»Meinst du, er fände keinen Bundesgenossen!«
»Den Schweden?« Ungläubig schüttelte Menschikoff den Kopf. »So weit
denkt der Kosake nicht.«
»Du bist sehr sicher. Aber wenn nun ein andrer so weit gedacht und
Sorge getragen hat, sein Denken ihm beizubringen?«
»Wer?«
Sie war von seinem Stuhl zurückgewichen, hielt sich nur mit den Händen
an den Knäufen und lachte. Dumpf, schütternd.
Er starrte verdutzt: »Du? – Bist du närrisch?« Schüttelnd zerrte er ihr
Handgelenk: »Willst du Rußland ins Verderben stürzen? Ist's nicht genug
an dem schwedischen Bedränger? Was kitzelt dich, Mazeppa aufzuhetzen?«
Sein Drohen endete ihr Lachen nicht:
»Seit wann bist du blind? Was bis jetzt Polen für Karl war, wird die
Ukraine werden: der Stein an seinem Fuße. Er wird seine Bewegungen
hemmen, er wird ihn zum Rande des Abgrunds ziehen und du, und du,« sie
dehnte die Worte, »wirst ihn hinunterstoßen.«
Schwer atmend strich Menschikoff über die Stirn: »Das – hast – du – für
mich getan?«
Der zitternde Klang seiner Stimme erregte Barbara Übelkeit, abwehrend
streckte sie die Arme: »Nicht diesen Dank, nicht mir. An Darja denke,
sie liebt dich. Du bist ihr alles.«
»Und dir? Bin ich nichts?« Die Frage verriet Zweifel, der Ton, in dem
sie gestellt wurde, drückte Gewißheit aus.
Barbara war zornig. Ihre Brauen zogen sich dicht zusammen: »Du weißt,
daß nur ich selber mir etwas gelte,« antwortete sie böse, kehrte sich
scharf um und ging hinaus.
Eitler Männerhochmut! Ihre Fäuste ballten sich: wie er sich blähte
in dem Wahn, daß auch sie ihm zu Füßen liege. Wie er gnädig bereit
war, ihr für ihre Dienste eine Hand voll Liebe zuzuwerfen. – Ein
kurzes galliges Lachen stieß aus ihr: läppische Gaukelei. Ein Wesen
wie sie, liebte kein Mann. Ihre Züge verhärteten sich: es sollte sie
keiner lieben. Keiner. Sie wollte nicht Liebe, Macht wollte sie und
Herrschaft. Der Mächtigste sollte ihr Geschöpf sein, ihres. Und der
Mächtigste neben dem Zaren – ihre Blicke wurden starr – über dem
Zaren würde Alexander Menschikoff sein. Alexander. Alexaschka! – Mit
einem stöhnenden Laut warf sie sich auf ihr Bett. Keine Träne brach
aus den brennenden Augen, sie schluchzte nicht, kein Zucken bewegte
ihre Lippen, nur das weiße Leinen der Kissen riß unter dem scharfen
schneidenden Zerren ihrer Zähne. – –
* * * * *
Der Pfeil flog.
Durch die Steppen trabte eine Reiterschar. Kosaken. In ihrer Mitte
der Hetman Mazeppa. Hinter ihm unter dichter Bewachung ein verhängter
Wagen. Die mächtigen Räder drückten sich tief in den Boden. Die Last,
die sie führten, war schwer. In riesiger eisenbeschlagener Truhe der
Goldschatz des Hetmans. Venezianische Zechinen, römische Dublonen,
türkische Piaster und russische Rubel. Vorsichtig wich der Zug
russischem Gebiete aus. Trabte und trabte. Mit kurzem Rasten.
Von fern her schimmerten goldene Kreuze aufragenden Türmen. Hoch über
Sumpf und Morast. Minsk.
Mazeppa riß sein Pferd am Zügel. Bäumend stand es. Mit ihm die andern.
Eine Wolke von Mücken stürzte sich auf Mensch und Tier. Grüne giftig
schillernde Fliegen, dickleibige Bremsen bohrten ihre spitzen Rüssel
durch Haut und Fell. Widrigkeiten, die nur der erlitt, der zögernd
stille hielt.
Das Roß Mazeppas stieg. Die Sporen seines Herrn trieben es hoch. Mit
einem gewaltigen Satz sauste es vorwärts. Dem Ziele entgegen.
Kurz vor der Stadt breitete sich das Lager. Graben, Schanzen,
schußbereite Stücke, Zelte, Posten, Runden, Soldaten zu Hauf, Pferde
und Geschütze, Klirren der Waffen, Rufen und Schreien und der rasche
bestimmte Ton der Befehle. Und über allem hell und rauschend vor dem
Winde die schwedischen Farben.
Die Kohlenaugen des Hetmans glühten auf. Ein Wink brachte den
Fahnenträger an seine Seite.
Eilig streifte der Gerufene die wettersichere Hülle von dem Feldzeichen.
Markig umspannte Mazeppas Faust den Griff, reckte die flatternde
Standarte hoch über sein Haupt.
»Für die Freiheit der Ukraine.«
Von den Verschanzungen antworteten jubelnde Zurufe.
Langsam, Schritt bei Schritt ritt der Trupp durch die Lagergassen,
näherte sich dem Zelte des Königs.
Knatternd fuhren die Leinwandflügel des Eingangs auf.
Karl trat heraus.
Groß, ragend.
Mazeppa war vom Pferde gesprungen. Breit, wuchtig ging er auf ihn zu.
Lüftete den Hut, neigte sich um eine Spanne: »Majestät.«
Bereit streckte Karl ihm die Rechte entgegen.
Fest schlug Mazeppa ein.
Lange hielten sich die Hände.
»Ich bringe mich selbst und was mein ist,« der Hetman wies auf den
Wagen, »und mich begleitet der Wunsch von dreißigtausend Kosaken, die
darauf brennen, mit den Schweden für die Gerechtigkeit zu kämpfen.«
»Sie folgen Euch?«
»Ihre Pferde sind gesattelt, ihre Lanzen geschärft, ihre Säbel
geschliffen. Des Feindes Blöße grinst ihnen entgegen.«
Karls offenes Gesicht spannte sich: »Den Ausweichenden von Süden her
packen, zum Stehen bringen, seine Macht vernichten?«
Der lange Graf Piper, Schwedens Kanzler, war neben den König getreten.
Er kannte dessen eigenwilligen Einfälle, seine allzu rasch fertigen
Entschließungen. Und fürchtete sie. Besorgt, mahnend wagte er Einwände.
Sie glitten am Ohre seines Herrn vorüber. Ungehört. Er war jedem
nahen Laut entführt. Das Unbegrenzte hatte sich vor ihm aufgetan.
Weiten, wo er reiten konnte Tag und Nacht, Tage und Nächte, wild,
ungestüm, zügellos, losgebunden, allein, allein mit sich und seinem
schrankenlosen Willen.
Alles Blut war aus seiner Stirn gewichen. Fern, fremd der Blick seiner
Augen.