Porzia.

Ihr seht mich, Don Bassanio, wo ich stehe,

So wie ich bin. Obschon für mich allein

Ich nicht ehrgeizig wär in meinem Wunsch,

Viel besser mich zu wünschen; doch für Euch

Wollt ich verdreifacht zwanzigmal ich selbst sein,

Noch tausendmal so schön, zehntausendmal

So reich.--

Nur um in Eurer Schätzung hoch zu stehn

Möcht ich an Gaben, Reizen, Gütern, Freunden

Unschätzbar sein; doch meine volle Summa

Macht etwas nur: das ist, in Bausch und Bogen,

Ein unerzognes, ungelehrtes Mädchen,

Darin beglückt, daß sie noch nicht zu alt

Zum Lernen ist; noch glücklicher, daß sie

Zum Lernen nicht zu blöde ward geboren;

Am glücklichsten, weil sie ihr weich Gemüt

Dem Euren überläßt, daß Ihr sie lenkt

Als ihr Gemahl, ihr Führer und ihr König.

Ich selbst, und was nur mein, ist Euch und Eurem

Nun zugewandt; noch eben war ich Eigner

Des schönen Guts hier, Herrin meiner Leute,

Monarchin meiner selbst; und eben jetzt

Sind Haus und Leut und ebendies "ich selbst"

Eur eigen, Herr. Nehmt sie mit diesem Ring;

Doch trennt Ihr Euch von ihm, verliert, verschenkt ihn,

So prophezei es Eurer Liebe Fall,

Und sei mein Anspruch gegen Euch zu klagen.

Bassanio.

Fräulein, Ihr habt der Worte mich beraubt,

Mein Blut nur in den Adern spricht zu Euch;

Verwirrung ist in meinen Lebensgeistern,

Wie sie nach einer wohlgesprochnen Rede

Von einem teuren Prinzen wohl im Kreis

Der murmelnden zufriednen Meng erscheint,

Wo jedes Etwas, ineinander fließend,

Zu einem Chaos wird von nichts als Freude,

Laut und doch sprachlos.--Doch weicht dieser Ring

Von diesem Finger, dann weicht hier das Leben;

O dann sagt kühn, Bassanio sei tot!

Nerissa.

Mein Herr und Fräulein, jetzt ist unsre Zeit,

Die wir dabei gestanden und die Wünsche

Gelingen sehn, zu rufen: Freud und Heil!

Habt Freud und Heil, mein Fräulein und mein Herr!

Graziano.

Mein Freund Bassanio und mein wertes Fräulein,

Ich wünsch euch, was für Freud ihr wünschen könnt;

Denn sicher wünscht ihr keine von mir weg.

Und wenn ihr beiderseits zu feiern denkt

Den Austausch eurer Treue, bitt ich euch,

Daß ich zugleich mich auch verbinden dürfe.

Bassanio.

Von Herzen gern, kannst du ein Weib dir schaffen.

Graziano.

Ich dank Euch, Herr, Ihr schafftet mir ein Weib.

Mein Auge kann so hurtig schaun als Eures;

Ihr saht das Fräulein, ich die Dienerin;

Ihr liebtet und ich liebte; denn Verzug

Steht mir nicht besser an als Euch, Bassanio.

Eur eignes Glück hing an den Kästchen dort,

Und so auch meines, wie es sich gefügt.

Denn werbend hier, bis ich in Schweiß geriet,

Und schwörend, bis mein Gaum' von Liebesschwüren

Ganz trocken war, ward ich zuletzt--geletzt

Durch ein Versprechen dieser Schönen hier,

Mir Liebe zu erwidern, wenn Eur Glück

Ihr Fräulein erst gewönne.

Porzia.

Ist's wahr, Nerissa?

Nerissa.

Ja, Fräulein, wenn Ihr Euren Beifall gebt.

Bassanio.

Und meint Ihr's, Graziano, recht im Ernst?

Graziano.

Ja, auf mein Wort.

Bassanio.

Ihr ehrt durch Eure Heirat unser Fest.

Graziano.

Wir wollen mit ihnen auf den ersten Jungen wetten um tausend Dukaten.

Doch wer kommt hier; Lorenzo und sein Heidenkind?

Wie? und mein alter Landsmann, Freund Salerio?

