Bis du von meinem Schein das Siegel wegschiltst,
Tust du mit Schrein nur deiner Lunge weh.
Stell deinen Witz her, guter junger Mensch,
Sonst fällt er rettungslos in Trümmern dir.
Ich stehe hier um Recht.
Doge.
Der Brief da von Bellarios Hand empfiehlt
Uns einen jungen und gelehrten Doktor.--
Wo ist er denn?
Nerissa.
Er wartet dicht bei an
Auf Antwort, ob Ihr Zutritt ihm vergönnt.
Doge.
Von ganzem Herzen! Geht ein paar von euch
Und gebt ihm höfliches Geleit hieher.
Hör das Gericht indes Bellarios Brief.
Ein Schreiber (liest).
"Eur Hoheit dient zur Nachricht, daß ich beim Empfange Eures
Briefes sehr krank war. Aber in dem Augenblick, da Euer Bote
ankam, war bei mir auf einen freundschaftlichen Besuch ein junger
Doktor von Rom, namens Balthasar. Ich machte ihn mit dem
streitigen Handel zwischen dem Juden und dem Kaufmann Antonio
bekannt; wir schlugen viele Bücher nach. Er ist von meiner
Meinung unterrichtet, die er, berichtigt durch seine eigne
Gelehrsamkeit (deren Umfang ich nicht genug empfehlen kann),
mitgenommen hat, um auf mein Andringen Euer Hoheit an meiner
Statt Genüge zu leisten. Ich ersuche Euch, laßt seinen Mangel an
Jahren keinen Grund sein, ihm eine anständige Achtung zu
versagen; denn ich kannte noch niemals einen so jungen Körper mit
einem so alten Kopf. Ich überlasse ihn Eurer gnädigen Aufnahme;
seine Prüfung wird ihn am besten empfehlen."
Doge.
Ihr hört, was der gelehrte Mann uns schreibt,
Und hier, so glaub ich, kommt der Doktor schon.
(Porzia tritt auf, wie ein Rechtsgelehrter gekleidet.)
Gebt mir die Hand; Ihr kommt von unserm alten
Bellario?
Porzia.
Zu dienen, gnädger Herr!
Doge.
Ihr seid willkommen! nehmet Euren Platz.
Seid Ihr schon mit der Zwistigkeit bekannt,
Die hier vor dem Gericht verhandelt wird?
Porzia.
Ich bin ganz unterrichtet von der Sache.
Wer ist der Kaufmann hier und wer der Jude?
Doge.
Antonio, alter Shylock, tretet vor!
Porzia.
Eur Nam ist Shylock?
Shylock.
Shylock ist mein Name.
Porzia.
Von wunderlicher Art ist Euer Handel,
Doch in der Form, daß das Gesetz Venedigs
Euch nicht anfechten kann, wie Ihr verfahrt.--
Ihr seid von ihm gefährdet; seid Ihr nicht?
Antonio.
Ja, wie er sagt.
Porzia.
Den Schein erkennt Ihr an?
Antonio.
Ja.
Porzia.
So muß der Jude Gnad ergehen lassen.
Shylock.
Wodurch genötigt, muß ich? Sagt mir das.
Porzia.
Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang.
Sie träufelt wie des Himmels milder Regen
Zur Erde unter ihr; zwiefach gesegnet:
Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt;
Am mächtigsten in Mächtgen, zieret sie
Den Fürsten auf dem Thron mehr als die Krone.
Das Zepter zeigt die weltliche Gewalt,
Das Attribut der Würd und Majestät,
Worin die Furcht und Scheu der Könge sitzt.
Doch Gnad ist über diese Zeptermacht,
Sie thronet in dem Herzen der Monarchen,
Sie ist ein Attribut der Gottheit selbst,
Und irdsche Macht kommt göttlicher am nächsten,
Wenn Gnade bei dem Recht steht. Darum, Jude,
Suchst du um Recht schon an, erwäge dies:
Daß nach dem Lauf des Rechtes unser keiner
Zum Heile käm; wir beten all um Gnade,
Und dies Gebet muß uns der Gnade Taten
Auch üben lehren. Dies hab ich gesagt,
Um deine Forderung des Rechts zu mildern;
Wenn du darauf bestehst, so muß Venedigs
Gestrenger Hof durchaus dem Kaufmann dort
Zum Nachteil einen Spruch tun.
