An geöffneter Tür

Wie das sonderbar ist, ... eigentlich wie ein Traum. Ich sitze ganz

allein in einem Passantenzimmerchen des Glarner Hofs in Glarus. In

den Gartenanlagen vor meinem Fenster plätschert hinter dickblätterigem

Buschwerk das Wasser eines Springbrunnens. Das wird heute mein Wiegenlied

sein und mir einen guten Schlaf bringen. Aber noch will ich nicht schlafen.

Ich habe das Herz so voll.

Es ist ganz still im Hause und auf der Straße. Als ich vorhin am Fenster

stand, kam der Mond gerade hinter dem Glärnisch vor und schüttete

schimmernde Streifen über Schroffen und Halden und Wasserfäden, die sich

hinunterringeln. Da wurde der Riese lebendig und bekam eine Stimme.

Ach, du lieber, geliebter Riese, ich verstehe ja deine Sprache, ich fühle

sie, und als Antwort möchte ich mich an dich hinanschmiegen, dich ganz

umfassen mit all deinen Gipfeln, deinen Abgründen und den stillen, grünen

Matten ...

Ich bin frei, und ich glaube an das Leben, an mein Leben, über dem Jahre

hindurch das Schwert hing!

Als heute vor vierzehn Tagen in Davos Dr. Herholz in mein Zimmer kam und

mir ganz ohne Vorbereitung sagte: »Fräulein Lydia, wir sind so weit, rüsten

Sie sich zur Heimfahrt,« ... da stand mir das Herz still vor Schreck.

Wie oft hatte ich mir diesen Augenblick ausgemalt, in dem der lächelnde

Henker vor mich treten und mir sagen würde wie schon so vielen vor mir:

»Sie sind als geheilt entlassen.«

Wie hatte ich in voller Fassung und Würde dieses Todesurteil entgegennehmen

wollen, auch lächelnd und dem Anschein nach den lügnerischen Worten Glauben

schenkend. Und nun ...?

Ich fühle jetzt noch die eiskalte Leere, die plötzlich um mich war. Meine

Jugend, meine armen vierundzwanzig Jahre schrien jammernd um Hilfe. »Wie

lange also noch, Doktor?« brachte ich endlich vor.

Doktor Herholz, übrigens einer der wenigen unter der Herde von Ärzten,

die mein Leben durchzieht, der mir immer gleichmäßig freundliche Teilnahme

gezeigt hat, nahm meine Hand und fühlte gewohnheitsmäßig den Puls.

»Ruhig, ruhig -- es ist Ernst, Fräulein Lydia,« sagte er und sah mich

treuherzig und froh an. »Sie brauchen nicht mißtrauisch zu sein. Ich habe

das aber bei Ihrer skeptischen Veranlagung vorausgesehen und Ihnen den

Krankheitsbericht seit der drittletzten Injektion mitgebracht. Kommen Sie,

sehen Sie selbst.«

Es flimmerte mir vor den Augen. Ich las wohl mechanisch ... Gewicht ...

Temperatur ... Sputum ... usw. Diese ganze entsetzliche Reihenfolge, die

tagaus, tagein Gedanken und Gespräche beherrscht hatte, und ich mußte mich

von dem günstigen Ergebnis überzeugen, das ja meinen eigenen Wahrnehmungen

entsprach. Aber hinter der leise aufdämmernden Hoffnung sprangen die

schwarzen Kreuzchen auf, die in meinen Erinnerungsbüchern bei so vielen

Namen stehen, -- Namen von armen Menschenkindern, mit denen ich ein

Stückchen Weg gemeinsam gemacht hatte, und denen fast allen einmal, wie

heute mir, verkündigt worden war: »Sie sind als geheilt entlassen.«

»Sie dürfen das nicht, Doktor,« sagte ich dann. »Es ist eine überflüssige

Grausamkeit. Das ist alles Täuschung, ein vorübergehendes Aufflackern, ...

ich weiß zu genau Bescheid, und ich will mich nicht selbst betrügen und mir

auch keine falschen Erwartungen einimpfen lassen ...«

»Ich gebe Ihnen die ehrliche Versicherung, daß es Ihnen verhältnismäßig gut

geht, Fräulein Lydia. Natürlich sind Sie kein Riese, -- dürfen sich nie

für ganz gesund halten, -- müssen vorsichtig und maßvoll in jeder Beziehung

leben, -- körperlich und geistig ...«

Und nun begann er einen ganzen Strom ärztlicher Weisheit über mich zu

ergießen. Mir war wunderlich dabei zumute. Ich widerstrebte innerlich, aber

hier und da fing etwas in seinen Auseinandersetzungen an mir einzuleuchten,

und endlich, als er von den Gefahren eines Rückfalls, ja des »letalen

Ausgangs« sprach, die durch Erkältungen, Anstrengungen oder Erregungen

herbeigeholt werden könnten, denen aber durch Willenskraft und Überlegung

vorzubeugen war, -- da schwankte ich schon in dem festen Vornehmen, mich

trügerischen Hoffnungen zu verschließen, und die Möglichkeit, daß er die

Wahrheit sprechen möchte, hob sich zaghaft und verlangend in mir.

»Doktor, Sie begehen eine schwere Sünde, wenn Sie mich betrügen. Sie

könnten mich ruhig so weiter dämmern lassen. Es ist ja gerade in Ihrem

Sanatorium ganz vergnüglich. Man lebt so von der Hand in den Mund und

täuscht sich über vieles hinweg in der schönen Natur ... Und Sie wissen ja,

verlangen nach mir, um mich noch pflegen und lieben zu können, wie das so

üblich ist, tut zu Hause niemand ...«

»Das weiß ich gar nicht,« sagte der gute Doktor etwas verlegen, »aber es

spricht auch gar nicht mit. Hören Sie doch zu. Wenn's so wäre, wie Sie

annehmen, wie es leider ja auch oft geschieht und aus Menschlichkeit und

tausend anderen Gründen geschehen muß -- erinnern Sie sich nicht an den

Gebrauch in solchen Fällen? -- Dann führe ich den betreffenden Patienten

doch zum Chef, und der weiß mit seiner exorbitanten, sachlich scheinenden

Beredsamkeit jedes Bedenken ganz anders totzuschlagen als ich. Das wäre ihm

auch bei Ihnen eine Kleinigkeit gewesen. Sie kennen doch die leuchtenden

Augen, mit denen die vollkommen Überzeugten dann aus dem heiligen

Arbeitszimmer zu kommen pflegen, auch wenn Sie vorher noch so mißtrauisch

waren.« Das stimmte. Wie eine Bestätigung dieser Worte glitt das Bild des

Einen, Unvergeßlichen durch meine Gedanken, der sich auch nie durch die

berüchtigte Endunterhaltung hatte täuschen lassen wollen, der dann doch

beglückt dahergekommen war wie alle die anderen und doch denselben Weg

gegangen war wie sie ...

»Sehen Sie, Fräulein Sargent,« sagte der Doktor weiter, »wir zwei haben uns

doch ganz hübsch eingelebt miteinander, der Chef weiß das. Und als wir bei

der letzten Konferenz gestern endgültig feststellten, was wir eigentlich

schon seit Monaten wissen, daß von uns aus, im Augenblick nämlich, nichts

mehr für Sie zu tun ist, sagte er mir großmütigerweise: »»Sie können dem

Wurm die Nachricht bringen. Sie stehen ihr ja näher als ich, und wenn Sie

wollen, besorgen Sie auch die Korrespondenz mit den Angehörigen,«« -- was,

nebenbei gesagt, bereits geschehen ist« ...

Nun wurde mir doch schwindlig, und -- was soll ich es vor mir selbst nicht

eingestehen -- eine ungeheure Freude brannte wie eine Flamme in mir auf.

Fassungslos warf ich mich dem guten Doktor an den Hals und weinte, --

weinte bis zum Vergehen ...

