Am Essen haben wir uns nicht sehr erholt und hoffen daß der Schlaf

besser schmecken soll.

Den 7ten. St. Maurice,

gegen Mittag.

Unter Weges ist es meine Art die schönen Gegenden zu genießen, daß ich

mir meine abwesenden Freunde wechselsweise herbeirufe, und mich mit

ihnen über die herrlichen Gegenstände unterhalte. Komm' ich in ein

Wirthshaus, so ist ausruhen, mich rückerinnern und an Sie schreiben

Eins, wenn schon manchmal die allzusehr ausgespannte Seele lieber in

sich selbst zusammenfiele und mit einem halben Schlaf sich erholte.

Heute früh gingen wir in der Dämmerung von Martinach weg; ein frischer

Nordwind ward mit dem Tage lebendig, wir kamen an einem alten Schlosse

vorbei, das auf der Ecke steht, wo die beiden Arme des Wallis ein Y

machen. Das Thal ist eng und wird auf beiden Seiten von

mannichfaltigen Bergen beschlossen, die wieder zusammen von eigenem,

erhaben lieblichem Charakter sind. Wir kamen dahin wo der Trientstrom

um enge und gerade Felsenwände herum in das Thal dringt, daß man

zweifelhaft ist, ob er nicht unter den Felsen hervor komme. Gleich

dabei steht die alte, vor'm Jahr durch den Fluß beschädigte Brücke,

unweit welcher ungeheure Felsstücke vor kurzer Zeit vom Gebirge herab

die Landstraße verschüttet haben. Diese Gruppe zusammen würde ein

außerordentlich schönes Bild machen. Nicht weit davon hat man eine

neue hölzerne Brücke gebaut und ein ander Stück Landstraße eingeleitet.

Wir wußten, daß wir uns dem berühmten Wasserfall der Pisse vache

näherten, und wünschten einen Sonnenblick, wozu uns die wechselnden

Wolken einige Hoffnung machten. An dem Wege betrachteten wir die

vielen Granit- und Gneißstücke, die bei ihrer Verschiedenheit doch

alle Eines Ursprungs zu sein schienen. Endlich traten wir vor den

Wasserfall, der seinen Ruhm vor vielen andern verdient. In ziemlicher

Höhe schießt aus einer engen Felskluft ein starker Bach flammend

herunter in ein Becken, wo er in Staub und Schaum sich weit und breit

im Wind herumtreibt. Die Sonne trat hervor und machte den Anblick

doppelt lebendig. Unten im Wasserstaube hat man einen Regenbogen hin

und wieder, wie man geht, ganz nahe vor sich. Tritt man weiter hinauf,

so sieht man noch eine schönere Erscheinung. Die luftigen

schäumenden Wellen des obern Strahls, wenn sie gischend und flüchtig

die Linien berühren, wo in unsern Augen der Regenbogen entstehet,

färben sich flammend, ohne daß die aneinanderhängende Gestalt eines

Bogens erschiene; und so ist an dem Platze immer eine wechselnde

feurige Bewegung. Wir kletterten dran herum, setzten uns dabei nieder

und wünschten ganze Tage und gute Stunden des Lebens dabei zubringen

zu können. Auch hier wieder, wie so oft auf dieser Reise, fühlten wir,

daß große Gegenstände im Vorübergehen gar nicht empfunden und

genossen werden können. Wir kamen in ein Dorf wo lustige Soldaten

waren, und tranken daselbst neuen Wein, den man uns gestern auch schon

vorgesetzt hatte. Er sieht aus wie Seifenwasser, doch mag ich ihn

lieber trinken als ihren sauren jährigen und zweijährigen. Wenn man

durstig ist, bekommt alles wohl. Wir sahen St. Maurice von weitem,

wie es just an einem Platze liegt, wo das Thal sich zu einem Passe

zusammendrückt. Links über der Stadt sahen wir an einer Felsenwand

eine kleine Kirche mit einer Einsiedelei angeflickt, wo wir noch

hinaufzusteigen denken. Hier im Wirthshaus fanden wir ein Billet vom

Freunde, der zu Bex, drei viertel Stunden von hier, geblieben ist.

Wir haben ihm einen Boten geschickt. Der Graf ist spazieren gegangen,

vorwärts die Gegend noch zu sehen; ich will einen Bissen essen und

alsdann auch nach der berühmten Brücke und dem Paß zu gehn.

