Ick stunn ok up un stellt mi an ’t Finster un let mi de Geschicht

dörch den Kopp gahn un dreiht[1118] mi denn endlich üm un säd: „„’Ne

dämliche Geschicht, Unkel! Du hest süs all betere[1119] Geschichten

vertellt.““ -- „Ja,“ lacht de Oll, „wil ick Di süs de Nutzanwenning

glik[1120] mit gaww, un hir sallst Du sei säuken.“[1121] -- „„Du

wardst doch nich glöwen,““[1122] segg ick, „„dat ick min Brut ehr

Huw’ in ’ne Waschschöttel stippen und mit ehren siden Dauk den Disch

afwischen ward?““ -- „Du kannst ’t jo mal probiren,“ lachte de olle

Spitzbauw’.[1123] -- „„Na,““ segg ick, „„dat fehlt mi noch, denn

wir ick just bet an den Hacken.““[1124] -- De Oll[1125] grint[1126]

nu ümmer so vör sick hen, un as ick so bi mi denk: oll Lüd’ sünd

wunderlich, wenn ’t regent,[1127] führen[1128] s’ tau Heu, seggt hei:

„Jung’, wo olt[1129] büst Du denn eigentlich?“ -- Von min Öller[1130]

müggt[1131] ick nu in min Brüjamstid[1132] nich recht wat hüren,[1133]

un ick denk bi mi: Haha! fangst du all wedder mit den Peper[1134] an?

un ick frag’: „Worüm meinst Du?“ -- „„Oh,““ seggt hei, „„ick mein’

man.““ -- „Denn lat[1135] Di seggen,“ segg ick etwas scharp,[1136]

„ick bün den letzten säbenten[1137] November ein un virtig Johr

west.[1138]“ -- „„Also,““ seggt hei, „„dörch de Virtigen büst Du

dörch?““ -- „Ja,“ segg ick, „is Di dat villicht nich tau Paß?“ -- „„För

minentwegen!““ seggt hei. „„Mi föllt dorbi man dat Sprückwurt in: wer

in de Twintigen[1139] nich schön is, in de Dörtigen[1140] nich stark,

in de Virtigen nich klauk[1141] un in de Föftigen[1142] nich rik,[1143]

de kann ’t man sin laten,[1144] ut den ward nicks. Un Du schinst[1145]

mi in de Virtigen noch nich klauk tau sin.““ -- „Unkel Matthies,“ säd

ick un richt’t mi stur in Enn’,[1146] „wer mi för dumm köfft,[1147]

de ward bedragen;“[1148] un dorbi[1149] müßt ick woll man en sihr

dämlich Gesicht maken, denn min Unkel lacht un säd: „„Un kannst bi

Alledem för Di kein Nutzanwenning ut de Geschicht finnen! Jung’, dat is

jo man en Glikniß:[1150] Wat de Smid mit den Dauk un den Pott un den

Kamm upführt[1151] hett, dat paßt sick nich för Di; dat weit ick woll.

Du möst natürlich wat Anners anstellen. Tau ’m Exempel: trugst[1152]

Du Di woll tau, in Dinen Öller[1153] noch +vör+ de Hochtid en

Stückerner drei[1154] schöne dumme Streich uptauführen?““ -- „Dumme

Streich?“ frag ick. -- „„Dumme Streich!““ seggt min Unkel, un ick gah

nu in de Stuw’ up un dal un äwerlegg[1155] mi de Sak un dreih[1156]

mi endlich üm un segg: „Ja; ick glöw’,[1157] Unkel, ick krig’ in

aller Geswindigkeit noch en por taurecht.“ -- „„Denn mak sei,““[1158]

