Anmerkung zur Amphibolie der Reflexionsbegriffe

Man erlaube mir, die Stelle, welche wir einem Begriffe entweder in der

Sinnlichkeit, oder im reinen Verstande erteilen, den transzendentalen

Ort zu nennen. Auf solche Weise wäre die Beurteilung dieser Stelle,

die jedem Begriffe nach Verschiedenheit seines Gebrauchs zukommt, und

die Anweisung nach Regeln, diesen Ort allen Begriffen zu bestimmen,

die transzendentale Topik; eine Lehre, die vor Erschleichungen des

reinen Verstandes und daraus entspringenden Blendwerken gründlich

bewahren würde, indem sie jederzeit unterschiede, welcher

Erkenntniskraft die Begriffe eigentlich angehören. Man kann einen

jeden Begriff, einen jeden Titel, darunter viele Erkenntnisse gehören,

einen logischen Ort nennen. Hierauf gründet sich die logische Topik

des Aristoteles, deren sich Schullehrer und Redner bedienen konnten,

um unter gewissen Titeln des Denkens nachzusehen, was sich am besten

für seine vorliegende Materie schickte, und darüber, mit einem Schein

von Gründlichkeit, zu vernünfteln, oder wortreich zu schwatzen.

Die transzendentale Topik enthält dagegen nicht mehr, als die

angeführten vier Titel aller Vergleichung und Unterscheidung, die

sich dadurch von Kategorien unterscheiden, daß durch jene nicht der

Gegenstand, nach demjenigen, was seinen Begriff ausmacht, (Größe,

Realität,) sondern nur die Vergleichung der Vorstellungen, welche vor

dem Begriffe von Dingen vorhergeht, in aller ihrer Mannigfaltigkeit

dargestellt wird. Diese Vergleichung aber bedarf zuvörderst

einer Überlegung, d.i. einer Bestimmung desjenigen Orts, wo die

Vorstellungen der Dinge, die verglichen werden, hingehören, ob sie der

reine Verstand denkt, oder die Sinnlichkeit in der Erscheinung gibt.

Die Begriffe können logisch verglichen werden, ohne sich darum

zu bekümmern, wohin ihre Objekte gehören, ob als Noumena für den

Verstand, oder als Phänomena für die Sinnlichkeit. Wenn wir aber mit

diesen Begriffen zu den Gegenständen gehen wollen, so ist zuvörderst

transzendentale Überlegung nötig, für welche Erkenntniskraft sie

Gegenstände sein sollen, ob für den reinen Verstand, oder die

Sinnlichkeit. Ohne diese Überlegung mache ich einen sehr unsicheren

Gebrauch von diesen Begriffen, und es entspringen vermeinte

synthetische Grundsätze, welche die kritische Vernunft nicht

anerkennen kann, und die sich lediglich auf einer transzendentalen

Amphibolie, d.i. einer Verwechslung des reinen Verstandesobjekts mit

der Erscheinung, gründen.

In Ermanglung einer solchen transzendentalen Topik, und mithin durch

die Amphibolie der Reflexionsbegriffe hintergangen, errichtete der

berühmte Leibniz ein intellektuelles System der Welt, oder glaubte

vielmehr der Dinge innere Beschaffenheit zu erkennen, indem er alle

Gegenstände nur mit dem Verstande und den abgesonderten formalen

Begriffen seines Denkens verglich. Unsere Tafel der Reflexionsbegriffe

schafft uns den unerwarteten Vorteil, das Unterscheidende seines

Lehrbegriffs in allen seinen Teilen, und zugleich den leitenden Grund

dieser eigentümlichen Denkungsart vor Augen zu legen, der auf nichts,

als einem Mißverstande, beruhte. Er verglich alle Dinge bloß durch

Begriffe miteinander, und fand, wie natürlich, keine anderen

Verschiedenheiten, als die, durch welche der Verstand seine reinen

Begriffe voneinander unterscheidet. Die Bedingungen der sinnlichen

Anschauung, die ihre eigenen Unterschiede bei sich führen, sah

er nicht für ursprünglich an; denn die Sinnlichkeit war ihm nur

eine verworrene Vorstellungsart, und kein besonderer Quell der

Vorstellungen; Erscheinung war ihm die Vorstellung des Dinges an sich

selbst, obgleich von der Erkenntnis durch den Verstand, der logischen

Form nach, unterschieden, da nämlich jene, bei ihrem gewöhnlichen

Mangel der Zergliederung, eine gewisse Vermischung von

Nebenvorstellungen in den Begriff des Dinges zieht, die der Verstand

davon abzusondern weiß. Mit einem Worte: Leibniz intellektuierte die

Erscheinungen, so wie Locke die Verstandesbegriffe nach einem System

der Noogonie (wenn es mir erlaubt ist, mich dieser Ausdrücke zu

bedienen,) insgesamt sensifiziert, d.i. für nichts, als empirische,

oder abgesonderte Reflexionsbegriffe ausgegeben hatte. Anstatt im

Verstande und der Sinnlichkeit zwei ganz verschiedene Quellen von

Vorstellungen zu suchen, die aber nur in Verknüpfung objektiv gültig

von Dingen urteilen könnten, hielte sich ein jeder dieser großen

Männer nur an eine von beiden, die sich ihrer Meinung nach unmittelbar

auf Dinge an sich selbst bezöge, indessen daß die andere nichts tat,

als die Vorstellungen der ersteren zu verwirren oder zu ordnen.