Nach Eins.

Ich bin wieder zurück von dem Fleckchen, wo man Tage lang sitzen,

zeichnen, herumschleichen, und ohne müde zu werden sich mit sich

selbst unterhalten könnte. Wenn ich jemanden einen Weg in's Wallis

rathen sollte, so wär' es dieser vom Genfersee die Rhone herauf. Ich

bin auf dem Weg nach Bex zu über die große Brücke gegangen, wo man

gleich in's Berner Gebiet eintritt. Die Rhone fließt dort hinunter

und das Thal wird nach dem See zu etwas weiter. Wie ich mich umkehrte,

sah ich die Felsen sich bei St. Maurice zusammen drücken, und über

die Rhone, die unten durchrauscht, in einem hohen Bogen eine schmale

leichte Brücke kühn hinüber gesprengt. Die mannichfaltigen Erker und

Thürme einer Burg schließen drüben gleich an, und mit einem einzigen

Thore ist der Eingang in's Wallis gesperrt. Ich ging über die Brücke

nach St. Maurice zurück, suchte noch vorher einen Gesichtspunct, den

ich bei Hubern gezeichnet gesehn habe und auch ungefähr fand.

Der Graf ist wieder gekommen, er war den Pferden entgegen gegangen und

hat sich auf seinem Braunen voraus gemacht. Er sagt, die Brücke sei

so schön und leicht gebaut, daß es aussehe als wenn ein Pferd flüchtig

über einen Graben setzt. Der Freund kommt auch an, zufrieden von

seiner Reise. Er hat den Weg am Genfersee her bis Bex in wenigen

Tagen zurück gelegt, und es ist eine allgemeine Freude sich wieder zu

sehen.

Martinach, gegen Neun.

Wir sind tief in die Nacht geritten, und der Herweg hat uns länger

geschienen als der Hinweg, wo wir von einem Gegenstand zu dem andern

gelockt worden sind. Auch habe ich aller Beschreibungen und

Reflexionen für heute herzlich satt, doch will ich zwei schöne noch

geschwind in der Erinnerung festsetzen. An der Pisse vache kamen wir

in tiefer Dämmerung wieder vorbei. Die Berge, das Thal und selbst der

Himmel waren dunkel und dämmernd. Graulich und mit stillem Rauschen

sah man den herabschießenden Strom von allen andern Gegenständen sich

unterscheiden, man bemerkte fast gar keine Bewegung. Es war immer

dunkler geworden. Auf einmal sahen wir den Gipfel einer sehr hohen

Klippe, völlig wie geschmolzen Erz im Ofen, glühen und rothen Dampf

davon aufsteigen. Dieses sonderbare Phänomen wirkte die Abendsonne,

die den Schnee und den davon aufsteigenden Nebel erleuchtete.

Sion, den 8. Nov. nach drei Uhr.

Wir haben heute früh einen Fehlritt gethan und uns wenigstens um drei

Stunden versäumet. Wir ritten vor Tag von Martinach weg, um bei

Zeiten in Sion zu sein. Das Wetter war außerordentlich schön, nur daß

die Sonne, wegen ihres niedern Standes, von den Bergen gehindert war,

den Weg den wir ritten zu bescheinen; und der Anblick des

wunderschönen Wallisthals machte manchen guten und muntern Gedanken

rege. Wir waren schon drei Stunden die Landstraße hinan, die Rhone

uns linker Hand, geritten; wir sahen Sion vor uns liegen und freuten

uns auf das bald zu veranstaltende Mittagessen, als wir die Brücke,

die wir zu passiren hatten, abgetragen fanden. Es blieb uns, nach

Angabe der Leute, die dabei beschäftigt waren, nichts übrig, als

entweder einen kleinen Fußpfad, der an den Felsen hinging, zu wählen,

oder eine Stunde wieder zurück zu reiten und alsdann über einige

andere Brücken der Rhone zu gehen. Wir wählten das letzte und ließen

uns von keinem üblen Humor anfechten, sondern schrieben diesen Unfall

wieder auf Rechnung eines guten Geistes, der uns bei der schönsten

Tagszeit durch ein so interessantes Land spazieren führen wollte. Die

Rhone macht überhaupt in diesem engen Lande böse Händel.

