Sie nickte voll Hohn: »Die Glut hat dir das Gedächtnis ausgezehrt.«

Er erwiderte nicht. Ingrimmig, eigensinnig stieß er heraus: »Warum hast

du mich warten lassen? Du!«

Sie hob die Schultern. Ein berauschender Duftstrom stürzte von ihrem

Leibe auf ihn ein. Heiß stieg Erregung in ihm auf.

Ein kaltes Lächeln spielte um ihre Lippen: »Du wirst noch länger warten

müssen.«

»Kanaille!« Blindlings faßte er zur Seite, bekam die Kristallkaraffe

mit Ungarwein zu packen, die auf seinem Nachttisch stand und

schleuderte sie ihr vor die Füße.

Die Splitter und der gelbe, klebrige Wein spritzten über ihre

Bänderschuhe.

»Ew. Majestät belieben eine seltsame Unterhaltung.«

Der eisige Ton traf ihn wie ein Peitschenhieb.

»Weib!« Mit einem Ruck riß er sie an sich, seine blutunterlaufenen

Augen waren dicht über ihr:

»Ich kann dich zwingen, mir zu Willen zu sein.«

Sie schrie nicht, sie regte sich nicht, versuchte sich nicht aus der

Zange seiner Finger zu winden.

»Tu es, Zar,« sie sagte es eisern ruhig, »wenn du wünschst, daß ich

dich hasse.«

Seine Hand sank wie geschlagen herab. Leichenblässe überzog sein

Gesicht, und in rascher Verwandlung zerbrach das gewalttätige, harte

Wesen. Der Jammer, der ihn stets befiel, wenn sein begehrlicher Wille

an Schranken stieß, brach über ihn herein. Zuckend drehte er ihm den

Kopf wider die Schulter, stieß ihn in die Knie.

Mit einem Blick erkannte Katharina, was sich bereiten wollte. Es trieb

sie nicht in schnelle Flucht, wie sonst jeden aus Peters Umgebung.

Ihr waren diese Zufälle ja kein ungewohntes Schauspiel, und was dem

Sohne des Propstes Glück das Leiden gelindert, mochte auch dem Zaren

helfen. Ohne Besinnen bettete sie die schleudernden Glieder in ihren

Armen. Alle geflissentliche Zurückhaltung, alle bewußte, stachelnde

Abwehr wich von ihr. Nun der große, starke Mann ihr hilflos hingegeben

war, öffnete ein weicher Glanz die beherrschten Züge. Zärtlich hielt

sie den Ungebärdigen. Die kleine, runde Perücke, die er trug, war

herabgeglitten und hatte die kurzen Haare freigegeben. Mit sachter Hand

fuhr sie über das dunkle Gewirr. Wieder und wieder. Ganz leise, ganz

sanft. Unablässig. Bis das stoßende Aufbäumen ebbte, das Keuchen des

Atems still wurde und die erschöpfte Natur hinüberlenkte in den Schlaf.

Unbeweglich hockte sie ... Durch Stunden. Es galt ihre Zukunft.

Erst gegen Mittag erwachte der Zar.

Gestärkt, erquickt.

Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman · 第 42 / 98 题