besser schmecken soll.
Den 7ten. St. Maurice,
gegen Mittag.
Unter Weges ist es meine Art die schönen Gegenden zu genießen, daß ich
mir meine abwesenden Freunde wechselsweise herbeirufe, und mich mit
ihnen über die herrlichen Gegenstände unterhalte. Komm' ich in ein
Wirthshaus, so ist ausruhen, mich rückerinnern und an Sie schreiben
Eins, wenn schon manchmal die allzusehr ausgespannte Seele lieber in
sich selbst zusammenfiele und mit einem halben Schlaf sich erholte.
Heute früh gingen wir in der Dämmerung von Martinach weg; ein frischer
Nordwind ward mit dem Tage lebendig, wir kamen an einem alten Schlosse
vorbei, das auf der Ecke steht, wo die beiden Arme des Wallis ein Y
machen. Das Thal ist eng und wird auf beiden Seiten von
mannichfaltigen Bergen beschlossen, die wieder zusammen von eigenem,
erhaben lieblichem Charakter sind. Wir kamen dahin wo der Trientstrom
um enge und gerade Felsenwände herum in das Thal dringt, daß man
zweifelhaft ist, ob er nicht unter den Felsen hervor komme. Gleich
dabei steht die alte, vor'm Jahr durch den Fluß beschädigte Brücke,
unweit welcher ungeheure Felsstücke vor kurzer Zeit vom Gebirge herab
die Landstraße verschüttet haben. Diese Gruppe zusammen würde ein
außerordentlich schönes Bild machen. Nicht weit davon hat man eine
neue hölzerne Brücke gebaut und ein ander Stück Landstraße eingeleitet.
Wir wußten, daß wir uns dem berühmten Wasserfall der Pisse vache
näherten, und wünschten einen Sonnenblick, wozu uns die wechselnden
Wolken einige Hoffnung machten. An dem Wege betrachteten wir die
vielen Granit- und Gneißstücke, die bei ihrer Verschiedenheit doch
alle Eines Ursprungs zu sein schienen. Endlich traten wir vor den
Wasserfall, der seinen Ruhm vor vielen andern verdient. In ziemlicher
Höhe schießt aus einer engen Felskluft ein starker Bach flammend
herunter in ein Becken, wo er in Staub und Schaum sich weit und breit
im Wind herumtreibt. Die Sonne trat hervor und machte den Anblick
doppelt lebendig. Unten im Wasserstaube hat man einen Regenbogen hin
und wieder, wie man geht, ganz nahe vor sich. Tritt man weiter hinauf,
so sieht man noch eine schönere Erscheinung. Die luftigen
schäumenden Wellen des obern Strahls, wenn sie gischend und flüchtig
die Linien berühren, wo in unsern Augen der Regenbogen entstehet,
färben sich flammend, ohne daß die aneinanderhängende Gestalt eines
Bogens erschiene; und so ist an dem Platze immer eine wechselnde
feurige Bewegung. Wir kletterten dran herum, setzten uns dabei nieder
und wünschten ganze Tage und gute Stunden des Lebens dabei zubringen
zu können. Auch hier wieder, wie so oft auf dieser Reise, fühlten wir,
daß große Gegenstände im Vorübergehen gar nicht empfunden und
genossen werden können. Wir kamen in ein Dorf wo lustige Soldaten
waren, und tranken daselbst neuen Wein, den man uns gestern auch schon
vorgesetzt hatte. Er sieht aus wie Seifenwasser, doch mag ich ihn
lieber trinken als ihren sauren jährigen und zweijährigen. Wenn man
durstig ist, bekommt alles wohl. Wir sahen St. Maurice von weitem,
wie es just an einem Platze liegt, wo das Thal sich zu einem Passe
zusammendrückt. Links über der Stadt sahen wir an einer Felsenwand
eine kleine Kirche mit einer Einsiedelei angeflickt, wo wir noch
hinaufzusteigen denken. Hier im Wirthshaus fanden wir ein Billet vom
Freunde, der zu Bex, drei viertel Stunden von hier, geblieben ist.
Wir haben ihm einen Boten geschickt. Der Graf ist spazieren gegangen,
vorwärts die Gegend noch zu sehen; ich will einen Bissen essen und
alsdann auch nach der berühmten Brücke und dem Paß zu gehn.