seggt min Unkel. -- „Un Du meinst, ick ward dordörch Herr in den

Hus’ bliwen?“ -- „„Min Sähn, ick glöw’ dat. -- Dumme Streich -- nich

slichte![1159] -- Süh, wenn sei denn an tau schellen[1160] fangt, denn

fall ehr üm den Hals un küß sei recht düchtig un segg: Lat man sin, lat

man sin! Seih äwer[1161] de Geschichten weg, seih leiwer[1162] up min

Hart,[1163] dat hürt[1164] Di un sleiht[1165] för Di von nu bet[1166]

in alle Ewigkeit. -- Un denn Jung’,““ sett’t hei hentau,[1167] „„denn

kannst Du jo ok noch den Fautfall anbringen -- denn Du magst seggen,

wat Du willst -- de hürt nu einmal dortau.““

Ick äwerläd[1168] mi de Sak nu hen un her un säd denn endlich tau mi:

„Hei ’s din Mutter-Brauder un sallst em dorin tau Willen sin un sallst

en por maken! un ick makt sei ok richtig.

Ick künn nu hir de Geschichten vertellen, de ick anstellt[1169] heww,

ward mi äwer woll häuden.[1170] Dat Unglück künn sinen Gang gahn,

un de Vertellung[1171] künn in mine Fru ehr Hänn’[1172] fallen un

sei künn mäglich[1173] marken,[1174] dat all dese Stückschen[1175]

afkortet[1176] west sünd, un dat sei in ehre Gaudheit anführt worden

is, un sei künn seggen: „Holt![1177] dit Spill[1178] gelt[1179]

nich; Du hest mit Fisematenten spelt.[1180] +Ick+ will mal de

Korten[1181] mischen. -- So! de Vörhand heww ick, un nu man ’rut!

Bedein’[1182] mi desen un bedein’ mi jennen! Un nu will wi mal seihn,

ob Du ut den Ganten büst?“[1183]

Äwer männigmal,[1184] wenn sei nu so as min Fru still un flitig[1185]

üm mi herümme geiht un för mi allerwegen sorgt un mi in ehre

Fründlichkeit nahgiwwt,[1186] denn denk ick doch so bi mi: „Schäm’

di, dat du mit Hinnerlistigkeit tau Wark gahn[1187] büst!“ un ick säd

nilich[1188] tau minen Unkel: „Weißt wat? Ick vertell ehr, wo ’t[1189]

mit de dummen Streich vör de Hochtid tausamen[1190] hängt.“ -- „„Plagt

hei Di?“““ fröggt min Unkel. „„Jede rechtschaff’ne Kirl möt af un an

en gauden dummen Streich un en gauden Witz maken; äwer hei darw sei

nich sülwst wider vertellen, denn denn[1191] verliren sei all’ beid’

ehre Kraft. Ji lewt jo[1192] glücklich, dormit wes taufreden.““[1193]

-- „Je,“ segg ick, „dat seggst Du; äwer mi is männigmal so tau

Maud’,[1194] as wenn wi noch glücklicher lewen künnen, wenn +sei+

dat Regiment hadd.“ -- „„Min Sähn,““ säd min oll Unkel Matthies un

läd[1195] mi de Hand up de Schuller,[1196] „„all dat Glück, wat up

dese Ird[1197] mäglich is, föllt meindag nich in +eine+ Hand

herinne, begnäug’[1198] Di mit dat, wat Du hest. Un wat den Ehstand

anbedrapen deiht,[1199] hest Du den ollen Jochen Smitten[1200] noch

kennt? Den ollen Jochen Smitt mein ick, de mit sine olle Fru achtig

Johr olt[1201] würd, un nahsten[1202] mit ehr tausamen an +einen+

schönen Sommer-Sünndagmorrn begrawen würd. Na, de säd mal tau mi --

denn ick sülwst verstah nicks von de Sak -- „Herr Wachtmeister,“ säd

hei, de Ehstand is as en Appelbom,[1203] dor sitt Einer in[1204] un

plückt un plückt; äwer de schönsten un rodsten Appel[1205] sitten in de

Spitz, dor langt Keiner ’ranne, denn dor is de Natur tau kort[1206]