Leibniz verglich demnach die Gegenstände der Sinne als Dinge überhaupt

bloß im Verstande untereinander. Erstlich, sofern sie von diesem

als einerlei oder verschieden geurteilt werden sollen. Da er also

lediglich ihre Begriffe, und nicht ihre Stelle in der Anschauung,

darin die Gegenstände allein gegeben werden können, vor Augen hatte,

und den transzendentalen Ort dieser Begriffe (ob das Objekt unter

Erscheinungen, oder unter Dinge an sich selbst zu zählen sei,)

gänzlich aus der acht ließ, so konnte es nicht anders ausfallen, als

daß er seinen Grundsatz des Nichtzuunterscheidenden, der bloß von

Begriffen der Dinge überhaupt gilt, auch auf die Gegenstände der Sinne

(mundus phaenomenon) ausdehnte, und der Naturerkenntnis dadurch keine

geringe Erweiterung verschafft zu haben glaubte. Freilich, wenn ich

einen Tropfen Wasser als ein Ding an sich selbst nach allen seinen

inneren Bestimmungen kenne, so kann ich keinen derselben von dem

anderen für verschieden gelten lassen, wenn der ganze Begriff

desselben mit ihm einerlei ist. Ist er aber Erscheinung im Raume, so

hat er seinen Ort nicht bloß im Verstande (unter Begriffen), sondern

in der sinnlichen äußeren Anschauung (im Raume), und da sind die

physischen Örter, in Ansehung der inneren Bestimmungen der Dinge, ganz

gleichgültig, und ein Ort = b kann ein Ding, welches einem anderen

in dem Orte = a völlig ähnlich und gleich ist, ebensowohl aufnehmen,

als wenn es von diesem noch so sehr innerlich verschieden wäre. Die

Verschiedenheit der Örter macht die Vielheit und Unterscheidung der

Gegenstände, als Erscheinungen, ohne weitere Bedingungen, schon für

sich nicht allein möglich, sondern auch notwendig. Also ist jenes

scheinbare Gesetz kein Gesetz der Natur. Es ist lediglich eine

analytische Regel oder Vergleichung der Dinge durch bloße Begriffe.

Zweitens, der Grundsatz: daß Realitäten (als bloße Bejahungen)

einander niemals logisch widerstreiten, ist ein ganz wahrer Satz von

dem Verhältnisse der Begriffe, bedeutet aber, weder in Ansehung der

Natur, noch überall in Ansehung irgendeines Dinges an sich selbst,

(von diesem haben wir gar keinen Begriff,) das mindeste. Denn der

reale Widerstreit findet allerwärts statt, wo A - B = 0 ist, d.i.

wo eine Realität mit der anderen, in einem Subjekt verbunden, eine

die Wirkung der anderen aufhebt, welches alle Hindernisse und

Gegenwirkungen in der Natur unaufhörlich vor Augen legen, die

gleichwohl, da sie auf Kräften beruhen, realitates phaenomena genannt

werden müssen. Die allgemeine Mechanik kann sogar die empirische

Bedingung dieses Widerstreits in einer Regel a priori angeben, indem

sie auf die Entgegensetzung der Richtungen sieht: eine Bedingung, von

welcher der transzendentale Begriff der Realität gar nichts weiß.

Obzwar Herr von Leibniz diesen Satz nicht eben mit dem Pomp eines

neuen Grundsatzes ankündigte, so bediente er sich doch desselben zu

neuen Behauptungen, und seine Nachfolger trugen ihn ausdrücklich in

ihre Leibniz-Wolfianischen Lehrgebäude ein. Nach diesem Grundsatze

sind z.E. alle Übel nichts als Folgen von den Schranken der

Geschöpfe, d.i. Negationen, weil diese das einzige Widerstreitende

der Realität sind, (in dem bloßen Begriffe eines Dinges überhaupt ist

es auch wirklich so, aber nicht in den Dingen als Erscheinungen).

Imgleichen finden die Anhänger desselben es nicht allein möglich,

sondern auch natürlich, alle Realität, ohne irgendeinen besorglichen

Widerstreit, in einem Wesen zu vereinigen, weil sie keinen anderen,

als den des Widerspruchs (durch den der Begriff eines Dinges selbst

aufgehoben wird), nicht aber den des wechselseitigen Abbruchs kennen,

da ein Realgrund die Wirkung des anderen aufhebt, und dazu wir nur

in der Sinnlichkeit die Bedingungen antreffen, uns einen solchen

vorzustellen.