Nach Eins.
Ich bin wieder zurück von dem Fleckchen, wo man Tage lang sitzen,
zeichnen, herumschleichen, und ohne müde zu werden sich mit sich
selbst unterhalten könnte. Wenn ich jemanden einen Weg in's Wallis
rathen sollte, so wär' es dieser vom Genfersee die Rhone herauf. Ich
bin auf dem Weg nach Bex zu über die große Brücke gegangen, wo man
gleich in's Berner Gebiet eintritt. Die Rhone fließt dort hinunter
und das Thal wird nach dem See zu etwas weiter. Wie ich mich umkehrte,
sah ich die Felsen sich bei St. Maurice zusammen drücken, und über
die Rhone, die unten durchrauscht, in einem hohen Bogen eine schmale
leichte Brücke kühn hinüber gesprengt. Die mannichfaltigen Erker und
Thürme einer Burg schließen drüben gleich an, und mit einem einzigen
Thore ist der Eingang in's Wallis gesperrt. Ich ging über die Brücke
nach St. Maurice zurück, suchte noch vorher einen Gesichtspunct, den
ich bei Hubern gezeichnet gesehn habe und auch ungefähr fand.
Der Graf ist wieder gekommen, er war den Pferden entgegen gegangen und
hat sich auf seinem Braunen voraus gemacht. Er sagt, die Brücke sei
so schön und leicht gebaut, daß es aussehe als wenn ein Pferd flüchtig
über einen Graben setzt. Der Freund kommt auch an, zufrieden von
seiner Reise. Er hat den Weg am Genfersee her bis Bex in wenigen
Tagen zurück gelegt, und es ist eine allgemeine Freude sich wieder zu
sehen.
Martinach, gegen Neun.
Wir sind tief in die Nacht geritten, und der Herweg hat uns länger
geschienen als der Hinweg, wo wir von einem Gegenstand zu dem andern
gelockt worden sind. Auch habe ich aller Beschreibungen und
Reflexionen für heute herzlich satt, doch will ich zwei schöne noch
geschwind in der Erinnerung festsetzen. An der Pisse vache kamen wir
in tiefer Dämmerung wieder vorbei. Die Berge, das Thal und selbst der
Himmel waren dunkel und dämmernd. Graulich und mit stillem Rauschen
sah man den herabschießenden Strom von allen andern Gegenständen sich
unterscheiden, man bemerkte fast gar keine Bewegung. Es war immer
dunkler geworden. Auf einmal sahen wir den Gipfel einer sehr hohen
Klippe, völlig wie geschmolzen Erz im Ofen, glühen und rothen Dampf
davon aufsteigen. Dieses sonderbare Phänomen wirkte die Abendsonne,
die den Schnee und den davon aufsteigenden Nebel erleuchtete.
Sion, den 8. Nov. nach drei Uhr.
Wir haben heute früh einen Fehlritt gethan und uns wenigstens um drei
Stunden versäumet. Wir ritten vor Tag von Martinach weg, um bei
Zeiten in Sion zu sein. Das Wetter war außerordentlich schön, nur daß
die Sonne, wegen ihres niedern Standes, von den Bergen gehindert war,
den Weg den wir ritten zu bescheinen; und der Anblick des
wunderschönen Wallisthals machte manchen guten und muntern Gedanken
rege. Wir waren schon drei Stunden die Landstraße hinan, die Rhone
uns linker Hand, geritten; wir sahen Sion vor uns liegen und freuten
uns auf das bald zu veranstaltende Mittagessen, als wir die Brücke,
die wir zu passiren hatten, abgetragen fanden. Es blieb uns, nach
Angabe der Leute, die dabei beschäftigt waren, nichts übrig, als
entweder einen kleinen Fußpfad, der an den Felsen hinging, zu wählen,
oder eine Stunde wieder zurück zu reiten und alsdann über einige
andere Brücken der Rhone zu gehen. Wir wählten das letzte und ließen
uns von keinem üblen Humor anfechten, sondern schrieben diesen Unfall
wieder auf Rechnung eines guten Geistes, der uns bei der schönsten
Tagszeit durch ein so interessantes Land spazieren führen wollte. Die
Rhone macht überhaupt in diesem engen Lande böse Händel.
