Er zog die Summe von den Fr. 104.77 ab. Blieben Fr. 32.27, die aus
der Haupt--und Betriebskasse noch nachzuzahlen waren.
Er öffnete auch diese Kasse und fand darin bar Fr. 41.81.
"Neun Franken vierundfünfzig Vermögen!" Er schloß die verschiedenen
Kassen ab, schob die Schieblade zurück, schloß auch diese und steckte
die Schlüssel zu sich.
Seine linke Augenbraue flog hoch, für einen Moment. Er tat einen
kräftigen Zug aus der Zigarette und blies den Rauch aus der Lunge.
"Lausige Zeiten!" brummte er. "Aber wird sich schon geben. Nur kalt
Blut!"
Ein kleiner Schalter öffnete sich, der das Wohnzimmer mit der Küche
verband, und ein übergroß langes, mürrisches Gesicht erschien in der
öffnung. Eine große, magere Hand schob ein Tablett mit Kaffee, Milch
und Zucker durch die öffnung. Dann ging auch die Türe und eine
hörbar schnaubende ältere Frau erschien, mißmutig, verdrießlich,
rußig, in schleppenden, grauen Pantoffeln, mit schmutzigem Rock von
undefinierbarer Farbe und mit aufgestecktem Haar, das wie das Nest
einer Rauchschwalbe aussah: Theres, die Wirtschafterin.
Sie schleppte sich zum Tisch, zog die Tischdecke weg und legte sie
knurrend zusammen. Schlappte langsam und uninteressiert zum Schalter,
nahm das Tablett und stellte es auf den Tisch.
Ohne ein Wort gesprochen zu haben, brummte sie wieder hinaus, die Tür
lehnte sich hinter ihr an, und von draußen schloß sich der Schalter.
Flametti goß sich Kaffee ein. Er nahm den Hut vom Haken, legte die
Joppe an, die über der Stuhllehne hing, holte aus einer Ecke sein
Angelgerät, aus dem Büfett einige Blechdosen von unterschiedlicher
Größe und war bereit.
Nein, die Ringe! Er drehte die Ringe von den geschwollenen Fingern,
den Totenkopfring und den Ehering, legte sie in das Geheimfach im
Schrank, schloß den Schrank ab, steckte den Schlüssel zu sich und
ging. Auf der Postuhr schlug es halb sechs.
Er hatte ein kleines Stück Fluß gepachtet, inmitten der Stadt, nahe
der Fleischerhalle. Dahin begab er sich.
Eine kurz angebundene Melodie vor sich hinpfeifend, den Kopf
energisch gegen das Pflaster gesenkt, bog er aus der kleinen,
verräucherten Gasse.
Im Automatenrestaurant nebenan fegte, gähnte und scheuerte man. Ein
Polizist auf der anderen Straßenseite, nahe beim übernächtig nach
Salmiak duftenden Urinoir, sah ziemlich gelangweilt, die Frühluft
schnuppernd, über das Kaigeländer ins Wasser.
"Salü!" grüßte Flametti, knapp und geschäftig an ihm vorüberstapfend,
mit dem guten Gewissen des Bürgers, der seinen Angelschein wohl in
der Tasche trägt und die Obrigkeit, ihre unteren Chargen insonders,
nicht zu umgehen braucht. "Salü!" rief er und fuhr mit der Hand
gradaus vom Hutrand weg in die Luft.
Der Polizist brummte etwas zur Antwort, das etwa "Guten Morgen"
heißen sollte. Der Gruß war aber nicht eben freundlich. Auch nicht
unfreundlich. Vielmehr: verschlafen beherrscht. Man kann nicht
leugnen, daß sogar Sympathie darin lag, jedoch in wohldosierter
Mischung mit einer Art Mißtrauen, das auf der Hut ist. Die Gasse,
aus der Flametti kam, stand nicht eben im besten ortspolizeilichen
Ruf.
Der Morgen indessen war viel zu verheißend, als daß Flametti sich
hätte die Laune verderben lassen. An der Fleischerhalle vorbei, die
Kaitreppe hinunter, begab er sich, guter Beute gewiß, an den Steg.
Er prüfte die Angelschnur, machte den Köder zurecht, klappte den
Rockkragen hoch--es war frisch--und blies sich die Hände.
Gleich der erste Fang war ein riesiger Barsch. Der Fisch flirrte und
glänzte, flutschte und klatschte.
Das Wetter war grau. Blaugrauer Nebel blähte die Türme am Wasser,
die Schifflände mit ihren grünweiß gestrichenen, sechsstöckigen
Häusern, den rasch vorüberstrudelnden Fluß und die jenseits hoch über
die Häuser hängenden Stadtgartensträucher.
Flametti löste die Angel, ließ den Fisch in das Netz hineinschnellen,
brachte den Köder in Ordnung und warf die Angel zum zweitenmal aus.
Er sah sich um nach dem Polizisten. Der war verschwunden.
"Überflüssiges Element!" brummte er, zupfte am Köder, um die
Aufmerksamkeit der Fische zu erregen, machte die rechte Hand frei und
schneuzte sich kräftig in ein derbes, rotbedrucktes Taschentuch.
"Geschmeiß! Größere Faulenzer gibt es nicht!"
Auf der Straße ließ sich ein drohendes Brummen und Surren vernehmen,
das ratternd und knatternd näherkam: ein frühester Autowagen der
"Waschanstalt A.-G.". Das Vehikel puffte, böllerte, walzte vorüber.
Der ganze Kai vibrierte. Ein Ruck an der Angel: ein zweites Tier
hatte angebissen. Diesmal ein Rotauge.
"Gut so", zwinkerte Flametti, "darf so weitergehen!"
Fabrikarbeiter kamen vorüber. Sie markierten zur Bahn.
"Hoi", riefen sie hinunter, "gibt's aus?"
"Salü!" drehte sich Flametti um. Sie gestikulierten in Eile vor sich
hin und verschwanden.
Das Wasser floß graugrün und undurchsichtig. Die Möwen strichen sehr
niedrig und zischten über die Brücken hinweg. An der Häuserfront der
Schifflände öffnete sich ein Fenster, und eine junge Frau sah nach
dem Wetter.
"Salü!" rief Flametti hinüber.
Sie lachte und schloß das Fenster.
Ein Kind schrie, und eine Turmuhr schlug. Die Glocken einer
katholischen Kirche läuteten. Auch in der Fleischerhalle regte es
sich. Auf der Gemüsebrücke fuhren die Händler Obst und Kartoffeln an.
Der dritte Fang war ein armslanger Aal. An der Grundangel kam er
nach oben. Schwarz wie der Schlamm und die Planken, aus denen er kam,
trug er deutliche Spuren von Rattenbiß.
Auf den Kaiquadern schlug ihn Flametti zu Schanden.