Wir mußten, um zu den andern Brücken zu kommen, über anderthalb

Stunden durch die sandigen Flecke reiten, die sie durch

Überschwemmungen sehr oft zu verändern pflegt, und die nur zu Erlen

und Weidengebüschen zu benutzen sind. Endlich kamen wir an die

Brücken, die sehr bös, schwankend, lang und von falschen Klüppeln

zusammen gesetzt sind. Wir mußten einzeln unsere Pferde, nicht ohne

Sorge, darüber führen. Nun ging es an der linken Seite des Wallis

wieder nach Sion zu. Der Weg an sich war meistentheils schlecht und

steinig, doch zeigte uns jeder Schritt eine Landschaft die eines

Gemähldes werth gewesen wäre. Besonders führte er uns auf ein Schloß

hinauf, wo herunter sich eine der schönsten Aussichten zeigte, die ich

auf dem ganzen Wege gesehen habe. Die nächsten Berge schossen auf

beiden Seiten mit ihren Lagen in die Erde ein, und verjüngten durch

ihre Gestalt die Gegend gleichsam perspectivisch. Die ganze Breite

des Wallis von Berg zu Berg lag bequem anzusehen unter uns; die Rhone

kam, mit ihren mannichfaltigen Krümmen und Buschwerken, bei Dörfern,

Wiesen und angebauten Hügeln vorbeigeflossen; in der Entfernung sah

man die Burg von Sion und die verschiedenen Hügel die sich dahinter zu

erheben anfingen; die letzte Gegend ward wie mit einem

Amphitheaterbogen durch eine Reihe von Schneegebirgen geschlossen, die

wie das übrige Ganze von der hohen steinig der Weg war, den wir zu

reiten hatten, so erfreulich fanden wir die noch ziemlich grünen

Reblauben die ihn bedeckten. Die Einwohner, denen jedes Fleckchen

Erdreich kostbar ist, pflanzen ihre Weinstöcke gleich an ihre Mauern

die ihre Güter von dem Wege scheiden; sie wachsen zu außerordentlicher

Dicke und werden vermittelst Pfählen und Latten über den Weg gezogen,

so daß er fast eine aneinanderhängende Laube bildet. In dem untern

Theil war meistens Wiesewachs, doch fanden wir auch, da wir uns Sion

näherten, einigen Feldbau. Gegen diese Stadt zu wird die Gegend durch

wechselnde Hügel außerordentlich mannichfaltig, und man wünschte eine

längere Zeit des Aufenthalts genießen zu können. Doch unterbricht die

Häßlichkeit der Städte und der Menschen die angenehmen Empfindungen,

welche die Landschaft erregt, gar sehr. Die scheußlichen Kröpfe haben

mich ganz und gar üblen Humors gemacht. Unsern Pferden dürfen wir

wohl heute nichts mehr zumuthen, und denken deßwegen zu Fuße nach

Seyters zu gehen. Hier in Sion ist das Wirthshaus abscheulich, und

die Stadt hat ein widriges schwarzes Ansehn.

Seyters, den 8. Nov. Nachts.

Da wir bei einbrechendem Abend erst von Sion weggegangen, sind wir bei

Nacht unter einem hellen Sternhimmel hier angekommen. Wir haben

einige schöne Aussichten darüber verloren, merk' ich wohl. Besonders

wünschten wir das Schloß Tourbillion, das bei Sion liegt, erstiegen zu

haben; es muß von da aus eine ganz ungemein schöne Aussicht sein. Ein

Bote, den wir mitnahmen, brachte uns glücklich durch einige böse

Flecke, wo das Wasser ausgetreten war. Bald erreichten wir die Höhe

und hatten die Rhone immer rechts unter uns. Mit verschiedenen

astronomischen Gesprächen verkürzten wir den Weg, und sind bei guten

Leuten, die ihr Bestes thun werden uns zu bewirthen, eingekehret.

Wenn man zurück denkt, kommt einem so ein durchlebter Tag, wegen der

mancherlei Gegenstände, fast wie eine Woche vor. Es fängt mir an

recht leid zu thun, daß ich nicht Zeit und Geschick habe, die

merkwürdigsten Gegenden auch nur linienweise zu zeichnen; es ist immer

besser als alle Beschreibungen für einen Abwesenden.

Seyters, den 9ten.

Noch ehe wir aufbrechen, kann ich Ihnen einen guten Morgen bieten.