Drittens, die Leibnizische Monadologie hat gar keinen anderen Grund,

als daß dieser Philosoph den Unterschied des Inneren und Äußeren bloß

im Verhältnis auf den Verstand vorstellte. Die Substanzen überhaupt

müssen etwas Inneres haben, was also von allen äußeren Verhältnissen,

folglich auch der Zusammensetzung, frei ist. Das Einfache ist also die

Grundlage des Inneren der Dinge an sich selbst. Das Innere aber ihres

Zustandes kann auch nicht in Ort, Gestalt, Berührung oder Bewegung,

(welche Bestimmungen alle äußere Verhältnisse sind,) bestehen, und

wir können daher den Substanzen keinen anderen inneren Zustand, als

denjenigen, wodurch wir unseren Sinn selbst innerlich bestimmen,

nämlich den Zustand der Vorstellungen, beilegen. So wurden denn die

Monaden fertig, welche den Grundstoff des ganzen Universum ausmachen

sollen, deren tätige Kraft aber nur in Vorstellungen besteht, wodurch

sie eigentlich bloß in sich selbst wirksam sind.

Eben darum mußte aber auch sein Principium der möglichen Gemeinschaft

der Substanzen untereinander eine vorherbestimmte Harmonie, und konnte

kein physischer Einfluß sein. Denn weil alles nur innerlich, d.i.

mit seinen Vorstellungen beschäftigt ist, so konnte der Zustand der

Vorstellungen der einen mit dem der anderen Substanz in ganz und gar

keiner wirksamen Verbindung stehen, sondern es mußte irgendeine dritte

und in alle insgesamt einfließende Ursache ihre Zustände einander

korrespondierend machen, zwar nicht eben durch gelegentlichen und

in jedem einzelnen Falle besonders angebrachten Beistand (systema

assistentiae), sondern durch die Einheit der Idee einer für

alle gültigen Ursache, in welcher sie insgesamt ihr Dasein

und Beharrlichkeit, mithin auch wechselseitige Korrespondenz

untereinander, nach allgemeinen Gesetzen bekommen müssen.

Viertens, der berühmte Lehrbegriff desselben von Zeit und Raum, darin

er diese Formen der Sinnlichkeit intellektuierte, war lediglich aus

eben derselben Täuschung der transzendentalen Reflexion entsprungen.

Wenn ich mir durch den bloßen Verstand äußere Verhältnisse der Dinge

vorstellen will, so kann dieses nur vermittelst eines Begriffs

ihrer wechselseitigen Wirkung geschehen, und soll ich einen Zustand

ebendesselben Dinges mit einem anderen Zustande verknüpfen, so

kann dieses nur in der Ordnung der Gründe und Folgen geschehen. So

dachte sich also Leibniz den Raum als eine gewisse Ordnung in der

Gemeinschaft der Substanzen, und die Zeit als die dynamische Folge

ihrer Zustände. Das Eigentümliche aber, und von Dingen Unabhängige,

was beide an sich zu haben scheinen, schrieb er der Verworrenheit

dieser Begriffe zu, welche machte, daß dasjenige, was eine bloße Form

dynamischer Verhältnisse ist, für eine eigene für sich bestehende, und

vor den Dingen selbst vorhergehende Anschauung gehalten wird. Also

waren Raum und Zeit die intelligible Form der Verknüpfung der Dinge

(Substanzen und ihrer Zustände) an sich selbst. Die Dinge aber waren

intelligible Substanzen (substantiae noumena). Gleichwohl wollte

er diese Begriffe für Erscheinungen geltend machen, weil er der

Sinnlichkeit keine eigene Art der Anschauung zugestand, sondern alle,

selbst die empirische Vorstellung der Gegenstände, im Verstande

suchte, und den Sinnen nichts als das verächtliche Geschäft ließ, die

Vorstellungen des ersteren zu verwirren und zu verunstalten.

Wenn wir aber auch von Dingen an sich selbst etwas durch den reinen

Verstand synthetisch sagen könnten, (welches gleichwohl unmöglich

ist,) so würde dieses doch gar nicht auf Erscheinungen, welche nicht

Dinge an sich selbst vorstellen, gezogen werden können. Ich werde also

in diesem letzteren Falle in der transzendentalen Überlegung meine

Begriffe jederzeit nur unter den Bedingungen der Sinnlichkeit

vergleichen müssen, und so werden Raum und Zeit nicht Bestimmungen der

Dinge an sich, sondern der Erscheinungen sein; was die Dinge an sich

sein mögen, weiß ich nicht, und brauche es auch nicht zu wissen, weil

mir doch niemals ein Ding anders, als in der Erscheinung vorkommen

kann.