Schulkinder und ein von entmutigendem Beruf heimkehrendes Fräulein,
die sich oben am Geländer versammelt hatten, schrien laut auf vor
Entsetzen. Das Fräulein lächelte.
"Servus, Margot!" rief Flametti hinauf aus der Kniebeuge, eifrigst
mit seinen Geräten beschäftigt.
Sie lachte und hielt die ringbesäte Hand in Verlegenheit vor ihre
schlechten Zähne. Die Kinder sahen sie neugierig an und musterten
ihren bunten Aufputz.
übers Geländer gebeugt, ließ sie ihr Täschchen schaukeln, die Hand am
Munde, und rief, auf den heftig sich krümmenden Fisch hinzeigend:
"Noch so einen, für mich!"
"Was zahlst du?" wischte Flametti sich die Hände ab, um
weiterzufischen.
"Zahlen?" rief sie und schaute dabei unternehmend nach allen Seiten,
"erst heraus damit!"; was der Dienstmann im blauen Leinenkittel, der
sich inzwischen mit seinem Karren an der Ecke der Fleischerhalle
versammelt hatte, als den besten Witz des bisherigen Morgens
verständnisinnig zur Kenntnis nahm und lächelnd quittierte.
Flametti hatte Glück. Als die Uhr acht schlug, nahm er seine Büchsen,
Angeln und Netze und begab sich nach Hause.
Auf zehn Kilo schätzte er, was er gefangen hatte. Damit ließ sich
leben.
Er stellte das Angelgerät an seinen Platz zurück, ging in die Küche
und suchte der Wirtschafterin aus dem Netz die Rotaugen heraus für
den Mittagstisch. Nahm dann mit einem kräftigen Ruck seine Last
wieder auf und stapfte davon.
Schnurstracks begab er sich ins Hotel Beau Rivage, wo er bekannt war,
verlangte den Küchenmeister zu sprechen und bot ihm die Fische an.
"Schau her", sagte er, "hast du so einen Aal gesehen?"
Er packte den schleimigen Aal, der sich zu unterst ins Netz
verkrochen hatte, und ließ das Tier, das sich heftig sträubte und
ringelte, durch die geschlossene Faust in das Netz zurückgleiten.
"Schau den Barsch!" sagte er und jonglierte den fettesten Barsch auf
der flachen Hand. Dann wischte er sich mit dem Taschentuch seine
Finger ab.
Man wurde handelseinig. Der Küchenmeister stellte einen Schein aus,
und Flametti nahm bei der Büfettdame dreißig Franken in Empfang. Er
hatte das leere Netz zusammengerollt, dankte verbindlichst und machte
sich auf den Heimweg.
Das Wetter hatte sich aufgeklärt. Die herbstgelben Bäume der
Seepromenade hoben sich scharf und klar gegen den hellblauen Himmel
ab. Die Möwen strichen mit schwerem Flügelschlag langsam und mächtig
den Fluß entlang, ballten sich kreischend zu einem wirren Schwarm und
kreisten in schönem Bogen, eine leis auf die andre folgend, vor einem
Spaziergänger, der ihnen Brösel zuwarf. Mit langen Schnäbeln
haschten sie geschickt im Flug.
Flametti war bester Laune. Er schwenkte in eines der kleinen, am Kai
liegenden Zigarrengeschäfte und erstand sich eine frische Schachtel
"Philos grün".
Mit Gentlemanpose warf er ein Fünffrankenstück auf den Ladentisch.
Er schob das Wechselgeld in die Hosentasche, ohne viel nachzuzählen,
klimperte, fuhr mit der Hand an den Hut, sagte "Salü!" und
marschierte weiter.
"Salü, Fritz!" rief er, die Hand am Hut, einem Bekannten zu, der aus
einer kleinen Seitengasse bog.
"Was kosten die Kressen?" fragte er im Vorbeigehen einen
Gemüsehändler unter den Arkaden.
Und vor dem Fenster eines Bazars blieb er stehen, musterte mit
Kennerblick die ausgestellten orientalischen Waren, ging hinein und
erstand einen hellblauen Tschibuk mit Goldschnur, der ihm für seine
Ausstattungsnummer "Im Harem" fehlte zum Sultanskostüm.
Er war sehr zufrieden mit seinem Kauf, stapfte den Kai entlang und
begegnete Engel, dem Ausbrecherkönig, Engel, seiner Kreatur, die vor
kurzem noch Monteur gewesen, dann zum Varieté übergegangen war.
"Salü Max!" grüßte Engel familiär, doch in respektvoller Distanz.
"Auch schon munter?"
Max machte Halt, ein wenig degoutiert, seinen Lieblingsgruß aus
fremdem Mund zu vernehmen. Ziemlich nachlässig und nebenhin sagte er
"Salü!", nahm die Zigarette aus dem Mund und kniff das rechte Auge zu.
"Das war ein Gaudi heut nacht!" legte Engel los, "hättest dabei sein
müssen! Der Pips war mit und die Margot und die lange Mary und eine
ganze Gesellschaft aus Chaux-de-Fonds. Unten bei Mutter Dudlinger.
Fünf Schampusflaschen haben wir die Hälse gebrochen. Und ein Lärm!
Da war Pinke-Pinke!"
Mit sportsmännischer Nachlässigkeit hielt er den Arm lang
ausgestreckt und tippte die Zigarettenasche gegen die Gosse.
Max war sehr uninteressiert. Die Abenteuer seines schmächtigen, für
Zusteckereien allzu empfänglichen Ausbrecherkönigs imponierten ihm
nicht.
"Komm mit!" sagte er unvermittelt und packte den Ausbrecherkönig beim
Arm, "trinken wir im "Ochsen" 'ne Halbe!"
Und sie schwenkten hinüber über die Gemüsebrücke zum "Roten Ochsen".
"Du, Max", meinte Engel und versuchte, mit dem mächtig
ausschreitenden Flametti gleichen Schritt zu halten, "sag' mal
aufrichtig: Hast du der Margot einen Aal versprochen? Sie sagt's
nämlich."
Flametti blieb stehen. "Jawohl, ich, einen Aal, der Margot! Hab'
die Aale grad zum Verschenken! So seh' ich aus!"
"Na, also!" beschwichtigte Engel. "Weißt du, Margot ist man 'n
verrucktes Frauenzimmer. Hab's ja gleich gesagt."
Der Ochsenwirt war nicht zu Hause. Eigentlich war man hingegangen,
um ein Geschäft auszumachen. Man nahm einige Glas Münchner,
standesgemäß, Flametti zahlte, Engel nahm die Hüte vom Haken. Dann
ging man zum Essen.
