merkwürdige Trennung unserer Gesellschaft melden, die hier vorgegangen
ist, und was sie veranlaßt hat. Wir gingen mit Tages Anbruch heute
von Leukerbad aus, und hatten im frischen Schnee einen schlüpfrigen
Weg über die Matten zu machen. Wir kamen bald nach Inden, wo wir dann
den steilen Weg, den wir gestern herunter kamen, zur Rechten über uns
ließen, und auf der Matte nach der Schlucht, die uns nunmehr links lag,
hinabstiegen. Es ist diese wild und mit Bäumen verwachsen, doch geht
ein ganz leidlicher Weg hinunter. Durch diese Felsklüfte hat das
Wasser, das vom Leukerbad kommt, seine Abflüsse in's Wallisthal. Wir
sahen in der Höhe an der Seite des Felsens, den wir gestern herunter
gekommen waren, eine Wasserleitung gar künstlich eingehauen, wodurch
ein Bach erst daran her, dann durch eine Höhle, aus dem Gebirge in das
benachbarte Dorf geleitet wird. Wir mußten nunmehr wieder einen Hügel
hinauf und sahen dann bald das offene Wallis und die garstige Stadt
Leuk unter uns liegen. Es sind diese Städtchen meist an die Berge
angeflickt, die Dächer mit groben geriss'nen Schindeln unzierlich
gedeckt, die durch die Jahrszeit ganz schwarz gefault und vermoos't
sind. Wie man auch nur hinein tritt, so ekelt's einem, denn es ist
überall unsauber; Mangel und ängstlicher Erwerb dieser privilegirten
und freien Bewohner kommt überall zum Vorschein. Wir fanden den
Freund, der die schlimme Nachricht brachte, daß es nunmehr mit den
Pferden sehr beschwerlich weiter zu gehen anfinge. Die Ställe werden
kleiner und enger, weil sie nur auf Maulesel und Saumrosse
eingerichtet sind; der Haber fängt auch an sehr selten zu werden, ja
man sagt, daß weiter hin in's Gebirg gar keiner mehr anzutreffen sei.
Ein Beschluß war bald gefaßt: der Freund sollte mit den Pferden das
Wallis wieder hinunter über Bex, Vevey, Lausanne, Freiburg und Bern
auf Luzern gehen, der Graf und ich wollten unsern Weg das Wallis
hinauf fortsetzen, versuchen, wo wir auf den Gotthard hinauf dringen
könnten, alsdann durch den Canton Uri über den Vier-Waldstädtersee
gleichfalls in Luzern eintreffen. Man findet in dieser Gegend überall
Maulthiere, die auf solchen Wegen immer besser sind als Pferde, und zu
Fuße zu gehen ist am Ende doch immer das Angenehmste. Wir haben
unsere Sachen getrennet. Der Freund ist fort, unser Mantelsack wird
auf ein Maulthier das wir gemiethet haben gepackt, und so wollen wir
aufbrechen und unsern Weg zu Fuße nach Brieg nehmen. Am Himmel sieht
es bunt aus, doch ich denke, das gute Glück, das uns bisher begleitet
und uns so weit gelockt hat, soll uns auf dem Platze nicht verlassen,
wo wir es am nöthigsten brauchen.
Brieg, den 10. Abends.
Von unserm heutigen Weg kann ich wenig erzählen, ausgenommen, wenn Sie
mit einer weitläuftigen Wettergeschichte sich wollen unterhalten
lassen. Wir gingen in Gesellschaft eines schwäbischen Metzgerknechtes,
der sich hierher verloren, in Leuk Condition gefunden hatte und eine
Art von Hanswurst machte, unser Gepäck auf ein Maulthier geladen, das
sein Herr vor sich hertrieb, gegen Eilf von Leuk ab. Hinter uns, so
weit wir in's Wallisthal hineinsehen konnten, lag es mit dicken
Schnee-Wolken bedeckt, die das Land herauf gezogen kamen. Es war
wirklich ein trüber Anblick und ich befürchtete in der Stille, daß, ob
es gleich so hell vor uns aufwärts war als wie im Lande Gosen, uns
doch die Wolken bald einholen, und wir vielleicht im Grunde des Wallis
an beiden Seiten von Bergen eingeschlossen, von Wolken zugedeckt und
die Sorge, die sich meistentheils des einen Ohrs bemeistert.