So verfahre ich auch mit den übrigen Reflexionsbegriffen. Die Materie

ist substantia phaenomenon. Was ihr innerlich zukomme, suche ich in

allen Teilen des Raumes, den sie einnimmt, und in allen Wirkungen, die

sie ausübt, und die freilich nur immer Erscheinungen äußerer Sinne

sein können. Ich habe also zwar nichts Schlechthin-, sondern lauter

Komparativ-Innerliches, das selber wiederum aus äußeren Verhältnissen

besteht. Allein, das schlechthin, dem reinen Verstande nach,

Innerliche der Materie ist auch eine bloße Grille; denn diese ist

überall kein Gegenstand für den reinen Verstand, das transzendentale

Objekt aber, welches der Grund dieser Erscheinung sein mag, die wir

Materie nennen, ist ein bloßes Etwas, wovon wir nicht einmal verstehen

würden, was es sei, wenn es uns auch jemand sagen könnte. Denn wir

können nichts verstehen, als was ein unseren Worten Korrespondierendes

in der Anschauung mit sich führt. Wenn die Klagen: Wir sehen das

Innere der Dinge gar nicht ein, so viel bedeuten sollen, als, wir

begreifen nicht durch den reinen Verstand, was die Dinge, die uns

erscheinen, an sich sein mögen; so sind sie ganz unbillig und

unvernünftig; denn sie wollen, daß man ohne Sinne doch Dinge erkennen,

mithin anschauen könne, folglich daß wir ein von dem menschlichen

nicht bloß dem Grade, sondern sogar der Anschauung und Art nach,

gänzlich unterschiedenes Erkenntnisvermögen haben, also nicht

Menschen, sondern Wesen sein sollen, von denen wir selbst nicht

angeben können, ob sie einmal möglich, viel weniger, wie sie

beschaffen sind. Ins Innere der Natur dringt Beobachtung und

Zergliederung der Erscheinungen, und man kann nicht wissen, wie weit

dieses mit der Zeit gehen werde. Jene transzendentalen Fragen aber,

die über die Natur hinausgehen, würden wir bei allem dem doch niemals

beantworten können, wenn uns auch die ganze Natur aufgedeckt wäre, und

es uns nicht einmal gegeben ist, unser eigenes Gemüt mit einer anderen

Anschauung, als der unseres inneren Sinnes, zu beobachten. Denn in

demselben liegt das Geheimnis des Ursprungs unserer Sinnlichkeit. Ihre

Beziehung auf ein Objekt, und was der transzendentale Grund dieser

Einheit sei, liegt ohne Zweifel zu tief verborgen, als daß wir, die

wir sogar uns selbst nur durch inneren Sinn, mithin als Erscheinung,

kennen, ein so unschickliches Werkzeug unserer Nachforschung dazu

brauchen könnten, etwas anderes, als immer wiederum Erscheinungen,

aufzufinden, deren nichtsinnliche Ursache wir doch gern erforschen

wollten.

Was diese Kritik der Schlüsse, aus den bloßen Handlungen der

Reflexion, überaus nützlich macht, ist: daß sie die Nichtigkeit aller

Schlüsse über Gegenstände, die man lediglich im Verstande miteinander

vergleicht, deutlich dartut, und dasjenige zugleich bestätigt, was wir

hauptsächlich eingeschärft haben: daß, obgleich Erscheinungen nicht

als Dinge an sich selbst unter den Objekten des reinen Verstandes mit

begriffen sind, sie doch die einzigen sind, an denen unsere Erkenntnis

objektive Realität haben kann, nämlich, wo den Begriffen Anschauung

entspricht.

Wenn wir bloß logisch reflektieren, so vergleichen wir lediglich

unsere Begriffe untereinander im Verstande, ob beide eben dasselbe

enthalten, ob sie sich widersprechen oder nicht, ob etwas in dem

Begriffe innerlich enthalten sei, oder zu ihm hinzukomme, und welcher

von beiden gegeben, welcher aber nur als eine Art, den gegebenen

zu denken, gelten soll. Wende ich aber diese Begriffe auf einen

Gegenstand überhaupt (im transz. Verstande) an, ohne diesen weiter zu

bestimmen, ob er ein Gegenstand der sinnlichen oder intellektuellen

Anschauung sei, so zeigen sich sofort Einschränkungen (nicht aus

diesem Begriffe hinauszugehen), welche allen empirischen Gebrauch

derselben verkehren, und eben dadurch beweisen, daß die Vorstellung

eines Gegenstandes, als Dinges überhaupt, nicht etwa bloß

unzureichend, sondern ohne sinnliche Bestimmung derselben, und,

unabhängig von empirischer Bedingung, in sich selbst widerstreitend

sei, daß man also entweder von allem Gegenstande abstrahieren (in

der Logik), oder, wenn man einen annimmt, ihn unter Bedingungen der

sinnlichen Anschauung denken müsse, mithin das Intelligible eine ganz

sondere Anschauung, die wir nicht haben, erfordern würde, und in

Ermanglung derselben für uns nichts sei, dagegen aber auch die

Erscheinungen nicht Gegenstände an sich selbst sein können. Denn,

wenn ich mir bloß Dinge überhaupt denke, so kann freilich die

Verschiedenheit der äußeren Verhältnisse nicht eine Verschiedenheit

der Sachen selbst ausmachen, sondern setzt diese vielmehr voraus,

und, wenn der Begriff von dem Einen innerlich von dem des Andern gar

nicht unterschieden ist, so setze ich nur ein und dasselbe Ding in

verschiedene Verhältnisse. Ferner, durch Hinzukunft einer bloßen

Bejahung (Realität) zur anderen, wird ja das Positive vermehrt, und

ihm nichts entzogen, oder aufgehoben; daher kann das Reale in Dingen

überhaupt einander nicht widerstreiten, usw.