tau. Wenn nu Einer unverstännig is, un mit Gewalt de Appel krigen will,

denn halt[1207] hei sick en Staken[1208] un hau’t de schönen Appel

’run, äwer ok taunicht,[1209] un hau’t de Telgen[1210] dorbi af, woran

de besten Dragknuppen[1211] för de Taukunft sitten; de vernünftig Mann

lett[1212] sei ruhig sitten un täuwt[1213] bet up den Spätharwst,[1214]

denn[1215] fallen sei em von sülwst in den Schot,[1216] un denn smecken

sei vel säuter.“[1217] -- Un dorüm Jung’,““ sett’t[1218] min oll Unkel

hentau[1219] un sin oll irnstfast Gesicht sach ok gor tau truhartig

ut,[1220] „„kläter[1221] Din roden Appel nich vör de Tid[1222] von den

Bom, und täuw’ bet tau ’m Spätharwst -- Din wohrt[1223] jo nich lang’

mihr -- un wenn Du Din Fru den letzten schönen Appel bringst, denn

vertell[1224] ehr ok de Geschicht von Din’ dummen Streich +vör+ de

Hochtid, denn sallst Du seihn, denn freut sei sick doräwer.““

[Illustration]

Albert Roderich:

Nemesis.

Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers abgedruckt aus seinem Buche

„Die glückliche Ehe und andere Humoresken“ (Berlin: H. Conitzers

Verlag).

Nemesis.

Wie liebenswürdig im besten Sinne des Wortes war meine verehrte

Freundin, die verwitwete Frau Professor Mentow, gegen uns Gäste gerade

heute gewesen, wie viele hübsche und menschenfreundliche Worte waren

da in unserer kleinen Gesellschaft hin und her geworfen worden, und

wie war der Rotwein doch excellent! Was ist das beste bei einem guten

Mittagessen? Die Cigarre nachher, behaupte ich, und deshalb hatte ich

mich in den stillsten Winkel eines kleinen Nebenzimmers zurückgezogen

und blies in jener behaglichen Stimmung des halb ruhenden Körpers und

des halb erregten Geistes künstlerisch vollendete Rauchringe in die

Luft.

Ich richtete mich, halb unwillkürlich, schnell aus meiner etwas sehr

bequemen Lage auf, als die Dame des Hauses plötzlich und unerwartet vor

mir stand.

„Sie sind heute so pessimistisch, so ernsthaft -- Sie, der Philosoph

des lebenslustigen Humors -- hat Ihnen vielleicht Ihr Leibgericht, der

Apfelkuchen, nicht geschmeckt?“

„Verehrte Frau, wenn Sie doch einmal in die geheimsten Tiefen meines

Gemütes eingedrungen sind, so will ich Ihnen gestehen -- ich habe

überhaupt gar nichts von dem Apfelkuchen gegessen!“

„Nicht möglich, Sie sind krank!“

„Nein, der Kuchen war an mir vorübergegangen, ehe ich ihn überhaupt

gewahrt hatte. Aber, das wundert mich nicht. Heute ist kein guter Tag

für mich. Fräulein Emma von Kanten ist ja hier, und sie hat sogar bei

Tische neben mir gesessen. Das kann nimmer gut gehen.“

„Sie hat wohl wegen Ihres letzten Feuilletons über die

Frauenemancipation mit Ihnen gezankt?“

„Fräulein von Kanten zankt nicht mit mir, denn sie haßt mich.“

„Ah wirklich?! Und ich glaubte doch, einmal gehört zu haben, daß Sie

vor Jahren zu dem Fräulein in recht -- angenehmen Beziehungen gestanden

haben.“

Ich wußte, daß meine sonst so diskrete Freundin viel mehr aus Teilnahme

für mich als aus Neugier diese Bemerkung machte und entgegnete deshalb:

