Zweiter Paralogism der Simplizität

Dasjenige Ding, dessen Handlung niemals als die Konkurrenz vieler

handelnden Dinge angesehen werden kann, ist einfach.

Nun ist die Seele, oder das denkende Ich, ein solches: Also usw.

Kritik des zweiten Paralogisms der transzendentalen

Psychologie

Dies ist der Achilles aller dialektischen Schlüsse der reinen

Seelenlehre, nicht etwa bloß ein sophistisches Spiel, welches ein

Dogmatiker erkünstelt, um seinen Behauptungen einen flüchtigen Schein

zu geben, sondern ein Schluß, der sogar die schärfste Prüfung und die

größte Bedenklichkeit des Nachforschens auszuhalten scheint. Hier ist

er.

Eine jede zusammengesetzte Substanz ist ein Aggregat vieler, und

die Handlung eines Zusammengesetzten, oder das, was ihm, als

einem solchen, inhäriert, ist ein Aggregat vieler Handlungen oder

Akzidenzen, welche unter der Menge der Substanzen verteilt sind.

Nun ist zwar eine Wirkung, die aus der Konkurrenz vieler handelnden

Substanzen entspringt, möglich, wenn diese Wirkung bloß äußerlich ist

(wie z.B. die Bewegung eines Körpers die vereinigte Bewegung aller

seiner Teile ist). Allein mit Gedanken, als innerlich zu einem

denkenden Wesen gehörigen Akzidenzen, ist es anders beschaffen. Denn,

setzt, das Zusammengesetzte dächte: so würde ein jeder Teil desselben

einen Teil des Gedankens, alle aber zusammengenommen allererst den

ganzen Gedanken enthalten. Nun ist dieses aber widersprechend. Denn,

weil die Vorstellungen, die unter verschiedenen Wesen verteilt

sind, (z.B. die einzelnen Wörter eines Verses) niemals einen ganzen

Gedanken (einen Vers) ausmachen: so kann der Gedanke nicht einem

Zusammengesetzten, als einem solchen, inhärieren. Er ist also nur in

einer Substanz möglich, die nicht ein Aggregat von vielen, mithin

schlechterdings einfach ist*.

* Es ist sehr leicht, diesem Beweise die gewöhnliche schulgerechte

Abgemessenheit der Einkleidung zu geben. Allein, es ist zu meinem

Zwecke schon hinreichend, den bloßen Beweisgrund, allenfalls auf

populäre Art, vor Augen zu legen.

Der sogenannte nervus probandi dieses Argumente liegt in dem Satze:

daß viele Vorstellungen in der absoluten Einheit des denkenden

Subjekts enthalten sein müssen, um einen Gedanken auszumachen. Diesen

Satz aber kann niemand aus Begriffen beweisen. Denn, wie wollte er es

wohl anfangen, um dies zu leisten? Der Satz: Ein Gedanke kann nur die

Wirkung der absoluten Einheit des denkenden Wesens sein, kann nicht

als analytisch behandelt werden. Denn die Einheit des Gedankens, der

aus vielen Vorstellungen besteht, ist kollektiv und kann sich, den

bloßen Begriffen nach, ebensowohl auf die kollektive Einheit der daran

mitwirkenden Substanzen beziehen, (wie die Bewegung eines Körpers

die zusammengesetzte Bewegung aller Teile desselben ist) als auf die

absolute Einheit des Subjekts. Nach der Regel der Identität kann also

die Notwendigkeit der Voraussetzung einer einfachen Substanz, bei

einem zusammengesetzten Gedanken, nicht eingesehen werden. Daß aber

ebenderselbe Satz synthetisch und völlig a priori aus lauter Begriffen

erkannt werden solle, das wird sich niemand zu verantworten getrauen,

der den Grund der Möglichkeit synthetischer Sätze a priori, so wie wir

ihn oben dargestellt haben, einsieht.

Nun ist es aber auch unmöglich, diese notwendige Einheit des Subjekts,

als die Bedingung der Möglichkeit eines jeden Gedankens, aus der

Erfahrung abzuleiten. Denn diese gibt keine Notwendigkeit zu erkennen,

geschweige, daß der Begriff der absoluten Einheit weit über ihre

Sphäre ist. Woher nehmen wir denn diesen Satz, worauf sich der ganze

psychologische Vernunftschluß stützt?