Shylock.
Meine Taten
Auf meinen Kopf! Ich fordre das Gesetz,
Die Buße und Verpfändung meines Scheins.
Porzia.
Ist er das Geld zu zahlen nicht imstand?
Bassanio.
O ja, hier biet ich's ihm vor dem Gericht,
Ja, doppelt selbst; wenn das noch nicht genügt,
Verpflicht ich mich, es zehnfach zu bezahlen,
Und setze Hände, Kopf und Herz zum Pfand.
Wenn dies noch nicht genügt, so zeigt sich's klar,
Die Bosheit drückt die Redlichkeit. Ich bitt Euch,
Beugt einmal das Gesetz nach Eurem Ansehn:
Tut kleines Unrecht um ein großes Recht
Und wehrt dem argen Teufel seinen Willen.
Porzia.
Es darf nicht sein. Kein Ansehn in Venedig
Vermag ein gültiges Gesetz zu ändern.
Es würde als ein Vorgang angeführt,
Und mancher Fehltritt nach demselben Beispiel
Griff' um sich in dem Staat; es kann nicht sein.
Shylock.
Ein Daniel kommt zu richten, ja, ein Daniel!
Wie ich dich ehr, o weiser junger Richter!
Porzia.
Ich bitte, gebt zum Ansehn mir den Schein.
Shylock.
Hier ist er, mein ehrwürdger Doktor, hier!
Porzia.
Shylock, man bietet dreifach dir dein Geld.
Shylock.
Ein Eid! Ein Eid! ich hab 'nen Eid im Himmel.
Soll ich auf meine Seele Meineid laden?
Nicht um Venedig.
Porzia.
Gut, er ist verfallen,
Und nach den Rechten kann der Jud hierauf
Verlangen ein Pfund Fleisch, zunächst am Herzen
Des Kaufmanns auszuschneiden.--Sei barmherzig!
Nimm dreifach Geld, laß mich den Schein zerreißen.
Shylock.
Wenn er bezahlt ist, wie sein Inhalt lautet.--
Es zeigt sich klar, Ihr seid ein würdger Richter;
Ihr kennt die Rechte, Euer Vortrag war
Der bündigste; ich fordr Euch auf beim Recht,
Wovon Ihr ein verdienter Pfeiler seid,
Kommt nun zum Spruch; bei meiner Seele schwör ich,
Daß keines Menschen Zunge über mich
Gewalt hat; ich steh hier auf meinen Schein.
Antonio.
Von ganzem Herzen bitt ich das Gericht,
Den Spruch zu tun.
Porzia.
Nun wohl, so steht es denn!
Bereitet Euren Busen für sein Messer.
Shylock.
O weiser Richter! wackrer junger Mann.
Porzia.
Denn des Gesetzes Inhalt und Bescheid
Hat volle Übereinkunft mit der Buße,
Die hier im Schein als schuldig wird erkannt.
Shylock.
Sehr wahr; o weiser und gerechter Richter!
Um wieviel älter bist du, als du aussiehst!
Porzia.
Deshalb entblößt den Busen.
Shylock.
Ja, die Brust,
So sagt der Schein--nicht wahr, mein edler Richter?
"Zunächst dem Herzen", sind die eignen Worte.
Porzia.
So ist's. Ist eine Waage da, das Fleisch
Zu wägen?
Shylock.
Ja, ich hab sie bei der Hand.
Porzia.
Nehmt einen Feldscher, Shylock, für Eur Geld,
Ihn zu verbinden, daß er nicht verblutet.
Shylock.
Ist das so angegeben in dem Schein?
Porzia.
Es steht nicht da; allein was tut's? Es wär
Doch gut, Ihr tätet das aus Menschenliebe.
Shylock.
Ich kann's nicht finden, 's ist nicht in dem Schein.
Porzia.
Kommt, Kaufmann! habt Ihr irgend was zu sagen?
Antonio.
Nur wenig; ich bin fertig und gerüstet.