„Verehrte Frau, Sie sind wie immer gut unterrichtet, und wenn Sie

wollen, erzähle ich Ihnen gern die Geschichte meiner -- angenehmen

Beziehungen zu Fräulein von Kanten; sichere ich mir dadurch doch auch

vielleicht die Teilnahme Ihrer Freundesseele an meinem Geschick, wenn

es heute über mich hereinbricht.“

„In der Tat, Sie machen mich begierig.“

„Also vor beinahe nun zwanzig Jahren lernte ich Fräulein von Kanten

kennen. Sie war geistreich, hübsch, aus sehr angesehener Familie, und

ich war ein wohlgestalteter Jüngling, der noch zu etwas mehr als zu den

landesüblichen schönsten Hoffnungen zu berechtigen schien. Ich gründete

gerade damals mit einem Teile des sehr beträchtlichen Vermögens meines

Vaters die große Zeitung, an deren Spitze ich noch heute stehe. Das

Fräulein und ich sahen einander fast täglich in einer befreundeten

Familie, wir plauderten, scherzten, lachten, faßten Neigung zueinander

und wußten bald, daß eine lebenslänglich wirkende Erklärung unmittelbar

bevorstände. Ich weiß, jeder von uns wußte, daß auch der andere das

wisse. So weit waren wir schon. Da eines Tages erschien Fräulein Emma

in einer kleinen Gesellschaft mit einer Brustschleife von -- meiner

allerdings unmaßgeblichen Ansicht nach -- so sonderbarer Form und

Farbenzusammenstellung, daß ich eine spottende Bemerkung darüber nicht

unterdrücken konnte. Darob aber ward das Fräulein sichtlich ungehalten

und behandelte mich den ganzen Abend mit stark herabgestimmter

Freundlichkeit. Das trieb mich zum Nachdenken, und ich sagte mir: wen

ein tadelnder Scherz so empört, der ist auch im Ernste zu tadeln.

Ich habe nur ihre Schleife gering geschätzt, dafür glaubte sie mich

selber gering schätzen zu dürfen. Sieh dich vor, junger Mann! Und ich

beschloß, das Fräulein noch vor dem entscheidenden Worte auf eine

größere Probe zu stellen.

„Wenige Tage später wollte ich die junge Dame zu einem Spaziergange

abholen. Auf dem Tische ihres Zimmers lag ein allerliebster

heller Frühlingshut, den Fräulein Emma eben zum ersten Male den

Straßenpassanten vor die Augen führen wollte. Nicht weit davon stand

eine geöffnete Flasche Wein. Meine Gedanken sprangen zu einem schnellen

Entschluß zusammen. Ich goß mit geschickter Ungeschicklichkeit die

Flasche Rotwein über den neuen hellen Frühlingshut.

Die Wirkung war eine betrübende, niederschlagende. Das Fräulein

verfiel nach einem Momente des stieren Entsetzens in recht unangenehme

Zornesausrufungen und Vorwürfe; sie stampfte sogar mit dem sonst so

zierlichen Fuße heftig auf, und -- mit einem Worte, sie ward in dem

Augenblicke mehr als häßlich und geistlos -- sie ward unliebenswürdig.

So weit nun glaube ich nach gangbar menschlichen Begriffen korrekt,

zum mindesten verzeihlich, gehandelt zu haben. Oder sind Sie anderer

Meinung, verehrte Freundin?“

„Nach den gangbar menschlichen Begriffen haben Sie vielleicht

verzeihlich gehandelt -- nach den gangbar weiblichen wohl kaum.“

„Nun einerlei -- in der Fortsetzung meines Tuns beging ich die

tragische Schuld, die mich sicher im fünften Akt zerschmettern wird.