Mutter Dudlinger, die Dame, bei der sich Herr Engel mit der
Gesellschaft aus Chaux-de-Fonds ein so lustiges und vornehmes
Rendez-vous gegeben hatte, Eigentümerin des Hauses, in dem auch
Flametti wohnte, lag ihrer Gewohnheit gemäß unterm Fenster, als die
beiden Männer in die kleine Gasse bogen.
Sie sonnte den Busen und lächelte ihnen mit einem wohlwollenden
Nicken des Kopfes Willkomm zu.
Dieser Busen! Er nahm die ganze Breite des Fensters ein und drängte
dabei den wahrlich ungraziösen, fast könnte man sagen plumpen Körper
zurück, der auch seinerseits aus dem grauen, schmuggeligen Hause
heraus nach Licht und Sonne begehrte.
Diese Brüste! Sie blähten sich auf, quollen über, und nur mit Mühe
hielt sie der speckige Rand der schwarzen, zusammengehaftelten
Kammgarnbluse zurück, sich über die Fensterbank auf das holprige
Pflaster zu stürzen. Die Sonnenstrahlen vom Giebel des
Automatenrestaurants kamen der Bluse zu Hilfe. Steil stellten sie
sich--es war Mittag--gegen besagte Fleischesfülle.
Mutter Dudlinger allein schien nichts zu bemerken vom Widerstreit
ihrer Massen im Kampf ums Licht. Harmlos und freundlich lag ihre
Seele gewissermaßen zwischen Busen und Körper mitten inne und schaute,
umhegt von sanft hängendem Speck, aus listigen äuglein gutmütig
heraus.
Flametti grüßte hinauf, den Kopf stark in den Nacken gebeugt. Die
Gasse war eng. Und Herr Engel ebenfalls grüßte hinauf, rief wie
Flametti "Salü!" und griff an den Hut.
Mutter Dudlinger streckte den Kopf aus dem Fenster, schluckte den
Speiserest, der sich vom Mittagessen unversehens noch irgendwo
zwischen den Speicheldrüsen gefunden hatte, und verfolgte voll
Sympathie den Eintritt der stattlichen Männer in ihr gastfreies Haus.
Sie bemerkte dabei zu ihrer Verwunderung heute zum ersten Mal, daß
unter dem Fenstersims eine ganze Anzahl höchst niedlicher
Schmutzfähnchen flatterten, die sich aus langen, auf das Gesims
gefallenen Regentropfen gebildet hatten und über die Hausfront
hinunterwehten.
Die Männer stiegen indessen die steile Treppe hinauf, und Engel
befand sich, immer hinter Flametti stapfend, von Stufe zu Stufe mit
kindlicheren Gefühlen den rückwärtigen Massen seiner mütterlichen
Protektorin gegenüber, die mit gelüpftem Posterieur noch immer die
Regenfähnchen der Hausfront bestaunte.
Es war eminent! Ein lächerlich kleiner Erker war der Unterbau dieser
ganzen bedenklichen Last, die man Mutter Dudlinger nannte. Unterbau
einer Fülle, von der man sich von der Straße aus nicht einmal einen
Begriff machen konnte.
Ein Wunder, daß dieser Erker im nächsten Moment nicht krachend
zusammenbrach und samt der guten Mutter Dudlinger in eine mysteriöse
Tiefe hinunterstürzte. Erstaunlich, wenn man's bei Tag besah, daß
man in diesem Erker sogar zu dreien sitzen konnte! Und Engel hatte
mit Mutter Dudlinger und Mary zu dreien darin gesessen. Man hatte
gesprochen vom Krieg, vom Konzert, von den schlechten Zeiten; im
Zimmer nebenan hatten die Sektpfropfen geknallt, und Mary hatte
gegähnt, weil ihr Kavalier aus Chaux-de-Fonds eine Anspielung machte
auf ihre Gesundheit. Da hatte sie sich natürlich zurückgezogen und
spielte die Beleidigte. Und Mutter Dudlinger hatte die Blätter der
künstlichen Rebe zurechtgebogen und eingesprochen auf Mary. Aber es
half nichts. Sie war beleidigt.
Als Flametti und Engel oben in die Stube traten, stand die Suppe
bereits auf dem Tisch. Um den Tisch saßen: Herr und Frau Häsli nebst
Tochter, das Jodlerterzett; Herr Arista, der Damenimitator; Fräulein
Laura, die Soubrette, und Herr Meyer, der Pianist; Bobby, der
Schlangenmensch, und das Lehrmädchen Rosa. Sämtlich mit Löffeln und
Schlucken beschäftigt.
Herr Häsli hatte die Serviette vorgebunden, damit er sein gutes Hemd
nicht beflecke. Bobby schlarpste. Jennymama, Flamettis Frau, saß
malerisch auf der Sofakante bei der Schlafzimmertür, rosig wie eine
Venus, im lachsfarbenen Schlafrock, den sie mit der rechten Hand
sorgsam über die Hüften geschlossen hielt. Das offene Haar, mit
Wasserstoffsuperoxyd gebeizt, war flüchtig zurückgestrichen. Die
Suppenschüssel dampfte. Und der Pianist benutzte den günstigen
Augenblick, um sich zum dritten Mal Suppe zu schöpfen.
"Mahlzeit!" sagte Flametti breit.
"Mahlzeit!" erwiderten sämtliche Mitglieder des Ensembles.
Flametti hängte seinen Hut an die Tür und begab sich, um den Tisch
herum, an seinen frei gebliebenen Platz auf dem Sofa.
Fräulein Rosa stand sogleich auf und griff nach der Terrine, um Suppe
nachzufüllen. Fräulein Theres, die Wirtschafterin, kam herein, um
nach den Bedürfnissen zu sehen. Durch den offenstehenden
Bretterverschlag aus dem Nebenzimmer grüßte das Krukru der kichernden
Turteltauben, die Flametti für seine Zauberkunststücke pflegte.
"Setz dich, Engel!" rief Flametti gütig dem zögernden Ausbrecherkönig
zu, der nicht zum Ensemble gehörte, aber darin nach Bedarf gastierte
und für tausend wichtige Bühnenzwecke bestens verwendbar war.
"Merci, Max! Laß nur! Ich finde schon Platz!" Er nahm den Stuhl,
den Rosa ihm aus dem Verschlag herbeiholte, und setzte sich zu dem
Schlangenmenschen. Die beiden mußten sich so in das obere Tischende
teilen; aber sie kamen zurecht miteinander, sie waren ja Freunde.
Schwieriger gestaltete sich die Platzfrage an der Längsseite des
Tisches, wo der Damenimitator, das Jodlerterzett und die Soubrette
saßen.
Fräulein Laura und Herr Arista waren verträglich. Sie fanden sich ab.
Ganz unverträglich aber und bissig, sowohl untereinander wie den
anderen gegenüber, waren die Jodler, die Mutter insonders. Frau
Lotte Häsli spie Gift und Galle, wenn man nur an sie tippte.