* *

*

Die Begriffe der Reflexion haben, wie wir gezeigt haben, durch eine

gewisse Mißdeutung einen solchen Einfluß auf den Verstandesgebrauch,

daß sie sogar einen der scharfsichtigsten unter allen Philosophen zu

einem vermeinten System intellektueller Erkenntnis, welches seine

Gegenstände ohne Dazukunft der Sinne zu bestimmen unternimmt, zu

verleiten imstande gewesen. Eben um deswillen ist die Entwicklung der

täuschenden Ursache der Amphibolie dieser Begriffe, in Veranlassung

falscher Grundsätze, von großem Nutzen, die Grenzen des Verstandes

zuverlässig zu bestimmen und zu sichern.

Man muß zwar sagen: was einem Begriff allgemein zukommt, oder

widerspricht, das kommt auch zu, oder widerspricht, allem Besonderen,

was unter jenem Begriff enthalten ist; (dictum de Omni et Nullo;) es

wäre aber ungereimt, diesen logischen Grundsatz dahin zu verändern,

daß er so lautete: was in einem allgemeinen Begriffe nicht enthalten

ist, das ist auch in den besonderen nicht enthalten, die unter

demselben stehen; denn diese sind eben darum besondere Begriffe, weil

sie mehr in sich enthalten, als im allgemeinen gedacht wird. Nun ist

doch wirklich auf diesen letzteren Grundsatz das ganze intellektuelle

System Leibnizens erbaut; es fällt also zugleich mit demselben, samt

aller aus ihm entspringenden Zweideutigkeit im Verstandesgebrauche.

Der Satz des Nichtzuunterscheidenden gründete sich eigentlich auf der

Voraussetzung: daß, wenn in dem Begriffe von einem Dinge überhaupt

eine gewisse Unterscheidung nicht angetroffen wird, so sei sie auch

nicht in den Dingen selbst anzutreffen; folglich seien alle Dinge

völlig einerlei (numero eadem), die sich nicht schon in ihrem Begriffe

(der Qualität oder Quantität nach) voneinander unterscheiden. Weil

aber bei dem bloßen Begriffe von irgendeinem Dinge von manchen

notwendigen Bedingungen einer Anschauung abstrahiert worden, so wird,

durch eine sonderbare Übereilung, das, wovon abstrahiert wird, dafür

genommen, daß es überall nicht anzutreffen sei, und dem Dinge nichts

eingeräumt, als was in seinem Begriffe enthalten ist.

Der Begriff von einem Kubikfuße Raum, ich mag mir diesen denken,

wo und wie oft ich wolle, ist an sich völlig einerlei. Allein zwei

Kubikfüße sind im Raume dennoch bloß durch ihre Örter unterschieden

(numero diversa); diese sind Bedingungen der Anschauung, worin das

Objekt dieses Begriffs gegeben wird, die nicht zum Begriffe, aber doch

zur ganzen Sinnlichkeit gehören. Gleichergestalt ist in dem Begriffe

von einem Dinge gar kein Widerstreit, wenn nichts Verneinendes mit

einem Bejahenden verbunden worden, und bloß bejahende Begriffe können,

in Verbindung, gar keine Aufhebung bewirken. Allein in der sinnlichen

Anschauung, darin Realität (z.B. Bewegung) gegeben wird, finden sich

Bedingungen (entgegengesetzte Richtungen), von denen im Begriffe

der Bewegung überhaupt abstrahiert war, die einen Widerstreit, der

freilich nicht logisch ist, nämlich aus lauter Positivem ein Zero = 0

möglich machen, und man konnte nicht sagen: daß darum alle Realität

untereinander Einstimmung sei, weil unter ihren Begriffen kein

Widerstreit angetroffen wird*. Nach bloßen Begriffen ist das Innere

das Substratum aller Verhältnis oder äußeren Bestimmungen. Wenn ich

also von allen Bedingungen der Anschauung abstrahiere, und mich

lediglich an den Begriff von einem Dinge überhaupt halte, so kann ich

von allem äußeren Verhältnis abstrahieren, und es muß dennoch ein

Begriff von dem übrigbleiben, das gar kein Verhältnis, sondern bloß

innere Bestimmungen bedeutet. Da scheint es nun, es folge daraus: in

jedem Dinge (Substanz) sei etwas, was schlechthin innerlich ist, und

allen äußeren Bestimmungen vorgeht, indem es sie allererst möglich

macht, mithin sei dieses Substratum so etwas, das keine äußeren

Verhältnisse mehr in sich enthält, folglich einfach: (denn die

körperlichen Dinge sind doch immer nur Verhältnisse, wenigstens

der Teile außereinander;) und weil wir keine schlechthin inneren

Bestimmungen kennen, als die durch unseren inneren Sinn, so sei dieses

Substratum nicht allein einfach, sondern auch (nach der Analogie mit

unserem inneren Sinn) durch Vorstellungen bestimmt, d.i. alle Dinge

wären eigentlich Monaden, oder mit Vorstellungen begabte einfache

Wesen. Dieses würde auch alles seine Richtigkeit haben, gehörte

nicht etwa mehr, als der Begriff von einem Dinge überhaupt, zu den

Bedingungen, unter denen allein uns Gegenstände der äußeren Anschauung

gegeben werden können, und von denen der reine Begriff abstrahiert.