Auf der andern Seite sprach der gute Muth mit weit zuverlässigerer
Stimme, verwies mir meinen Unglauben, hielt mir das Vergangene vor und
machte mich auch auf die gegenwärtigen Lufterscheinungen aufmerksam.
Wir gingen dem schönen Wetter immer entgegen; die Rhone hinauf war
alles heiter, und so stark der Abendwind das Gewölk hinter uns her
trieb, so konnte es uns doch niemals erreichen. Die Ursache war diese:
In das Wallisthal gehen, wie ich schon so oft gesagt, sehr viele
Schluchten des benachbarten Gebirges aus und ergießen sich wie kleine
Bäche in den großen Strom, wie denn auch alle ihre Gewässer in der
Rhone zusammen laufen. Aus jeder solcher Öffnung streicht ein Zugwind,
der sich in den innern Thälern und Krümmungen erzeugt. Wie nun der
Hauptzug der Wolken das Thal herauf an so eine Schlucht kommt, so läßt
die Zugluft die Wolken nicht vorbei, sondern kämpft mit ihnen und dem
Winde der sie trägt, hält sie auf und macht ihnen wohl Stunden lang
den Weg streitig. Diesem Kampf sahen wir oft zu, und wenn wir
glaubten, von ihnen überzogen zu werden, so fanden sie wieder ein
solches Hinderniß, und wenn wir eine Stunde gegangen waren, konnten
sie noch kaum vom Fleck. Gegen Abend ward der Himmel außerordentlich
schön. Als wir uns Brieg näherten, trafen die Wolken fast zu gleicher
Zeit mit uns ein; doch mußten sie, weil die Sonne untergegangen war
und ihnen nunmehr ein packender Morgenwind entgegen kam, stille stehen,
und machten von einem Berge zum andern einen großen halben Mond über
das Thal. Sie waren von der kalten Luft zur Consistenz gebracht und
hatten, da wo sich ihr Saum gegen den blauen Himmel zeichnete, schöne
leichte und muntere Formen. Man sah daß sie Schnee enthielten, doch
scheint uns die frische Luft zu verheißen, daß diese Nacht nicht viel
fallen soll. Wir haben ein ganz artiges Wirthshaus und, was uns zu
großem Vergnügen dient, in einer geräumigen Stube ein Kamin
angetroffen; wir sitzen am Feuer und machen Rathschläge wegen unserer
weiteren Reise. Hier in Brieg geht die gewöhnliche Straße über den
Simplon nach Italien; wenn wir also unsern Gedanken, über die Furka
auf den Gotthard zu gehen, aufgeben wollten, so gingen wir mit
gemietheten Pferden und Maulthieren auf Domo d'ossola, Margozzo,
führen den Lago maggiore hinaufwärts, dann auf Bellinzona und so
weiter den Gotthard hinauf, über Airolo zu den Kapuzinern.
Dieser Weg ist den ganzen Winter über gebahnt und mit Pferden bequem
zu machen, doch scheint er unserer Vorstellung, da er in unserm Plane
nicht war und uns fünf Tage später als unsern Freund nach Luzern
führen würde, nicht reizend. Wir wünschen vielmehr das Wallis bis an
sein oberes Ende zu sehen, dahin wir morgen Abend kommen werden; und
wenn das Glück gut ist, so sitzen wir übermorgen um diese Zeit in
Realp in dem Ursner Thal, welches auf dem Gotthard nahe bei dessen
höchstem Gipfel ist. Sollten wir nicht über die Furka kommen, so
bleibt uns immer der Weg hierher unverschlossen, und wir werden
alsdann das aus Noth ergreifen, was wir aus Wahl nicht gerne thun.