Ich sagte dem Fräulein in der Erregung des Disputes: „Ich habe den

Wein absichtlich über den Hut gegossen, um deinen Charakter kennen

zu lernen! Ich habe ihn kennen gelernt!“ Da wuchsen plötzlich an die

kleinen Schlangen des Ärgers und der Zanklust, die bisher aus den Augen

des Mädchens züngelten, die Furienhäupter der Wut und des Zornes, und

-- o, all ihr Männer, die ihr freien wollt -- erst prüfet, wodurch das

Weib eurer Wahl zornig gemacht wird, und wie es sich gebärdet im Zorne!

„Ich eilte von dannen, und am nächsten Tage reiste Fräulein Emma

von Kanten auf längere Zeit zu auswärtigen Verwandten. Es sind nun

fast zwanzig Jahre seitdem vergangen, und ich habe das Fräulein seit

der Zeit in langen Zwischenräumen einige Male in Gesellschaften

getroffen, und jedesmal, wenn ich sie getroffen, ist mir zur selbigen

Stunde irgend etwas Fürchterliches zugestoßen. Das eine Mal habe ich

einer Dame die Schleppe abgetreten, das zweite Mal bin ich in einem

wohlpräparierten Toaste stecken geblieben, das dritte Mal -- ach,

einerlei, wenn ich jene Dame sehe, ist mir wie dem Seefahrer, der das

Geisterschiff des fliegenden Holländers schaut -- er weiß, ihm steht

ein Unheil bevor. Und heute hat sie gar neben mir gesessen -- weh’ mir,

was wird mir heute noch geschehen!“

Frau Professor Mentow lachte.

„Lieber Freund, Sie werden da von einer ganz gerechten, humoristischen

Nemesis verfolgt. Sie haben es wahrscheinlich durch Ihren ernsthaften

Scherz verschuldet, daß jene Jungfrau im Zorne zur alten Jungfer

geworden ist, die jetzt für Frauen+rechte+ kämpft, weil ihr

+das+ Frauen+recht+ versagt ist.“

„Ja, auch bei Tische hat sie fast ausschließlich von den Rechten der

modernen Frau gesprochen, aber ich glaube, sie kämpft nicht -- sie

streitet nur dafür.“

„In der Tat, lieber Freund --“

Die Frau Professorin kam nicht weiter in diesem Satze, denn die Tür

ward geöffnet, und einer meiner Mitgäste rief, uns gewahrend, herein:

„O, hier sind Sie versteckt, und drinnen streitet man sich um Sie oder

über Sie -- und dann entführen Sie uns auch noch unsere liebenswürdige

Frau Wirtin!“

Wir erhoben uns schnell und traten in den Salon. Die kleine

Gesellschaft saß in lebhafter Unterhaltung beim Kaffee. Frau Emerich,

die intime Freundin des Fräuleins von Kanten, rief mir zu, sobald sie

meiner ansichtig ward: „Ah, da ist ja der Lästerer -- vielleicht hat er

die Gewogenheit, uns einen Kommentar zu seinen rätselhaften Äußerungen

über die Frauenfrage zu geben.“

Ich nahm mich tüchtig zusammen, setzte mich mit gewaltsam erzwungener

Ruhe in einen Schaukelstuhl und sagte mit vermeintlicher Gelassenheit:

„Gnädige Frau, ich glaube, Sie haben hier in diesem Augenblicke gar

keine Frauenfrage, sondern eine Männerfrage behandelt.“

„Wie?! was ist das?!“

„Ja, ich glaube, die hier gemeinte Frauenfrage hat einige Ähnlichkeit

mit der sozialdemokratischen: der Sozialdemokrat hört auf, es zu sein,

wenn er Rentier geworden ist, und die meisten Mädchen halten die

Frauenfrage für gelöst, wenn sie Gattin geworden sind. Es ist also eine

Männerfrage.“

Fräulein Emma von Kanten warf mir einen vergifteten Blick herüber und

sagte mit scharfer Betonung:

„O, mein Herr, wir haben hier bis jetzt ganz ernsthaft debattiert, und

zwar über die Ansichten, die Sie selber in Ihrem Feuilleton über die

Frauen öffentlich geäußert haben. Wenn Sie es jetzt für nötig halten,

Ihre vielleicht etwas bleichwangige Argumentation mit der Schminke

eines beschönigenden Scherzes zu beleben, so sage ich Ihnen im Tone der

tiefsten Überzeugung: die Frau ist dem Manne ebenbürtig. Sie soll nicht

seine Sklavin sein, sie ist berufen, mitzuwirken für die höchsten Ziele

der Menschheit!“

„O, mein Fräulein, wenn Sie Recht hätten -- wie Unrecht hätten Sie!