Denn da zeigt sich, daß eine beharrliche Erscheinung im Raume

(undurchdringliche Ausdehnung) lauter Verhältnisse, und gar nichts

schlechthin Innerliches enthalten, und dennoch das erste Substratum

aller äußeren Wahrnehmung sein könne. Durch bloße Begriffe kann ich

freilich ohne etwas Innerem nichts Äußeres denken, eben darum, weil

Verhältnisbegriffe doch schlechthin gegebene Dinge voraussetzen,

und ohne diese nicht möglich sind. Aber, da in der Anschauung etwas

enthalten ist, was im bloßen Begriffe von einem Dinge überhaupt gar

nicht liegt, und dieses das Substratum, welches durch bloße Begriffe

gar nicht erkannt werden würde, an die Hand gibt, nämlich, ein Raum,

der, mit allem, was er enthält, aus lauter formalen, oder auch realen

Verhältnissen besteht, so kann ich nicht sagen: weil, ohne ein

Schlechthininneres, kein Ding durch bloße Begriffe vorgestellt werden

kann, so sei auch in den Dingen selbst, die unter diesen Begriffen

enthalten sind, und ihrer Anschauung nichts Äußeres, dem nicht etwas

Schlechthininnerliches zum Grunde läge. Denn, wenn wir von allen

Bedingungen der Anschauung abstrahiert haben, so bleibt uns freilich

im bloßen Begriffe nichts übrig, als das Innere überhaupt, und das

Verhältnis desselben untereinander, wodurch allein das Äußere möglich

ist. Diese Notwendigkeit aber, die sich allein auf Abstraktion

gründet, findet nicht bei den Dingen statt, sofern sie in der

Anschauung mit solchen Bestimmungen gegeben werden, die bloße

Verhältnisse ausdrücken, ohne etwas Inneres zum Grunde zu haben,

darum, weil sie nicht Dinge an sich selbst, sondern lediglich

Erscheinungen sind. Was wir auch nur an der Materie kennen, sind

lauter Verhältnisse, (das, was wir innere Bestimmungen derselben

nennen, ist nur komparativ innerlich;) aber es sind darunter

selbständige und beharrliche, dadurch uns ein bestimmter Gegenstand

gegeben wird. Daß ich, wenn ich von diesen Verhältnissen abstrahiere,

gar nichts weiter zu denken habe, hebt den Begriff von einem Dinge,

als Erscheinung, nicht auf, auch nicht den Begriff von einem

Gegenstande in abstracto, wohl aber alle Möglichkeit eines solchen,

der nach bloßen Begriffen bestimmbar ist, d.i. eines Noumenon.

Freilich macht es stutzig, zu hören, daß ein Ding ganz und gar aus

Verhältnissen bestehen solle, aber ein solches Ding ist auch bloße

Erscheinung, und kann gar nicht durch reine Kategorien gedacht werden;

es besteht selbst in dem bloßen Verhältnisse von Etwas überhaupt zu

den Sinnen. Ebenso kann man die Verhältnisse der Dinge in abstracto,

wenn man es mit bloßen Begriffen anfängt, wohl nicht anders denken,

als daß eines die Ursache von Bestimmungen in dem anderen sei; denn

das ist unser Verstandesbegriff von Verhältnissen selbst. Allein, da

wir alsdann von aller Anschauung abstrahieren, so fällt eine ganze

Art, wie das Mannigfaltige einander seinen Ort bestimmen kann,

nämlich die Form der Sinnlichkeit (der Raum), weg, der doch vor aller

empirischen Kausalität vorhergeht.

* Wollte man sich hier der gewöhnlichen Ausflucht bedienen: daß

wenigstens realitates Noumena einander nicht entgegenwirken

können, so müßte man doch ein Beispiel von dergleichen reiner und

sinnenfreier Realität anführen, damit man verstände, ob eine solche

überhaupt etwas oder gar nichts vorstelle. Aber es kann kein

Beispiel woher anders, als aus der Erfahrung genommen werden, die

niemals mehr als Phänomena darbietet, und so bedeutet dieser Satz

nichts weiter, als daß der Begriff, der lauter Bejahungen enthält,

nichts Verneinendes enthalte; ein Satz, an dem wir niemals

gezweifelt haben.