Nun saßen die drei eng aneinandergedrückt. Kaum konnten sie mit den
Gabeln auslangen, um einen Fisch zu spießen. Kaum mit den Ellbogen
hervorkommen, um eine Platte zu greifen.
Frau Häsli auf dem Mittelplatz, zwischen Herrn Häsli und seiner
Tochter, warf wütende Blicke voller Verachtung und Hohn auf den
Gatten, der lammfromm dasaß und mit hochgezogenen Augenbrauen den
Mund vollstopfte, statt sich zu beschweren. Sie fletschte die Zähne
und trat ihm wohl fünfmal hintereinander in einem bestimmten,
bösartigen Rhythmus auf den Fuß.
Die Tochter, herausgefordert durch solche forcierte Unverträglichkeit
der Mutter, puffte ihr mit dem linken Arm in die rechte Seite,
anscheinlich, um sie auf die Blamage aufmerksam zu machen, in
Wahrheit aber mit solch erbittertem Nachdruck, daß jeder Unbefangene
merken mußte, sie nütze nur die Gelegenheit aus, ihr eins zu
versetzen.
Der Pianist, dem Ausbrecherkönig gegenüber, schmunzelte in seinen
Teller hinein und erwiderte sehr belustigt die Zeichen des mit dem
Kopf andeutenden Schlangenmenschen, der seinerseits mit Messer und
Gabel den Fisch zerhackte, daß sich die Gräten bogen.
Frau Häsli wurde aufmerksam und war rot vor Wut. Doch beherrschte
sie sich, drängte den ärger zurück und rief mit unglaublich gesüßter,
doch etwas gewaltsam flott gemachter Zutraulichkeit:
"Na, Herr Direktor, wie geht's, wie steht's? Geld brauchen wir.
Können wir dann auch die Gage kriegen?"
Herr Häsli war konsterniert. Eben wollte er eine neue Fracht Fisch
auf der Gabel zum Munde führen und hatte schon auf dem Messerrücken
den Kartoffelsalat bereit, um ihn zum selben Zweck auf die Gabel zu
wälzen. Da mußte er dieses unglaublich taktlose Wort vernehmen,
jetzt bei Tisch, wo man aß, wo Flametti gerade gekommen war und kaum
saß.
Die schon erhobene Gabel senkte sich auf den Teller zurück. Herrn
Häslis straffes Gesicht bekam Käsefarbe. Die Augen, eben noch
versöhnlich und ungestört an der spitzen Nase vorbei auf das Messer
gerichtet, schnellten mit einem hörbaren Ruck nach rechts gegen die
biestige Ehehälfte, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre er
aufgesprungen, ihr eine Watsche herunterzuhauen.
Aber dabei hätten Stühle umfallen müssen, weil man so eingekeilt saß.
Dabei wäre notwendig das Tischtuch heruntergezerrt worden. Also
beherrschte er sich und blieb, zitternd vor Empörung, in drohendster
Pose erstarrt, still sitzen.
Das war doch die Höhe! Herr Häsli kannte Flametti seit Jahren.
Wußte, daß er die Gagen nie schuldig blieb. Wußte, daß die
Verlegenheit, in der sich Flametti befand, nur momentan war und
nichts besagte. Wußte auch, daß die vielen Fischgerichte, die
Flametti da auftischen ließ, nur seinen guten Willen verrieten,
durchzuhalten um jeden Preis. Da soll einem nun die Geduld nicht
reißen, wenn solch obstinates Weibsstück in ihrer spitzigen
Kribbeligkeit keine Raison annahm! Man hat doch Erziehung! Man ist
doch kein Schubiack! Man hat doch, zum Teufel, die Welt gesehen!
Herr Häsli hatte indessen gut denken! Er war ein Faulenzer, ein
Nichtstuer, er hatte sich immer nur den Magen gestopft und die Frau
schuften lassen. Beim Norddeutschen Lloyd war er Steward gewesen.
In unterschiedliche Phonographen hatte er gejodelt zu Berlin und
Paris. War auch mal II. Klasse gefahren, von Potsdam nach Wien,
eines Phonogramms wegen. Aber was schon! Das war vor Jahren, als er
die Stimme noch hatte. Das war vorbei. Jetzt hatte sie, Lotte Häsli,
ihn durchzuschleppen. Wie ein Lastvieh kuranzte er sie. Immer
singen und singen. Bei zwanzig Grad Kälte in den eiskalten,
verschmierten, kleinen Hotels. Tagaus, tagein. In Bern: dreißig
Nummern an einem Sonntag, von nachmittags drei bis nachts elf. Sie
hatte es durchgemacht. Sie hatte genug. Sie kannte die Herren
Direktoren. Aus war's. Sie wollte nichts mehr wissen davon. Wenn
einer ihr nur in die Nähe kam--genügte schon, daß er ein Mannskerl
war--fuchtig wurde sie. Die Hand weg! Wenn man nicht einmal
ordentlich zu essen kriegen sollte bei solchem Betrieb, ja
geschuriegelt wurde--immer nur singen und singen und etwa noch
Schläge--lieber den Strick um den Hals!
Frau Häsli hatte zu essen nicht nachgelassen. Mit Messer und Gabel
hantierte sie eifrig. Zwei schwarze Löckchen fielen ihr zier und
adrett, schwarze Bockshörner, leicht in die Stirn. Diese Stirn,
eigensinnig, gedrungen, von einer kurzen, nur schlecht verheilten
Narbe gezeichnet, war nicht eben häßlich.
"Mach' mal 'n bißchen Platz!" rief sie der Tochter zu, um deren Fuß
sich unter dem Tisch der Damenimitator lebhaft und dringend bewarb.
Frau Häsli gelang es, durch Aufwärtsschieben der Ellbogen ihrem
Brustkorb etwas mehr Luft zu verschaffen.
Toni, die Tochter aber, kam sich ganz persönlich verletzt und
gepiesackt vor.
Was konnte sie dafür, daß dieser verfettete Damenimitator so
aufdringlich war! Sie hatte ihm ihren Fuß überlassen, weil sie sich
doch vergewissern mußte, ob er auch wirklich angelte. In diesem
Moment war ihr das häßliche "Mach' mal 'n bißchen Platz!" ans Ohr
gedrungen. Überhaupt: mit dem Damenimitator hatte sie nichts, wenn
er auch Lackschuhe trug und einen gebügelten, kaffeebraunen Anzug.
Wer weiß, ob er überhaupt bei einer Jungfrau schlafen konnte. Es war
eine bekannte Sache, daß es Damenimitatoren an so manchem fehlte, was
eine Toni Häsli reizen konnte.