Wir mußten, um zu den andern Brücken zu kommen, über anderthalb
Stunden durch die sandigen Flecke reiten, die sie durch
Überschwemmungen sehr oft zu verändern pflegt, und die nur zu Erlen
und Weidengebüschen zu benutzen sind. Endlich kamen wir an die
Brücken, die sehr bös, schwankend, lang und von falschen Klüppeln
zusammen gesetzt sind. Wir mußten einzeln unsere Pferde, nicht ohne
Sorge, darüber führen. Nun ging es an der linken Seite des Wallis
wieder nach Sion zu. Der Weg an sich war meistentheils schlecht und
steinig, doch zeigte uns jeder Schritt eine Landschaft die eines
Gemähldes werth gewesen wäre. Besonders führte er uns auf ein Schloß
hinauf, wo herunter sich eine der schönsten Aussichten zeigte, die ich
auf dem ganzen Wege gesehen habe. Die nächsten Berge schossen auf
beiden Seiten mit ihren Lagen in die Erde ein, und verjüngten durch
ihre Gestalt die Gegend gleichsam perspectivisch. Die ganze Breite
des Wallis von Berg zu Berg lag bequem anzusehen unter uns; die Rhone
kam, mit ihren mannichfaltigen Krümmen und Buschwerken, bei Dörfern,
Wiesen und angebauten Hügeln vorbeigeflossen; in der Entfernung sah
man die Burg von Sion und die verschiedenen Hügel die sich dahinter zu
erheben anfingen; die letzte Gegend ward wie mit einem
Amphitheaterbogen durch eine Reihe von Schneegebirgen geschlossen, die
wie das übrige Ganze von der hohen steinig der Weg war, den wir zu
reiten hatten, so erfreulich fanden wir die noch ziemlich grünen
Reblauben die ihn bedeckten. Die Einwohner, denen jedes Fleckchen
Erdreich kostbar ist, pflanzen ihre Weinstöcke gleich an ihre Mauern
die ihre Güter von dem Wege scheiden; sie wachsen zu außerordentlicher
Dicke und werden vermittelst Pfählen und Latten über den Weg gezogen,
so daß er fast eine aneinanderhängende Laube bildet. In dem untern
Theil war meistens Wiesewachs, doch fanden wir auch, da wir uns Sion
näherten, einigen Feldbau. Gegen diese Stadt zu wird die Gegend durch
wechselnde Hügel außerordentlich mannichfaltig, und man wünschte eine
längere Zeit des Aufenthalts genießen zu können. Doch unterbricht die
Häßlichkeit der Städte und der Menschen die angenehmen Empfindungen,
welche die Landschaft erregt, gar sehr. Die scheußlichen Kröpfe haben
mich ganz und gar üblen Humors gemacht. Unsern Pferden dürfen wir
wohl heute nichts mehr zumuthen, und denken deßwegen zu Fuße nach
Seyters zu gehen. Hier in Sion ist das Wirthshaus abscheulich, und
die Stadt hat ein widriges schwarzes Ansehn.
Seyters, den 8. Nov. Nachts.
Da wir bei einbrechendem Abend erst von Sion weggegangen, sind wir bei
Nacht unter einem hellen Sternhimmel hier angekommen. Wir haben
einige schöne Aussichten darüber verloren, merk' ich wohl. Besonders
wünschten wir das Schloß Tourbillion, das bei Sion liegt, erstiegen zu
haben; es muß von da aus eine ganz ungemein schöne Aussicht sein. Ein
Bote, den wir mitnahmen, brachte uns glücklich durch einige böse
Flecke, wo das Wasser ausgetreten war. Bald erreichten wir die Höhe
und hatten die Rhone immer rechts unter uns. Mit verschiedenen
astronomischen Gesprächen verkürzten wir den Weg, und sind bei guten
Leuten, die ihr Bestes thun werden uns zu bewirthen, eingekehret.
Wenn man zurück denkt, kommt einem so ein durchlebter Tag, wegen der
mancherlei Gegenstände, fast wie eine Woche vor. Es fängt mir an
recht leid zu thun, daß ich nicht Zeit und Geschick habe, die
merkwürdigsten Gegenden auch nur linienweise zu zeichnen; es ist immer
besser als alle Beschreibungen für einen Abwesenden.
Seyters, den 9ten.
Noch ehe wir aufbrechen, kann ich Ihnen einen guten Morgen bieten.