.... Und dann sind die Reisevorbereitungen gekommen, vor allem der

Briefwechsel mit den Meinen, der mich nicht sonderlich enttäuschte, weil

dieses brausende Glück, das aus dem Hinterhalt über mich hergestürzt ist,

ihm das Gegengewicht hielt.

Im Grunde benahm man sich genau so, wie ich es mir hatte vorstellen können.

Eine matte, etwas ungläubige Freude und Verlegenheit, viel Verlegenheit.

Man weiß augenscheinlich nicht, was mit mir anfangen. Die ganze Familie

sitzt in Gastein. Ob ich dorthin kommen wolle, ob es ein geeigneter Ort als

Übergang für mich wäre. Die Kur könnte man nicht unterbrechen, Papa hätte

sie so nötig gebraucht, und meine Mutter dürfte ihn nicht verlassen.

Natürlich bin ich ihnen mit der Idee entgegengekommen, daß ich zuerst

noch ein wenig für mich bleiben wolle, in einer gut empfohlenen

Schwarzwaldpension vielleicht, jedenfalls meine Kräfte erst einmal erproben

und die Welt mit den Augen der Gesundenden sehen lernen. Und dieser Wunsch

traf auch auf keinen Widerspruch. -- Seit ich mündig bin, habe ich mir

ohnedies die sonst nötig und standesgemäß gefundene Begleitung abgeschafft.

-- Und mein Stiefvater schrieb mir sogar einen ganz herzlichen Brief. Er

wolle mit seinem vollen Titel -- »der Ministerialdirektor imponiert auch

in der freien Schweiz« meint er irrtümlicherweise -- mein Zimmer in dem

Züricher Hotel bestellen, in dem ich die erste Station machen sollte.

Und Mama? ...

Jedenfalls ist ihr eine Last von dem hin und her gezerrten Herzen gefallen,

und sie wird sicher mit der frohen Steigerung ihres Wesens, die sie immer

so liebenswürdig macht, die nächsten Wochen in Gastein genießen.

Ich aber bin nach fröhlichem Abschied von Davos, -- von dem Hofrat, den

ich gar nicht, dem Doktor Herholz, den ich sehr gern mochte, heute früh

abgereist und, einer plötzlichen Eingebung folgend, in Weesen ausgestiegen

und anstatt in Zürich in Glarus gelandet.

Das ist so gekommen:

In meinem Coupé sprachen zwei Herren von einer gewaltigen Arbeit, die

man eben im Glarnerland, im Klöntal, unternähme. Man staue einen großen

Bergsee, mache sein Gefälle höher und gewänne durch eine Leitung, die bis

nach Zürich ginge, eine ungeheure Kraft, die industriell verwertet werden

solle.

Nie im Leben hatte ich etwas Ähnliches gehört und, ich weiß nicht, als mir

der Gedanke durch den Kopf schoß, was es nun alles für mich auf der Welt

zu sehen und zu erleben gäbe, war ich auch schon entschlossen, mir diese

Sache, die mir ganz ungeheuerlich erschien, zu betrachten.

Vielleicht hat bei diesem plötzlichen Entschluß auch ein klein wenig die

Abneigung gegen das in Zürich von dem »Ministerialdirektor« bestellte

Zimmer mitgesprochen, jedenfalls sitze ich hier in Glarus mit meinem

glücklicherweise ausreichenden Handgepäck, während das große nach Zürich

weitergereist ist.

Und ich freue mich ... Freue mich des einfachen Zimmers, das man

der einzelnen Dame ohne Koffer angewiesen hat, freue mich meiner

Selbständigkeit und meiner Einsamkeit. Ich möchte die große, gierige

Lebensfreude, die in mir rumort, hinausschreien, und doch ist mir's gerade

recht, daß kein Mensch da ist, in dem sie wiederhallt.

Ich brauche niemand auf der Welt, wie mich niemand braucht.

Ich stelle mich ans Fenster, und der Glärnisch mit dem Mondgeriesel

über seiner machtvollen nächtigen Schönheit gibt mir, was ich in diesem

Augenblick nötig habe -- so an der geöffneten Tür zu Leben und Welt....

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Nach traumlos durchschlafener Nacht ein halbes Erwachen voller Beklemmung

und Bangen. Vergebliches Suchen nach der heißen Milch ... Die Hand greift

nach dem Fieberthermometer ... Schwester Marie ist nicht da ...

Ach, und dann die Seligkeit! ... Das ist ja alles vorbei für immer oder --

seien wir vernünftig -- für lange Zeit ...

Ich habe gefrühstückt, einen Wagen bestellt, um ins Klöntal zu fahren,

und warte nur noch auf meinen grünen Schirm, dessen Stock mir der Portier

gestern zerbrochen hat, und den ich heute repariert zurückerhalten soll.

Die Sonne liegt schon mit voller Glut auf den Bergen und in den breiten,

nüchternen Straßen der Stadt. Die Stimmung von gestern abend ist's nicht,

aber dafür zittert eine satte Sommerfreude in der klaren Luft. Wär' ich nur

schon draußen! ... Nein, so gut ist mir's nicht geworden.

Eine Depesche. Da liegt sie neben mir auf dem Tisch und mahnt: hinter den

Bergen wohnen Leute, die sich wie ein Keil in das drängen, was sich eben in

mir zusammenfügen will aus dem Durcheinander, das Krankheit und Einsamkeit

in mir geschaffen haben ... Natürlich Mama -- natürlich sehr lang --

das spart einen versprochenen Brief, der nicht geschrieben wird, was der

Ärmsten dann doch wieder ein paar schlaflose Nächte macht....

»Warum Glarus? Bitte jetzt jedenfalls dortbleiben. Kommerzienrat Hillmann,

Jugendfreund deines Vaters, mit Sohn wollten dich Zürich aufsuchen, kommen

nun Glarus. Bitte herzlich aufnehmen. Näheres brieflich. Soll ich Edina

schicken? Treue Grüße. Mama.«

Unglaublich ..., unerhört ... Hätte ich doch auf den Schirm nicht gewartet

-- dann wäre ich jetzt unterwegs, erst übermorgen zurückgekommen, und

die eiligen Herren, die die Familie mir auf den Hals schickt, hätten das

Nachsehen gehabt. Was können sie denn von mir wollen? Ich habe zwar eine

Verbindung mit »Hillmann«, aber nur eine in Geldsachen, und ich weiß im

Augenblick nicht einmal, welcher Art.

Was hindert mich übrigens auch jetzt noch, einfach meiner Wege zu gehen?

Mamas Bitte?

Nein ... Mama ist eine liebe, fremde Frau, die sich bereitwillig unter

das Joch des »Ministerialdirektors« geduckt hat und nur manchmal aus ihrem

behaglichen Nest nach ihrer verlassenen Ältesten angstvoll hinüberstarrt

... Ach ..., ich klage sie nicht an. Ich klage niemand an, aber ich habe

sie mir alle abgewöhnt -- jeden einzeln und die ganze Familie zusammen.

Eine dunkle Erinnerung aus einem anderen Leben rührt hier und da an mein

Herz.

In einem schönen Lande am blauen Meer, an dem Palmen stehen -- die Riviera

-- San Remo, wo mein armer Vater an der Schwindsucht gestorben ist und auch

begraben -- war ich ein geliebtes und vergöttertes Kind. Unzertrennlich von

meiner traurigen Mutter, die vor Sehnsucht und Gram um den Heimgegangenen

fast verging. Mein kleines Bett stand neben dem ihren, ich kletterte zu

ihr, wenn ich sie weinen hörte, kuschelte mich an sie, und dann schliefen

wir zusammen ein. Sie war sehr schön und gut, meine Mama -- und liebte

mich sehr. Vielleicht ist das Übermaß an Liebe, das sie damals auf mich

geschüttet hat, das gewesen, was sich sonst auf ein ganzes Leben verteilt.