Sie schob ihren Stuhl zurück, stand auf und sagte ziemlich
schnippisch: "Ich kann ja auch in der Küche essen, wenn hier zu wenig
Platz ist!"
Die Mutter hatte sich aber bereits zurechtgefunden, das Rotauge, auf
das sie es abgesehen hatte, aufgespießt und auf den Teller
herüberbefördert. Mit einem hörbaren Plumps ließ sie sich auf den
Stuhl zurückfallen und sagte verwundert:
"Was willst du denn? Was paßt dir denn nicht? Kannst du dich nicht
ein bißchen schicken? Wenn der Platz knapp ist? Sei froh, daß du so
gutes Essen bekommst. Schau mal diese Forelle an"--dabei zerrte sie
den Fisch mit der Gabel auf ihrem Teller hin und her--"so was Feines
verdienst du gar nicht! Dankbar solltest du sein, daß man dich
durchschleppt."
Herr Häsli saß noch immer erstarrt in furchtbarer Pose, eine
knödelessende Schießbudenfigur. Von der Mutter weg wandte er seine
Augen zur Tochter. Ohne viel Erfolg. Toni setzte sich zwar wieder
hin, konnte sich aber nicht verkneifen, die Mutter darauf aufmerksam
zu machen: "Es sind ja gar keine Forellen. Es sind ja Rotaugen."
"Na", beschwichtigte Jenny, "sie ist ja noch jung. Versöhnt euch!
Morgen gibt's Paprikabraten mit Spaghetti und Tomatensauce. Kinder!
Ein feiner Fraß!" Und sie hob den Zeigefinger hoch und ließ einige
fettgurgelnde, selige Laute hören.
Flametti hatte das Hemdbördchen geöffnet, um es bequemer zu haben.
Mit den Oberarmen den Tisch festhaltend, lag er vor seinem Teller,
den Kopf hart über dem Tellerrand, und schlarpste gierig die Suppe.
Das Plüschsofa hatte sich unter seinem Druck gesenkt mit einem
Knacken der Federn, das wie ein Magenknurren Flamettis fortdröhnte.
Als er nun die baumwollenen Hemdärmel aufkrempelte, konnte man so
recht sehen, was für ein Riese er war.
Die Muskeln der Oberarme stiegen in einer steilen Schwellung zum
Schulterblatt. Teller, Arme und Kopf bildeten ein einziges,
muskulöses Dreieck. Blutunterlaufen, vom Sitzen, schwollen seine
Augen.
Ganz allein hielt er das Sofa und von dort aus den Tisch in Schach.
Er sprach nicht viel. Für die Worte der Häsli wegen der Gage hatte
er nur ein kurzes, brummiges "Ja, ja. Sowie das Essen vorbei ist".
Was ihn ein wenig wurmte, war die Aufdringlichkeit dieser Person, die
immer etwas zu bestellen hatte, immer Stank mitbrachte.
Als Herr Häsli dann jene Schießbudenpose annahm, konnte Flametti
sogar ein heimliches Gaudium nicht verbergen. Er senkte den Kopf
noch tiefer und blies die Backen auf, um nicht loszuprusten.
Ihm machte es einen Heidenspaß, wenn das Ehepaar sich "anblies".
Eine bösartige Rippe, diese Alte. Der kleine Häsli ein Schlappier,
daß er sich das so gefallen ließ. Aber ihr Gesang: alle Hochachtung!
Das mußte man ihnen lassen. Was Exaktheit, Klangfarbe und Schulung
betraf: weit und breit keine Besseren.
Flametti war mit der Suppe fertig. Ein einziger Fisch lag noch auf
der Platte, und Engel holte weit aus, um ihn an sich zu bringen.
Rosa beeilte sich, aufzufüllen. Jenny, gesättigte nahm ihr offenes
Haar aus dem Nacken und flocht es zusammen.
"Na, kommt das Zeugs bald?" rief Flametti zum Schalter, legte mit
breiter Oberlippe den Eßlöffel trocken, drehte ihn um und leckte auch
die Kehrseite gründlich ab.
Bobby zerriß ein Stück Brot und stopfte es in den Mund. Die Häslis
standen auf, sagten "Mahlzeit!", gingen aber noch nicht, denn es
sollte ja Gage geben.
Auch der Pianist und die Soubrette standen jetzt auf. Der
Damenimitator, aus Höflichkeit, blieb noch sitzen.
"Mahlzeit!" rief Flametti. Aber für ihn begann die Sache jetzt erst.
Und auch Herr Engel wurde loyal, faßte Mut, und sie stocherten um
die Wette nach den pauvren Fischleins.
Engeln drohte dabei die Hose zu rutschen. Aber er hielt sie fest mit
der linken Hand und rief zu Flametti hinüber: "Max, weißt du noch:
"Bratwurstglöckli"?"
Dort muß vor Zeiten eine ungeheure Fresserei stattgefunden haben.
Denn die beiden lachten einander an, verständnisinnig, und
verdoppelten ihre Anstrengungen.
Flamettis Varieté-Ensemble hatte einen Ruf und war beliebt.
"Bestrenommiert" stand auf den Plakaten. Und durch "bestes Renommé",
von dem nur die Neider behaupteten, es rühre von Flamettis Renommage
her, unterschied sich das Ensemble von der Konkurrenz.
Ferreros "Damen-Gesangs--und Possen-Ensemble" war "geschätzt",
"glänzendst", "weltbekannt". Aber beliebt? Nein. Bestrenommiert?
Nein. Es war "vornehmst", infolge der vereinten Eleganz und
Reserviertheit seiner Damen.
Auch Pfäffers "Spatzen" konnten da nicht mit. Sie hatten weder jene
geheimnisvolle Anziehungskraft, die Flamettis Ensemble eigen war,
noch jene gewisse Eigenart und Popularität.
Pfäffers "Spatzen" waren, wenn man ihren Wert auf einen Nenner
bringen wollte, "altbewährt", "solid", "reichhaltig", "anerkannt".
Ihre Force: "dezentes Familienprogramm", mit ausgeschnittenen
Kleidern und Broschen, die, wie Flametti höhnte, am Bauchnabel saßen.
Nein! Auch von ihnen ging jene Wirkung nicht aus, die Wärme und
Begeisterung verbreitete, Einladungen zu Bier, Wein und Sekt mit sich
brachte; Wagenpartien, Abenteuer und Schicksale im Gefolge hatte.
Worin lag die geheimnisvolle Anziehungskraft der Flamettis?
Darüber zerbrach sich mancher den Kopf.