Der Graf wird mit mir links in's Gebirg nach dem Leukerbad zu gehen,
der Freund indessen die Pferde hier erwarten und uns morgen in Leuk
wieder antreffen.
Leukerbad, den 9ten, am Fuß des Gemmiberges.
In einem kleinen bretternen Haus, wo wir von sehr braven Leuten gar
freundlich aufgenommen worden, sitzen wir in einer schmalen und
niedrigen Stube, und ich will sehen, wie viel von unserer heutigen
sehr interessanten Tour durch Worte mitzutheilen ist. Von Seyters
stiegen wir heute früh drei Stunden lang einen Berg herauf, nachdem
wir vorherSteinen und Kies Felder, Wiesen und Gärten, die denn nach
und nach kümmerlich, wenn es allenfalls noch möglich ist, von den
Leuten wieder hergestellt und nach ein paar Generationen vielleicht
wieder verschüttet werden. Wir hatten einen grauen Tag mit
abwechselnden Sonnenblicken. Es ist nicht zu beschreiben, wie
mannichfaltig auch hier das Wallis wieder wird; mit jedem Augenblick
biegt und verändert sich die Landschaft. Es scheint alles sehr nah
beisammen zu liegen, und man ist doch durch große Schluchten und Berge
getrennt. Wir hatten bisher noch meist das offene Wallisthal rechts
neben uns gehabt, als sich auf einmal ein schöner Anblick in's Gebirg
vor uns aufthat.
Ich muß, um anschaulicher zu machen was ich beschreiben will, etwas
von der geographischen Lage der Gegend, wo wir uns befinden, sagen.
Wir waren nun schon drei Stunden aufwärts in das ungeheure Gebirg
gestiegen, das Wallis von Bern trennet. Es ist eben der Stock von
Bergen, der in Einemfort vom Genfersee bis auf den Gotthard läuft, und
auf dem sich in dem Berner Gebiet die großen Eis- und Schnee-Massen
eingenistet haben. Hier sind oben und unten relative Worte des
Augenblicks. Ich sage, unter mir auf einer Fläche liegt ein Dorf, und
eben diese Fläche liegt vielleicht wieder an einem Abgrund, der viel
höher ist als mein Verhältniß zu ihr. Wir sahen, als wir um eine Ecke
herumkamen und bei einem Heiligenstock ausruhten, unter uns am Ende
einer schönen grünen Matte, die an einem ungeheuren Felsschlund
herging, das Dorf Inden mit {ed.-???}.
Mitte von der Landschaft liegen. Über der Schlucht drüben gingen
wieder Matten und Tannenwälder aufwärts, gleich hinter dem Dorfe stieg
eine große Kluft von Felsen in die Höhe, die Berge von der linken
Seite schlossen sich bis zu uns an, die von der rechten setzten auch
ihre Rücken weiter fort, so daß das Dörfchen mit seiner weißen Kirche
gleichsam wie im Brennpunct von so viel zusammenlaufenden Felsen und
Klüften dastand. Der Weg nach Inden ist in die steile Felswand
gehauen, die dieses Amphitheater von der linken Seite, im Hingehen
gerechnet, einschließt. Es ist dieses kein gefährlicher aber doch
sehr fürchterlich aussehender Weg. Er geht auf den Lagen einer
schroffen Felswand hinunter, an der rechten Seite mit einer geringen
Planke von dem Abgrunde gesondert.
Ein Kerl, der mit einem Maulesel neben uns hinab stieg, faßte sein
Thier, wenn es an gefährliche Stellen kam, bei'm Schweife, um ihm
einige Hülfe zu geben, wenn es gar zu steil vor sich hinunter in den
Felsen hinein mußte. Endlich kamen wir in Inden an, und da unser Bote
wohl bekannt war, so fiel es uns leicht, von einer willigen Frau ein
gut Glas rothen Wein und Brot zu erhalten, da sie eigentlich in dieser
Gegend keine Wirthshäuser haben. Nun ging es die hohe Schlucht hinter
Inden hinauf, wo wir denn bald den so schrecklich beschriebenen
Gemmiberg vor uns sahen, und das Leukerbad an seinem Fuß, zwischen
andern hohen, unwegsamen und mit Schnee bedeckten Gebirgen, gleichsam
wie in einer hohlen Hand liegen fanden. Es war gegen Drei als wir
ankamen; unser Führer schaffte uns bald Quartier. Es ist zwar kein
Gasthof hier, aber alle Leute sind so ziemlich, wegen der vielen
Badegäste, die hieher kommen, eingerichtet. Unsere Wirthin liegt seit
gestern in den Wochen, und ihr Mann macht mit einer alten Mutter und
der Magd ganz artig die Ehre des Hauses. Wir bestellten etwas zu
essen und ließen uns die warmen Quellen zeigen, die an verschiedenen
Orten sehr stark aus der Erde hervorkommen und reinlich eingefaßt sind.