Wenn wir unter bloß intelligiblen Gegenständen diejenigen Dinge

verstehen, die durch reine Kategorien, ohne alles Schema der

Sinnlichkeit, gedacht werden, so sind dergleichen unmöglich. Denn die

Bedingung des objektiven Gebrauchs aller unserer Verstandesbegriffe

ist bloß die Art unserer sinnlichen Anschauung, wodurch uns

Gegenstände gegeben werden, und, wenn wir von der letzteren

abstrahieren, so haben die ersteren gar keine Beziehung auf irgendein

Objekt. Ja, wenn man auch eine andere Art der Anschauung, als

diese unsere sinnliche ist, annehmen wollte, so würden doch unsere

Funktionen zu denken in Ansehung derselben von gar keiner Bedeutung

sein. Verstehen wir darunter nur Gegenstände einer nichtsinnlichen

Anschauung, von denen unsere Kategorien zwar freilich nicht gelten,

und von denen wir also gar keine Erkenntnis (weder Anschauung, noch

Begriff) jemals haben können, so müssen Noumena in dieser bloß

negativen Bedeutung allerdings zugelassen werden: da sie denn nichts

anderes sagen, als: daß unsere Art der Anschauung nicht auf alle

Dinge, sondern bloß auf Gegenstände unserer Sinne geht, folglich ihre

objektive Gültigkeit begrenzt ist, und mithin für irgendeine andere

Art Anschauung, und also auch für Dinge als Objekte derselben,

Platz übrigbleibt. Aber alsdann ist der Begriff eines Noumenon

problematisch, d.i. die Vorstellung eines Dinges, von dem wir weder

sagen können, daß es möglich, noch daß es unmöglich sei, indem wir

gar keine Art der Anschauung, als unsere sinnliche kennen, und keine

Art der Begriffe, als die Kategorien, keine von beiden aber einem

außersinnlichen Gegenstande angemessen ist. Wir können daher das

Feld der Gegenstände unseres Denkens über die Bedingungen unserer

Sinnlichkeit darum noch nicht positiv erweitern, und außer den

Erscheinungen noch Gegenstände des reinen Denkens, d.i. Noumena,

annehmen, weil jene keine anzugebende positive Bedeutung haben. Denn

man muß von den Kategorien eingestehen: daß sie allein noch nicht zur

Erkenntnis der Dinge an sich selbst zureichen, und ohne die data der

Sinnlichkeit bloß subjektive Formen der Verstandeseinheit, aber ohne

Gegenstand, sein würden. Das Denken ist zwar an sich kein Produkt

der Sinne, und sofern durch sie auch nicht eingeschränkt, aber darum

nicht sofort von eigenem und reinem Gebrauche, ohne Beitritt der

Sinnlichkeit, weil es alsdann ohne Objekt ist. Man kann auch das

Noumenon nicht ein solches Objekt nennen; denn dieses bedeutet eben

den problematischen Begriff von einem Gegenstande cor eine ganz andere

Anschauung und einen ganz anderen Verstand, als der unsrige, der

mithin selbst ein Problem ist. Der Begriff des Noumenon ist also

nicht der Begriff von einem Objekt, sondern die unvermeidlich mit der

Einschränkung unserer Sinnlichkeit zusammenhängende Aufgabe, ob es

nicht von jener ihrer Anschauung ganz entbundene Gegenstände geben

möge, welche Frage nur unbestimmt beantwortet werden kann, nämlich:

daß, weil die sinnliche Anschauung nicht auf alle Dinge ohne

Unterschied geht, für mehr und andere Gegenstände Platz übrigbleibe,

sie also nicht schlechthin abgeleugnet, in Ermanglung eines bestimmten

Begriffs aber (da keine Kategorie dazu tauglich ist) auch nicht als

Gegenstände für unseren Verstand behauptet werden können.

Der Verstand begrenzt demnach die Sinnlichkeit, ohne darum sein

eigenes Feld zu erweitern, und, indem er jene warnt, daß sie sich

nicht anmaße, auf Dinge an sich selbst zu gehen, sondern lediglich auf

Erscheinungen, so denkt er sich einen Gegenstand an sich selbst, aber

nur als transzendentales Objekt, das die Ursache der Erscheinung

(mithin selbst nicht Erscheinung) ist, und weder als Größe, noch als

Realität, noch als Substanz usw. gedacht werden kann (weil diese

Begriffe immer sinnliche Formen erfordern, in denen sie einen

Gegenstand bestimmen;) wovon also völlig unbekannt ist, ob es in

uns, oder auch außer uns anzutreffen sei, ob es mit der Sinnlichkeit

zugleich aufgehoben werden, oder wenn wir jene wegnehmen, noch

übrigbleiben würde. Wollen wir dieses Objekt Noumenon nennen, darum,

weil die Vorstellung von ihm nicht sinnlich ist, so steht dieses

uns frei. Da wir aber keine von unseren Verstandesbegriffen darauf

anwenden können, so bleibt diese Vorstellung doch für uns leer, und

dient zu nichts, als die Grenzen unserer sinnlichen Erkenntnis zu

bezeichnen, und einen Raum übrig zu lassen, den wir weder durch

mögliche Erfahrung, noch durch den reinen Verstand ausfüllen können.

