Und zu Rosa: "Geh mal raus in die Küche! Ich ruf' dich dann!"

Flametti hämmerte angelegentlich und beflissen am Schlüsselloch.

"Also hört zu", strich Lena ihren Rock zu den Füßen, "sie machen euch

aus, wo sie können. Sie erzählen, daß es rutschab geht: ihr zahlt

keine Gagen mehr; es gibt nichts zu essen. Ihr bekommt keine

Geschäfte mehr. Grad hab' ich den Bollacker getroffen. Mit dem

hat's doch die Häsli. Von einem Türken haben sie erzählt und von

Opium. Ich weiß ja nicht, was ihr da habt. Aber sie sagten, es sei

ihnen zu brenzlich und sie sähen sich nach einem anderen Engagement

um."

"Was haben sie erzählt?" duckte sich Jenny. "So eine Gemeinheit! So

eine Niedertracht! Hörst du, Max, was sie ausstreuen? Wie sie sich

rächen? Ihren Gadsch hat sie instruiert, daß er herumgeht und uns

das Geschäft verdirbt! So eine Infamie!--Weißt du was, Max? Die

wollen selbst anfangen. Die laufen uns fort.--Wir, keine Geschäfte

mehr! Lena, man läuft sich die Füße wund, daß wir spielen! An der

Haustür fängt man uns ab! Wir brauchten nur rübergehen zum

"Krokodil"!--Du kennst doch das "Krokodil"! Eins A, dreihundert

Franken Draufgeld! Aber wir wollen nicht, weil wir neu einstudieren.

Weißt du: der Braten war bißchen angebrannt. Das hat diese Alte so

verbiestert, daß sie jetzt überall ausschreit, sie hätte zu hungern

bei uns. Du kennst doch unsere Kost! Warst drei Jahre bei uns.

Hast du dich je zu beklagen gehabt? Ist dir je etwas abgegangen?"

Lena schüttelte den Kopf. Nein, sie hatte sich nie zu beklagen

gehabt, noch war ihr je etwas abgegangen.

Max hämmerte gewaltsam mit seinem Hausschlüssel am Schiebladenschloß.

"Na, gut' Nacht!" rief Jenny, "ich sollte der Direktor sein! Ich

würde sie anders zwiebeln! Hier die Gage, soundsoviel Abzug und den

Schuh an den Hintern! Treppe hinunter."

"Ja ja, ich hör' schon!" fuhr Flametti jetzt auf. "Ich hör' schon.

Bin doch nicht schwerhörig! Dummes Geschwätz!"

Jenny war überrascht. Fräulein Lena ebenfalls. Er hatte doch gar

nicht zugehört! Er hatte doch an dem Schloß laboriert!

Flametti stand auf, sehr rasch, krempelte seine Hemdärmel herunter,

knöpfte das Halsbördchen zu und ging in die Küche, um sich die Hände

zu waschen. Er kam zurück, nahm Joppe und Hut und ging.

"Da hast du es!" klagte Jenny, "da geht er. Ach Lena, ich bin ganz

verzweifelt! So macht er es immer. Seit er die Geschichte hat mit

dem Türken, ist er wie verdreht. Kaum den Löffel aus dem Mund--fort

ist er. Alles mögliche hab' ich versucht. Er hört mich nicht einmal

an. Wir gehen zu Grund. Ich seh's ja. Was soll ich nur machen?"

"Tja", meinte Lena, "was ist da zu machen?"

Flametti war dieser "Summs" zuwider.

Gewiß, er liebte seine Frau. Sie war ein wenig furchtsam von Gemüt

und leicht zu übertreibungen geneigt, wie alle furchtsamen und

aufgeregten Gemüter. Aber sie meinte es gut, war keine böse Natur

und er hätte ihr gerne ein wenig Gehör schenken dürfen. Doch er

schätzte es nicht, seine innersten Geschäfts--und Familiengeheimnisse

coram publico verhandelt zu sehen.

Gewiß, das Geschäft ging schlecht. Schlechte Zeiten und keine

Schlager.

Gewiß, ein Ensemble von zehn lebendigen Menschen verlangt, sich

standesgemäß zu nähren, zu kleiden und zu Triumphen geführt zu werden.

