»Der Prinz hat nichts mehr eingestanden.« Die schlaffen Hängebacken des
Generalleutnants Jaguschinski zitterten.
Ein Fluch zerknirschte zwischen den Zähnen des Zaren. Vom Schreibtisch,
vor dem er über dem Entwurf der Gründung der Akademie gesessen hatte,
fuhr er herum, faßte den Meldenden scharf ins Auge.
»Hast du ihn gründlich befragt?« Ein böses Glimmen war in seinem Blick.
Der Pole nickte. Ihm war bänglich zumute.
»Sieh mich an, Pan Pawel. Ich traue dir nicht.« Wie Eisenklammern
hielten die Hände des Zaren seine Schultern.
Die Kinnlade des Generalleutnants klappte haltlos herab:
»Der Prinz,« er bebte an allen Gliedern, »verging uns vor Schwäche. Ich
fürchtete ...«
Ein Faustschlag traf ihn mitten ins Gesicht:
»Memme! – Ich hab' mir's gedacht. Milde. Güte. Nachsicht. Wenn du nur
keinen Schrei hörst! Was kümmert's dich, ob ich die Wahrheit erfahre.
Die Wahrheit!« Bohrend preßte Peter die geballten Fäuste gegen die
Schläfen.
»Der Prinz beschwört, alles bekannt zu haben,« murmelte Jaguschinski
und tupfte das rinnende Blut mit seinem Handschuh von der Stirn.
»Er lügt,« Peter stieß ihn beiseite, »ich werde ihn selbst befragen.«
Damit stürzte er hinaus.
Mit schlotternden Knien hockte der Generalleutnant auf einem Sessel und
rang fassungslos die weichlichen fetten Finger ineinander:
»Er mordet ihn, er mordet den eignen Sohn.« Und den Kopf in die Hände
bergend, stöhnte er jammernd: »Er wird uns alle umbringen. Alle.«
Diese Befürchtung teilte der einstige Liebling des Zaren mit vielen.
Seit Monaten lebte jedermann in Petersburg und Moskau in ständiger
Todesangst. Mit Knute und Schwert wütete Peter gegen das, was er die
Verschwörung des Zarewitsch nannte. Wie gelähmt ließen die Altrussen
das grausige Strafgericht über sich ergehen. Keiner wagte zu fliehen.
Und Peter griff wahllos in ihre Reihen. Glücklich der, der mit ein
Dutzend Knutenhieben und Verbannung davon kam. Die unglückliche
Eudoxia wurde öffentlich ausgepeitscht, der Major Glebof hingerichtet,
ihr Bruder Abraham Lapuchin zum Tode verurteilt, Alexander Kikin
wurde gerädert, die Fürstin Galizin entging der Knute nur durch die
Fürbitte Katharinas. An diese selber wagte sich Peter nicht. Aber in
seinem Innern wütete die Eifersucht. Er mißtraute ihr, er glaubte an
ihr Mitleid für den Ärmsten nicht, er witterte Tieferes hinter ihrer
Teilnahme, und jedes Mittel war ihm recht, seinem eigensinnigen Wahne
Nahrung zu erspüren. Er wohnte den Verhören der der Verschwörung
Angeschuldigten nur bei, um etwas in Erfahrung zu bringen, das sie
belastete. Doch das Ergebnis war nichts. Nichts. Und dennoch fand er
keine Ruhe. War sie nicht schlauer als die Schlausten, klüger als die
Klügsten? Er biß sich die Lippen blutig, um nicht aufschreien zu
müssen in Qual: wenn sie ihn dennoch betrogen hätte? Er mied sie, wich
ihr aus, hielt sich sogar von seinen Töchtern und dem kleinen Peter
Petrowitsch, der ständig kränkelte, fern. Dieses elende Häufchen Leben,
das kaum stehen und jetzt im vierten Jahr nur mühselig lallen konnte,
war ihm ein Vorwurf. Aber er kehrte ihn gegen Katharina. Er sog aus ihm
Bestärkung seiner Zweifel an ihrer Treue.
Und nun die Aussage der Finnin Euphrosyne: der Zarewitsch habe seine
ganze Hoffnung auf die gnädigste Frau gesetzt gehabt! – Hieß das nicht
Verrat? Zwar die Briefe, in der sein Sohn Katharina anflehte, bei dem
Vater für ihn zu bitten, hatte er gelesen. Doch konnte es nicht nur
Vorspiegelung gewesen sein, bestimmt, seinen Verdacht abzulenken, seine
Wachsamkeit einzuschläfern? War nicht am Ende Ärgeres geplant? Es
quoll ihm bitter zum Munde: hatten sie nicht seinen Koch zu bestechen
versucht, daß er ihm Gift in die Speisen tue. Sie. Wer war das? Der
alte Velten behauptete, die Bojaren. Log er nicht, so konnte er belogen
worden sein. Wohin Peter blickte, sah er Trug und Täuschung.