Der Graf wird mit mir links in's Gebirg nach dem Leukerbad zu gehen,

der Freund indessen die Pferde hier erwarten und uns morgen in Leuk

wieder antreffen.

Leukerbad, den 9ten, am Fuß des Gemmiberges.

In einem kleinen bretternen Haus, wo wir von sehr braven Leuten gar

freundlich aufgenommen worden, sitzen wir in einer schmalen und

niedrigen Stube, und ich will sehen, wie viel von unserer heutigen

sehr interessanten Tour durch Worte mitzutheilen ist. Von Seyters

stiegen wir heute früh drei Stunden lang einen Berg herauf, nachdem

wir vorherSteinen und Kies Felder, Wiesen und Gärten, die denn nach

und nach kümmerlich, wenn es allenfalls noch möglich ist, von den

Leuten wieder hergestellt und nach ein paar Generationen vielleicht

wieder verschüttet werden. Wir hatten einen grauen Tag mit

abwechselnden Sonnenblicken. Es ist nicht zu beschreiben, wie

mannichfaltig auch hier das Wallis wieder wird; mit jedem Augenblick

biegt und verändert sich die Landschaft. Es scheint alles sehr nah

beisammen zu liegen, und man ist doch durch große Schluchten und Berge

getrennt. Wir hatten bisher noch meist das offene Wallisthal rechts

neben uns gehabt, als sich auf einmal ein schöner Anblick in's Gebirg

vor uns aufthat.

Ich muß, um anschaulicher zu machen was ich beschreiben will, etwas

von der geographischen Lage der Gegend, wo wir uns befinden, sagen.

Wir waren nun schon drei Stunden aufwärts in das ungeheure Gebirg

gestiegen, das Wallis von Bern trennet. Es ist eben der Stock von

Bergen, der in Einemfort vom Genfersee bis auf den Gotthard läuft, und

auf dem sich in dem Berner Gebiet die großen Eis- und Schnee-Massen

eingenistet haben. Hier sind oben und unten relative Worte des

Augenblicks. Ich sage, unter mir auf einer Fläche liegt ein Dorf, und

eben diese Fläche liegt vielleicht wieder an einem Abgrund, der viel

höher ist als mein Verhältniß zu ihr. Wir sahen, als wir um eine Ecke

herumkamen und bei einem Heiligenstock ausruhten, unter uns am Ende

einer schönen grünen Matte, die an einem ungeheuren Felsschlund

herging, das Dorf Inden mit {ed.-???}.

Mitte von der Landschaft liegen. Über der Schlucht drüben gingen

wieder Matten und Tannenwälder aufwärts, gleich hinter dem Dorfe stieg

eine große Kluft von Felsen in die Höhe, die Berge von der linken

Seite schlossen sich bis zu uns an, die von der rechten setzten auch

ihre Rücken weiter fort, so daß das Dörfchen mit seiner weißen Kirche

gleichsam wie im Brennpunct von so viel zusammenlaufenden Felsen und

Klüften dastand. Der Weg nach Inden ist in die steile Felswand

gehauen, die dieses Amphitheater von der linken Seite, im Hingehen

gerechnet, einschließt. Es ist dieses kein gefährlicher aber doch

sehr fürchterlich aussehender Weg. Er geht auf den Lagen einer

schroffen Felswand hinunter, an der rechten Seite mit einer geringen

Planke von dem Abgrunde gesondert.

Ein Kerl, der mit einem Maulesel neben uns hinab stieg, faßte sein

Thier, wenn es an gefährliche Stellen kam, bei'm Schweife, um ihm

einige Hülfe zu geben, wenn es gar zu steil vor sich hinunter in den

Felsen hinein mußte. Endlich kamen wir in Inden an, und da unser Bote

wohl bekannt war, so fiel es uns leicht, von einer willigen Frau ein

gut Glas rothen Wein und Brot zu erhalten, da sie eigentlich in dieser

Gegend keine Wirthshäuser haben. Nun ging es die hohe Schlucht hinter

Inden hinauf, wo wir denn bald den so schrecklich beschriebenen

Gemmiberg vor uns sahen, und das Leukerbad an seinem Fuß, zwischen

andern hohen, unwegsamen und mit Schnee bedeckten Gebirgen, gleichsam

wie in einer hohlen Hand liegen fanden. Es war gegen Drei als wir

ankamen; unser Führer schaffte uns bald Quartier. Es ist zwar kein

Gasthof hier, aber alle Leute sind so ziemlich, wegen der vielen

Badegäste, die hieher kommen, eingerichtet. Unsere Wirthin liegt seit

gestern in den Wochen, und ihr Mann macht mit einer alten Mutter und

der Magd ganz artig die Ehre des Hauses. Wir bestellten etwas zu

essen und ließen uns die warmen Quellen zeigen, die an verschiedenen

Orten sehr stark aus der Erde hervorkommen und reinlich eingefaßt sind.

