Ich solle versuchen, ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sie habe nach
etwas bewegtem Hinundher zugestanden, daß sie als Mutter gesunder Kinder
Opfer zu bringen hätte, auch wenn sie innerlich auseinandergerissen
würde.... Von da ab hätte er immer und immer an mich denken müssen! ...
Das arme Mädchen, wie mag es leiden, wie einsam sein im Vergleich zu den
lachenden blonden Schwestern, die mit ihrem blühenden Leben den ganzen Raum
füllten. »Nein, sagte ich mir, ganz allein soll die andere nicht bleiben,
und sich nicht darum grämen, daß die Familie die Tür vor ihr zuschließt.
Meine eigene dunkle Lebensstunde stand wieder vor mir, ich fühlte wieder
die Hand meines gütigen Retters auf meinem Kopf, und da war ich auch schon
entschlossen: Jetzt versuche ich, ob ich ein Mensch bin, der es wert
ist, einem anderen, der es dunkel hat, ein bißchen Licht zu bringen. Die
Auseinandersetzung mit meinem Vater habe ich Ihnen nicht ersparen können,
so sehr ich mir das auch gewünscht habe -- aber -- nun -- wenn Sie einen
brauchen -- zum Aussprechen, zum Plänemachen, nur um da zu sein, wenn Sie
einen Zusammenhang mit dem Leben suchen....«
Ich griff nach den ausgestreckten Händen und hielt sie fest.
Und dann haben wir lange gesprochen. Zuerst habe ich erzählt von allem, was
bisher mein Leben ausgemacht hat, von allem Leid, mit dem wir Armen uns von
Anstalt zu Anstalt schleppen, von Wehrawald nach Andreasberg, nach Arosa,
nach -- lieber Gott, überall hin, wo man ein bißchen Lebensluft aufzusaugen
glaubt und wo die gierig um sich greifenden Hände doch schließlich immer
nur den einen fassen: den Zerstörer. Von den vielen, die, von der Familie
ausgestoßen, wie ich, allein und in jammervoller Sehnsucht nach einem
Zuhause in den Tod mußten.
Da hat mein neuer Freund mich unterbrochen: Ich wäre jetzt in der Lage,
mich innerlich von der Familie zu lösen oder mein Verhältnis zu ihr
auf einer anderen Basis neu zu erbauen, wenn ich den Zusammenhang nicht
entbehren könnte.
Es verwirrte und erregte mich zuerst ganz, was er im Anschluß daran sagte,
aber als ich ihn begriff, tat sich eine neue Welt vor mir auf, und meine
Seele wurde groß und weit.
Die hohen und guten Worte, mit denen er in mich eindrang, vermag ich nicht
zu wiederholen, aber ich fühle jedes, und es soll in mir wachsen.
Die klagenden Stimmen hinter den Freuden der Welt vernehmen und ihnen
nachgehen, sagt er, den mitleidenden Menschen zeigen ohne Rücksicht auf
Alter oder Geschlecht oder Stand. Den Gedanken des Entbehrens ausschalten,
-- das Bewußtsein des geistigen und gemütlichen Überflusses, von dem man
geben und immer geben kann, in sich stärken, -- durch das eigene reine
Menschentum den Menschen in dem anderen wachrufen, -- und so in aller
Stille eine menschliche Gemeinsamkeit mitschaffen helfen, die unter der
Asche der gesellschaftlichen Einrichtungen tief verschüttet liegt.
»Wieviel selbstverleugnende Güte muß man sich aber erwerben, um solche Wege
gehen zu können,« sagte ich endlich. »Ich bin sicher nicht gut genug dazu.«
»Das kann ich noch nicht beurteilen, aber seien Sie es zunächst mit dem
Verstande, tun Sie vor sich selbst so, als ob Sie es wären. Nach dem ersten
Erfolg wird ein Glücksgefühl in Ihnen erwachen, das mit nichts vergleichbar
ist. Und damit zugleich wird Ihre Macht, Irrungen, Trübsal, Einsamkeiten
zu bannen, stetig wachsen. Mit Ihren Hilfsmitteln, Schönheit, Temperament,
Reichtum, ist sie von vornherein sehr groß.«
Er sah mit seinen lichtvollen Augen über mich weg.
»Sind _Sie_ denn glücklich auf diese Weise, und brauchen Sie nichts
anderes?« fragte ich.
»Wenn ich mit der Überzeugung von Ihnen gehe, daß ich den Willen zum
Glück, wie ich es verstehe, in Ihnen erweckt habe, daß Sie meiner kleinen
heimlichen Gemeinde angehören und dadurch für sie werben wollen, werde ich
da unten in einem Rausch herumlaufen und nach Ihrem Licht sehen, als ob es
aus einer anderen Welt käme.«
Das Herz brannte in mir. Ich habe die Arme ausgebreitet, mein Gesicht
an seines gelegt und ihn fest an mich gepreßt. Und es ist kein Hauch von
Liebesverlangen in mir gewesen. Nur ein heiliges, machtvolles Gefühl von
Gebundensein an ein Wesen meiner Art.
... Morgen früh kommt er wieder, und wir werden überlegen, wohin ich gehen,
was ich zunächst mit dem Leben beginnen soll.
Leben ... Leben ... alles ist, wie es war. Draußen ragt der Glärnisch gegen
den dunkelnden Himmel. Glocken läuten wie gestern das Ave, und geschäftige
Menschen laufen hin und her.
Wer seid ihr, meine Brüder, meine Schwestern? Was freut euch? Wie leidet
ihr?
Ich sitze an demselben Platz, allein wie gestern und immer, aber es braust
um mich und in mir wie ein mächtiger Orgelklang....
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Man läutete zum Diner.
In dem Speisesaal hatte die Hotelgesellschaft an den kleinen, runden
Tischen Platz genommen, die mit ihrem Blumenschmuck und den gelbumschirmten
Lichtern lustig und festlich aussahen.
Einer, an dem die junge Dame von Nummer 27 sonst gesessen hatte, war noch
leer.
Eben aber fragte man nach ihr.
Eine einsame Nachzüglerin kam mit hastigen Schritten vom nahen Bahnhof und
trat in die Vorhalle zum Eßsaal. Mit schriller, kleiner Stimme rief sie
der Saaltochter französisch zu, daß sie Fräulein Sargent, deren
Gesellschafterin sie sei, zu sprechen wünsche. Geschwätzig erzählte sie dem
sie hinaufgeleitenden Mädchen, daß Madame, die Mutter des Fräuleins, sie
hergeschickt und daß sie, Edina Petitpierre, Fräulein Sargent sozusagen
großgezogen hätte.
Das Zimmermädchen klopfte. Edina Petitpierre trat ein.
In dem Korbsessel am Fenster vor dem Schreibtisch lehnte Lydia Sargent.
Eine große Bogenlampe leuchtete von der Straße her mit milchweißem Schein
in ihr Gesicht.
Mit ausgebreiteten Armen lief die alte Französin auf das Fenster zu.
»=Chérie, est-ce que tu dors?=«
Aber Lydia Sargent schlief nicht.
Sie atmete nicht mehr.
Ein dünner Blutfaden sickerte aus dem linken Mundwinkel.
Aus dem weißen Gesicht mit den weitgeöffneten, blicklosen Augen lag ein
Ausdruck verklärten Staunens, als ob sie unsagbar Feierliches und Schönes
hörte und sähe.