Gebt mir die Hand, Bassanio, lebet wohl!
Es kränk Euch nicht, daß dies für Euch mich trifft,
Denn hierin zeigt das Glück sich gütiger
Als seine Weis ist; immer läßt es sonst
Elende ihren Reichtum überleben,
Mit hohlem Aug und faltger Stirn ein Alter
Der Armut anzusehn; von solcher Schmach
Langwier'ger Buße nimmt es mich hinweg.
Empfehlt mich Eurem edlen Weib, erzählt Ihr
Den Hergang von Antonios Ende; sagt,
Wie ich Euch liebte; rühmt im Tode mich;
Und wenn Ihr's auserzählt, heißt sie entscheiden,
Ob nicht Bassanio einst geliebt ist worden.
Bereut nicht daß Ihr einen Freund verliert
Und er bereut nicht, daß er für Euch zahlt:
Denn schneidet nur der Jude tief genug,
So zahl ich gleich die Schuld von ganzem Herzen.
Bassanio.
Antonio, ich hab ein Weib zur Ehe,
Die mir so lieb ist als mein Leben selbst;
Doch Leben selbst, mein Weib und alle Welt
Gilt höher als dein Leben nicht bei mir.
Ich gäbe alles hin, ja opfert' alles
Dem Teufel da, um dich nur zu befrein.
Porzia.
Da wüßt Eur Weib gewiß Euch wenig Dank,
Wär sie dabei und hört Eur Anerbieten.
Graziano.
Ich hab ein Weib, die ich auf Ehre liebe;
Doch wünscht ich sie im Himmel, könnte sie
Dort eine Macht erflehn, des hündschen Juden
Gemüt zu ändern.
Nerissa.
Gut, daß Ihr's hinter ihrem Rücken tut,
Sonst störte wohl der Wunsch des Hauses Frieden.
Shylock (beiseite).
So sind die Christenmänner; ich hab 'ne Tochter:
Wär irgendwer vom Stamm des Barrabas
Ihr Mann geworden, lieber als ein Christ!--
Die Zeit geht hin; ich bitt Euch, kommt zum Spruch.
Porzia.
Ein Pfund von dieses Kaufmanns Fleisch ist dein.
Der Hof erkennt es, und das Recht erteilt es.
Shylock.
O höchst gerechter Richter!--
Porzia.
Ihr müßt das Fleisch ihm schneiden aus der Brust:
Das Recht bewilligt's, und der Hof erkennt es.
Shylock.
O höchst gelehrter Richter!--Na, ein Spruch!
Kommt, macht Euch fertig.
Porzia.
Wart noch ein wenig: Eins ist noch zu merken!
Der Schein hier gibt dir nicht ein Tröpfchen Blut;
Die Worte sind ausdrücklich: ein Pfund Fleisch!
Nimm denn den Schein, und nimm du dein Pfund Fleisch;
Allein vergießest du, indem du's abschneidst,
Nur einen Tropfen Christenblut, so fällt
Dein Hab und Gut nach dem Gesetz Venedigs
Dem Staat Venedigs heim.
Graziano.
Gerechter Richter!--merk, Jud!--o weiser Richter!
Shylock.
Ist das Gesetz?
Porzia.
Du sollst die Akte sehn.
Denn, weil du dringst auf Recht, so sei gewiß:
Recht soll dir werden, mehr als du begehrst.
Graziano.
O weiser Richter!--merk, Jud! ein weiser Richter!
Shylock.
Ich nehme das Erbieten denn: zahlt dreifach
Mir meinen Schein und laßt den Christen gehn.
Bassanio.
Hier ist das Geld.
Porzia.
Halt!
Dem Juden alles Recht--still! keine Eil!
Er soll die Buße haben, weiter nichts.
Graziano.
O Jud! ein weiser, ein gerechter Richter!
Porzia.
Darum bereite dich, das Fleisch zu schneiden.
Vergieß kein Blut, schneid auch nicht mehr noch minder
Als grad ein Pfund; ist's minder oder mehr
Als ein genaues Pfund, sei's nur soviel,
Es leichter oder schwerer an Gewicht
Zu machen, um ein armes Zwanzigstteil
Von einem Skrupel, ja wenn sich die Waagschal
Nur um die Breite eines Haares neigt,
So stirbst du, und dein Gut verfällt dem Staat.
