Indem wir eine Beschreibung des Römischen Karnevals unternehmen,
müssen wir den Einwurf befürchten, daß eine solche Feierlichkeit
eigentlich nicht beschrieben werden könne. Eine so große lebendige
Masse sinnlicher Gegenstände sollte sich unmittelbar vor dem Auge
bewegen und von einem jeden nach seiner Art angeschaut und gefaßt
werden.
Noch bedenklicher wird diese Einwendung, wenn wir selbst gestehen
müssen, daß das Römische Karneval einem fremden Zuschauer, der es zum
erstenmal sieht und nur sehen will und kann, weder einen ganzen noch
einen erfreulichen Eindruck gebe, weder das Auge sonderlich ergötze,
noch das Gemüt befriedige.
Die lange und schmale Straße, in welcher sich unzählige Menschen hin
und wider wälzen, ist nicht zu übersehen; kaum unterscheidet man etwas
in dem Bezirk des Getümmels, den das Auge fassen kann. Die Bewegung
ist einförmig, der Lärm betäubend, das Ende der Tage unbefriedigend.
Allein diese Bedenklichkeiten sind bald gehoben, wenn wir uns näher
erklären; und vorzüglich wird die Frage sein, ob uns die Beschreibung
selbst rechtfertigt.
Das Römische Karneval ist ein Fest, das dem Volke eigentlich nicht
gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt.
Der Staat macht wenig Anstalten, wenig Aufwand dazu. Der Kreis der
Freuden bewegt sich von selbst, und die Polizei regiert ihn nur mit
gelinder Hand.
Hier ist nicht ein Fest, das wie die vielen geistlichen Feste Roms die
Augen der Zuschauer blendete; hier ist kein Feuerwerk, das von dem
Kastell Sankt Angelo einen einzigen überraschenden Anblick gewährte;
hier ist keine Erleuchtung der Peterskirche und Kuppel, welche so viel
Fremde aus allen Landen herbeilockt und befriedigt; hier ist keine
glänzende Prozession, bei deren Annäherung das Volk beten und staunen
soll; hier wird vielmehr nur ein Zeichen gegeben, daß jeder so töricht
und toll sein dürfe, als er wolle, und daß außer Schlägen und
Messerstichen fast alles erlaubt sei.
Der Unterschied zwischen Hohen und Niedern scheint einen Augenblick
aufgehoben: alles nähert sich einander, jeder nimmt, was ihm begegnet,
leicht auf, und die wechselseitige Frechheit und Freiheit wird durch
eine allgemeine gute Laune im Gleichgewicht erhalten.
In diesen Tagen freuet sich der Römer noch zu unsern Zeiten, daß die
Geburt Christi das Fest der Saturnalien und seiner Privilegien wohl um
einige Wochen verschieben, aber nicht aufheben konnte.
Wir werden uns bemühen, die Freuden und den Taumel dieser Tage vor die
Einbildungskraft unserer Leser zu bringen. Auch schmeicheln wir uns,
solchen Personen zu dienen, welche dem Römischen Karneval selbst
einmal beigewohnt und sich nun mit einer lebhaften Erinnerung jener
Zeiten vergnügen mögen; nicht weniger solchen, welchen jene Reise noch
bevorsteht und denen diese wenigen Blätter übersicht und Genuß einer
überdrängten und vorbeirauschenden Freude verschaffen können. Der
Korso
Das Römische Karneval versammelt sich in dem Korso. Diese Straße
beschränkt und bestimmt die öffentliche Feierlichkeit dieser Tage. An
jedem andern Platz würde es ein ander Fest sein; und wir haben daher
vor allen Dingen den Korso selbst zu beschreiben.
Er führt den Namen wie mehrere lange Straßen italienischer Städte von
dem Wettrennen der Pferde, womit zu Rom sich jeder Karnevalsabend
schließt und womit an andern Orten andere Feierlichkeiten, als das
Fest eines Schutzpatrons, ein Kirchweihfest, geendigt werden.
Die Straße geht von der Piazza del Popolo schnurgerade bis an den
venezianischen Palast. Sie ist ungefähr viertehalbtausend Schritte
lang und von hohen, meistenteils prächtigen Gebäuden eingefaßt. Ihre
Breite ist gegen ihre Länge und gegen die Höhe der Gebäude nicht
verhältnismäßig. An beiden Seiten nehmen Pflastererhöhungen für die
Fußgänger ungefähr sechs bis acht Fuß weg. In der Mitte bleibt für die
Wagen an den meisten Orten nur der Raum von zwölf bis vierzehn
Schritten, und man sieht also leicht, daß höchstens drei Fuhrwerke
sich in dieser Breite nebeneinander bewegen können.