Als ich sieben Jahre alt war, lernten wir den Ministerialdirektor kennen,

der aber damals noch Regierungsrat war. Ich begreife es ganz gut, daß

der energische, herrische Mann mit seiner schnurgeraden, unanfechtbaren

Korrektheit und meine weiche, hochgestimmte und haltbedürftige Mutter sich

so gut zusammengefunden haben. Auch mein kleines Herz jubelte ihm damals

entgegen, denn Mama wurde zusehends heiter und glücklich im Verkehr mit

ihm, und ich selbst war sein großer Verzug ... Blieb es auch eine kurze

Zeit -- in der neuen Häuslichkeit in Berlin sogar noch, -- bis der Alltag

und eine große Geselligkeit mich allmählich von ihm und auch von der Mutter

abzudrängen begannen ... Zu meinem maßlosen Erstaunen....

Edina erschien auf der Bildfläche. Mit ihrem Schweizer Französisch, ihrer

peinigenden Ordnungsliebe und der barbarischen Strenge, wenn ich allein mit

ihr war, doch -- um gerecht zu sein -- auch mit einem im Grunde

liebevollen Herzen und dem heißen Wunsch, die ratlose kleine Entthronte zu

entschädigen. Mama wurde sogar ein ganz klein wenig eifersüchtig und wollte

sie fortschicken.

Die gute Mama! Heute ist Edina ihr im Hause alles, und daß sie sie mir

herschicken will, ein Opfer, das die ganze Wirtschaft aus dem Gleichgewicht

brächte, wenn ich es annähme. Aber das tue ich nicht. Ich brauche Edina

nicht mehr, wenn ich mich auch damals an die zankende kleine Französin

klammerte. Damals, als sich das Herz meiner Mutter langsam von mir

abwendete, weil die Vergangenheit versank -- versinken sollte, und ich mit

dem Gesicht eines, der auch nicht mehr da sein durfte, als Mahner daran

dastand.

Das ist ja wohl ganz einfach und nur menschlich, aber die junge, heiße

Kinderseele konnte sich in diesem wirren Rätsel nicht zurechtfinden und

wußte nicht wohin mit aller unerwünschten Liebesfähigkeit. Dann kamen die

kleinen Geschwister, und die habe ich mit einer Seligkeit in mein banges

Herz geschlossen, die ich zuweilen heute noch nachempfinden kann. Und eine

kurze Zeit frohen Kinderglücks ist mir ja dann auch noch beschieden

gewesen unter den süßen, strampelnden Geschöpfchen, die die Arme nach Liddy

ausstreckten und sich heiser nach ihr schrien.

Und -- da ich einmal diese alten Erinnerungen zurückrufe -- mein Stiefvater

fing in dieser Zeit an, sich mehr als je mit mir zu beschäftigen. Wohl

seiner im Grunde gerechten Natur folgend -- um dann mit gutem Gewissen

seine eigenen zwei mit der ganzen echten Liebe zu überschütten -- die er

für mich natürlich nicht empfinden konnte. Und noch einmal ist mein Herz

für ihn aufgeglüht mit unbeschreiblicher Anbetung. Ich habe wahrhaftig den

=bon Dieu=, zu dem ich abends meine =prières= sagen mußte, abgeschafft und

den heißgeliebten Papa an seine Stelle gesetzt.

Gott, Gott, was kann solch ein kleiner Mensch lieben und leiden, und wie

gut ist es, daß ich das alles in so jungen Jahren habe abstreifen müssen!

Wie hätte ich wohl mein hartes Schicksal, wie dieses schwerste des letzten

Jahres, tragen können, wenn Liebes- und Leidensfähigkeit mit dem Alter noch

gewachsen wären! ...

Als die erste Lungenentzündung kam, ist wohl das bißchen bleiche Sonne aus

meinem Kinderleben ganz verschwunden. Natürlich bin ich sorgsam gepflegt

worden, aber als ich genesen war, fiel mir das blasse Entsetzen, von

dem meine arme Mutter bei meinem leisesten Hüsteln oder dem leichtesten

Unwohlsein geschüttelt wurde, doch als etwas Ungewöhnliches auf.

Bei dem nächsten Katarrh, wie ihn Annie und Mia auch eben durchgemacht

hatten, wurde mein Bett aus dem Kinderzimmer geschafft und meine

Arbeitsstunden so gelegt, daß sie in die Zeit fielen, in der die Kleinen

wach waren und sonst mit mir gespielt hatten. Ich durfte sie auch nicht

mehr herzen und küssen wie früher, und es schien mir, daß man mir aus dem

Wege ging, wo ich mich zeigte.

Natürlich war das eine übertriebene Ängstlichkeit und wohl auch noch Sorge

um mich dabei, aber das konnte ich nicht begreifen, und eine furchtbare

Verdüsterung kroch in mich hinein. Sie wuchs zu einer grenzenlosen

Verzweiflung an, die mich heute noch in der Erinnerung erbeben läßt, als

eines Tages mein Stiefvater mich unsanft beiseite stieß, wie ich, das

Verbot vergessend, die kleine Mia in die Arme nahm und sie lachend und

tollend abküßte.

Ach, dieser Blick, dieser eisige, böse Blick, der sich in mein Herz bohrte,

den ich nie, nie vergessen werde, wenn mein Stiefvater und ich auch auf dem

angenehmsten Verkehrsfuße stehen!

Ich glaube, jenes kleine Ereignis ist die Veranlassung gewesen, daß man

mich fortbrachte.

In ein Pensionat für lungenleidende Kinder. Nach Davos -- mit einer jungen,

sanften, freundlichen Erzieherin. Man erwies dem armen Ding damit zugleich

eine Wohltat, denn sie war eine schwer Leidende, und sie ist auch die erste

geworden, deren Namen mit einem schwarzen Kreuz in meinem Fremdenbuch den

langen Zug des Todes eröffnet hat, der von da an mein Leben geleitet.

Eine Heimat habe ich seitdem nicht mehr gehabt. Bis zur Konfirmation das

Pensionat mit seinen leidenden Insassen, meist Waisen oder Halbwaisen

wie ich. Daß man mich durch die Übersiedelung aus dem Hause nach einem

verseuchten Orte, -- mich und manche andere vermutlich in bester Absicht

-- erst aus der Welt des Blühens in die des Vergehens gestoßen hat, ist

mir übrigens feste Überzeugung geworden. Ich habe mich wenigstens ohne die

Anzeichen der furchtbaren Krankheit, die ich ererbt haben sollte, gehalten,

bis ich vierzehn oder fünfzehn Jahre alt war. Die ersten Fieberanfälle

bei den rasch aufeinander folgenden Katarrhen waren ein Geschenk für die

erwachende Jungfrau.

Und damit hat das Wandern von Sanatorium zu Sanatorium und jenen Hotels,

in denen man Lungenkranke aufnimmt, begonnen -- unterbrochen durch einen

kurzen Aufenthalt in der jeweiligen Sommerfrische der Eltern, in

Begleitung der eben lebenden Erzieherin oder später Gesellschafterin, unter

sorgfältiger Beobachtung aller nur denkbaren Desinfektionsveranstaltungen,

unterbrochen durch einen mehrtägigen Besuch der Mutter, zuweilen auch des

Vaters, in meinem Winterasyl.

Ich kenne sie alle -- Andreasberg, Badenweiler, Wehrawald -- Ospedaletti,

Mentone, Nervi, San Remo -- Davos und wieder Davos. -- Im Grunde, wenn das

Fieber schlief, ein sorgloses Leben voll äußeren Behagens. Ich bin nur

in den teuersten und vornehmsten Anstalten und Hotels gewesen, dank dem

Reichtum von meinem verstorbenen Vater her. Um mich herum ein buntes,

internationales Treiben, eine verzärtelte Kultur, viel unbeschützte Jugend

neben den lebenserfahrenen reiferen Leidensgenossen. Allen gemeinsam eine

gesteigerte Lebens- und Liebesgier und allen gemeinsam der Tod im Nacken.