(Lorenzo, Jessica und Salerio treten auf.)

Bassanio.

Lorenzo und Salerio, willkommen,

Wofern die Jugend meines Ansehns hier

Willkommen heißen darf. Erlaubet mir,

Ich heiße meine Freund und Landesleute

Willkommen, holde Porzia.

Porzia.

Ich mit Euch;

Sie sind mir sehr willkommen.

Lorenzo.

Dank Euer Gnaden!--Was mich angeht, Herr,

Mein Vorsatz war es nicht, Euch hier zu sehn;

Doch da ich unterwegs Salerio traf,

So bat er mich, daß ich's nicht weigern konnte,

Hieher ihn zu begleiten.

Salerio.

Ja, ich tat's

Und habe Grund dazu. Signor Antonio

Empfiehlt sich Euch.

(Gibt dem Bassanio einen Brief.)

Bassanio.

Eh ich den Brief erbreche,

Sagt, wie befindet sich mein wackrer Freund?

Salerio.

Nicht krank, Herr, wenn er's im Gemüt nicht ist,

Noch wohl, als im Gemüt; der Brief da wird

Euch seinen Zustand melden.

Graziano.

Nerissa, muntert dort die Fremde auf,

Heißt sie willkommen. Eure Hand, Salerio!

Was bringt Ihr von Venedig mit? Wie geht's

Dem königlichen Kaufmann, dem Antonio?

Ich weiß, er wird sich unsers Glückes freun;

Wir sind die Iasons, die das Vlies gewonnen.

Salerio.

O hättet Ihr das Vlies, das er verlor.

Porzia.

In dem Papier ist ein feindselger Inhalt,

Es stiehlt die Farbe von Bassanios Wangen.

Ein teurer Freund tot; nichts auf Erden sonst,

Was eines festgesinnten Mannes Fassung

So ganz verwandeln kann. Wie? schlimm und schlimmer?

Erlaubt, Bassanio, ich bin halb Ihr selbst,

Und mir gebührt die Hälfte auch von allem,

Was dies Papier Euch bringt.

Bassanio.

O werte Porzia,

Hier sind ein paar so widerwärtge Worte,

Als je Papier bedeckten. Holdes Fräulein,

Als ich zuerst Euch meine Liebe bot,

Sagt ich Euch frei, mein ganzer Reichtum rinne

In meinen Adern: ich sei Edelmann;

Und dann sagt ich Euch wahr. Doch, teures Fräulein,

Da ich auf nichts mich schätzte, sollt Ihr sehn,

Wie sehr ich Prahler war. Da ich Euch sagte,

Mein Gut sei nichts, hätt ich Euch sagen sollen,

Es sei noch unter nichts; denn in der Tat,

Mich selbst verband ich einem teuren Freunde,

Den Freund verband ich seinem ärgsten Feind,

Um mir zu helfen. Hier, Fräulein, ist ein Brief,

Das Blatt Papier, wie meines Freundes Leib

Und jedes Wort drauf eine offne Wunde,

Der Lebensblut entströmt.--Doch ist es wahr,

Salerio? Sind denn alle Unternehmen

Ihm fehlgeschlagen? Wie, nicht eins gelang?

Von Tripolis, von Mexiko, von England,

Von Indien, Lissabon, der Berberei?

Und nicht (ein) Schiff entging dem furchbarn Anstoß

Von Armut drohnden Klippen?

Salerio.

Nein, nicht eins.

Und außerdem, so scheint es, hätt er selbst

Das bare Geld, den Juden zu bezahlen,

Der nähm es nicht. Nie kannt ich ein Geschöpf,

Das die Gestalt von einem Menschen trug,

So gierig, einen Menschen zu vernichten.

Er liegt dem Dogen früh und spät im Ohr

Und klagt des Staats verletzte Freiheit an,

Wenn man sein Recht ihm weigert. Zwanzig Handelsleute,

Der Doge selber und die Senatoren

Vom größten Ansehn reden all ihm zu;

Doch niemand kann aus der Schikan ihn treiben

Von Recht, verfallner Buß und seinem Schein.

Jessica.

