A. Von der Vernunft überhaupt

Alle unsere Erkenntnis hebt von den Sinnen an, geht von da zum

Verstande, und endigt bei der Vernunft, über welche nichts Höheres in

uns angetroffen wird, den Stoff der Anschauung zu bearbeiten und unter

die höchste Einheit des Denkens zu bringen. Da ich jetzt von dieser

obersten Erkenntniskraft eine Erklärung geben soll, so finde ich mich

in einiger Verlegenheit. Es gibt von ihr, wie von dem Verstande, einen

bloß formalen, d.i. logischen Gebrauch, da die Vernunft von allem

Inhalte der Erkenntnis abstrahiert, aber auch einen realen, da sie

selbst den Ursprung gewisser Begriffe und Grundsätze enthält, die

sie weder von den Sinnen, noch vom Verstande entlehnt. Das erstere

Vermögen ist nun freilich vorlängst von den Logikern durch

das Vermögen mittelbar zu schließen (zum Unterschiede von den

unmittelbaren Schlüssen, consequentiis immediatis,) erklärt worden;

das zweite aber, welches selbst Begriffe erzeugt, wird dadurch noch

nicht eingesehen. Da nun hier eine Einteilung der Vernunft in ein

logisches und transzendentales Vermögen vorkommt, so muß ein höherer

Begriff von dieser Erkenntnisquelle gesucht werden, welcher beide

Begriffe unter sich befaßt, indessen wir nach der Analogie mit den

Verstandesbegriffen erwarten können, daß der logische Begriff zugleich

den Schlüssel zum transzendentalen, und die Tafel der Funktionen der

ersteren zugleich die Stammleiter der Vernunftbegriffe an die Hand

geben werde.

Wir erklärten, im ersteren Teile unserer transzendentalen Logik,

den Verstand durch das Vermögen der Regeln; hier unterscheiden wir

die Vernunft von demselben dadurch, daß wir sie das Vermögen der

Prinzipien nennen wollen.

Der Ausdruck eines Prinzips ist zweideutig, und bedeutet gemeiniglich

nur ein Erkenntnis, das als Prinzip gebraucht werden kann, ob es zwar

an sich selbst und seinem eigenen Ursprunge nach kein Prinzipium

ist. Ein jeder allgemeiner Satz, er mag auch sogar aus Erfahrung

(durch Induktion) hergenommen sein, kann zum Obersatz in einem

Vernunftschlusse dienen; er ist darum aber nicht selbst ein

Prinzipium. Die mathematischen Axiome (z.B. zwischen zwei Punkten kann

nur eine gerade Linie sein,) sind sogar allgemeine Erkenntnisse a

priori, und werden daher mit Recht, relativisch auf die Fälle, die

unter ihnen subsumiert werden können, Prinzipien genannt. Aber ich

kann darum doch nicht sagen, daß ich diese Eigenschaft der geraden

Linien überhaupt und an sich, aus Prinzipien erkenne, sondern nur in

der reinen Anschauung.

Ich würde daher Erkenntnis aus Prinzipien diejenige nennen, da ich das

Besondere im allgemeinen durch Begriffe erkenne. So ist denn ein jeder

Vernunftschluß eine Form der Ableitung einer Erkenntnis aus einem

Prinzip. Denn der Obersatz gibt jederzeit einen Begriff, der da macht,

daß alles, was unter der Bedingung desselben subsumiert wird, aus ihm

nach einem Prinzip erkannt wird. Da nun jede allgemeine Erkenntnis

zum Obersatze in einem Vernunftschlusse dienen kann, und der Verstand

dergleichen allgemeine Sätze a priori darbietet, so können diese

denn auch, in Ansehung ihres möglichen Gebrauchs, Prinzipien genannt

werden.

Betrachten wir aber diese Grundsätze des reinen Verstandes an

sich selbst ihrem Ursprunge nach, so sind sie nichts weniger als

Erkenntnisse aus Begriffen. Denn sie würden auch nicht einmal a

priori möglich sein, wenn wir nicht die reine Anschauung, (in der

Mathematik,) oder Bedingungen einer möglichen Erfahrung überhaupt

herbeizögen. Daß alles, was geschieht, eine Ursache habe, kann gar

nicht aus dem Begriffe dessen, was überhaupt geschieht, geschlossen

werden; vielmehr zeigt der Grundsatz, wie man allererst von dem, was

geschieht, einen bestimmten Erfahrungsbegriff bekommen könne.

Synthetische Erkenntnisse aus Begriffen kann der Verstand also

gar nicht verschaffen, und diese sind es eigentlich, welche ich

schlechthin Prinzipien nenne; indessen, daß alle allgemeinen Sätze

überhaupt komparative Prinzipien heißen können.

Es ist ein alter Wunsch, der, wer weiß wie spät, vielleicht einmal

in Erfüllung gehen wird: daß man doch einmal, statt der endlosen

Mannigfaltigkeit bürgerlicher Gesetze, ihre Prinzipien aufsuchen möge;

denn darin kann allein das Geheimnis bestehen, die Gesetzgebung, wie

man sagt, zu simplifizieren. Aber die Gesetze sind hier auch nur

Einschränkungen unserer Freiheit auf Bedingungen, unter denen sie

durchgängig mit sich selbst zusammenstimmt; mithin gehen sie auf

etwas, was gänzlich unser eigen Werk ist, und wovon wir durch jene

Begriffe selbst die Ursache sein können. Wie aber Gegenstände an sich

selbst, wie die Natur der Dinge unter Prinzipien stehe und nach bloßen

Begriffen bestimmt werden solle, ist, wo nicht etwas Unmögliches,

wenigstens doch sehr Widersinnisches in seiner Forderung. Es mag

aber hiermit bewandt sein, wie es wolle, (denn darüber haben wir

die Untersuchung noch vor uns,) so erhellt wenigstens daraus: daß

Erkenntnis aus Prinzipien (an sich selbst) ganz etwas anderes sei, als

bloße Verstandeserkenntnis, die zwar auch anderen Erkenntnissen in der

Form eines Prinzips vorgehen kann, an sich selbst aber (sofern sie

synthetisch ist) nicht auf bloßem Denken beruht, noch ein Allgemeines

nach Begriffen in sich enthält.

Der Verstand mag ein Vermögen der Einheit der Erscheinungen

vermittelst der Regeln sein, so ist die Vernunft das Vermögen der

Einheit der Verstandesregeln unter Prinzipien. Sie geht also niemals

zunächst auf Erfahrung, oder auf irgendeinen Gegenstand, sondern auf

den Verstand, um den mannigfaltigen Erkenntnissen desselben Einheit a

priori durch Begriffe zu geben, welche Vernunfteinheit heißen mag, und

von ganz anderer Art ist, als sie von dem Verstande geleistet werden

kann.

Das ist der allgemeine Begriff von dem Vernunftvermögen, so weit er,

bei gänzlichem Mangel an Beispielen (als die erst in der Folge gegeben

werden sollen), hat begreiflich gemacht werden können.

Kritik der reinen Vernunft (Erste Fassung 1781) · 第 36 / 70 题