Ich habe von allem gekostet, innerhalb der Grenzen, die ein gewisses, wohl

ererbtes Schicklichkeitsgefühl meinem Temperament immer gezogen hat, und

der Gesamtinhalt dieser Jugendjahre ist überhitzter Flirt, überhitzte

Fröhlichkeit, überhitzte Trauer und Einsamkeit -- Einsamkeit --

Einsamkeit....

Mit einer kurzen Unterbrechung.

Ich taste jetzt manchmal mit scheuen Händen in dieser Erinnerung herum, die

mich noch vor einem Jahre bis dicht vor den Abgrund der Selbstvernichtung

riß.

Heute, in diesem Augenblick, ist es mir sogar beinahe Bedürfnis, mir Walter

Hertog hierher zu rufen, ihn vor mir zu sehen, wie ich ihn in Arosa zuerst

sah. Groß, schmalschulterig, damals noch sehr aufrecht -- ein Römerkopf

mit brennenden Augen und einem Zug so verbitterten Leidens um den

schmallippigen Mund, daß mir jetzt noch bange wird, wenn ich daran denke.

Wir haben uns sehr bald zusammengefunden.

Ich war der rechte Kamerad für einen, dessen schmerzvoller Kampf gegen das

Sterbensollen ein viel härterer war als der der vergehenden Kreatur, den

ich so oft mit angesehen hatte, denn bei meinem neuen Freunde wurde er

verschärft durch einen fressenden Ehrgeiz, dem die Todeskrankheit plötzlich

das Ziel entrissen hatte.

Hertog, obwohl auf dem Boden der bestehenden Staatsformen stehend, hielt

sich -- wohl nicht mit Unrecht -- für einen großen sozialen Reformer.

Er hatte eben als junger Assessor den ersten Schritt getan, der ihn

der Verwirklichung seiner Pläne zuführen sollte, er war ins Ministerium

berufen, und das Feld für seine offene und heimliche Arbeitsgier lag frei

vor ihm. Da hatte ihn die Familienkrankheit, der er mit seinem eisernen

Willen zu entwischen hoffte, nach einer starken Influenza gepackt und

niedergeworfen.

Zwei Jahre lang sind wir Weggenossen gewesen im Schwarzwald, in den

Schweizer Bergen und am Mittelländischen Meer.

Mein Gott -- welch ein wildflackerndes Leben! -- Und dabei Liegestuhl an

Liegestuhl!

Er hielt mich natürlich ganz und gar in seinem Bann. Er war ja so weise

wie niemand, den ich kannte. Er hatte den Dingen dieser Welt auf den Grund

geschaut. Er konnte das anscheinend Gute, mit dem sie sich umkleideten, von

ihnen reißen und ihr nacktes Skelett offenbaren.

Alles war Moder -- alles, was leuchtete, Verwesungserscheinung. Der Tod

beherrschte sein ganzes Denken, weil _er_ sich ihm verfallen sah. Und mich

mit ....

Oft sprachen wir über das alles, bis sich das Fieber über uns warf. Dann

waren wir für Tage getrennt, und wenn wir uns wieder trafen, fingen wir

auch wieder an, das Leben zu zerteilen und zu verhöhnen. Wir verspotteten

jedes Gefühl, unser eigenes zuerst.

Denn natürlich -- trotz allem -- liebten wir uns.

An Frühlingsabenden, wenn in der Halle die Italiener »=vorrei morire=«

heruntertremolierten, dann kam es wohl, daß uns Jugend und Rausch doch

packten.

Wir liefen hinunter zu den Bambusbüschen oder zu den roten Rosensträuchern,

die eben aufblühen wollten, und lagen uns in den Armen und küßten uns

voller Leidenschaft.

An die Zukunft zu denken, hüteten wir uns. Wenn wir am Tage über das süße

Erlebnis der schwachen Stunde sprachen, fanden wir großartige Worte, bald

der Entsagung, bald des Hohnes.

Manchmal gingen wir in unseren Gesprächen auch bis auf das Äußerste -- die

gänzliche Vereinigung in Rausch und Glut....

Einmal ganzes, volles Menschenglück ... einmal vor dem Tode....

Aber dann kam jedesmal eine große Abkühlung. Wir höhnten wohl über die

höhere Tochter und den Regierungsassessor -- aber aus ihnen herauskriechen

konnten wir doch nicht....

Nach einer längeren Sommertrennung trafen wir uns in Davos wieder.

Da fing es plötzlich an, ihm besser zu gehen. Ach wie hab' ich jeden

kleinen Fortschritt mit ihm erlebt und genossen! Wie hab' ich für ihn

gejubelt! Er selbst blieb lange Zeit ungläubig.

Bis eines Tages Dr. Herholz ihn zum Professor rief.

Da kam er denn glühend und mit leuchtenden Augen zu mir, setzte sich an

meinen Liegestuhl und sagte in staunender Glückseligkeit nur immer vor sich

hin: »Geheilt entlassen -- geheilt entlassen.«

Und dann hat er die Lehne meines Stuhls umklammert. Ich habe mich

aufgerichtet, seinen Kopf in meine Hände genommen, -- und habe ihn küssen

wollen.... Und da -- Aug' in Auge -- sah ich in dem seinen plötzlich etwas

aufblitzen.... Bangigkeit -- Furcht -- Grauen....

Ein Blick, ähnlich wie jener, der meine Kindheit vergiftet hat, damals,

als ich mein Schwesterchen küssen wollte, und mein Stiefvater mich

zurückriß....

Er hat sich dann rasch losgemacht und allerlei gesprochen -- von der

Ehrlichkeit, auf die unsere Freundschaft sich gründete -- -- er hätte in

der Tat eben ein wohl entschuldbares Gefühl von Furcht gehabt -- die Furcht

des Genesenden vor dem Kranken -- das wäre etwas ganz Animalisches und

hätte nichts mit unserem Seelenbund zu tun ... ich solle das richtig und

gütig auffassen ....

Nein und tausendmal nein. -- Ich habe ihm äußerlich recht gegeben und bin

beherrscht und freundlich geblieben bis zum Abschied. Aber nächtelang

habe ich gewinselt wie ein geschlagener Hund -- und hab' ihn gehaßt und

verwünscht und bin doch nicht von ihm losgekommen, wie sehr ich auch nach

einem Abschluß gejammert habe....

Nun, der war ja bald da, ein ganz radikaler dazu....

Sechs Wochen später kam seine Todesnachricht.... Überarbeitung --

Lebensrausch -- Erregungen -- sagte man uns -- alles vernichtende Dinge für

einen »geheilt Entlassenen«....

Gilt das nicht auch mir? Ahne ich nicht jetzt eben schon den langsam

aufstechenden Schmerz in den kranken Stellen? -- Steigt mir nicht eben

schon der fade, flaue Geschmack des ausströmenden Blutes in die Kehle? ...

Nein, ich will nicht.... Ich habe mit dem Tode jetzt nichts zu schaffen --,

leben will ich -- unter Lebenden will ich mir meinen Platz suchen. Fort mit

den Toten....

Mamas Freunde sollen kommen -- sie haben Fleisch und Blut und werden die

Schatten, unter denen ich hause, verscheuchen....

Ich werde keine einsame, mehrtägige Fahrt unternehmen, um ihnen aus dem

Wege zu gehen -- ich will Stimmen hören, die nicht aphonisch geworden

sind, ich will mir von Dingen erzählen lassen, die in der Welt des Lebens

vorgehen.

Ich will auch den beiden Abgesandten der Familie zeigen, daß ich zu den

Gesunden gehöre.