Sie wollen dem Manne ebenbürtig sein und keine Sklavin! Wir Männer

sind aber selbst Sklaven -- Sklaven der Arbeit, der Verhältnisse, des

Erfolges -- Sklaven des Ehrgeizes, der Wissenschaft -- und, da Sie

uns ebenbürtig sein wollen -- ist es denn ein gar so verächtlicher

Sklavendienst, wenn Sie all Ihre unzähligen Liebenswürdigkeiten und

Reize in einem blumendurchwirkten Fächer zusammenhalten, um dem

ermüdeten Mitsklaven die lästigen Insekten der Sorgen und Mühen

fortzufächeln?“

„Das heißt,“ rief jetzt die älteste der Anwesenden, „das heißt in

gewöhnlichen Worten: wir sollen Köchinnen, Kinderwärterinnen und

Krankenpflegerinnen werden. Und unser Herz, unser Geist, unsere

Ideale?!“

„Gnädige Frau, war es nicht einst Ihr höchstes Ideal, den Mann mit

Ihrer Liebe beglücken zu dürfen? Und ist es nicht jetzt Ihr höchstes

Ideal, Ihre einzige Tochter recht, recht glücklich verheiratet zu

sehen?“

„Allerdings!“

„Also, verehrte Frau, es ist jetzt Ihr höchstes Ideal --

Schwiegermutter zu werden! Ja, glauben Sie es einem erfahrenen

Idealisten -- unsere irdischen Ideale sind veränderlich wie alles

Irdische. Nenne mir deine Ideale, und ich will dir sagen, wie alt du

bist.“

„O, er will uns auf den Flügeln seiner Phrasen entfliehen,“ rief

jetzt Fräulein von Kanten, „haben Sie uns denn nicht in Ihrem

Zeitungsartikel die Ebenbürtigkeit unseres Geistes abgestritten?

Haben Sie nicht die Behauptung aufgestellt, es gebe keine klassische

Dichterin, und wenn es eine -- zwei -- zehn gäbe -- das wäre nichts

gegen „die überwältigende Majorität der Geistesfürsten aus dem

Männergeschlechte“, wie Sie sich auszudrücken beliebten.“

„O,“ fuhr Frau Emerich zornig fort, „und was er von den Erfindungen

sagt! Wie boshaft! Daß die Frauen das Pulver nicht erfunden haben oder

das Dynamit, das findet er natürlich -- aber wir hätten doch wenigstens

die Nähmaschine erfinden können! -- Abscheulich!“

„Geehrte Frau,“ entgegnete ich, „die meisten Wahrheiten sind

abscheulich!“

„Gut,“ rief jetzt Frau Emerich in recht erregtem Tone, „wenn Sie denn

doch der Wahrheit zu ihrem Recht verhelfen wollen -- ich kann Ihnen

jetzt die Gelegenheit dazu geben. Ich habe Gedichte von einer jungen

Dame bei mir, für die ich eine ruhmvolle Zukunft voraussehe. Wollen Sie

in Ihrer Wahrheitsliebe die junge Dame durch Ihre einflußreiche Zeitung

in die Öffentlichkeit einführen, wenn Sie die Dichterin nach Ihrer

besten Überzeugung dessen würdig erachten?“

„Das will ich,“ entgegnete ich bestimmt. Frau Emerich zog eine

zierliche Ledertasche hervor und nahm aus dieser einige Papiere, die

sie mir hinreichte.

