XIII.

Der Sieg von Pultawa hatte die Augen Europas auf Rußland gelenkt.

Der westliche Handel begann die östlichen Gebiete beachtenswert

zu finden. Die Stadt an der Newa lockte Käufer und Verkäufer. Ein

weites, unermeßliches Reich bot seine Schätze dar, es wartete auf die

Wagemutigen, die bereit waren, sie zu heben. Abenteurer oder ehrliche

Makler, es galt gleich, wer nur die Kraft hatte, Funken aus dem Stein

zu schlagen und Leben in der Öde zu wecken. Die Tür nach dem Meer war

durchgebrochen, war gesichert. Wer kam, war willkommen.

Der Schiffsverkehr durch das Finnische Meer mehrte sich von Monat

zu Monat. Der Lotse, der sein Heim unweit der Mündung des Stromes

aufgeschlagen hatte, hatte tüchtig zu tun. Zu jeder Tagesstunde winkten

die Flaggen der fremden Segler, und zur Nacht riefen ihre Böller nach

dem Lenker durch das unbekannte Gewässer.

Der Lotse hatte seine helle Freude an den vielen Schiffen, die über die

weißen Wogen herangeschwommen kamen und nach der Stadt, nach seiner

Stadt wollten. Und es gab selten einen Kapitän, dessen Brigg er an

Untiefen und Sandbänken vorüber in den sicheren Hafen geleitet hatte,

der nicht sein Gast war. In dem Häuschen, das mit rotgeschindeltem

Dach und grünem Gebälk weit in die Bucht hinausprangte, war immer der

Tisch gedeckt. Von den hohen Borden, die rings an den mit weißem Leinen

bespannten Wänden des Zimmers umliefen, blinkten geputzte holländische

Zinnteller, auf der breiten, flandrischen Kredenz standen gefüllte

Humpen mit spanischem und ungarischem Wein und Schalen mit Früchten.

Auch ein Imbiß war immer bereit: gesulzter Fisch, etwas kaltes,

gedämpftes Fleisch oder kleine mit Pilzen und gedünstetem Schinken

gefüllte Pastetchen, die die Hausfrau nach einem besonderen Rezept

ihrer livländischen Heimat zubereitet hatte.

Sie waren dem Lotsen die liebste Speise. Immer wieder langte er zu und

nötigte den Besucher, zuzulangen:

»Sie müssen heiß gegessen werden, Mynheer. Wie alles Gute. Wenn wir das

auf uns warten lassen, wird's lau und fad. Zugreifen, zugreifen.«

Der gastfreundlich Bedrängte, ein wetterharter, holländischer Seebär,

wischte sich umständlich mit einer Ecke des buntgeblümten Tischtuchs

die Nässe des Genevers aus dem weißen Schnauzbart und kniff zwinkernd

das eine Auge ein:

»Ein guter Wahlspruch,« er langte nach der Schüssel und schob sich

einen reichlichen Teil des duftenden Gebäcks auf den Teller. »Wer den

befolgt, braucht nicht zu besorgen, daß es ihm mangelt.« Er spießt

eines der Törtchen auf die Gabel und erledigte es in zwei Bissen: »Bloß

verdammt niedlich sind die Dinger.«

Der Lotse nickte: »Macht nichts, das Kleine schluckt sich besser und

liegt nicht so schwer im Magen. Und es läßt sich gut eins nach dem

andern verspeisen.«

Kauend stimmte der Holländer zu, lehnte auch nicht ab, als die Hausfrau

ihm noch eine Portion Pastetchen vorlegte, nur bat er sich dazu einen

weiteren Schluck Genever aus.

Die Lotsin wollte ihn in das kleine Glas, das dafür bereitstand,

füllen, doch auf einen Wink ihres Gatten nahm sie einen schwerfüßigen,

farbigen Becher, der eingeschliffen eine bacchantische Szene zeigte.

Ehe sie ihn dem Holländer reichte, hob sie ihn an die Lippen:

»Der Schiffahrt Gedeihen!«

»Das ist eine gute Rede, Myfrouw, der muß ich gründlich Bescheid tun!«

Der Alte leerte den Pokal in einem Zuge. »Ein feines Stück,« lobte er,

nachdem er ihn niedergesetzt hatte und drehte ihn betrachtend.

»Er stammt von einem genuesischen Schoner,« erläuterte der Hausherr.

»Es war vor einem Jahr etwa. Das erste Schiff, das ich nach der

Schlacht bei Pultawa hereinführte.«

»Es brachte gewürzten griechischen Wein.« Die Hausfrau wies auf ihren

Mann: »Ihr könnt's Euch denken, Kapitän, ich hatte meine liebe Not, ihn

von dem feurigen Zeug loszubekommen.«

Der Seemann lachte. Es war ein tiefes, sattes Brummen: »Glaub's wohl,

Myfrouw. Salzluft macht die Kehle trocken. Und so ein weitgereister

Wein ...,« er schnalzte mit der Zunge. »Das verstehen freilich die

Frauen nicht. Aber ich hab was, das wird Euch gefallen.« Er bückte

sich und zog von der Wand her seinen Schnappsack an sich. Mit vieler

Umständlichkeit knüpfte er die Bänder auf, nahm ein kleines in Seide

eingeschlagenes Päckchen heraus und breitete es mit fast zärtlicher

Feierlichkeit aus. Es war spinnwebfeines Leinen.

Die Finger der Lotsin streichelten entzückt den Stoff.

Derb schlug ihr der Gatte auf die Schulter: »Nimm's, Katja, nimm's.«

Und neckend fügte er hinzu: »Hast dir nicht träumen lassen, daß so was

mal an deinen Leib kommt.«

Sie wandte den Kopf, sah ihm in die Augen: »Dir hat auch manches nicht

geträumt.«

Er nickte: »Daß ich einmal soviel Behagen haben werde. Freilich, du

bist ja geradeswegs vom Glück hergekommen.«

Ein heiteres Lächeln hob ihre Lippen, leise drückte sie seine Hand, die

neben der ihren lag.

[Illustration: Kleiderreform in Rußland

Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman · 第 51 / 98 题