Und darum hole ich mir jetzt Frische und Klarheit für meinen etwas

schwindelnden Kopf.... Mein Wagen steht vor der Tür -- also hinaus in

die Sonne --, und um das neue Leben nicht mit einiger Folgerichtigkeit zu

beginnen --, an den schönen Bergsee, den sie zwingen wollen, weitab von

seiner heiligen Stille mit 45000 Pferdekräften für sie zu arbeiten.

* * * * *

Also die Begegnung mit dem Kommerzienrat Hillman ist mir geradezu ein

Erlebnis geworden.

Meine Gedanken schwirren auf allen möglichen Lebensfeldern umher und

praktische, bange, kokette, glückverlangende Erwägungen überstürzen sich in

mir. Seit einer Stunde laufe ich in dem kleinen hellen Salon, den ich mir

habe geben lassen, hin und her, unstet und ruhelos.

Nur wenn ich an dem blumenumrankten Eckspiegel haltmache, schießt ein

Gefühl von -- ich kann nicht anders sagen -- stolzem Entzücken in mir auf.

Ich habe eine hohe Freude an meiner Schönheit. Sie ist, mit allem anderen,

ein Erbteil meines Vaters. -- Und gerade jetzt, wo die Hoffnung neues Leben

in mein Gesicht gezaubert hat, dessen Züge ich so genau und so sachlich

studiert habe, -- muß ich selbst staunen, welche Kraft und welchen Glanz

meine blauen Augen bekommen haben.

Ich gleiche genau dem vielbewunderten letzten Bilde meines armen Papa,

dem das Schicksal die letzte Grausamkeit, den Verfall durch die gräßliche

Krankheit ersparte, indem es ihm einen plötzlichen Tod bescherte.

Merkwürdig übrigens, daß Todesnähe und intensives Lebensbewußtsein so

gleiche Ausdrucksmittel haben können....

Vielleicht, weil beide die Blicke für noch Ungeschautes weiten?

Ach, ich fühle ja bei jedem Schritt, den ich im Verkehr mit der lebendigen

Welt mich vorwärts taste, daß Neues, Wunderbares auf mich wartet, und

ich muß für mich immer wieder auf das Bild zurückkommen, daß ich an

einer geöffneten Tür stehe, hinter der viele Wege in das schöne, große,

unbekannte Leben führen.

Welchen werde ich wählen unter den sonnen- und mondglänzenden, den

dämmerigen und den dunkeln? ...

Ob der Freund meines Vaters, der mich vorhin verlassen hat, dieser

weltkundige alte Mann mit den jungen, zärtlichen Augen irgendwo als

Wegweiser dastehen wird?

Es ist so merkwürdig, wie da plötzlich eine Brücke von dem alten

verschollenen Kinderland über die Gegenwart hinweg in die Zukunft führt.

... Als der Kommerzienrat Hillmann pünktlich auf die Minute seiner

Anmeldung bei mir eintrat, hatte ich in demselben Augenblick ein ganz

deutliches Bild vor mir, dessen ich mir eigentlich nie klar bewußt gewesen

bin.

... Ein Balkon, von stark duftenden blauen Blumen überhangen, ein Stückchen

grauer Himmel, im Winde raschelnde Wedel einer Dattelpalme, die hoch über

das Haus ragt, -- ein Liegestuhl mit einem Kranken darin, der schwer atmet

und hüstelt. Über ihn gebeugt -- dieser Mann, der eben eintrat, meine Hand

festhielt und mich anstarrte wie ich ihn.

»Es ist geradezu wunderbar wie Sie ihm gleichen, liebes Kind,« sagte er und

nahm auch meine andere Hand.

Mir war's, als tauche hinter dem Forschen seiner herrschenden dunklen Augen

etwas wie Güte und Teilnahme auf, aber es rührte mich nicht.

»Ich glaube Sie wiederzuerkennen, Herr Hillmann. Ich muß Sie an der Riviera

irgendwo, als kleines Kind gesehen haben,« sagte ich. Wir setzten uns, und

ein kleines Schweigen entstand....

»Sehr richtig, in San Remo,« sagte er dann, und das menschlich Herzliche

verschwand aus seinem Blick. Er war nun ganz der aufs äußerste soignierte,

gut erhaltene ältere Lebemann, ein Typ, den ich -- ach wie genau! -- kenne,

und mit dem ich immer gut fertig werde.

Diese Art Männer, die ihr Leben auf das Weib gestellt haben, scheinen mir

in der gewissen Abendbeleuchtung, die über ihrem Wesen liegt, anziehend

und rührend; sie sind dankbar für jedes Lächeln, und nehmen jede

Augenblicksstimmung als das, was sie ist, ohne Versprechen für

die Zukunft.... Und sie haben so viel von den schauerlich-schönen

Lebensgeheimnissen ergründet, die uns Junge so mit Qual und Erwartung

füllen -- und sie lieben die Jugend mit einer so schmerzlichen Liebe und

wissen ohne Worte darüber zu reden.

Ja, auch mein Gast und ich verständigten uns in diesem Sinne -- und ich

will es gar nicht leugnen, daß mir bei seinen Blicken voll sanfter und

diskreter Bewunderung sehr wohl war.

Und dann gab er in liebenswürdiger und wohltuender Weise der Freude

Ausdruck, mich in so blühender Frische vor sich zu sehen. Welche

Überraschung das wohl für die Meinen sein würde, deren noch ganz warme

Grüße er mir übrigens zu bringen hätte -- und die schon jetzt ganz

fassungslos wären vor Glück -- meine Mutter natürlich am meisten....

»Sie zweifeln doch nicht daran, gnädiges Fräulein?« fragte er vorwurfsvoll

auf mein unwillkürliches Lächeln....

»Gott bewahre -- aber -- pardon, ich bin in Gedanken bei der Depesche

meiner Mutter, die mich etwas erregt und neugierig gestimmt hat.« So ging

ich nun aufs Ziel los.

»Ihre Frau Mutter hat Ihnen Andeutungen gemacht, um was es sich handelt?«

»Nur über Ihre Jugendfreundschaft zu meinem Vater, und daß Sie mich

eigentlich in Zürich aufsuchen wollten.«

»Ja, aber merkwürdigerweise waren wir ohnedies auf dem Wege nach

Glarus. Ein großes technisches Unternehmen hier -- interessiert uns aus

verschiedenen Gründen.«

»Wohl der See?« sagte ich in Gedanken....

»Ah -- Sie wissen also doch, um was es sich zwischen uns handelt?«

Ich war ganz betroffen. Nein, ich wußte gar nichts. War es ein Zufall? --

oder hatte irgendeine unbekannte Strömung mich mit sich getragen? -- Ich

konnte mir zwischen den beiden Herren, dem Klönthaler See und meiner armen

Person nicht die mindeste Beziehung denken.

Herr Hillmann warf mir wieder einen seiner weichen, schmeichelnden Blicke

zu und strich dann mit der feinen, unberingten Hand über die Augen.

»Es ist keine leichte Sache,« sagte er, »mit einer geschäftlichen

Angelegenheit über Sie herzufallen. Der Geschäftsmann möchte hinter dem

Freund ganz und gar verschwinden.«

»Warum denn? Der Freund kann ja für den Geschäftsmann -- wie Sie sagen --

sprechen.«

»Sie haben recht, liebes Kind -- gestatten Sie mir diese Anrede....

Ihr Vater und ich sind wirklich nahe Freunde gewesen.... Schul- und

Studentenzeit hindurch, bis zu seinem frühen Tode.... Und darüber

hinaus.... Seine sorgende Freundschaft hat mir mein Leben aufbauen

helfen.... Und nun hören Sie gut zu, um was es sich handelt, damit Sie sich

überlegen können, ob Sie meine Bitte gewähren wollen.«

Ich habe gut aufgepaßt, und mir, was ich nicht gleich verstand -- denn es

war mir alles neu -- wiederholen lassen. Die Sache ist folgende, ich mache

sie mir im Aufschreiben noch einmal klar:

Mein Vater hat seinem Freunde Hillmann, der damals ein unbekannter

und vermögensloser Ingenieur war, und für dessen Pläne er sich lebhaft

interessierte -- es handelte sich um neue Konstruktionen von Brückenträgern

und irgendwelchen Maschinen -- kurz vor seinem Tode ein großes Kapital,

200000 Mark auf zwanzig Jahre, mit vier Prozent verzinsbar, geliehen, --

Herrn Hillmann oder seinem Rechtsnachfolger, wie es heißt.