Als ich noch bei ihm war, hört ich ihn schwören

Vor seinen Landesleuten Chus und Tubal,

Er wolle lieber des Antonio Fleisch

Als den Betrag der Summe zwanzigmal,

Die er ihm schuldig sei. Und, Herr, ich weiß,

Wenn ihm nicht Recht, Gewalt und Ansehn wehrt,

Wird es dem armen Manne schlimm ergehn.

Porzia.

Ist's Euch ein teurer Freund, der so in Not ist?

Bassanio.

Der teurste Freund, der liebevollste Mann,

Das unermüdet willigste Gemüt

Zu Dienstleistungen und ein Mann, an dem

Die alte Römerehre mehr erscheint

Als sonst an wem, der in Italien lebt.

Porzia.

Welch eine Summ' ist er dem Juden schuldig?

Bassanio.

Für mich, dreitausend Dukaten.

Porzia.

Wie? nicht mehr?

Zahlt ihm sechstausend aus und tilgt den Schein,

Doppelt sechstausend, dann verdreifacht das,

Eh einem Freunde dieser Art ein Haar

Gekränkt soll werden durch Bassanios Schuld.

Erst geht mit mir zur Kirch und nennt mich Weib,

Dann nach Venedig fort zu Eurem Freund,

Denn nie sollt Ihr an Porzias Seite liegen

Mit Unruh in der Brust. Gold geb ich Euch,

Um zwanzigmal die kleine Schuld zu zahlen;

Zahlt sie und bringt den echten Freund mit Euch.

Nerissa und ich selbst indessen leben

Wie Mädchen und wie Witwen. Kommt mit mir,

Ihr sollt auf Euren Hochzeitstag von hier.

Begrüßt die Freunde, laßt den Mut nichts trüben;

So teur gekauft, will ich Euch teuer lieben.--

Doch laßt mich hören Eures Freundes Brief.

Bassanio (liest).

"Liebster Bassanio! Meine Schiffe sind alle verunglückt, meine

Gläubiger werden grausam, mein Glücksstand ist ganz zerrüttet,

meine Verschreibung an den Juden ist verfallen, und da es

unmöglich ist, daß ich lebe, wenn ich sie zahle, so sind alle

Schulden zwischen mir und Euch berichtigt. Wenn ich Euch nur bei

meinem Tode sehen könnte! Jedoch handelt nach Belieben; wenn Eure

Liebe Euch nicht überredet, zu kommen, so muß es mein Brief

nicht.

Porzia.

O Liebster, geht, laßt alles andre liegen!

Bassanio.

Ja, eilen will ich, da mir Eure Huld

Zu gehn erlaubt; doch bis ich hier zurück,

Sei nie ein Bett an meinem Zögern schuld,

Noch trete Ruhe zwischen unser Glück!

(Alle ab.)

Dritte Szene

Venedig. Eine Straße

(Shylock, Solanio, Antonio und Gefangenwärter treten auf)

Shylock.

Acht auf ihn, Schließer!--Sagt mir nicht von Gnade, Dies ist der

Narr, der Geld umsonst auslieh.--Acht auf ihn, Schließer!

Antonio.

Hört mich, guter Shylock.

Shylock.

Ich will den Schein, nichts gegen meinen Schein!

Ich tat 'nen Eid, auf meinen Schein zu dringen.

Du nanntest Hund mich, eh du Grund gehabt;

Bin ich ein Hund, so meide meine Zähne.

Der Doge soll mein Recht mir tun.--Mich wundert's,

Daß du so töricht bist, du loser Schließer,

Auf sein Verlangen mit ihm auszugehn.

Antonio.

Ich bitte, hör mich reden.

Shylock.

Ich will den Schein, ich will nicht reden hören,

Ich will den Schein, und also sprich nicht mehr.

Ich macht mich nicht zum schwachen, blinden Narrn,

Der seinen Kopf wiegt, seufzt, bedauert, nachgibt

Den christlichen Vermittlern. Folg mir nicht,

Ich will kein Reden, meinen Schein will ich.

(Shylock ab.)

Solanio.

Das ist ein unbarmherzger Hund, wie's keinen

Je unter Menschen gab.

Antonio.

Laßt ihn nur gehn,

Ich geh ihm nicht mehr nach mit eitlen Bitten.

Er sucht mein Leben, und ich weiß warum;

Oft hab ich Schuldner, die mir vorgeklagt,

Davon erlöst, in Buß ihm zu verfallen;

Deswegen haßt er mich.

