zwistes liegen, sie
mögen nun früh oder spät aufgefunden werden. Die Moral kann ihre
Grundsätze insgesamt auch in concreto, zusamt den praktischen Folgen,
wenigstens in möglichen Erfahrungen geben und dadurch den Mißverstand
der Abstraktion vermeiden. Dagegen sind die transzendentalen
Behauptungen, welche selbst über das Feld aller möglichen Erfahrungen
hinaus sich erweiternde Einsichten anmaßen, weder in dem Falle, daß
ihre abstrakte Synthesis in irgendeiner Anschauung a priori könnte
gegeben, noch so beschaffen, daß der Mißverstand vermittelst
irgendeiner Erfahrung entdeckt werden könnte. Die transzendentale
Vernunft also verstattet keinen anderen Probierstein, als den Versuch
der Vereinigung ihrer Behauptungen unter sich selbst, und mithin zuvor
des freien und ungehinderten Wettstreits derselben untereinander, und
diesen wollen wir anjetzt anstellen.*
* Die Antinomien folgen einander nach der Ordnung der oben angeführten
transzendentalen Ideen.