Sie können sich vorstellen, daß ich hier schon wieder die Leute
examiniret habe, ob sie glauben, daß die Passage über die Furka offen
ist; denn das ist der Gedanke mit dem ich aufstehe, schlafen gehe, mit
dem ich den ganzen Tag über beschäftigt bin. Bisher war es einem
Marsch zu vergleichen, den man gegen einen Feind richtet, und nun
ist's, als wenn man sich dem Flecke nähert, wo er sich verschanzt hat
und man sich mit ihm herumschlagen muß. Außer unserm Maulthier sind
zwei Pferde auf morgen früh bestellt.
Münster, den 11. Abends 6 Uhr.
Wieder einen glücklichen und angenehmen Tag zurückgelegt! Heute früh
als wir von Brieg bei guter Tagszeit ausritten, sagte uns der Wirth
noch auf den Weg: Wenn der Berg, so nennen sie hier die Furka, gar zu
grimmig wäre, so möchten wir wieder zurückkehren und einen andern Weg
suchen. Mit unsern zwei Pferden und einem Maulesel kamen wir nun bald
über angenehme Matten, wo das Thal so eng wird, daß es kaum einige
Büchsenschüsse breit ist. Es hat daselbst eine schöne Weide, worauf
große Bäume stehen, und Felsstücke, die sich von benachbarten Bergen
abgelös't haben, zerstreut liegen. Das Thal wird immer enger, man
wird genöthiget an den Bergen seitwärts hinauf zu steigen, und hat
nunmehr die Rhone in einer schroffen Schlucht immer rechts unter sich.
In der Höhe aber breitet sich das Land wieder recht schön aus, auf
mannichfaltig gebogenen Hügeln sind schöne nahrhafte Matten, liegen
hübsche Örter, die mit ihren dunkelbraunen hölzernen Häusern gar
wunderlich unter dem Schnee hervor gucken. Wir gingen viel zu Fuß und
thaten's uns einander wechselseitig zu Gefallen. Denn ob man gleich
auf den Pferden sicher ist, so sieht es doch immer gefährlich aus,
wenn ein anderer, auf so schmalen Pfaden, von so einem schwachen
Thiere getragen, an einem schroffen Abgrund, vor einem herreitet.
Weil nun kein Vieh auf der Weide sein kann, indem die Menschen alle in
den Häusern stecken, so sieht eine solche Gegend sehr einsam aus, und
der Gedanke, daß man immer enger und enger zwischen ungeheuren
Gebirgen eingeschlossen wird, gibt der Imagination graue und
unangenehme Bilder, die einen, der nicht recht fest im Sattel säße,
gar leicht herab werfen könnten. Der Mensch ist niemals ganz Herr von
sich selbst. Da er die Zukunft nicht weiß, da ihm sogar der nächste
Augenblick verborgen ist; so hat er oft, wenn er etwas Ungemeines
vornimmt, mit unwillkürlichen Empfindungen, Ahnungen, traumartigen
Vorstellungen zu kämpfen, über die man kurz hinter drein wohl lachen
kann, die aber oft in dem Augenblicke der Entscheidung höchst
beschwerlich sind. In unserm Mittagsquartier begegnete uns was
Angenehmes. Wir traten bei einer Frau ein, in deren Hause es ganz
rechtlich aussah. Ihre Stube war nach hiesiger Landesart ausgetäfelt,
die Betten mit Schnitzwerk gezieret, die Schränke, Tische und was
sonst von kleinen Repositorien an den Wänden und in den Ecken
befestigt war, hatte artige Zierrathen von Drechsler- und Schnitzwerk.
An den Porträts, die in der Stube hingen, konnte man bald sehen, daß
mehrere aus dieser Familie sich dem geistlichen Stand gewidmet hatten.
Wir bemerkten auch eine Sammlung wohl eingebundener Bücher über der
Thür, die wir für eine Stiftung eines dieser Herren hielten. Wir
nahmen die Legenden der Heiligen herunter und lasen drin, während das
Essen für uns zubereitet wurde. Die Wirthin fragte uns einmal als sie
in die Stube trat, ob wir auch die Geschichte des heil. Alexis
gelesen hätten? Wir sagten Nein, nahmen aber weiter keine Notiz davon
und jeder las in seinem Capitel fort. Als wir uns zu Tische gesetzt
hatten, stellte sie sich zu uns und fing wieder von dem heil. Alexis
an zu reden. Wir fragten, ob es ihr Patron oder der Patron ihres
Hauses sei, welches sie verneinte, dabei aber versicherte, daß dieser
heilige Mann so viel aus Liebe zu Gott ausgestanden habe, daß ihr
seine Geschichte erbärmlicher vorkomme, als viele der übrigen.