Die Kritik dieses reinen Verstandes erlaubt es also nicht, sich ein

neues Feld von Gegenständen, außer denen, die ihm als Erscheinungen

vorkommen können, zu schaffen, und in intelligible Welten, sogar nicht

einmal in ihren Begriff, auszuschweifen. Der Fehler, welcher hierzu

auf die allerscheinbarste Art verleitet, und allerdings entschuldigt,

obgleich nicht gerechtfertigt werden kann, liegt darin: daß der

Gebrauch des Verstandes, wider seine Bestimmung, transzendental

gemacht, und die Gegenstände, d.i. mögliche Anschauungen, sich nach

Begriffen, nicht aber Begriffe sich nach möglichen Anschauungen (als

auf denen allein ihre objektive Gültigkeit beruht) richten müssen. Die

Ursache hiervon aber ist wiederum: daß die Apperzeption, und, mit ihr,

das Denken vor aller möglichen bestimmten Anordnung der Vorstellungen

vorhergeht. Wir denken also Etwas überhaupt, und bestimmen es

einerseits sinnlich, allein unterscheiden doch den allgemeinen und in

abstracto vorgestellten Gegenstand von dieser Art ihn anzuschauen; da

bleibt uns nun eine Art, ihn bloß durch Denken zu bestimmen, übrig,

welche zwar eine bloße logische Form ohne Inhalt ist, uns aber

dennoch eine Art zu sein scheint, wie das Objekt an sich existiere

(Noumenon), ohne auf die Anschauung zu sehen, welche auf unsere Sinne

eingeschränkt ist.

* *

*

Ehe wir die transzendentale Analytik verlassen, müssen wir noch

etwas hinzufügen, was, obgleich an sich von nicht sonderlicher

Erheblichkeit, dennoch zur Vollständigkeit des Systems erforderlich

scheinen dürfte. Der höchste Begriff, von dem man eine

Transzendentalphilosophie anzufangen pflegt, ist gemeiniglich die

Einteilung in das Mögliche und Unmögliche. Da aber alle Einteilung

einen eingeteilten Begriff voraussetzt, so muß noch ein höherer

angegeben werden, und dieser ist der Begriff von einem Gegenstande

überhaupt (problematisch genommen, und unausgemacht, ob er Etwas oder

Nichts sei). Weil die Kategorien die einzigen Begriffe sind, die sich

auf Gegenstände überhaupt beziehen, so wird die Unterscheidung eines

Gegenstandes, ob er Etwas, oder Nichts sei, nach der Ordnung und

Anweisung der Kategorien fortgehen.

1. Den Begriffen von Allem, Vielem und Einem ist der, so alles

aufhebt, d.i. Keines, entgegengesetzt und so ist der Gegenstand eines

Begriffs, dem gar keine anzugebende Anschauung korrespondiert, =

Nichts, d.i. ein Begriff ohne Gegenstand, wie die Noumena, die nicht

unter die Möglichkeiten gezählt werden können, obgleich auch darum

nicht für unmöglich ausgegeben werden müssen, (ens rationis,) oder

wie etwa gewisse neue Grundkräfte, die man sich denkt, zwar ohne

Widerspruch, aber auch ohne Beispiel aus der Erfahrung gedacht worden,

und also nicht unter die Möglichkeiten gezählt werden müssen.

2. Realität ist Etwas, Negation ist Nichts, nämlich, ein Begriff von

dem Mangel eines Gegenstandes, wie der Schatten, die Kälte, (nihil

privativum).

3. Die bloße Form der Anschauung, ohne Substanz, ist an sich kein

Gegenstand, sondern die bloß formale Bedingung desselben (als

Erscheinung), wie der reine Raum, und die reine Zeit (ens

imaginarium), die zwar Etwas sind, als Formen anzuschauen, aber selbst

keine Gegenstände sind, die angeschaut werden.

4. Der Gegenstand eines Begriffs, der sich selbst widerspricht, ist

Nichts, weil der Begriff Nichts ist, das Unmögliche, wie etwa die

geradlinige Figur von zwei Seiten, (nihil negativum).

Die Tafel dieser Einteilung des Begriffs von Nichts (denn die dieser

gleichlaufende Einteilung des Etwas folgt von selber,) würde daher so

angelegt werden müssen:

Nichts,

als

1. Leerer Begriff ohne Gegenstand,

ens rationis.

2. Leerer Gegenstand 3. Leere Anschauung

eines Begriffs, ohne Gegenstand,

nihil privativum. ens imaginarium.

4. Leerer Gegenstand ohne Begriff,

nihil negativum.

Man sieht, daß das Gedankending (n. 1.) von dem Undinge (n. 4.)

dadurch unterschieden werde, daß jenes nicht unter die Möglichkeiten

gezählt werden darf, weil es bloß Erdichtung (obzwar nicht

widersprechende) ist, dieses aber der Möglichkeit entgegengesetzt

ist, indem der Begriff sogar sich selbst aufhebt. Beide sind aber

leere Begriffe. Dagegen sind das nihil privativum (n. 2.) und ens

imaginarium (n. 3.) leere Data zu Begriffen. Wenn das Licht nicht

den Sinnen gegeben worden, so kann man sich auch keine Finsternis,

und, wenn nicht ausgedehnte Wesen wahrgenommen worden, keinen Raum

vorstellen. Die Negation sowohl, als die bloße Form der Anschauung,

sind, ohne ein Reales, keine Objekte.

Der transzendentalen Logik

Zweite Abteilung

Die transzendentale Dialektik

Kritik der reinen Vernunft (Erste Fassung 1781) · 第 32 / 70 题