Graziano.
Ein zweiter Daniel, ein Daniel, Jude!
Ungläubiger, ich hab dich bei der Hüfte.
Porzia.
Was hält den Juden auf? Nimm deine Buße.
Shylock.
Gebt mir mein Kapital und laßt mich gehn.
Bassanio.
Ich hab es schon für dich bereit: hier ist's.
Porzia.
Er hat's vor offenem Gericht geweigert:
Sein Recht nur soll er haben und den Schein.
Graziano.
Ich sag, ein Daniel, ein zweiter Daniel!
Dank, Jude, daß du mich das Wort gelehrt.
Shylock.
Soll ich nicht haben bloß mein Kapital?
Porzia.
Du sollst nichts haben als die Buße, Jude,
Die du auf eigene Gefahr magst nehmen.
Shylock.
So lass' es ihm der Teufel wohl bekommen!
Ich will nicht länger Rede stehn.
Porzia.
Wart, Jude!
Das Recht hat andern Anspruch noch an dich.
Es wird verfügt in dem Gesetz Venedigs,
Wenn man es einem Fremdling dargetan,
Daß er durch Umweg' oder gradezu
Dem Leben eines Bürgers nachgestellt,
Soll die Partei, auf die sein Anschlag geht,
Die Hälfte seiner Güter an sich ziehn;
Die andre Hälfte fällt dem Schatz anheim,
Und an des Dogen Gnade hängt das Leben
Des Schuldgen einzig, gegen alle Stimmen.
In der Benennung, sag ich, stehst du nun,
Denn es erhellt aus offenbarem Hergang,
Daß du durch Umweg' und auch gradezu
Recht eigentlich gestanden dem Beklagten
Nach Leib und Leben: und so trifft dich denn
Die Androhung, die ich zuvor erwähnt.
Drum nieder, bitt um Gnade bei dem Dogen!
Graziano.
Bitt um Erlaubnis, selber dich zu hängen;
Und doch, da all dein Gut dem Staat verfällt,
Behältst du nicht den Wert von einem Strick;
Man muß dich hängen auf des Staates Kosten.
Doge.
Damit du siehst, welch andrer Geist uns lenkt,
So schenk ich dir das Leben, eh du bittest.
Dein halbes Gut gehört Antonio,
Die andre Hälfte fällt dem Staat anheim,
Was Demut lindern kann zu einer Buße.
Porzia.
Ja, für den Staat, nicht für Antonio.
Shylock.
Nein, nehmt mein Leben auch, schenkt mir das nicht!
Ihr nehmt mein Haus, wenn ihr die Stütze nehmt,
Worauf mein Haus beruht; ihr nehmt mein Leben,
Wenn ihr die Mittel nehmt, wodurch ich lebe.
Porzia.
Was könnt Ihr für ihn tun, Antonio?
Graziano.
Ein Strick umsonst! nichts mehr, um Gottes willen!
Antonio.
Beliebt mein gnädger Herr und das Gericht
Die Buße seines halben Guts zu schenken,
So bin ich es zufrieden, wenn er mir
Die andre Hälfte zum Gebrauche läßt,
Nach seinem Tod dem Mann sie zu erstatten,
Der kürzlich seine Tochter stahl.
Noch zweierlei beding ich: daß er gleich
Für diese Gunst das Christentum bekenne;
Zum andern, stell er eine Schenkung aus
Hier vor Gericht von allem, was er nachläßt,
An seinen Schwiegersohn und seine Tochter.
Doge.
Das soll er tun, ich widerrufe sonst
Die Gnade, die ich eben hier erteilt.
Porzia.
Bist du's zufrieden, Jude? Nun, was sagst du?
Shylock.
Ich bin's zufrieden.
Porzia.
Ihr, Schreiber, setzt die Schenkungsakte auf.
Shylock.
Ich bitt, erlaubt mir, weg von hier zu gehn:
Ich bin nicht wohl, schickt mir die Akte nach,
Und ich will zeichnen.