Obendrein: eine Konkubinatsstrafe von hundertachtzig Franken war zu

zahlen--der Beamte der Kriminalabteilung hatte zweimal bereits die

Quittung präsentiert--und von der Fischerei konnte man das nicht

bestreiten. Das wußte Flametti selbst.

Aber Schlager fallen nicht vom Himmel. Er hatte schon seine Pläne.

Man brauchte ihn nicht zu hetzen und die halbe Nachbarschaft dabei

zuzuziehen.

Gar diese Lena: Ein schönes Stück Malheur! Die mußte dann gerade

noch kommen! Grausliches Weib! Keine galante Erinnerung aus seiner

Direktorenzeit war Flametti unangenehmer als diese. Ein Vampir.

Nicht von der Spur wich sie, wenn sie einmal Blut geleckt hatte.

Tüchtig war sie, als Pianistin. Russisch sprach sie auch, von Lodz

her. Aber ein Mundwerk hatte sie wie ein Schwert. Eine böse Zunge.

Und das nun verstand Flametti nicht, wie Jenny sich mit ihr einlassen

konnte.

Man soll ihn in Ruhe lassen. Er wird es schon machen.

Die Hände in beide Hosentaschen gesteckt, so daß der Rockschoß weit

hinten abstand, den breitkrämpigen Filzhut tief in die Stirne gerückt,

froh, seinem häuslichen Glück entronnen zu sein, schickte Flametti

sich an, einen Gang zu unternehmen durch sein Revier.

Dieses Revier nannte sich "Fuchsweide" und war der Konzert--und

Vergnügungsrayon aller lebenslustig-abseitigen Kreise der Stadt.

Treffpunkt der großen Welt, Schlupfwinkel einiger unsicherer Elemente,

zugegeben. Aber alles in allem ein Monaco und Monte Carlo im

kleinen.

Flametti fühlte sich frei wie ein Fürst. Aller Hader fiel von ihm ab.

Aller Kleinmut verließ ihn. Hier kannte er jeden Weg, jeden Steg;

jede Kneipe, jede Latrine. Hier war der Felsen, hier mußte

gesprungen werden. Hier fielen die Würfel, hier war man zu Hause.

Vorbei am Alteisengeschäft des Herrn Ruppel und an der "Drachenburg";

vorbei an der Fischhandlung "Teut" mit ihren Riesenaquarien voll

stumpfsinniger Hechte und Karpfen, vorbei an "Hähnleins Kleiderbazar"

und "Lichtlis Frisiersalon"; vorbei am "Olivenbaum" und an der

"Tulpenblüte", schwenkte Flametti in die Hauptverkehrsader der

Fuchsweide, die bucklige Quellenstraße ein.

Er verlangsamte seine Schritte und klimperte, überlegend, mit dem

Geld in der Tasche. Er schnupperte in der Luft, die nach Kaffee roch,

und zündete sich eine Zigarette an.

Hier war der Korso! Hier war der Betrieb! Es weitete sich seine

Brust und er atmete auf. Kein Gesicht, das er nicht kannte. Kein

Laden, mit dessen Inhaber er nicht schon Tausch und Geschäfte hatte.

Auf dem "Mönchsplatz" saßen die Katzen und putzten sich in der Sonne.

Es war eine Unmenge Katzen, graue, schwarze und rote. Aber es war

Platz genug für sie da. Nachts sangen sie hoch auf den Dächern.

Auf dem "Mönchsplatz" lärmten die Kinder. Sie putzten einander die

Nasen, banden einander die Hosen zu, säuberten sich die Köpfe. Aber

um jeden Kopf legte die Sonne eine kleine Gloriole.

über den "Mönchsplatz" sprang Fräulein Frieda, die Kellnerin, daß die

Röcke flogen.

"Servus Flametti!" rief sie. Es war eine Lust zu leben.

Die Niedermeyers hatten Umzug heute. Auf ein Rollwägelchen hatten

sie ihre Sachen gepackt; auch den Kanarienvogel. Der Mann schob.

Die Frau half drücken. Die Kinder halfen auch drücken und der kleine

Peter hob die Sachen auf, die vom Wagen herunterfielen.

"Wo wohnt ihr jetzt?" rief Flametti.

Flametti: oder vom Dandysmus der Armen · 第 6 / 18 题