Es ist offenbar: daß, wenn man sich ein denkend Wesen vorstellen will,

man sich selbst an seine Stelle setzen, und also dem Objekte, welches

man erwägen wollte, sein eigenes Subjekt unterschieben müsse, (welches

in keiner anderen Art der Nachforschung der Fall ist) und daß wir nur

darum absolute Einheit des Subjekts zu einem Gedanken erfordern, weil

sonst nicht gesagt werden könnte: Ich denke (das Mannigfaltige in

einer Vorstellung). Denn obgleich das Ganze des Gedankens geteilt

und unter viele Subjekte verteilt werden könnte, so kann doch das

subjektive Ich nicht geteilt und verteilt werden, und dieses setzen

wir doch bei allem Denken voraus.

Also bleibt ebenso hier, wie in dem vorigen Paralogism, der formale

Satz der Apperzeption: Ich denke, der ganze Grund, auf welchen die

rationale Psychologie die Erweiterung ihrer Erkenntnisse wagt,

welcher Satz zwar freilich keine Erfahrung ist, sondern die Form der

Apperzeption, die jeder Erfahrung anhängt und ihr vorgeht, gleichwohl

aber nur immer in Ansehung einer möglichen Erkenntnis überhaupt, als

bloß subjektive Bedingung derselben, angesehen werden muß, die wir

mit Unrecht zur Bedingung der Möglichkeit einer Erkenntnis der

Gegenstände, nämlich zu einem Begriffe vom denkenden Wesen überhaupt

machen, weil wir dieses uns nicht vorstellen können, ohne uns selbst

mit der Formel unseres Bewußtseins an die Stelle jedes anderen

intelligenten Wesens zu setzen.

Aber die Einfachheit meiner selbst (als Seele) wird auch wirklich

nicht aus dem Satze: Ich denke, geschlossen, sondern der erstere liegt

schon in jedem Gedanken selbst. Der Satz: Ich bin einfach, muß als ein

unmittelbarer Ausdruck der Apperzeption angesehen werden, so wie der

vermeintliche kartesianische Schluß, cogito, ergo sum, in der Tat

tautologisch ist, indem das cogito (sum cogitans) die Wirklichkeit

unmittelbar aussagt. Ich bin einfach, bedeutet aber nichts mehr, als

daß diese Vorstellung: Ich, nicht die mindeste Mannigfaltigkeit in

sich lasse, und daß sie absolute (obzwar bloß logische) Einheit sei.

Also ist der so berühmte psychologische Beweis lediglich auf der

unteilbaren Einheit einer Vorstellung, die nur das Verbum in Ansehung

einer Person dirigiert, gegründet. Es ist aber offenbar: daß das

Subjekt der Inhärenz durch das dem Gedanken angehängte Ich nur

transzendental bezeichnet werde, ohne die mindeste Eigenschaft

desselben zu bemerken, oder überhaupt etwas von ihm zu kennen, oder zu

wissen. Es bedeutet ein Etwas überhaupt (transzendentales Subjekt),

dessen Vorstellung allerdings einfach sein muß, eben darum, weil

man gar nichts an ihm bestimmt, wie denn gewiß nichts einfacher

vorgestellt werden kann, als durch den Begriff von einem bloßen Etwas.

Die Einfachheit aber der Vorstellung von einem Subjekt ist darum nicht

eine Erkenntnis von der Einfachheit des Subjekts selbst, denn von

dessen Eigenschaften wird gänzlich abstrahiert, wenn es lediglich

durch den an Inhalt gänzlich leeren Ausdruck Ich, (welchen ich auf

jedes denkende Subjekt anwenden kann), bezeichnet wird.

Soviel ist gewiß: daß ich mir durch das Ich jederzeit eine absolute,

aber logische Einheit des Subjekts (Einfachheit) gedenke, aber nicht,

daß ich dadurch die wirkliche Einfachheit meines Subjekts erkenne.

So wie der Satz: ich bin Substanz, nichts als die reine Kategorie

bedeutete, von der ich in concreto keinen Gebrauch (empirischen)

machen kann: so ist es mir auch erlaubt zu sagen: Ich bin eine

einfache Substanz, d.i. deren Vorstellung niemals eine Synthesis des

Mannigfaltigen enthält, aber dieser Begriff, oder auch dieser Satz,

lehrt uns nicht das mindeste in Ansehung meiner selbst als eines

Gegenstandes der Erfahrung, weil der Begriff der Substanz selbst nur

als Funktion der Synthesis, ohne unterlegte Anschauung, mithin ohne

Objekt gebraucht wird, und nur von der Bedingung unserer Erkenntnis,

aber nicht von irgendeinem anzugebenden Gegenstande gilt. Wir wollen

über die vermeintliche Brauchbarkeit dieses Satzes einen Versuch

anstellen.