Doge.
Geh denn, aber tu's.
Graziano.
Du wirst zwei Paten bei der Taufe haben;
Wär ich dein Richter, kriegtest du zehn mehr--
Zum Galgen, nicht zum Taufstein, dich zu bringen.
(Shylock ab.)
Doge.
Ich lad Euch, Herr, zur Mahlzeit bei mir ein.
Porzia.
Ich bitt Eur Hoheit um Entschuldigung.
Ich muß vor Abend fort nach Padua
Und bin genötigt, gleich mich aufzumachen.
Doge.
Es tut mir leid, daß Ihr Verhindrung habt.
Antonio, zeigt Euch dankbar diesem Mann:
Ihr seid ihm sehr verpflichtet, wie mich dünkt.
(Doge, Senatoren und Gefolge ab.)
Bassanio.
Mein würdger Herr, ich und mein Freund, wir sind
Durch Eure Weisheit heute losgesprochen
Von schweren Bußen; für den Dienst erwidern
Wir mit der Schuld des Juden, den dreitausend
Dukaten, willig die gewogne Müh.
Antonio.
Und bleiben Euer Schuldner überdies
An Liebe und an Diensten immerfort.
Porzia.
Wer wohl zufrieden ist, ist wohl bezahlt;
Ich bin zufrieden, da ich euch befreit,
Und halte dadurch mich für wohl bezahlt;
Lohnsüchtiger war niemals mein Gemüt.
Ich bitt euch, kennt mich, wenn wir mal uns treffen;
Ich wünsch euch Gutes, und so nehm ich Abschied.
Bassanio.
Ich muß noch in Euch dringen, bester Herr:
Nehmt doch ein Angedenken, nicht als Lohn,
Nur als Tribut; gewährt mir zweierlei,
Mir's nicht zu weigern und mir zu verzeihn.
Porzia.
Ihr dringt sehr in mich! gut, ich gebe nach:
Gebt Eure Handschuh mir, ich will sie tragen,
Und, Euch zur Lieb, nehm ich den Ring von Euch.
Zieht nicht die Hand zurück, ich will nichts weiter,
Und weigern dürft Ihr's nicht, wenn Ihr mich liebt.
Bassanio.
Der Ring--ach, Herr! ist eine Kleinigkeit,
Ihn Euch zu geben, müßt ich mich ja schämen.
Porzia.
Ich will nichts weiter haben als den Ring,
Und, wie mich dünkt, hab ich nun Lust dazu.
Bassanio.
Es hängt an diesem Ring mehr als sein Wert;
Den teursten in Venedig geb ich Euch
Und find ihn aus durch öffentlichen Ausruf.
Für diesen bitt ich nur, entschuldigt mich.
Porzia.
Ich seh, Ihr seid freigebig im Erbieten;
Ihr lehrtet erst mich bitten, und nun scheint es,
Ihr lehrt mich, wie man Bettlern Antwort gibt.
Bassanio.
Den Ring gab meine Frau mir, bester Herr;
Sie steckte mir ihn an und hieß mich schwören,
Ich woll ihn nie verlieren noch vergeben.
Porzia.
Mit solchen Worten spart man seine Gaben.
Ist Eure Frau nicht gar ein töricht Weib
Und weiß, wie gut ich diesen Ring verdient,
So wird sie nicht auf immer Feindschaft halten,
Weil Ihr ihn weggabt. Gut, gehabt Euch wohl!
(Porzia und Nerissa ab.)
Antonio.
Laßt ihn den Ring doch haben, Don Bassanio;
Laßt sein Verdienst zugleich mit meiner Liebe
Euch gelten gegen Eurer Frau Gebot.
Bassanio.
Geh, Graziano, lauf und hol ihn ein,
Gib ihm den Ring und bring ihn, wenn du kannst,
Zu des Antonio Haus. Fort! eile dich!
(Graziano ab.)
Kommt, Ihr und ich, wir wollen gleich dahin,
Und früh am Morgen wollen wir dann beide
Nach Belmont fliegen. Kommt, Antonio!
(Ab.)