Der Obelisk auf der Piazza del Popolo ist im Karneval die unterste
Grenze dieser Straße; der venezianische Palast die obere.
Spazierfahrt im Korso
Schon alle Sonn--und Festtage eines Jahres ist der römische Korso
belebt. Die vornehmern und reichern Römer fahren hier eine oder
anderthalb Stunden vor Nacht in einer sehr zahlreichen Reihe spazieren;
die Wagen kommen vom venezianischen Palast herunter, halten sich an
der linken Seite, fahren, wenn es schön Wetter ist, an dem Obelisk
vorbei, zum Tore hinaus und auf den Flaminischen Weg, manchmal bis
Ponte molle.
Die früher oder später Umkehrenden halten sich an die andere Seite; so
ziehen die beiden Wagenreihen in der besten Ordnung aneinander hin.
Die Gesandten haben das Recht, zwischen beiden Reihen auf und nieder
zu fahren. Dem Prätendenten, der sich unter dem Namen eines Herzogs
von Albanien in Rom aufhielt, war es gleichfalls zugestanden.
Sobald die Nacht eingeläutet wird, ist diese Ordnung unterbrochen;
jeder wendet, wo es ihm beliebt, und sucht seinen nächsten Weg, oft
zur Unbequemlichkeit vieler andern Equipagen, welche in dem engen Raum
dadurch gehindert und aufgehalten werden.
Diese Abendspazierfahrt, welche in allen großen italienischen Städten
brillant ist und in jeder kleinen Stadt, wäre es auch nur mit einigen
Kutschen, nachgeahmt wird, lockt viele Fußgänger in den Korso;
jedermann kommt, um zu sehen oder gesehen zu werden.
Das Karneval ist, wie wir bald bemerken können, eigentlich nur eine
Fortsetzung oder vielmehr der Gipfel jener gewöhnlichen sonn--und
festtägigen Freuden; es ist nichts Neues, nichts Fremdes, nichts
Einziges, sondern es schließt sich nur an die römische Lebensweise
ganz natürlich an. Klima, geistliche Kleidungen
Ebensowenig fremd wird es uns scheinen, wenn wir nun bald eine Menge
Masken in freier Luft sehen, da wir so manche Lebensszene unter dem
heitern frohen Himmel das ganze Jahr durch zu erblicken gewohnt sind.
Bei einem jeden Feste bilden ausgehängte Teppiche, gestreute Blumen,
übergespannte Tücher die Straßen gleichsam zu großen Sälen und
Galerien um.
Keine Leiche wird ohne vermummte Begleitung der Brüderschaften zu
Grabe gebracht; die vielen Mönchskleidungen gewöhnen das Auge an
fremde und sonderbare Gestalten; es scheint das ganze Jahr Karneval zu
sein, und die Abbaten in schwarzer Kleidung scheinen unter den übrigen
geistlichen Masken die edlern Tabarros vorzustellen. Erste Zeit
Schon von dem neuen Jahre an sind die Schauspielhäuser eröffnet, und
das Karneval hat seinen Anfang genommen. Man sieht hie und da in den
Logen eine Schöne, welche als Offizier ihre Epauletten mit größter
Selbstzufriedenheit dem Volke zeigt. Die Spazierfahrt im Korso wird
zahlreicher; doch die allgemeine Erwartung ist auf die letzten acht
Tage gerichtet. Vorbereitungen auf die letzten Tage
Mancherlei Vorbereitungen verkündigen dem Publikum diese
paradiesischen Stunden.
Der Korso, eine von den wenigen Straßen in Rom, welche das ganze Jahr
rein gehalten werden, wird nun sorgfältiger gekehrt und gereinigt.
Man ist beschäftigt, das schöne, aus kleinen, viereckig zugehauenen,
ziemlich gleichen Basaltstücken zusammengesetzte Pflaster, wo es nur
einigermaßen abzuweichen scheint, auszuheben und die Basaltkeile
wieder neu instand zu setzen.
Außer diesem zeigen sich auch lebendige Vorboten. Jeder
Karnevalsabend schließt sich, wie wir schon erwähnt haben, mit einem
Wettrennen. Die Pferde, welche man zu diesem Endzweck unterhält, sind
meistenteils klein und werden wegen fremder Herkunft der besten unter
ihnen Barberi genennt.
Ein solches Pferdchen wird mit einer Decke von weißer Leinwand, welche
am Kopf, Hals und Leib genau anschließt und auf den Nähten mit bunten
Bändern besetzt ist, vor dem Obelisk an die Stelle gebracht, wo es in
der Folge auslaufen soll. Man gewöhnt es, den Kopf gegen den Korso
gerichtet, eine Zeitlang stillzustehen, führt es alsdann sachte die
Straße hin und gibt ihm oben am venezianischen Palast ein wenig Hafer,
damit es ein Interesse empfinde, seine Bahn desto geschwinder zu
durchlaufen.