Solanio.

Gewiß, der Doge

Gibt nimmer zu, daß diese Buße gilt.

Antonio.

Der Doge kann des Rechtes Lauf nicht hemmen;

Denn die Bequemlichkeit, die Fremde finden

Hier in Venedig, wenn man sie versagt,

Setzt die Gerechtigkeit des Staats herab,

Weil der Gewinn und Handel dieser Stadt

Beruht auf allen Völkern. Gehn wir denn!

Der Gram und der Verlust zehrt so an mir

Kaum werd ich ein Pfund Fleisch noch übrig haben

Auf morgen für den blutgen Gläubiger.

Komm, Schließer! Gebe Gott, daß nur Bassanio

Mich für ihn zahlen sieht, so gilt mir's gleich.

(Ab.)

Vierte Szene

Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause

(Porzia, Nerissa, Lorenzo, Jessica und Balthasar kommen)

Lorenzo.

Mein Fräulein, sag ich's schon in Eurem Beisein,

Ihr habt ein edles und ein echt Gefühl

Von göttergleicher Freundschaft; das beweist Ihr,

Da Ihr die Trennung vom Gemahl so tragt.

Doch wüßtet Ihr, wem Ihr die Ehr erzeigt,

Welch einem biedern Mann Ihr Hilfe sendet,

Welch einem lieben Freunde Eures Gatten,

Ich weiß, Ihr wäret stolzer auf das Werk,

Als Euch gewohnte Güte drängen kann.

Porzia.

Noch nie bereut ich, daß ich Gutes tat,

Und werd es jetzt auch nicht; denn bei Genossen,

Die miteinander ihre Zeit verleben

Und deren Herz (ein) Joch der Liebe trägt,

Da muß unfehlbar auch ein Ebenmaß

Von Zügen sein, von Sitten und Gemüt.

Dies macht mich glauben, der Antonio,

Als Busenfreund von meinem Gatten, müsse

Durchaus ihm ähnlich sein. Wenn es so ist,

Wie wenig ist es, was ich aufgewandt,

Um meiner Seele Ebenbild zu lösen

Aus einem Zustand höllscher Grausamkeit!

Doch dies kommt einem Selbstlob allzu nah;

Darum nichts mehr davon. Hört andre Dinge:

Lorenzo, ich vertrau in Eure Hand

Die Wirtschaft und die Führung meines Hauses,

Bis zu Bassanios Rückkehr; für mein Teil

Ich sandt ein heimliches Gelübd zum Himmel,

Zu leben in Beschauung und Gebet,

Allein begleitet von Nerissa hier,

Bis zu der Rückkunft unser beider Gatten.

Ein Kloster liegt zwei Meilen weit von hier,

Da wollen wir verweilen. Ich ersuch Euch:

Lehnt nicht den Auftrag ab, den meine Liebe

Und eine Nötigung des Zufalls jetzt

Euch auferlegt.

Lorenzo.

Von ganzem Herzen, Fräulein;

In allem ist mir Euer Wink Befehl.

Porzia.

Schon wissen meine Leute meinen Willen

Und werden Euch und Jessica erkennen

An meiner eignen und Bassanios Statt.

So lebt denn wohl, bis wir uns wiedersehn!

Lorenzo.

Sei froher Mut mit Euch und heitre Stunden!

Jessica.

Ich wünsch Eur Gnaden alle Herzensfreude.

Porzia.

Ich dank Euch für den Wunsch und bin geneigt,

Ihn Euch zurückzuwünschen.--Jessica, lebt wohl!

(Jessica und Lorenzo ab.)

Nun, Balthasar,

Wie ich dich immer treu und redlich fand,

Laß mich auch jetzt dich finden. Nimm den Brief

Und eile, was in Menschenkräften steht,

Nach Padua; gib ihn zu eignen Händen

An meinen Vetter ab, Doktor Bellario.

Sieh zu, was er dir für Papiere gibt

Und Kleider; bringe die in höchster Eil

Zur Überfahrt an die gemeine Fähre,

Die nach Venedig schifft. Verlier die Zeit

Mit Worten nicht; geh, ich bin vor dir da.

Balthasar.

Fräulein, ich geh mit aller schuldigen Eil.