Zweite Szene
Eine Straße
(Porzia und Nerissa kommen)
Porzia.
Erfrag des Juden Haus, gib ihm die Akte
Und laß ihn zeichnen. Wir wollen fort zu Nacht
Und einen Tag vor unsern Männern noch
Zu Hause sein. Die Akte wird Lorenzen
Gar sehr willkommen sein.
(Graziano kommt.)
Graziano.
Schön, daß ich Euch noch treffe, werter Herr.
Hier schickt Euch Don Bassanio, da er besser
Es überlegt, den Ring und bittet Euch,
Mittags bei ihm zu speisen.
Porzia.
Das kann nicht sein;
Den Ring nehm ich mit allem Danke an
Und bitt Euch, sagt ihm das; seid auch so gut,
Den jungen Mann nach Shylocks Haus zu weisen.
Graziano.
Das will ich tun.
Nerissa (zu Porzia).
Herr, noch ein Wort mit Euch.--
(Heimlich.)
Ich will doch sehn, von meinem Mann den Ring
Zu kriegen, den ich immer zu bewahren
Ihn schwören ließ.
Porzia.
Ich steh dafür, du kannst es.
Da wird's an hoch und teuer Schwören gehn,
Daß sie die Ring an Männer weggegeben;
Wir leugnen's keck und überschwören sie.
Fort! eile dich! Du weißt ja, wo ich warte.
Nerissa.
Kommt, lieber Herr! wollt Ihr sein Haus mir zeigen?
(Ab.)
Fünfter Aufzug
Erste Szene
Belmont. Freier Platz vor Porzias Hause
(Lorenzo und Jessica treten auf)
Lorenzo.
Der Mond scheint hell. In solcher Nacht wie diese,
Da linde Luft die Bäume schmeichelnd küßte
Und sie nicht rauschen ließ, in solcher Nacht
Erstieg wohl Troilus die Mauern Trojas
Und seufzte seine Seele zu den Zelten
Der Griechen hin, wo seine Cressida
Die Nacht in Schlummer lag.
Jessica.
In solcher Nacht
Schlüpft' überm Taue Thisbe furchtsam hin
Und sah des Löwen Schatten eh als ihn
Und lief erschrocken weg.
Lorenzo.
In solcher Nacht
Stand Dido, eine Weid in ihrer Hand,
Am wilden Strand und winkte ihrem Liebsten
Zur Rückkehr nach Karthago.
Jessica.
In solcher Nacht
Las einst Medea jene Zauberkräuter,
Den Äson zu verjüngen.
Lorenzo.
In solcher Nacht
Stahl Jessica sich von dem reichen Juden
Und lief mit einem ausgelaßnen Liebsten
Bis Belmont von Venedig.
Jessica.
In solcher Nacht
Schwor ihr Lorenzo, jung und zärtlich, Liebe
Und stahl ihr Herz mit manchem Treugelübd,
Wovon nicht eines echt war.
Lorenzo.
In solcher Nacht
Verleumdete die artge Jessica
Wie eine kleine Schelmin ihren Liebsten,
Und er vergab es ihr.
Jessica.
Ich wollt Euch übernachten, käme niemand.
Doch horcht! ich hör den Fußtritt eines Manns.
(Ein Bedienter kommt.)
Lorenzo.
Wer kommt so eilig in der stillen Nacht?
Bedienter.
Ein Freund.
Lorenzo.
Ein Freund? was für ein Freund? Eur Name, Freund?
Bedienter.
Mein Nam ist Stephano, und ich soll melden,
Daß meine gnädge Frau vor Tages Anbruch
Wird hier in Belmont sein; sie streift umher
Bei heilgen Kreuzen, wo sie kniet und betet
Um frohen Ehestand.
Lorenzo.
Wer kommt mit ihr?
Bedienter.
Ein heilger Klausner und ihr Mädchen bloß.
Doch sagt mir, ist mein Herr noch nicht zurück?
Lorenzo.
Nein, und wir haben nichts von ihm gehört.
Doch, liebe Jessica, gehn wir hinein;
Laß uns auf einen feierlichen Willkomm
Für die Gebieterin des Hauses denken.
(Lanzelot kommt.)