Da diese übung mit den meisten Pferden, deren oft funfzehn bis zwanzig
an der Zahl sind, wiederholt und eine solche Promenade immer von einer
Anzahl lustig schreiender Knaben begleitet wird, so gibt es schon
einen Vorschmack von einem größern Lärm und Jubel, der bald folgen
soll.
Ehemals nährten die ersten römischen Häuser dergleichen Pferde in
ihren Marställen; man schätzte sich es zur Ehre, wenn ein solches den
Preis davontragen konnte. Es wurden Wetten angestellt und der Sieg
durch ein Gastmahl verherrlicht.
In den letzten Zeiten hingegen hat diese Liebhaberei sehr abgenommen,
und der Wunsch, durch seine Pferde Ruhm zu erlangen, ist in die
mittlere, ja in die unterste Klasse des Volks herabgestiegen.
Aus jenen Zeiten mag sich noch die Gewohnheit herschreiben, daß der
Trupp Reiter, welcher, von Trompetern begleitet, in diesen Tagen die
Preise in ganz Rom herumzeigt, in die Häuser der Vornehmen
hineinreitet und nach einem geblasenen Trompeterstückchen ein
Trinkgeld empfängt.
Der Preis bestehet aus einem etwa drittehalb Ellen langen und nicht
gar eine Elle breiten Stück Gold--oder Silberstoff, das an einer
bunten Stange wie eine Flagge befestigt schwebt und an dessen unterm
Ende das Bild einiger rennender Pferde quer eingewirkt ist.
Es wird dieser Preis Palio genannt, und soviel Tage das Karneval
dauert, so viele solcher Quasi-Standarten werden von dem erst
erwähnten Zug durch die Straßen von Rom aufgezeigt.
Inzwischen fängt auch der Korso an, seine Gestalt zu verändern; der
Obelisk wird nun die Grenze der Straße. Vor demselben wird ein
Gerüste mit vielen Sitzreihen übereinander aufgeschlagen, welches
gerade in den Korso hineinsieht. Vor dem Gerüste werden die Schranken
errichtet, zwischen welche man künftig die Pferde zum Ablaufen bringen
soll.
An beiden Seiten werden ferner große Gerüste gebaut, welche sich an
die ersten Häuser des Korso anschließen und auf diese Weise die Straße
in den Platz herein verlängern. An beiden Seiten der Schranken stehen
kleine, erhöhte und bedeckte Bogen für die Personen, welche das
Ablaufen der Pferde regulieren sollen.
Den Korso hinauf sieht man vor manchen Häusern ebenfalls Gerüste
aufgerichtet. Die Plätze von Sankt Carlo und der Antoninischen Säule
werden durch Schranken von der Straße abgesondert, und alles
bezeichnet genug, daß die ganze Feierlichkeit sich in dem langen und
schmalen Korso einschränken solle und werde.
Zuletzt wird die Straße in der Mitte mit Puzzolane bestreut, damit die
wettrennenden Pferde auf dem glatten Pflaster nicht so leicht
ausgleiten mögen. Signal der vollkommnen Karnevalsfreiheit
So findet die Erwartung sich jeden Tag genährt und beschäftigt, bis
endlich eine Glocke vom Kapitol bald nach Mittage das Zeichen gibt, es
sei erlaubt, unter freiem Himmel töricht zu sein.
In diesem Augenblick legt der ernsthafte Römer, der sich das ganze
Jahr sorgfältig vor jedem Fehltritt hütet, seinen Ernst und seine
Bedächtigkeit auf einmal ab.
Die Pflasterer, die bis zum letzten Augenblicke gekläppert haben,
packen ihr Werkzeug auf und machen der Arbeit scherzend ein Ende.
Alle Balkone, alle Fenster werden nach und nach mit Teppichen behängt,
auf den Pflastererhöhungen zu beiden Seiten der Straße werden Stühle
herausgesetzt, die geringern Hausbewohner, alle Kinder sind auf der
Straße, die nun aufhört, eine Straße zu sein; sie gleicht vielmehr
einem großen Festsaal, einer ungeheuren ausgeschmückten Galerie.
Denn wie alle Fenster mit Teppichen behängt sind, so stehen auch alle
Gerüste mit alten gewirkten Tapeten beschlagen; die vielen Stühle
vermehren den Begriff von Zimmer, und der freundliche Himmel erinnert
selten, daß man ohne Dach sei.
So scheint die Straße nach und nach immer wohnbarer. Indem man aus
dem Hause tritt, glaubt man nicht im Freien und unter Fremden, sondern
in einem Saale unter Bekannten zu sein.