(Balthasar ab.)

Porzia.

Nerissa, komm. Ich hab ein Werk zur Hand,

Wovon du noch nicht weißt; wir wollen unsre Männer,

Eh sie es denken, sehn.

Nerissa.

Und sie auch uns?

Porzia.

Jawohl, Nerissa, doch in solcher Tracht,

Daß sie mit dem versehn uns denken sollen,

Was uns gebricht. Ich wette, was du willst:

Sind wir wie junge Männer aufgestutzt,

Will ich der feinste Bursch von beiden sein

Und meinen Degen mit mehr Anstand tragen

Und sprechen wie im Übergang vom Knaben

Zum Mann und einem heiseren Diskant.

Ich will zwei jüngferliche Tritte dehnen

Zu (einem) Männerschritt; vom Raufen sprechen

Wie kecke junge Herrn; und artig lügen,

Wie edle Frauen meine Liebe suchten

Und, da ich sie versagt, sich tot gehärmt.--

Ich konnte nicht mit allen fertig werden;

Und dann bereu ich es und wünsch, ich hätte

Bei alledem sie doch nicht umgebracht.

Und zwanzig solcher kleinen Lügen sag ich,

So daß man schwören soll, daß ich die Schule

Schon seit dem Jahr verließ.--Ich hab im Sinn

Wohl tausend Streiche solcher dreisten Gecken,

Die ich verüben will.

Nerissa.

So sollen wir in Männer uns verwandeln?

Porzia.

Ja, komm, ich sag dir meinen ganzen Anschlag,

Wenn wir im Wagen sind, der uns am Tor

Des Parks erwartet; darum laß uns eilen,

Denn wir durchmessen heut noch zwanzig Meilen.

(Ab.)

Fünfte Szene

Belmont. Ein Garten

(Lanzelot und Jessica kommen)

Lanzelot.

Ja, wahrhaftig! Denn seht Ihr, die Sünden der Väter sollen an den

Kindern heimgesucht werden: darum glaubt mir, ich bin besorgt für

Euch. Ich ging immer gerade gegen Euch heraus, und so sage ich

Euch meine Deliberation über die Sache. Also seid gutes Mutes,

denn wahrhaftig, ich denke, Ihr seid verdammt. Es ist nur (eine)

Hoffnung dabei, die Euch zustatten kommen kann, und das ist auch

nur so eine Art von Bastardhoffnung.

Jessica.

Und welche Hoffnung ist das?

Lanzelot.

Ei, Ihr könnt gewissermaßen hoffen, daß Euer Vater Euch nicht

erzeugt hat, daß Ihr nicht des Juden Tochter seid.

Jessica.

Das wäre in der Tat eine Art von Bastardhoffnung, dann würden die

Sünden meiner Mutter an mir heimgesucht werden.

Lanzelot.

Wahrhaftig, dann fürchte ich, Ihr seid von Vater und Mutter wegen

verdammt. Wenn ich die Scylla, Euren Vater, vermeide, so falle

ich in die Charybdis, Eure Mutter; gut, Ihr seid auf eine und die

andre Art verloren.

Jessica.

Ich werde durch meinen Mann selig werden; er hat mich zu einer

Christin gemacht.

Lanzelot.

Wahrhaftig, da ist er sehr zu tadeln. Es gab unser vorher schon

Christen genug, grade soviel, als nebeneinander gut bestehen

konnten. Dies Christenmachen wird den Preis der Schweine

steigern; wenn wir alle Schweinefleischesser werden, so ist in

kurzem kein Schnittchen Speck in der Pfanne für Geld mehr zu

haben.

(Lorenzo kommt.)

Jessica.

Ich will meinem Mann erzählen, was Ihr sagt, Lanzelot; hier kommt

er.

Lorenzo.

Bald werde ich eifersüchtig auf Euch, Lanzelot, wenn Ihr meine

Frau so in die Ecken zieht.

Jessica.

Ihr habt nichts zu befürchten, Lorenzo; Lanzelot und ich, wir

sind ganz entzweit. Er sagt mir grade heraus, im Himmel sei keine

Gnade für mich, weil ich eines Juden Tochter bin; und er

behauptet, daß Ihr kein gutes Mitglied des gemeinen Wesens seid,

weil Ihr Juden zum Christentum bekehrt und dadurch den Preis des

Schweinefleisches steigert.