Jedermann muß gestehen: daß die Behauptung von der einfachen Natur

der Seele nur sofern von einigem Werte sei, als ich dadurch dieses

Subjekt von aller Materie zu unterscheiden und sie folglich von der

Hinfälligkeit ausnehmen kann, der diese jederzeit unterworfen ist. Auf

diesen Gebrauch ist obiger Satz auch ganz eigentlich angelegt, daher

er auch mehrerenteils so ausgedrückt wird: die Seele ist nicht

körperlich. Wenn ich nun zeigen kann: daß, ob man gleich diesem

Kardinalsatze der rationalen Seelenlehre, in der reinen Bedeutung

eines bloßen Vernunftsurteils, (aus reinen Kategorien), alle objektive

Gültigkeit einräumt, (alles, was denkt, ist einfache Substanz),

dennoch nicht der mindeste Gebrauch von diesem Satze, in Ansehung der

Ungleichartigkeit, oder Verwandtschaft derselben mit der Materie,

gemacht werden könne: so wird dieses ebensoviel sein, als ob ich

diese vermeintliche psychologische Einsicht in das Feld bloßer Ideen

verwiesen hätte, denen es an Realität des objektiven Gebrauchs

mangelt.

Wir haben in der transzendentalen Ästhetik unleugbar bewiesen: daß

Körper bloße Erscheinungen unseres äußeren Sinnes, und nicht Dinge an

sich selbst sind. Diesem gemäß können wir mit Recht sagen: daß unser

denkendes Subjekt nicht körperlich sei, das heißt: daß, da es als

Gegenstand des inneren Sinnes von uns vorgestellt wird, es, insofern

als es denkt, kein Gegenstand äußerer Sinne, d.i. keine Erscheinung im

Raume sein könne. Dieses will nun so viel sagen: es können uns niemals

unter äußeren Erscheinungen denkende Wesen, als solche, vorkommen,

oder, wir können ihre Gedanken, ihr Bewußtsein, ihre Begierden usw.

nicht äußerlich anschauen; denn dieses gehört alles vor den inneren

Sinn. In der Tat scheint dieses Argument auch das natürliche und

populäre, worauf selbst der gemeinste Verstand von jeher gefallen zu

sein scheint, und dadurch schon sehr früh Seelen, als von den Körpern

ganz unterschiedene Wesen, zu betrachten angefangen hat.

Ob nun aber gleich die Ausdehnung, die Undurchdringlichkeit,

Zusammenhang und Bewegung, kurz alles, was uns äußere Sinne nur

liefern können, nicht Gedanken, Gefühl, Neigung oder Entschließung

sein, oder solche enthalten werden, als die überall keine Gegenstände

äußerer Anschauung sind, so konnte doch wohl dasjenige Etwas, welches

den äußeren Erscheinungen zum Grunde liegt, was unseren Sinn so

affiziert, daß er die Vorstellungen von Raum, Materie, Gestalt usw.

bekommt, dieses Etwas, als Noumenon (oder besser, als transzendentaler

Gegenstand) betrachtet, könnte doch auch zugleich das Subjekt der

Gedanken sein, wiewohl wir durch die Art, wie unser äußerer Sinn

dadurch affiziert wird, keine Anschauung von Vorstellungen, Willen

usw., sondern bloß vom Raum und dessen Bestimmungen bekommen. Dieses

Etwas aber ist nicht ausgedehnt, nicht undurchdringlich, nicht

zusammengesetzt, weil alle diese Prädikate nur die Sinnlichkeit und

deren Anschauung angehen, sofern wir von dergleichen (uns übrigens

unbekannten) Objekten affiziert werden. Diese Ausdrücke aber geben gar

nicht zu erkennen, was für ein Gegenstand es sei, sondern nur: daß

ihm, als einem solchen, der ohne Beziehung auf äußere Sinne an sich

selbst betrachtet wird, diese Prädikate äußerer Erscheinungen nicht

beigelegt werden können. Allein die Prädikate des innern Sinnes,

Vorstellungen und Denken, widersprechen ihm nicht. Demnach ist selbst

durch die eingeräumte Einfachheit der Natur die menschliche Seele

von der Materie, wenn man sie (wie man soll) bloß als Erscheinung

betrachtet, in Ansehung des Substrati derselben gar nicht hinreichend

unterschieden.