Er raste. Es genügte ihm nicht, daß der Zarewitsch allen seinen
Rechten feierlich entsagt hatte. Schuld über Schuld häufte er auf ihn,
belud das zaghafte Herz mit Verbrechen, die es in seinen zornigsten
Träumen sich nicht erdichtet hatte, lastete seiner Ohnmacht die
hochverräterischen Absichten seiner altrussischen Freunde auf, zerrte
den Schwachen vor bestellte Richter und ließ seinen Mängeln das Urteil
sprechen, als ob es Taten wären.
Tod!
Doch die Toten sind stumm und der erkaltete Mund kann nicht mehr
Rechenschaft geben.
Und Peter verschmachtet nach Gewißheit. Er mußte sie haben, und wenn er
sie erpressen sollte.
Was Jaguschinski und der Folter nicht gelungen war, würde er mit
der Knute erzwingen. Unter dem Schlage, den sein Arm mit der
neunschwänzigen Katze führte, waren die starrköpfigsten Verbrecher
geständig geworden.
Während er auf die Pferde einhieb, daß sie stiegen und den leichten
zweirädrigen Wagen auf dem holprigen Wege von Petersburg nach
Schlüsselburg zum Springen brachten, zerrten sich seine Lippen zu einem
verächtlichen ingrimmigen Lächeln auseinander. – –
In einer der Kasematten der Festung lag der Zarewitsch. Auf einer
schmutzigen Matratze. Die von der Folterung überdehnten und verrenkten
Glieder hingen kraftlos herab, als gehörten sie nicht zu dem hageren
verzehrten Leibe, in dem das Herz nur noch mühsam und in heftigen
Stößen zum Leben aufpochte. Der Kopf war zur Seite gedreht, über den
eingefallenen Schläfen lagen die gekrümmten Adern gleich erwürgten
Schlangen, und die tief in die Höhlen gesunkenen Augen starrten glasig
ins Leere.
»Ist er nicht mehr zu retten?« Die Frau des holländischen Tischlers der
Festung, die die Mahlzeiten für den Eingekerkerten zu bereiten und die
sich des Gequälten angenommen hatte, mühte sich, ihn weicher zu betten.
Dr. Hofy, den Katharina sogleich geschickt hatte, nachdem sie von der
Gattin des holländischen Gesandten, an die sich die Tischlersfrau
gewendet, von dem Zustande des Zarewitsch erfahren hatte, verneinte
kopfschüttelnd: »Es geht zu Ende. Gott sei Dank!« setzte er hinzu.
Mit diesen Worten trat er auch dem Zaren entgegen.
Peter hörte nicht auf ihn, und als der Arzt ihm den Weg vertreten
wollte, nahm er ihn, hob ihn wie einen Federball auf und trug ihn
hinaus. Die Tischlersfrau schlich schluchzend hinterdrein.
Der Zar war allein mit dem Sterbenden.
Lange stand er schweigend. Nicht ein Funken Mitleid regte sich in ihm.
Rauh packte er den Haltlosen an.
Ein wimmerndes Stöhnen entrang sich dem Gepeinigten.
Dieses Jammern empörte den Zaren nur noch mehr. Unbekümmert um das
Ächzen zerrte er ihn hoch:
»Ich will wissen ...«
Der müde Körper schwankte hin und her und drohte in sich
zusammenzuknicken. Röchelnd hastete der Atem aus der zerquetschten
Brust.
Peter beugte sich dicht über den jäh Verfallenden, seine Augen bohrten
sich in die fast erloschenen des Hinscheidenden:
»Hast du Katharina Alexejewna geliebt?«
Der herrische Ton riß den sinkenden Vorhang der Zeitlichkeit noch
einmal zurück. Ein Rütteln sammelte die verworfenen Glieder, ruckend
rafften sich die schlaffen, reckte sich der geschlagene Leib. In dem
halb erloschenen Blick entzündete sich blitzend Erkennen. Und Haß
sprang hervor.