Flametti zahlte weder die besten Gagen, hatte infolgedessen auch
nicht die ersten Kräfte, wie Ferrero. Noch hatte er die besten
Schlager, wie ebenfalls Ferrero, der Jude war, raffiniert, geschickt,
tüchtig, und der infolge seiner "Vornehmheit" die besten Verbindungen
hatte. Noch waren Flamettis Nummern mit soviel Fleiß, Sorgfalt und
Interesse herausgebracht wie etwa die Gesangs-Ensembles von Pfäffers
"Spatzen". Auch deren farbenprächtige, teure Matrosen-,
Schornsteinfeger--und Mausfallenhändler-Kostüme hatte er nicht, die
Fabrikware waren und Gesprächsthema weit und breit.
Worin also bestand Flamettis Überlegenheit?
Er war ein Kerl sozusagen, ganz persönlich. Artist von reinstem
Wasser. Er hatte ein Auge, verstand, seine Leute sich auszusuchen.
Er war: eine Persönlichkeit gewissermaßen. Kein Ferrero, der früher
mit Lumpen gehandelt hatte. Kein Pfäffer, der seinen Weibern zurief:
"Kinder, macht's euch bequem!" und dann im Hemd mit ihnen den
"Kleinen Kohn" einstudierte.
Fleiß? Verachtete er. Der echte Artist schläft morgens bis gegen
elf. Wenn man bis in die Nacht hinein gearbeitet hat, oft die
schwierigsten Nummern, kann man nicht in aller Herrgottsfrühe wieder
auf den Beinen sein.
Proben? Jawohl! Aber mit Maß und Ziel. Es hat keinen Sinn, den
Leuten die Lust an der Arbeit zu nehmen, sie tot zu hetzen mit Proben.
Auf die Eingebung kommt es an. Nicht auf den Drill. Wer es nicht
in den Fingerspitzen hat, der wird es auch auf der zwanzigsten Probe
nicht haben. Man ist doch nicht beim Kommiß! Artisten sind keine
Studiermaschinen. Und wenn schon Proben, dann nicht zuviel
Pünktlichkeit. Pünktlichkeit soll der Teufel holen. Es muß aus dem
Handgelenk kommen, spontan.
Flamettis Proben waren unberechenbar. Wenn eine angesetzt war, fand
sie sicher nicht statt. Wenn eine stattfand, war sie sicher nicht
angesetzt. Das Ganze blieb mehr der Inspiration, dem persönlichen
Einfall und Zufall belassen.
Extempores? Prachtvoll! Er selbst war ein Extempore von Kopf bis zu
Fuß. Vielseitig, unberechenbar, auch in seinem Repertoire. Nur kein
festes Programm! Nichts langweiliger als das. Bei Ferrero hing das
Programm jeden Abend punkt acht beim Kapellmeister am Klavier. Bei
Flametti gab's überhaupt keines. Oft wußte er fünf Minuten vor
seinem Auftritt noch nicht, solle er den "Mann mit der
Riesenschnauze" bringen oder die "Feuernummer". Sprudeln muß man:
das war sein oberster Grundsatz.
Auch bei Engagements: Flametti hatte das renommierteste Ensemble.
Und doch keineswegs die renommiertesten Kräfte.
Im Gegenteil: darin gerade bestand sein Genie, daß er verstand,
Kräfte zu entdecken, zu finden, ja aus dem Nichts zu stampfen.
Flamettis Personal war: interessant. Er hatte eine Nase für
natürliche Begabung. Auf Agenten, Kritiken und Renommage gab er
nichts. Selber sehen! Kerle brauchte er, Personnagen. Talent kam
in zweiter Linie. Mochte das Talent einen Knacks haben, die Stimme
einen Knacks, die Figur einen Knacks. Wenn nur der Kerl, der
dahinterstand, etwas zu sagen hatte.
Flametti hatte einen Blick für die gebrochene Linie. Einen Blick für
jenen Moment, in dem etwa eine Kabarettistin reif wurde fürs Varieté.
Da setzte er ein. Da bemühte er sich. Da lief er.
Und immer: das menschliche Interesse an seinem Mitglied stand im
Vordergrund. Herr oder Dame: ihn interessierte zumeist, was sie
erlebt und gesehen hatten. Gute Manieren. Kein Engagement ohne
tagelange vorherige Beobachtung. Schicksale muß jemand gehabt haben,
um interessant zu sein für Flamettis Ensemble. Schicksal brachte
Vielseitigkeit mit sich, Überraschungen, Anlagen, Geist. Seine
Mitglieder mußten sich bewegen können. Welt mußten sie haben.
Versiert mußten sie sein. Vornehmheit war nicht seine Sache.
Dahinter steckte nicht viel. Deklassierte Menschen, gerempelte
Personnagen sind die gebornen Artisten. Im Druck muß man gewesen
sein, um Artist zu werden.
Unter fünfzig Mädels, die auf der Straße das Täschchen schwenkten,
waren zwanzig Soubretten. Es kam nur darauf an, sie davon zu
überzeugen. Unter fünfzig Apachen, die keiner beachtete, zwanzig
Ausbrecherkönige, Zauberkünstler, Jongleure. Es kam nur darauf an,
sie zu finden und durchzusetzen. Und gerade darin bestand Flamettis
Genie, seine Popularität, seine Magie.
In seinem Ensemble wurden Sprachen gesprochen: englisch, französisch,
dänisch, sogar malayisch. Man hatte die Welt gesehen. Man hatte
sich redlich bemüht und kannte das Leben.
Gefängnis, Skandal, Freudenhaus, Fahnenflucht waren kein Einwand.
Artisten kommen aus einer anderen Welt. Sind keine Bürger. Aus
Unterdrückung werden Artisten. Wo keine Defekte sind, sind keine
Menschen. Buntheit, Zauber, Exotik: nur aus Verzweiflung.
Dementsprechend war auch Flamettis Verhältnis zu seinen Artisten.
Kameradschaft, nicht Abhängigkeit. Freiheit, nicht Zwang. Vertrauen,
keine Verträge. Gage muß sein: sowieso. Aber was nützte der beste
Vertrag, wenn der Direktor einmal nicht zahlen konnte?
Hier setzte Flamettis Verläßlichkeit ein. Er war dann imstande, mit
Angeln sein ganzes Ensemble zu halten. Ein anderer Direktor stellte
die Zahlungen ein.
Bei Flametti konnte man aus--und eingehen, auch wenn man nicht mehr
auf seinen Brettern stand. Bei welch anderem Direktor noch? Was
Flametti besaß, gehörte auch seinem Ensemble. Es war nicht sein
Ehrgeiz, Geld zu machen, Bankkonto und dergleichen. Sein Ehrgeiz war,
eine Truppe zu haben.