Lorenzo.

Das kann ich besser beim gemeinen Wesen verantworten als Ihr Eure

Streiche mit der Mohrin. Da Ihr ein Weißer seid, Lanzelot, hättet

Ihr die Schwarze nicht so aufgeblasen machen sollen.

Lanzelot.

Es tut mir leid, wenn ich ihr etwas weisgemacht habe; aber da das

Kind einen weisen Vater hat, wird es doch keine Waise sein.

Lorenzo.

Wie jeder Narr mit den Worten spielen kann! Bald, denke ich, wird

sich der Witz am besten durch Stillschweigen bewähren und

Gesprächigkeit bloß noch an Papageien gelobt werden.--Geht ins

Haus, Bursch, sagt, daß sie zur Mahlzeit zurichten.

Lanzelot.

Das ist geschehn, Herr, sie haben alle Mägen.

Lorenzo.

Lieber Himmel, welch ein Witzschnapper Ihr seid! Sagt also, daß

sie die Mahlzeit anrichten.

Lanzelot.

Das ist auch geschehn, es fehlt nur am Decken.

Lorenzo.

Wollt Ihr also decken?

Lanzelot.

Mich, Herr? Ich weiß besser, was sich schickt.

Lorenzo.

Wieder Silben gestochen! Willst du deinen ganzen Reichtum an Witz

auf einmal zum besten geben? Ich bitte dich, verstehe einen

schlichten Mann nach seiner schlichten Meinung. Geh zu deinen

Kameraden, heiß sie den Tisch decken, das Essen auftragen, und

wir wollen zur Mahlzeit hereinkommen.

Lanzelot.

Der Tisch, Herr, soll aufgetragen werden, das Essen soll gedeckt

werden; und was Euer Hereinkommen zur Mahlzeit betrifft, dabei

laßt Lust und Laune walten.

(Ab.)

Lorenzo.

O heilige Vernunft, was eitle Worte!

Der Narr hat ins Gedächtnis sich ein Heer

Wortspiele eingeprägt. Und kenn ich doch

Gar manchen Narrn an einer bessern Stelle,

So aufgestutzt, der um ein spitzes Wort

Die Sache preisgibt. Wie geht's dir, Jessica?

Und nun sag deine Meinung, liebes Herz,

Wie Don Bassanios Gattin dir gefällt?

Jessica.

Mehr als ich sagen kann. Es schickt sich wohl,

Daß Don Bassanio fromm sein Leben führe;

Denn da sein Weib ihm solch ein Segen ist,

Find't er des Himmels Lust auf Erden schon.

Und will er das auf Erden nicht, so wär's

Ihm recht, er käme niemals in den Himmel.

Ja, wenn zwei Götter irgendeine Wette

Des Himmels um zwei irdsche Weiber spielten,

Und Porzia wär die eine, tät es not,

Noch sonst was mit der andern auf das Spiel

Zu setzen; denn die arme rohe Welt

Hat ihresgleichen nicht.

Lorenzo.

Und solchen Mann

Hast du an mir, als er an ihr ein Weib.

Jessica.

Ei, fragt doch darum meine Meinung auch.

Lorenzo.

Sogleich; doch laß uns erst zur Mahlzeit gehn.

Jessica.

Nein, laßt mich vor der Sättigung Euch loben.

Lorenzo.

Nein, bitte, spare das zum Tischgespräch;

Wie du dann sprechen magst, so mit dem andern

Werd ich's verdaun.

Jessica.

Nun gut, ich werd Euch anzupreisen wissen.

(Ab.)

Vierter Aufzug

Erste Szene

Venedig. Ein Gerichtssaal

(Der Doge, die Senatoren, Antonio, Bassanio, Graziano, Salarino,

Solanio und andre)

Doge.

Nun, ist Antonio da?

Antonio.

Eur Hoheit zu Befehl.

Doge.

Es tut mir leid um dich; du hast zu tun

Mit einem felsenharten Widersacher;

Es ist ein Unmensch, keines Mitleids fähig.

Kein Funk Erbarmen wohnt in ihm.

Antonio.

