Der Haushalt des Zarewitsch hatte einen Zuwachs erfahren. Eine neue
Aufwäscherin war eingestellt worden. Der Zarewitsch würde von dieser
Vermehrung seiner Bediensteten wohl kaum etwas erfahren haben, wenn
das schlicht und einfach gekleidete Landmädchen ihm nicht dadurch
aufgefallen wäre, daß er es beinahe Tag für Tag vor dem Bilde der
heiligen Mutter Gottes von Kasan, das in einer Nische des Vorzimmers
zu seinen Gemächern eingelassen war, in inbrünstigem Gebete gefunden
hätte. Eine solche Frömmigkeit war nicht eben häufig unter den
Eingeborenen der Bezirke um Petersburg, die, wenn sie nicht gar noch
wüstestem Zauberglauben anhingen, als ehemalige Untertanen Schwedens
der lutherischen Lehre ergeben waren. Des Prinzen Wißbegierde wuchs mit
jeder Begegnung. War doch die Beterin so tief in ihre Andacht versenkt,
daß sie dem Kommenden oder Gehenden, der vielfach geflissentlich in
ihrer Nähe sich verweilte, nie, wie es sonst der Frauen Art ist, einen
halben oder ganzen Blick zuwarf. Diese gläubige Hingabe beschämte den
Prinzen: wie weit war er noch von der völligen Abgekehrtheit entfernt,
die diesem Mädchen Natur geworden war. Ihm tötete ein leisestes
Geräusch den Aufschwung der Seele. O, daß er von diesem Mädchen lernen
könnte.
Er sprach sie an.
Langsam drehte Afranisja sich um. Ihr Blick ging an dem vor ihr
Stehenden vorüber, als sei er noch in eine andere Welt gerichtet, glitt
zurück, suchte, erkannte.
»Heilige Mutter, der Zarewitsch!« Wie in höchster Not streckte sie
flehend die Hände empor: »Nicht schlagen! Nicht schlagen!«
Alexeis Mitleid wallte auf: »Armes Kind, haben die Menschen dich
gewöhnt, nichts anderes von ihnen zu erwarten?« Seine dunklen Augen
füllten sich mit Tränen: er erinnerte sich der bösen Jahre, die
hinter ihm lagen, wo er nach einem einzigen guten Wort, nach einer
kleinen Liebkosung verhungert war. – Er beugte sich zu der noch immer
Knienden, hob sanft ihr Kinn: »Hast du niemanden, der dich gern hat?«
Die Finnin schüttelte stumm den Kopf. In ihrem Gesicht malt sich
hoffnungslose Verzweiflung: »Mich kann niemand gern haben.«
»Dich, niemand gern haben? Eine so fromme Seele?«
»Ach, Herr,« Afranisja stöhnte, »ich bin voller Sünden.«
»Was hast du getan?« Der Zarewitsch zog seine Hand zurück, als habe er
sich verbrannt.
»Nichts, Herr!« Die Augen der Finnin nahmen einen kindlich einfältigen
Ausdruck an: »Nichts habe ich getan.«
»Und doch ...?«
»Und doch bin ich verdammt. In Ewigkeit.« Sie warf sich auf die Erde
und schluchzte: »Ich bin eine Ketzerin, eine Ketzerin!«
Die Züge des Zarewitsch hellten sich auf: es galt, eine Seele zu
gewinnen:
»Du betest?«
»Ich habe es den andern abgelauscht!« Sie rang die Hände: »Aber meine
Gebete haben keine Kraft. Die heilige Mutter hört mich nicht. Sie stößt
mich zurück.«
Alexeis Mitgefühl schwoll. Er streckte die Arme, hob die Liegende auf:
»Die heilige Mutter verschließt keiner Bitte ihr Ohr.«
»Ich kann selig werden?« Afranisja hielt es für geraten, noch einen
leisen Zweifel zu äußern.
»Du wirst es!« entgegnete Alexei ernst.
Sie stürzte ihm zu Füßen, umfing sie, bedeckte sie mit Küssen: »Du, du
sagst es! Es ist wahr!«
Welch jubelnder Eifer! – Er dachte es bewegt und konnte es sich nicht
versagen, seiner Gattin davon zu sprechen. Nicht eigentlich mit der
Absicht, ihr die Nachahmung dieses Vorbildes zu empfehlen, wohl aber
mit dem leisen Wunsch, daß es sie zur Nacheiferung anregen möchte.
Dabei gab er ein wenig zu deutlich seiner Freude Ausdruck.
Das wirkte wie ein Stachel.
»Es hat zu allen Zeiten verschwärmte Naturen gegeben,« erwiderte
die Prinzessin ablehnend, »die sich an den einfachen Wahrheiten des
Evangelium nicht genügen lassen mochten.«
Der Zarewitsch erblaßte. Zum ersten Male tat sich deutlich die Kluft
vor ihm auf, die ihrer beider Überzeugungen trennte. Er versuchte, eine
Brücke zu schlagen: »Die Idee spricht zum Geiste, das liebende Herz
bedarf der Gestalt.«
Charlotte witterte in dieser Gleichung einen versteckten Vorwurf. Sie
erhob sich unwillig: »Für verbuhlte Weiber mag das gelten. Ich brauche
ihres Beispiels nicht.« Damit ließ sie den Zarewitsch allein.
Bestürzt starrte er ihr nach. – Er ahnte nicht, wie genau sie das
Richtige getroffen hatte, er spürte nur den Schmerz, den ihm diese
häßliche Verkehrung der schönen Empfindung bereitete, die er gefühlt
hatte. Freilich, wie hatte er erwarten können, daß sie ihn darin
verstand, ihn, den Rechtgläubigen, sie, die ...
[Illustration: Zarewitsch Thronfolger Alexei Petrowitsch