Lanzelot.
Holla, holla! he! heda! holla! holla!
Lorenzo.
Wer ruft?
Lanzelot.
Holla! habt Ihr Herrn Lorenzo und Frau Lorenzo gesehn? Holla! holla!
Lorenzo.
Laß dein Hollarufen, Kerl! Hier!
Lanzelot.
Holla! wo? wo?
Lorenzo.
Hier!
Lanzelot.
Sagt ihm, daß ein Postillon von meinem Herrn gekommen ist, der
sein Horn voll guter Neuigkeiten hat: mein Herr wird vor morgens
hier sein.
(Lanzelot ab.)
Lorenzo.
Komm, süßes Herz, erwarten wir sie drinnen.
Und doch, es macht nichts aus: wozu hineingehn?
Freund Stephano, ich bitt Euch, meldet gleich
Im Haus die Ankunft Eurer gnädgen Frau
Und bringt die Musikanten her ins Freie.
(Stephano ab.)
Wie süß das Mondlicht auf dem Hügel schläft!
Hier sitzen wir und lassen die Musik
Zum Ohre schlüpfen; sanfte Still und Nacht,
Stimmt zu den Klängen süßer Harmonie.
Komm, Jessica! Sieh, wie die Himmelsflur
Ist eingelegt mit Scheiben lichten Goldes!
Auch nicht der kleinste Kreis, den du da siehst,
Der nicht im Schwunge wie ein Engel singt,
Zum Chor der hellgeaugten Cherubim.
So voller Harmonie sind ewge Geister:
Nur wir, weil dies hinfällge Kleid von Staub
Und grob umhüllt, wir können sie nicht hören.
(Musikanten kommen.)
He! kommt und weckt Dianen auf mit Hymnen,
Rührt euer Herrin Ohr mit zartem Spiel,
(Musik)
Zieht mit Musik sie heim.
Jessica.
Nie macht die liebliche Musik mich lustig.
Lorenzo.
Der Grund ist, Eure Geister sind gespannt.
Bemerkt nur eine wilde flüchtge Herde,
Der ungezähmten jungen Füllen Schar:
Sie machen Sprünge, brüllen, wiehern laut,
Wie ihres Blutes heiße Art sie treibt;
Doch schaut nur die Trompete oder trifft
Sonst eine Weise der Musik ihr Ohr,
So seht Ihr, wie sie miteinander stehn;
Ihr wildes Auge schaut mit Sittsamkeit,
Durch süße Macht der Töne. Drum lehrt der Dichter,
Gelenkt hab Orpheus Bäume, Felsen, Fluten,
Weil nichts so stöckisch, hart und voll von Wut,
Das nicht Musik auf eine Zeit verwandelt.
Der Mann, der nicht Musik hat in ihm selbst,
Den nicht die Eintracht süßer Töne rührt,
Taugt zu Verrat, zu Räuberei und Tücken;
Die Regung seines Sinns ist dumpf wie Nacht,
Sein Trachten düster wie der Erebus.
Trau keinem solchen!--Horch auf die Musik!
(Porzia und Nerissa in der Entfernung)
Porzia.
Das Licht, das wir da sehen, brennt im Saal;
Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft!
So scheint die gute Tat in arger Welt.
Nerissa.
Da der Mond schien, sahn wir die Kerze nicht.
Porzia.
So löscht der größre Glanz den kleinern aus.
Ein Stellvertreter strahlet wie ein König,
Bis ihm ein König naht; und dann ergießt
Sein Prunk sich, wie vom innern Land ein Bach
Ins große Bett der Wasser. Horch, Musik!
Nerissa.
Es sind die Musikanten Eures Hauses.
Porzia.
Ich sehe, nichts ist ohne Rücksicht gut;
Mich dünkt, sie klingt viel schöner als bei Tag.
Nerissa.
Die Stille gibt den Reiz ihr, gnädge Frau.
Porzia.
Die Krähe singt so lieblich wie die Lerche,
Wenn man auf keine lauschet; und mir deucht,
Die Nachtigall, wenn sie bei Tage sänge,
Wo alle Gänse schnattern, hielt' man sie
Für keinen bessern Spielmann als den Spatz.