Ich hörte,

Daß sich Eur Hoheit sehr verwandt, zu mildern

Sein streng Verfahren; doch weil er sich verstockt

Und kein gesetzlich Mittel seinem Haß

Mich kann entziehn, so stell ich denn Geduld

Entgegen seiner Wut und bin gewaffnet

Mit Ruhe des Gemütes, auszustehn

Des seinen ärgsten Grimm und Tyrannei.

Doge.

Geh wer und ruf den Juden in den Saal.

Solanio.

Er wartet an der Tür; er kommt schon, Herr.

(Shylock kommt.)

Doge.

Macht Platz, laßt ihn uns gegenüberstehn.--

Shylock, die Welt denkt, und ich denk es auch,

Du treibest diesen Anschein deiner Bosheit

Nur bis zum Augenblick der Tat; und dann,

So glaubt man, wirst du dein Erbarmen zeigen

Und deine Milde, wunderbarer noch

Als deine angenommne Grausamkeit.

Statt daß du jetzt das dir Verfallne eintreibst,

Ein Pfund von dieses armen Kaufmanns Fleisch,

Wirst du nicht nur die Buße fahren lassen,

Nein, auch gerührt von Lieb und Menschlichkeit,

Die Hälfte schenken von der Summe selbst,

Ein Aug des Mitleids auf die Schäden werfend,

Die kürzlich seine Schultern so bestürmt:

Genug, um einen königlichen Kaufmann

Ganz zu erdrücken und an seinem Fall

Teilnahme zu erzwingen, selbst von Herzen,

So hart wie Kieselstein, von ehrnen Busen

Von Türken und Tataren, nie gewöhnt

An Dienste zärtlicher Gefälligkeit.

Wir all erwarten milde Antwort, Jude.

Shylock.

Ich legt Eur Hoheit meine Absicht vor:

Bei unserm heilgen Sabbat schwor ich es,

Zu fordern, was nach meinem Schein mir zusteht.

Wenn Ihr es weigert, tut's auf die Gefahr

Der Freiheit und Gerechtsam' Eurer Stadt.

Ihr fragt, warum ich lieber ein Gewicht

Von schnödem Fleisch will haben, als dreitausend

Dukaten zu empfangen? Darauf will ich

Nicht Antwort geben; aber setzet nun,

Daß mir's so ansteht: ist das Antwort gnug?

Wie? wenn mich eine Ratt im Hause plagt?

Und ich, sie zu vergiften, nun dreitausend

Dukaten geben will?--Ist's noch nicht Antwort gnug?

Es gibt der Leute, die kein schmatzend Ferkel

Ausstehen können; manche werden toll,

Wenn sie 'ne Katze sehn; noch andre können,

Wenn die Sackpfeife durch die Nase singt,

Den Harn nicht bei sich halten; denn die Triebe,

Der Leidenschaften Meister, lenken sie

Nach Lust und Abneigung. Nun, Euch zur Antwort:

Wie sich kein rechter Grund angeben läßt,

Daß (der) kein schmatzend Ferkel leiden kann,

(Der) keine Katz, ein harmlos nützlich Tier,

(Der) keinen Dudelsack; und muß durchaus

Sich solcher unfreiwillgen Schmach ergeben,

Daß er, belästigt, selbst belästgen muß;

So weiß ich keinen Grund, will keinen sagen,

Als eingewohnten Haß und Widerwillen,

Den mir Antonio einflößt, daß ich so

Ein mir nachteilig Recht an ihm verfolge.

Habt Ihr nun eine Antwort?

Bassanio.

Nein, es ist keine, du fühlloser Mann,

Die deine Grausamkeit entschuldgen könnte.

Shylock.

Muß ich nach deinem Sinn dir Antwort geben?

Bassanio.

Bringt jedermann das um, was er nicht liebt?

Shylock.

Wer haßt ein Ding und brächt es nicht gern um?

Bassanio.

Beleidigung ist nicht sofort auch Haß.

Shylock.

Was? läßt du dich die Schlange zweimal stechen?

Antonio.

Ich bitt Euch, denkt, Ihr rechtet mit dem Juden.

Ihr mögt so gut hintreten auf den Strand,

Die Flut von ihrer Höh sich senken heißen;

Ihr mögt so gut den Wolf zur Rede stellen,

Warum er nach dem Lamm das Schaf läßt blöken?