Außer dem Dorfe, gegen das Gebirg zu, sollen noch einige stärkere

sein. Es hat dieses Wasser nicht den mindesten schwefelichten Geruch,

setzt wo es quillt und wo es durchfließt nicht den mindesten Oker noch

sonst irgend etwas Mineralisches oder Irdisches an, sondern läßt wie

ein anderes reines Wasser keine Spur zurück. Es ist, wenn es aus der

Erde kommt, sehr heiß und wegen seiner guten Kräfte berühmt. Wir

hatten noch Zeit zu einem Spaziergang gegen den Fuß des Gemmi, der uns

ganz nah zu liegen schien. Ich muß hier wieder bemerken, was schon so

oft vorgekommen, daß wenn man mit Gebirgen umschlossen ist, einem alle

Gegenstände so außerordentlich nahe scheinen. Wir hatten eine starke

Stunde über herunter gestürzte Felsstücke und dazwischen geschwemmten

Kies hinauf zu steigen, bis wir uns an dem Fuß des ungeheuren

Gemmibergs, wo der Weg an steilen Klippen aufwärts gehet, befanden.

Es ist dieß der Übergang in's Berner Gebiet, wo alle Kranken sich

müssen in Sänften herunter tragen lassen. Hieß' uns die Jahrszeit

nicht eilen, so würde wahrscheinlicher Weise morgen ein Versuch

gemacht werden, diesen so merkwürdigen Berg zu besteigen: so aber

werden wir uns mit der bloßen Ansicht für dießmal begnügen müssen.

Wie wir zurückgingen, sahen wir dem Gebräude der Wolken zu, das in der

jetzigen Jahrszeit in diesen Gegenden äußerst interessant ist. Über

das schöne Wetter haben wir bisher ganz vergessen, daß wir im November

leben; es ist auch, wie man uns im Bernschen voraussagte, hier der

Herbst sehr gefällig. Die frühen Abende und Schnee verkündende Wolken

erinnern uns aber doch manchmal, daß wir tief in der Jahrszeit sind.

Das wunderbare Wehen, das sie heute Abend verführten, war

außerordentlich schön. Als wir vom Fuß des Gemmiberges zurückkamen,

sahen wir, aus der Schlucht von Inden herauf, leichte Nebelwolken sich

mit großer Schnelligkeit bewegen. Sie wechselten bald rückwärts bald

vorwärts, und kamen endlich aufsteigend dem Leukerbad so nah, daß wir

wohl sahen, wir mußten unsere Schritte verdoppeln, um bei

hereinbrechender Nacht nicht in Wolken eingewickelt zu werden. Wir

kamen auch glücklich zu Hause an, und während ich dieses hinschreibe,

legen sich wirklich die Wolken ganz ernstlich in einen kleinen artigen

Schnee aus einander. Es ist dieser der erste, den wir haben, und,

wenn wir auf unsere gestrige warme Reise von Martinach nach Sion, auf

die noch ziemlich belaubten Rebengeländer zurückdenken, eine sehr

schnelle Abwechslung. Ich bin in die Thüre getreten, ich habe dem

Wesen der Wolken eine Weile zugesehen, das über alle Beschreibung

schön ist.