Kostüme? Machte man selbst. Nummern? Erfand man sich. Er selbst,
Flametti, hatte er nicht aus einer Robbe ein Seeweibchen gemacht, als
Not am Mann war? Und aus Engel einen Ausbrecherkönig? Demselben
Engel, der Speckschneider gewesen war bei der Handelsmarine? Eine
Kiste hatte er ihm gebaut, woraus mittels einer im Innern
angebrachten Mechanik selbst bei vernageltstem Zustand leicht zu
entkommen war. Handfesseln hatte er ihm gearbeitet mit einem
Raffinement, daß "Henry" mit einem Ruck seiner zarten Gelenke
innerhalb drei Minuten im Freien stand.
Freilich: Solche Gelenke aus gutem Hause gehörten dazu und ein wenig
Geschick. Aber "Henry" schaffte es. Kein Mensch hätte vorher daran
geglaubt. Eine Berühmtheit war aus ihm geworden, über Nacht.
Welcher Direktor erlebte die Überraschung, daß seine Soubrette als
Gamsbua auftrat und Schnadahüpfl sang, nur aus Jokus? Oder daß der
Pianist die Klampfn nahm und der Jodler das Piston?
Flametti legte auch keineswegs Wert darauf, jeden Abend zu spielen.
Besonders nicht in den kleinen Beiseln, wo man um sechs Uhr abends
schon auf dem Posten sein mußte, wo das Wasser von der Decke tropfte
und die Klaviere jämmerliche Drahtkommoden waren, unmöglich, Töne
darauf hervorzubringen.
Mochte Jenny recht haben: man solle auch die kleinen Geschäfte
annehmen; man müsse ja auch die Gagen zahlen. Aber man war doch
nicht in der Tretmühle! Man war doch nicht auf der Welt, um sich
abzustrapazieren!
Keine Überarbeitung: das war man seinem Ensemble schuldig. Flametti
verlangte dafür nur seinerseits etwas Entgegenkommen: Anstand und
guten Willen. Benehmen. Oder er wurde "verruckt", was besagte:
schlug alles kurz und klein, rannte Köpfe an die Wand, ging mit dem
Messer los auf die Bande.
"So, Kinder", rief Flametti, wischte sich den Mund ab und legte die
Serviette hin, "jetzt kommt die Gage!"
Er nahm den Schlüssel aus der Hosentasche, schloß die Schieblade auf
und rief, auf das Eßgeschirr zeigend: "Weg mit dem Zeugs!"
Rosa beeilte sich, das Geschirr wegzutragen. Das Ensemble spitzte
die Ohren. Auch Engel hörte nun auf zu essen. Und alle kamen näher.
"Monsieur Arista", begann Flametti, "sechzig Franken. Stimmt's?
Quittieren Sie."
"Stimmt", sagte Arista, "danke schön." Quittierte mit dem
Tintenstift, den Flametti ihm hinschob, und strich das Geld ein.
"Bobby--zwei Franken siebenundzwanzig--hier. Stimmt's? A conto
zweiten soundsoviel, à conto vierten soundsoviel, à conto fünften, à
conto achten." Er zeigte auf die einzelnen auf der Quittung
verrechneten Posten.
"Stimmt, stimmt", sagte Bobby. "Danke!"
"Hier--quittieren!"
Bobby quittierte.
"Herr Meyer--zehn Franken. A conto vierten--fünf Franken. A conto
achten--fünfzehn Franken. A conto zwölften--fünf Franken. Stimmt's?"
"Ja, stimmt. Danke."
"Laura--fünf Franken. A conto, à conto, à conto, à conto." Flametti
zeigte wieder die einzelnen Posten auf der Quittung.
"Ja, stimmt schon", zögerte die Soubrette, ein wenig verwirrt und
enttäuscht. Eigentlich hatte sie zehn Franken erwartet. Sie konnte
sich aber auch irren.
"Immer dieselbe Sache", maßregelte Flametti. Nie wußte sie, wieviel
sie zu bekommen habe, und immer handelte es sich um etliche fünf
Franken, die sie vergaß. Aber die Sache klärte sich auf, und auch
diese Auszahlung ging glatt vonstatten.
"Quittieren Sie", sagte Flametti und schob dem
Pianisten-Soubrettenpaar die Formulare hin.
Herr Meyer wollte die fünfzehn Franken einstweilen zusammen an sich
nehmen. Aber Laura war keineswegs einverstanden.
"Nein, das gibt es nicht!" erklärte sie ziemlich verliebt, "das ist
mein Geld! Das habe ich verdient!" und suchte ihrem Freunde Meyer
den Fünfliver zu entreißen. Und als ihr das nicht sofort glückte,
ein wenig ärgerlich: "Was fällt dir denn ein? Wir haben doch keine
Gütergemeinschaft", was Herr Meyer spöttisch zugab.
"Wie sie sich haben!" flötete süß Frau Häsli. "Wie sie sich necken!
Seht nur!" Wo ein Krakeel in Aussicht stand, war sie stets voller
Freundschaft und Sympathie.
"Na so nimm schon deinen Fünfliver!" murrte der Pianist und schob
sehr unwirsch der Soubrette das Geldstück hin.
"Grüatzi!" sagte der Schlangenmensch, steckte sich eine Zigarette an
und verschwand.
"Addio", sagte Herr Arista, machte der Jodeltochter insgeheim ein
feuriges Zeichen und verschwand.
"Netter Mensch", bemerkte Frau Häsli zu seinem Abgang. "So
bescheiden und lieb!"
"Mahlzeit!" sagte Herr Engel, der hier nichts zu erwarten hatte,
"komme später nochmal vorbei", und ging ebenfalls; was Fräulein Rosa
sehr komisch fand, denn sie bückte sich blitzschnell nach Nettchen,
dem Dackel, hob ihn hoch und drehte sich tanzend mit ihm auf dem
Absatz.
"Wer kommt jetzt?" fragte Flametti geschäftig, aber mit ein wenig
verringerter Sicherheit. "Richtig: Häsli." Und beeilte sich, die
Summe aufzuzählen. "Siebenundzwanzig Franken fünfzig."
"Waaaas?" rief Frau Häsli, wie von der Tarantel gestochen. Sie
beugte den Oberkörper weit in den Hüften vor und blieb wie erstarrt
so stehen.
"Siebenundzwanzig Franken fünfzig", wiederholte Flametti und setzte
den Tintenstift überrascht mit dem stumpfen Teil auf den Tisch.
"Siebenundzwanzig Franken fünfzig? Häsli, komm!" Sie packte den
Gatten am ärmel. "Häsli, komm! Das ist nichts für uns."
Häsli drehte sich auf dem Absatz und machte sich los. Er war
unangenehm berührt.
"Marsch, marsch, fort, komm!" drängte die Jodlerin und packte ihn von
neuem heftig am ärmel. Sie gab keinen Pardon.
"Na, mal langsam!" brummte Flametti. Und ihre Tochter zog eine
mißmutige Schnute und stampfte hörbar ungehalten "Mutter!"