Da sie sah, daß wir gar nicht unterrichtet waren, fing sie an uns zu
erzählen: Es sei der heil. Alexis der Sohn vornehmer, reicher und
gottesfürchtiger Eltern in Rom gewesen, sei ihnen, die den Armen
außerordentlich viel Gutes gethan, in Ausübung guter Werke mit
Vergnügen gefolgt; doch habe ihm dieses noch nicht genug gethan,
sondern er habe sich in der Stille Gott ganz und gar geweiht, und
Christo eine ewige Keuschheit angelobet. Als ihn in der Folge seine
Eltern an eine schöne und treffliche Jungfrau verheirathen wollen,
habe er zwar sich ihrem Willen nicht widersetzt, die Trauung sei
vollzogen worden; er habe sich aber, anstatt sich zu der Braut in die
Kammer zu begeben, auf ein Schiff das er bereit gefunden gesetzt, und
sei damit nach Asien übergefahren. Er habe daselbst die Gestalt eines
schlechten Bettlers angezogen und sei dergestalt unkenntlich geworden,
daß ihn auch die Knechte seines Vaters, die man ihm nachgeschickt,
nicht erkannt hätten. Er habe sich daselbst an der Thüre der
Hauptkirche gewöhnlich aufgehalten, dem Gottesdienst beigewohnt und
sich von geringem Almosen der Gläubigen genährt. Nach drei oder vier
Jahren seien verschiedene Wunder geschehen, die ein besonderes
Wohlgefallen Gottes angezeigt. Der Bischof habe in der Kirche eine
Stimme gehört, daß er den frömmsten Mann, dessen Gebet vor Gott am
angenehmsten sei, in die Kirche rufen und an seiner Seite den Dienst
verrichten sollte. Da dieser hierauf nicht gewußt wer gemeint sei,
habe ihm die Stimme den Bettler angezeigt, den er denn auch zu großem
Erstaunen des Volks hereingeholt. Der heil. Alexis, betroffen daß
die Aufmerksamkeit der Leute auf ihn rege geworden, habe sich in der
Stille davon und auf ein Schiff gemacht, willens weiter sich in die
Fremde zu begeben. Durch Sturm aber und andere Umstände sei er
genöthiget worden, in Italien zu landen. Der heil. Mann habe hierin
einen Wink Gottes gesehen und sich gefreut eine Gelegenheit zu finden,
wo er die Selbstverläugnung im höchsten Grade zeigen konnte. Er sei
daher geradezu auf seine Vaterstadt losgegangen, habe sich als ein
armer Bettler vor seiner Eltern Hausthür gestellt, diese, ihn auch
dafür haltend, haben ihn nach ihrer frommen Wohlthätigkeit gut
aufgenommen, und einem Bedienten aufgetragen, ihn mit Quartier im
Schloß und den nöthigen Speisen zu versehen. Dieser Bediente,
verdrießlich über die Mühe und unwillig über seiner Herrschaft
Wohlthätigkeit, habe diesen anscheinenden Bettler in ein schlechtes
Loch unter der Treppe gewiesen, und ihm daselbst geringes und
sparsames Essen gleich einem Hunde vorgeworfen. Der heil. Mann,
anstatt sich dadurch irre machen zu lassen, habe darüber erst Gott
recht in seinem Herzen gelobt, und nicht allein dieses, was er so
leicht ändern können, mit gelassenem Gemüthe getragen, sondern auch
die andauernde Betrübniß der Eltern und seiner Gemahlin über die
Abwesenheit ihres so geliebten Alexis mit unglaublicher und
übermenschlicher Standhaftigkeit ausgehalten. Denn seine
vielgeliebten Eltern und seine schöne Gemahlin hat er des Tags wohl
hundertmal seinen Namen ausrufen hören, sich nach ihm sehnen und über
seine Abwesenheit ein kummervolles Leben verzehren sehen. An dieser
Stelle konnte sich die Frau der Thränen nicht mehr enthalten und ihre
beiden Mädchen, die sich während der Erzählung an ihren Rock gehängt,
sahen unverwandt an der Mutter hinauf. Ich weiß mir keinen
erbärmlichern Zustand vorzustellen, sagte sie, und keine größere
Marter, als was dieser heilige Mann bei den Seinigen und aus freiem
Willen ausgestanden hat. Aber Gott hat ihm seine Beständigkeit auf's
herrlichste vergolten, und bei seinem Tode die größten Zeichen der
Gnade vor den Augen der Gläubigen gegeben. Denn als dieser heilige
Mann, nachdem er einige Jahre in diesem Zustande gelebt, täglich mit
größter Innbrunst dem Gottesdienste beigewohnet, so ist er endlich
krank geworden ohne daß jemand sonderlich auf ihn Acht gegeben.