Nachdem er gestorben war, hatte Mama zuerst die Verwaltung des ganzen

hinterbliebenen Vermögens, von dem die Hälfte mir gehörte, übernommen, sich

aber bei ihrer zweiten Heirat mit meinem Vormund auseinandersetzen müssen.

Mein Anteil war auf Wunsch meines Stiefvaters ganz für sich niedergelegt

worden. Nur das Kapital, das in den Fabriken des Herrn Hillmann festlag,

war von der Teilung ausgenommen geblieben.

Man hat mir, als ich vor drei Jahren mündig wurde, wie ich mich auch ganz

dunkel erinnere, davon Mitteilung gemacht. Ich habe aber auf die einzelnen

Posten nicht geachtet und alles unterschrieben, was mir auf dem Gericht

vorgelegt wurde. Die Zinsen sind nach wie vor an Mama gegangen, die sie

dann auf mein Bankkonto eingezahlt hat. Natürlich hat mein Stiefvater das

besorgt, denn Mama versteht von diesen Dingen noch weniger als ich.

Nun sind in einem halben Jahre die zwanzig Jahre um, und Herr Hillmann hat

auf seine Anfrage von Papa eine Kündigung des Anteils von Mama erhalten.

Das ist ihm im Augenblick sehr unangenehm, da er mit seiner ganzen

Kapitalkraft auch außerhalb der eigenen Maschinenwerke in großen

Unternehmungen festliegt. Er ist darum nach Gastein gegangen, um durch

persönliche Rücksprache eine Verlängerung von fünf Jahren zu erwirken.

Mama wäre in Erinnerung an die alte Freundschaft wohl nicht abgeneigt

gewesen, seinen Wunsch zu erfüllen, aber mein Stiefvater hätte klipp und

klar und mit Gründen, gegen die er, Herr Hillmann, nichts hätte erwidern

können, alles abgeschlagen. Meinen Entschluß wolle er in keiner Weise

beeinflussen, das Geld seiner Frau müßte er aber unter allen Umständen

herausziehen.

Da hätte Mama ihm den Rat gegeben, mit mir zu sprechen, da für mich die

Erwägungen, die für sie als Familienmutter ausschlaggebend wären, nicht

in Betracht kämen. Vielleicht, so hätte sie gemeint, würde ich gern an die

Stelle meines verstorbenen Vaters treten.

Das zu tun, und auch Mamas ihm entzogenen Anteil, wenn irgend möglich, aus

meinem anderweitigen Kapital zu ersetzen, wäre, kurz gesagt, seine Bitte an

mich. Das Geld stände sicher, ich erhielte es verzinst wie bisher, und ihm

erwiese ich eine Gefälligkeit, für die er mir stets dankbar bleiben würde.

»Was soll ich nun antworten?« dachte ich. »Warum stellt man mich vor eine

solche Entscheidung? Wer rät mir? Vielleicht ein Rechtsanwalt? Mein Vormund

ist tot, mein Stiefvater lehnt es ab, und seine Ansicht liegt ja auch in

seinem eigenen Vorgehen.

Dazu brannten die dunklen Augen dieses Mannes -- ich kann nicht anders

sagen, als beunruhigend -- in die meinen, und ich muß es vor mir bekennen,

daß etwas in mir sich ihm unterwarf.«

»Ich habe ja keine Ahnung, was ich Ihnen antworten soll,« quälte ich mir

endlich ab.

Da fing er noch einmal an mit Zahlen und Geschäftsberichten auf mich

einzureden, so daß ich fühlte, er machte es wie für ein Kind zurecht.

Ich verstand doch nichts, ich wollte auch gar nicht recht zuhören. Mein

Kopf und mein Rücken taten so weh. Und schließlich dachte ich: Wenn du da

mit der Hand, die mein toter Vater noch gedrückt hat, meine nehmen oder

mein Haar streicheln wolltest, so würde ich wenig nach Zinsen und Kapital,

Maschinen, Aktien und Jahresabschlüssen fragen.

»Denken Sie nach, ziehen Sie Erkundigungen ein,« sagte er schließlich, »ich

werde Ihnen Adressen dalassen. Sie werden sich ja doch, bis ein Berufener

Ihnen diese Sorgen aus der Hand nimmt, damit beschäftigen müssen.

Übermorgen bin ich hier und gebe Ihnen selbst noch jede gewünschte

Auskunft.«

Dann sah er mich schärfer und voller Mitleid an.... »Ich quäle Sie, armes

Kind, Sie sind ganz weiß geworden. Vielleicht hat mein Sohn doch recht

gehabt.«

»Ja, Ihr Sohn sollte doch auch mitkommen. Wo ist er?« fragte ich

gleichgültig.

Herr Hillmann sah etwas verlegen über mich weg. »Mein Sohn, -- o, -- er ist

geschäftlich verhindert, -- das heißt, offen gestanden, -- mein Sohn ist

ein wundervoller Mensch, -- aber ein Träumer, -- ein Träumer sage ich Ihnen

-- mit dem man sich oft kaum verständigen könnte, wenn man ihn nicht so

lieb haben müßte.«

»Und?« fragte ich nun etwas neugierig.

»Ja, als wir über Sie und die Ihren eingehend sprachen, war er schließlich

dagegen, Sie in meine Geschäftsangelegenheiten zu ziehen. Es würde zu weit

führen, wollte ich Ihnen erklären, warum.«

Ich konnte nur verständnislos die Achseln zucken.

»Und die Meinen?« fragte ich, da er noch nicht aufstand. »Sie haben mir

noch nicht erzählt, wie Sie sie fanden.«

»In vollem, fröhlichem Leben, liebes gnädiges Fräulein. Der Anblick, als

wir auf die Hotelveranda geführt wurden, gab ein unvergeßliches Bild. Die

immer noch schöne Mama, in jedem Arm eins der bezaubernden Mädels, -- alle

drei die blonden Köpfe lachend zusammengesteckt, -- dazu der vornehme,

schöne Vater -- Herr v. Hasberg ist eine auffallend distinguierte

Erscheinung.« ...

Herr Hillmann brach ab. Ich fürchte, er sah, daß meine Augen voll Wasser

standen.

»Ich ermüde Sie -- Sie leiden,« sagte er, »vergeben Sie mir. Und noch eins,

liebes Kind ... ich weiß nicht, sind Sie ganz allein hier? -- Sorgt man für

Sie?«

»O, ich brauche niemand,« sagte ich schnell. »Ich bin sonst ganz frisch,

nur das lange Sprechen und Zuhören heute hat mich, ehrlich gestanden, etwas

angegriffen.«

»Vergeben Sie mir und hören Sie noch etwas, das mir eben durch den Kopf

geht. Ich kenne Ihre Pläne nicht, weiß nur, daß Sie vorläufig noch

nicht nach Gastein gehen. Ich kann Ihnen für mich keine Gastfreundschaft

anbieten, denn ich führe nur eine Garçonwirtschaft, -- ich bin seit Jahren

Witwer. -- Aber, liebes Kind, ich habe in Heidelberg einen großen und

anregenden Kreis. Sie fänden da guten Anschluß und auch meine Freundschaft

-- von der Sie überzeugt sind, nicht wahr? Ich meine natürlich nur, bis

Ihre Verhältnisse geordnet sind ... und wenn Sie nichts Besseres wissen.«

»Bis ich nach Hause gehe,« sagte ich bange.