Aber Frau Häsli ließ sich nicht beirren. "Nein, das ist nichts für
uns!" tobte sie und schüttelte abweisend die erhobene Hand. "Die
Häslis sind nicht diejenigen, die sich drücken lassen, ich kenne das
schon! Ich weiß schon, worauf das hinausläuft. Häsli, komm!"
"Na was ist denn?" interessierte sich Jenny, begütigend und
phlegmatisch. Sie kam aus dem Schlafzimmer und steckte sich
friedlich das Haar auf.
"Himmelherrgottsakrament!" fluchte jetzt Flametti und schnellte vom
Sofa auf. "Was gibt's denn? Was paßt euch denn nicht? Was wollt
ihr denn? Macht doch den Schnabel auf, wenn euch etwas nicht paßt!"
Die Zornadern waren ihm angeschwollen. Er sah aus wie ein tanzender
Fakir.
Häsli bekam's mit der Angst, schüttelte die Frau ab und meinte
kleinlaut: "Max, rechn' 's mal vor!"
"Da ist gar nichts vorzurechnen!" schnitt ihm die Alte das Wort ab.
"Gar nicht nötig. Wenn ich hör: siebenundzwanzig Franken fünfzig,
dann hab' ich schon genug. Dann braucht man mir gar nichts mehr
vorzurechnen!" Und nestelte zitternd an ihrer Bluse.
"Was wollt ihr denn?" schrie Flametti noch lauter und tippte sich mit
dem Zeigefinger an die Stirn. "Fünfzig Franken Vorschuß bei
Engagementsantritt--"
Beide nickten, Frau Häsli so hastig, als ob sie nicht abwarten könne,
weiter zu hören.
"Dreißig à conto an Häsli nach Bern--"
"So? So?" unterbrach Frau Häsli. "Dreißig à conto nach Bern für die
Lumpenmenscher, für die Reitschuldamen, für die Fetzen?" Ihre Stimme
schnappte über.
"Dreißig à conto nach Bern", bestätigte Herr Häsli in aller Ruhe.
"Toni, komm!" rief Frau Häsli und packte die Tochter am Arm. "Toni,
komm! Spuck deinem Vater ins Gesicht! Sieh ihn an, wie er dasteht!
Als wenn er nicht auf drei zählen könnte! Dreißig à conto nach Bern!
Und wir hungern zuhaus!"
Jetzt wurde aber auch Herr Häsli fuchtig. "Soll ich vielleicht von
der Luft leben? Hab' ich dir nicht zehn Franken davon geschickt und
den Koffer ausgelöst?"
"Was für einen Koffer ausgelöst? Die alte Scharteke! Den Koffer hat
er ausgelöst! Dreißig Franken braucht er dazu. Wasserrutschbahn
fahren mit den Menschern! Mit den Kellnerinnen scharwenzeln! Herr
Häsli hinten, Herr Häsli vorne! Schau mich nicht so an, Mensch!"
Mit ausgebreiteten Händen und vorgereckter Stirn stand sie da, im
Begriff, ihm an die Gurgel zu fahren.
"Mutter!" suchte die Tochter zu beschwichtigen.
"Dummes Weib!" brachte Herr Häsli mit aller Ruhe und Verachtung auf,
sah die Alte an, als zweifle er an ihrem Verstand, und sah wieder von
ihr weg.
"Na, was wollt ihr also?" schrie Flametti und wühlte krampfhaft und
hitzig in seinen Papieren, um die Belege zu finden.
"Weiter!" drängte die Alte, "nur weiter!"
"Zwanzig à conto an Toni am siebenten."
"Stimmt, stimmt!" drängte die Alte, "nur weiter!" Die zwanzig
Franken waren für eine Seidenbluse der Mutter.
Jetzt war aber Herr Häsli seinerseits erstaunt. "Zwanzig Franken?
Für was?" fragte er sprachlos.
"Kümmer' dich nicht!" rief Frau Häsli. "Laß dir lieber vorrechnen,
was noch weiter kommt. Damit du siehst, was für ein Peter du bist!"
"Ja, dann freilich!" verzichtete Herr Häsli. "Da hat ja alles keinen
Zweck! Da kann man ja schuften wie man will! Wenn es hier nur so
zwanzigfrankenweise weggeht! Fünf Tage ist man fort, und zu Haus
verbrauchen sie zwanzig Franken für Kino, Schokolade, für Putz und
Schnecken!"
"Kümmer' dich um dich!" schrie Frau Häsli. Der Geifer stand ihr in
den Mundwinkeln. "Auf den Hund möcht' er einen bringen, und einem
nicht einmal die paar Fetzen gönnen, die man auf dem Leibe hat! Dich
kenn' ich, mein Lieber! Ich weiß ganz genau, was du vorhast mit uns!"
Nun muß man wissen, daß mit Frau Häsli nicht zu spaßen war. In
Antwerpen und St. Pauli hatte sie Matrosen bedient. Ein Gummiknüttel
gehörte zu ihrer Ausrüstung, und die Kassiertasche war mit
Eisenketten am Lederriemen befestigt. Kerle hatte sie
niedergeschlagen, baumslang, wenn es drauf ankam. Der Varietéberuf
war ihr zu still. Mit der ließ sich nicht spaßen.
Also gab auch Herr Häsli klein bei, und weiter ging's mit der
Abrechnung.
"Dann am zwölften zweiundzwanzig Franken fünfzig vorgestreckt für
Zimmer und Konsumation--" Die Häslis bewohnten zusammen ein Zimmer in
einem Gasthof, das sich die Damen selbst ausgesucht hatten, das aber
Flametti bezahlte, weil er Verbindungen hatte mit dem Wirt.
"Schon gut, schon gut", winkte Frau Häsli ab, "ich weiß schon genug.
Bleiben siebenundzwanzig Franken fünfzig. Stimmt schon. Ja, stimmt
schon. Häsli, quittier! Wir gehen." Dabei schob sie die Tochter
mit beiden Händen wie aus einer Verbrecherkneipe vor sich zur Tür.
"Wir verzichten. Kannst alles selber nehmen. Ich für meinen Teil
will nichts davon haben. Wir verdienen uns schon unser Brot."
Und Frau Häsli nebst Tochter waren verschwunden.
Nettchen bellte. Jenny färbte sich rosenrot im Gesicht vor
verhaltenem ärger. Herr Häsli quittierte, und Flametti schob ihm das
Geld hin.
"Mahlzeit, Max!" sagte Herr Häsli geknickt und bedauernd. "Nichts
für ungut!" und reichte Flametti die Hand.
"Salü!" sagte Flametti offiziös und packte seine Sachen ein.
Auch Herr Meyer und Fräulein Laura gingen. Eigentlich hatten sie um
Zulage bitten wollen. Die Gelegenheit schien ihnen aber nicht
günstig.