Als darnach an einem Morgen der Papst, in Gegenwart des Kaisers und
des ganzen Adels, selbst hohes Amt gehalten, haben auf einmal die
Glocken der ganzen Stadt Rom wie zu einem vornehmen Todtengeläute zu
läuten angefangen; wie nun jedermänniglich darüber erstaunt, so ist
dem Papste eine Offenbarung geschehen, daß dieses Wunder den Tod des
heiligsten Mannes in der ganzen Stadt anzeige, der in dem Hause des
Patricii so eben verschieden sei. Der Vater des Alexis fiel auf
Befragen selbst auf den Bettler. Er ging nach Hause und fand ihn
unter der Treppe wirklich todt. In den zusammengefalteten Händen
hatte der heil. Mann ein Papier stecken, welches ihm der Alte,
wiewohl vergebens, herauszuziehen suchte. Er brachte diese Nachricht
dem Kaiser und Papst in die Kirche zurück, die alsdann mit dem Hofe
und der Klerisei sich aufmachten, um selbst den heil. Leichnam zu
besuchen. Als sie angelangt, nahm der heil. Vater ohne Mühe das
Papier dem Leichnam aus den Händen, überreichte es dem Kaiser, der es
sogleich von seinem Kanzler vorlesen ließ. Es enthielte dieses Papier
die bisherige Geschichte dieses Heiligen. Da hätte man nun erst den
übergroßen Jammer der Eltern und der Gemahlin sehen sollen, die ihren
theuren Sohn und Gatten so nahe bei sich gehabt und ihm nichts zu Gute
thun können, und nunmehro erst erfuhren wie übel er behandelt worden.
Sie fielen über den Körper her, klagten so wehmüthig, daß niemand von
allen Umstehenden sich des Weinens enthalten konnte. Auch waren unter
der Menge Volks, die sich nach und nach zudrängten, viele Kranke die
zu dem heil. Körper gelassen und durch dessen Berührung gesund wurden.
Die Erzählerin versicherte nochmals, indem sie ihre Augen trocknete,
daß sie keine erbärmlichere Geschichte niemals gehört habe; und mir
kam selbst ein so großes Verlangen zu weinen an, daß ich große Mühe
hatte es zu verbergen und zu unterdrücken. Nach dem Essen suchte ich
im Pater Cochem die Legende selbst auf, und fand, daß die gute Frau
den ganzen reinen menschlichen Faden der Geschichte behalten und alle
abgeschmackten Anwendungen dieses Schriftstellers rein vergessen hatte.
Wir gehen fleißig in's Fenster und sehen uns nach der Witterung um,
denn wir sind jetzt sehr im Fall, Winde und Wolken anzubeten. Die
frühe Nacht und die allgemeine Stille ist das Element, worin das
Schreiben recht gut gedeiht, und ich bin überzeugt, wenn ich mich nur
einige Monate an so einem Orte inne halten könnte und müßte, so würden
alle meine angefangenen Dramen eins nach dem andern aus Noth fertig.
Wir haben schon verschiedene Leute vorgehabt und sie nach dem
Übergange über die Furka gefragt, aber auch hier können wir nichts
Bestimmtes erfahren, ob der Berg gleich nur zwei Stunden entfernt ist.