Eigentlich ist es noch nicht Nacht, aber sie verhüllen abwechselnd den

Himmel und machen dunkel. Aus den tiefen Felsschluchten steigen sie

herauf, bis sie an die höchsten Gipfel der Berge reichen; von diesen

angezogen scheinen sie sich zu verdicken und von der Kälte gepackt in

Gestalt des Schnees niederzufallen. Es ist eine unaussprechliche

Einsamkeit hier oben, in so großer Höhe doch noch wie in einem Brunnen

zu sein, wo man nur vorwärts durch die Abgründe einen Fußpfad hinaus

vermuthet. Die Wolken, die sich hier in diesem Sacke stoßen, die

ungeheuren Felsen bald zudecken und in eine undurchdringliche öde

Dämmerung verschlingen, bald Theile davon wieder als Gespenster sehen

lassen, geben dem Zustand ein trauriges Leben. Man ist voller Ahnung

bei diesen Wirkungen der Natur. Die Wolken, eine dem Menschen von

Jugend auf so merkwürdige Lufterscheinung, ist man in dem platten

Lande doch nur als etwas Fremdes, Überirdisches anzusehen gewohnt.

Man betrachtet sie nur als Gäste, als Streichvögel, die, unter einem

andern Himmel geboren, von dieser oder jener Gegend bei uns

augenblicklich vorbeigezogen kommen; als prächtige Teppiche, womit die

Götter ihre Herrlichkeit vor unsern Augen verschließen. Hier aber ist

man von ihnen selbst wie sie sich erzeugen eingehüllt, und die ewige

innerliche Kraft der Natur fühlt man sich ahnungsvoll durch jede Nerve

bewegen. Auf die Nebel, die bei uns eben diese Wirkungen

hervorbringen, gibt man weniger Acht; auch weil sie uns weniger vor's

Auge gedrängt sind, ist ihre Wirthschaft schwerer zu beobachten. Bei

allen diesen Gegenständen wünscht man nur länger sich verweilen und an

solchen Orten mehrere Tage zubringen zu können; ja ist man ein

Liebhaber von dergleichen Betrachtungen, so wird der Wunsch immer

lebhafter, wenn man bedenkt, daß jede Jahrszeit, Tagszeit und

Witterung neue Erscheinungen, die man gar nicht erwartet,

hervorbringen muß. Und wie in jedem Menschen, auch selbst dem

gemeinen, sonderbare Spuren übrig bleiben, wenn er bei großen

ungewöhnlichen Handlungen etwa einmal gegenwärtig gewesen ist; wie er

sich von diesem einen Flecke gleichsam größer fühlt, unermüdlich eben

dasselbe erzählend wiederholt, und so, auf jene Weise, einen Schatz

für sein ganzes Leben gewonnen hat: so ist es auch dem Menschen, der

solche große Gegenstände der Natur gesehen und mit ihnen vertraut

geworden ist. Er hat, wenn er diese Eindrücke zu bewahren, sie mit

andern Empfindungen und Gedanken, die in ihm entstehen, zu verbinden

weiß, gewiß einen Vorrath von Gewürz, womit er den unschmackhaften

Theil des Lebens verbessern und seinem ganzen Wesen einen

durchziehenden guten Geschmack geben kann.

Ich bemerke, daß ich in meinem Schreiben der Menschen wenig erwähne;

sie sind auch unter diesen großen Gegenständen der Natur, besonders im

Vorbeigehen, minder merkwürdig. Ich zweifle nicht, daß man bei

längerm Aufenthalt gar interessante und gute Leute finden würde. Eins

glaub' ich überall zu bemerken: je weiter man von der Landstraße und

dem größern Gewerbe der Menschen abkömmt, je mehr in den Gebirgen die

Menschen beschränkt, abgeschnitten und auf die allerersten Bedürfnisse

des Lebens zurückgewiesen sind, je mehr sie sich von einem einfachen,

langsamen, unveränderlichen Erwerbe nähren; desto besser, willfähriger,

freundlicher, uneigennütziger, gastfreier bei ihrer Armuth hab' ich

sie gefunden.

Leukerbad, den 10. Nov.

Wir machen uns bei Licht zurechte, um mit Tages Anbruch wieder

hinunter zu gehen. Diese Nacht habe ich ziemlich unruhig zugebracht.

Ich lag kaum im Bette, so kam mir vor als wenn ich über und über mit

einer Nesselsucht befallen wäre; doch merkte ich bald, daß es ein

großes Heer hüpfender Insecten war, die den neuen Ankömmling

blutdürstig überfielen. Diese Thiere erzeugen sich in den hölzernen

Häusern in großer Menge. Die Nacht ward mir sehr lang und ich war

zufrieden, als man uns den Morgen Licht brachte.

Leuk, gegen 10 Uhr.

Briefe aus der Schweiz · 第 2 / 4 段