Weit öffnete sich der blutleere Mund. Wie zu einem langen gräßlichen
Schrei:
»Ich habe ...«
Die Zähne schlossen sich über der Zunge, die im Augenblick des Todes
ein vernichtetes Dasein mit einer Lüge hatte rächen wollen. Fest bissen
sie sich ein. Mit einer letzten Anstrengung.
Nickend sank der Kopf vornüber.
Peter sprang auf.
»Wirst du sprechen? Kanaille, wirst du sprechen!« Er packte die Knute,
die ihm am Gürtel hing und hieb blindlings darauf zu:
»Reden sollst du, reden!«
Klatschend fielen die Hiebe. Die Bleikugeln der Stränge zogen breite
Striemen über Stirn und Wangen. Eine Weile standen diese blutig in dem
bläulichen Weiß der Haut. Dann verging das schrille Rot in ein fahles
Grau.
Alexei hatte ausgelitten.
»Aas!« Brüllend fuhr der Schrei wider die Mauern.
Äffend hallte er zurück.
* * * * *
Katharina hielt mit ihren Töchtern Tanzunterricht. Den kleinen Peter
Petrowitsch zur Seite, der den ausschlagbesäten schmerzenden Kopf in
der kühlen Seide ihrer weiten bauschenden Ärmel barg, sah sie den
abgemessenen Schritten, dem Drehen und Neigen zu, in dem sich Anna und
Elisabeth übten.
Die zierliche Gestalt des französischen Tanzmeisters wippte vor den
Prinzessinnen auf und nieder, während der Bogen behende über die
Geige strich und leise zirpend die zärtliche Melodie eines Menuetts
herauslockte.
»Weicher, Hoheit, weicher die Bewegungen,« wurde die Prinzessin Anna
ermahnt, Elisabeths kecke gelenke Art erhielt dagegen ein Bravo,
Bravissimo nach dem andern.
Von Katharina kam ermunterndes Lob. Sie hatte ihre Freude an den
Fortschritten der Mädchen. Zumal Elisabeth machte sich. Die lässigere
Anna bedurfte einiger Anweisung.
Sie erhob sich, der Bequemen die Takte vorzutanzen.
Ein heller Geigenton sang durch den Raum, heiter rannen die Takte.
Katharina glitt, schwebte, bog und neigte sich.
Jubelnd klatschte Elisabeth in die Hände: »Fein. – Still,« sie winkte
dem fiedelnden Tanzmeister ab. Von den Vorzimmern her war ein unruhiges
Laufen und Huschen an ihr Ohr gedrungen.
Und schon stürzte die Fürstin Galizin tränenüberströmt ins Zimmer:
»Gnädigste Frau! Der Zar ... der Zarewitsch. Er ist tot.«
»Ermordet? Barmherziger Gott!«
Die Prinzessin Anna hatte den unvorsichtigen Ausruf getan.
Die Fürstin verschloß ihr den Mund: »Wollen Hoheit sich und uns alle
verderben?« Sie zog die Mädchen und den Prinzen mit sich fort.
Auch der Tanzmeister verschwand durch eine Seitentür. Es war nicht
rätlich, dem Zorn des Zaren sich als Zielscheibe zu bieten.
Katharina blieb allein.
Durch die Gänge tönten die harten Tritte des Heimkehrenden.
Fest legte Katharina ihre Hand auf das Herz, das unruhig aufklopfen
wollte. Es mußte still, ganz still seinen Gang gehen.
Gelassen langte sie nach ihrer Stickerei.
Ungestüm dröhnte Peter herein. Sein Atem keuchte. Die Augen waren
blutunterlaufen. In den Mundwinkeln hing flockiger Schaum.
Hart blieb er vor Katharina stehen. Seine Zähne krachten unter dem
wilden Biß, mit dem er sie zusammenpreßte.
»Weib!« Er schwang die Faust über sie.
Sie rührte sich nicht. Gleichmütig zog sie den Faden durch die Seide.
Diese sichere Ruhe schlug ihn. Ein Bäumen war in ihm. Es mußte sich
lösen. Schmetternd prallten seine eisernen Knöchel in den großen
venezianischen Spiegel hinter ihr. Klirrend barst er in tausend
Splitter.
»Ist dein Haus dadurch schöner geworden, daß du eine seiner
Kostbarkeiten zerstört hast?«
Diese anklagende Frage zerriß den Schleier der Wut. Unerbittlich
deutlich zeigte sie ihm seine Schuld.
Ein Schauder schüttelte ihn. Vor dem klaren durchschauenden Blick
Katharinas senkte er langsam die Lider.