Er sah merkwürdig ausdruckslos zur Seite.

»Sie sind sehr gut, Herr Hillmann, aber ich fühle selbst, daß ich nach

dem langen Sanatoriumleben noch eine Zeit für mich sein muß, ehe ich unter

Menschen gehe.«

Dann hat er mich endlich verlassen, mit herzlichen Worten und mitleidigen

Blicken.

Und ich habe mich auf meine Chaiselongue geworfen und gegrübelt und in

Schlaf geweint.

Dann eine Depesche an Papa mit der Bitte um Rat. Ich will äußerlich nichts

versäumen, ich _muß_ ja auch irgend jemand fragen. Was fange ich sonst an?

Die Antwort lautet:

»Halte es für unpraktisch, größere Kapitalien in Privatunternehmungen zu

stecken, doch will deinen Entschluß und Mamas Wunsch nicht beeinflussen.

Adresse tüchtigen Rechtsanwalts Heidelberg, Liepelhausener Straße 21, =Dr.=

Pförtner. Alles Gute von uns allen.«

Eine Stunde später noch ein Telegramm:

»Bin mit allen Gedanken und heißer Sehnsucht bei Dir, geliebtes Kind.

Mama.«

Ach, ... es schreit wieder etwas in mir ganz jammervoll.

Das Glücksbild, das mir der Fremde geschildert hat, steht vor mir und

peinigt mich.

Sie wollen mich nicht -- ich habe es geahnt -- jetzt weiß ich es.

Ich werde wie ein Gespenst in diesem glücklichen Hause auftauchen. Man

glaubt nicht, daß ich gesund bin, man will es nicht glauben.

Ach, ich hasse die Familie.... Nein, ich vergehe vor Gram, und

Sehnsuchtsschauer machen mich krank.

Was soll ich allein mit dem Gelde? Herr Hillmann soll haben, was er will!

Er soll auch wiederkommen, er war gut gegen mich. Ich schreibe ihm

gleich und gebe auch der Nationalbank den Auftrag, ihm das Kapital zu

überweisen....

So, das wäre geschehen, und ich habe ein leises Gefühl von

Erleichterung.... Habe ich es?

Schließlich ... was hat sich denn seit gestern abend geändert?

Gerade um diese Zeit saß ich auch an diesem Tisch und schrieb unter

Glückstränen und voll seliger Ahnungen.

Ich reiße meine Fenster auf. Der Mond fließt wie gestern an dem Glärnisch

hernieder, und die Bäche funkeln....

Ich will das stolze Gefühl der Einsamkeit wieder haben, wie ich es bei

diesem Anblick gestern empfand, als ich noch nicht durch die geöffnete Tür

gesehen hatte.

Was ist das nur?!

Ich fürchte mich hinauszutreten -- es kommt niemand, wenn ich rufe....

Diese grausige Leere wird mich wieder krank machen. Ich soll mich nicht

erregen, und ich fühle, das Fieber steigt auf....

Ach -- ich habe Sehnsucht nach meinem Bett in Davos -- ja, wahrhaftig, auch

nach der Schwester und den Ärzten.

Ich brauche die Gesundheit nicht....

Ach ... meine stolze Einsamkeit heißt ... Verlassenheit....

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

»Wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen.« Drei Tage bin ich allein, und

jeder hat mich durch Glück, Ängste, Verlangen, Haß und warmes Empfinden

gejagt ...

Und jetzt? ...

Ich weiß gar nicht, wie mir zu Mut ist.... So frei -- so gelöst von allem

Bitteren und Schweren.... Ob ich Fieber messen soll? Meine Gedanken quirlen

so merkwürdig durcheinander, und der Puls jagt....

Vorsicht! ... Jetzt will ich nicht sterben, auch nicht von neuem

hinsiechen.

Ich habe einen Weg vor mir, wenigstens die Andeutung eines Weges ... und er

führt in heiliges Land. Alles versinkt, was drohend und gespensterhaft vor

mir aufgetürmt lag. Ich stehe da wie eine Träumende....

Aber ich will nicht phantasieren. Mich zusammenfassen will ich und

mit glücklichem Bewußtsein das Erlebnis der letzten Stunde noch einmal

durchleben....

Ich bin ja gesund dadurch geworden. Weg sind die gefährlichen, stechenden

Schmerzen nach der furchtbaren Nacht mit ihren Todesängsten, Atemnöten und

gierigen Lebenswünschen.

Auch von dem Kummer über Mamas Brief, der mir trotz der Liebesworte doch

nur die Bestätigung meiner Verlassenheit brachte, fühle ich mich befreit.

Und war doch so elend. Die öden Stunden den langen Vormittag über, mit

beängstigenden Zweifeln ausgefüllt, die ich mit aller Willenskraft nicht

bannen konnte, wollten nicht vergehen. Wenn Herr Hillmann doch wiederkäme!

So stark, so frisch und so voller Teilnahme!

Nach meinem einsamen Mittagessen lag ich im Halbschlaf und von jagenden

Bildern gequält auf meiner Chaiselongue, als meine Madline, das junge

Zimmermädchen, eine Karte brachte: Herbert Hillmann, Dr. ing.

Ich fuhr in Enttäuschung auf ... Die Worte Herrn Hillmanns über seinen Sohn

fielen mir ein.

Gut, des Vaters wegen wollte ich ihn mir ansehen -- aber über die

Geldangelegenheit würde ich mit ihm nicht sprechen. Dieser elende

kaufmännische Jargon sollte mir nicht noch einmal eine Stunde verderben.

Müde und so in Gedanken, daß ich nicht einmal einen Blick in den Spiegel

warf, schleppte ich mich in den kleinen Salon, und da stand er, eine

dunkle Silhouette gegen den hohen, hellen Wandschirm.... Nichts von der

Stattlichkeit des Vaters, mich selbst mit seiner schmalen Gestalt nur um

weniges überragend. Nichts von dem Fluidum des herrschenden, sieggewohnten

Mannes, das gestern von dem Vater wie ein Funke auf mich übergesprungen

war.

Ein hageres, durchgearbeitetes Gesicht mit sehr hoher Stirn, ganz

beherrscht von hellen Augen voller Stetigkeit und Klarheit -- eine feste,

kühle Hand, die meine heiße einen Augenblick herzhaft drückt.

»Sie sehen aber gar nicht so übermäßig frisch aus,« sind die ersten Worte,

die ich von der hallenden Stimme höre, deren Klangfarbe mich ganz hinnimmt.

Ich wundere mich über diese Aufrichtigkeit und sage ebenso offenherzig:

»Daran ist Ihr Herr Vater schuld.«

»Haben Sie trotzdem ein wenig Zeit für mich?«

»Natürlich.«

Er interessierte mich als völliger Gegensatz zu seinem Vater doch zu sehr,

als daß ich hätte Nein sagen mögen.

Und so setzten wir uns, und ich wartete. Nach einer kleinen Pause sagte er:

»Ich komme auf eigene Rechnung und Gefahr....«

»Warum Rechnung, und warum Gefahr?« warf ich in meinem üblichen,

flirtbereiten Ton hin, mit dem ich immer Anschluß zu finden pflegte.

Das war hier nicht der Fall.

Mein Besuch schien zu überlegen, sah zur Seite und dann wieder mich an.

Sehr ernst und forschend.

»Woraufhin prüfen Sie mich, Herr Doktor Hillmann?«

»Auf die Möglichkeit, von Ihnen ausgelacht oder als zudringlich abgewiesen

zu werden....«

»Ja, um was handelt es sich denn?«

»Im Grunde um nichts Positives. Ich wollte Ihnen die Hand drücken, Ihnen

sagen, daß Sie mir leid tun, daß ich Sie bedaure.«

Mir wurde etwas unbehaglich zumute.

