XVIII.

Der Haushalt des Zarewitsch hatte einen Zuwachs erfahren. Eine neue

Aufwäscherin war eingestellt worden. Der Zarewitsch würde von dieser

Vermehrung seiner Bediensteten wohl kaum etwas erfahren haben, wenn

das schlicht und einfach gekleidete Landmädchen ihm nicht dadurch

aufgefallen wäre, daß er es beinahe Tag für Tag vor dem Bilde der

heiligen Mutter Gottes von Kasan, das in einer Nische des Vorzimmers

zu seinen Gemächern eingelassen war, in inbrünstigem Gebete gefunden

hätte. Eine solche Frömmigkeit war nicht eben häufig unter den

Eingeborenen der Bezirke um Petersburg, die, wenn sie nicht gar noch

wüstestem Zauberglauben anhingen, als ehemalige Untertanen Schwedens

der lutherischen Lehre ergeben waren. Des Prinzen Wißbegierde wuchs mit

jeder Begegnung. War doch die Beterin so tief in ihre Andacht versenkt,

daß sie dem Kommenden oder Gehenden, der vielfach geflissentlich in

ihrer Nähe sich verweilte, nie, wie es sonst der Frauen Art ist, einen

halben oder ganzen Blick zuwarf. Diese gläubige Hingabe beschämte den

Prinzen: wie weit war er noch von der völligen Abgekehrtheit entfernt,

die diesem Mädchen Natur geworden war. Ihm tötete ein leisestes

Geräusch den Aufschwung der Seele. O, daß er von diesem Mädchen lernen

könnte.

Er sprach sie an.

Langsam drehte Afranisja sich um. Ihr Blick ging an dem vor ihr

Stehenden vorüber, als sei er noch in eine andere Welt gerichtet, glitt

zurück, suchte, erkannte.

»Heilige Mutter, der Zarewitsch!« Wie in höchster Not streckte sie

flehend die Hände empor: »Nicht schlagen! Nicht schlagen!«

Alexeis Mitleid wallte auf: »Armes Kind, haben die Menschen dich

gewöhnt, nichts anderes von ihnen zu erwarten?« Seine dunklen Augen

füllten sich mit Tränen: er erinnerte sich der bösen Jahre, die

hinter ihm lagen, wo er nach einem einzigen guten Wort, nach einer

kleinen Liebkosung verhungert war. – Er beugte sich zu der noch immer

Knienden, hob sanft ihr Kinn: »Hast du niemanden, der dich gern hat?«

Die Finnin schüttelte stumm den Kopf. In ihrem Gesicht malt sich

hoffnungslose Verzweiflung: »Mich kann niemand gern haben.«

»Dich, niemand gern haben? Eine so fromme Seele?«

»Ach, Herr,« Afranisja stöhnte, »ich bin voller Sünden.«

»Was hast du getan?« Der Zarewitsch zog seine Hand zurück, als habe er

sich verbrannt.

»Nichts, Herr!« Die Augen der Finnin nahmen einen kindlich einfältigen

Ausdruck an: »Nichts habe ich getan.«

»Und doch ...?«

»Und doch bin ich verdammt. In Ewigkeit.« Sie warf sich auf die Erde

und schluchzte: »Ich bin eine Ketzerin, eine Ketzerin!«

Die Züge des Zarewitsch hellten sich auf: es galt, eine Seele zu

gewinnen:

»Du betest?«

»Ich habe es den andern abgelauscht!« Sie rang die Hände: »Aber meine

Gebete haben keine Kraft. Die heilige Mutter hört mich nicht. Sie stößt

mich zurück.«

Alexeis Mitgefühl schwoll. Er streckte die Arme, hob die Liegende auf:

»Die heilige Mutter verschließt keiner Bitte ihr Ohr.«

»Ich kann selig werden?« Afranisja hielt es für geraten, noch einen

leisen Zweifel zu äußern.

»Du wirst es!« entgegnete Alexei ernst.

Sie stürzte ihm zu Füßen, umfing sie, bedeckte sie mit Küssen: »Du, du

sagst es! Es ist wahr!«

Welch jubelnder Eifer! – Er dachte es bewegt und konnte es sich nicht

versagen, seiner Gattin davon zu sprechen. Nicht eigentlich mit der

Absicht, ihr die Nachahmung dieses Vorbildes zu empfehlen, wohl aber

mit dem leisen Wunsch, daß es sie zur Nacheiferung anregen möchte.

Dabei gab er ein wenig zu deutlich seiner Freude Ausdruck.

Das wirkte wie ein Stachel.

»Es hat zu allen Zeiten verschwärmte Naturen gegeben,« erwiderte

die Prinzessin ablehnend, »die sich an den einfachen Wahrheiten des

Evangelium nicht genügen lassen mochten.«

Der Zarewitsch erblaßte. Zum ersten Male tat sich deutlich die Kluft

vor ihm auf, die ihrer beider Überzeugungen trennte. Er versuchte, eine

Brücke zu schlagen: »Die Idee spricht zum Geiste, das liebende Herz

bedarf der Gestalt.«

Charlotte witterte in dieser Gleichung einen versteckten Vorwurf. Sie

erhob sich unwillig: »Für verbuhlte Weiber mag das gelten. Ich brauche

ihres Beispiels nicht.« Damit ließ sie den Zarewitsch allein.

Bestürzt starrte er ihr nach. – Er ahnte nicht, wie genau sie das

Richtige getroffen hatte, er spürte nur den Schmerz, den ihm diese

häßliche Verkehrung der schönen Empfindung bereitete, die er gefühlt

hatte. Freilich, wie hatte er erwarten können, daß sie ihn darin

verstand, ihn, den Rechtgläubigen, sie, die ...

[Illustration: Zarewitsch Thronfolger Alexei Petrowitsch

Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman · 第 72 / 98 题