Außer dem Dorfe, gegen das Gebirg zu, sollen noch einige stärkere
sein. Es hat dieses Wasser nicht den mindesten schwefelichten Geruch,
setzt wo es quillt und wo es durchfließt nicht den mindesten Oker noch
sonst irgend etwas Mineralisches oder Irdisches an, sondern läßt wie
ein anderes reines Wasser keine Spur zurück. Es ist, wenn es aus der
Erde kommt, sehr heiß und wegen seiner guten Kräfte berühmt. Wir
hatten noch Zeit zu einem Spaziergang gegen den Fuß des Gemmi, der uns
ganz nah zu liegen schien. Ich muß hier wieder bemerken, was schon so
oft vorgekommen, daß wenn man mit Gebirgen umschlossen ist, einem alle
Gegenstände so außerordentlich nahe scheinen. Wir hatten eine starke
Stunde über herunter gestürzte Felsstücke und dazwischen geschwemmten
Kies hinauf zu steigen, bis wir uns an dem Fuß des ungeheuren
Gemmibergs, wo der Weg an steilen Klippen aufwärts gehet, befanden.
Es ist dieß der Übergang in's Berner Gebiet, wo alle Kranken sich
müssen in Sänften herunter tragen lassen. Hieß' uns die Jahrszeit
nicht eilen, so würde wahrscheinlicher Weise morgen ein Versuch
gemacht werden, diesen so merkwürdigen Berg zu besteigen: so aber
werden wir uns mit der bloßen Ansicht für dießmal begnügen müssen.
Wie wir zurückgingen, sahen wir dem Gebräude der Wolken zu, das in der
jetzigen Jahrszeit in diesen Gegenden äußerst interessant ist. Über
das schöne Wetter haben wir bisher ganz vergessen, daß wir im November
leben; es ist auch, wie man uns im Bernschen voraussagte, hier der
Herbst sehr gefällig. Die frühen Abende und Schnee verkündende Wolken
erinnern uns aber doch manchmal, daß wir tief in der Jahrszeit sind.
Das wunderbare Wehen, das sie heute Abend verführten, war
außerordentlich schön. Als wir vom Fuß des Gemmiberges zurückkamen,
sahen wir, aus der Schlucht von Inden herauf, leichte Nebelwolken sich
mit großer Schnelligkeit bewegen. Sie wechselten bald rückwärts bald
vorwärts, und kamen endlich aufsteigend dem Leukerbad so nah, daß wir
wohl sahen, wir mußten unsere Schritte verdoppeln, um bei
hereinbrechender Nacht nicht in Wolken eingewickelt zu werden. Wir
kamen auch glücklich zu Hause an, und während ich dieses hinschreibe,
legen sich wirklich die Wolken ganz ernstlich in einen kleinen artigen
Schnee aus einander. Es ist dieser der erste, den wir haben, und,
wenn wir auf unsere gestrige warme Reise von Martinach nach Sion, auf
die noch ziemlich belaubten Rebengeländer zurückdenken, eine sehr
schnelle Abwechslung. Ich bin in die Thüre getreten, ich habe dem
Wesen der Wolken eine Weile zugesehen, das über alle Beschreibung
schön ist.