„Bitte, lesen Sie.“ -- Und ich las einige offenbar von Damenhand

geschriebene Verse über höchst abgenutzte Gegenstände in höchst

gewöhnlicher Form und höchst unbedeutenden Worten. Die unvermeidlichen

„Sonne und Wonne“ und „Liebe und Triebe“ waren auch vorhanden, und

einmal war in strafwürdigster Dichter-Rohheit „Freude“ auf „heute“

gereimt.

Ich gab das Manuskript zurück und sagte: „Geehrte Frau, ich bedaure,

Ihnen sagen zu müssen, daß nach diesen Proben und meiner Überzeugung

die junge Dichterin als solche durchaus keine Zukunft zu erwarten haben

wird.“

„Ah, und womit wollen Sie dies harte Urteil begründen?“

„Wenn jemand in seinem achtzehnten Jahre schlechte Verse macht -- nun,

der kann vielleicht im dreißigsten Jahre noch gute Verse machen -- wer

aber im achtzehnten Jahre Verse wie diese von so unaussprechlicher

Geringwertigkeit macht -- der macht sie im höchsten Alter noch ebenso

nichtsnutzig. Wollen Sie übrigens meinem Urteil allein nicht trauen, so

lese ich mit Ihrer gütigen Erlaubnis ein paar Verse vor.“

Und ich las mit gütiger Erlaubnis der Freundin des Fräulein Emma von

Kanten ein paar Verse vor, und sämtliche Anwesende vereinten sich mit

mir in der Ansicht, daß niemals unbedeutendere Worte zu überflüssigeren

Versen verarbeitet worden wären. Selbst Fräulein von Kanten betonte

besonders scharf, daß sie mir in diesem Falle Recht geben müsse; die

Gedichte wären doch zu ungewöhnlich gewöhnlich. -- Mir ward etwas

unbehaglich zu Mute, als meine Exfreundin sich so kampflustig an meine

Seite stellte.

„Also, meine Herrschaften,“ ergriff nun mit erhobener Stimme Frau

Emerich das Wort, „dieser Mann, der selber so hoch steht in der Meinung

der literarischen Welt, und der so verächtlich von unserem Frauengeiste

spricht -- er behauptet, daß das Weib, welches diese Verse gemacht,

kein Dichter sei und es nie werden könne?!“

„Das behaupte ich.“

„Nun denn -- das Weib, welches diese Verse gedichtet hat -- ist --

dieser Mann!“

Frau Emerich hatte sich bei diesen Worten hoch aufgerichtet und

streckte ihren Arm gegen mich aus, als wollte sie mich auch körperlich

zu Boden schlagen. Das unheimliche Gefühl, das mich bei der Rede

der Dame befallen hatte, steigerte sich um ein Bedeutendes, als

jetzt Fräulein Emma von Kanten ebenfalls ein Papier hervorzog, mir

dasselbe dicht unter die Augen hielt und ausrief: „Kennen Sie diese

Handschrift?“

Ich las dieselben nichtigen Verse von vorhin auf stark vergilbtem

Papier in mir unheimlich bekannt scheinenden Schriftzügen.

„Diese Verse,“ wandte sich nun Fräulein von Kanten an die hocherstaunte

Gesellschaft, „diese Verse, welche die Tochter meiner Freundin kopiert

hat, diese Verse von „so unaussprechlicher Geringwertigkeit“ -- hat vor

ungefähr 20 Jahren unser großer Kritiker selbst gedichtet. Ich weiß es

ganz genau, denn ich kenne die Dame, der er diese -- hoffnungslosen

Verse gewidmet hat!“

Da war sie wieder, die Nemesis -- die erbarmungslose Nemesis!

Ich war ein wenig in den Schaukelstuhl zurückgesunken -- ich schlug die

Augen nieder vor all den lachenden Mienen und spöttischen Blicken. Nur

auf dem Antlitz meiner liebenswürdigen Wirtin sah ich stilles Mitleid.

