Der Sieg von Pultawa hatte die Augen Europas auf Rußland gelenkt.
Der westliche Handel begann die östlichen Gebiete beachtenswert
zu finden. Die Stadt an der Newa lockte Käufer und Verkäufer. Ein
weites, unermeßliches Reich bot seine Schätze dar, es wartete auf die
Wagemutigen, die bereit waren, sie zu heben. Abenteurer oder ehrliche
Makler, es galt gleich, wer nur die Kraft hatte, Funken aus dem Stein
zu schlagen und Leben in der Öde zu wecken. Die Tür nach dem Meer war
durchgebrochen, war gesichert. Wer kam, war willkommen.
Der Schiffsverkehr durch das Finnische Meer mehrte sich von Monat
zu Monat. Der Lotse, der sein Heim unweit der Mündung des Stromes
aufgeschlagen hatte, hatte tüchtig zu tun. Zu jeder Tagesstunde winkten
die Flaggen der fremden Segler, und zur Nacht riefen ihre Böller nach
dem Lenker durch das unbekannte Gewässer.
Der Lotse hatte seine helle Freude an den vielen Schiffen, die über die
weißen Wogen herangeschwommen kamen und nach der Stadt, nach seiner
Stadt wollten. Und es gab selten einen Kapitän, dessen Brigg er an
Untiefen und Sandbänken vorüber in den sicheren Hafen geleitet hatte,
der nicht sein Gast war. In dem Häuschen, das mit rotgeschindeltem
Dach und grünem Gebälk weit in die Bucht hinausprangte, war immer der
Tisch gedeckt. Von den hohen Borden, die rings an den mit weißem Leinen
bespannten Wänden des Zimmers umliefen, blinkten geputzte holländische
Zinnteller, auf der breiten, flandrischen Kredenz standen gefüllte
Humpen mit spanischem und ungarischem Wein und Schalen mit Früchten.
Auch ein Imbiß war immer bereit: gesulzter Fisch, etwas kaltes,
gedämpftes Fleisch oder kleine mit Pilzen und gedünstetem Schinken
gefüllte Pastetchen, die die Hausfrau nach einem besonderen Rezept
ihrer livländischen Heimat zubereitet hatte.
Sie waren dem Lotsen die liebste Speise. Immer wieder langte er zu und
nötigte den Besucher, zuzulangen:
»Sie müssen heiß gegessen werden, Mynheer. Wie alles Gute. Wenn wir das
auf uns warten lassen, wird's lau und fad. Zugreifen, zugreifen.«
Der gastfreundlich Bedrängte, ein wetterharter, holländischer Seebär,
wischte sich umständlich mit einer Ecke des buntgeblümten Tischtuchs
die Nässe des Genevers aus dem weißen Schnauzbart und kniff zwinkernd
das eine Auge ein:
»Ein guter Wahlspruch,« er langte nach der Schüssel und schob sich
einen reichlichen Teil des duftenden Gebäcks auf den Teller. »Wer den
befolgt, braucht nicht zu besorgen, daß es ihm mangelt.« Er spießt
eines der Törtchen auf die Gabel und erledigte es in zwei Bissen: »Bloß
verdammt niedlich sind die Dinger.«
Der Lotse nickte: »Macht nichts, das Kleine schluckt sich besser und
liegt nicht so schwer im Magen. Und es läßt sich gut eins nach dem
andern verspeisen.«
Kauend stimmte der Holländer zu, lehnte auch nicht ab, als die Hausfrau
ihm noch eine Portion Pastetchen vorlegte, nur bat er sich dazu einen
weiteren Schluck Genever aus.
Die Lotsin wollte ihn in das kleine Glas, das dafür bereitstand,
füllen, doch auf einen Wink ihres Gatten nahm sie einen schwerfüßigen,
farbigen Becher, der eingeschliffen eine bacchantische Szene zeigte.
Ehe sie ihn dem Holländer reichte, hob sie ihn an die Lippen:
»Der Schiffahrt Gedeihen!«
»Das ist eine gute Rede, Myfrouw, der muß ich gründlich Bescheid tun!«
Der Alte leerte den Pokal in einem Zuge. »Ein feines Stück,« lobte er,
nachdem er ihn niedergesetzt hatte und drehte ihn betrachtend.
»Er stammt von einem genuesischen Schoner,« erläuterte der Hausherr.
»Es war vor einem Jahr etwa. Das erste Schiff, das ich nach der
Schlacht bei Pultawa hereinführte.«
»Es brachte gewürzten griechischen Wein.« Die Hausfrau wies auf ihren
Mann: »Ihr könnt's Euch denken, Kapitän, ich hatte meine liebe Not, ihn
von dem feurigen Zeug loszubekommen.«
Der Seemann lachte. Es war ein tiefes, sattes Brummen: »Glaub's wohl,
Myfrouw. Salzluft macht die Kehle trocken. Und so ein weitgereister
Wein ...,« er schnalzte mit der Zunge. »Das verstehen freilich die
Frauen nicht. Aber ich hab was, das wird Euch gefallen.« Er bückte
sich und zog von der Wand her seinen Schnappsack an sich. Mit vieler
Umständlichkeit knüpfte er die Bänder auf, nahm ein kleines in Seide
eingeschlagenes Päckchen heraus und breitete es mit fast zärtlicher
Feierlichkeit aus. Es war spinnwebfeines Leinen.
Die Finger der Lotsin streichelten entzückt den Stoff.
Derb schlug ihr der Gatte auf die Schulter: »Nimm's, Katja, nimm's.«
Und neckend fügte er hinzu: »Hast dir nicht träumen lassen, daß so was
mal an deinen Leib kommt.«
Sie wandte den Kopf, sah ihm in die Augen: »Dir hat auch manches nicht
geträumt.«
Er nickte: »Daß ich einmal soviel Behagen haben werde. Freilich, du
bist ja geradeswegs vom Glück hergekommen.«
Ein heiteres Lächeln hob ihre Lippen, leise drückte sie seine Hand, die
neben der ihren lag.
[Illustration: Kleiderreform in Rußland