Wäre Materie ein Ding an sich selbst, so würde sie als ein

zusammengesetztes Wesen von der Seele, als einem einfachen, sich ganz

und gar unterscheiden. Nun ist sie aber bloß äußere Erscheinung, deren

Substratum durch gar keine anzugebende Prädikate erkannt wird; mithin

kann ich von diesem wohl annehmen, daß es an sich einfach sei, ob es

zwar in der Art, wie es unsere Sinne affiziert, in uns die Anschauung

des Ausgedehnten und mithin Zusammengesetzten hervorbringt, und daß

also der Substanz, der in Ansehung unseres äußeren Sinnes Ausdehnung

zukommt, an sich selbst Gedanken beiwohnen, die durch ihren eigenen

inneren Sinn mit Bewußtsein vorgestellt werden können. Auf solche

Weise würde ebendasselbe, was in einer Beziehung körperlich heißt, in

einer andere zugleich ein denkend Wesen sein, dessen Gedanken wir zwar

nicht, aber doch die Zeichen derselben in der Erscheinung, anschauen

können. Dadurch würde der Ausdruck wegfallen, daß nur Seelen (als

besondere Arten von Substanzen) denken; es würde vielmehr wie

gewöhnlich heißen, daß Menschen denken, d.i. ebendasselbe, was, als

äußere Erscheinung, ausgedehnt ist, innerlich (an sich selbst) ein

Subjekt sei, was nicht zusammengesetzt, sondern einfach ist und denkt.

Aber, ohne dergleichen Hypothesen zu erlauben, kann man allgemein

bemerken: daß, wenn ich unter Seele ein denkend Wesen an sich

verstehe, die Frage an sich schon unschicklich sei: ob sie nämlich mit

der Materie (die gar kein Ding an sich selbst, sondern nur eine Art

Vorstellungen in uns ist) von gleicher Art sei, oder nicht, denn

das versteht sich schon von selbst, daß ein Ding an sich selbst von

anderer Natur sei, als die Bestimmungen, die bloß seinen Zustand

ausmachen.

Vergleichen wir aber das denkende Ich nicht mit der Materie, sondern

mit dem Intelligiblen, welches der äußeren Erscheinung, die wir

Materie nennen, zum Grunde liegt: so können wir, weil wir vom

letzteren gar nichts wissen, auch nicht sagen: daß die Seele sich von

diesem irgend worin innerlich unterscheide.

So ist demnach das einfache Bewußtsein keine Kenntnis der einfachen

Natur unseres Subjekts, insofern, als dieses dadurch von der Materie,

als einem zusammengesetzten Wesen, unterschieden werden soll.

Wenn dieser Begriff aber dazu nicht taugt, ihn in dem einzigen Falle,

da er brauchbar ist, nämlich in der Vergleichung meiner selbst mit

Gegenständen äußerer Erfahrung, das Eigentümliche und Unterscheidende

seiner Natur zu bestimmen, so mag man immer zu wissen vorgeben: das

denkende Ich, die Seele, (ein Name für den transzendentalen Gegenstand

des inneren Sinnes) sei einfach; dieser Ausdruck hat deshalb doch gar

keinen auf wirkliche Gegenstände sich erstreckenden Gebrauch und kann

daher unsere Erkenntnis nicht im mindesten erweitern.

So fällt demnach die ganze rationale Psychologie mit ihrer

Hauptstütze, und wir können so wenig hier, wie sonst jemals, hoffen,

durch bloße Begriffe, (noch weniger aber durch die bloße subjektive

Form aller unserer Begriffe, das Bewußtsein,) ohne Beziehung auf

mögliche Erfahrung, Einsichten auszubreiten, zumalen, da selbst der

Fundamentalbegriff einer einfachen Natur von der Art ist, daß er

überall in keiner Erfahrung angetroffen werden kann, und es mithin gar

keinen Weg gibt, zu demselben, als einem objektivgültigen Begriffe, zu

gelangen.

Kritik der reinen Vernunft (Erste Fassung 1781) · 第 42 / 70 题