Wie manches wird durch seine Zeit gezeitigt
Zu echtem Preis und zur Vollkommenheit!--
Still! Luna schläft ja beim Endymion
Und will nicht aufgeweckt sein.
(Die Musik hört auf.)
Lorenzo.
Wenn nicht alles
Mich trügt, ist das die Stimme Porzias.
Porzia.
Er kennt mich, wie der blinde Mann den Kuckuck,
An meiner schlechten Stimme.
Lorenzo.
Gnädge Frau, willkommen!
Porzia.
Wir beteten für unsrer Männer Wohlfahrt
Und hoffen, unsre Worte fördern sie:
Sind sie zurück?
Lorenzo.
Bis jetzt nicht, gnädge Frau.
Allein ein Bote ist vorausgekommen,
Sie anzumelden.
Porzia.
Geh hinein, Nerissa,
Sag meinen Leuten, daß sie gar nicht tun,
Als wären wir vom Haus entfernt gewesen;--
Auch Ihr, Lorenzo! Jessica, auch Ihr!
(Trompetenstoß.)
Lorenzo.
Da kommt schon Eur Gemahl, ich höre blasen;
Wir sind nicht Plaudertaschen, fürchtet nichts.
Porzia.
Mich dünkt, die Nacht ist nur ein krankes Tagslicht,
Sie sieht ein wenig bleicher; 's ist ein Tag
Wie's Tag ist, wenn die Sonne sich verbirgt.
(Bassanio, Antonio, Graziano treten auf mit ihrem Gefolge.)
Bassanio.
Wir hielten mit den Antipoden Tag,
Erschient Ihr, während sich die Sonn entfernt.
Porzia.
Wenn mein Betragen nur das Licht nicht scheut,
So mag mein Fußtritt wohl im Dunkeln wandeln:
Ihr seid zu Haus willkommen, mein Gemahl!
Bassanio.
Ich dank Euch, heißt willkommen meinen Freund!
Dies ist der Mann, dies ist Antonio,
Dem ich so grenzenlos verpflichtet bin.
Porzia.
Ihr müßt in allem ihm verpflichtet sein;
Ich hör, er hat sich sehr für Euch verpflichtet.
Antonio.
Zu mehr nicht, als ich glücklich bin gelöst.
Porzia.
Herr, Ihr seid unserm Hause sehr willkommen!
Es muß sich anders zeigen als in Reden,
Drum kürz ich diese Wortbegrüßung ab.
(Graziano und Nerissa haben sich unterdessen besonders unterredet.)
Graziano.
Ich schwör's bei jenem Mond, Ihr tut mir Unrecht!
Fürwahr, ich gab ihn an des Richters Schreiber:
Wär er verschnitten, dem ich ihn geschenkt,
Weil Ihr Euch, Liebste, so darüber kränkt!
Porzia.
Wie? schon ein Zank? worüber kam es her?
Graziano.
Um einen Goldreif, einen dürftgen Ring,
Den sie mir gab; der Denkspruch war daran
Genau der Art, wie Vers' auf einer Klinge
Vom Messerschmied: "Liebt mich und laßt mich nicht."
Nerissa.
Was redet Ihr vom Denkspruch und dem Wert?
Ihr schwurt mir, da ich ihn Euch gab, Ihr wolltet
Ihn tragen bis zu Eurer Todesstunde;
Er sollte selbst im Sarge mit Euch ruhn.
Ihr mußtet ihn um Eurer Eide willen,
Wo nicht um mich, verehren und bewahren.
Des Richters Schreiber!--o ich weiß, der Schreiber,
Der ihn bekam, trägt niemals Haar am Kinn.
Graziano.
Doch, wenn er lebt, bis er zum Mann erwächst.
Nerissa.
Ja, wenn ein Weib zum Manne je erwächst.
Graziano.
Auf Ehr, ich gab ihn einem jungen Menschen,
'ner Art von Buben, einem kleinen Knirps,
Nicht höher als du selbst, des Richters Schreiber.
Der Plauderbub erbat den Ring zum Lohn:
Ich konnt ihm das um alles nicht versagen.