Endlich erhob ich mich -- ein wenig langsam -- ein wenig unbeholfen und

sagte mit etwas unsicherer Stimme:

„Meine Damen und Herren -- ich bekenne es -- ich bin geschlagen,

besiegt -- von einer Dame besiegt, der ich allerdings vielleicht

eine Buße schuldig war -- nun, ich werde die Geschichte meiner Buße

veröffentlichen.“

„Die ganze Geschichte?!“ fragte Fräulein von Kanten, und ihr

überlegenes Lächeln verschwand unter einer leichten Falte der Besorgnis.

„Die +ganze+ Geschichte, mein verehrtes Fräulein! Und wenn es die

übrigen Herrschaften interessiert, so kann ich Ihnen den Namen der Dame

gleich jetzt mitteilen.“

„Oh, ganz sicher interessiert uns das!“ rief Frau Emerich. Ich sah

meine Feindin erbleichen, und Frau Professor Mentow warf mir einen

zürnenden Blick zu.

Ich tat einige Augenblicke, als ob ich noch nicht entschlossen sei,

mein Geheimnis preiszugeben.

„Ach bah,“ rief ich dann, „was sollte mich verhindern?! Also, verehrte

Anwesende, die Dame von der ich sprach, heißt -- Fräulein -- Sophie

Rose!“

Man war etwas enttäuscht. Man kannte natürlich diese Dame nicht.

Fräulein von Kanten atmete leise auf, und Frau Professor Mentow

lächelte mir freundlich zu. Ich fuhr fort:

„Wenn auch sonst niemand von Ihnen, meine Herrschaften, Fräulein Sophie

Rose kennt, so kennt Fräulein von Kanten sie sicherlich. Fräulein

Sophie Rose hat ja dieser Dame meine armen Verse verraten, und ich

richte jetzt an Fräulein von Kanten die höfliche Frage: Wo ist Fräulein

Sophie Rose zu finden?“

Fräulein von Kanten antwortete mit anerkennenswerter Geistesgegenwart:

„Ich werde mich hüten, Ihnen das zu sagen. Sie sind augenscheinlich im

Begriffe, meine Freundin zu kompromittieren.“

„Das könnten Sie leicht verhindern, gnädiges Fräulein, wenn Sie eine

Vermittlerrolle zwischen der Dame und mir spielen wollen.“

„Ah, wenn Sie im Ernste sprechen -- --.“

„Mein Ehrenwort, ich spreche im Ernste; wenn ich der frohen Stunden

gedenke, die ich einst gemeinsam mit -- jener Dame verlebt, so

überkommt mich wieder das Gefühl einer warmen Freundschaft.“

„Ah, wirklich?! Ich werde das meiner Freundin getreulich berichten. Und

ich darf ihr sagen, daß Sie ihr wegen dieses wohl etwas indiskreten

Scherzes mit Ihren -- Jugendversen nicht grollen?“

„Ich würde gewiß nicht weiter daran denken, wenn ich hoffen dürfte, daß

meine ehemalige Freundin auch die Geschichte von dem -- Frühlingshut

vergessen könnte.“

„Dafür stehe ich Ihnen! Der +Frühlings+hut! Ach, mein Herr, +wir

sind ja jetzt im Herbste+!“

Ich reichte meiner neuen alten Freundin die Hand, und wir blickten

einander zum ersten Male wieder frei in die Augen.

Bald darauf ging unsere Gesellschaft auseinander.

Meine liebenswürdige Wirtin hielt mich noch einen Augenblick zurück und

sagte lächelnd:

„Nun, lieber Freund, heute haben Sie Ihre alte Sünde zu Ende gebüßt --

jetzt wird es doch wohl aus sein mit der Nemesis.“

Deutsche Humoristen, 1. Band (von 8) · 第 9 / 11 段