III.

Ein schwüler Sommer brütete über Livland. Die weiten Felder standen in

weißem, zitterndem Glast, und die Straßen der kleinen Städte dunsteten

vor Hitze. Es war, als wolle die schwere Glut die neue Zeit garkochen,

die für das alte deutsche Ordensgebiet heraufkam.

Im Sturm und mit Gewalt kam sie über das Land. Und der den Sturm

antrieb und die Gewalt hetzte, war der moskowitische Zar.

Nur zwei Winter waren vorbeigegangen, seit die Russen bei Narwa die

raschen und festen Schläge des schwedischen Karl zu spüren bekommen

hatten. Wie Spreu war ihr übermächtiges Heer vor dem Siegbewußten in

alle Winde verflogen. Doch der schnelle Triumph gedieh Schweden nicht

zum Heile. Vom Kampfeseifer verblendet, hastete Karl von Schlacht

zu Schlacht. Dänemark hatte er im Frieden zu Travendal gebändigt,

den Moskowiter in Livland erledigt, nun ging es gegen den polnischen

König. Verklungene Wasaträume wachten in seinem Blute auf. Begehrte

er auch nicht die polnische Krone, so wollte er doch der Schirmherr

dieses vielbegehrten und hoch mit Gold, Blut und Falschheiten aller

Art bezahlten Kleinods sein. Ein Herrscher von seinen Gnaden sollte

den polnischen Thron an Stelle Augusts von Sachsen einnehmen. Tiefer

und tiefer verstrickte er sich in das Netz der polnischen Wirren.

Er, der gewohnt war, gerade seines Wegs zu gehen, fand sich plötzlich

inmitten des Hin und Wider der Parteiungen der polnischen Großen.

Und über diesem Treiben wurde er der Gefahr nicht gewahr, die sich

in seinem Rücken regte und reckte. Die Lehre von Narwa hatte sich

Peter eingebrannt. Er war nicht der Mann, der eine üble Erfahrung

vergaß. In aller Stille arbeitete er daran, die Scharte auszuwetzen.

Während Karl sich die Hände immer fester mit Verpflichtungen gegenüber

seinen polnischen Anhängern band, lernte Peter, die seinen von Tag

zu Tag freier bewegen. Was seinen Russen gefehlt hatte, wurde ihnen

beigebracht. Hessen und Schweizer, Westfalen und Sachsen bildeten ihm

seine Soldaten. An den Grenzen Livlands sammelte sich Trupp bei Trupp.

Ein neues Heer, ein anderes als vor Narwa lag, eines, das nicht nur

Ergebenheit für den Zaren, das Zucht und Zug in sich hatte. Und es

wuchs. An Schlagfertigkeit und Masse. Es schwoll an, gleich einem Strom

vor einem Stauwehr. Unversehens brach es über die Dämme. Weithin jagte

die Springflut. Und der dem Schwalle hätte gebieten können, war fern,

handelte und stritt für eine fremde Krone und hatte des Griffes nicht

acht, der seine eigene ihrer köstlichsten Juwelen beraubte.

Angstvoll lauschte das sich selbst überlassene Land auf den

dumpfpochenden Tritt der heranmarschierenden Bataillone. Wohin der

Russe trat, gingen Scheuern und Speicher in Flammen auf. Kein Haus

war sicher, daß ihm nicht der rote Hahn aufs Dach gesetzt wurde. Wer

laufen konnte, lief und suchte Schutz in den nächsten festen Städten.

Zitternd und bangend hockten die Flüchtigen dort zwischen den Bürgern,

scheuchten sie auf aus ihrem gelassenen Behagen und steckten sie an

mit der Unruhe, die ihr aufgetriebenes Blut erfüllte. Niemand hatte

mehr Lust zur Arbeit. Die Weiber liefen von der Backschüssel und den

Waschtrögen vor die Türen, die Männer ließen Hammer und Hobel liegen

und sammelten sich an den Straßenecken. Wozu werkeln und sich schinden,

wenn am Ende vor Abend noch der Russe da war. Mochten die Kinder

schreien. Staken sie erst auf den Spießen der Kosaken, würden sie schon

stille werden. Die tollsten Gerüchte durchschwirrten die Luft und

wurden hastig weitergegeben mit verzerrten, aufgelösten Mienen. Eine

jähe Gier nach dem Gräßlichen befiel diese aus dem gewohnten Geleise

geworfenen Menschen. Fiebrig, mit witternden Nasenflügeln sogen sie die

grauenvollen Kunden ein, peitschten sich immer tiefer hinein in den

Schrecken, um der lähmenden Ungewißheit ihres nächsten Schicksals zu

entfliehen. Jede Stunde warteten sie, daß das Furchtbare sich erfülle

und Greuel und Gemetzel die friedliche Arbeit langer Jahre verschlänge.

Die Stunden vergingen. Die Tage. Die Drohung verlor an Wucht über die

Gemüter. Langsam lenkte das Leben in seine alten Bahnen. Vielleicht

ging das Ungemach noch einmal vorüber oder wendete sich zum Nachbar

hin, nach Karelien, nach Kurland. Mochte der Blitz in das fremde Haus

schlagen, wenn nur das eigene verschont blieb. Die Männer schafften

wieder in ihren Werkstätten, die Frauen am Herd und im Hause, aber

sie waren nicht mehr dieselben wie vordem. Es gab Augenblicke, wo die

Hände von dem gewohnten Geschäft fahrig abirrten, die Augen plötzlich

wie bei einem aus tiefem Traum Erwachenden sich weiteten und starr

eine unbekannte Welt zu enträtseln suchten. Die Menschen waren unsicher

geworden an ihrem Dasein. Mit Grauen wendeten die Alten den Blick von

der Zukunft. Aber die jungen Herzen jauchzten. Sie spürten: unter Blut

und Tränen kam ein neuer Tag herauf, ihr Tag.