Wir müssen uns also darüber beruhigen, und morgen mit Anbruch des
Tages selbst recognosciren und sehen, auch sonst bin, so muß ich
gestehen, daß mir's höchst verdrießlich wäre, wenn wir
zurückgeschlagen würden. Glückt es, so sind wir morgen Abend in Realp
auf dem Gotthard und übermorgen zu Mittage auf dem Gipfel des Bergs
bei den Kapuzinern; mißlingt's, so haben wir nur zwei Wege zur
Retirade offen, wovon keiner sonderlich besser ist als der andere.
Durch's ganze Wallis zurück und den bekannten Weg über Bern auf Luzern;
oder auf Brieg zurück und erst durch einen großen Umweg auf den
Gotthard! Ich glaube, ich habe Ihnen das in diesen wenigen Blättern
schon dreimal gesagt. Freilich ist es für uns von der größten
Wichtigkeit. Der Ausgang wird entscheiden, ob unser Muth und Zutrauen,
daß es gehen müsse, oder die Klugheit einiger Personen, die uns
diesen Weg mit Gewalt widerrathen wollen, Recht und Muth, das Glück
über sich erkennen müssen. Nachdem wir vorher nochmals das Wetter
examinirt, die Luft kalt, den Himmel heiter und ohne Disposition zu
Schnee gesehen haben, legen wir uns ruhig zu Bette.
Münster, den 12. Nov. früh 6 Uhr.
Wir sind schon fertig und alles ist eingepackt, um mit Tages Anbruch
von hier weg zu gehen. Wir haben zwei Stunden bis Oberwald, und von
da rechnet man gewöhnlich sechs Stunden auf Realp. Unser Maulthier
geht mit dem Gepäck nach, so weit wir es bringen können.
Realp, den 12. Nov. Abends.
Mit einbrechender Nacht sind wir hier angekommen. Es ist überstanden
und der Knoten, der uns den Weg verstrickte, entzwei geschnitten. Eh'
ich Ihnen sage, wo wir eingekehrt sind, eh' ich Ihnen das Wesen
unserer Gastfreunde beschreibe, lassen Sie mich mit Vergnügen den Weg
in Gedanken zurück machen, den wir mit Sorgen vor uns liegen sahen und
den wir glücklich, doch nicht ohne Beschwerde, zurückgelegt haben.
Um Sieben gingen wir von Münster weg und sahen das beschneite
Amphitheater der hohen Gebirge vor uns zugeschlossen, hielten den Berg,
der hinten quer vorsteht, für die Furka; allein wir irrten uns, wie
wir nachmals erfuhren; sie war durch Berge, die uns links lagen, und
durch hohe Wolken bedeckt. Der Morgenwind blies stark und schlug sich
mit einigen Schneewolken herum, und jagte abwechselnd leichte Gestöber
an den Bergen und durch das Thal. Desto stärker trieben aber die
Windweben an dem Boden hin und machten uns etlichemal den Weg
verfehlen, ob wir gleich, auf beiden Seiten von Bergen eingeschlossen,
Oberwald am Ende doch finden mußten. Nach Neune trafen wir daselbst
an und sprachen in einem Wirthshaus ein, wo sich die Leute nicht wenig
wunderten, solche Gestalten in dieser Jahrszeit erscheinen zu sehen.