»Ja, vielleicht bin ich zu bedauern, aber, mein bester Herr Doktor, das

pflegt man doch, auch wenn man Grund hat, es anzunehmen, den Leuten nicht

so ohne weiteres ins Gesicht zu sagen.«

»Das ist wohl wahr, und wenn es Sie verletzt, muß ich um Verzeihung bitten

und meinen Hut nehmen.«

»Nein, das werden Sie nun natürlich nicht. Sie werden mir erklären,

warum Sie hergekommen sind und warum Sie mich so offen Ihres Mitleids

versichern.«

»Ich konnte doch nicht anders.«

»Das ist mindestens etwas ungewöhnlich.«

»Es weicht von den gesellschaftlichen Regeln ab,« sagte er wie in Gedanken

und sah mich unverwandt an.

Und dabei glitt über sein junges, scharfes Gesicht ein so seltsam

träumerischer, weicher, liebevoller Ausdruck, daß ich mich plötzlich bis

ins Tiefste erschüttert fühlte. Und wußte doch nicht, warum. Aber ich

konnte ihn nicht mehr ansehen, ich mußte auf den Fußboden starren, weil ich

fürchtete, ich würde anfangen zu weinen....

»Ich hatte mir, offen gestanden, das alles anders gedacht,« sagte er dann

etwas freier. »Als ich in Gastein von Ihnen sprechen hörte, habe ich mir

ein hilfloses, kränkliches, junges Mädchen vorgestellt, und nun finde

ich eine schöne, sichere und heitere Weltdame. Nein, heiter sind Sie doch

nicht.«

»Welch ein seltsames Gespräch! Mir ist noch niemals etwas Ähnliches

begegnet. Gestern mit Ihrem Vater, und ...«

»Damit habe ich nicht das mindeste zu tun, wie ich schon bemerkte,«

entgegnete er eifrig.

»Nun, die Angelegenheit ist auch ein für allemal erledigt,« sagte ich,

eigentlich um festen Boden zu gewinnen. »Ihr Vater hat seine Antwort und

meine Bank ihren Auftrag.«

»Sehen Sie,« sagte er, mit einem Ruck sich aufrichtend, »das gerade ist

nun auch etwas, das mich in Ihrem Interesse beunruhigt und über das ich mit

Ihnen sprechen will, weil ich es mir ungefähr so vorstellte.«

»Ich verstehe kein Wort. Sie meinen vielleicht, daß ich das Geld doch

verlieren könnte.«

»Dieses Geld nicht. Dafür bürgt mein Vater. Aber wie durften Sie so

schnell entscheiden? Wie kann man Sie in solchen Dingen ganz sich selbst

überlassen?«

»Man hat mich wohl immer mir selbst überlassen,« fuhr es mir heraus.

»Eigentlich aber müßte ich Ihnen antworten: Ich bin mündig, und mein

Entschluß hat seine Gründe.«

Er sah mich wieder zweifelnd und traurig an.

»Es wäre ja immerhin möglich, daß ich mich geirrt habe, daß Sie gar nicht

so hilfsbedürftig sind und so allein, wie es mir den Anschein hatte« ....

Mir war, als hätte ich einen Peitschenhieb von diesem fremden Mann

empfangen.

»Was wollen Sie von mir? Was kümmert Sie mein Alleinsein? Wie kommen Sie zu

solchen Reden?«

Ich glaube, ich schrie ihm das zu. Und er war eine kleine Weile still. Dann

sagte er:

»Ich wollte Ihnen helfen. Ich wollte mit Ihnen sprechen als Mensch zum

Menschen. Und in Ihrem blassen Gesicht liegt etwas, das mir sagt, ich

habe recht getan, als ich meiner Eingebung folgte, und ich will auch ohne

konventionelle Bedenken reden, wie ich's mir vorgenommen habe.«

»Ja, was denn nur? -- was denn?«

»Liebes Fräulein, ich ging mit meinem Vater nach Gastein -- übrigens ohne

die näheren Verhältnisse zu kennen -- um die Geldangelegenheit ordnen zu

helfen, von der Sie ja wissen und an der Sie beteiligt sind. Wir kamen

in eine Familie, die mit dem ganzen Egoismus der Glücklichen

zusammengeschlossen stand -- gegen ...«

»Gegen mich?!«

»Gegen etwas, das sie als unverdientes Schicksal zu empfinden schien....

Die sich wehrte gegen das, was Sie hineintragen könnten, Krankheit,

Siechtum, Rücksichtnehmenmüssen.«

»Und das hat man Sie, den Fremden, merken lassen? Mein Stiefvater mit

seiner Weltläufigkeit? Meine Mutter -- meine Mutter? -- ich glaube Ihnen

einfach nicht.«

Ach, ich glaubte ihm wohl. Ich hätte ihm von den Einsamkeitsschauern

erzählen können, die mich heute Nacht zerbrochen und die Sehnsucht nach

meinem Krankenanstaltsleben neu aufgeweckt hatten ...

Ich tat es nicht, noch nicht. Aber als ich aufsah, diesem jungen Menschen

ins Gesicht, das wie durchleuchtet schien, von etwas Gutem, Hohem,

Hilfsbereitem, da stieg plötzlich, mit einem scharfen Herzstich zugleich

eine große Gier nach dem Menschen, dem Genossen in mir auf, an den ich

mich anklammern konnte in schwarzen Stunden, wenn die eisige Furcht

angeschlichen kam.

Dieses Gefühl tauchte auf und ging, wie eine Ahnung, wie ein Traum.

»Einmal, vor ein paar Jahren,« sagte mein Gast dann, »als ich in einer

verzweifelten Lage war, aus der ich, weltfremd, jung wie ich war, keinen

Ausweg mehr sah -- ich will Ihnen später einmal, wenn sich's so fügt, davon

erzählen -- kam ein großer und guter Mensch ganz unerwartet zu mir. Ein

Zufall hatte ihn meine Not ahnen lassen und, ohne mich zu kennen, kam er

und half mir, ganz uneigennützig und ohne jede äußere Veranlassung. Das

Leben führte uns verschiedene Wege, wir haben uns seitdem nie mehr gesehen,

aber ich habe mir damals gelobt, wenn ich je von einem hören würde, dem es

nützen könnte, daß man ihm die Hand entgegenstreckte, dann wollte ich es

tun. Versuchen, ob ich ihm helfen könnte, wie mir damals geholfen wurde.

Nur ihm sagen: da bin ich, ich will mit dir in deiner Einsamkeit beraten,

welchen Weg du gehen mußt, wie du dein Leben für dich und deinesgleichen

ausnützen kannst, lieber Bruder oder liebe Schwester!«

Wenn ich ein langes, langes Leben vor mir habe, diese Worte werden in mir

fortklingen, wie sie jetzt in mir zittern, wie sie vorhin heiße Tränen in

meine Augen drängten.

»Und so haben Sie mich gesucht, auch ohne etwas mehr von mir zu wissen, als

daß es mir nicht gut gehen dürfte, daß ich allein wäre?«

»Die in die Augen springende innere Kälte Ihres Stiefvaters, seine schroffe

Ablehnung, Ihnen in der besprochenen Geldangelegenheit zu raten, machte

mich auf Ihre Lage aufmerksam. Dann schlug Ihre Mutter vor, Sie nach

Gastein kommen zu lassen. Herr von Herholz wies das unbedingt ab. Sie

hätten selbst wohl das richtige Gefühl gehabt, daß es nicht anginge, aus

einem verseuchten Hause in eine erholungsbedürftige Familie hineinzufallen.

Da müßten vorher noch Übergänge geschaffen werden. Sie wären sicher wohl

besser orientiert über Orte, in denen Genesende eine zusagende Unterkunft

fänden, an denen es sich herausstellte, ob sie wirklich Genesende wären --

und in dem Ton weiter.«

An geöffneter Tür · 第 5 / 16 题