Um den großen Mund Katharina Skawronskas zuckte ein Lächeln: sie

fürchtete sich vor dem Neuen nicht, mochte es immerhin in Gestalt der

Russen erscheinen. Ihre schmalen Lippen verzogen sich spöttisch: es

waren auch nur Männer! Tiefer drückte sie den von dichtem, rotem Haar

umbauschten Kopf wider das dunkle Grün des Gaisblattes. Ah! Sie dehnte

die Arme. Das enge Miederkleid spannte sich über den vollen Brüsten.

Ihre grünlichen Augen bekamen einen hellen Glanz. Eine Erinnerung war

ihr in den Sinn gefallen, von einem Abend, einem düstren, regenfeuchten

Novemberabend, da Schnee und Sturm ums Haus tobten. Da stand er vor

ihr, der Russe. In ihrem Blick blitzte es auf: nein, vor den Russen

hatte sie keine Angst. Lässig rückte sie die Glieder, streckte und

schob sich zurecht auf der Weidenbank. Der Mittag glutete. Langsam

sanken ihr die Lider. Noch einmal hob sie sie:

»Halte gut Wache.«

Der dreizehnjährige Knabe, der in dem Eingang zur Laube an der Erde

hockte, nickte ernsthaft. Die Gerte, die seine hageren, verzehrten

Finger schwangen, klatschte aufgeregt gegen die Pfosten. Zischend stieß

er zwischen den Zähnen hervor:

»Keiner darf dir was tun!«

Unbeweglich saß der kindliche Hüter. Verwandte das Auge nicht von der

Schläferin, nur die Gerte in seiner Linken wippte leise.

Ein grünlich schillernder, großer Brummer summte in die Laube und zog

seine Kreise. Mit flirrenden Flügeln verhielt er über dem prallen,

festen Fuß, der rosig unter dem kurzen, derben Rock sich vorschob. Doch

nur einen Augenblick. Eilig surrte er weiter, nistete eine kurze Weile

auf dem weißen Busentuch, das unter dem sachten Wellen des Atmens sanft

sich hob und senkte, und richtete dann seine Fahrt gegen das leuchtende

Gekräusel über der weiß schimmernden Stirn. Dort verweilte er, tastete

mit den haarigen Zangen seiner Füße über die klare, samtene Haut. Ein

leichtes Zittern rüttelte die Schlafende, der Kopf kehrte sich zur

Seite. Erschreckt flog der Brummer auf.

Mit großem, erstauntem Blick war der Knabe dem Schauspiel gefolgt.

Jetzt schob er sich mühsam in die Höhe, tappte mit den ungelenken,

ungleichen Gliedern auf Katharina zu. Die schmale, enge Brust keuchte

mit kurzen, heftigen Stößen. Bebend stand er vor dem Ziel seiner

Wanderung. Die Gerte, die er fest umklammert hielt, wippte stärker.

Tanzend huschte ihre feine Spitze über Katharinens Wange. Erschauernd

zuckte sie zusammen. Ein greller, kicksender Laut brach zwischen den

lückigen, schwarzgefleckten Zähnen des kleinen Peinigers hervor.

Seine schartige Oberlippe zog sich in jäher Freude weit zurück. Ein

schüttelndes Beben rann durch den verwachsenen Körper. Der wehe,

verkniffene Zug um seinen Mund war plötzlich aufgelöst in süchtiges

Verlangen. Schmatzend sogen die Lippen aneinander. Sacht drängte er

seine Hand gegen den atmenden Leib. Finger bei Finger kroch sie,

ein kleines, braunes, lüsternes Ungetier, langsam höher, und wand

sich durch Rüschen und Falbeln. Sie hatte eben den Rand des wogenden

Ausschnittes erreicht und hob sich wollüstig zuckend, als das Knirren

des Sandes auf dem Gartenwege sie erschreckt zusammenfahren ließ.

Gleich einem Mehlsack plumpste der in seinem geheimen Spiel Gestörte

zu Boden und kroch, so schnell es sein lahmes Bein zugab, zu seinem

Wächtersitz zurück.

Im Eingang der Laube erschien ein schlanker, junger Mann, einer der

Zöglinge des Propstes Glück, in dessen Hause Katharina nach dem Tode

ihrer Mutter Aufnahme gefunden hatte.

Der Kleine maß den frischen, blonden Menschen feindselig:

»Katha schläft.«

Arnd Albedyll biß sich ärgerlich auf die Lippen. Er bemühte sich, zu

tun, als habe er gar nicht gewußt, daß jemand und wer in der Laube sei.

»So, die Katja ist da herinnen?« Er streckte den Kopf vor, um ihren

Anblick in dem grünen Dämmer zu erhaschen.

Schnippend fuhr ihm die Gerte ins Gesicht.

»Verfluchter Balg!« er suchte die Rute zu packen und an sich zu reißen,

»sticht dich der Hafer?«

»Du sollst nicht zu Katha,« zischte der Knabe. »Glaubst du, ich weiß

nicht, warum du kommst?« Seine Augen glühten böse: »Ich weiß alles. Ich

weiß, daß du ihr nachläufst auf Schritt und Tritt, ich habe gehört, wie

du sie angebettelt hast, sie soll des Nachts ihre Tür auflassen.«

Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman · 第 23 / 98 题