Wir fragten, ob der Weg über die Furka noch gangbar wäre? Sie
antworteten, daß ihre Leute den größten Theil des Winters drüber
gingen; ob wir aber hinüber kommen würden, das wüßten sie nicht. Wir
schickten sogleich nach solchen Führern; es kam ein untersetzter
starker Mann, dessen Gestalt ein gutes Zutrauen gab, dem wir unsern
Antrag thaten: Wenn er den Weg für uns noch practicabel hielte, so
sollt' ers sagen, noch einen oder mehr Kameraden zu sich nehmen und
mit uns kommen. Nach einigem Bedenken sagte er's zu, ging weg, um
sich fertig zu machen und den andern mitzubringen. Wir zahlten
indessen unserm Mauleseltreiber seinen Lohn, den wir mit seinem Thiere
nunmehr nicht weiter brauchen konnten, aßen ein weniges Käs und Brot,
tranken ein Glas rothen Wein und waren sehr lustig und wohlgemuth, als
unser Führer wieder kam und noch einen größer und stärker aussehenden
Mann, der die Stärke und Tapferkeit eines Rosses zu haben schien,
hinter sich hatte. Einer hockte den Mantelsack auf den Rücken, und
nun ging der Zug zu Fünfen zum Dorfe hinaus, da wir denn in kurzer
Zeit den Fuß des Berges, der uns links lag, erreichten und allmählich
in die Höhe zu steigen anfingen. Zuerst hatten wir noch einen
betretenen Fußpfad, der von einer benachbarten Alpe herunterging, bald
aber verlor sich dieser und wir mußten im Schnee den Berg hinauf
steigen. Unsere Führer wanden sich durch die Felsen, um die sich der
bekannte Fußpfad schlingt, sehr geschickt herum, obgleich alles
überein zugeschneit war. Noch ging der Weg durch einen Fichtenwald,
wir hatten die Rhone in einem engen unfruchtbaren Thal unter uns.
Nach einer kleinen Weile mußten wir selbst hinab in dieses Thal, kamen
über einen kleinen Steg und sahen nunmehr den Rhonegletscher vor uns.
Es ist der ungeheuerste, den wir so ganz übersehen haben. Er nimmt
den Sattel eines Berges in sehr großer Breite ein, steigt
ununterbrochen herunter bis da wo unten im Thal die Rhone aus ihm
herausfließt.
An diesem Ausflusse hat er, wie die Leute erzählen, verschiedene Jahre
her abgenommen; das will aber gegen die übrige ungeheure Masse gar
nichts sagen. Obgleich alles voll Schnee lag, so waren doch die
schroffen Eisklippen, wo der Wind so leicht keinen Schnee haften läßt,
mit ihren vitriolblauen Spalten sichtbar, und man konnte deutlich
sehen, wo der Gletscher aufhört und der beschneite Felsen anhebt.
Wir gingen ganz nahe daran hin, er lag uns linker Hand. Bald kamen
wir wieder auf einen leichten Steg über ein kleines Bergwasser, das in
einem muldenförmigen unfruchtbaren Thal nach der Rhone zu floß. Vom
Gletscher aber rechts und links und vorwärts sieht man nun keinen Baum
mehr, alles ist öde und wüste. Keine schroffen und überstehenden
Felsen, nur lang gedehnte Thäler, sacht geschwungene Berge, die nun
gar im alles vergleichenden Schnee die einfachen ununterbrochenen
Flächen uns entgegen wiesen. Wir stiegen nunmehr links den Berg hinan
und sanken in tiefen Schnee. Einer von unsern Führern mußte voran und
brach, indem er herzhaft durchschritt, die Bahn, in der wir folgten.
Es war ein seltsamer Anblick, wenn man einen Moment seine
Aufmerksamkeit von dem Wege ab und auf sich selbst und die
Gesellschaft wendete: in der ödesten Gegend der Welt, und in einer
ungeheuren einförmigen schneebedeckten Gebirgs-Wüste, wo man rückwärts
und vorwärts auf drei Stunden keine lebendige Seele weiß, wo man auf
beiden Seiten die weiten Tiefen verschlungener Gebirge hat, eine Reihe
Menschen zu sehen, deren einer in des andern tiefe Fußtapfen tritt,
und wo in der ganzen glatt überzogenen Weite nichts in die Augen fällt,
als die Furche die man gezogen hat.
Die Tiefen, aus denen man herkommt, liegen grau und endlos in Nebel
hinter einem. Die Wolken wechseln über die blasse Sonne,
breitflockiger Schnee stiebt in der Tiefe und zieht über alles einen
ewig beweglichen Flor. Ich bin überzeugt, daß einer, über den auf
diesem Weg seine Einbildungskraft nur einigermaßen Herr würde, hier
ohne anscheinende Gefahr vor Angst und Furcht vergehen müßte.
Eigentlich ist auch hier keine Gefahr des Sturzes, sondern nur die
Lauwinen, wenn der Schnee stärker wird als er jetzt ist, und durch
seine Last zu rollen anfängt, sind gefährlich.