Ihr mögt so gut den Bergestannen wehren,

Ihr hohes Haupt zu schütteln und zu sausen,

Wenn sie des Himmels Sturm in Aufruhr setzt;

Ihr mögt so gut das Härteste bestehn,

Als zu erweichen suchen--was wär härter?--

Sein jüdisch Herz.--Ich bitt Euch also, bietet

Ihm weiter nichts, bemüht Euch ferner nicht

Und gebt in aller Kürz und gradezu

Mir meinen Spruch, dem Juden seinen Willen.

Bassanio.

Statt der dreitausend Dukaten sind hier sechs.

Shylock.

Wär jedes Stück von den sechstausend Dukaten

Sechsfach geteilt und jeder Teil 'n Dukat,

Ich nähm sie nicht, ich wollte meinen Schein.

Doge.

Wie hoffst du Gnade, da du keine übst?

Shylock.

Welch Urteil soll ich scheun, tu ich kein Unrecht?

Ihr habt viel feiler Sklaven unter Euch,

Die Ihr wie Eure Esel, Hund' und Maultier'

In sklavischem, verworfnem Dienst gebraucht,

Weil Ihr sie kauftet. Sag ich nun zu Euch--

Laßt sie doch frei, vermählt sie Euren Erben;

Was plagt Ihr sie mit Lasten? laßt ihr Bett

So weich als Eures sein, labt ihren Gaum'

Mit eben solchen Speisen.--Ihr antwortet:

Die Sklaven sind ja unser; und so geb ich

Zur Antwort: das Pfund Fleisch, das ich verlange,

Ist teur gekauft, ist mein, und ich will's haben.

Wenn Ihr versagt, pfui über Eur Gesetz!

So hat das Recht Venedigs keine Kraft.

Ich wart auf Spruch; antwortet: soll ich's haben?

Doge.

Ich bin befugt, die Sitzung zu entlassen,

Wo nicht Bellario, ein gelehrter Doktor,

Zu dem ich um Entscheidung ausgeschickt,

Hier heut erscheint.

Salarino.

Eur Hoheit, draußen steht

Ein Bote hier, mit Briefen von dem Doktor,

Er kommt soeben an von Padua.

Doge.

Bringt uns die Briefe, ruft den Boten vor.

Bassanio.

Wohlauf, Antonio! Freund, sei gutes Muts!

Der Jude soll mein Fleisch, Blut, alles haben,

Eh dir ein Tropfen Bluts für mich entgeht.

Antonio.

Ich bin ein angestecktes Schaf der Herde,

Zum Tod am tauglichsten; die schwächste Frucht

Fällt vor der andern, und so laßt auch mich.

Ihr könnt nicht bessern Dienst mir tun, Bassanio,

Als wenn Ihr lebt und mir die Grabschrift setzt.

(Nerissa tritt auf, als Schreiber eines Advokaten gekleidet.)

Doge.

Kommt Ihr von Padua, von Bellario?

Nerissa.

Von beiden, Herr; Bellario grüßt Eur Hoheit.

(Sie überreicht einen Brief.)

Bassanio.

Was wetzest du so eifrig da dein Messer?

Shylock.

Die Buß dem Bankrottierer auszuschneiden.

Graziano.

An deiner Seel, an deiner Sohle nicht,

Machst du dein Messer scharf, du harter Jude!

Doch kein Metall, selbst nicht des Henkers Beil,

Hat halb die Schärfe deines scharfen Grolls.

So können keine Bitten dich durchdringen?

Shylock.

Nein, keine, die du Witz zu machen hast.

Graziano.

O sei verdammt, du unbarmherzger Hund!

Und um dein Leben sei Gerechtigkeit verklagt.

Du machst mich irre fast in meinem Glauben,

Daß ich es halte mit Pythagoras,

Wie Tieresseelen in die Leiber sich

Von Menschen stecken; einen Wolf regierte

Dein hündscher Geist, der, aufgehenkt für Mord,

Die grimme Seele weg vom Galgen riß

Und, weil du lagst in deiner schnöden Mutter,

In dich hineinfuhr; denn dein ganz Begehren

Ist wölfisch, blutig, räuberisch und hungrig.

Der Kaufmann von Venedig · 第 3 / 5 段