Eigentlich ist es noch nicht Nacht, aber sie verhüllen abwechselnd den
Himmel und machen dunkel. Aus den tiefen Felsschluchten steigen sie
herauf, bis sie an die höchsten Gipfel der Berge reichen; von diesen
angezogen scheinen sie sich zu verdicken und von der Kälte gepackt in
Gestalt des Schnees niederzufallen. Es ist eine unaussprechliche
Einsamkeit hier oben, in so großer Höhe doch noch wie in einem Brunnen
zu sein, wo man nur vorwärts durch die Abgründe einen Fußpfad hinaus
vermuthet. Die Wolken, die sich hier in diesem Sacke stoßen, die
ungeheuren Felsen bald zudecken und in eine undurchdringliche öde
Dämmerung verschlingen, bald Theile davon wieder als Gespenster sehen
lassen, geben dem Zustand ein trauriges Leben. Man ist voller Ahnung
bei diesen Wirkungen der Natur. Die Wolken, eine dem Menschen von
Jugend auf so merkwürdige Lufterscheinung, ist man in dem platten
Lande doch nur als etwas Fremdes, Überirdisches anzusehen gewohnt.
Man betrachtet sie nur als Gäste, als Streichvögel, die, unter einem
andern Himmel geboren, von dieser oder jener Gegend bei uns
augenblicklich vorbeigezogen kommen; als prächtige Teppiche, womit die
Götter ihre Herrlichkeit vor unsern Augen verschließen. Hier aber ist
man von ihnen selbst wie sie sich erzeugen eingehüllt, und die ewige
innerliche Kraft der Natur fühlt man sich ahnungsvoll durch jede Nerve
bewegen. Auf die Nebel, die bei uns eben diese Wirkungen
hervorbringen, gibt man weniger Acht; auch weil sie uns weniger vor's
Auge gedrängt sind, ist ihre Wirthschaft schwerer zu beobachten. Bei
allen diesen Gegenständen wünscht man nur länger sich verweilen und an
solchen Orten mehrere Tage zubringen zu können; ja ist man ein
Liebhaber von dergleichen Betrachtungen, so wird der Wunsch immer
lebhafter, wenn man bedenkt, daß jede Jahrszeit, Tagszeit und
Witterung neue Erscheinungen, die man gar nicht erwartet,
hervorbringen muß. Und wie in jedem Menschen, auch selbst dem
gemeinen, sonderbare Spuren übrig bleiben, wenn er bei großen
ungewöhnlichen Handlungen etwa einmal gegenwärtig gewesen ist; wie er
sich von diesem einen Flecke gleichsam größer fühlt, unermüdlich eben
dasselbe erzählend wiederholt, und so, auf jene Weise, einen Schatz
für sein ganzes Leben gewonnen hat: so ist es auch dem Menschen, der
solche große Gegenstände der Natur gesehen und mit ihnen vertraut
geworden ist. Er hat, wenn er diese Eindrücke zu bewahren, sie mit
andern Empfindungen und Gedanken, die in ihm entstehen, zu verbinden
weiß, gewiß einen Vorrath von Gewürz, womit er den unschmackhaften
Theil des Lebens verbessern und seinem ganzen Wesen einen
durchziehenden guten Geschmack geben kann.
Ich bemerke, daß ich in meinem Schreiben der Menschen wenig erwähne;
sie sind auch unter diesen großen Gegenständen der Natur, besonders im
Vorbeigehen, minder merkwürdig. Ich zweifle nicht, daß man bei
längerm Aufenthalt gar interessante und gute Leute finden würde. Eins
glaub' ich überall zu bemerken: je weiter man von der Landstraße und
dem größern Gewerbe der Menschen abkömmt, je mehr in den Gebirgen die
Menschen beschränkt, abgeschnitten und auf die allerersten Bedürfnisse
des Lebens zurückgewiesen sind, je mehr sie sich von einem einfachen,
langsamen, unveränderlichen Erwerbe nähren; desto besser, willfähriger,
freundlicher, uneigennütziger, gastfreier bei ihrer Armuth hab' ich
sie gefunden.
Leukerbad, den 10. Nov.
Wir machen uns bei Licht zurechte, um mit Tages Anbruch wieder
hinunter zu gehen. Diese Nacht habe ich ziemlich unruhig zugebracht.
Ich lag kaum im Bette, so kam mir vor als wenn ich über und über mit
einer Nesselsucht befallen wäre; doch merkte ich bald, daß es ein
großes Heer hüpfender Insecten war, die den neuen Ankömmling
blutdürstig überfielen. Diese Thiere erzeugen sich in den hölzernen
Häusern in großer Menge. Die Nacht ward mir sehr lang und ich war
zufrieden, als man uns den Morgen Licht brachte.
Leuk, gegen 10 Uhr.